|31|Kapitel 3

»Die Polizei stellt Nachforschungen an.«

»Das ist alles?«, begehrte Honey auf.

»Liebes Mädchen«, versuchte Casper sie zu beruhigen, »der Mann ist gerade eben erst als vermisst gemeldet worden. Und das, meine Liebe, war mehr oder weniger alles, was man mir dort gesagt hat. Wir sollen noch einen Tag abwarten. Wenn er dann immer noch nicht wieder aufgetaucht ist, leiten sie eine landesweite Fahndung ein.«

Das Fall des vermissten Touristen war in eine Sackgasse geraten. Honey war enttäuscht. Die Sache hatte ausgesehen wie ein echter Kriminalfall. Die Polizei hatte sie zur Routineangelegenheit erklärt.

Zu allem Überfluss waren auch noch die Temperaturen im Keller.

»Wir haben Juni, verflixt noch mal!«

Doch der Wettergott nahm keine Notiz von ihrem Wutausbruch. Um fünf Uhr nachmittags setzte der Regen ein.

Donnerstag war Lindseys freier Abend. Im Augenblick hatte sie das Bad mit Beschlag belegt. Schwaden von allerlei parfümierter Seife, Duschgel und Shampoo waberten aus dem Badezimmerfenster.

Honey saß draußen unter dem zweihundert Jahre alten Vordach. Das Metalldach, dessen ursprüngliche Farbe inzwischen zum marmorierten Grün alten Kupfers gereift war, verlief über die ganze Länge ihres privaten Innenhofs. Clematis und andere Kletterpflanzen überrankten die elegant durchbrochenen Säulen.

Der Patio, den dieser Baldachin überdachte, war vom Gästebereich |32|außerdem durch Büsche und andere Pflanzen abgeschirmt, die an festem Maschendraht und robusten Säulen entlangwucherten. Honey nahm auf einer Holzbank Platz. Wie das Dach hatte auch diese Bank ein gusseisernes Gestell, das weiß lackiert war. Während Honey über die Löwenköpfe am Ende der Armlehne strich, fragte sie sich, wann sie wohl ihre Karriere als Amateurdetektivin fortsetzen würde.

Endlich verstummte im Badezimmer das Geräusch fließenden Wassers. Eingehüllt in eine Duftwolke tauchte Lindsey auf, im Bademantel und mit einem Handtuchturban um das nasse Haar.

»Bei dir wird es wahrscheinlich heute Abend spät.«

»Heute Abend? Ganz bestimmt nicht. Du kannst mich so gegen drei Uhr morgens erwarten. Du willst doch immer, dass ich mich amüsiere, oder nicht?«

»Du hast gesagt, du gehst in ein Konzert.«

Lindseys Stimme kam undeutlich unter dem Handtuch hervor, mit dem sie ihr nasses Haar trockenrubbelte. »Mutter, ich versuche doch nur, ein bisschen wild rüberzukommen, genau wie du es dir wünschst.«

»Du ziehst noch durch die Klubs?«

Lindsey antwortete: »Nach dem Konzert.«

Honey lächelte. Für junge Leute war das Nachtleben in Bath so toll wie beinahe nirgends sonst. Schicke Weinbars drängten sich um das Theatre Royal, dazu gab es jede Menge Pubs, Restaurants, Klubs, wo man bis zum Morgengrauen feiern konnte.

Lindsey tummelte sich, wenn auch ein wenig halbherzig, in dieser Szene. Weiß der Himmel, woher sie das Gen für ihre schöngeistigen Kulturambitionen hatte.

»In irgendeinen netten Klub?«, fragte Honey, und das sollte ganz entspannt und modern – ja, sogar völlig unbesorgt – klingen. Das fiel ihr nicht gerade leicht.

Lindsey rubbelte weiter kräftig an ihren Haaren. »Hängt von meinen Freunden ab.«

|33|Mit wem ging sie aus? Honey nahm einen Schluck von ihrem Drink. Würde sie es wagen, diese Frage zu stellen?

»Von meinen drei männlichen Freunden«, ergänzte Lindsey, ehe sie dazu kam.

Drei Männer, und sie gingen in einen Nachtklub! Der Versuch, entspannt und modern zu bleiben, scheiterte kläglich. Jetzt übernahm die Glucke das Kommando.

