Am Unglück wachsen
Für irgendetwas muss es doch gut sein. Es ist ein so schöner Trost, und die meisten Menschen glauben fest daran: Wie schrecklich ein Unglück auch immer sein mag, am Ende hat es meist auch etwas Gutes. Bittere Erfahrungen – das erzählen die Alten, und das hat vielen Menschen auch schon ihre eigene Lebenserfahrung gezeigt – können mit der Zeit eine ungeahnte Süße entfalten.
»Es ist nicht so, dass ich glücklich bin, dass der schreckliche Unfall passiert ist«, erzählte eine Frau, die nach einem Autounfall nie wieder richtig gehen konnte, ihrer Psychologin. »Aber zum ersten Mal in meinem Leben nehme ich mir Zeit für mich selbst und dafür, was wichtig ist für mich. Ich gehe jetzt in Meditationsgruppen, und das gibt mir sehr viel.« Die Frau ist, wie viele Menschen, davon überzeugt, dass das persönliche Unglück eine positive Wendung in ihrem Leben ausgelöst hat: »Ich weiß das Leben jetzt auch viel mehr zu schätzen«, erzählt sie weiter. »Ich bin mir der täglichen Freuden stärker bewusst und bin dankbar für das, was ich noch habe.«
Das Phänomen, von dem viele Menschen nach einem tragischen Unglück berichten, fasziniert auch Psychologen. Wäre es nicht sogar die perfekte Ausprägung von Resilienz, wenn Menschen persönliche Katastrophen nicht nur gut verwinden, sondern am Ende sogar noch gestärkt aus ihnen hervorgingen? Ist das nicht das Ideal, das wir alle anstreben sollten: aus den Lehrstunden des Lebens die richtigen Folgerungen zu ziehen und das Gelernte mit Gewinn in unser Leben zu integrieren?
Es waren die amerikanischen Psychologen Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun, die auf diesen Beobachtungen eine neue Forschungsrichtung gründeten: Wie viel Nutzen bringt der Schaden?, wollten sie wissen und erfanden auch gleich einen neuen Begriff: posttraumatic growth (kurz PTG), posttraumatisches Wachstum. Manche Fachleute sprechen auch von »persönlichem Reifen« oder von »thriving« (für Gedeihen), wenn Menschen nach einem Desaster, in dem sie Angst, Hilflosigkeit oder Horror erleben, persönlich weiterkommen.
Tedeschi und Calhoun unterhielten sich mit zahlreichen Personen, die alle möglichen Arten von Krisen hinter sich gebracht hatten. Manche waren Überlebende schrecklicher Unfälle, andere hatten eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen müssen; und wieder andere hatten eine lebensbedrohliche Krankheit durchgestanden oder waren plötzlich damit konfrontiert worden, dass sie HIV-positiv waren. Ganz unabhängig von dem Trauma, das die befragten Menschen durchlitten hatten: Immer zeigte sich in etwa das gleiche Ergebnis. Mehr als jeder Zweite dieser Unglücklichen war der Ansicht, dass er von dem Unerfreulichen letztlich profitiert habe. Erstaunlich häufig hörten die Psychologen Sätze wie: »Es war furchtbar, aber ich bin auch daran gereift.«
Andere Betroffene sagten: »Was ich erlebt habe, möchte ich nie wieder erleben. Aber letztlich hat es mich weitergebracht. Ich habe neue Wege in meinem Leben aufgetan, den Glauben für mich entdeckt. Insgesamt bin ich zu einer größeren Wertschätzung des Lebens gelangt.« Wieder andere meinten: »Ich setze jetzt ganz andere Prioritäten und habe so viele Möglichkeiten erkannt, die mein Leben bereichern.«
Viele Menschen erzählten auch, dass sie ihr Leben nun, da sie einmal gemerkt hatten, an welch seidenem Faden es hängt, intensiver leben und genießen als vor dem Unglück; oder dass sie ihre Liebe zu ihren Angehörigen stärker spüren. »Die schwierige Zeit hat uns einander wieder näher gebracht.« Und manche sahen ihre Resilienz gewachsen: »Ich wünschte, es wäre nie passiert. Aber ich weiß nun, dass ich viel aushalte und künftig noch mehr aushalten kann.«
Dieser Satz erinnert an das bekannte Zitat »Was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker«, von Friedrich Nietzsche. Der Philosoph spricht in ›Ecce homo‹ nicht von Resilienz; aber er beschreibt das, was Psychologen heute Resilienz nennen würden, als Wohlgeratenheit: »Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgeratenheit! Daß ein wohlgeratner Mensch unsern Sinnen wohltut: daß er aus einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine Lust hört auf, wo das Maß des Zuträglichen überschritten wird. Er errät Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu seinem Vorteil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker.«
Je größer ein Unglück war, desto mehr glaubten die von Tedeschi und Calhoun befragten Menschen, daran gewachsen zu sein. Man könnte also fast zu dem Eindruck gelangen, ein schreckliches Unglück sei geradezu notwendig, um eine reife und glückliche Persönlichkeit zu werden.
