Diese Frage kam für alle unerwartet. Doch nein, nicht für alle – Clarissa sah verwundert, daß die werdende Mutter nicht im geringsten die Fassung verlor. Zwar wurde sie eine Spur blasser und biß sich kurz auf die volle Unterlippe, aber sie antwortete prompt und selbstsicher: »Sie haben recht, Monsieur, ich habe etwas zu erzählen. Aber nicht Ihnen, sondern dem Vertreter des Gesetzes.«
Sie warf dem Kommissar einen hilflosen Blick zu und sagte flehend: »Um Gottes willen, mein Herr, ich möchte mein Geständnis unter vier Augen machen.«
Die Ereignisse schienen für Coche eine gänzlich unerwartete Wendung zu nehmen. Er blinzelte verwirrt, sah Fandorin argwöhnisch an, schob gewichtig das Doppelkinn vor und dröhnte: »Gut, gehen wir in meine Kabine, wenn Sie solchen Wert darauf legen.«
Clarissa gewann den Eindruck, daß der Polizist keine Ahnung hatte, was Madame Kleber ihm gestehen würde.
Nun, das war dem Kommissar kaum vorzuwerfen – Clarissa kam ja mit dem Tempo der Ereignisse auch nicht mit.
Kaum hatte sich die Tür hinter Coche und seiner Begleiterin geschlossen, warf Clarissa einen fragenden Blick auf Fandorin, der als einziger zu wissen schien, was vorging. Zum erstenmal wagte sie ihn wieder direkt anzusehen, nicht von der Seite und unter gesenkten Wimpern hervor.
Noch nie hatte sie Erast (ja, im stillen konnte sie ihn beim Vornamen nennen) so entmutigt gesehen. Seine Stirn war gefurcht, in den Augen stand Unruhe, die Finger trommelten nervös auf dem Tisch. Sollte auch dieser selbstsichere, blitzartig reagierende Mann die Kontrolle über den Lauf der Ereignisse verloren haben? In der vergangenen Nacht hatte sie ihn schon verlegen gesehen, doch nur für einen Moment. Da hatte er rasch seine Fassung wiedergefunden.
Das war so gewesen.
Nach der Katastrophe von Bombay hatte sie sich drei Tage in ihrer Kabine verkrochen. Sie hatte der Stewardeß gesagt, sie wäre krank, und hatte sich das Essen bringen lassen. Nur im Schutz der Nacht war sie spazierengegangen, wie eine Diebin.
An ihrer Gesundheit war nichts auszusetzen, aber wie sollte sie den Zeugen ihrer Schmach vor die Augen treten, besonders ihm? Der Schurke Coche hatte sie zum Gespött gemacht, sie gedemütigt, mit Schmutz beworfen. Und das Schlimmste, sie konnte ihn nicht mal der Lüge zeihen – es stimmte alles, vom ersten bis zum letzten Wort. Ja, gleich nachdem sie ihr Erbe angetreten hatte, war sie nach Paris geeilt, in die Stadt, von der sie so viel gehört und gelesen hatte. Wie eine Motte zum Licht. Und hatte sich die Flügel versengt. Die schmachvolle Geschichte hatte ihr ohnehin den letzten Krümel Selbstachtung geraubt, und jetzt wußten auch noch alle: Miss Stomp ist ein Flittchen, eine vertrauensselige Idiotin, verächtliches Opfer eines professionellen Gigolo!
Mrs. Truffo schaute zweimal herein, um nach ihrer Gesundheit zu fragen. Natürlich wollte sie sich nur an Clarissas Demütigung weiden. Sie seufzte gekünstelt und jammerte über die Hitze, aber ihre farblosen Äuglein glitzerten triumphierend – na, meine Liebe, wer von uns ist nun eine richtige Lady?
Der Japaner kam und sagte, bei ihnen sei es üblich, einen »Klankenbesuch« zu machen. Er bot seine ärztlichen Dienste an und blickte teilnahmsvoll.
Endlich klopfte auch Fandorin. Clarissa wies ihn ab und öffnete nicht, berief sich auf ihre Migräne.
Macht nichts, sagte sie sich, während sie ihr Beefsteak in völliger Einsamkeit verzehrte. Die neun Tage bis Kalkutta werden auch vergehen. Neun Tage eingeschlossen zu sein, was war das schon, nachdem sie fast ein Vierteljahrhundert eingesperrt gewesen war. Hier hatte sie es ja viel besser als im Hause ihrer Tante. Sie war allein in einer komfortablen Kabine, hatte gute Bücher. In Kalkutta würde sie sich still und leise ans Ufer verdrücken, um dann wirklich eine neue unbeschriebene Seite anzufangen.
