15

Wieder im Krankenhaus. Ich weiß nicht, wie spät es ist. Man hat mich untersucht, meine Wunden versorgt und mir ein leichtes Beruhigungsmittel verabreicht. Gassin hat das Messer sichergestellt. Ich konnte es kaum aus der Hand geben. Jetzt geht es mir besser. Anscheinend ist mein Haar teilweise verbrannt. Das muß ja hinreißend aussehen. Eine in Verbände gewickelte Mumie mit einem Haarbüschel oben auf dem Kopf.

Yvette wird noch behandelt. Schädelbruch. Sie wollen eine Computertomographie machen. Wir können nur beten. Guillaume läuft nervös vor dem Operationssaal auf und ab. Virginie schläft noch immer, sie haben sie in einem Einzelzimmer untergebracht, und wir sitzen hier im Warteraum: Gassin, ich, der diensthabende Polizist und Tony. Man hat ihn mit ungefähr zehn Stichen am Oberschenkel nähen müssen und sich um seine gebrochene Nase gekümmert. Er muß einen riesengroßen Verband mitten im Gesicht haben. Dieses Gesicht, das ich nie gesehen habe. Wenn er sich bewegt, höre ich das Klirren der Handschellen. Ihm werden eine ganze Reihe von Dingen zur Last gelegt, nette Lappalien wie zum Beispiel Aneignung einer falschen Identität‹, Urkundenfälschung und Verwendung gefälschter Dokumenten ›Beleidigung eines Polizeibeamten im Dienst‹, ›Zurückhalten von Beweismaterial‹, ganz zu schweigen davon, daß seine vor sieben Jahren veranlaßte Zwangseinweisung in die Psychiatrie noch immer nicht aufgehoben ist …

»Wie sind Sie dahintergekommen?« will Gassin von ihm wissen und zündet sich eine Zigarette an.

»Aber ich bin eigentlich nicht dahintergekommen«, meint Tony. »Ich habe erst gegen Ende angefangen, das Ganze zu verstehen. Weil, sehen Sie, ich wußte nicht, ob ich nun den Mord begangen hatte, für den ich verurteilt worden war. Ich wußte nicht, ob ich dieses Kind getötet hatte oder nicht.«

»Wieso das?«

»Ich werde Ihnen erklären, wie es dazu kam. Zum fraglichen Zeitpunkt, 1988, trank ich soviel, daß ich, als die Polizei mich verhaftete, mir ehrlich die Frage stellte: Habe ich das Verbrechen begangen? Hélène behauptete, ja, die Polizei behauptete, ja, die psychiatrischen Gutachter behaupteten, ja, und ich? Ich konnte mich an nichts erinnern. Aber ich hatte Angst, daß ich vielleicht völlig außer Kontrolle geraten war und es getan hatte. Ich hatte schon so viele Dinge gemacht, ohne mich daran zu erinnern. Schlägereien. Total verrückte Geschichten. Ich war die Hälfte meiner Jugend in psychiatrischer Behandlung. Ich war sozusagen Stammgast. Und dann, als ich eingesperrt war und meine Entziehungskur hinter mir hatte, fing ich an nachzudenken. Etwas Unbegreifliches war geschehen, und ob ich nun dieses Kind erwürgt hatte oder nicht, es war zu spät, ich konnte die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Ich wollte mein Leben nicht in einer Anstalt verbringen. Ich wollte Hélène Wiedersehen, ich wollte meine Tochter Wiedersehen, ich hatte Angst um meine Tochter. Ich hatte im Laufe der Therapie gelernt, daß Menschen, die in ihrer Kindheit Opfer von Gewaltanwendung waren, häufig dazu neigen, diese Erfahrung andere Menschen büßen zu lassen. Ich habe mein eigenes Leben, und welche Rolle Gewalt darin spielte, überdacht. Auch Hélène hatte eine traumatische Kindheit. Ich wußte, daß sie manchmal zerstörerische Neigungen hatte. Virginie weinte oft grundlos und beruhigte sich erst, wenn ich sie in den Arm nahm …«

Der Polizeibeamte hüstelt. Tony hält inne und fährt dann fort:

»Mehrere Male entdeckte ich blaue Flecken auf ihrem Körper, Hélène sagte, sie sei hingefallen. Als ich eines Tages nach Hause kam, trank Hélène einen Whisky und das Baby brüllte. Sie war völlig apathisch. Ich ging zu Virginie und entdeckte, daß eine der Sicherheitsnadeln, mit denen die Windel zusammengehalten wurde, aufgegangen war und die Kleine piekste. Hélène drehte sich zu mir und sah mich teilnahmslos an. »Etwas tut ihr weh«, das war alles, was sie sagte. Ich habe die Nadel mit zitternden Händen entfernt, das Baby beruhigt und mich wütend zu Hélène umgedreht. Sie warf mir vor, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, und meinte, ich sei ein hysterischer Säufer. Ich war fassungslos. Sie ließ die Kleine leiden und warf mir vor, mir, verantwortungslos zu sein! Da packte mich die Wut. Ich habe sie geschüttelt, sie fing an mich zu beschimpfen, sie erging sich in langen Tiraden, sie war außer sich. Wir haben uns geprügelt. An jenem Abend brach ich ihr den Arm. Später meinte sie zu mir, sie wisse nicht, was in sie gefahren sei, wahrscheinlich ein Anfall von Wahnsinn, und daß sie, seit dem Tod von Max, gelegentlich solche Ausfälle habe. Ab dann kam es nie wieder vor, nie wieder.«

»Max?«

Wer ist Max?

»Ihr Sohn. Den sie mit siebzehn Jahren bekam.«

»Welcher Sohn? Von einem Sohn war bisher nie die Rede!«

»Natürlich, er ist ja auch tot.«

»Schön langsam, ich kann Ihnen nicht mehr folgen«, protestierte Gassin.

»Gut, fangen wir noch mal von vorne an. Als ich Hélène 1986 kennenlernte, machte ich gerade eine Entziehungskur, und sie hatte drei Selbstmordversuche hinter sich. Wir waren in der gleichen Therapiegruppe, und dort erfuhr ich, daß sie mit siebzehn ein Kind bekommen hatte, daß der Vater unbekannt, und der Junge vor zwei Jahren gestorben war. Er muß damals acht Jahre alt gewesen sein. Soweit ich verstanden hatte, war es ein Unfall gewesen. Allem Anschein nach litt sie sehr darunter. Ihrer Meinung nach hätte dieses Kind alles wiedergutmachen, alles Böse, das sie in ihrer Kindheit erlebt hatte, auslöschen können. Und nun war er tot.«

»Das ist doch unglaublich! Diese Information wurde in keiner der Akten festgehalten!« entrüstet sich Gassin.

