Honey wusste, was sie jetzt erwartete. Ihre Mutter faltete Servietten. Das Ergebnis war nicht so perfekt wie sonst. Normalerweise legte Gloria höchsten Wert auf Äußerlichkeiten, also war sie eindeutig mit den Gedanken woanders.
»Lindsey ist letzte Nacht nicht nach Hause gekommen.«
»Wer hat dir denn das erzählt?«
Ihre Mutter spitzte missbilligend die Lippen. »Ich bin heute Morgen in ihr Zimmer gegangen und wollte das Bett machen. Es war nicht nötig. Sie hatte nicht darin geschlafen.«
Ihr Mutter hatte eine eigene Wohnung, entschied sich aber ab und zu, bei ihnen ein wenig auszuhelfen. Manchmal blieb sie über Nacht.«Sie hat bei Sam geschlafen«, sagte Honey.
»Sam, was ist das denn für einer?«
»Eine – Samantha.«
Honey war sich nicht sicher, ob das auch stimmte. Lindsey hatte angerufen und dem Anrufbeantworter mitgeteilt, sie würde bei Sam übernachten. Honey wusste nicht, ob es eine Freundin namens Sam gab. Aber das würde sie ihrer Mutter auf keinen Fall auf die Nase binden.
Die gespitzten Lippen entspannten sich wieder. »Das ist dann ja in Ordnung.«
Als Nächstes brachte ihre Mutter die Séance aufs Tapet, die Mary Jane organisierte, weil sie hoffte, dass Sir Cedric dort für alle deutlich sichtbar Gestalt annehmen würde. »Ich glaube, sie spinnt komplett«, meinte Gloria. »Aber was kann man von einer Frau in ihrem Alter auch anderes erwarten?«
Honey schaute ihre Mutter an. Eigentlich war die nur fünf, höchstens sieben Jahre jünger als Mary Jane.
In Honeys Jackentasche brummte das Telefon. Sie schaute |218|sich die Nummer des Anrufers an, erkannte sie nicht, nahm aber das Gespräch an.
»Hallo. Hier ist John Rees.«
Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Gleich sah der Tag viel heller aus. Was hatte Lindsey gesagt? Besser von zwei Männern begehrt zu werden als nur von einem.
»Einen Augenblick.«
Ihre Mutter legte fragend den Kopf schief. »Wer ist dran?«
»Für mich privat.«
Sie ging mit dem Telefon nach draußen. Das Sonnenlicht spielte auf den Blättern, die vor einem hellblauen Himmel leise im Wind raschelten. Der Tag wurde besser und immer besser.
»Ich habe mir gedacht, wir müssen noch ein paar Dinge besprechen.«
Der Klang seiner Stimme erinnerte sie an die Typen aus den Südstaaten, die bei Elvis Presley Begleitsänger waren: Es war so ein näselnder, rauchiger Tonfall. Ihre Knie wurden ganz weich.
Sie verabredeten sich im »George« in Norton St. Phillip, einem uralten Gasthof ein paar Meilen außerhalb der Stadt. Hier bestand schon seit beinahe tausend Jahren eine Wirtschaft, und jetzt war sie Museum und Gastwirtschaft in einem. Ledernes Zaumzeug, alte Steinschlossgewehre, rostige Landwirtschaftsgerätschaften und blanke Messinglaternen hingen von den Balken. Ein paar Broschüren lagen aus, in denen es hieß, dass hier schon seit dem vierzehnten Jahrhundert gebraut wurde. Eine Gruppe japanischer Touristen mit Kameras um den Hals schaute sich gerade begeistert um. Einer nach dem anderen gingen sie zur Bar, studierten die Broschüren und nahmen mit, was sie interessierte.
Nordamerikanische Akzente mischten sich mit kanadischen, australischen, neuseeländischen und südafrikanischen. Französisch, Italienisch, Deutsch und Holländisch gesellten sich zum Japanischen und Spanischen. Es war viel los – wie gewöhnlich.
|219|»Wow! Unschlagbar!«, rief John, warf den Kopf in den Nacken und riss bewundernd die Augen auf. »Das ist alles so … alt! Ist das nicht einfach … wunderbar?«
»Ist alles schon ziemlich lange hier«, erwiderte Honey und hatte sofort ein schlechtes Gewissen wegen dieser unendlich lahmen Bemerkung. Sie hatte so sehr gehofft, einen guten Eindruck zu machen, aber was war das denn jetzt?