Auch der Trauma-Experte Georg Pieper bekommt immer wieder solche Geschichten zu hören. Es sei bewegend, wenn ein hartgesottener Manager plötzlich seinen Sinn für das Summen der Bienen entdecke, erzählte der Psychologe kürzlich. Zu Piepers Klienten gehören Opfer häuslicher Gewalt ebenso wie Autofahrer, die einen Fußgänger totgefahren haben. In manchen Menschen würden so plötzlich Potenziale geweckt, die komplett verschüttet erschienen, so Pieper. Danach seien sie offenbar zufriedener mit dem Leben.
Macht Unglück also glücklich? Und ist auch hier die geheimnisvolle Kraft der Resilienz am Werk?
Die Psychologin Tanja Zöllner ist da skeptisch. »Es gibt durchaus sehr anrührende Geschichten«, erzählt sie. Sie sei immer wieder erstaunt, wie zufrieden viele Menschen von ihrer eigenen Entwicklung berichten, die sie nach einem Schicksalsschlag genommen hätten. Allerdings sei Vorsicht geboten: »Es sind ja die untersuchten Menschen selbst, die das von sich sagen«, gibt die Psychologin zu bedenken. Die eigene Sicht, am Unglück gewachsen zu sein, sei womöglich mehr dem Wunsch als der Realität zuzurechnen. »Viele Menschen wollen das gerne denken«, so Zöllner. Die Aussage eines ihrer Patienten verdeutlicht seinen erklärten Willen zum posttraumatischen Wachstum, den vermutlich viele Menschen nach einer Katastrophe haben: »Wenn das passieren musste, dann soll es zumindest gut für etwas gewesen sein.« Dieser Gedanke hat zweifelsohne etwas Tröstliches.
Die Psychologin hat sich vorgenommen herauszufinden, was hinter dem posttraumatischen Wachstum steckt. Gemeinsam mit ihrem Doktorvater Andreas Maercker, der heute an der Universität in Zürich lehrt, hat sie das Phänomen deshalb untersucht. Dabei fiel den beiden Wissenschaftlern vor allem eines auf: Wenn andere und nicht die Betroffenen selbst den Seelenzustand der Krisengeschüttelten einschätzen, dann ist weit weniger überzeugendes posttraumatisches Wachstum festzustellen.
Noch dazu scheint die Sicht der Betroffenen auf sich selbst extrem leicht zu beeinflussen zu sein. Das wiederum haben zwei kanadische Sozialpsychologinnen in einem eindrucksvollen Experiment gezeigt. Cathy McFarland und Celeste Alvaro forderten Testpersonen auf, sich an etwas Unangenehmes zu erinnern, das ihnen vor nicht allzu langer Zeit widerfahren war. Danach sollten sie erzählen, welche Eigenschaften sie heute haben und welche sie vor zwei Jahren hatten. Vor allem haben die Psychologinnen nach der persönlichen Weisheit und der inneren Stärke ihrer Probanden gefragt, als wie mitfühlend sie sich einschätzten und ob sie eine klare Richtung im Leben hatten. Die gleiche Frage sollten weitere Testpersonen beantworten, die zuvor aber gebeten worden waren, sich ein schönes Erlebnis im Geiste hervorzurufen.