Aber am dritten Tag gegen Abend setzten ihr ganz andere Gedanken zu. Oh, wie recht hatte der Barde, von dem die Zeilen stammten:
Wie süß ist’s doch, die Freiheit zu gewinnen,
wenn alles weg ist, was man schätzte einst!
Wie es aussah, hatte sie tatsächlich nichts mehr zu verlieren. Spät nachts, Mitternacht war schon vorüber, ordnete Clarissa entschlossen ihre Frisur, puderte ein wenig das Gesicht, legte das elfenbeinfarbene Kleid aus Paris an, das ihr so gut stand, und ging in den Korridor. Das Schiff schlingerte, und sie wurde von Wand zu Wand geworfen.
Bemüht, an nichts zu denken, blieb sie vor der Tür der Kabine 18 stehen, die erhobene Hand zögerte für einen Moment, nur für einen Moment, und klopfte.
Erast öffnete fast sofort. Er trug einen dunkelblauen ungarischen Hausrock mit Schnüren, aus dem breiten Ausschnitt schimmerte ein weißes Hemd.
»Ich muß mit Ihnen sprechen«, sagte Clarissa kategorisch, sie hatte nicht einmal gegrüßt.
»Guten A-abend, Miss Stomp«, sagte er rasch. »Ist etwas passiert?«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, bat er: »Einen Moment Geduld. Ich z-ziehe mich rasch um.«
Als er sie einließ, war er im Gehrock mit tadellos gebundenem Halstuch. Mit einer Geste bat er sie, Platz zu nehmen.
Clarissa setzte sich, sah ihm in die Augen und äußerte sich wie folgt: »Unterbrechen Sie mich nicht. Wenn ich den Faden verliere, wird es noch fataler … Ich weiß, ich bin viel älter als Sie. Wie alt sind Sie? Fünfundzwanzig? Noch jünger? Macht nichts. Ich will Sie ja nicht ersuchen, mich zu heiraten. Aber Sie gefallen mir. Ich bin in Sie verliebt. Meine ganze Erziehung war darauf gerichtet, niemals und unter gar keinen Umständen so etwas zu einem Mann zu sagen, aber das ist mir jetzt gleich. Ich möchte keine Zeit mehr verlieren. Ich habe ohnehin schon die besten Jahre meines Lebens vertan. Ich verwelke, ohne erblüht zu sein. Wenn ich Ihnen auch nur ein bißchen gefalle, sagen Sie es mir. Wenn nicht, sagen Sie es auch. Nach der Schmach, die ich habe durchmachen müssen, kann es nicht mehr viel schlimmer werden. Und Sie sollen wissen: Mein Pariser … Abenteuer war ein Alptraum, aber es tut mir nicht leid. Lieber ein Alptraum als die schläfrige Benommenheit, in der ich mein bisheriges Leben verbracht habe. Und nun antworten Sie mir, schweigen Sie nicht!«
Du lieber Gott, hatte sie das wirklich laut sagen können? Darauf konnte sie wohl stolz sein.
Fandorin war im ersten Moment perplex, klapperte sogar ganz unromantisch mit den langen Wimpern. Dann sagte er – langsam und mehr als sonst stotternd: »Miss Stomp … C-clarissa … Sie gefallen mir. Sehr sogar. Ich bin von Ihnen h-hingerissen. Und ich b-beneide Sie.«
»Sie beneiden mich? Um was?« fragte sie verdutzt.
»Um Ihren Mut. Darum, daß Sie keine A-angst haben, eine Absage zu bekommen und sich lächerlich zu machen. W-wissen Sie, ich bin eigentlich ein sehr schüchterner Mensch mit wenig Selbstvertrauen.«
»Sie?« Clarissa staunte noch mehr.
»Ja. Ich habe F-furcht vor zwei Dingen: in eine lächerliche oder peinliche S-situation zu geraten und … meine Verteidigung zu schwächen.«
Nein, sie verstand ihn überhaupt nicht.
»Welche Verteidigung?«
»Schauen Sie, ich habe früh erfahren müssen, was ein V-verlust ist, es war eine tiefe Erschütterung – sicherlich fürs ganze Leben. Solange ich allein bin, ist meine V-verteidigung gegen das Schicksal stark, und ich fürchte nichts und niemanden. Für einen Menschen meiner Art ist es am besten, allein zu sein.«
»Mr. Fandorin, ich sagte Ihnen schon, daß ich keineswegs einen Platz in Ihrem Leben beanspruche«, antwortete Clarissa streng, »nicht einmal einen Platz in Ihrem Herzen. Und schon gar nicht plane ich einen Anschlag auf Ihre ›Verteidigung‹.«
Sie verstummte, denn es war alles gesagt.