»Haben Sie sie vielleicht nicht nach ihrem Familienstammbuch gefragt?«

»Sehr witzig! Stellen Sie sich vor, wir haben den Familienstand jeder Person, die in die Mordfälle verwickelt war, überprüft.«

»Also, dann sehe ich nur eine Möglichkeit: Die Geburt des Kindes ist nicht gemeldet worden.«

»Aber wie sollte das …«

»Vielleicht hat sie das Kind ganz allein auf die Welt gebracht und es bei sich behalten, ganz allein für sich. Das wäre typisch für sie.«

»Und die Schule und was es sonst noch gibt?«

Da kommt mir plötzlich eine Erklärung in den Sinn: Wenn Hélène mit siebzehn Jahren aus den verschiedensten Gründen nicht wollte, daß jemand von ihrem Kind erfuhr, dann hätte doch nur ihre Mutter es als ihres ausgeben müssen … Aber ja! Offensichtlich kommt keiner meiner genialen männlichen Begleiter auf diese Idee. Gassin nimmt sein Handy und wählt eine Nummer:

»Ja, hallo, ich bin’s. Hol dir doch mal die Akte Siccardi aus dem Archiv … Ja, genau. Die durchforstest du dann nach Hinweisen auf Max Siccardi. Wenn du nicht fündig wirst, ruf in Marseille an, es ist dringend … Ja, ruf mich an, sobald du etwas hast.«

Wütend beendet er das Gespräch.

»Wo waren wir stehengeblieben?»

»Bei meiner Begegnung mit Hélène. Wir fanden uns auf Anhieb sympathisch, denn wir fühlten uns etwas verloren, kamen beide aus einem schwierigen Elternhaus, uns verband sehr viel, und als sich dann Virginie ankündigte, wollte sie das Kind nicht behalten, doch ich habe sie dazu überredet, ich dachte, ein Kind könnte sie über den Verlust hinwegtrösten … Wenn ich es nur hätte vorhersehen können, mein Gott, wenn ich es nur geahnt hätte …«

Gassin hüstelt nervös.

»Fahren Sie fort.«

»Also, Virginie wurde geboren und alles lief ganz gut, bis Hélène Paul traf. Damals arbeitete er in Marseille.«

»Was, er auch?«

»Ich schwöre Ihnen, dafür kann ich nichts. Pauls Frau war an Krebs gestorben, und er zog allein seinen zweijährigen Sohn groß, Renaud. Hélène und er lernten sich in der Bank kennen, er arbeitete dort am Schalter. Paul, sehr jung, sehr temperamentvoll, verliebte sich in diese junge, verzweifelte, selbstmordgefährdete Frau … Er hoffte, daß sie ihm helfen würde, seinen Sohn aufzuziehen … Wenn er gewußt hätte …«

»Und was passierte dann?«

»Na, was glauben Sie? Hélène fühlte sich sofort zu ihm hingezogen. Ein zuverlässiger, normaler Mann, der Geborgenheit ausstrahlt. Sie ließ es sich nicht nehmen, mir von ihrer Affäre zu erzählen. Aber sie konnte sich nicht zwischen uns entscheiden. Also, alles lief weiter wie bisher, abgesehen davon, daß ich trank wie ein Loch, denn ich ertrug es nicht, daß Hélène mit Paul schlief, und manchmal machte sie mir auch angst. Aber ich war verrückt nach ihr. Sie war wie eine Droge für mich: Sie erinnerte mich ständig an die Vergangenheit, an die Schmerzen der Vergangenheit.«

Er spricht schnell und abgehackt, als hätte er mehr Bilder in seinem Kopf als Worte dafür, um sein Leid zu erzählen.

»Sie teilte mit mir das Geheimnis der Schläge, der blauen Flecken, das Gefühl, ein Objekt zu sein, dem alles widerfahren kann, egal, wann: Wenn du schläfst, wenn du ißt, jederzeit kannst du geschlagen werden, der Gürtel auf dich herniedersausen, dich peitschen, dir die Haut aufreißen, jederzeit kann sich die Schranktür hinter deiner Angst, deinen bepinkelten Beinen, deinem Hunger schließen … Haben Sie schon mal tagelang nichts zu essen bekommen?«

»Tut mir leid, nein«, sagt Gassin. »Und was passierte dann?«

»Als die Polizei mich verdächtigte, hat sie sich von mir getrennt, ich bat sie, mir zu helfen, ich habe ihr gesagt, daß ich sie liebe, daß es vor ihr in meinem Leben noch nie jemanden gegeben habe, aber sie meinte, es sei vorbei, sie liebe mich nicht mehr …«

Er holt tief Luft:

»Sie willigte ein, Paul zu heiraten, der Virginie als seine Tochter anerkannt hatte, und sie gingen weg. Paul war in eine andere Filiale versetzt worden. An all das mußte ich in meiner Gummizelle denken. Es ist dumm, aber ich dachte, daß Hélène Virginie weh tun könnte, aber ich war nicht in der Lage, mir vorzustellen, daß sie dieses Kind aus unserem Viertel hätte töten können. Kurz und gut, ich beschloß auszubrechen und Virginie wiederzufinden. Ich nutzte meine Freigänge, um nach ihnen zu suchen, und ich fand sie, indem ich ganz einfach Telefonbücher durchblätterte. Ich mußte mich durch die Telefonbücher aller Départements wühlen, aber ich habe sie gefunden. Ich bin hierhergekommen, habe mir bei Stéphane Migoin Arbeit auf einer seiner Baustellen besorgt und festgestellt, daß er Hélène gut kannte. Es war merkwürdig, in ihrer Nähe zu wohnen … Manchmal sah ich Virginie im Park, mit Paul Fansten. Sie nannte ihn Papa … Ich wollte mich nicht einmischen, lediglich ein Auge auf sie haben. So kam ich dadurch in gewisser Weise auch zu einer Familie. Doch ich glaube, daß ich völlig hilflos war. Und schrecklich eifersüchtig.«

Ich sehe seine hochgewachsene, traurige Gestalt vor mir, wie er Virginie beobachtet, wie sie mit dem Mann lacht, den sie für ihren Vater hält. Ein Mann auf der Flucht, der nicht weiß, wohin und sich von den Brosamen des Glücks anderer nährt …

»Und dann habe ich erfahren, daß Renaud, Pauls Sohn, ermordet worden war! Stellen Sie sich meine Bestürzung vor! Und das war noch nicht alles: Noch mehr Kinder aus dieser Gegend waren erwürgt worden und alle seit ich Freigang bekam! Ich hatte das Gefühl, erneut einen wohlbekannten Alptraum zu durchleben. Aber diese Morde, da war ich mir sicher, die hatte ich nicht begangen! Es sei denn, ich war wirklich und wahrhaftig verrückt. Diese Morde mußte ich klären, ich mußte die Wahrheit herausfinden, um endlich diese ganzen offenen Fragen beantworten zu können.«

Ein Wagen wird leise klirrend vorbeigeschoben, gestreßte Stimmen, das Geräusch der Fahrstuhltüren. Tony fährt fort:

»Ich habe sehr schnell herausgefunden, daß Hélène eine Affäre mit Benoît Delmare, dem Lebensgefährten der Besitzerin des Trianon, hatte.«

Diese nüchternen, klaren Worte treffen mich wie ein heimtückischer Schlag.