»Also, hör gut zu, wenn du unbedingt durch die Klubs ziehen musst, dann halt dich immer in der Menge, lass dich von diesen Typen bloß nicht ausnutzen, und komm mit dem Taxi nach Hause.«

»Taxis sind teuer.«

Das kam Honey irgendwie bekannt vor. Wo hatte sie das nur schon gehört? Ihre Antwort war auch altvertraut. »Ich geb dir das Geld.«

»Mama, mach nicht so ein Theater. Die Typen sind nette Kumpel und werden mich nicht vergewaltigen. Hör endlich auf, mich wie ein Kind zu behandeln. Ich bin achtzehn, Herrgott noch mal!«

Honey stand der Mund weit offen, als ihr klar wurde, woran sie diese Worte erinnerten. »Großer Gott. Genau das habe ich damals auch immer geantwortet.«

In Lindseys Augen spiegelte sich das Lächeln, das um ihre Lippen spielte. »Und du klingst genau wie …«

»Kein Wort mehr!« Honey stoppte ihre Tochter mit ausgestreckten Händen. »Ich entschuldige mich dafür, dass ich dasselbe sage wie meine Mutter. Geh aus, betrink dich, lass dich flachlegen, aber mach mir keinen Kummer.« Sie küsste ihre Tochter auf die Wange. »Pass gut auf dich auf.«

»Geht in Ordnung.«

Das alte Kutscherhäuschen, in dem sie wohnten, stand am Ende des langen, gepflasterten Hofes hinter dem Hotel. Es hatte im Erdgeschoss zwei Schlafzimmer und ein Bad. Im Obergeschoss, in dem man einmal Heu und Hafer für die Pferde gelagert hatte, befanden sich nun eine Einbauküche und ein großzügiges Wohnzimmer. Dort schmückte ein |34|steingemauerter Kamin die eine Wand, und auf zwei großen A-förmigen Stützen ruhte eine offene Dachkonstruktion, die mit kanadischem Ahornholz verkleidet war. Wegen dieser Holzdecke hatte Honey die Schlafzimmer ins Erdgeschoss und das Wohnzimmer nach oben verlegt. Die Aussicht war so schön. Und die Decke auch, wenn man auf dem Rücken lag und nur vor sich hin starrte.

Honey kickte die Schuhe von den Füßen, lehnte sich wohlig auf dem hellen Ledersofa zurück und betrachtete liebevoll? – ja, liebevoll – ihre Sammlung von Korsetts, Seidenstrümpfen und wunderschönen Strumpfbändern, die mit Borten, Blümchen und sogar kleinen Vögeln aus echten Federn geschmückt waren. Den Ehrenplatz nahm der neuerworbene, umfangreiche Liebestöter ein. Wie ihre anderen Schätze war auch diese Riesenunterhose sicher hinter Glas und hing nun über dem Kamin.

Sie hatte das Ding schnellstens einrahmen lassen, ehe irgendeine Angestellte die große Baumwollfläche für ein Tischtuch hielt.

Honey grinste und hob ihr Glas. Die arme alte Königin Viktoria. Sie würde sich im Grab herumdrehen, wenn Sie wüsste, dass jemand vorhatte, ein englisches Frühstück auf ihrer Unterhose zu servieren!

Das Ende des Tages – die beste Zeit! Honey schenkte sich noch ein Glas Wein ein. Guter Wein ließ einen alles klarer sehen, obwohl er doch eigentlich den Ruf hatte, einem die Gedanken zu vernebeln.

Erstens, die Sache mit Elmer Weinstock. War er nur vermisst? War er in geheimer Mission hierhergekommen? Oder hatte Mervyn Herbert seine allerletzte Ladung Eiswürfel zerschmettert und beschlossen, gleich Elmers Schädel mit zu zertrümmern? Andererseits gab es vielleicht einen ganz anderen Grund für sein Verschwinden, der ihr nur noch nicht klar war.

Egal. Zumindest waren alle ihre Zimmer belegt. Casper hatte ihr noch mehr Kundschaft geschickt. Sie trank auf ihr eigenes Wohl.

|35|»Auf Honey Driver. Fünf-Sterne-Hotelier, weltberühmte Schönheit und bekannte Detektivin.«

Ein klitzekleines bisschen übertrieben, aber … »Kommt Zeit, kommt Rat«, seufzte sie und schloss die Augen. In ihren Träumen trug sie eine Sherlock-Holmes-Mütze, hielt ein Vergrößerungsglas in der Hand und rauchte Pfeife.