Doch ausgerechnet in diesem Moment wurde gegen die Tür gehämmert. Im Korridor schallte die aufgeregte Stimme von Milford-Stokes: »Mr. Fandorin, Sir! Schlafen Sie? Machen Sie auf! Schnell! Eine Verschwörung!«
»Bleiben Sie hier«, flüsterte Fandorin. »Ich bin gleich wieder da.«
Er ging in den Korridor. Clarissa hörte gedämpfte Stimmen, konnte aber nichts verstehen.
Nach fünf Minuten war Fandorin wieder da. Er entnahm der Schreibtischschublade einen kleinen, aber schweren Gegenstand und steckte ihn in die Tasche, dann ergriff er noch seinen eleganten Rohrstock und sagte besorgt: »Bleiben Sie noch ein Weilchen hier und gehen Sie dann in Ihre Kabine. Der Fall scheint sich dem Finale zu nähern.«
Was für ein Finale mochte er meinen? Später, schon in ihrer Kabine, hörte Clarissa Schritte durch den Korridor poltern und Stimmen aufgeregt reden, aber sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß über den Masten der stolzen »Leviathan« der Tod schwebte.
»Was will Madame Kleber denn gestehen?« fragte Doktor Truffo vervös. »Monsieur Fandorin, erklären Sie uns, was vorgeht. Was hat sie damit zu tun?«
Aber Fandorin schwieg und guckte noch griesgrämiger.
Die »Leviathan«, unter den regelmäßigen Stößen der seitlich anrollenden Wellen schlingernd, zerschnitt mit Volldampf das nach dem Sturm trübe Wasser der Palkstraße. In der Ferne war, ein grüner Streifen, die Küste von Ceylon zu erkennen. Es war ein diesiger, doch schwüler Morgen. Durch die offenen Fenster der Windseite drang von Zeit zu Zeit ein faulig heißer Luftstrom in den Salon, fand aber keinen Ausweg und sank kraftlos in sich zusammen, wobei er die Stores ein wenig bewegte.
»Ich glaube, ich habe einen F-fehler gemacht«, murmelte Fandorin. »Die ganze Zeit bin ich einen Schritt, einen halben Schritt zurück hinter …«
Als der erste Schuß krachte, begriff Clarissa nicht, was das war. Es konnte ja vieles krachen auf einem Schiff, das durch eine unruhige See lief. Aber da krachte es schon wieder.
»Revolverschüsse!« rief Milford-Stokes. »Aber wo?«
»In der Kabine des Kommissars!« sagte Fandorin rasch und stürzte zur Tür.
Alle liefen hinter ihm her.
Es krachte zum dritten und, als es nur noch zwanzig Schritte bis zu Coches Kabine waren, zum vierten Mal.
»Bleiben Sie hier stehen!« schrie Fandorin, ohne sich umzudrehen, und zog einen kleinen Revolver aus der Gesäßtasche.
Die anderen verlangsamten den Schritt, nur Clarissa hatte keine Angst und wollte nicht hinter Erast zurückbleiben.
Er stieß die Kabinentür auf und hob die Hand mit dem Revolver. Clarissa stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute ihm über die Schulter.
Ein umgestürzter Stuhl war das erste, was sie sah. Dann erblickte sie Kommissar Coche. Er lag hinter dem polierten runden Tisch in der Mitte des Raums. Clarissa bog den Hals, um den Liegenden besser zu sehen, und fuhr zusammen: Coches Gesicht war ungeheuerlich verzerrt, und mitten aus der Stirn quoll blasig dunkles Blut, das in zwei Rinnsalen zu Boden lief.
In der gegenüberliegenden Ecke drückte sich Renate Kleber an die Wand. Sie war totenbleich, schluchzte hysterisch, und ihre Zähne klapperten. In ihrer Hand zuckte ein großer schwarzer Revolver mit qualmender Mündung.
»Aah! Huuh!« heulte sie und zeigte mit zitterndem Finger auf den Toten. »Ich … ich habe ihn getötet!«
»Ich dachte es mir«, sagte Fandorin bündig.
Ohne seinen Revolver zu senken, ging er schnell auf die Schweizerin zu und riß ihr mit einer geschickten Bewegung die Waffe aus der Hand. Sie dachte nicht an Widerstand.
»Doktor Truffo!« rief er, wobei er jede Bewegung Renates beobachtete. »Kommen Sie her!«
Der Arzt äugte mit furchtsamer Neugier in die von Pulverqualm erfüllte Kabine.