»Inspektor Gassin«, sagt eine weibliche Stimme, »Sie werden verlangt.«

»Ich bin gleich wieder zurück«, entschuldigt sich Gassin und steht auf.

Stimmengewirr am Ende des Korridors. Der Wachposten, der die ganze Zeit steht, räuspert sich.

»Sie haben mich übrigens oft im Trianon gesehen, Elise«, flüstert Tony mir zu. »Ich liebe es, ins Kino zu gehen, und außerdem, irgendwie mußte ich ja die Zeit totschlagen. Sie sind mir aufgefallen, weil ich Sie sehr anziehend fand.«

Ob man’s glaubt oder nicht, ich werde doch tatsächlich rot. Man steht eine entsetzliche Geschichte durch, und ich werde rot, weil mir ein aus dem Irrenhaus Entflohener sagt, daß ich sein Typ bin. Ich war sein Typ, das ist der feine Unterschied.

»Ich weiß nicht, warum sie ein Auge auf Benoît geworfen hatte. Sie hat ihn bei einer Veranstaltung des Lions Club getroffen.«

An jenem Abend? Benoît wollte unbedingt, daß ich mitgehe; er mußte hin, aber ich hatte keine Lust, ich wollte mir lieber einen Film im Fernsehen ansehen. Und deshalb sind sie sich begegnet!

»Kommen wir zu unseren Ermittlungen zurück, lieber Kollege«, witzelt Gassin, als er sich wieder zu uns setzt. »Sie sprachen gerade von Paul und Hélène.«

»Ja, ich hatte beschlossen herauszubekommen, wie sie lebten, wollte sie sozusagen ausspionieren. Ich war wie besessen davon. Hélène war da, direkt vor meiner Nase, ich wußte, daß sie mit Paul lebte, daß sie mein Kind großzogen, in ihrem hübschen kleinen Häuschen … und ich, ich war wegen Mordes verurteilt worden. Ich fing an, Paul zu hassen … Im Grunde genommen wußte ich rein gar nichts über ihn. Er war stets freundlich, zuvorkommend, aalglatt … Ihn konnte ich mir gut als Kindermörder vorstellen. Und nicht nur hier in der Gegend … ich war in Marseille vielleicht das Opfer eines abgekarteten Spiels gewesen, das der wahre Mörder inszeniert hatte! Wer konnte mir besser die Schuld zuschieben als jemand, der sich problemlos Zutritt zu meiner Wohnung verschaffen konnte? Jemand, der mich haßte. Wenn man bedenkt, daß ich keine Sekunde lang dachte, Hélène zu verdächtigen! Ich konnte diese Verbrechen nicht mit einer Frau in Zusammenhang bringen.«

»Frauen morden selten, aber wenn sie morden, dann töten sie häufig Kinder«, erläutert Gassin professionell. »Und Virginie, was geschah mit Virginie?«

»Sie schien gut zu essen zu bekommen, wurde ordentlich behandelt, aber sie wirkte immer merkwürdig abwesend. Ein höfliches, ordentlich gekämmtes, immer lächelndes Püppchen … Mir kam die Idee, daß, falls Paul etwas mit der Sache zu tun haben sollte, sie möglicherweise etwas über diese Morde wußte. Und dann wurde der kleine Michael ermordet. Ich kannte ihn vom Sehen. Ich wußte, daß Virginie und er Freunde waren. Und außerdem wußte ich, daß Virginie Elise kennengelernt hatte, der sie womöglich Interessantes anvertrauen würde. Ich mußte einen Weg finden, ihr Fragen stellen zu können, damit ich meine eigene Untersuchung durchführen konnte.«

»Und da beschlossen Sie, sich als Yssart auszugeben?«

»Ja. Das war am praktischsten, und außerdem wußte ich ja, daß Elise die Täuschung nicht bemerken würde.«

Ach ja, die arme Puppe in ihrem Rollstuhl.

»Ich habe mich also als Yssart ausgegeben, weil ich Beweise gegen Paul sammeln wollte. Ich war beinahe sicher, daß er es war – bis ein neuer Verdächtiger auftauchte: Jean Guillaume. Ich hatte Erkundigungen eingezogen und herausgefunden, daß er eine Familie in La Ciotat hatte und dort jedes Jahr, zusammen mit seiner Frau, Urlaub machte. 1988 war er zum Zeitpunkt des Mordes in Marseille … Dieser Zufall machte mich stutzig. Ich hatte einen weiteren Verdächtigen.«

»Und dann?«

»Ich hielt Elise über meine Nachforschungen immer auf dem laufenden …«

Vielen Dank auch.

»Ich sagte mir, daß ich mich möglicherweise zu sehr auf Paul konzentriert hatte und beschloß, systematisch jeden unter die Lupe zu nehmen. Und Stéphane, das muß ich gestehen, war als Verdächtiger sozusagen prädestiniert. Doch etwas störte mich: Warum hatte er Elise in den Teich gestoßen? Aus welchem Grund sollte der gute Paul, Stéphane, Guillaume oder sonst irgendein Verdächtiger, Ihnen etwas antun wollen? Wer könnte es auf Sie abgesehen haben? Oder hatte man es eigentlich auf Stéphane abgesehen, und Sie waren nur indirekt das Opfer eines Überfalls, der ihm gegolten hatte? Ich tappte völlig im dunkeln. Ich hatte sogar überlegt, daß Guillaume das Ganze inszeniert hatte, um sich als Retter hervortun zu können … Und dann gab es natürlich auch noch die gar nicht so abwegige Hypothese, daß es womöglich Hélène war. Hélène, die eifersüchtig war auf Sie und Benoît. Hélène, die Sie bestimmt gehaßt hat … Aber daß Hélène Sie haßte und Ihnen sogar nach dem Leben trachtete bedeutete doch nicht, daß sie die Kinder umgebracht hatte. Sprechen wir es ruhig offen aus, ich wollte diese Möglichkeit nicht wahrhaben, die mir immer wieder durch den Kopf schoß, und die ich als abwegig und dumm abtat.«

»Ich will Sie ja nicht drängen, aber könnten Sie das Ganze etwas schneller erzählen? Nur in groben Zügen?« schlug Gassin in einem nicht sehr freundlichen Ton vor.

