|190|Kapitel 24

»Guten Abend.«

Lächelnd begrüßte Honey die Gäste, die ins Restaurant des »Green River Hotel« kamen. Die meisten wohnten im Hotel, aber Smudger hatte einen ziemlich guten Ruf, und so waren meist auch ein paar Einheimische da, die seinen Hummer Termidor oder seine himmlische weiße Schokoladenmousse mit Orangenlikör genießen wollten.

Mrs. Welsh, ein Stammgast, war mit ihrem Mann gekommen. Sie hatte die Angewohnheit, sich immer zu erkundigen, ob der Koch »etwas für ihre Pussi« hatte; sie besaß nämlich drei Katzen und ließ sich deshalb die Reste der Mahlzeit für die »Kätzchen« einpacken. Die Frage zauberte unweigerlich die Röte auf Smudgers sommersprossiges Gesicht.

Mary Jane hatte noch zwei Wochen bis zu ihrer Heimreise. Sie kam in erdbeerrotem Chiffon hereingeschwebt, die großen Füße in goldene Römersandalen gezwängt, deren Riemen auf der halben Wade in einem Knoten endeten. Mary Jane war über siebzig und hegte die Absicht, so exzentrisch wie irgend möglich zu altern.

Zufriedenheit zeichnete sich auf ihren hageren Zügen ab, und ihre Augen blitzten und schauten in die Weite – völlig korrekt für eine Dame, die behauptete, in ihrem Freundeskreis einige Gespenster zu haben. Die Besucherin, die bisher in Mary Janes angestammtem Zimmer gewohnt hatte, war endlich abgereist, und sie war sofort umgezogen. Endlich war sie wieder allein mit Sir Cedric.

Zimmer fünf war wirklich gespenstisch; anders konnte man es nicht beschreiben. Honey mochte die hohe Holzdecke nicht, und auch nicht die albernen Wandschränke, die nicht |191|tief genug waren, um darin Kleider ordentlich aufzuhängen. Sobald die Saison vorbei war, wollte sie hier renovieren lassen. Da sie das Gefühl hatte, ihre Pläne seien unter Umständen unwillkommen, hatte sie sie Mary Jane gegenüber nie erwähnt.

»Tut mir leid, ich bin ein bisschen spät dran«, sagte Mary Jane in ihrem träge gedehnten kalifornischen Tonfall. Aus der Nähe betrachtet funkelten ihre Augen überirdisch hell.

Honey ahnte, was nun kommen würde.

»Ich habe mich überaus vertraulich mit Sir Cedric, dem reizenden Schätzchen, unterhalten«, verkündete Mary Jane, klapperte mit den Augendeckeln und presste sich die lange, knochige Hand an den Busen. »Er hat mir ein paar wirklich skandalöse Familiengeheimnisse anvertraut.«

Honey täuschte ehrfurchtsvolles Interesse vor und sprach genau wie Mary Jane nur noch im hauchigen Flüsterton. »Tatsächlich?« Gleichzeitig führte sie die sehr hoch aufgeschossene ältere Dame an ihren angestammten Tisch, wo sie gehorsam ihre langen Beine und ihren Oberkörper auf einem Stuhl unterbrachte.

»Ja, allen Ernstes. Er hatte drei Ehefrauen, müssen Sie wissen!«

Mary Jane kicherte, wie das alte Damen gern machen – wenn sie auch, das musste man schon zugeben, ansonsten nicht so recht in die Kategorie der netten alten Dame passen wollte.

Honey reichte ihr die Speisekarte. »Er hat sie aber nicht enthaupten lassen – wie Heinrich VIII., oder?«

»O nein«, kam die felsenfest überzeugte Antwort. Mary Jane schaute todernst drein. »Es war alles sehr schlüpfrig, und er hat mich schwören lassen, dass ich nichts verrate.«

»Dann will ich Sie nicht dazu überreden«, meinte Honey lächelnd.