»Untersuchen Sie die Leiche«, sagte Fandorin.
Truffo, halblaut auf italienisch wehklagend, kniete neben dem toten Coche nieder.
»Letale Kopfverletzung«, meldete er. »Der Tod ist sofort eingetreten. Aber das ist nicht alles … Der rechte Ellbogen ist durchschossen. Und hier, das linke Handgelenk. Drei Wunden.«
»Suchen Sie weiter. Es waren vier Sch-schüsse.«
»Mehr ist nicht. Eine der Kugeln hat ihn wohl verfehlt. Doch nein, Moment mal! Da, im rechten Knie!«
»Ich sage alles«, stammelte Renate, von Schluchzen gebeutelt, »nur bringen Sie mich weg aus diesem entsetzlichen Zimmer!«
Fandorin steckte den kleinen Revolver in die Tasche, den großen legte er auf den Tisch.
»Also, gehen wir. Doktor, berichten Sie dem Chef der Wache, was passiert ist, er soll einen Posten vor die Tür stellen. Und kommen Sie dann zu uns in den Salon. Außer uns kann niemand die Untersuchung durchführen.«
»Was für eine schreckliche Reise!« jammerte Truffo, während er den Korridor entlangtrippelte. »Arme ›Leviathan‹!«
Im Salon »Hannover« nahmen sie folgendermaßen Platz: Madame Kleber am Tisch mit dem Gesicht zur Tür, die übrigen, ohne sich abgesprochen zu haben, ihr gegenüber. Nur Fandorin saß auf dem Stuhl neben der Mörderin.
»Meine Herren, sehen Sie mich nicht so an«, rief Madame Kleber kläglich. »Ich habe ihn getötet, aber ich bin nicht schuldig. Ich erzähle Ihnen alles, und Sie werden mir zustimmen. Aber geben Sie mir um Gottes willen ein Glas Wasser.«
Der mitleidige Japaner goß ihr Limonade ein – der Tisch war nach dem Frühstück noch nicht abgeräumt worden.
»Also, was ist passiert?« fragte Clarissa.
»Translate everything she says«, befahl Mrs. Truffo streng ihrem rechtzeitig zurückgekehrten Mann. »Everything, word for word.«1
Der Doktor nickte und wischte sich mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Glatze.
»Fürchten Sie nichts, gnädige Frau. Sagen Sie die ganze Wahrheit«, ermunterte Milford-Stokes Madame Kleber. »Dieser Herr ist kein Gentleman, er versteht sich nicht auf den Umgang mit einer Dame, aber ich garantiere Ihnen eine achtungsvolle Haltung.«
Diese Worte waren von einem Blick auf Fandorin begleitet, einem so haßerfüllten Blick, daß Clarissa erstarrte. Was mochte seit gestern zwischen Erast und Milford-Stokes vorgefallen sein? Woher diese Feindschaft?
»Danke, lieber Reginald«, schluchzte Renate.
Sie trank ausgiebig Limonade, zog die Nase hoch und schniefte. Dann warf sie einen flehenden Blick auf ihre Gegenüber und begann: »Coche ist kein Gesetzeshüter! Er ist ein Verbrecher, ein Verrückter! Hier haben alle den Verstand verloren wegen des gräßlichen Tuchs! Sogar der Polizeikommissar!«
»Sie haben gesagt, Sie wollen ihm ein Geständnis ablegen«, erinnerte Clarissa sie feindselig. »Welches?«
»Ja, ich habe einen Umstand verschwiegen … Einen wesentlichen Umstand. Ich hätte bestimmt alles zugegeben, aber ich wollte zuerst den Kommissar überführen.«
»Überführen? Wessen?« fragte Milford-Stokes teilnahmsvoll.
Madame Klebers Tränen versiegten, und sie verkündete triumphierend: »Regnier hat nicht Selbstmord begangen. Kommissar Coche hat ihn umgebracht!« Und als sie die Erschütterung der Zuhörer sah, sprach sie schnell weiter. »Das ist doch offensichtlich! Versuchen Sie mal, sich in einem Zimmerchen von sechs Quadratmetern mit einem Anlauf den Kopf an der Wand zu zerschlagen! Das ist einfach unmöglich. Wenn Charles sich das Leben hätte nehmen wollen, hätte er den Schlips an das Gitter der Ventilation gebunden und wäre vom Stuhl gesprungen. Nein, Coche hat ihn ermordet! Er hat ihm etwas Schweres auf den Kopf gehauen und dann den Selbstmord vorgetäuscht – hat den bereits Toten mit dem Kopf gegen den Wandvorsprung geschleudert.«
»Aber wozu brauchte der Kommissar den Tod Regniers?« Clarissa schüttelte skeptisch den Kopf. Madame Kleber redete eindeutig Unsinn.
