40
Donnerstag
Tina goss sich gerade eine Tasse Tee auf, als Antonia heulend in die Küche gerannt kam. Was war denn nun schon wieder passiert, fragte sich Tina genervt. Sie warf schnell den Teebeutel in den Ausguss. Die Kleine zitterte am ganzen Körper. Erschrocken kniete Tina sich auf die Fliesen und nahm ihre weinende Tochter in den Arm. »Mäuschen, was ist denn los?«
»Pelle ist tot!«
Tina atmete erleichtert auf. »Ach, Quatsch! Der schläft bestimmt nur ganz fest. Komm, wir wecken ihn mit einer schönen Scheibe Schinken.« Antonia hörte nicht auf zu zittern. Das erste Mal seit Monaten nuckelte sie wieder an ihrem Daumen. Tina bekam langsam Angst. »Wo hast du Pelle denn gesehen?« Das Mädchen antwortete nicht. Tina nahm sie an beiden Schultern und zwang sie, sie anzusehen. »Antonia! Wo!«
»Apfelbaum!«, schluchzte die Kleine.
»Schläft Paul noch?« Antonia nickte. »Dann gehst du jetzt nach oben zu Papa und weckst ihn. Und dann weckt ihr gemeinsam den Paul. Sei doch bitte so lieb und such deinem Bruder was zum Anziehen raus. Mama guckt in der Zwischenzeit nach Pelle.«
Antonia beruhigte sich und nickte. »Muss er anziehen, was ich will?«
Armer Paul, dachte Tina und bekam ein schlechtes Gewissen, aber zumindest war ihre Tochter nicht mehr hysterisch. »Was du willst!«
Antonia stürmte die Treppe hoch. Tina sah zur Terrassentür. Sie stand weit offen. Normalerweise kam Pelle jeden Morgen sofort angerannt. Tina schluckte. Jetzt spinn du nicht auch noch, schimpfte sie sich und ging in den Garten. Von dem Hund war weit und breit nichts zu sehen. Sie traute sich nicht, laut zu rufen. Sophie war vielleicht schon wach und würde sich wundern. Mit klopfendem Herzen lief Tina auf die alten Obstbäume zu. Da war der Apfelbaum und da lag doch auch Pelle. Dass ein Hund so fest schlafen konnte, wunderte sie sich eine Sekunde. Nach ein paar weiteren Schritten hielt sie sich entsetzt die Hände vor den Mund. Pelle lag in seinem Blut. Von seinem Kopf war nichts mehr übrig. Nur ein trübes Auge starrte sie an.
Stefan nahm seiner Tochter das rosa Rüschenkleid aus der Hand und schüttelte den Kopf. »Auch wenn Mama gesagt hat, dass du heute was für Paul raussuchen darfst, hat sie bestimmt nicht gemeint, dass er deine Kleider tragen muss.«
Antonia stampfte bockig mit dem Fuß auf. Paul sah verwundert von Papa zu Antonia und befummelte neugierig die Rüschen. Die Tür flog auf und Tina kam ins Zimmer. »Darf Toni wirklich bestimmen was er anziehen soll?«, fragte Stefan skeptisch. »Sie wollte ihn in diesen Traum in Rosa hüllen.«
»Gute Wahl!«, entschied Tina. »Antonia, du ziehst Paul an und dann machst du deinem Bruder in der Küche einen Nutellatoast.«
Stefan sah seine Frau an, als hätte sie den Verstand verloren. »Schatz? Geht es dir gut?«
»Es ist wegen Pelle, nicht?«, fragte Antonia, während sie sich abmühte, Paul das Kleid über den Kopf zu ziehen. »Ich hatte recht!«
»Was ist los?« Er bekam keine Antwort. Tina nahm seinen Arm und zog ihn hinter sich her die Treppe hinunter bis in den Obstgarten. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er verstand, was er sah. »Ach du Scheiße!« Stefan atmete tief durch. Das grausame Bild traf ihn bis ins Mark. Langsam ging er um den toten Pelle herum. Tina stand etwas abseits und hatte die Arme eng um ihren Körper geschlungen. »Der arme Kerl. Ich hol eine Decke. Lass uns frühstücken, damit für die Kinder alles normal weitergeht. Was ist mit Sophie?«
»Ich glaub, die schläft noch. Stefan, das kann doch kein Zufall sein! Gestern diese schrecklichen Blumen und jetzt hat jemand den armen Pelle brutal erschlagen. Ich hab Angst!«
