So, da haben wir den Salat! Yvette ist auf dem feuchten Gehsteig ausgerutscht und hat sich den Knöchel verstaucht, denselben, den sie sich schon im Sommer verknackst hat.
Ich sah mich schon in ein Mehlsacklager abgeschoben, doch Hélène und Paul haben sich freundlicherweise angeboten, mich aufzunehmen, bis Yvette wieder gesundheitlich hergestellt ist. »Es wird etwa vierzehn Tage dauern«, meinte der Arzt.
Yvette ist bei ihrer Cousine. Und mich hat man in einem Zimmer bei den Fanstens einquartiert. Yvette hat Hélène alle Anweisungen zu meiner Pflege schriftlich gegeben. Theoretisch müßte ich überleben.
Jetzt, da ich mich wieder in diesem Haus befinde, fällt mir die Nacht der Grillparty ein, als mich ein Unbekannter auf der Couch befummelt hat. Hoffen wir, daß es nicht Paul war, sonst bin ich jetzt wirklich in der Höhle des Löwen.
Es ist Nacht. Ich liege im Bett. Ein schmales Bett. Die Decke lastet mir bleischwer auf den Füßen. Ich bin überzeugt davon, daß es Renauds Zimmer ist. Es riecht nach Staub und abgestandener Luft. Ich stelle mir Spielzeuge auf einem Regal vor, die mich mit ihrem starren, leeren Blick überwachen. Ich muß schlafen. Die erste Nacht in einem fremden Haus ist immer schwierig. Komm, mein Mädchen, entspann dich. Vierzehn Tage gehen schnell vorbei. Gerade Zeit genug für ein, zwei Kindermorde, einige Selbstmorde und warum nicht auch für eine Vergewaltigung?
Ist Vollmond? Liege ich in ein sanftes Licht getaucht in einem Kinderbett? Wie in einem Horrorfilm?
Ich muß mich entspannen, muß an die Operation denken. Ich muß all meine Kräfte zusammennehmen, um dieser Leere zu entkommen. Mich ganz darauf konzentrieren. Und schlafen. Wie sagen die Perser? »Die Nacht ist hoffnungsschwanger, wer weiß, was sie am Morgen gebären wird?« Amen.
Das Leben nimmt seinen geregelten Lauf. Es ist eigenartig, in dieser Familie zu leben. Hélène steht morgens um 7.15 Uhr auf, weckt Paul, machte Frühstück, weckt Virginie. Paul schimpft die ganze Zeit über, daß er zu spät kommen wird, und läuft hektisch hin und her. Virginie trödelt und wird ausgeschimpft. Um 8.10 Uhr verlassen Virginie und Paul das Haus. Um 8.15 Uhr kommt Hélène zu mir. Waschen, die Bettschüssel bringen, anziehen. Meistens schiebt sie mich dann ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein, während sie sich um die Hausarbeit kümmert. Mit halbem Ohr verfolge ich die Morgensendungen. Um 11 Uhr Kaffeepause. Es ist wundervoll, hier bekomme ich auch Kaffee! Als ich zum ersten Mal wieder den köstlichen Geschmack auf meinen Lippen spüre, hätte ich die arme Hélène umarmen können!
Während der Kaffeepause erzählt sie, informiert mich über den neuesten Klatsch und den Fortgang der Ermittlungen, sie sorgt sich um Virginie oder beklagt sich über Paul. Da sie nicht befürchten muß, daß ich ihr widersprechen werde, hat sie Vertrauen. Da kommen ja nette Sachen ans Licht! Ich habe den Eindruck, hinter der schönen Fassade eine andere Welt zu entdecken. Eine Unterwasserreise durch das Gehirn einer normalen Hausfrau. Ein wahrer Vulkan, diese Frau. Empfand ich gegenüber Benoît auch so viel unterdrückten Zorn, unausgesprochene Ängste, überschäumenden Groll? Ich erinnere mich nicht mehr.
