|224|Kapitel 28

So schnell der Sommerschauer gekommen war, war er auch wieder vorbei. Die Sonne brach hervor, und die Hauptstraße, die in Richtung Freshford aus Bath hinausführte, lag so nass und glänzend wie ein zahmer Fluss vor ihnen. Ein Regenbogen überwölbte das Tal. Die Straße, das Tal, der Fluss, der Kanal, alle schlängelten sich auf ihn zu.

Honey hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie geflunkert hatte, als sie diese Exkursion als nachmittägliche Landpartie bezeichnet hatte. John erklärte, er sei froh, noch einmal eine Gelegenheit zu bekommen, die letzten Einzelheiten für das Ausleihen der Uhr zu regeln.

Als sie vor Charlborough House vorfuhren, klingelte ihr Handy. Es war Steve Doherty.

»Raten Sie mal, wo Davies gewohnt hat?«

Sie wollte nicht raten. Von dem Augenblick an, als sie sich in den tiefen Beifahrersitz von John Rees’ Austin Healey gezwängt hatte, war die Wirklichkeit mit all ihren Sorgen versunken – so wie sie in diesem Sitz.

Es war ihr im Augenblick völlig egal, wer wen umgebracht hatte. Johns Oberschenkel presste sich warm gegen ihren. Wer scherte sich drum, dass es ein heißer Tag war? Ein bisschen mehr Hitze dieser Art war stets höchst willkommen.

Sie überlegte, ob sie das Gespräch ablehnen sollte. Doherty war schneller.

»Honey? Sind Sie dran?« Zu spät!

»Also, schießen Sie los.«

»Ehe er auf das Kanalboot gezogen ist, hat Davies in einer Wohnung in Charlotte Terrace gewohnt. Gleich beim Fluss. Charlotte Terrace Nummer sechs! Jetzt haben wir ihn!«

|225|Sie konnte sich sein Gesicht vorstellen: die weit aufgerissenen Augen, das Lächeln, das festgefroren war wie ein aufgemaltes Clownsgrinsen. Nein. Er war kein Clown. Er war ein Mann, der seine Arbeit wie in der Zwangsjacke verrichtete. Er musste sich mit Regeln und Richtlinien und den Medien und der anspruchsvollen Öffentlichkeit herumschlagen.

»Haben Sie Beweise gefunden?«

Dass sie überhaupt die Kühnheit hatte, diese Frage zu stellen, überraschte sie selbst. Sie konnte sich bildlich vorstellen, wie er den Mund verzog, als hätte er gerade auf eine Zitrone gebissen.

»Indizien, aber nicht genug. Na? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass er unser Mann ist.«

Doherty war außer sich vor Freude, dass er den Täter gefunden hatte. Entweder hatte er den leicht zweifelnden Ton in ihrer Stimme nicht bemerkt oder ihn einfach ignoriert. Heute war es zweitrangig, dass sie ihm am liebsten mitgeteilt hätte, sie sei immer noch nicht überzeugt. Er verdiente ihre Unterstützung.

»Ja, das haben Sie.«

Das Gespräch wurde beendet.

»Sind Sie so weit?«, erkundigte sich John.

Der junge Mann namens Mark Conway hörte aufmerksam zu, als John ihm erklärte, warum er gekommen war.

»Ah, ja. Ich weiß von der Übereinkunft.«

Er führte sie in den Wintergarten und bat sie, auf großzügigen Rattansesseln Platz zu nehmen. Dankbar versanken sie in den dicken Kissen, die mit schwerem Baumwollstoff bezogen waren, auf dem riesige Rosen blühten. Mark verschwand, um Sir Andrew zu benachrichtigen.

»Ziemlich warm hier drin«, meinte John und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er sah sich mit großen Augen um. »Ich denke mal, in diesem Wintergarten hat sich seit Königin Viktorias Zeiten nichts geändert.«

»Irgendwie gruselig hier. Finden Sie nicht, dass die Pflanzen aussehen wie das entflohene Grünzeug aus Die Triffids

|226|»Sie sind ein bisschen arg tropisch.«

Seine Stimme hatte ein wenig von der Ruhe verloren, an die sie sich gewöhnt hatte.

»Sie fühlen sich hier auch nicht wohl, stimmt’s?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf und sah ihr geradewegs in die Augen.