»Entschuldigen Sie, ich verliere mich in Einzelheiten. Es ist schon verrückt, wie sehr man sich für sein eigenes Leben interessieren kann …«

»Wann kam Ihnen der Gedanke, daß Hélène die Täterin war?«

»Als Elise mit dem Messer attackiert wurde. Ich kam zufällig vorbei, sie war blutüberströmt und hatte panische Angst. Das Messer lag am Boden, ein Laguiole-Messer mit gelbem Schildpattgriff. Im ersten Augenblick dachte ich nur daran, einen Krankenwagen zu rufen. Sobald die Sanitäter da waren, paßte ich einen günstigen Moment ab und verschwand unauffällig. Es nieselte und ich ging im Regen spazieren, bis ich auf einmal am Teich stand. Das Messer ließ mir keine Ruhe. Die Form der Klinge, ihre Größe, all das stimmte mit den Ergebnissen der einzelnen Autopsien überein. Das bedeutete, daß die Person, die Elise angegriffen hatte, identisch sein mußte mit dem Kindermörder. In beiden Fällen handelte es sich um ein- und dieselbe Person. Und somit konnte es nur Hélène gewesen sein.«

Gassin seufzt. Er scheint sich zu sagen, daß er auf die gleichen Schlußfolgerungen hätte kommen können.

»Es war, als hätte man mir plötzlich einen Eimer mit eiskaltem Wasser ins Gesicht geschüttet«, fährt Tony fort, »als wäre ich nach einem zwanzigjährigen Vollrausch mit einem Schlag nüchtern geworden. Mir fiel Max wieder ein, sein Foto, das Hélène stets bei sich trug, Max, nach dessen Tod sie fast verrückt geworden wäre. Mir fiel ihr leerer Blick wieder ein, mit dem sie Virginie und mich manchmal betrachtet hatte, ihren ›Nachtblick‹, wie ich es nannte, weil ihre Augen alles nur schwarz zu sehen schienen. All das fiel mir wieder ein, und damals kam mir zum erstenmal in den Sinn, daß tatsächlich sie die Mörderin gewesen sein könnte.

Ein entsetzlicher Verdacht, denn wenn er sich bewahrheiten sollte, würde das bedeuten, daß sie mich wissentlich in Marseille beschuldigt hatte, und daß sie möglicherweise nicht nur eine Mörderin, sondern auch ein perverses und machthungriges Wesen war. Um endgültig Gewißheit zu erlangen, brauchte ich Beweise.«

»Ich verstehe Sie nicht«, wundert sich Gassin. »Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist ihre Ex-Frau eine Mörderin und Sie alarmieren nicht die Polizei? Sie halten sich im Hintergrund und warten darauf, daß sie noch mehr Kinder umbringt?«

»Und was hätte ich Ihrer Meinung nach tun sollen? Wenn ich zur Polizei gegangen wäre, hätte man mich doch auf der Stelle wieder in die psychiatrische Klinik eingewiesen und versucht, mir die Morde anzuhängen. Ein gefährlicher Krimineller entflieht, und man schnappt ihn zufällig dort, wo in der letzten Zeit mehrere Kindermorde begangen wurden! Sie glauben doch nicht im Ernst, daß meine Aussage auf offene Ohren gestoßen wäre, oder? Daß man mir auch nur ein Wort geglaubt hätte, wenn ich es gewagt hätte, die ehrenwerte Madame Fansten zu beschuldigen? Und außerdem wollte ich ja nicht, daß sie es war. In meinem tiefsten Innern klammerte ich mich an die Hoffnung, daß sie unschuldig sei … Immerhin ist sie die Mutter meiner Tochter, verstehen Sie?«

»Fahren Sie fort«, seufzt Gassin.

»Die Vorstellung, daß sie die Täterin sein könnte, machte mich wahnsinnig, aber gleichzeitig spürte ich, daß sie es tatsächlich war.«

»Hatten Sie keine Angst, daß sie Virginie etwas antun würde?«

»Nein, nicht in dieser Hinsicht. Die Opfer waren alle männlichen Geschlechts gewesen. Wer auch immer der Mörder war, er war offensichtlich auf kleine, ungefähr acht Jahre alte Jungen fixiert. Ich sagte mir, wenn es Hélène sein sollte, tötete sie vielleicht Kinder, die Max ähnelten. Aber Max hatte braunes Haar und dunkle Augen, Charles-Eric und Renaud waren braunhaarig, Michael aber blond und Mathieu hatte kastanien-farbenes Haar und so weiter, und sie hatten auch alle unterschiedliche Augenfarben. Mir gelang es nicht, hinter die Logik, die dahintersteckte, zu kommen. Ich war blind.«

»Welche Logik?«

»Renauds braune Haare, Charles-Erics dunkle Augen, Michaels Hände, Mathieus Herz, Joris’ Genitalien …«

»Ein neuer kleiner Junge …«, murmelte Gassin.

»Genau. Das Bild eines kleinen Jungen, das einer kranken Phantasie entsprungen ist.«

Fein säuberlich aufbewahrt in einem Kasten … die kleinen zusammengekrümmten Hände, das kleine Herz, die auf Samt gebetteten Augen, die so groß wirken, weil sie nicht mehr in ihren Höhlen stecken. Und die seidigen braunen Haarsträhnen … Danke, lieber Gott, daß du dafür gesorgt hast, daß mir dieser Anblick erspart blieb!

»Und dann?« fragte Gassin ungeduldig.

»Dann? Nach und nach ergaben die Einzelheiten des Puzzles ein Gesamtbild. Ich war verzweifelt, wünschte mir, weit weg zu sein, aber ich fühlte mich verpflichtet, hierzubleiben und dabei zu helfen, dieser Frau das Handwerk zu legen, die ich so sehr geliebt hatte und die offensichtlich verrückt war …«

»Und welche Rolle spielte Migoin dabei?« erkundigte sich Gassin leicht gereizt.

»Stéphane Migoin vermutete, daß Hélène Paul betrog. Er war mißtrauisch geworden. Er glaubte, daß sie sich deshalb so häufig seinen Kombi lieh. Um die Wahrheit zu sagen, sie schlief auch mit Stéphane. Mit Männern zu schlafen war ihre Methode, sie zu beherrschen. Wenn ich es mir recht überlege, ist sie mit allen Kerlen aus unserem Viertel ins Bett gegangen. Doch ich glaube, sie war frigide. Wissen Sie, ihr Vater hat sie jahrelang mißbraucht. Im übrigen bin ich davon überzeugt, daß er der Vater von Max ist.«

Wie bitte? Gassin scheinen diese Neuigkeiten genauso zu verblüffen wie mich, denn er sagt kein einziges Wort. Ich höre ihn aber schlucken. Aber natürlich, so muß es gewesen sein! Ihr Vater hat sie geschwängert, und um einen Skandal zu vermeiden hat die Familie dafür gesorgt, daß jeder annahm, Madame Siccardi sei die Mutter … Ich bin sicher, daß meine Theorie stimmt.

»Wo war ich stehengeblieben?« fährt Tony fort. »Ah ja, Stéphane. Sie hat uns gestanden, daß sie alles so arrangiert hat, daß die Schuld auf Stéphane fiel. Sicher hat sie Stéphane im Park bewußtlos geschlagen und Sie in den Teich befördert, Elise. Sie hat Sie gehaßt, wegen Benoît, weil Benoît Sie ihr vorgezogen hat. Er hatte sich von ihr getrennt. Ich weiß das, weil er es mir gesagt hat.«

Er hat es ihm gesagt?