Um 13.30 machen wir uns auf den Weg zur Bibliothek. Sie schiebt meinen Rollstuhl in eine Ecke des Lesesaals. Ich höre, wie die Leute die Seiten umblättern, das Knarren des Parketts, das Kichern der Jugendlichen. Um 17.45 gehen wir nach Hause, auf dem Weg holen wir Virginie vom Nachhilfekurs ab. Dann kommt Catherine die Große, die Zarin der Gebrechlichen: Massage, Dehnung, Einölen, das ganze Programm gegen Wundliegen. Paul kommt zwischen 19 Uhr und 19.30 Uhr. Um 20 Uhr wird gegessen. Virginie geht um 21 Uhr ins Bett. Alles bestens organisiert, da gibt es nichts zu sagen.
Und ich liege in meinem kleinen Bett im Zimmer des Toten. Virginie war so freundlich, mir zu bestätigen, daß es sich um das Zimmer ihres Bruders handelt. Und es mir zu beschreiben. An der Wand über dem Bett hängt ein Poster der Ninja Turtles und an der gegenüberliegenden, über einem kleinen Schreibtisch, eins von Magic Johnson. Auf dem Schreibtisch stehen Kinderbücher, Hefte, ein Beutel Murmeln und mehrere Schachteln mit angefangenen Modellbauten.
Im Bettkasten liegt sein Spielzeug. Virginie rührt es nicht an. Spielzeug für kleine Jungs, sagt sie mit verächtlichem Unterton. Nur den Nintendo hat sie sich genommen. Und damit spielt sie stundenlang in ihrem Zimmer, stellt sich imaginären Angreifern, die sie einen nach dem anderen niedermacht.
Virginie hat mir auch erzählt, daß es an einer Wand Striche gibt, mit denen die Größe ihres Bruders festgehalten wurde. Bleistiftstriche, die bei l ,30 Meter aufhören und sich nicht weiter nach oben bewegen werden.
Ich schlafe nicht gern in diesem Zimmer. Nicht, daß ich Angst vor Gespenstern hätte, aber es ist ein eigenartiges Gefühl, in dem Bett eines toten kleinen Jungen zu liegen, umgeben von seinen vertrauten Gegenständen … Glücklicherweise habe ich im Augenblick einen festen Schlaf. Hier würde ich nachts nicht gerne aufwachen.
Es ist unglaublich, wie schnell die Leute meine Anwesenheit vergessen. Sie sprechen in meiner Gegenwart, als wäre ich nicht da. Das ist wie beim Film. Man sagt, daß die Leute sehr schnell die Kamera vergessen, die für eine Reportage vor ihnen aufgebaut ist. In meinem Fall ist es allerdings eher so, als hätte man ein Tonbandgerät statt einer Kamera aufgestellt. Ich höre und schweige. Heute morgen zieht ein großes Gewitter in ›Dolby Stereo‹ auf.
Hélène:
»Ich habe deine Vorwürfe satt.«
Paul:
»Und ich, glaubst du, ich habe es nicht satt? Glaubst du, mir macht das Spaß. Es war mein Sohn, ist dir das eigentlich bewußt?«
»Und Virginie? Sie ist schließlich auch noch da, aber Virginie ist dir völlig gleichgültig; sie lebt, sie braucht dich!«
»Das ist nicht das Problem, das Problem ist, daß du dich gehenläßt, nimm dich zusammen, verdammt noch mal!« brüllt Paul.
»Für dich ist das leicht, du bist ja nie zu Hause, dir ist alles scheißegal, es würde dir nicht einmal auffallen, wenn wir nicht mehr da wären!«
Zerbrochenes Geschirr.
Paul:
»Ach, Scheiße! Gib mir den Besen!«
»Hol ihn dir doch selbst!«
»Papa, wir kommen zu spät.«
»Virginie, geh ins Wohnzimmer und pack deine Schultasche!«
»Aber die ist schon fertig, Papa …«
»Gut, wir gehen.«
»Paul! Wir müssen reden!«
»Nicht jetzt.«
»Wann denn? Sag mir, wann?«
»Entschuldige, Hélène, ich bin spät dran! Virg’! Dein Pullover!«
»Siehst du nicht, daß ich am Ende bin? Paul! Paul!«
Die Tür fällt ins Schloß.