»Aber eines muss ich Ihnen erzählen«, sagte Mary Jane, und ihre sehnigen Finger krallten sich in Honeys Arm. »Ich mache heute Abend einen dieser tollen Gespensterspaziergänge |192|mit. Der führt an ein paar Orte, von denen mir Sir Cedric berichtet hat. Möchten Sie mitkommen?«, fragte sie, und ihre jugendlichen grünen Augen strahlten aus dem faltigen Gesicht.

Honey schaute sich im Restaurant um, das sich zu füllen begann. »Ich weiß nicht, ob ich dazu Zeit habe.«

Mary Jane sah bitter enttäuscht aus. »Das verstehe ich doch, meine Liebe. Also, dann wollen wir mal sehen«, sagte sie und kramte in ihrer geräumigen Handtasche. »Ich habe hier irgendwo den Busfahrplan …«

Honey wollte nicht gemein sein. »Sie brauchen nicht mit dem Bus zu fahren. Auf den Spaziergang kann ich nicht mitkommen, aber ich kann sicher mal zehn Minuten hier weg und Sie hinbringen.«

»O gut.« Die geräumige Handtasche wurde wieder zugeknipst. »Das hat mir Ihre Mutter auch gesagt.«

Zähneknirschend lächelte Honey unbeirrt weiter. Es ärgerte sie, dass schon jemand ohne ihr Wissen ihre freiwilligen Dienste angeboten hatte.

Wahrscheinlich hätte ihre gereizte Stimmung angehalten, wenn ihre Augen nicht auf John Rees gefallen wären. Er trug ein cremefarbenes Leinenhemd von lässiger Eleganz. Es hatte Schulterklappen und gab ihm einen weichgespülten militärischen Anstrich.

»Wie geht’s?«, erkundigte er sich, während er aufstand und ihr die Hand schüttelte.

Eigentlich wollte sie antworten: »Viel besser, seit ich Sie hier entdeckt habe«, verkniff sich das aber gerade noch.

»Sehr gut, und Ihnen?«

Sie behielt ihr professionelles Lächeln bei. Vielleicht war er nur hier, um das Essen zu testen, und nicht, um sie wiederzusehen. Da erblickte sie seine Begleiterin.

Die Frau war schlank – hatte nicht nur einfach eine gute Figur, sondern war elegant, als sei sie einem Exemplar der Vogue entstiegen.

Sie nippte an einem Glas Wasser und hielt die Augen gesenkt. |193|Diese Augen waren perfekt geschminkt: feine dunkle Schatten an all den richtigen Stellen, Wimpern so dick wie pelzige Raupen.

»Miriam«, stellte er sie vor, »das ist Honey Driver, der dieses wundervolle Hotel gehört.«

Miriam nickte, murmelte »Guten Abend«, schaute aber nicht auf. Honey konnte es sich gerade noch verkneifen, mit den Zähnen zu knirschen. Was hatte es schon zu bedeuten, dass sie sich ihr Rendezvous im Buchladen in den schönsten Farben ausgemalt hatte? Die Dinge, mit denen er außer den Bildern und Büchern seine Wände schmücken wollte, waren bereits abgeholt worden. Okay, man brauchte zwar eine Einladung, aber trotzdem war es ja im Grunde eine öffentliche Veranstaltung. Jeder konnte hingehen und sich eine Karte kaufen. Im Hinterkopf hatte sie sich jedoch immer … na ja … man wird doch wohl noch träumen dürfen.

»Ich freue mich schon so auf den Abend in der Buchhandlung«, sprudelte es aus ihr hervor, während sie weiter den hübschen John anstrahlte. Großer Gott, sie benahm sich wie ein verliebter Teenager.

»Ich auch.«

Irgendetwas war an seinem Verhalten heute anders. Er lächelte, aber seine Züge blieben steif. Sie überlegte, dass er wohl recht angespannt war und dass Miriam, seine glamouröse, braungebrannte Begleiterin mit dem schwarzen Haar und den roten Lippen, der Grund dafür war.