»Ja, ich kannte Delmare. Eines Tages waren wir zu Renovierungsarbeiten in dem Haus, in dem er wohnte. Die Gänge und Fahrstuhltüren sollten gestrichen werden. Benoît sah uns und fragte mich, ob ich nicht auch seine Wohnung streichen könne, gegen Bezahlung versteht sich. Ich willigte ein. Ich sah Ihr Foto auf seinem Nachttisch und habe ihn auf Sie angesprochen, wir fanden uns sympathisch, er bot mir ein Bier an und hat mir sein Leben erzählt – ein Gespräch unter Männern. Er konnte ja mit niemandem über diese Dinge reden … stellen Sie sich vor, man hätte erfahren, daß er eine Affäre mit Hélène Fansten hatte!«

Das war die Woche, in der Benoît bei mir übernachtete, weil es in seiner Wohnung nach Farbe roch, ja, ich erinnere mich, er hat von dem Maler gesprochen, sagte, daß er ›ein netter Kerl, gar nicht dumm‹ sei. Habe ich diesen Maler jemals zu Gesicht bekommen? Nein, ich glaube nicht.

Also, Benoît hatte mit Hélène Schluß gemacht. Es ist schon merkwürdig, wenn man quasi zur gleichen Zeit erfährt, daß dein Freund dich betrogen und daß er mit deiner Nebenbuhlerin Schluß gemacht hat. Doch was nützt uns das jetzt noch … Welch bittere Ironie des Schicksals: In dem Augenblick, wo er sich für mich entschieden hat, stirbt er.

»Versuchen Sie sich vorzustellen, was Hélène empfunden haben muß, als sie Sie durch Paul kennenlernte und wiedererkannte. Ihren Haß und Ihren Triumph! Sie, ihre Nebenbuhlerin, waren ihr schutzlos ausgeliefert! Welchen Spaß muß es ihr gemacht haben, Sie hinters Licht zu führen.«

Spaß gemacht? So würde ich das nicht bezeichnen. Hat es ihr Spaß gemacht, mir weh zu tun, mir Angst einzujagen, hat es ihr Vergnügen bereitet, die Kinder zu töten? Ich glaube nicht. Ich glaube, daß es ihr sehr schlecht ging. Ich muß an ihre Klagen, ihre unberechenbaren Stimmungswechsel, ihre Ängste denken … War ihr klar, was sie tat? Selbst dessen bin ich mir nicht sicher. Ich bin mir allerdings sicher, daß es Momente gab, in denen sie überzeugt war, eine ganz normale Hausfrau zu sein, die vom Pech verfolgt wurde. Sie schien mir nicht zu triumphieren, nein, sondern eher furchtbar unglücklich zu sein. Sogar kurz vor ihrem Tod, als sie uns alle umbringen wollte, war aus ihrer Stimme diese innere Zerrissenheit zu hören … Was sagt Tony da?

»Ich glaube nicht, daß sie wirklich wußte, was sie tat. Ihr Trieb war stärker als sie. Wenn sie ein Kind sah, das sie an Max erinnerte, mußte sie es zerstören, es so heftig an sich drücken, daß …«

»Haben Sie einen oder mehrere Morde beobachtet?« erkundigt sich Gassin mit dumpfer Stimme.

»Wenn dem so gewesen wäre, hätte ich doch keinen Zweifel an ihrer Schuld haben müssen, oder?« entgegnet ihm Tony.

Ich höre, wie Gassin ziemlich heftig ein paar Seiten umblättert.

»Sie hat Ihnen gestanden, Stéphane Migoin umgebracht zu haben …«

»So ist es. Ich weiß nicht, ob das zu ihrem Plan gehörte, aber sie hat es sich zunütze gemacht, daß Stéphane geflohen war …«

Dieser letzte Anruf von Stéphane … Er glaubte an eine Verschwörung. Wenn er doch nur mit der Polizei gesprochen hätte!

»Was Sophie Migoin angeht … ich habe ihr Geheimnis gelüftet«, erklärte Gassin zufrieden. »Sie traf sich regelmäßig mit Manuel Quinson.«

Und das ist das Geheimnis?

»Aber nicht, weshalb Sie denken, nein«, fuhr er fort. »Er versorgte sie mit Koks!«

Manu, ein Dealer? Sophie mit vollgekokstem Näschen? Warum nicht? Ich wundere mich über gar nichts mehr, ich habe meinen Vorrat an Verwunderung aufgebraucht, ich glaube, wenn mir jetzt jemand sagen würde, es gäbe gleich eine Atomexplosion, ich würde nicht mal mit der Wimper zucken …

»Ach, deshalb war sie immer so überdreht«, murmelte Tony.

»Und Paul Fansten? Welche Rolle spielt er bei der ganzen Sache?«

»Die Rolle des Ehemannes«, antwortete ihm Tony. »Sie wissen schon, was ich meine: Er gab ihr Sicherheit, Ansehen, ein sorgenfreies Leben.«

»Hätte er ihr Komplize sein können?«

»Würden Sie eine Frau decken, von der Sie annehmen, sie habe ihren eigenen Sohn umgebracht?«

Gassin brummt irgend etwas Unverständliches vor sich hin.

Paul wußte mehr, als du denkst, Kommissar Yssart, selbst wenn er nicht wußte, daß er es wußte! Ich erinnere mich an die Gesprächsfetzen, die ich aufgeschnappt hatte. Mir fallen Pauls Wutanfälle, sein Verhalten ihr gegenüber ein. Er konnte Hélènes Gegenwart nicht mehr ertragen, weil er in seinem tiefsten Innern von den entsetzlichen Geschehnissen wußte … aber er belog sich selbst. Wie Sie, mein lieber Tony.

Ein Stuhl knarrt, die Handschellen klirren leise, das Jackett des Wachpostens riecht nach feuchter Wolle.

»Hatten Sie nie Angst, daß Hélène Sie bemerken und erkennen könnte?«

»Wissen Sie, als sie mich das letzte Mal sah, wog ich zehn Kilo mehr, mein Körper war aufgedunsen, ich trug einen Bart und hatte lange, braune Haare. Ich habe mir eine Brille mit getönten Gläsern gekauft, mir die Haare ganz kurz schneiden und schwarz färben lassen, und ich habe aufgepaßt, daß ich ihr nicht über den Weg lief.«

»Ein gefährliches Spiel.«

»Auch nicht gefährlicher, als sich als Yssart verkleidet in der Stadt aufzuhalten. Wenn man Monat für Monat eingesperrt ist, ohne die Hoffnung, eines Tages wieder freizukommen und gezwungen wird, Medikamente zu schlucken, die einen zerstören, ganz zu schweigen von der Zwangsjacke, der Elektro-Schockbehandlung und Hunderten von Therapiestunden, die man wegen eines Verbrechens absitzt, das jemand anderes begangen hat, wird der Begriff Gefahr zu etwas sehr Relativem.«

Hüsteln. Man könnte meinen, wir wären in einem Sanatorium für Lungenkranke.