Interessanterweise gab es keinen Unterschied zwischen den Gruppen, was die aktuelle Selbsteinschätzung betraf. Aber die Personen, die die unangenehme Erinnerung aufleben ließen, schätzten ihre Stärke und Widerstandsfähigkeit vor diesem Ereignis als besonders niedrig ein – und zwar umso niedriger, je stärker ihre Erinnerung ihr Selbstwertgefühl erschütterte. Sie würdigten ihre eigene Person in der Vergangenheit geradezu herab. Das posttraumatische Wachstum, von dem die Probanden überzeugt waren, war demnach nur das Ergebnis ihres besonders negativen Rückblicks auf sich selbst. Und es ließ sich manipulieren.
Noch etwas machte Tanja Zöllner und Andreas Maercker misstrauisch: Das Ausmaß des empfundenen posttraumatischen Wachstums hängt in erheblichem Maße davon ab, in welchem Land ein Mensch lebt. Üblicherweise ermitteln Psychologen, wie groß das posttraumatische Wachstum eines Menschen ist, mit Hilfe eines speziellen Fragebogens, des »Post Traumatic Growth Inventory« von Tedeschi und Calhoun. In diesem Fragebogen wird zum Beispiel nach dem »Gefühl von Selbstvertrauen« gefragt, nach dem »Gefühl der Nähe zu anderen« oder nach der »Entwicklung neuer Interessen«. Es werden maximal 84 Punkte vergeben. In den USA erreichen die meisten Menschen nach einer Krise wie dem 11. September ein Plus von 60 bis 80 Punkten; in Deutschland dagegen schaffen die Menschen gerade mal ein Wachstum von etwa 40 Punkten.
Tanja Zöllner erklärt sich das so: In den USA gehöre es zum »kulturellen Skript«, in der Krise immer auch eine Chance zu sehen, sagt sie. Deshalb geben Amerikaner brav an, genau so auch zu leben. Die Psychiaterin Jimmie Holland, die sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Seelenleben von Krebspatienten beschäftigt, spricht gar von der »Tyrannei des positiven Denkens«. Das ist aber wahrscheinlich nicht der einzige Grund hinter dem explosionsartigen Gedeihen der persönlichen Reife unter US-Amerikanern. Womöglich ist es nicht nur ihre verinnerlichte soziale Pflicht, nach dem Desaster die Ärmel hochzukrempeln und die Mundwinkel nach oben zu ziehen: Aufgrund der eher optimistischen Grundhaltung in ihrer Kultur fällt ihnen das vielleicht auch wirklich leichter.
Selbsttäuschung oder echtes Wachstum?
Nutzen die Menschen, die davon berichten, nun also ihre Krisen für einen fulminanten Neustart oder reden sie es sich nur ein?
»Dass Menschen nach einem Schicksalsschlag etwa einen Sinn im Leben finden, den sie so nie gesehen haben, oder Beziehungen intensivieren, das gibt es gewiss«, sagt Tanja Zöllner. »Aber es gibt auch die andere Seite, die Illusion.«
Im ersten Fall reifen die Menschen wirklich durch den Bewältigungsprozesses; das posttraumatische Wachstum ist das direkte Ergebnis dessen, dass sie ihre Krise bewältigt haben. Im zweiten Fall aber ist die Einbildung, aus dem Unglück gestärkt oder gereift oder irgendwie glücklicher als früher hervorgegangen zu sein, ein Teil des Bewältigungsprozesses selbst.