»Ich reagiere instinktiv auf Orte. Ich registriere die Schwingungen.«

»Bitte jetzt keine übersinnlichen Geschichten.« Sie erzählte ihm von Mary Jane. »Ein Doktor der Parapsychologie reicht mir vollkommen.«

Charlborough hatte seinen eindrucksvollen Auftritt, als John gerade zu Ende gelacht hatte. Er kam mit großen Schritten und ausgestreckter Hand auf sie zu, sein Gesicht ein Bild patrizischen Wohlwollens.

Offensichtlich kleidete er sich gern vom Scheitel bis zur Sohle Ton in Ton. Heute trug er einen lässigen Pullover aus blassgrüner Lammwolle und passende Hosen. Aus dem V-Ausschnitt des Pullovers schaute der Kragen eines karierten Hemdes hervor.

»Na so was, Rees. Wie geht es Ihnen, mein Lieber?«

»Sehr gut, Sir. Ich dachte, ich fahre mal raus und gehe noch einmal mit Ihnen alles durch – wenn es Ihnen nicht ungelegen kommt?«

»Nein, nein, mein Lieber! Überhaupt nicht!«

Vielleicht lag es daran, wie John gefragt hatte oder daran, wie er dabei geschaut hatte, jedenfalls schien Charlborough völlig außerstande zu sein, ihm etwas abzuschlagen. Er strahlte menschliche Wärme und Willkommen aus, ganz anders als neulich bei ihrem Besuch mit Doherty. Doherty war ein Kämpfertyp. Sie eigentlich auch, wenn sie es recht bedachte.

Als Charlboroughs Augen auf sie fielen, wurde sein Lächeln ein wenig dünner.

»Das ist Honey Driver. Sie sammelt Kleidungsstücke aus vergangenen Epochen«, erklärte John.

|227|Honey fand es nicht der Mühe wert, offensichtliche Tatsachen zu leugnen. »Wir kennen uns schon.«

Sie schüttelten einander die Hand. Erst huschte eine Erinnerung über sein Gesicht, dann hatte er sich wieder im Griff. Sein Lächeln war gezwungen, sein Handschlag schlapp.

»Ich war in meiner Eigenschaft als Kontaktperson des Hotelfachverbandes hier. Ich habe Sie nach Elmer Maxted befragt.«

»Ah ja«, erwiderte er mit einem steifen Kopfnicken. »Ich meine mich zu besinnen, dass Ihnen ein amerikanischer Tourist abhanden gekommen war.«

Seine Wortwahl irritierte sie. Ihr Lächeln war so steif und kühl wie das seine. »Nein, abhanden gekommen ist er uns nicht. Er wurde ermordet.«

»Ah! Und hat die Polizei den Übeltäter bereits verhaftet?«

Sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass er es bereits wusste. Nachrichten breiteten sich aus wie Lauffeuer – unter den »alten Kameraden« gab es bestimmt jede Menge Polizeichefs und Richter.

»Sie haben jemanden verhaftet. Ob sie ihm das Verbrechen nachweisen können, ist wie immer ein andere Sache.«

»Ja, gewiss.« Er wandte sich sofort wieder John zu. »Nun, was meine Uhr betrifft …«

Honeys Blick wanderte zum Garten und dem Park jenseits des dichten Laubs und des schwülen Wintergartens. Ein Kirchturm erhob sich über einer Reihe von Zitterpappeln in den Himmel.

Die nur für die monströsen Pflanzen hier drin erzeugte feuchte Hitze war unerträglich. Honey begann, sich mit dem Handrücken den Schweiß von den Wangen zu tupfen.

»Es tut mir leid«, unterbrach sie die Unterhaltung der beiden Männer, »könnte ich einen Augenblick nach draußen gehen, um frische Luft zu schnappen?«

Kurz spiegelte sich Unentschlossenheit auf Charlboroughs Gesichtszügen, während er abwägte, was schlimmer wäre: ihr die Bitte abzuschlagen oder zu gewähren.

|228|»Entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie langweilen«, sagte John so leichthin wie nur möglich. »Wir wandern gerade durch die Gefilde der Geschichte.« Er grinste zu Sir Andrew hinüber. »Nicht jeden fasziniert dieses Thema so sehr wie uns. Ein wenig frische Luft fegt einem die Spinnweben aus dem Hirn, sagt man.«

Charlboroughs Gesichtsausdruck schwankte zwischen Arroganz und schmerzvoller Nachsicht. »Natürlich.« Er wandte sich Honey zu. »Bitte bleiben Sie im Gartenbereich. Auf dem restlichen Gelände habe ich einige Projekte angefangen.«

Sie erkundigte sich nicht danach, was das wohl für Projekte sein mochten, aber die bloße Tatsache, dass es verbotene Zonen gab, machte sie neugierig.