»Ich verstehe noch immer nicht, warum sie Elise zum Flughafen bringen wollte.«

»Meine Tarnung war aufgeflogen. Man hielt mich für den Täter, das war gut, aber ich war ihr auf der Spur, und das war schlecht. Sie mußte verschwinden. Ich glaube, sie hatte beschlossen, sich aller Belastungszeugen zu entledigen – vor allem mußte sie Paul loswerden – und anschließend woanders ein neues Leben anzufangen, wie sie es ja schon einmal gemacht hatte. Meiner Ansicht nach handelte sie nicht mehr nach einem für sie logischen Plan, sondern wurde nur von einem übermächtigen Wunsch nach Zerstörung gelenkt.«

Das Knistern eines Streichholzes.

»Haben Sie den Unfall beobachtet?«

»Unglücklicherweise nicht. Am Nachmittag bin ich bei Elise vorbeigefahren. Das Haus war verschlossen. Ich fuhr zu den Fanstens, auch hier sah das Haus verwaist aus, und das Auto war nicht da. Also bin ich planlos durch die Straßen gefahren, in der Hoffnung, ihnen irgendwo zu begegnen. Und bei der Kurve hinter Veligny entdeckte ich das Auto. Es war die Böschung hinuntergerollt und gegen einen Baum geprallt. Es war leer.«

»Leer?« ruft Gassin ungläubig.

»Leer. Auf dem Rücksitz entdeckte ich Blut, und im Gras Radspuren: Ich dachte sofort an Elises Rollstuhl. Ich folgte den Spuren und kam zu der Forsthütte. Durch das Fenster sah ich Elise. Sie schien panische Angst zu haben und fuhr mit dem Rollstuhl kreuz und quer durch die Hütte. Hélène stand in der Türöffnung und beobachtete sie mit einem Lächeln … daß es mir kalt den Rücken hinunterlief. Dann ging sie auf Elise zu und gab ihr ein Glas Wasser zu trinken. Elise trank und schlief ein. Ich sah, daß ihr Brustkorb sich hob und senkte, ich wußte also, daß sie nicht tot war. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Hineingehen? Aber was hätte das genützt?«

»Sie hätten möglicherweise Mademoiselle Andrioli das Leben retten können«, kritisiert Gassin ihn scharf.

»Ja, aber damit hätte ich Hélène nicht aufgehalten. Sie mußte ihre Taten gestehen, vor Zeugen, denn mir hätte doch niemand geglaubt. Plötzlich fiel mir Virginie ein. Es war 16.45 Uhr. Ich sagte mir, wenn Hélène sich die Mühe gemacht hatte, Ihnen, Elise, ein Schlafmittel zu verabreichen, dann hatte sie wohl nicht vor, Sie auf der Stelle umzubringen.«

Diese Einschätzung der Lage hätte böse ausgehen können, nicht wahr, Tony?

»Ich raste zur Schule und fing Virginie ab. Ich erzählte ihr, ich wäre ein Arbeitskollege von Paul und ihre Eltern hätten mich angerufen, weil sie mit dem Wagen eine Panne gehabt hatten. Doch sie wollten noch heute zur Großmutter fahren, und deshalb sollte ich sie jetzt abholen. Die Lehrerin wußte über die Reise zur Großmutter Bescheid und vertraute mir, weil ich so gut informiert war. Virginie stieg in mein Auto. Ich wollte nicht, daß sie etwas von den kommenden Ereignissen mitbekam. Ich habe immer eine Spritze und etwas Hexobarbital bei mir. Als ich aus der Klinik floh, habe ich mehrere Schachteln mit Ampullen mitgehen lassen, für den Fall, daß es mir mal wieder schlecht gehen sollte … Kurz und gut, ich verabreichte Virginie überraschend eine Spritze, fesselte sie und versteckte sie im Kofferraum. Ich fuhr zur Forsthütte zurück, wo ich Hélène und Elise vorfand. Ich weiß nicht, was Hélène ausgeheckt hatte, vielleicht hatte sie sich ein paar nette Spielchen für Elise überlegt.«

»Aber wo waren Paul und Yvette?«

»Ich nehme an, schon in Benoîts Wohnung.«

»Das ist alles völlig verworren.«

Ich muß schlucken: Hélène hat mich in der Forsthütte betäubt, um mit meinem Rollstuhl Paul und Yvette in Benoîts Wohnung schaffen zu können. Nein, man hätte sie gesehen … Allerdings, die Kurve hinter Veligny ist keine dreihundert Meter von Benoîts Wohnung entfernt … Ja! Man muß nur den Waldweg entlanggehen, der am Golfplatz vorbeiführt. Aber trotzdem erscheint es mir unmöglich, diese Strecke zweimal hintereinander zurückzulegen, ohne einem Spaziergänger zu begegnen.

Mir kommt eine Idee! Eine etwas an den Haaren herbeigezogene Idee, aber sie würde erklären, warum niemand den Unfall beobachtet hat. Es hat gar keinen Unfall gegeben!

Als sie uns abholte, war sie allein. Sie war allein, weil Paul bereits tot war! Seine Leiche lag schon in Benoîts Wohnung! Daß wir vor der Bank gehalten haben? Ein Trick. Alles, was ich gehört habe, war das Schlagen der Türen und Pauls Stimme. Seine Stimme, die sie irgendwann mal mit dem Diktiergerät aufgezeichnet hatte.

Ja, ich bin sicher, so ist es gewesen. Unter irgendeinem Vorwand hat sie Paul zu Benoît gelockt und ihn getötet. Dann hat sie uns, Yvette und mich, abgeholt! Mist, Yvette! Yvette hätte ja gesehen, daß Paul gar nicht einsteigt … Ach, ich bin vielleicht blöd: Sie hat Yvette, kurz bevor wir abfuhren, niedergeschlagen. Das Geräusch, das ich gehört habe, als Yvette sich setzte, und dann der Seufzer, das war Hélène, die auf sie einschlug. Daher das Blut auf dem Rücksitz. Sie tat so, als würde Paul einsteigen, simulierte den Unfall und betäubte mich. Und damit war die Sache geritzt. Nachdem sie mich in die Hütte gebracht hat, schafft sie Yvette mit meinem Rollstuhl in Benoîts Wohnung, kommt zurück, um mich ein bißchen zu quälen, und dann taucht glücklicherweise Tony Mercier auf. Da sagt sie sich: »Was soll’s, so kann ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, ich werde auch Tony verschwinden lassen«, und schießt ihn nieder. Dann bringt sie mich zu Benoît, um sich auf die Suche nach Jean Guillaume zu machen. Warum?

»Sie ist außer Lebensgefahr«, höre ich in diesem Augenblick Guillaume mit zitternder Stimme rufen.

Yvette ist gerettet!