Mehr als enttäuscht verabschiedete sich Honey. Während sie ihre Runde durchs Restaurant drehte, bot sie ein Bild bezaubernder Gastfreundlichkeit. In ihrem Kopf machte jedoch der ständig wiederkehrende Gedanke die Runde: Warum sind die besten Typen immer schon vergeben?

Lindsey war heute Chefin an der Bar. Wie immer schenkte sie rasch und professionell Getränke aus und öffnete Weinflaschen. Nie brachte sie Bestellungen durcheinander oder geriet in Panik.

Gerade schüttete sie Harvey’s Bristol Cream in den größten |194|Messbecher für Sherry. Ohne dass sie etwas sagen musste, wusste Honey, dass das Glas für Mary Jane bestimmt war. Die hatte nämlich eine Leidenschaft für dieses überaus englische Getränk entwickelt. Zweifellos sollte der Weingeist im Magen sie auf die Geister vorbereiten, die sie später auf dem Spaziergang treffen würde.

»Dein Freund, der Buchhändler, ist da – in Begleitung«, merkte Lindsey an, während ihre Augen zu John Rees und dann zu ihrer Mutter zurückwanderten.

Honey stützte seufzend den Ellbogen auf den Tresen. »Und dabei hatte ich so gehofft, ich würde die Gelegenheit bekommen, ihn bei lebendigem Leibe zu vernaschen.«

»Lass das bloß nicht Oma hören.«

»Das wird ihr gar nicht gefallen.«

»Darauf kannst du wetten.«

Es war seltsam, aber wenn Gloria Cross den betreffenden Herrn nicht höchstpersönlich ausgesucht hatte, sortierte sie ihn sofort aus der Gruppe möglicher Verehrer für ihre Tochter aus. Seltsam, aber ärgerlich und einfach nur stur. Bei diesem Spiel ging es ihr nämlich eigentlich darum, ihre Tochter auf Trab zu halten, und nicht darum, sie an einen wildfremden Mann zu verlieren, den sie nicht im Griff hatte. Also kamen starke Männer einfach nicht in Frage. Nur die Schwachen wurden in Betracht gezogen.

Tatsache war auch, dass jeder Mann plötzlich für unpassend erklärt wurde, sobald Honey wirklich Interesse zeigte. Wie zum Beispiel bei John Rees. Es war Honey schon vor langer Zeit in den Sinn gekommen, dass ihre Mutter das für eine Art Hobby zu halten schien. Andere Leute sammelten Briefmarken oder gingen tanzen, sie machte sich auf die Suche nach passenden Verehrern für ihre Tochter. Damit konnte man sich prächtig die Zeit vertreiben.

Honey erkundigte sich: »Wer ist das Supermodel?«

Lindsey schaute bei den Reservierungen nach, ließ den Finger über die Seite gleiten, bis sie bei der richtigen Uhrzeit angekommen war. »Mr. und Mrs. Rees.«

|195|»Oh!«

Das Restaurant war voll besetzt, und von allen Seiten hagelte es Komplimente für den Koch. Honey wusste, dass sie eigentlich sehr zufrieden hätte sein sollen, weil der Abend so wunderbar lief, aber wegen John Rees war jetzt die Seifenblase geplatzt. Sie war beinahe froh, als die Gäste spärlicher wurden und Mary Jane angetrippelt kam, um zum Gespensterspaziergang gefahren zu werden.

»Ich hoffe, ich mache Ihnen keine Umstände«, sagte sie und legte Honey die knochigen Finger auf den Arm. Ihre Hand wog kaum mehr als eine Feder.

»Natürlich nicht«, log Honey, die aus den Augenwinkeln Mr. und Mrs. John Rees beobachtete. Ihre Köpfe berührten sich beinahe über den Tisch hinweg. Sie schienen in ein intensives Gespräch vertieft zu sein, das aber weniger mit Verlangen als mit irgendeinem anderen Thema zu tun zu haben schien. Vielleicht redeten sie über ihre Ehe. Aber genausogut könnten sie sich über die Farbe der neuen Kücheneinrichtung streiten.