Sobald sie an der frischen Luft war, schwitzte sie nicht mehr. Stufen führten von dem erhöhten Bereich beim Wintergarten hinunter. Rote und orangefarbene Kapuzinerkresse rankte aus bröckeligen Steinurnen. Rundum verlief eine Balustrade aus moosbedecktem Stein.

Überaus gepflegte Rasenflächen von gigantischen Ausmaßen und eleganten Proportionen erstreckten sich in weiten Bögen zwischen den Blumenbeeten und Bäumen, wie ein Fluss auf seinem Weg zum Meer. Aber im Gegensatz zu einem Fluss endeten diese Rasenflächen bei einer roten Ziegelmauer. Der Mörtel zwischen den Steinen war weiß, die Ziegelsteine unregelmäßig geformt, ein Zeichen ihres Alters und der Verwitterung. Ein Torbogen mit einer Holztür, wie man sie in Kirchen und mittelalterlichen Burgen fand, führte durch die Mauer, ehe diese hinter einem Goldregen verschwand. Sie war zwar keine Gärtnerin, erinnerte sich aber vage daran, dass Goldregen giftig war. Sie nahm sich vor, das nachzusehen, Gott weiß, warum. Es war ja niemand vergiftet worden.

Die Tür hätte sie nicht so magisch angezogen, wenn Charlborough ihr nicht befohlen – ja, befohlen! – hätte, innerhalb des Gartens zu bleiben. Doch nun war das anders. Ein Eisenring wartete nur darauf, dass man ihn berührte.

Wahrscheinlich war die Tür abgeschlossen, aber versuchen |229|konnte man es doch einmal. Sie ging auf. Da waren wieder die riesigen Gewächshäuser, bis obenhin vollgestopft mit Grünzeug, noch üppiger als die wuchernden Pflanzen, die den Wintergarten füllten. Und die Gewächshäuser, wie groß waren die … wie ein Fußballfeld? Mindestens. Sie waren gigantisch!

Ihr Dach schwang sich wie bei einem von den im Krieg errichteten Unterständen, die inzwischen unter der Last der Jahre und den Angriffen des Wetters beinahe zusammenbrachen. Der Eingang war mit einem Wall aus Sandsäcken geschützt, von denen man etwa ein Dutzend übereinander aufgeschichtet hatte. In einen Sandhaufen neben einer Obstkiste – wie man sie für Orangen benutzt – hatte jemand eine Schaufel gerammt.

Genau wie beim letzten Mal war niemand zu sehen. Sie fragte sich, wann eigentlich diese Kriegsspiele veranstaltet wurden, bei denen Leute etwas dafür bezahlten, hier kämpfen zu dürfen.

Man hörte nur Vögel und Bienen. Genau wie sie es gehofft hatte, lagen ein paar Säcke neben dem Sandhaufen auf dem Boden.

Säcke! Die Säcke?

Sie schnappte sich einen und schüttelte den Sand heraus.

Sie hielt ihn mit beiden Händen vor sich. Er sah zu groß aus. Nur um sicher zu sein, schnupperte sie daran. Er roch nach neuem Sackleinen.

Gerade als sie daran dachte, wieder zurückzugehen, öffnete sich die Tür des Gewächshauses mit einem zischenden Geräusch. Feuchtwarme Luft strömte heraus und verpestete die Frische des Tages nach dem Regenguss.

Dass jemand mit der feuchtwarmen Luft aus dem Gewächshaus gekommen sein musste, begriff sie nicht so schnell, wie nötig gewesen wäre. Die Sandsäcke verbargen ihn vor ihren Blicken, bis sie einander gegenüberstanden, beide auf dem falschen Fuß erwischt, beide unsicher, wie sie sich verhalten sollten.

|230|»Sie.« Der gleiche Mann wie beim letzten Mal. Der Mann, den Sir Andrew Trevor genannt hatte. So was wie ein Butler. So was wie ein Alptraum.

Sie versuchte es mit Dreistigkeit. »Ja, es ist mir im Wintergarten ein wenig zu warm geworden. Sir Andrew meinte, ich könnte draußen ein bisschen frische Luft schnappen.«

Er hatte ein kantiges Gesicht, seine Mundwinkel hingen nach unten, die Augen saßen tief in ihren Höhlen. Seine Schultern waren breit. Es war, als hätte man ihn aus Stein gehauen und als hätte der Steinmetz die feineren Einzelheiten des Körpers noch nicht gemeißelt. Seine Augenfarbe konnte man in den dunklen Höhlen unter den Brauen nicht ausmachen.

Zum Fürchten. Mehr noch als beim letzten Mal. Als wäre man in einer finsteren, schrecklichen Nacht Frankensteins Monster begegnet, nur dass es heller Tag war.

Sie spürte, dass sie zu ihrem Schutz jetzt als Erste eine Erklärung abgeben sollte. Sie hielt den Sack hinter dem Rücken, ließ ihn langsam zu Boden gleiten.

»Dann will ich mal wieder reingehen. Man hat mir eine Tasse Tee versprochen.«

Nicht ganz die Wahrheit, aber fast.

Der Mann, der vor ihr stand, verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein. Entweder hatte sich seine Anspannung gelöst oder er würde sich im nächsten Moment auf sie stürzen. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste. Honeys Beine trugen sie in Windeseile in Richtung Tür und auf die gepflegten Rasenflächen, das Haus und die überwältigende Hitze des Wintergartens zu. Sie verbarg sich hinter einem wunderbar duftenden Busch, bis sie wieder bei Puste war, wagte erst dann, sich umzuschauen, als sie sicher war, dass ihr niemand gefolgt war.

Sir Andrew hatte erzählt, dass nur ein einziger Gärtner sich um das Gewächshaus kümmerte. Aber ganz wohl war ihr immer noch nicht. Wurde es wirklich bloß für diese Kriegsspiele benutzt? Oder verbarg sich darin etwas, was weitaus finsterer war? Drogen war die erste Antwort, die ihr in den Kopf |231|schoss. Aber welche Pflanzen, aus denen sich Drogen herstellen ließen, wurden denn so riesengroß?

»Geht es Ihnen jetzt besser?«, fragte John.

Sie quälte sich ein Lächeln ab, das gut zu den geröteten Wangen und der leichten Atemlosigkeit passte.

Sir Andrews Augen durchbohrten sie förmlich. »Ich bin so froh, dass Sie sich wieder besser fühlen.«

»Ja. Vielen Dank.« Sie überlegte sich, ob er erraten hatte, dass sie seinen Befehlen zuwidergehandelt hatte, bekam aber keine Gelegenheit, das herauszufinden. Der Klang einer schrillen Frauenstimme drang durch das dichte Blätterdach, durch das sogar ein wenig Sonnenlicht fiel.

»Liebling, ich habe ja gar nicht gewusst, dass wir Besuch haben.«

Pamela Charlboroughs Haar war helsinkiblond. Ihr Gesicht war bermudagebräunt. Sie trug ein rotes Seidenkleid, das raschelte, wenn sie ging, und ihr Parfüm stank förmlich nach Geld. Ihre nackten Arme waren von Sommersprossen übersät, und die Zehennägel waren im gleichen Farbton wie das Kleid und ihre hochhackigen Pantoletten lackiert. Sie schwankte ein wenig und trug ein sehr volles Weinglas in den Händen.

»Wieder einer von deinen kleinen Soldatenfreunden?«, fragte sie mit rauchiger Stimme. »Du liebe Güte, der hat ja gar keine Uniform an! Dafür solltest du ihn sofort tadeln, Liebling. Übers Knie legen, die Hose runter, und dann den knackigen kleinen Hintern versohlen!«

Plötzlich bemerkte sie Honey. »Oh! Eine von der weiblichen Truppe?« Ihr Gesicht verzog sich. »Kenne ich Sie nicht von irgendwoher?«

»Pamela!« Die Röte breitete sich wie ein Lauffeuer auf Charlboroughs Gesicht aus.

Lady Pamela schaute überrascht drein. »Hab ich wieder mal alles falsch verstanden, Schätzchen?«

Sir Andrews Augen schleuderten Blitze. »Verschwinde, Pamela!«

|232|John war das alles sehr peinlich.

Honey schaute nur zu, schämte sich irgendwie, dass sie zum selben Geschlecht gehörte wie diese sonnengebräunte Blondine.

Als sie nah genug gekommen war, kniff Lady Pamela die Augen zusammen, um Honeys Gesicht eingehender zu betrachten. »Sind Sie nicht neulich mit dem reizenden jungen Detektiv hier gewesen? Ja! Da bin ich mir ganz sicher.« Sie wandte sich zu Sir Andrew um. »Oh, liebstes Schätzchen, was hast du denn jetzt wieder ausgefressen?«

Liebste Schätzchen waren diese beiden ganz bestimmt nicht.

Sir Andrew durchbohrte sie mit Blicken. »Nichts! Du bist betrunken!«

»Oh, bin ich das wirklich, Liebling? Dann höre ich am besten sofort damit auf.« Sie lachte, machte ein paar unstete Schritte und kippte den Wein in einen Blumentopf. Das Weinglas warf sie gleich hinterher, wobei der Stiel abbrach.

Das fand ihr Gatte nun überhaupt nicht komisch. »Pamela! Himmel noch mal! Das ist Waterford-Kristall!«

Pamela Charlborough kicherte albern und schlug die Hand vor den Mund. »Ich Dummerchen! Ich hätte all die schrecklichen Sachen nicht sagen sollen, was? Böse, böse Sachen.« Sie lachte wieder.

Obwohl Charlborough überaus peinlich berührt dastand, konnte Honey kein Mitleid für ihn empfinden. Er war zu aalglatt. Die Rolle des großen Herren war ihm zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen. Pamela war sicherlich nicht die erste Vorzeigefrau, die auf einmal merkte, dass sie in der Falle saß, und die von ihrem älteren, reicheren Mann bitter enttäuscht war.

»Ich entschuldige mich für das unhöfliche Benehmen meiner Frau.« Sir Andrews Stimme klang ein, zwei Oktaven tiefer und aufrichtig.

»Wir vertragen uns immer am besten, wenn wir uns nicht |233|sehen«, erklärte Lady Pamela. »Ich reise heute Abend nach Spanien ab. Mein Gatte zahlt. Nicht wahr, Liebling?«

»Das ist aber schön für Sie. Hoffentlich amüsieren Sie sich dort recht gut«, sagte Honey, und ihr Lächeln und ihre Stimme waren so sarkastisch wie nur möglich.

Pamela bewegte einen perfekt manikürten Finger hin und her. »Spielen Sie nicht im Augenblick die Detektivin? Ich erinnere mich, dass Sie beim letzten Mal so was gesagt haben.«

»Ja«, Honey lächelte eisern weiter. »Ich erinnere mich wahrscheinlich etwas besser daran als Sie.«

Die Anspielung war offensichtlich, aber es dauerte eine ganze Weile, bis sie angekommen war. Dann spiegelte sich die Unaufrichtigkeit ihres Lächelns in den Augen Ihrer Ladyschaft.

»Na ja, so ist es ja bei kleinen Geschäftsleuten immer, nicht? Ich nehme an, man muss schon sehen, wo man bleibt, damit man über die Runden kommt.«

Als Honey gerade ausholen wollte, um Ihre Ladyschaft mit einem rechten Haken zu Boden zu strecken, trat John dazwischen. »Wo werden Sie denn in Spanien wohnen?«

Bei seinem Ton und seinem Lächeln wäre sogar eine Nonne schwach geworden – und das war Lady Pamela nun wirklich nicht.

Als sie gingen, waren alle Abmachungen für die Ausleihe der Uhr getroffen, und Lady Pamela hatte John eingeladen, sie in ihrer Privatvilla zu besuchen, wenn er zufällig in Spanien war. Honey wurde ignoriert.

»Miststück«, murmelte Honey, als sie im Auto saßen und sich auf der Rückfahrt nach Bath befanden.

»Ich glaube, ihr Mann teilt diese Ansicht«, meinte John.

»Bahnt sich da eine Scheidung an?«

»Darauf können Sie wetten. In der Beziehung habe ich Glück gehabt. Meine Exfrau ist sehr heiter und gesellig.«

Das schlanke, elegante Geschöpf? Das musste Honey herausfinden.

|234|»War sie das …«

»Neulich abends im Restaurant? Ja.«

Honey seufzte erleichtert auf. Er war genau ihr Typ – und zu haben!

»Sie spricht wie eine Lady – und das kann man von Lady Pamela Charlborough nun wirklich nicht behaupten.«