Die Selbsttäuschung muss nichts Schlechtes sein: »Sich Illusionen über sich selbst zu machen, gehört für die meisten Menschen zum Alltag«, sagt Tanja Zöllner. »Sie stabilisieren sich so in einer schwierigen Umwelt.« Aber mitunter kann die Phantasievorstellung, ein psychischer Krisengewinnler zu sein, auch negative Folgen haben: »Das posttraumatische Wachstum wurde bisher sehr unkritisch gesehen, als positiv und als wünschenswert«, sagt die Psychologin. Aber wenn Menschen sich ihr nach dem Unglück empfundenes Glück nur vorgaukeln, kann das eine echte Bewältigung des Traumas verhindern. Dann kann das posttraumatische Wachstum mit viel Leid verbunden sein. Wegen seiner zwei Gesichter sprechen Maercker und Zöllner auch vom »Januskopf-Modell der posttraumatischen Reifung«.
Hinweise darauf ergab vor wenigen Jahren eine Studie der beiden Psychologen: Darin haben Zöllner und Maercker gemeinsam mit Wissenschaftlern der TU Dresden mehr als hundert Personen untersucht, die Opfer schwerer, zum Teil lebensbedrohlicher Autounfälle geworden waren. Manche von ihnen hatten in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt. Sie litten also unter Alpträumen und hatten das Geschehene noch nicht so verarbeitet, dass sie unbelastet davon ihr weiteres Leben gestalten konnten. Immer wieder erlebten sie das Unglück ungewollt neu, zeigten dabei starke emotionale und körperliche Reaktionen.
Dass sich einem Menschen Bilder einer gerade erlebten Situation aufdrängen, die er eigentlich lieber loswerden würde, das kennt jeder. Aber im Allgemeinen sind solche Bilder nach ein bis zwei Tagen Vergangenheit. Nicht so bei der PTBS. Da gibt es diese Flash-backs über Monate. »Die Bilder sind so anhaltend und furchtbar, dass die Betroffenen auf allen möglichen Wegen versuchen, das Auftreten der Bilder zu vermeiden«, sagt Zöllner. Ihr Vermeidungsverhalten manifestiert aber die Störung und erschwert das Leben.
Als sie die Unfallopfer untersuchten, gingen Zöllner und Maercker ursprünglich davon aus, dass sie einen Zusammenhang zwischen dem posttraumatischen Wachstum und dem Auftreten einer PTBS bei ihnen entdecken würden. Aber erstaunlicherweise trat in ihrer Studie eine PTBS keineswegs seltener bei solchen Menschen auf, die von sich berichteten, an dem Unfall gewachsen zu sein. Unterschiede zeigten sich jedoch, wenn die Psychologen genauer hinschauten und nach speziellen Aspekten des posttraumatischen Wachstums fragten.
So waren Menschen mit einer PTBS tendenziell stärker davon überzeugt, spirituell gewachsen zu sein und dem Leben nun eine höhere Wertschätzung entgegenzubringen. Dagegen hielten Menschen, die keine PTBS entwickelt hatten, nach dem Unfall ihre Persönlichkeitsstärke für größer.
»Einen Zuwachs an persönlicher Stärke kann man sich nicht so leicht einreden wie Spiritualität und eine erhöhte Wertschätzung des Lebens«, kommentiert Zöllner das. Sie ist der Ansicht, dass Menschen, die von neu gefundener Spiritualität und einer höheren Wertschätzung des Lebens berichten, tendenziell stärker der Illusion des posttraumatischen Wachstums erliegen, in Wirklichkeit aber stark erschüttert sind. »Wer sehr verzweifelt ist, bildet sich das Wachstum eher ein«, so Zöllner.
Unfallopfern, die eine PTBS entwickelt haben, glaubt sie ihr posttraumatisches Wachstum eher dann, wenn sie ihr Trauma erfolgreich bewältigt haben. »Nur wer nach vorne blicken kann und offen ist für neue Erfahrungen, der hat eine Chance auf Wachstum«, so Zöllner.
Ob Menschen nach einem schrecklichen Erlebnis eine PTBS entwickeln, hängt aber gar nicht so sehr von der Persönlichkeit ab. In erster Linie spielt es eine Rolle, welcher Art der Schicksalsschlag war, den sie erlitten haben. Opfer sexueller Gewalt tragen das höchste Risiko, nachhaltig traumatisiert zu werden. Mehr als jeder Zweite entwickelt eine PTBS. Unter Gefolterten und Menschen mit Kriegserlebnissen ist es jeder Dritte; körperliche Gewalt hat in 17 Prozent der Fälle eine PTBS zur Folge und schwere Unfälle nur bei sieben Prozent der Betroffenen. »Die Persönlichkeit spielt erst in zweiter Linie eine Rolle«, sagt Zöllner.
