|182|Kapitel 23

Honey murmelte leise vor sich hin und reckte ihre müden Glieder. Plötzlich änderte sich das Geräusch der Brandung, die über den goldenen Strand schwappte.

Merkwürdig, dachte sie träge, das Meer klingt genau wie mein Telefon zu Hause …

Mist! Gerade wo der phantastisch aussehende Typ ihr einen kühlen Drink reichte, wurde ihr Traum unterbrochen. Sie fluchte leise, schaltete das Licht an und griff nach ihrer Armbanduhr. Zwölf Uhr zweiunddreißig. Das Telefon klingelte noch immer.

Sie zog ihre andere Hand unter der dicken Schicht aus Laken, Decken und satinbezogener Daunendecke hervor, richtete sich in den Kissen auf und langte nach dem Hörer.

»Hoffentlich habe ich nichts Wichtiges unterbrochen.«

Doherty! Die Anspielung war eindeutig.

»Ich habe nur geschlafen.« Ehrlich gesagt, hatte sie von ihm geträumt, aber – verdammt! – sie hatte nicht die geringste Absicht, ihn noch eingebildeter zu machen.

»Um diese Zeit?«

»Steve! Manchmal gehe ich tatsächlich vor Mitternacht ins Bett!«

»Ach wirklich?«, fragte er ehrlich überrascht. Sie war einfach hundemüde gewesen, nachdem sie eine Gesellschaft von Geschichtsexperten bedient hatte, die im »Green River« ihre alljährliche Party abhielten. Obwohl Geschichte ja manchmal als trockenes Fach bezeichnet wird, achteten diese Historiker jedenfalls darauf, stets gut befeuchtete Kehlen zu haben. Der Traum von Doherty hatte ihr etwas Erleichterung verschafft.

|183|»Sehen Sie mal, Steve, ein Hotel zu führen und sich als Detektivin zu betätigen …«

»Als Superdetektivin!«

»Vielen Dank – das ist ziemlich anstrengend. Was wollen Sie eigentlich?« Eine kleine Pause trat ein. »Ich hatte einen aufregenden Tag – Sie wissen schon, Mrs. Herbert und all das.«

Honey setzte sich bequemer hin. Sie hatte vor einiger Zeit auf der Wache angerufen, um sich nach den Fortschritten zu erkundigen. Cora wurde immer noch verhört.

»Also?« Sie runzelte die Stirn bei dem Gedanken daran, dass die arme Cora womöglich in einer Zelle und in einem Bett gelandet war, das nicht ihres war.

»Es haben sich einige neue Entwicklungen ergeben.«

Dass Mervyn Herbert zufällig einem Mord zum Opfer fiel, war überhaupt nicht zu erwarten gewesen. Wusste Doherty, dass Herbert seine Stieftochter vergewaltigt hatte? Mehr noch, wusste es ihre Mutter? Sie überlegte, ob sie das erwähnen sollte, entschied sich aber dagegen. Wie hätte sie sich – Gott behüte! – gefühlt, wenn es ihre Tochter gewesen wäre? Völlig fertig! Wütend! Rachedurstig! So weit hergeholt war es nicht, dass Cora ihren Mann umgebracht haben könnte.

Das alles entschuldigte aber nicht, dass Doherty zu so später Stunde bei ihr anrief. Sollte er sich ruhig noch ein bisschen abstrampeln! Ihr erzählen, was die »professionellen« Detektive so zustande brachten.

»Also? Sagen Sie es mir jetzt?«

»Ja«, antwortete er so energisch, dass sie vermutete, er sei vielleicht ein bisschen beschwipst. »Aber nur, wenn Sie sich mit mir im ›Zodiac‹ treffen.«

Sie stöhnte auf, als sei er der Letzte, den sie jetzt sehen wollte. Das stimmte nicht ganz, aber bei Typen wie ihm musste man aufpassen. Dass er eingebildet war, konnte ja jeder sehen. Schlimmer noch, er wusste auch, welche Wirkung er auf Frauen hatte.