»Wenigstens eine gute Nachricht«, meint Tony. »Kommen Sie, setzen Sie sich, mein Lieber, Sie sind ganz weiß im Gesicht.«

»Ich möchte lieber zu ihr. Hoffentlich wird Sie keine bleibenden Gehirnschäden haben …«

Um Gottes willen, nein, ein Mehlsack in der Familie reicht! Guillaume läßt sich schwer auf einen der (mit Sicherheit orangefarbenen) Plastikstühle fallen, die unter seiner Last ächzen.

»Können Sie mir ein paar Fragen beantworten?« erkundigt sich Gassin, der die Sache gerne zum Abschluß bringen möchte.

»Ja, wenn Sie darauf bestehen …«

»Warum sind Sie Hélène Fansten in Benoît Delmares Wohnung gefolgt?«

»Aber ich bin ihr nicht gefolgt! Ich bin Klempner, Inspektor, ich war dort, um ein paar defekte Toiletten zu reparieren. Als ich ankam, sah ich sie aus dem Wagen steigen, sie wirkte sehr nervös, ich grüßte sie und wunderte mich, was sie dort zu suchen hatte, noch dazu, weil sie nicht mit ihrem Wagen, sondern mit einem grauen Honda Civic unterwegs war …«

»Das ist mein Auto«, erklärt Tony.

»Sie sah aus, als würde sie gleich zu weinen anfangen, sie kam auf mich zugerannt und meinte, ich solle mit ihr kommen, es sei sehr dringend, Paul sei sehr unwohl gewesen, und nun befürchte sie, daß er tot sei … Im ersten Augenblick dachte ich, daß sie hier Freunde besuchen würde oder so, sie rannte los, ich hinterher, wir nahmen den Aufzug, sie öffnete die Wohnungstür, und schon stolperte ich über Elise in ihrem Rollstuhl. Ich kapierte rein gar nichts, ich ging in die Wohnung, und Hélène schloß hinter uns die Tür. Es war sehr dunkel in dem Zimmer, und auf einmal sah ich Paul und Yvette. Er war offensichtlich tot, denn seine Augen waren weit aufgerissen und sein Körper blutüberströmt. Yvettes Augen waren geschlossen, sie atmete nur noch schwach, und Blut lief ihr aus der Nase und den Ohren … ich wurde ohnmächtig … den Rest der Geschichte kennen Sie ja …«

»Rekapitulieren wir noch einmal«, flüstert Gassin und blättert in seinem Notizblock. »Sagen Sie, Mercier, wie kamen Sie so schnell ohne Auto in Benoît Delmares Wohnung?«

»Zu Fuß, über den Waldweg, der am Golfplatz entlangführt, dann sind es nur zirka dreihundert Meter. Ich stellte mich solange tot, bis ich das Auto wegfahren hörte, dann stand ich auf und rannte los. Mir war aufgefallen, das die Spuren von Elises Rollstuhl zweimal zu sehen waren. Doch Elise war von Hélène in meinem Auto mitgenommen worden. Daraus schloß ich, daß Hélène sich schon einmal des Rollstuhls bedient haben mußte. Doch wen hatte sie damit transportiert? Zweifellos die Person, deren Blutspuren ich im Auto entdeckt hatte.«

Meine Theorie stimmt also! Schade, daß ich ihnen nicht auf die Sprünge helfen konnte!

»Hatten Sie die Schlüssel zu Delmares Wohnung?«

»Ich hatte mir Nachschlüssel machen lassen, als ich die Wohnung strich. Ich sagte mir, wer weiß, schaden kann es nicht! Vielleicht brauchst du sie ja mal …«

»Na, Sie sind ja wirklich sehr vorausschauend«, meint Gassin und blättert ein paar Seiten um.

»Ich hatte beschlossen, es zu sein, ich wollte nicht noch einmal in eine Falle tappen.«

»Und können Sie mir erklären, warum Sie behauptet haben, Virginie sei bei Delmare, wo sie doch im Kofferraum Ihres Wagens lag?«

»Ich habe geblufft. Ich hab’ irgendwas erfunden, was halbwegs plausibel klang. Auf diese Weise wußte ich, wohin Hélène mit Elise fahren würde. Was Hélène nicht wußte, war, daß Virginie sich im Kofferraum des Wagens befand, mit dem sie gerade losgefahren war!«

Deshalb also hat Hélène Virginie nicht bei Benoît gefunden … Dort saßen nur Paul und Yvette auf dem Sofa … Mein Gott, was für ein Durcheinander!

»Wie spät ist es?« erkundigt sich Guillaume, dem das Verhör völlig egal ist.

»22 Uhr«, sagt eine rauhe Stimme, die offensichtlich dem Wachposten gehört.

»Also, wenn ich Sie recht verstanden habe, Mercier«, sind Sie so schnell wie möglich in Delmares Wohnung gegangen«, fährt Gassin leicht gereizt fort.

»So ist es. Ich habe den Honda auf dem Parkplatz gesehen, es goß in Strömen und weit und breit war niemand zu sehen. Ich öffnete den Kofferraum, dessen Schlüssel ich bei mir hatte, und nahm Virginie. Ich hatte gerade noch Zeit, mich hinter den Mülltonnen zu verstecken, da stürmte Hélène auch schon aus dem Haus und brauste mit dem Wagen davon …«

»Was geschah dann?«

»Also, ich wußte noch immer nicht, was ich tun sollte. Ich beschloß, mich in Benoîts Wohnung umzusehen und öffnete behutsam die Tür. Und da sah ich es.«

»Was?«

»Es war sehr dunkel, aber ich konnte erkennen, daß auf dem Sofa regungslose Gestalten saßen. Ich näherte mich ihnen, und als meine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, erkannte ich Paul, der offensichtlich tot war, und Yvette, die zwar lebte, aber nicht bei Bewußtsein war. Und dann sah ich Elise in ihrem Rollstuhl. Ich setzte Virginie auf das Sofa neben Yvette und beschloß, auf Hélènes Rückkehr zu warten. Diesmal hatte ich sie!«

»Und das Mädchen? Fanden Sie es richtig, das Virginie, Ihre Tochter, all das miterleben würde?«

»Nein, deshalb das Hexobarbital … Doch sie wachte auf … ich will das jetzt nicht in allen Einzelheiten erzählen, nur soviel, es gelang mir, sie wieder zu betäuben. Ich versteckte sie hinter dem großen Ledersessel und mich hinter der Tür.«

»Eine richtige Räuberpistole, fehlt nur noch Fantômas … Und in diesem Augenblick sind Sie, Guillaume, mit Madame Fansten zur Tür hereingekommen?«

»Ja, so ist es«, bestätigte Guillaume. »Ich würde gern einen Kaffee trinken.«

»Merkwürdig, nicht wahr, daß Sie immer dort auftauchen, wo man es nicht erwartet …? Mal in Marseille, mal am Ufer des Teichs und zufällig müssen Sie ausgerechnet jetzt etwas in dem Haus reparieren, in dem Delmares Wohnung ist! Wer hat Sie angerufen?«

»Mich hat eine Madame Delmare angerufen, die meinte, ich solle sofort kommen, es handele sich um einen Notfall.«

»Machen Sie sich jetzt auch über mich lustig, oder was? Ist das hier eine Verschwörung?«

»Ganz und gar nicht. Und im übrigen wußte ich überhaupt nicht, daß Elises Verlobter Delmare mit Nachnamen hieß.«

»Ich weiß wirklich nicht, warum Madame Fansten wollte, daß Sie auch kommen«, wundert sich Gassin.