Ich mache mich ganz klein in meinem Bett. Wütendes Hantieren in der Küche, etwas fällt herunter. Ein Glas? Die Schranktüren knallen, der Besen schlägt gegen die Möbelstücke. Dann herrscht Schweigen. Ich nehme an, sie weint. Ich höre unzusammenhängende Wort. »Mein kleiner Junge … Warum haben sie ihn mir genommen …? verstehen nichts …« Langes Schweigen. Schritte im Gang, die sich meinem Zimmer nähern.
»Guten Morgen, Elise, gut geschlafen?«
Ihre Stimme ist klar und schneidend. Ohne eine Antwort abzuwarten, schiebt sie mir die Bettschüssel unter. Dann setzt sich mich in den Rollstuhl und fährt mich schweigend ins Badezimmer. Sie wäscht mir Gesicht, Hals und Oberkörper und zieht mir ein T-Shirt an.
»So, dann wollen wir mal frühstücken.«
Die Küche. Etwas knirscht unter meinen Rädern. Es riecht nach Kaffee und Verbranntem. Sie führt eine Tasse an meine Lippen, aber so ruckartig, daß der kochendheiße Kaffee mir über das Kinn rinnt.
»Oh, entschuldigen Sie, ich bin heute morgen ein wenig nervös …«
Ich weiß, ich weiß, aber kochender Kaffee, das tut weh. Mein Kinn wird heftig abgerieben, das ist noch schmerzvoller als die Verbrennung. Ich hoffe, sie stößt mir gleich nicht noch den Löffel ins Auge.
Nein. Ich kaue gewissenhaft den widerwärtigen Brei aus vitaminreichen Getreideflocken. Ein Schluck Kaffee, diesmal ohne etwas zu verschütten.
»Ich habe mich mit Paul gestritten …«
Das ist das mindeste, was man dazu sagen kann … Wieder ein Löffel gekochte Getreideflocken. Wenn ich an all die armen Kinder denke, die man zwingt, jeden Morgen so etwas zu essen …
»Paul glaubt, daß Stéphane seine Frau getötet hat. Und ich bin sicher, daß er es nicht getan hat. Stéphane wäre zu so etwas nicht fähig. Er liebte Sophie nicht, aber er hat sie nicht getötet. Ich weiß, wer es getan hat.«
Ah, eine neue Enthüllung. Ich bin ganz Ohr.
»Ihr Liebhaber war es. Sophie hat Stéphane seit einiger Zeit betrogen. Als ich eines Tages zu ihr kam, habe ich sie am Telefon gehört. Sie sagte: ›Er kommt erst morgen nach Haus. Wir treffen uns am üblichen Ort …‹ Als sie mich sah, war sie bestürzt und sprach mit völlig verändertem Tonfall weiter: ›Gut, ich rufe Sie wieder an‹; dann hat sie aufgelegt. Ich habe niemandem etwas davon erzählt, es geht mich schließlich nichts an, nicht wahr? Aber trotzdem bin ich sicher, daß dieser Typ, mit dem sie telefoniert hat, sie getötet hat, und nicht Stéphane. Sie haben sich wahrscheinlich gestritten, oder aber er war verheiratet, und sie hat gedroht, seiner Frau alles zu erzählen. Sophie war boshaft, immer mußte sie Unfrieden stiften.«
Sie unterbricht sich und kratzt im Spülbecken herum. Ich überdenke inzwischen die neuen Informationen. Sophie betrügt Stéphane. Warum nicht? Der Liebhaber bringt Sophie um. Auch das ist durchaus möglich, wieso nicht? Inzwischen wundert mich in dieser Stadt gar nichts mehr. Wenn man mir erzählen würde, daß der Metzger Kinderfleisch verkauft und der Polizeipräsident Anführer einer Mädchenhändler-Bande ist, würde ich es auch fast glauben. Also, Sophies Liebhaber rechnet mit ihr ab … so was kommt vor. Hélène räumt das Geschirr weg, ich höre das Geklapper des Bestecks.