»Ich weiß nicht …«

|184|»Die Nacht ist noch jung. Und wir auch.«

»Ich fühle mich überhaupt nicht jung.«

»Lassen Sie uns das Leben genießen, solange wir noch können.«

Sie dachte darüber nach. Zwei Leichen in weniger als sechs Tagen. Das Leben hing wirklich an einem seidenen Faden. Konnte sie? Sollte sie?

Sie schaute besorgt auf die Uhr. Nicht einmal ein Uhr. Sie schwang die Beine aus dem Bett. »Geben Sie mir zwanzig Minuten – nein, dreißig, es ist ja ziemlich weit zu laufen.«

»Laufen müssen Sie nicht. Ich stehe mit dem Auto vor Ihrer Tür.«

Ein Pullover, Jeans und flache Schuhe, schnell durchs Haar gebürstet, und sie war so weit.

Während er fuhr, betrachtete sie die rastlose Stadt, wo noch Besucher durch die Straßen spazierten und die Atmosphäre genossen, wo Nachtschwärmer und Theaterbesucher sich auf den Weg zu den Nachtklubs machten oder im Taxi auf dem Weg nach Hause waren.

Doherty fuhr außerordentlich ruhig. Kein einziger Lieferwagenfahrer hupte. Um ein Uhr morgens lieferte allerdings auch kaum jemand etwas aus.

»Wie viel haben Sie getrunken?«

»Zwei kleine.«

Ein Grenzfall? Trunkenheit am Steuer? Sie war sich nicht sicher und wollte auch kein Risiko eingehen. »Könnten wir vielleicht lieber einen kleinen Spaziergang machen?«, fragte sie plötzlich. »Mir ist nicht nach einem Drink.«

Er fügte sich ohne Gegenwehr. »In Ordnung.«

Sie fuhren zur Pulteney Bridge, er parkte den Wagen, und sie stiegen aus. Keiner von beiden sagte ein Wort. Damit konnte Honey gut leben. Sie nahm an, dass er noch einmal in Gedanken alle Ereignisse des Tages durchging, es aber auch genoss, sie ein bisschen zappeln zu lassen, ehe er ihr sagte, was zu sagen war. Sie blieben am Ufer stehen und schauten auf die Brücke und den Fluss.

|185|Doherty lehnte sich an die Brüstung. Er starrte auf die Spiegelungen im Wasser.

»Mrs. Herbert ist aus dem Schneider. Zu dem von der Pathologie ermittelten Todeszeitpunkt war sie gerade beim Bingo.«

»Was jetzt?«

»Wir fahnden nach Mrs. Herberts erstem Mann.«

»Wegen Loretta?«

Er blickte sie verständnislos an.

Der Magen drehte sich ihr um. Er hatte offensichtlich noch nichts von der Vergewaltigung gehört, und jetzt hatte sie die Sache erwähnt. Sie wartete noch, ehe sie sich näher erklärte.

Doherty schaute sie neugierig an, fuhr aber fort. »Er ist kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden. Zwischen ihm und seiner Exfrau ist nichts mehr, aber er hat einen starken Beschützerinstinkt, was seine Tochter angeht.«

Eine Brise vom Fluss wehte ihr das Haar ins Gesicht. Es war zu spät. Er hatte kapiert, dass sie ihm etwas vorenthielt.

Er lehnte sich nach vorn, die Hände auf die Brüstung gestützt, und sah ihr ins Gesicht. »Sie wissen was, das ich nicht weiß. Das kann ich Ihnen an den Augen ablesen.«

»Sie können meine Augen gar nicht sehen.«

»Soll ich es aus Ihnen herausprügeln? Ich kann den lieben und den bösen Polizisten spielen, je nachdem, was verlangt wird.«

Sie seufzte. »Dürfte ich statt dessen verlangen, dass Sie mir eine Tasse Kaffee spendieren?«

»Klar.« Sein Blick wanderte zum anderen Flussufer. »Sehen Sie mal, an den Rändern ist die Strömung schneller. Ich denke, Elmer ist auf dieser Seite des Flusses heruntergeschwemmt worden. Wenn die Strömung auch weiter oben so stark ist wie hier, dann kann man die Leiche überall auf diesem Abschnitt ins Wasser geworfen haben. Aber da ist ja noch das Stück Holz.« Eine Weile stand er nachdenklich da.