Auch das Umfeld trägt dazu bei, wie ein Mensch ein Trauma verarbeitet. Denn die soziale und emotionale Unterstützung ist dabei von großer Bedeutung – dass andere Menschen dem Betroffenen in einer schwierigen Situation nahe sind und zu ihm halten.
Bedeutsam ist zudem, wann das Trauma passiert ist. Konnte die Person zunächst eine behütete Kindheit genießen, dann eine Familie gründen oder sich im Beruf etwas aufbauen – oder hat die Traumatisierung bereits im Kindesalter stattgefunden, bevor sich die Person als lebenstüchtig beweisen konnte? »Bei einer so frühen Traumatisierung«, sagt Zöllner, »sind die Betroffenen meist zeit ihres Lebens extrem vulnerabel.« Das gilt selbst dann, wenn all ihre Mitmenschen sicher sind, sie hätten es mit einer starken Persönlichkeit zu tun.
Auch wenn das posttraumatische Wachstum bei traumatisierten Menschen oft ein Luftschloss ist: Mit einer Psychotherapie lässt sich häufig doch noch echtes Wachstum hervorkitzeln. Das hat sich zunächst bei Brustkrebspatientinnen und auch bei Opfern sexuellen Missbrauchs gezeigt. Andreas Maercker und Tanja Zöllner haben dies im Jahr 2010 aber auch für die von ihnen untersuchten Unfallopfer bestätigt. Denjenigen, die erfolgreich eine Verhaltenstherapie absolvierten, um ihre traumatischen Erfahrungen zu bewältigen, wurde hernach ein Zuwachs an persönlicher Stärke attestiert – womöglich hervorgerufen, weil sie die herausfordernde Therapie bewältigt haben. Eine kognitive Verhaltenstherapie ist kein Zuckerschlecken. In ihr werden traumatisierte Menschen direkt mit dem konfrontiert, was sie eigentlich von sich schieben wollen. Zwar kann Verdrängen auch gut sein. Aber bei Menschen mit PTBS ist die Angst vor einer Wiederkehr des Erlebten so groß, dass das Wegschieben sie in ihrem Leben beeinträchtigt. Es befreit sie nicht, sondern hindert sie daran, ihren Alltag ungezwungen zu leben. Schwer traumatisierte Unfallopfer etwa steigen oft lange nicht mehr in ein Auto ein. »Ziel ist es, ein solches Vermeidungsverhalten aufzulösen«, sagt der Gesundheitspsychologe Ralf Schwarzer. So werden Menschen angehalten, nach einem Unfall wieder Auto zu fahren, wieder mitzufahren, wenn ein anderer am Lenkrad sitzt, oder auch wieder schneller zu fahren – je nachdem, wo ihre Ängste liegen.
In einer Therapie sollen die Betroffenen ihre Ängste daher möglichst noch einmal durchleben und die furchtbaren Ereignisse der Vergangenheit als Vergangenheit abspeichern. Dazu fahren die Therapeuten mit den Unfallopfern wirklich Auto.
»Hilfreich ist es immer, aus der Opferhaltung herauszukommen«, erläutert die Trauma-Expertin Zöllner. Denn wenn man sich selbst als Opfer sieht, gibt man die Verantwortung für sein Leben an Dritte oder an die Umstände ab. Beides kann man nicht leicht beeinflussen. »Es ist wichtig, dass diese Menschen die Verantwortung für das eigene Erleben wieder übernehmen«, so Zöllner. Die Therapeutin versucht ihren Patienten daher aus ihrer hilflosen Position herauszuhelfen, indem sie ganz konkret fragt: Wo kannst du Einfluss nehmen? Was dagegen gilt es zu akzeptieren? Sie hält die Patienten dazu an, sich selbst zu sagen, dass sie nun nicht mehr gegen die Erinnerungen kämpfen. Dass sie nicht mehr ständig grübeln sollen, um nicht in der Vergangenheit gefangen zu sein.