Mary Jane faltete sich auf dem Beifahrersitz zusammen wie vorhin auf dem Stuhl im Restaurant – in drei Teilen: Unterschenkel, Oberschenkel und Oberkörper. Sie hatte sich ein feines graues Häkeltuch um die Schultern drapiert, das vorn von einer Brosche zusammengehalten wurde. Während der ganzen Fahrt schnatterte sie ununterbrochen, berichtete, wie oft Sir Cedric sie in der Abgeschiedenheit ihres Zimmers kontaktiert hatte. Als sie endlich beim Queen Square und am »Francis Hotel« ankamen, war Honey bestens über Sir Cedrics Ehefrauen informiert und wusste, mit welcher von ihnen Mary Jane verwandt war.

»Mit Fanny«, verkündete sie im Brustton der Überzeugung. »Fanny Millington. Bob the Job hat es tatsächlich geschafft, ein Bild von ihr aufzutreiben. Eigentlich nur eine Skizze, aber man kann doch erkennen, wie gut sie ausgesehen hat. Sie hat Sir Cedric sechs Kinder geschenkt. Seine erste Frau hatte gar keine bekommen. Die war wohl sehr kränklich. |196|Ich denke, wir würden heute sagen, dass Fanny gute Gene hatte.«

»Und was ist mit der dritten Frau?«, fragte Honey aus purer Höflichkeit. Schließlich kam Mary Jane jedes Jahr mit dem Flugzeug aus Kalifornien angereist.

»Über deren Gene weiß ich nichts. Anscheinend ist sie mit dem Kutscher durchgebrannt, und die Ehe wurde annulliert.« Sie strahlte über das ganze Gesicht, zuckte mit den knochigen Schultern. »Ist Familienforschung nicht einfach wunderbar!«

Am unteren Ende des Queen Square, gleich hinter dem »Francis Hotel« hatte sich eine ziemlich große Menschenmenge versammelt. Mit im Abendwind flatterndem Häkeltuch machte sich Mary Jane mit großen Schritten auf, um sich zu den anderen Touristen zu gesellen. Die fröhliche Schar kreischte wie die Elstern, alle bebten vor Erregung angesichts der Hoffnung, bald Dinge zu sehen, die nur wenige je zu Gesicht bekommen hatten.

Honey wollte gerade am Lenkrad drehen, um zum Hotel zurückzufahren, als Loretta Davies am anderen Ende des Platzes aus der Charlotte Street auftauchte. Sie trug eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock – die Standarduniform einer Hotelkellnerin.

Honey hupte und kurbelte das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. »Kann ich Sie nach Hause fahren?«

Loretta machte die Tür auf und stieg ein. »Vielen Dank. Meine Schicht ist gerade zu Ende. Die Arbeit lenkt mich ein bisschen ab. Ich habe mich drum gekümmert, dass bei uns zu Hause alles weiterläuft, aber manchmal muss man einfach raus, nicht?«

Honey stimmte ihr zu.

Trotz der Uniform baumelten noch drei goldene Ohrringe an Lorettas rechtem Ohr. Die weiße Bluse war lang genug, um ihren Nabel zu bedecken. Insgesamt sah sie ziemlich vorzeigbar aus.

Jetzt war es halb zehn. Honey rechnete sich aus, dass Loretta |197|seit dem frühen Nachmittag arbeiten musste, damit sie schon so früh nach Hause gehen durfte.

»Wo arbeiten Sie?«

»La Traviata.« Sie zog die Schuhe aus.

Das war der Name eines sehr eleganten Restaurants, das hinter dem weltberühmten Royal Crescent lag.