»Ich habe mich oft gefragt, mit wem sie damals am Telefon gesprochen haben könnte, aber ich habe es nie herausgefunden. Sie hat sich nicht verraten. Wenn wir uns zu mehreren getroffen haben, habe ich sie genau beobachtet, die Art, wie sie mit den Männern sprach, aber nichts. Vielleicht ist es jemand von auswärts.«
Ich habe eine bessere Idee: Und wenn nun Sophies Liebhaber der Kindermörder wäre? Und wenn Sophie ihm auf die Schliche gekommen wäre? Das wäre doch ein guter Grund, sie aus dem Weg zu räumen und dem armen Stéphane die Schuld in die Schuhe zu schieben? Ja, aber warum hat er dann auch Stéphane getötet, wenn er, wie ich annehme, wirklich tot ist? Oh, ich spüre es, ich bin ganz nah dran! Ich bin sicher, daß man neben Stéphanes Leiche ein Geständnis finden wird, Selbstmord! Dann wäre die Sache abgeschlossen, und der Mörder hätte seine Ruhe. Die einzigen Hindernisse, die bleiben, wären Virginie und … und ich. Warum zum Teufel hat er Virginie verschont? Wie kann er sicher sein, daß sie ihn nicht verraten wird? Ich komme zu meiner Anfangsthese zurück: Weil Virginie ihn kennt und liebt. Und er liebt sie auch! Genau, er liebt sie, und darum tut er ihr nichts an! Wenn ich diesen Gedankengang weiter verfolge, nun dann … dann komme ich zu der Schlußfolgerung, daß die Person, die Virginie nach ihrer Mutter am meisten liebt …
Paul?
Paul als Sophies Liebhaber? Paul als Kindermörder? Paul ist Stéphanes Freund und weiß über all seine Fahrten Bescheid … Paul ist so launisch … Paul hat einen weißen Kombi …
Wäre das möglich?
»Inzwischen frage ich mich, ob ich es nicht der Polizei sagen, ich meine, ob ich ihnen nicht von dem Telefongespräch erzählen sollte«, fährt Hélène fort. »Meinen Sie, ich sollte es tun?«
Zeigefinger. Ja, das solltest du, und zwar schleunigst.
»Einmal habe ich Paul erzählt, daß ich glaube, daß Sophie einen Liebhaber hat. Er ist wütend geworden und hat mich beschuldigt, aller Welt nachzuspionieren, er hat mir vorgeworfen, mich in eine zänkische Xanthippe zu verwandeln. Eine Xanthippe. Ja, ich glaube, er hat recht. Ich habe das Gefühl, ständig mit unterdrückter Wut zu kämpfen. Mit Unzufriedenheit. Mit Haß. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Raybaud hat mir ein Beruhigungsmittel verschrieben. Anfangs hat das ganz gut geholfen. Aber jetzt muß ich die Dosis immer mehr erhöhen, sonst kann ich nicht mehr schlafen. Und wenn ich schlafe, bin ich morgens völlig benommen. Und Virginie … Virginie ist eine solche Last. Manchmal würde ich gern mit einem Schlag mein Leben ändern, hopp, wie durch einen Zauber weit weg und ganz woanders sein, ganz allein.«
Genau das ist mir geschehen. Ich bin weit weg, ganz woanders und allein, so allein, wie du es dir nicht einmal vorstellen kannst, Hélène. Und ich schwöre dir, daß diese Lage nicht beneidenswert ist. Ich würde am liebsten mit deinem Leben tauschen – obwohl du ein Kind verloren hast und dein Mann dich betrügt –, als so zu sein, wie ich bin: meines Körpers und meiner Sinne beraubt.
»So, ich werde mich etwas um den Haushalt kümmern, ich habe einen riesigen Berg Bügelwäsche.«
Ein tiefer Seufzer, dann schiebt sie mich ins Wohnzimmer. Das Geräusch des Staubsaugers. Im Fernsehen läuft eine wissenschaftliche Sendung über das Meer. Gewissenhaft lausche ich – der Sprecher erzählt von der Migration der Quallen – und ich denke dabei an Paul, an Steph, an die ermordeten Kinder … an die Verstümmelungen, die ihre Körper erlitten haben. Welchen Sinn können diese grauenvollen Verletzungen haben? Abgeschnittene Hände, ausgerissene Haare, Augen und Herzen, wozu? Damit ihre Augen nicht mehr sehen, ihre Hände nicht mehr greifen, die schlagenden Herzen und die weichen Haare den Mörder nicht mehr locken können?
