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Eine elegante, grazile Tänzerin mit dunklen Augen und langen, glatten Haaren, am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengebunden. Jung, sehr jung, noch Studentin. Vielleicht im zweiten, dritten Jahr. Zügellos, rebellisch. Und mit einer Leidenschaft für Poesie. Oder eine unsichere Frau, die sich bereits seit langem in psychologischer Behandlung befand und unter Psychopharmaka stand. Die sich einem Mann hingegeben hatte, der genauso verrückt war wie sie. Eine Prostituierte, die auf den Straßen einer kranken und intoleranten Gegend auf und ab ging. Zigaretten ohne Filter rauchte und weder Frieden noch Erlösung fand. Oder eine Drogenabhängige im Endstadium, die sich nicht einmal um sich selbst kümmern konnte. Ohne Zähne und mit gelblichen Fingern. Bösartig und mit nichts anderem beschäftigt, als zu überleben. Vielleicht hatte sie ja später Erlösung gefunden und war nun, wie so viele ehemalige Drogenabhängige, zu einer gläubigen Frau geworden und obendrein Mutter von zwei Kindern, die jeden Tag zu Gott betete.

Ihre unbekannte Mutter hatte sie nicht abgetrieben, und dafür musste sie ihr dankbar sein. Wirklich? Dafür, dass sie die Tochter von so einer und tausend möglichen Vätern war? Gezeugt von ihrem Lieblingsfreier vielleicht? Oder von einem braven Familienvater sogar?

Das alles stellte sie sich ein ums andere Mal vor, schob diese Gedanken aber dann gleich wieder beiseite.

So wie sie es auch an jenem Tag getan hatte, als ihre Eltern ihr die Nachricht mitgeteilt hatten. Unter was hast du gelitten, Maria Dolores? Unter dem Vater, den du hast? Der abends nie nach Hause kam, der aber immer gut zu dir war? Wer stand dir bei? Wen hast du die ganzen Jahre über geliebt? Eine verständnisvolle, aufmerksame, ausgeglichene Frau. Die dir beigebracht hat zu sprechen, zu schreiben und zu lesen. Und dennoch lässt dich dieser fixe Gedanke nicht los. Die Frage, von wem deine Gene stammen, das Geschenk der Natur. Doch wer kann dir diese Frage beantworten?

Insgeheim ging sie jeden ihrer Charakterzüge durch. Scheu, zurückhaltend. Auch ihr Vater war so. Und die Mutter. Aber auch entschlossen, streng. Abwehrmechanismen, die sie mit der Zeit entwickelt hatte. Und die Augen, der Mund, die Haare? Von wem? Von den Großeltern kannte sie niemanden.

Immer von neuem ordnete sie die Puzzleteile zu einem Bild, das regelmäßig wieder in seine Einzelteile zerfiel. Sie wusste nur, woher ihr Widerstand kam, sich fallen zu lassen, zu leben. Woher ihr verformtes Herz stammte. Kaum geboren und schon so.

Ich vergebe dir - Bucciarelli, E: Ich vergebe dir - Io ti perdono
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