»Und Mervyn Herbert?«

|186|Er schüttelte den Kopf. »Wieder ein Sack, diesmal mit Spuren von Koriander. Das ist ein Gewürz, oder?«

Sie bestätigte ihm das und dachte an Jeremiah. Die Säcke mussten einfach von ihm stammen. Ehe sie die Gelegenheit hatte, das zu erwähnen, legte Doherty schon los: »Wir haben die Leute an dem Gewürzstand auf dem Markt nach ihren Säcken befragt.«

»Etwa die Eigentümer? Die hätten doch gar kein Motiv.«

»Im Augenblick nicht, aber wer weiß? Irgendwas ergibt sich vielleicht noch.«

Honey dachte an Jeremiah und Ade. Nein. Da konnte es kein Motiv geben. Sie rieb sich die Stirn, während sie zu begreifen versuchte, worauf das alles hinauslief. Sie wurde nicht oft zu mitternächtlichen Spaziergängen aus dem Bett gescheucht. Mitternächtliche Spaziergänge, das war etwas für liebeskranke Teenager, die sich nach einem vergnügten Abend in der Stadt nichts anderes leisten konnten.

»Wollen Sie damit andeuten, dass Lorettas Vater Elmer und Mervyn umgebracht hat?«, fragte sie.

»Ich glaube schon. Die Gewürze sind die Verbindung. Und Davies ist vorbestraft«, erwiderte Doherty.

»Wie viele andere auch.«

»Sie zum Beispiel?« Er schaute sie ein wenig überrascht an.

»Nicht vorbestraft, aber ich schleppe eine Menge Ballast mit mir rum – Sie wissen schon: gescheiterte Ehe, verwitwet, alleinerziehend, verrückte Mutter …«

»Also, als verrückt würde ich Sie nicht bezeichnen.«

»Ich meinte meine Mutter.«

»Deswegen brauchen Sie mir doch nicht gleich den Kopf abzureißen.«

»Tut mir leid.« Sie fuhr sich schon wieder über die Stirn.

»Also jetzt raus mit der Sprache. Was wissen Sie, was Sie mir nicht erzählt haben?« Er schien nicht aufgeben zu wollen. Sie fragte sich, ob er sie auf die Wache schleifen und dort verhören würde, wenn sie nicht damit herausrückte. Möglicherweise schon.

|187|»Ach was, ich pfeif auf den Kaffee. Loretta Davies ist von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden.«

Doherty zog die Augenbrauen in die Höhe, und der Mund stand ihm offen. »Großer Gott!«

Honey schaute ihn erstaunt an. »Mrs. Herbert hat es Ihnen also nicht erzählt?«

Er sah völlig verdattert aus.

Honey hätte in Triumphgeheul ausbrechen mögen, wäre die Sache nicht so furchtbar gewesen.

»Sie hat es vielleicht nicht gewusst.«

»Kommt vor.«

»Warum also Lorettas Vater?«

»Sie haben mir gerade das beste Motiv der Welt geliefert. Rache. Und wer könnte es dem Mann verübeln?«

»Dass Mervyn es nicht besser verdient hat, bewahrt Lorettas Vater aber nicht vor dem Gefängnis.«

Doherty stöhnte leise auf. »Zumindest kennt er das ja schon.«

Genau in diesem Augenblick kamen ein paar Nachtschwärmer wie Sechsjährige über die Promenade gehüpft. Alle paar Schritte sprangen sie in die Höhe, um den Blumenkörben, die von den Laternenmasten hingen, mit der Hand einen Schlag zu versetzen, sodass sie wild zu schwingen begannen.