Wie wichtig es ist, trotz aller Widrigkeiten die Kontrolle über sein Leben zu behalten, hat schon der 1994 verstorbene amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky erkannt. Antonovsky hat sein Konzept der »Salutogenese« (der Entstehung von Gesundheit) entwickelt, das als ein Vorläufer des Resilienzkonzepts gilt. In den 1960er-Jahren hat der Soziologe Frauen untersucht, die den Holocaust überlebt hatten. Das unfassbare Grauen in den Konzentrationslagern konnten manche dieser Frauen überstehen, ohne dauerhaften Schaden an ihrer Seele zu nehmen. Diese Frauen hatten ein Geschick, die Schrecken des Holocausts so zu verarbeiten, dass selbst diese »verständlich, kontrollierbar und sinnhaft« erschienen, so Antonovsky.
Der Wiener Psychiater Viktor Frankl hielt die Suche nach dem Sinn sogar für den wesentlichen Aspekt. Der »Wille zum Sinn« sei noch tiefer im Menschen verwurzelt als der Wille zur Lust und der Wille zur Macht, so Frankl, der ebenfalls mit Opfern des Holocaust arbeitete.
Auch wenn es noch viele offene Fragen zum posttraumatischen Wachstum gibt, eines ist gewiss: Angehörige, Freunde und Bekannte dürfen von Menschen niemals erwarten, dass sie an ihren Krisen wachsen. Das haben auch Tedeschi und Calhoun schon betont. Ärzte und Therapeuten sollten ihren Patienten deshalb ganz deutlich sagen, dass sie keine Versager sind, wenn es ihnen nicht gelungen ist, gestärkt aus ihrer schrecklichen Situation hervorzugehen. Gleichzeitig aber sollten sie jenen, die sich ein posttraumatisches Wachstum wohl nur einbilden, ihre Illusion nicht nehmen – solange sie die Verarbeitung des Traumas nicht blockiert. »Wenn Menschen Wachstum wahrnehmen, sollten sie darin unterstützt und ermutigt werden«, sagt Andreas Maercker. »Therapeuten sollten ihnen ihre eigenen Deutungen, Interpretationen und Wege der Verarbeitung oder Erholung lassen.«
Ist echtes posttraumatisches Wachstum nun gleichzusetzen mit Resilienz?
Zumindest scheint es eine Eigenschaft zu geben, die beides stärkt. Und das ist Optimismus. Wenige Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben Psychologen 46 Collegestudenten befragt. Das Team um Barbara Fredrickson hatte das große Glück, diese Studenten zufällig schon Anfang des Jahres untersucht zu haben – so konnten sie direkt messen, was der Al-Qaida-Terror mit den Seelen der Studenten angestellt hatte. »Es waren vor allem positive Emotionen, die zu posttraumatischem Wachstum geführt haben«, folgert Fredrickson aus ihren Analysen. Neben dem Optimismus war das primär eine allgemeine Lebenszufriedenheit und auch Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Das sind zwar alles Teilaspekte von Resilienz – Resilienz selbst aber führte nicht zu posttraumatischem Wachstum.
»Es ist gut möglich, dass resiliente Menschen nicht so leicht an ihren Krisen wachsen«, sagt Tanja Zöllner. Denn wer nicht schwer erschüttert ist, der muss schließlich auch nichts an seinem Dasein ändern. Eine neue Haltung dem Leben oder anderen Menschen gegenüber wird damit eher unwahrscheinlich.
Ein Trauma ist demnach durchaus mit einem Erdbeben zu vergleichen. Erst wenn es eine gewisse Stärke erreicht hat, sind hinterher Veränderungen sichtbar. Psychisch besonders robuste Menschen müssen deshalb wahrscheinlich eine schlimmere Katastrophe erleben als zartbesaitetere Zeitgenossen, um wirklich an ihr zu wachsen.