»Meine Füße bringen mich um. Ich bin seit zwei auf Achse.«

»Sie Ärmste. Ich wusste nicht, dass Sie im Gastgewerbe arbeiten. Ich habe gedacht, Sie helfen Ihrer Mutter ein bisschen, und ansonsten haben Sie was anderes – ich weiß nicht, einen Job im Büro.«

»Keine Chance.«

Der Duft der von der Dunkelheit umhüllten Bäume wehte zum Fenster herein. Dazu noch das Aroma der Schnellimbisse: Hamburger, Döner und Tacos.

Keine Chance. Meinte sie damit die Bürojobs? Nein, sie meinte was anderes.

»Meine Mama mag es nur, wenn alles genauso gemacht wird, wie sie es haben will. Madge kommt und macht sauber, wäscht und bügelt, wenn viel zu tun ist. Besonders jetzt. Ich bin ein bisschen dageblieben und habe nach dem Rechten geschaut, aber nur zeitweilig. Ich musste einfach raus. Ehrlich, es ging nicht anders.«

Bei den letzten Worten schien ihr die Stimme zu versagen. Zum ersten Mal begriff Honey, dass Loretta nicht ganz so selbstbewusst war, wie sie tat. Sie litt. Unter den gegebenen Umständen war das kein Wunder.

Honey musste all ihren Mut zusammenkratzen, um die nächste Frage zu stellen, aber sie zwang sich. »Was hat Ihre Mutter gesagt – Sie wissen schon, darüber, dass Ihr Stiefvater das gemacht hat?«

»Nicht viel.«

Nachdem Honey Steve Doherty berichtet hatte, was geschehen war, hatte er Cora Herbert erzählt, dass ihr toter Ehemann ihre Tochter vergewaltigt hatte. Sie war am Boden |198|zerstört, aber nicht sonderlich überrascht gewesen. Statt dessen war sie noch misstrauischer geworden.

Dohertys Verhör hatte dann eine andere Wendung genommen. »Es ist ja verständlich, dass ein Vater seine Tochter beschützen möchte und wütend wird, wenn ihr jemand weh tut. Wo ist also Lorettas Vater?«

»Wo zum Teufel soll ich das herwissen?«

Natürlich wusste Cora es. Aber sie hatte schon vermutet, worauf die Frage hinauslief. Ihr erster Mann hatte ein Motiv, ihren zweiten Ehegatten umzubringen, weil der Loretta missbraucht hatte.

»Sie deckt ihn«, hatte Doherty an dem Abend gesagt, als er sie aus dem Bett geholt hatte.

Honey hatte ihr Glas in den Fingern gedreht. »Wenn es Davies war, warum hat er Mervyns Leiche dann im Steingarten vergraben? Meinen Sie nicht, das ist ein bisschen zu nah an Zuhause?«

»Das ist nicht schlechter als anderswo und ganz in der Nähe des Tatorts. Ich denke mal, er ist in Panik geraten.«

»Wollen Sie damit andeuten, dass Cora seine Komplizin war?«

»Sie leugnet es.« Honey nippte an ihrem Wodka mit Tonic. »Ich kann mir Cora nicht als Mörderin vorstellen. So nach dem Motto, wir vergraben ihn direkt vor eurer Nase, damit ihr ihn nicht findet?«

»Stimmt.« Das klang, als wäre es sein letztes Wort in dieser Angelegenheit.

»Haben Sie sich mal diesen Steingarten angesehen? Absolut lächerlich! Eine Veränderung an dem albernen Ding konnte einem gar nicht entgehen«, meinte Honey.

Doherty hatte den Kopf geschüttelt. »Vertrauen Sie mir, ich bin Polizist.«

»Ich glaube, Sie irren sich. Ich glaube, dass hier jemand die Schuld auf andere abwälzen wollte.«

Er hatte leise gelacht und sich noch ein großes Bier bestellt. »Sie haben zuviel Agatha Christie gelesen.«

|199|Man hatte das »Ferny Down Guest House« völlig auf den Kopf gestellt, um Indizien dafür zu finden, dass Mervyn dort ermordet worden war. Man hatte Cora und Loretta stundenlang verhört. Keine Beweise. Nichts. Doherty war fix und fertig – daher der Anruf und die Einladung, mit ihm ins »Zodiac« zu gehen.