»Nun, ich war es, der Guillaume angerufen hat«, mischt sich Tony mit sanfter Stimme ein.

»Sie?« rufen Gassin und Guillaume gleichzeitig.

»Bevor ich in Benoîts Wohnung hinaufging, führte ich zwei Gespräche von einer öffentlichen Telefonzelle aus«, erklärt Tony. »Zuerst habe ich einen Krankenwagen gerufen, denn ich hatte gute Gründe anzunehmen, daß dort oben jemand verletzt war. Dann meldete ich mich bei Jean Guillaume. Ich benötigte einen Zeugen, den man nicht ablehnen würde, denn ich fürchtete, daß Elises Zeugenaussage, nun ja … nicht besonders leicht zu verstehen sein würde«, schließt er taktvoll.

»Ich hätte sterben können!« entrüstet sich Guillaume.

»Eigentlich hätte alles problemlos über die Bühne gehen müssen. Ich war bewaffnet und wußte, daß Hélène es nicht war. Ich konnte natürlich Elises Eingreifen nicht vorhersehen.«

Wie idiotisch von mir, also wirklich, wie idiotisch von mir, ihm dieses Messer in den Schenkel zu rammen! Ich hätte ja auch eine Arterie treffen können, dann wäre ich jetzt schuld, wenn wir alle gestorben wären … Von nun an, Elise Andrioli, hörst du gefälligst auf, dich für Rintintin zu halten.

»Schwester, hätten Sie vielleicht ein Aspirin?« erkundigt sich Gassin.

Bevor sie ihm antworten kann, stürzt jemand mit hastigen Schritten auf uns zu.

»Gibt es etwas Neues?« fragt Gassin mit krächzender Stimme, weil er zuviel geraucht hat.

»Die Leichen der Fanstens sind gerade im Leichenschauhaus eingetroffen. Kein hübscher Anblick … Haben Sie schon mal Würstchen gesehen, die man zu lange auf dem Grill gelassen hat?« erzählt jemand mit einer höchst eigenartigen Vorstellung von Humor.

»Ersparen Sie uns die Einzelheiten, ich habe Kopfschmerzen. Wann kommen die Ergebnisse der Laboruntersuchung?«

»Morgen früh. Was machen wir mit diesem Dreckskerl, mit Mercier?«

»Ruhig Blut, Mendoza, man beschimpft keine Zeugen. Mercier wird uns begleiten.«

»Warum macht Ihr Kollege Mercier für alles verantwortlich?« will Guillaume wissen.

»Er ist aufgebracht. Mendoza … he, Mendoza! Er mag es nicht, wenn man ihn für dumm verkauft. Wissen Sie, wieso Mercier über alle Einzelheiten der Ermittlungen auf dem laufenden war? Durch seinen Freund Mendoza.«

»So, jetzt reicht’s mir aber, verdammter Mist!« brüllt Mendoza. »Ich geh’ einen Kaffee trinken.«

»Sie haben sich jeden Morgen in einer kleinen Bar getroffen und über Sport unterhalten … was Fußball angeht, dürften Sie mittlerweile ein Experte sein, Mercier, oder?« feixt Gassin.

»Als ich herausgekriegt habe, daß Mendoza Polizist und mit den Ermittlungen beauftragt ist, habe ich alles getan, um ihn kennenzulernen. Das war nicht weiter schwierig. Man mußte ihm nur etwas um den Bart gehen.«

»Lassen Sie ihn das bloß nicht hören«, rät ihm Gassin. »Es ist schon spät, gehen wir.«

Eine Tür öffnet sich.

»Ihre Tochter ist aufgewacht, Monsieur.«

»Was werden Sie ihr sagen?« fragt Guillaume bewegt.

»Ich weiß nicht. Daß ich ihr richtiger Vater bin. Und daß Paul und Hélène bei einem Brand ums Leben gekommen sind.«

»Aber sie wußte, daß es Hélène war, da bin ich mir ganz sicher!« meint Gassin, als er aufsteht.

»Und? Wollen Sie sie anzeigen?«

Er geht auf das Zimmer zu, in dem Virginie liegt und begreifen muß, was geschehen ist. Ich möchte nicht an seiner Stelle sein. Sie wird sicher noch lange behandelt werden müssen. Sie kann das alles nicht ohne Schaden überstanden haben.

Mendoza, der zurückgekommen ist, meint:

»Und sie?«

Bei seinem Tonfall hat man den Eindruck, er spreche von einem Hund, aber er meint mich.

»Ich habe ihren Onkel benachrichtigt. Sie werden hierbleiben, bis er kommt oder uns sagt, was wir in Ihrem Fall tun sollen, Mademoiselle.«

Ja, ja, schon gut. Ob ich hier liege oder woanders, ist mir egal. Ich hab’ genug gehört und erlebt, um jahrelang meditieren zu können. Die Tür schließt sich hinter Tony. Eine Krankenschwester will mich in mein Zimmer bringen. Hinter mir piepst das Handy von Inspektor Gassin.

»Ich höre … Was? Mist, das kann ich mir vorstellen … Okay. Ciao.«

»Neuigkeiten?« fragt Guillaume, der auf der Stelle kehrt macht.

»Nein, eigentlich nicht, nur ein Telex aus Marseille. Es geht um Max Siccardi … geboren am 3. Juli 1976, Kind von: Rene Siccardi, achtundvierzig Jahre und Josette Siccardi, neununddreißig Jahre!«

Bravo, Elise, du hattest also recht!

»Was?« brummt Guillaume, der überhaupt nichts mehr versteht.

»Hélène hatte einen Sohn, der im Familienstammbuch als Kind ihrer Eltern eingetragen wurde. Man vermutet, daß Hélène von ihrem Vater Rene schwanger war.«

»Aber das ist ja ungeheuerlich!« ruft Guillaume.

»Wie Sie sagen … Aber das ist noch nicht alles: Wissen Sie, woran ihr Sohn gestorben ist? Er wurde von zwei Jugendlichen, die unter Drogen standen, in einem Keller zu Tode gequält … In was für einer Welt leben wir bloß …?! Wen wundert es da noch, daß sie nach diesem Erlebnis durchgeknallt ist!«

Ich verstehe ihn nur noch undeutlich, als die Krankenschwester mich in einen anderen Korridor schiebt. Ich bin müde. So unsäglich müde. So …