Hélène hat den Staubsauger ausgeschaltet, man hört jetzt die Stimme des Sprechers deutlicher: »… dieser Bericht. Die Polizei hat die Leiche von Stéphane Migoin gefunden. Er wurde als wichtiger Zeuge im Zusammenhang mit den Mordfällen von Boissy-les-Colombes gesucht. Stéphane Migoin soll seinem Leben auf dem Rastplatz von Hêtrai an der Autobahn A 12 selbst ein Ende gesetzt haben. Auf dem Beifahrersitz hat man einen Abschiedsbrief gefunden, der das Motiv für diese Verzweiflungstat erhellen könnte. Zahlreiche Indizien belasten den Toten.«
»Was hat er gesagt? Stéphane?«
Hélène kommt angelaufen und stellt den Ton lauter, doch es ist zu spät, die Werbung hat bereits begonnen.
»Habe ich richtig gehört? Stéphane ist tot?«
Zeigefinger.
»Hat er sich umgebracht?«
Zeigefinger. Wie ich es vorhergesagt habe. Ein Abschiedsbrief neben der Leiche. Armer Stéphane. Er sprach von ›grauenvollen Machenschaften^ Er hatte recht …
»Das würde bedeuten … daß er sie umgebracht hat …! Oh … Ich muß Paul anrufen …«
Genau. Aber meiner Meinung nach ist er schon auf dem laufenden. Denn meine Theorie scheint sich zu bestätigen. Und wenn sie richtig ist, dann ist dein Mann der Mörder von Stéphane und Renaud! Aber wie könnte ein Mann sein eigenes Kind töten? Na ja, wenn man an das Ehepaar denkt, das gerade in England verhaftet worden ist, weil es unter Verdacht steht, die eigene Tochter getötet zu haben, aber trotzdem … Paul … Aber irgend jemand muß es ja getan haben. Keiner scheint der Schuldige zu sein, dennoch muß es einen geben …
»Hallo, ich möchte Monsieur Fansten sprechen … seine Frau, ja … Hallo Paul, hast du es schon gehört? Sie haben Stéphane gefunden, er ist tot, er hat Selbstmord begangen … Was? Ja, im Fernsehen, gerade eben … Er hat einen Brief hinterlassen … Er hat sich eine Kugel in den Kopf geschossen, aber ja, ich bin ganz sicher, im Fernsehen, das sage ich doch, gut ja, ja, ich beruhige mich, gut ja, ich verstehe, ja, bis gleich … Paul?«
Ich vermute, er hat aufgelegt.
»Paul versucht, Erkundigungen einzuziehen. Er war gerade in einer Besprechung, er ruft gleich zurück.«
Ein praktisches Alibi, so eine Besprechung. Damit kann man unliebsame Gespräche abkürzen. Plötzlich wird mir bewußt, daß ich ganz bewußt die Möglichkeit ins Auge fasse, daß der Mann meiner besten Freundin ein Monster ist. Und doch kann ich mich diesem Gedanke nicht verwehren. Vielleicht liegt es daran, daß ich in meiner Einsamkeit gefangen bin. Die Tatsache, daß ich meine Gedanken über eine Welt, die ich nicht mehr sehe, wieder und wieder durchdenke, macht mich vielleicht gefühllos. Hélène läuft aufgeregt hinter mir auf und ab und murmelt unverständliche Worte. Nach dem Tod des kleinen Massenet und des kleinen Golbert, nach Sophies Selbstmord ist nun also Stéphane an der Reihe. Vier gewaltsame Tode in weniger als sechs Monaten! Ich bin überzeugt davon, daß Stéphane getötet wurde, während er mich anrief. Der Mörder ist in die Telefonzelle gekommen und hat ihn niedergeschlagen. Dann hat er den Körper zum Auto geschleppt, ihm eine Kugel in den Kopf gejagt und das ganze als Selbstmord getarnt. Und der Brief? Die Experten werden feststellen, ob er wirklich von Stéphane geschrieben wurde. In diesem Fall müßte ich mich ihrem Urteil beugen.
Das Telefon.