Stefan nahm sie in den Arm und drückte sie fest. Nein, das konnte alles kein Zufall sein. Aber es passte auch nicht wirklich zusammen. Die Frauenmorde waren anonym und diese Geschichte schien verdammt persönlich zu sein. Gestern war er fest davon überzeugt gewesen, dass Tina recht hatte und das Trauergesteck ein übler Scherz von diesem Felix war. Dass dieser Fernsehkasper aber einen Hund erschlagen ließ, ging selbst über seine Vorstellungskraft hinaus. Da steckte mehr dahinter. »Die Jungs von der Spurensicherung sollen sich das mal angucken.«
Sophie kam auf etwas wackeligen Beinen die Treppe runter. Sie hatte tief und traumlos geschlafen. Die Familie saß noch am Frühstückstisch, obwohl es bereits fast 10 Uhr war. »Guten Morgen! Da bin ich wieder«, grüßte sie. »Ich fühl mich ein bisschen besser. Keine Ahnung, was gestern mit mir los war. Das war wohl alles zu viel für mich. Danke, dass ihr euch so lieb um mich gekümmert habt.«
Tina sprang auf und schenkte ihr einen Kaffee ein. »Jetzt setzt du dich erst mal und trinkst einen Schluck.«
Sophie wandte sich an Stefan. »Ich hab mir das mit den Blumen noch mal durch den Kopf gehen lassen. Jede Wette, dass Felix sie hat schicken lassen.« Stefan nickte bloß träge und die Kinder starrten sie mit großen Augen an. Stimmte etwas mit ihr nicht? Den Kopfverband und das rote Auge hatten sie doch gestern schon gesehen. »Was ist euch denn über die Leber gelaufen?« Sophie sah sie der Reihe nach an. Paul trug ein rosa Rüschenkleid, stellte sie verwirrt fest. »Paul? Du siehst ja heute ganz besonders aus. Warum die festliche Kleidung?« Antonia brach in Tränen aus. »Toni? Was ist denn bloß los?«
Tina schnappte nach Luft und Stefan wollte gerade etwas sagen.
»Es ist heute kein schöner Tag«, kam die Kleine ihnen zuvor. »Weil Pelle zermatscht ist!«
Sophie lachte. »Hat er sich eingesaut? Mit Matsch? Wo steckt er denn eigentlich?« Sie sah fragend in die Gesichter von Tina und Stefan. Stefan stand auf und machte einen Schritt auf sie zu.
»Sophie ... ähm ... komm mal bitte mit.«
Pelle! Von einer entsetzlichen Ahnung getroffen, rannte Sophie an ihm vorbei.
»Bitte warte!«
Stefan folgte ihr. Sie rannte in den Garten. Pelle war nirgends zu sehen. Unter dem Apfelbaum glitzerte es. Eine Metallfolie. Kurz bevor sie die Folie erreichte, bekam Stefan ihren Arm zu fassen. Er sah sie mit schmerzverzerrtem Gesicht an und schüttelte langsam den Kopf.
»Es tut mir so leid«, flüsterte er und nahm sie in den Arm.
Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie begann zu zittern. Es war klar, was unter der Folie lag und trotzdem wartete sie darauf, dass Pelle auf sie zustürmen und ihr übers Gesicht lecken würde. Sie schluckte heftig. »Ich will ihn sehen!«
»Sophie, nein! Bitte tu dir das nicht an.«
Sie holte tief Luft und löste sich von ihm. »Ich muss!«
Stefan nickte. »Aber versprich mir, ihn nicht anzufassen. Die Spurensicherung ist gleich hier.« Er hockte sich ins Gras und nahm die Folie langsam zur Seite.
Sophie biss auf ihre Faust. Dann sank sie auf die Knie und übergab sich. »Welche miese Sau tut so was?«, fragte sie, nachdem sie sich ein bisschen gefasst hatte.
»Anscheinend bist du jemandem etwas zu nahe gekommen mit deiner Schnüffelei.«
»Ich bin schuld?«
»Verdammt noch mal, Sophie! Ob ich deine Hobbydetektivarbeit nun toll finde oder nicht, dein Hund ist brutal erschlagen worden! Du solltest dich jetzt wirklich aus dem Fall raushalten. Vielleicht ist das hier eine Warnung! Wer weiß, was als Nächstes passiert?«