Anleitung zum Abschalten

Die Technik hat das Leben leichter gemacht. Erheblich schneller als früher kommen wir an das Kinoprogramm, Telefonnummern oder Bargeld heran. Informationen über Gesprächspartner und Details über wichtige Produkte sind im Nu im Internet zu finden. Und statt einen umständlichen und formvollendeten Geschäftsbrief aufzusetzen, tippen wir ein paar freundliche, ruhig auch orthographisch unkorrekte Sätze in eine E-Mail. Und doch klagen Menschen heute über eine größere Arbeitsbelastung als früher. Offenbar nutzen wir die Technik nicht, um uns mehr Freiraum und Freizeit zu verschaffen. Die Technik hilft uns nur dabei, mehr Arbeit zu erledigen. Und dafür wenden wir insgesamt sogar mehr Zeit auf als früher.

Moderne Arbeitnehmer neigen dazu, sich selbst auszubeuten. Mit Hilfe von World Wide Web und Smartphones lässt sich die Arbeit schließlich jederzeit und überall erledigen. Das ist manchmal tatsächlich eine Erleichterung, die auch als solche empfunden wird: Wenn man bis Feierabend im Büro nicht alle wichtigen Dinge bewältigen kann, dann weiß man: Zu Hause kann ich noch schnell einen Flug buchen oder eine Anfrage beantworten, die schon viel zu lange ohne Rückmeldung geblieben ist. Das verschafft einem zunächst ein gutes Gefühl.

Doch STOPP!

Auch wenn es nur ein paar Minuten am Feierabend sind: Die unaufhörliche Beschäftigung mit der Arbeit auch in der Freizeit und im Urlaub – das ist ein massiver Angriff auf die so nötige Erholung! Ein echtes Urlaubsgefühl setze erst nach zwei Wochen ein, sagen Stressforscher.

Vielleicht muss man es dem ständig erreichbaren, dem überall einsatzbereiten Handyinternetmailsmartphone-User von heute hier noch einmal in aller Deutlichkeit sagen:

Muße muss sein!

Sie muss sein, weil der Mensch ohne Ruhe und Erholung krank wird. Sie muss aber auch sein, weil sie der Quell für neue Ideen, für ungewöhnliche Zugänge zu einem Problem und für unser kreatives Potenzial ist. Ohne einen gewissen Abstand, ohne ein Innehalten erlangen wir keinen neuen Blick auf alte Herausforderungen. Ohne Muße bleiben wir auf unseren Lieblingspfaden und versuchen Aufgaben auf die immer gleiche Weise zu lösen.

Selbst jene energiegeladenen, kraftstrotzenden Menschen, denen ihre psychische Gesundheit derzeit noch egal ist, weil sie meinen, ohnehin genug davon zu haben, sollten sich klarmachen: Das Gehirn braucht die Ruhe, damit es Ballast abwerfen kann, damit es Platz schafft für Neues. Raum für Kreativität ergibt sich nur durch Nichtstun.

Wer Angst um seine Produktivität hat, kann sich gleich mit Forschungen trösten: Menschen, die abends wirklich abschalten, arbeiten am nächsten Tag besser. Das hat erst vor Kurzem die Psychologin Sabine Sonnentag erneut belegt. »Je stärker sich Angestellte in Gedanken von ihrer Arbeit lösen können, desto ausgeruhter und weniger gereizt sind sie am nächsten Morgen«, so Sonnentag. Auch starten Arbeitnehmer, die am Wochenende wirklich mit Freizeit und Familie beschäftigt sind, mit mehr Elan in die Woche. Sie arbeiten eigenständiger und engagierter und ergreifen auch häufiger selbst die Initiative für neue Projekte. »Empirische Studien haben gezeigt, dass Angestellte, die sich in der Freizeit in Gedanken eher von ihrer Arbeit lösen können, zufriedener mit ihrem Leben sind, weniger Symptome psychischer Belastung zeigen und trotzdem im Beruf engagiert sind«, sagt Sonnentag.

Das haben sogar manche Arbeitgeber erkannt. Mitarbeiter von Daimler können automatisch alle E-Mails löschen lassen, die während ihres Urlaubs in ihrem Postfach eintrudeln. Die Absender der Mails werden darüber informiert und müssen sich an jemand anderen wenden oder – wenn ihr Bedarf denn groß genug ist – sich nach dem Urlaub ihres Wunsch-Adressaten eben noch einmal bei ihm melden. In den meisten Fällen hat sich das Anliegen aber bis dahin sowieso erledigt. Der Daimler-Mitarbeiter wird so von ganz allein entlastet.