»Interessieren Sie sich für Geschichte …?« Sie unterbrach sich. »Entschuldigung, natürlich tun Sie das. Genau darum geht es ja in der Ausstellung, nicht?« Wenn sie jünger gewesen wäre, wäre sie rot geworden. Dieser neckische Gedanke huschte ihr durch den Kopf und verdrängte dort sogar den Wunsch, doch noch an alle Türen mit der Nummer sechs und neun zu klopfen – zumindest zeitweilig. Sie fühlte sich Elmer Maxted irgendwie verbunden. Er war hierhergekommen, um seine Wurzeln zu suchen. Das konnte sie verstehen. Als Tochter eines Amerikaners und einer Engländerin hatte sie immer zwischen beiden Welten geschwebt, nie recht gewusst, wo sie hingehörte. Nachdem ihr Vater einmal in Ungnade gefallen war, hatte ihre Mutter ihn nämlich völlig verdrängt.
Genauso ist es bei Geoff und mir gelaufen. Konnte so was erblich sein? Ihr schauderte bei dem bloßen Gedanken.
John bestellte das Essen. Sie hatte ihm beinahe automatisch geantwortet, was sie gern haben wollte: Krabbensalat mit westindischen Gewürzen.
Sie waren beide mit dem Auto gekommen, tranken also nur Alkoholfreies. Als alles bestellt war, wandten sie sich ernsteren Themen zu – jedenfalls so ernst, wie es nötig war.
»Wie lange führen Sie das Hotel schon?« Diese Frage musste ja kommen.
»Jetzt zwei Jahre.«
»Das muss Spaß machen.«
»Manchmal. Ich habe gern mit Menschen zu tun. Hin und wieder möchte ich mich allerdings auch vor ihnen verkriechen.«
|220|»Verständlich. Ich nehme an, Sie haben nicht gerade viel Freizeit.«
»Lange nicht genug. Zumindest komme ich mit dieser Polizeigeschichte ab und zu mal aus dem Haus. Das ist eine interessante neue Seite am Gastgewerbe.« Sie überraschte sich selbst, wie sie da munter über den Mordfall plapperte und erzählte, was Steve gesagt hatte und was sie gesagt hatte. Sie konnte sich gerade noch bremsen.
John fragte sie nicht, ob sie verheiratet, geschieden oder verwitwet wäre.
»Ich habe Ihre Mutter und Ihre Tochter kennengelernt.«
Honey zog eine Grimasse. »Alles, was meinem Leben Süße und scharfe Würze gibt – aber fragen Sie mich nicht, wer was tut.«
»Ihre Tochter sieht Ihnen so ähnlich – und Ihre Mutter …«
Sie bewegte warnend den Zeigefinger. »Sagen Sie jetzt bloß nichts von Hexenbesen! Abgemacht?«
»Das wollte ich gar nicht. Ich wollte sagen, dass Sie ein richtiges Original ist.«
»Das ist mal eine Beschreibung …«
»Ach, nicht doch. Wenn man Ihnen Glauben schenkt, ist sie die reine Cruella de Ville.«
»Nein, meine Mutter würde sich nie einen Mantel aus Welpenfell machen lassen, aber zu einem Stew verkochen würde sie die armen Hundchen doch.«
Er schaute sie prüfend an. Das Thema Familie vertiefen war das Letzte, was sie jetzt wollte.
»Ich scherze. Sie wird einfach alt und streitlustig«, sagte sie leichthin und schlug die Augen nieder, während sie an ihrem Drink nippte.
Gnade ihr Gott, wenn Gloria je herausfand, dass sie das gesagt hatte!
Über den Tellern mit wunderbaren, köstlich gewürzten rosa Krabben wandte sich ihr Gespräch nun der Ausstellung zu. Sie schaute auf seinen Mund, während er ihr von der Einladungsliste berichtete. Es war ein starker Mund, der geschmeidig |221|Worte formulierte. Und phantastisch küssen würde, überlegte sie. Ich wette, diese Lippen sind auch gut zum Küssen.
Er erklärte ihr, welche Weine er ausgewählt hatte und dass seine Schwägerin sich um das Essen kümmern würde. Sie wollte ihn fragen, warum seine Frau, die Schneekönigin, die er ins Restaurant mitgebracht hatte, das nicht machte, aber das ging sie ja nichts an. Bleib bei den Fakten, dachte sie für sich.
Sei ein nettes Mädchen, Hannah! Sie hörte förmlich die Stimme ihrer Mutter. Diesmal befolgte sie den guten Ratschlag.
»Was für andere historische Gegenstände haben Sie noch für die Ausstellung bekommen?«
Er schluckte eine besonders saftige Krabbe herunter, ehe er antwortete. »Eine Rüstung, eine Sänfte und eine Uhr. Jeder dieser Gegenstände steht für einen anderen Aspekt der Geschichte. Die Rüstung für Militärgeschichte, die Sänfte für die Geschichte des Transportwesens und die Uhr für die Industriegeschichte – die Krönung der industriellen Revolution.«
Sie neigte den Kopf zur Seite, so dass ihr Haar die Schulter berührte, und fragte: »Und wo passen da die Unaussprechlichen von Königin Viktoria hinein?«
»Das ist ganz einfach«, erwiderte er und strahlte vor Selbstbewusstsein. »Sie stehen für Frauenrechte, den langen Marsch zur Emanzipation.«
Honey prustete in ihren Drink.