Doherty wartete, bis die Meute vorbeigezogen war, ehe er weiter erklärte: »Mrs. Herbert hat uns zuerst gesagt, Mervyn wäre in den Pub gegangen – in die ›Green Park Tavern‹ – übrigens zufällig eine meiner Lieblingskneipen.«

Honey nickte. Die »Green Park Tavern« war ein gutes Stück zu Fuß von der Pension entfernt, in Richtung Viadukt und Bahnhof. »Das hat sie mir auch erzählt«, meinte Honey. »Dorthin ging er wohl ziemlich regelmäßig.«

»Wann hat sie Ihnen das gesagt?«

»Als ich sie zum ersten Mal besuchte, als Mr. Weinstock, wie wir ihn damals nannten, vermisst war. Mervyn ist zur gleichen Zeit abgehauen. Ich habe damals angenommen, dass er mir aus dem Weg gehen wollte – Sie wissen schon: wieder so |188|eine Wichtigtuerin, die ihm den Tag vermiest. Aber so war es wohl nicht ganz.«

Plötzlich hatte sie die Szene wieder klar und deutlich vor Augen. »O Gott!«

»Gott haben wir hier nicht. Hier bin nur ich. Wo liegt das Problem?«

»Sie erinnern sich, ich habe Ihnen doch erzählt, dass er ein paar Männern von der Stadtreinigung geholfen hat, eine große Gefriertruhe aus dem Haus zu tragen. Die sollte auf den Müll. Danach habe ich ihn nie mehr gesehen.«

Doherty klappte sein Mobiltelefon auf, tippte ein Kürzel ein, nannte seinen Namen und sagte sofort, was er wollte.

»Überprüft die Akte. Wo arbeitet Davies?«

Dann kam eine kurze Pause, während der Polizist am anderen Ende der Leitung die Anweisung ausführte und im Computer nachschaute.

Es wurde etwas gesagt, das sie nicht hören konnte.

Doherty sah nicht sonderlich erfreut aus. »Sonst steht nichts da? Stadtverwaltung? Hat niemand daran gedacht, nachzuforschen, in welcher Abteilung?«

Offensichtlich nicht. Er klappte das Telefon mit einem lauten Knallen zu.

»Affenbande! Alle miteinander. Haben alle irgendein Abschlusszeugnis, aber trotzdem ist es eine Affenbande!«

»Machen Sie sich nichts draus. Sie wissen doch schon, dass die Gefriertruhe jetzt leer ist.«

»Völlig.«

Doherty legte ihr den Arm um die Schultern. Sie interpretierte das als Aufforderung, den Spaziergang fortzusetzen. Er sprach mit überraschendem Ernst, hielt die Augen nun auf den Boden gerichtet. Keinerlei Anzeichen, dass er »frech« werden wollte, wie ihre Mutter das zu nennen pflegte – außer dem Arm. Er war ganz beim Thema, fasste noch einmal zusammen, was geschehen war – in der Variante, die Mrs. Herbert geliefert hatte.

»Manchmal, wenn Mervyn Bath und die Touristen zum |189|Hals heraushingen oder wenn Mrs. Herberts Exmann drohte, er würde ihm den Schädel einschlagen, stieg Mervyn einfach in einen Zug und fuhr weg.«

»Wohin?«

»Irgendwohin. Nach zwei Tagen oder so war er zurück. Aber diesmal kam er nicht wieder. Dafür tauchte Davies auf und war überaus erfreut, dass der andere nicht zurückkehrte. Hat angeboten, er könnte doch wieder einziehen. Loretta war sehr dafür. Cora schien auch nicht sonderlich viel dagegen zu haben. Sie könnten die Sache gemeinsam gemacht haben.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Honey.

»Davies ist abgehauen! Das lässt auf ein schlechtes Gewissen schließen. Vielleicht hat er Mervyns Volvo-Kombi genommen. Den haben wir nämlich auch noch nicht gefunden.«

»Sobald man die Leiche entdeckt hatte …«

»Genau. Und jetzt haben Sie mir noch erzählt, dass Mr. Herbert seine Stieftochter vergewaltigt hat …« Beinahe hätte Doherty triumphierend die Faust in die Luft gereckt. »Er war’s. Er muss es gewesen sein!«