»Hallo! Ja! Und …? Wer …? Entschuldige, ich verstehe dich so schlecht, ein Rauschen in der Leitung … Das ist fürchterlich … Ich weiß, aber trotzdem … Sich vorzustellen, daß Stéphane … O Paul, wenn man bedenkt … ja gut, bis später.«
Sie legt langsam auf.
»Das war Paul. Er hat mit Guiomard, dem Chef der Gendarmerie, gesprochen. Er kennt ihn gut, er hat sein Konto bei der Bank … Sie haben Stéphane heute morgen gegen 8 Uhr auf dem Rastplatz 4 gefunden. Er hat sich mit seinem Karabiner eine Kugel in den Kopf geschossen. Und er hat einen Brief hinterlassen, in dem er um Verzeihung für das bittet, was er den Kindern angetan hat … das ist doch Wahnsinn!«
Ihre Stimme beginnt gefährlich zu zittern. Ich höre, wie sie aus dem Zimmer stürzt, wahrscheinlich, um zu weinen. Stéphane mit einer Kugel im Kopf … mit seinem eigenen Karabiner. Hatte er ihn mitgenommen? Wenn nicht, wer sollte besser Zugang zu seiner Wohnung gehabt haben als Sophies Liebhaber. Alle Spuren laufen an diesem Punkt zusammen. Entweder ist Stéphane tatsächlich schuldig und hat sich selbst gerichtet, oder es ist ein Komplott des Mörders, um den Verdacht von sich abzulenken. Und damit wären wir wieder bei seinem besten Freund Paul … die Zukunft wird es zeigen.
In den 13-Uhr-Nachrichten wird das Thema ausführlich behandelt. Ein Rückblick auf Stéphanes Leben, der Selbstmord seiner Frau, die Morde, der Pullover, der in der Forsthütte gefunden wurde, die Fahndung nach ihm, die seit zwei Wochen lief, ein Interview mit Guiomard … Plötzlich stößt Hélène einen Schrei aus:
»Entschuldigung … aber ich ertrage den Anblick dieses Körpers auf der Bahre nicht … und zu wissen, daß Stéphane unter dem Laken liegt … Das Auto ist voller Blut … sie dürften so etwas nicht zeigen …«
Als sie die Stimme von Inspektor Gassin erkennt, schweigt sie: »… kann Ihnen leider nichts sagen – Handelt es sich bei dem Abschiedsbrief um ein Geständnis? – Tut mir leid, aber ich kann Ihre Frage nicht beantworten. – Ist die Untersuchung abgeschlossen? – Man könnte sagen, daß es stichhaltige Indizien gegen Migoin gab, die man heute vielleicht als bestätigt bewerten kann, aber wir müssen die letzten Untersuchungsergebnisse abwarten … Entschuldigen Sie mich, ich muß gehen …«
Na gut, das war zu erwarten! Der Coup ist gelungen! Bravo, Bestie der Wälder! Aber wie willst du jetzt deine mörderischen Instinkte befriedigen? Denn wenn Stéphane Migoin der Kindermörder gewesen sein soll, kann er nicht weitermorden, da er tot ist … Stimmt, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Soll das bedeuten, daß der Mörder seine Karriere beenden will?
Daß er sich zur Ruhe setzt, nachdem er einem anderen die Schuld in die Schuhe geschoben hat? Leider können solche Verrückten im allgemeinen nicht einfach aufhören.
»Oh, es ist schon spät, ich habe die Zeit über dieser grausamen Geschichte ganz vergessen, wir müssen gehen.«
Hélène räumt das Geschirr ab, schaltet den Fernseher aus, und schon sind wir unterwegs, ich mit meinen Gedanken, die mir wild durch den Kopf schießen, sie mit ihren Ängsten und ihrem Kummer.