John sah überrascht aus. »Habe ich was Komisches gesagt?«
Der Drink stieg ihr in die Nase. Honey zwickte sich mit den Fingern die Nasenflügel zusammen. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie antworten konnte.
»Die Verbindung sehe ich eigentlich nicht.« Sie konnte ihr Kichern nur mit äußerster Mühe unterdrücken. Sie hatte das Gefühl, dass er genau das beabsichtigt hatte. Hatte die Beschäftigung mit dem Fall Elmer Maxted sie wirklich zu so einer Langweilerin gemacht?
|222|Er erklärte weiter. »Große Unterhosen. Weite Röcke. Frauen waren in ihren Bewegungen durch die Kleider beengt. Dann kam das zwanzigste Jahrhundert und – rums! – hat sich alles verändert.«
»Aber nicht sonderlich schnell.«
»Gut, nein, nicht sehr schnell, jedenfalls nicht bis in die zwanziger Jahre mit dem Charleston und den Backfischen. Aber es ist passiert. Endlich sind die Frauen die weiten Röcke, die engen Korsetts und die riesigen Dessous losgeworden.«
Es war seltsam angenehm, ihm zuzusehen, wie er die Soße mit einem Stück Brot auftunkte. »Stellen Sie sich doch nur all die Dinge vor, die Sie nicht machen könnten, wenn Sie einen weiten Rock anhätten.«
Honey grinste, schüttelte den Kopf und aß zu Ende. Als sie ihr Glas hochhob, um es bis auf den letzten Tropfen auszutrinken, bemerkte sie ein vertrautes Gesicht. Loretta Davies hatte sie auch gesehen, schob ihren Stuhl zurück und kam herübermarschiert.
Sie atmete Weindunst, und ihre Augen schimmerten vor zu viel Alkohol. Sie trug eine bestickte Tunika und grüne Leggings. Noch immer schmückten Ringe ihre Finger und baumelten an den Ohren. Honey sprach ein stummes Dankgebet, dass zumindest der Nabel bedeckt war.
»Wissen Sie, dass die meinen Vater verhaftet haben?«
Honey erhob sich halb. »Ja, das tut mir so leid, Loretta.«
»Er war’s nicht.« Sie schüttelte langsam den Kopf, während sie das sagte, betonte jedes einzelne Wort mit einer Bewegung. »Er war’s nicht«, wiederholte sie trotzig, als könnten diese Worte alles bestätigen, was Beweise nicht erbracht hatten.
Die Leute begannen zu ihnen hinzuschauen.
Loretta war mit ihrer Mutter hier. Cora kam zu ihnen herüber und nahm ihre Tochter bei der Hand. »Komm schon, Loretta. Mach keine Szene.«
Cora blieb stehen und schaute Honey über die Schulter an.
|223|»Die haben mir gesagt, dass ich Mervyns Sachen nicht anfassen darf, bis ihr euch noch mal alles angesehen habt. Robert war’s nicht. Ich weiß, dass er’s nicht war.«
Honey schaute ihr mit zusammengekniffenen Augen nach. Wieder tauchte in ihren Gedanken die Frage nach der Nummer sechs und der Nummer neun auf. Der unbeschwert fröhliche Augenblick zwischen ihr und John war vorbei – zumindest für heute.
Sie bemerkte es zuerst gar nicht, dass auch seine Augen zusammengekniffen waren und er sie musterte.
»Ihrem Gesicht nach zu urteilen war’s das wohl für heute«, meinte er.
Sie schaute ihm in die Augen. Darin lag Mitleid, vielleicht sogar Leidenschaft.
»Ja.«
Ihr Blick fiel auf die schwere Eichentür, die hinter Cora und ihrer Tochter zufiel.
Die beiden brauchten Hilfe. Sie würde versuchen, ihnen beizustehen, aber immer schön der Reihe nach. Erst musste sie nach Charlborough Grange zurück und dort fragen, ob Elmer Maxted das Haus besucht hatte. Heute Nachmittag nicht mehr, denn immerhin musste sie sich ja auch ums Geschäft kümmern. Morgen war auch noch ein Tag, und sie brauchte ja nicht allein hinzufahren.
»Haben Sie morgen schon was vor?«
John schüttelte den Kopf.
»Hätten Sie Lust auf eine kleine Landpartie?«
»Klar. Wohin?«
»Charlborough Grange. Wissen Sie, wo das ist?«
»Klar. Sicher weiß ich das. Da wohnt der Mann, der mir die Uhr leiht.«