Jetzt saß Loretta neben ihr, und sie verspürte ehrliches Mitgefühl für Cora Herbert. Die arme Frau litt bestimmt viel mehr als ihre Geschäfte.

Sie näherten sich rasch der Lower Bristol Road. »Ich komme mit Ihnen rein, wenn ich darf«, sagte Honey. »Ich möchte nur sehen, wie Ihre Mutter mit all dem fertig wird.«

Zuerst war Lorettas Gesichtsausdruck misstrauisch. Honey erwartete, dass sie nein sagen würde. Das tat sie aber nicht.

»Ich denke, das geht in Ordnung.«

Honey hielt Loretta inzwischen nicht mehr für eine Halbwüchsige mit harten Augen, die verzweifelt versuchte, wie eine Schlampe auszusehen. Sie war ein kleines, verletzliches Mädchen. Was musste das für ein Gefühl gewesen sein, vom eigenen Stiefvater vergewaltigt zu werden und zu viel Angst zu haben, es der Mutter zu erzählen? Sie mochte gar nicht darüber nachdenken.

Das Licht am Eingang brannte noch. Loretta hatte einen Schlüssel. Honey folgte ihr durch den Flur, der in die Küche im hinteren Teil des Hauses und zu dem kleinen Wohnzimmer neben dem Wintergarten führte.

Es war niemand da.

»Mama?«

»Ich bin hier drin.« Die Antwort kam aus Mervyn Herberts »Büro«.

Cora kniete auf dem Boden und räumte auf, packte alles wieder ein, was die Polizei ausgepackt hatte, und verstaute es im Schrank. Ihr Hinterteil schwabbelte gegen ihre fleischigen Waden.

»Ich hoffe, ich störe nicht.«

|200|Cora hörte mit dem auf, was sie gerade machte, und blitzte sie wütend an. »Was wollen Sie?«

»Ich habe zufällig Loretta getroffen und sie nach Hause gefahren. Ich wollte nur mal nachsehen, wie es Ihnen geht. Sie haben ja einiges durchgemacht. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Na ja, zuerst einmal könnten Sie mir einen Landschaftsgärtner besorgen. Mein Steingarten ist total ruiniert.« Sie wandte sich wieder ihrer Aufräumarbeit zu. »Alles ist völlig im Chaos. Diese verdammten Bullen! Ein solches Durcheinander zu machen! Ich habe schließlich eine Pension zu führen. Und die muss ordentlich aussehen!«

»Das weiß ich.« Sie kniete sich neben Cora auf den moosfarbenen Teppich. »Lassen Sie mich helfen.«

Jede Armbanduhr wurde einzeln in altes Zeitungspapier eingeschlagen und dann in einer Pappschachtel verstaut.

»Die sehen ziemlich wertvoll aus«, sagte Honey unvermittelt.

»Schön wär’s«, murmelte Cora. »Das sollen die bei ›Jolly’s‹ für uns rausfinden. Der ganze Krempel wird versteigert.«

»Ich hoffe, Sie kriegen ordentlich was dafür.«

Cora reagierte wieder mit Murmeln und Grummeln.