In der Bibliothek drehen sich alle Gespräche um Stéphane. Die meisten sind davon überzeugt, daß er der Mörder ist, und der Fall wird lebhaft diskutiert:
»Dabei war er immer so freundlich …«
»Das hätte man nicht für möglich gehalten … Wenn man bedenkt, daß er sich um den Fußballverein gekümmert hat …«
»Er war immer zu Scherzen aufgelegt …«
»Sich vorzustellen, daß er fünf Menschen umgebracht hat!«
»Ein Triebtäter … Seine Frau hat sich mal darüber beklagt, daß er merkwürdige Dinge von ihr verlangt …«
»Ich fand ihn immer irgendwie eigenartig …«
»Löwe, Aszendent Fisch, ein Mensch mit zwei Naturen, der zur Zerrissenheit neigt …«
Wegen Hélène versuchen sie zu flüstern, doch sie sind so aufgebracht, daß sie ihre Stimmen nicht zu mäßigen vermögen. Das ist zu aufregend, ein Mörder unter ihnen, in ihrer Stadt, und nicht irgend jemand, sondern ein bekannter Unternehmer. Hélènes Kollegin fragt sie, ob sie lieber nach Hause gehen möchte, erbietet sich, an diesem Nachmittag ihre Arbeit zu übernehmen, doch Hélène lehnt ab. Sie sagt nur, sie würde sich lieber unerledigten Arbeiten im Archiv widmen und ihrer Kollegin – Marianne – die Ausleihe überlassen.
Ich bleibe da und höre zu. Ich denke an meine arme Yvette, die vollständig aufgewühlt sein muß. Und an Virginie, wenn sie es erfahren wird.
Hélène hat schnell Fleischbuletten und Püree gemacht. Virginie, die offenbar nichts ahnt, spielt in ihrem Zimmer. Paul sieht sich die Regionalnachrichten an. Als er nach Hause kam, ist Hélène ihm entgegengelaufen. Ich nehme an, er hat sie in die Arme geschlossen, denn für eine Weile herrschte Stille. Dann hat er gesagt: ›Ich mache mir einen Drink, ich bin völlig fertig.‹ Ich habe gehört, wie er sich Whisky einschenkte, dann das Klirren der Eiswürfel, und anschließend wie sich jemand auf die Couch fallen läßt.
»Na, Lise, haben Sie gesehen? Wenn das keine Überraschung ist … Wirklich unglaublich.«
Es gibt Augenblicke, in denen ich fast froh bin, nicht reagieren zu können. Unerschütterlich zu bleiben. Im Fernsehen wiederholen sie den Bericht vom Mittag. Hélène hantiert in der Küche.
»Virginie! Essen!«
»Hast du es ihr gesagt?« fragt Paul leise.
»Nein, ich hatte nicht die Kraft.«
»Wir müssen es ihr sagen.«
»Aber, Paul, wenn sie erfährt, was man Stéphane zur Last legt …«
»Man darf die Wahrheit nicht vor den Kindern verbergen.«
»Worüber redet ihr, sag, Papa?«
Virginie kommt angelaufen.
»Hör zu, mein Liebling, über Stéphane.«
»Ist er zurückgekommen?«
»Nein, nicht wirklich. Er … er hatte einen Unfall«, antwortet Paul mit sanfter Stimme, mit jener Stimme, die er hat, wenn er mit seiner Tochter spricht und die mich anfangs so sehr betört hat.
»Ist er im Krankenhaus?«
»Er ist tot, mein Liebling. Er ist jetzt im Himmel.«
»Ist er bei Renaud? Der hat’s gut!«
Betretenes Schweigen. Wann werden sie sich endlich der Tatsache stellen, daß dieses Kind psychologische Hilfe braucht?
»Was hatte er für einen Unfall?«
»Einen Autounfall.«
»In der Schule sagen sie, daß er die anderen getötet hat …«
»Was?« ruft Hélène aus.
»Ja, aber ich weiß, daß das nicht stimmt, also ist es mir egal. Was gibt es heute zu essen?«
»Püree und Fleischbuletten«, antwortet Hélène wie abgespult.
»Super!«
Alle kauen wir ohne Appetit auf unseren Frikadellen herum, außer Virginie, die sich mit Heißhunger darüber hermacht.
Nach dem Essen kommt sie zu mir, um mir gute Nacht zu sagen und flüstert:
»Heute Abend werde ich Renaud rufen, um zu hören, ob er Stéphane gesehen hat. Vielleicht muß man ihm helfen hinaufzukommen … Gute Nacht!«
Sollte ich mich eines Tages wieder bewegen können, werde ich mir dieses Gör schnappen und es so lange quälen, bis es die Wahrheit gesteht.