Weil viele Arbeitnehmer in ihrer Freizeit aber gar nicht mehr von ihrer elektronischen Post lassen wollen und können, hat sich der VW-Konzern sogar zu einer paternalistischen Maßnahme entschieden: Nach 18.15 Uhr werden E-Mails einfach nicht mehr auf die Smartphones der Angestellten weitergeleitet. Das soll ihnen abends den Kopf frei halten und sie fit für den nächsten Arbeitstag machen. Abschalten erfordert im Internet-Zeitalter eben Abschalten. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Dass Schlaf als die stärkste Form der Muße nicht nur lebenswichtig ist, sondern auch die Grundlage des Lernens, ist längst bewiesen. »Zu wenig Schlaf macht krank, dick und dumm«, fasst dies der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley plakativ zusammen. Das Gehirn ist im Schlaf ausgesprochen produktiv. Es verarbeitet die Erlebnisse des Tages, es sortiert sie neu, speichert Wichtiges ab und wirft Unwichtiges weg. Und es lernt sogar weiter. Das zeigte der Harvard-Forscher Robert Stickgold schon 1999 in aufsehenerregenden Experimenten: Er ließ seine Studenten Übungen am Computer machen. Sie sollten lernen, möglichst effizient Strichcodes zu erkennen. Wenn die Probanden übten, wurden sie mit der Zeit besser. Einen wahren Leistungssprung aber erreichten sie über Nacht – nachdem sie geschlafen hatten.

Ein bisschen Leerlauf sollte man sich aber auch tagsüber gönnen – sogar am Arbeitsplatz. Ebenso wichtig wie der ungestörte Feierabend und eine ausreichende Nachtruhe sind Pausen zwischendurch. Niemand sollte ein schlechtes Gewissen haben, wenn er im Laufe des Tages immer wieder einmal mit Hingabe die Wand anstarrt, aus dem Fenster glotzt oder seine großen Zehen beim Spiel mit den kleinen betrachtet, ohne dabei einen bestimmten Gedanken zu verfolgen. Auch in solchen Momenten räumt das Gehirn auf, schüttelt die Gedanken durch, die sich in ihm angesammelt haben – und ordnet sie gewinnbringend neu.

Geistesblitze, Aha-Effekte und Heureka!-Erlebnisse: Sie alle sind schon über jeden von uns gekommen. Und wann? Wenn wir gerade aufgehört hatten, mit gekräuselter Stirn krampfhaft die Lösung für ein Problem zu suchen. Die besten Ideen entstehen, wenn wir das Grübeln einstellen, wenn wir loslassen und unsere Gedanken sich selbst überlassen. Dann scheint eine magische Macht im Gehirn alles, was wir wissen, in seinen Windungen hin und her zu schieben, bis die Antwort fällt. Weil verschiedene Gedanken und Erinnerungen dabei aufeinandertreffen, entstehen plötzlich ganz neue Einblicke, Ideen und Schlussfolgerungen. »Setzen Sie sich erst bewusst-rational mit den Argumenten auseinander, aber vertagen sie die Entscheidung. Lenken Sie sich ab, schlafen Sie drüber. Die vorbewussten, intuitiven Netzwerke in Ihrer Großhirnrinde erledigen den Job für Sie«, empfahl der Hirnforscher Gerhard Roth einmal.

Viele innovative Erfindungen, wie die praktischen Post-it-Zettel, die Teflonbeschichtung und der Klettverschluss, sind durch solche völlig neuen Betrachtungen längst bekannter Tatsachen entstanden. Der US-amerikanische Soziologe Robert Merton hat daran als Erster ein Prinzip erkannt, das er »Serendipity« nannte (auf Deutsch: Serendipität). »Der Zufall begünstigt einen vorbereiteten Geist« lautet dessen Quintessenz. Soll heißen: Zufälle passieren oft, aber zu etwas wirklich Neuem führen sie nur dann, wenn jemand sie ungezwungen auf sich wirken lässt und sie richtig zu deuten weiß.

Das folgende Weiß gibt einmal Gelegenheit zum entspannten Nichtstun: