Honey merkte an Dohertys Verhalten rasch, dass es eindeutig nicht seine Idee war, sie zu seinem Besuch im »Ferny Down Guest House« mitzunehmen.
»Ich sehe nicht ein, wozu das gut sein soll«, erklärte er ihr unumwunden.
Honey versteckte ihre Grimasse hinter einem Gähnen. Sie war den Umgang mit schwierigen Kunden gewöhnt und also auf Typen wie ihn gut vorbereitet. Sie erkannte sie sofort – die Nörgler, die Brummbären und die verdrossenen Doktor-Jekyll-Typen, die ihre Beschwerde immer mit den Worten »eigentlich bin ich nicht der Typ, der sich beklagt« begannen, dann ausgiebig meckerten und im nächsten Augenblick wieder zuckersüß wie pappiger türkischer Honig waren. Genau wie diese Gäste hatte auch Steve Doherty zwei Seelen in seiner Brust: Die gesellige Hälfte wollte sie wahrscheinlich umarmen, vielleicht noch mehr; und die professionelle Hälfte wollte sie nur aus dem Weg haben.
Er hatte eine grimmige Miene aufgesetzt, und ein mürrischer Zug spielte um seine Mundwinkel, als er zum nörgelnden Brummbären mutierte.
Sie sagte offen, wie die Lage ihrer Meinung nach war: »Man hat angeordnet, dass Sie mich mitnehmen müssen.«
Er schob die Hände tiefer in die Taschen. »Der Chief Constable glaubt, dass man ihm mehr Platz in den Medien einräumt, wenn Sie mit an Bord sind. Er sieht gern sein Bild in den Zeitungen.« Das zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Honey konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Machen Sie sich nichts draus«, sagte sie und tätschelte ihm die Hand – |90|eine kalte Hand. Wie ging der Spruch doch gleich? Kalte Hände, warmes Herz? Nett. »Sie haben eine Anordnung bekommen, und ich auch – na ja, mehr oder weniger. Also belassen wir es dabei und sehen zu, dass wir mit der Sache vorankommen, ja?«
Er grunzte irgendwas. Sie verstand kein Wort.
»Ich deute das mal als Zustimmung.«
Und nun blieb ihr nichts anderes übrig, als sich bequem auf dem Beifahrersitz zurückzulehnen und die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten.
Doherty hockte schweigend neben ihr.
»Die Blumen sehen dieses Jahr ganz besonders hübsch aus. Mir gefällt die Kombination aus Rosa und Lila. Ihnen auch?«
Er wandte seine Augen lange genug von der Straße ab, um ihr einen grimmigen Blick zuzuwerfen. »Mrs. Driver, jetzt ist wohl kaum die Zeit und der Ort, um sich Blumen anzusehen.«
Sie bewahrte sich ihr Lächeln und ihre gute Laune, legte den Kopf ein wenig schief, sodass ihr Haar auf die rechte Schulter fiel.
»Es geht darum, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Blumen sind wie Musik: Sie beruhigen die Nerven. Dazu bin ich hier. Denken Sie einfach, ich wäre eine Blume.«
»Wie bitte?«
Hurra! Eine Reaktion! Wie um das noch zu unterstreichen, brach der Wagen aus und näherte sich gefährlich dem Mittelstreifen, was ihnen ein lautes Hupen und eine obszöne Geste von einem Mann in einem entgegenkommenden weißen Lieferwagen einbrachte.
Honey ließ sich nicht anmerken, dass sie das mitgekriegt hatte, und fuhr unbeirrt fort. »Sie sind eher wie ein Stein – verlässlich und fest, wenn Sie Mrs. Herbert einen Haufen Fragen stellen. Ich bin das Blümchen, das ihre Nerven beruhigt.«
Doherty schüttelte ungläubig den Kopf. Er schnüffelte. Französisches Parfüm. Honey roch gut und sah gut aus. Sie trug eine rosa karierte Jacke, einen eierschalenfarbenen |91|Rock und bonbonrosa gestreifte Schuhe. Zum Vernaschen hübsch.
»Also«, fuhr Honey fort, »werden Sie Mrs. Herbert verhaften?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Aber ausschließen wollen Sie es auch nicht.«
»Das hängt von der Beweislage ab und von ihren Antworten auf meine Fragen.« Dohertys kantiges Kinn wurde noch eine Spur kantiger.
Hinter seinem resoluten Äußeren spürte sie seine Verwirrung, den Zusammenprall des Persönlichen und Beruflichen. »Ich bezweifle, dass sie es war, wenn sie auch eine Verbrecherin ist – auf ihre Weise. Allein schon für ihre Wahl von Kleidung und Make-up gehört die Frau hinter Schloss und Riegel. Die ist wirklich kriminell!«
»Ja, ja, ja«, stimmte Doherty ihr zu, als er den Motor abstellte. »Gut. Jetzt habe ich ein paar Fragen an Sie, liebes Blümchen.«
Honey zeigte mit dem Finger auf ihre Brust. Damit hatte sie nun nicht gerechnet. Was wusste sie schon?
»Ja.« Doherty hatte ihren schrägen Blick bemerkt. »An Sie. Sie haben gesagt, der Alte hat eine Gefriertruhe durch die Hintertür rausgetragen, als Sie zum ersten Mal hier waren.«
Sie nickte. »Das stimmt. Ein städtischer Müllwagen wartete draußen, um das Ding zur Sonderdeponie zu fahren, damit das Kühlmittel abgelassen werden kann, ehe es in die Presse kommt.«
Er strich sich nachdenklich übers Kinn. »Tatsächlich? Sind Sie da ganz sicher?«
»Das ist wegen der Umwelt, das müssen die so machen.«
»Ich frage mich, ob das Ding schon in der Presse gelandet ist.«
Sie merkte, worauf er hinauswollte, und zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht.«
»Ich lasse das mal überprüfen.«
|92|Er tätigte den Anruf, ehe sie aus dem Wagen stiegen.
Die Blumen in den Hängekörben sahen ein bisschen schlapp aus. Honey fragte sich, ob Mervyn derjenige war, der sich immer darum kümmerte. Natürlich musste das nicht unbedingt so sein. Es könnte auch Coras Aufgabe sein, und die war nun so durch den Wind, dass sie das Gießen vielleicht vergessen hatte. Würde auch niemanden überraschen.
Dohertys Gesichtsausdruck war todernst, als er klingelte. Als Cora Herbert die Tür aufmachte, huschte Verständnis für Honeys Anspielungen über seine Züge.
Coras schwarz umrandete Augen wanderten zu Honey. »Was? Sie schon wieder?«
»Ich bin’s«, antwortete Honey und hoffte, dass ihr Lächeln die Spur von Feindlichkeit in Coras Stimme überspielen würde. Darum hätte sie sich keine Sorgen machen müssen. Denn Coras Aufmerksamkeit war voll und ganz von Steve Doherty in Anspruch genommen. Sie holte tief Luft, und ihr mächtiger Busen wogte.
Ihr Stil hatte sich keine Spur verbessert. Heute trug sie ein kurzes schwarzes Top und einen karierten Rock mit einem zerfaserten Fransensaum. Ein tropfenförmiger goldener Anhänger baumelte an ihrem Nabelpiercing. Der Bauch ringsum war weiß und schlaff wie aufgegangener Hefeteig. Das kleine Goldtröpfchen schwang hin und her, als müsse es nach Luft ringen.
Wenn Doherty ein Schälchen Sahne und sie eine Katze gewesen wäre, dann hätte sie ihn inzwischen wahrscheinlich schon spurlos aufgeschlabbert.
Sie kam gleich zur Sache. »Und Sie sind …?«
Doherty trat einen Schritt zur Seite. Halb hinter Honey verschanzt, zückte er seinen Dienstausweis. »Detective Sergeant Doherty. Ich muss mit allen sprechen, die sich an dem Tag, als Mr. Maxted wegging, hier im Haus befunden haben.«
Cora sprudelte hervor: »Ich, mein Mann und meine Tochter.«
|93|Doherty nickte, und sein Kinn ruhte beinahe auf Honeys Schulter. Der Dreitagebart knisterte, als sich seine Lippen bewegten.
Honey sah genau hin. Seltsamerweise waren die Stoppeln genauso lang wie vor zwei Tagen. Vielleicht rasierte er die genau auf diese Länge, machte sich unendlich viel Mühe, um genau den richtigen Eindruck zu erzielen.
»Es leben also nur Sie drei hier.«
»Und Gäste, wenn wir welche haben. Na ja, für einen gutaussehenden Burschen wie Sie finden wir immer noch ein Plätzchen.«
Unter Dohertys rechtem Auge zuckte es, aber – das musste sie neidlos anerkennen – er behielt die Nerven.
»Schön, dann müsste ich mit Ihnen, Ihrer Tochter und Ihrem Mann sprechen.«
Coras dick mit Wimperntusche verkleisterte Wimpern flatterten wie winzige Fledermausflügel. »Unsere Loretta ist oben in ihrem Zimmer. Merv ist nicht da. Eigentlich könnte man sagen, dass ich ganz allein zu Hause bin.«
Honey erinnerte sich, dass Cora ihr verraten hatte, wo Mervyn seine Freizeit am liebsten verbrachte.
»Vielleicht könnten Sie mir sagen, in welchem Pub …«
Ihr Einwurf war höchst unwillkommen. Cora blitzte sie an, und ihre Stimme wurde eiskalt. »Er ist nicht im Pub. Er ist einfach weggegangen. Das ist ja wohl erlaubt, oder? Gott weiß, wir schuften hart genug, da müssen wir uns nicht noch gefallen lassen …«
Sie hatte begriffen, dass ihr Flirtversuch fehlgeschlagen war, und der Bauch, den sie eben noch mühsam eingezogen hatte, durfte sich wieder zu seiner natürlichen Puddingform entspannen. »Du lieber Gott«, murmelte sie, »er ist doch nur ein Tourist, der irgendeinen geheimnisvollen Ausflug macht! Das ist jedenfalls meine Meinung.«
Steve Dohertys Gesicht wurde steinhart. »Mrs. Herbert, heute wurde am Pulteney-Wehr eine Leiche aus dem Wasser gezogen. Wir glauben, dass es sich dabei um die Leiche Ihres |94|ehemaligen Gastes, eines Mr. Elmer Weinstock oder Maxted, handelt. Wir möchten Sie – oder Ihren Mann – bitten, ihn zu identifizieren.«
Nun war Cora Herbert der Wind aus den Segeln genommen. Sie schaute überaus verdattert drein. Ihre botoxgeblähte Lippe hing schlaff und zitternd herab. Die Augen traten ihr aus dem schwammigen, bleichen Gesicht.
Doherty fürchtete sich immer noch vor Coras Absichten und überließ gern Honey die Initiative.
»Gut«, sagte die. »Dürfen wir hereinkommen und von Ihnen erfahren, was Sie wissen?«
Cora nickte und trat in den in Grün und Weiß gehaltenen Eingangsbereich.
Honey erinnerte sich an die dicke Luft im Wintergarten und bereitete sich darauf vor, nur ganz flach zu atmen. Zu ihrer Erleichterung führte Cora sie in den Aufenthaltsraum für Gäste. Deutlich sichtbar prangte auf dem Kaminsims ein Zeichen »Nichtraucher«. Dass dieses Zimmer viel angenehmer als der Wintergarten roch, war wohl einer ganzen Dose Raumspray zu verdanken. Maiglöckchen, dem Duft nach zu urteilen.
Cora Herbert bot ihnen keinen Tee an, bat sie auch nicht, sich hinzusetzen, doch das machten sie auch ohne Aufforderung. Cora hockte sich auf die Armlehne eines Sessels, der ihnen unmittelbar gegenüber stand – wie ein Geier, der sich noch nicht entschieden hatte, ob er wegfliegen oder bleiben und ihnen die Augen aushacken sollte.
Steve Doherty zog ein Notizbuch und einen elegant aussehenden Kugelschreiber hervor. »Gut!«
Honey linste ihn von der Seite an. Der Mord hatte seine ernste Seite zum Vorschein gebracht. Trotzdem sah es aus, als ginge er die Sache ganz lässig an. Honey spürte jedoch, dass er alles andere als entspannt war. Sie bemerkte, dass er auf dem Blatt eine Liste machte und einen Posten nach dem anderen abhakte – viel zu langsam für ihren Geschmack. Es übermannte sie ein überwältigendes Verlangen, alles zu |95|erfahren, und zwar sofort. Sie merkte, dass sie die Sekunden zählte, bis er endlich die erste relevante Frage stellte.
Offensichtlich jagte ihm Cora Herbert eine Höllenangst ein. Aber, großer Gott, der Mann war doch Polizist! Waren die nicht tapfer, furchtlos und verwegen? Fang endlich an! Los! Fang an!, dachte sie.
Das tat er nicht. Also machte sie es. »Können Sie mir sagen, wer hier war, als Sie den Mann, den Sie als Mr. Weinstock kannten, zum letzten Mal gesehen haben?«
Polizisten waren doch gewöhnlich so energisch, zumindest die im Fernsehen. Steve Doherty schien beinahe erleichtert, dass sie die Führung übernommen hatte.
Wie manche Frauen in einem gewissen Alter mochte es Cora nicht, wenn andere Frauen zu dominant waren. Sie richtete ihre Antwort direkt an Doherty, während sie mit den Händen an den Oberschenkeln entlang den Rock glattstrich. »Also zunächst mal natürlich Mervyn, und dann meine Tochter Loretta.«
»Wie alt ist die?«
»Siebzehn.« Sie lächelte schwach, aber ihr affektiertes Gehabe behielt selbst nach den jüngsten Ereignissen die Oberhand. »Ich war noch sehr jung bei ihrer Geburt, wissen Sie …«
Knarrend ging die Tür zum Aufenthaltsraum auf. Die Wahrheit kam ins Zimmer gestürmt. »Ich bin beinahe achtzehn, und meine Mama ist nicht so jung, wie sie behauptet!« Diese Richtigstellung kam von einem viel zu auffällig geschminkten Mädchen. In ihrem blonden Haar prangten Strähnchen in drei verschiedenen Rottönen. Die Ohrringe waren so groß, dass man daran hätte schaukeln können, und sie trug allein an der rechten Hand sechs Ringe.
Doherty nickte zur Begrüßung und wandte sich wieder Cora zu. »Also …«
Schwätzer, dachte Honey und nutzte den Vorteil aus, indem sie ihre Frage direkt an Loretta richtete.
»Der Mann, den Sie als Mr. Weinstock kannten, ist tot. Haben |96|Sie mit ihm geredet, während er hier wohnte? Sie wissen schon, so ganz allgemein, guten Morgen und wie ist das Wetter?«
Sie spürte, wie sich Dohertys ärgerlicher Blick von der Seite in ihren Kopf bohrte. Sie ignorierte ihn.
Lorettas Ohrringe klimperten, als sie die Arme unter ihrem jugendlich flotten Busen verschränkte. Eindeutig: sechs Ringe auf drei Fingern jeder Hand, plus einen auf jedem Daumen. Keine auf den Zeigefingern.
Sie trug einen roten Pullover mit einem tropfenförmigen Ausschnitt, der der Phantasie nur wenig Raum ließ. Auch sie hatte einen gepiercten Nabel.
Wie die Mutter, so die Tochter.
Loretta schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht viel mit ihm zu tun gehabt. Er hat öfter mal mit Mervyn gequatscht. Die haben im Büro ordentlich miteinander gepichelt.«
Cora lächelte Doherty an. »Ich glaube, dieser nette Polizist hier hat keine weiteren Fragen mehr an dich, Loretta.« Sie wandte sich wieder dem Mädchen zu, und ihr Gesichtsausdruck wurde eine winzige Spur härter. »Ich komme dann gleich und mache dir dein Mittagessen, Schätzchen.«
Honey bemerkte sofort die Verachtung in Lorettas Augen. Alle Teenager sahen ihre Eltern manchmal so an. Es dauerte gewöhnlich eine Weile, bis sich das wieder gab. Trotzdem spürte sie auch Unzufriedenheit, sogar ein wenig Geheimnistuerei.
»Warten Sie, Loretta. Vielleicht gibt es da doch etwas, das für uns hilfreich sein könnte.«
»Ja, das stimmt«, pflichtete ihr Doherty bei. Er bemühte sich redlich, nicht ärgerlich zu wirken.
Honey ihrerseits strengte sich gewaltig an, um nicht auf Lorettas Rock zu starren. Wenn er noch ein bisschen kürzer gewesen wäre, läge der Hintern vollkommen blank. Wenn Lindsey so einen Rock trüge … Aber das würde Lindsey nicht machen, obwohl sie Tänzerinnenbeine hatte, die beinahe nahtlos bis zur Schulter zu gehen schienen.
|97|Doherty fragte Loretta gerade, wann sie ihren Vater das letzte Mal gesehen hätte.
»Er ist nicht mein Vater.«
»Sie ist aus meiner ersten Ehe«, erklärte Cora mit einem leisen Lächeln in Honeys Richtung und einem warnenden Blick in Richtung Tochter.
Loretta zuckte die Achseln. »Neulich abends, als er sich mit Mr. Weinstock unterhalten hat, da habe ich ihn zum letzten Mal gesehen – oder besser gehört.«
Irgendetwas daran, wie sie scheinbar beiläufig die Achseln zuckte, ließ alle Alarmglocken schrillen – zumindest bei Honey. Sie schaute von der Seite zu Doherty. Hatte er Kinder im Teenageralter?
Nein. Hatte er nicht. Ihm war das verräterische Rollen der Augen entgangen, mit dem das Mädchen Gleichgültigkeit andeuten wollte, das aber tatsächlich ganz etwas anderes bedeutete. Er stellte Loretta Fragen. Honey war sich ohne jeden Zweifel sicher, dass Loretta log, was immer sie auch sagte.
»Sie haben mit angehört, was gesprochen wurde?«
»Ja. Die waren in der Küche. Mr. Weinstock hatte Mervyn um Eis gebeten.«
Ein fieses Grinsen schlich sich auf ihre Gesichtszüge. »Zerstoßenes Eis machen, das mochte Mervyn gar nicht. Obwohl das ja eigentlich keine große Sache ist, ein paar Eiswürfel in ein Geschirrtuch packen und dann zertrümmern. Stimmt es, dass er tot ist?«
Doherty nickte. »Der Mann, den Sie als Mr. Weinstock kannten, ist tot, ja.«
Lorettas Augen leuchteten. »Erschlagen? Vielleicht mit einem Nudelholz? Der gute alte Mervyn ist sehr geschickt mit dem Nudelholz. Damit zerkleinert er nämlich immer das Eis.«
»Du kleine Schlampe!« Cora sprang auf. Ihre Finger waren wie Klauen, als sie ihrer Tochter an den Kragen wollte.
Honey warf sich dazwischen. »Beruhigen Sie sich doch.« |98|Sie runzelte die Stirn und schaute Doherty an. »Wie ist er denn umgebracht worden?«
»Wir sind noch nicht sicher«, sagte Doherty. »Wenn wir die Einzelheiten aus der Autopsie haben, kann ich …«
Honey verlor die Geduld. »Könnten wir bitte zur Sache kommen?« Der Polizist und die junge Dame schauten sie überrascht an. Eine Parfümwolke waberte von Loretta herüber, als Honey sie ansprach: »Worüber haben die beiden geredet?«
Wieder fuhr Cora mit wütendem Gesicht und leicht bebender Unterlippe dazwischen. »Sie hat es Ihnen doch gerade gesagt. Mervyn hat Eis zerstoßen, mehr nicht.«
»Nein! Sie haben erzählt, dass die beiden sich unterhielten«, erwiderte Honey, schaute unverwandt auf Loretta und weigerte sich, die ärgerlichen Blicke zu Kenntnis zu nehmen, die Doherty in ihre Richtung abschoss. »Meiner Meinung nach bedeutet das, die Unterhaltung fand nach dem Zerkleinern der Eiswürfel statt. Ist es möglich, dass der Mann, den Sie als Mr. Weinstock kannten, seine eigene Flasche Whisky mitgebracht hatte? Ziemlich viele Amerikaner machen das, um sich die teuren Preise an der Bar zu ersparen. Könnte es sein, dass er Mervyn aufgefordert hat, sich zu ihm zu gesellen und ein Gläschen mit ihm zu trinken?«
Loretta zögerte, ehe sie antwortete, und begann, an einer dünnen Haarsträhne herumzufummeln, die sich in ihrem Ohrring verfangen hatte. »Ja. Das haben sie gemacht. Ich konnte an den Stimmen erkennen, dass sie was getrunken hatten. Außerdem hallt es im Büro ziemlich.«
Honey stürzte sich auf dieses neue Fetzchen Information. »Im Büro? In welchem Büro? Ich dachte, sie wären in der Küche gewesen.«
Loretta musterte ihre Fingernägel, ganz lässig und kess. Der Nagellack war schwarz, mindestens jedoch dunkelviolett. »Erst waren sie in der Küche und haben das Eis geholt, und dann sind sie ins Büro gegangen. Mervyn hat ihm seine Uhrensammlung gezeigt.«
|99|Honey horchte auf. Sie spürte, wie Dohertys Blick auf ihr ruhte, schaute aber nicht zu ihm hin. Langsam wurde die Sache interessant. Casper hatte sie mit dieser Aufgabe betraut und sammelte Uhren. Mervyn sammelte Uhren. Zufall oder was?