Wie spät ist es? Ich bin vor Schreck aufgewacht. Ich habe nicht das Gefühl, daß es schon Morgen ist. Alles ist noch so ruhig. Wovon bin ich aufgewacht? Ich lausche aufmerksam.
»Elise!«
Ein großer Schreck, dann erkenne ich Virginies Stimme.
»Elise, wenn du wach bist, heb den Finger!«
Zeigefinger.
»Renaud sagt, daß die Bestie der Wälder Stéphane getötet hat. Um ihn dafür zu bestrafen, daß er sich in ihre Angelegenheiten eingemischt hat. Hörst du?«
Zeigefinger.
»Renaud ist bei mir. Er findet dich sehr hübsch. Er sagt, wenn du tot wärest, wärest du eine hübsche Leiche.«
Sogleich stelle ich mir Virginie vor, wie sie sich über mich beugt, und hinter ihr das eiskalte Gespenst ihres Bruders; sie ganz bleich in ihrem weißen Nachthemd, mit einem langen Messer in der Hand, bereit, es mir ins Herz zu stoßen und dabei zu wiederholen ›eine hübsche Leiche‹ … Dieses Kind treibt mich noch zum Wahnsinn, ich bekomme Gänsehaut.
»Renaud hat Hunger. Er will etwas von Mamas Schokoladenkuchen. Ich gehe mit ihm zum Kühlschrank.«
Ja, genau, nimm ihn mit und verschwinde!
»Sie werden sagen, daß Stéphane sie tot gemacht hat, aber das ist nicht wahr. Renaud weiß es auch und du auch, nur wir wissen es, nur wir drei. Weißt du, das kommt daher, daß Renaud tot ist, und ich lebendig und du, du schwebst zwischen beidem … Gut, wir gehen. Ich wollte es dir nur sagen … Du darfst keine Angst vor dem Tod haben, Renaud sagt, daß es überhaupt nicht weh tut …«
Danke, das ist ja super! Trippelnde Schritte, die immer leiser werden, je weiter sie weg sind. Ich zwinge mich, gleichmäßig zu atmen. Das arme Kind ist verrückt. Vergessen wir dieses nächtliche Zwischenspiel. Ich muß wieder einschlafen.
»Virginie, bist du das?«
Hélènes Stimme.
»Ich habe nur Pipi gemacht, Mama.«
»Geh schnell wieder schlafen.«
»Gute Nacht.«
»Gute Nacht, mein Liebling. Es war Virginie«, fährt sie mit leiser Stimme fort.
»Ich mag es nicht, wenn sie nachts rumläuft«, gibt Paul zurück.
Beide flüstern, doch in der völligen Stille der Nacht höre ich ihre Stimmen ganz deutlich.
»Hélène …«
»Ja?«
»Hélène, wir müssen miteinander reden.«
»Es ist spät …«
»Hélène, ist dir klar, daß Stéphane tot ist?«
»Was ist denn jetzt mit dir los?«
»Verdammte Scheiße, machst du das absichtlich, oder was?«
»Red nicht so laut, du weckst Elise auf.«
»Das ist mir egal, ich habe es satt, daß sie bei uns rumsitzt, ich bin sicher, daß sie uns nachspioniert.«
»Diesen Sommer scheinst du es aber nicht satt zu haben …«
»Du spinnst!«
»Warum? Stimmt es etwa nicht, daß sie dir gefällt? Meinst du, ich hätte dein Theater nicht bemerkt? Wie du ihr den Nacken gestreichelt hast und all das?«
Er war es also! Jetzt bin ich sicher, daß er der Mann auf der Couch war, alter Lustmolch!
»Hélène, um Himmels willen, können wir jetzt ernsthaft miteinander reden?«
»Wir reden doch, oder?«
»Na gut, auch egal. Vergiß es.«
Sie haben offenbar die Tür geschlossen, ich höre nichts mehr. Worüber wollte der lüsterne Paul reden? Auf alle Fälle hat er mich nicht mehr sonderlich ins Herz geschlossen. Keine freundlichen Worte und kein leichter Druck auf die Schulter mehr. Ich fühle mich wie eine alte Tante, die zu Besuch ist, und die man so schnell wie möglich loswerden möchte.
Bleibt mir nur noch, Schäfchen zu zählen.