»Ehrlich, Mrs. Herbert, Sammler, die sich für so was interessieren, zahlen Ihnen für bestimmte Objekte sicherlich mehr, als Sie bei einer Auktion bekommen würden. Ich kann mich mal umhören, wenn Sie möchten. Ein Name ist mir gleich eingefallen. Vielleicht kennen Sie ihn. Oder Mervyn kannte ihn. Der Mann heißt Casper St. John Gervais.«

Cora schüttelte gleichgültig den Kopf. Sie kannte den Typen nicht, und er war ihr auch ziemlich egal. »Nie gehört.«

Casper hatte ähnlich reagiert, als sie ihm von der Sammlung von Armbanduhren erzählt hatte und sich fragte, ob es eine Verbindung zwischen den Männern gab. »Ich sammle Uhren, keine Armbanduhren«, hatte er majestätisch geantwortet. »Und niemals, absolut niemals suche ich Etablissements an der Bristol Road auf.«

|201|Honey blieb hartnäckig und fragte Cora: »Glauben Sie, dass Ihr Mann ihn vielleicht gekannt hat?«

Die zuckte die Achseln und hievte sich hoch. »Ich weiß es nicht, und es ist mir auch scheißegal!« Der Deckel des Pappkartons wurde energisch zugeklappt. Cora wandte die Augen ab. »Ich hab zu tun!«, sagte sie, und es klang wie ein Rauswurf.

Honey stand auf. »Ich finde allein raus.«

Sie blieb unter dem Vordach des Wintergartens stehen. Da lehnte Loretta, trank Cola aus einer Dose und starrte auf den Garten hinaus. Sie wirkte jetzt beinahe noch verletzlicher. Und irgendwas an Coras Verhalten gab Honey nun eine weitere Frage ein.

»Ihre Mutter war überrascht, dass Sie mir davon erzählt haben, dass Ihr Stiefvater Sie vergewaltigt hat. Warum das denn?«

Wieder dieses Achselzucken aller Halbwüchsigen, mit dem sie angeblich Gleichgültigkeit signalisieren wollen, das aber in Wirklichkeit tiefe Betroffenheit anzeigt. »Sie wollte das nicht.«

Es war, als fiele eine Tür zu. Nicht sonderlich aufschlussreich, aber Honey spürte, dass dies die einzige Antwort war, die Loretta zu geben bereit war.

Der Nachthimmel hatte ein verschwommenes Schiefergrau angenommen – wie immer im Juni und Juli, wenn es eigentlich nie richtig dunkel wird. Honey holte tief Luft und schaute zum Himmel hinauf, während sie versuchte, die Indizien und Menschen zu sortieren. Manche Leute sagten doch, dass die Aufklärung eines Verbrechens wie ein Puzzle ist: ein Teil passt genau ins andere. Man muss nur die entsprechenden Puzzleteile sammeln und dann an die richtige Stelle legen. Das Problem ist nur, überlegte sie, dass man sie zuerst mal finden muss.

Da war zunächst Lorettas Vater. Sein Motiv für einen Mord an Mervyn Herbert war sehr verständlich. Aber Elmer Maxted? Alles hatte schließlich mit dem einsamen Amerikaner |202|angefangen, der nach seinen Ahnen forschte. Mit diesem Mord konnte Davies nichts zu tun haben. Oder doch? Die Sache mit den Uhren und den Armbanduhren war auch irgendwie seltsam. War es bloß Zufall, dass Mervyn das eine sammelte und Casper das andere?

Sie klappte ihr Mobiltelefon auf und tippte Caspers Nummer ein. Es klingelte, und er meldete sich – eigentlich ziemlich schnell.

»Wie gut kannten Sie Mervyn Herbert?«

Erst war er ziemlich verdattert, aber dann erholte er sich rasch. »Mein liebes Mädchen, ich habe Ihnen doch schon erklärt …«

»Ich glaube Ihnen kein Wort. Also! Mit wem wollen Sie reden? Mit mir oder lieber mit der Polizei?« Es war reiner Instinkt, pure Raterei. Sie spürte, dass ihm gar nicht wohl zumute war. Sie hatte ihn sehr unvermittelt gefragt, ehe er auch nur »Hallo« sagen konnte.

Es trat eine Pause ein, und sie meinte beinahe, die Rädchen in seinem Hirn surren zu hören. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich sogar ausmalen, wie sich ihm der Hals zuschnürte.

»Sie kommen am besten her«, sagte er schließlich.

»Mach ich.«