»Ich sage doch, er war übergeschnappt vor Habgier! An allem ist das Tuch schuld! Ob Coche wütend auf Charles war, weil der das Tuch verbrannt hatte, oder ob er ihm nicht glaubte, weiß ich nicht. Aber Coche hat ihn getötet, das steht fest. Und als ich ihm das ins Gesicht sagte, hat er es nicht mal bestritten. Er zog seinen Revolver, fuchtelte damit, drohte mir. Wenn ich nicht den Mund hielte, sagte er, werde er mich Regnier hinterherschicken.« Renate zog wieder schniefend die Nase hoch, und – Wunder über Wunder! – der Baronet reichte ihr sein Taschentuch.
Was bedeutete diese geheimnisvolle Wandlung? Er war ihr doch stets aus dem Weg gegangen!
»Ja, und dann legte er den Revolver auf den Tisch, packte mich an den Schultern und schüttelte mich. Ich hatte solche Angst, solche Angst! Ich weiß selber nicht mehr, wie ich ihn zurückstieß und die Waffe vom Tisch nahm. Entsetzlich! Ich lief vor ihm weg, um den Tisch herum, er hinter mir her. Ich drehte mich um und drückte ab, ich weiß nicht mehr, wie oft. Endlich fiel er hin. Und dann kam Herr Fandorin.«
Renate schluchzte laut. Milford-Stokes streichelte ihr behutsam die Schulter – als berührte er eine Klapperschlange.
In die Stille hinein tönte Händeklatschen. Vor Überraschung zuckte Clarissa zusammen.
»Bravo!« Fandorin war es, der klatschte. Er lächelte spöttisch. »B-bravo, Madame Kleber. Sie sind eine große Schauspielerin.«
»Was erlauben Sie sich!« Milford-Stokes verschluckte sich vor Entrüstung, doch Fandorin brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen.
»Setzen Sie sich hin und hören Sie zu. Ich erzähle Ihnen, wie es wirklich war.« Fandorin war ganz ruhig und schien nicht im geringsten zu bezweifeln, daß er die Wahrheit kannte. »Madame Kleber ist nicht nur eine hervorragende Schauspielerin, sondern überhaupt eine außergewöhnliche und talentierte Person – in jeder Beziehung. Voller Schwung und Phantasie. Leider liegt ihre wichtigste Begabung im kriminellen Bereich. Madame, Sie sind an einer ganzen Reihe von Morden beteiligt. Genauer, Sie sind nicht beteiligt, Sie sind die Anstifterin. Und Regnier war Ihr Komplize.«
»Na bitte«, sagte Renate kläglich zu Milford-Stokes. »Nun ist der auch noch übergeschnappt. Und war immer so still und ruhig.«
»Das Erstaunlichste an Ihnen ist die unglaubliche Reaktionsschnelligkeit«, fuhr Fandorin ungerührt fort. »Sie verteidigen sich nie, Sie sch-schlagen stets als erste zu, Frau Sansfond. Ich darf Sie doch mit Ihrem richtigen Namen anreden?«
»Sansfond? Marie Sansfond? Die?« rief Doktor Truffo.
Clarissa ertappte sich dabei, daß sie mit offenem Munde dasaß. Milford-Stokes zog hastig die Hand von Renates Schulter weg. Renate sah Fandorin mitleidig an.
»Ja, vor Ihnen sitzt die internationale A-abenteurerin Marie Sansfond. Legendär, genial und gnadenlos. Ihr Stil – große Maßstäbe, Erfindungsreichtum, F-frechheit. Und außerdem – keine Beweise und keine Zeugen. Sowie, last but not least, die völlige Geringschätzung von Menschenleben. Die Aussagen von Charles Regnier, auf die wir noch zurückkommen, sind zur Hälfte Wahrheit und zur Hälfte L-lüge. Ich weiß nicht, Madame, wann und unter welchen Umständen Sie diesen Mann kennenlernten, aber zweierlei steht außer Zweifel. Regnier hat Sie aufrichtig geliebt und hat versucht, den Verdacht von Ihnen abzulenken, bis zum letzten Moment seines Lebens. Und das zweite: Sie haben den Sohn des Smaragdenen Radschas angestiftet, nach seinem Erbe zu suchen, sonst würde er damit kaum so viele J-jahre gewartet haben. Sie machten sich mit Lord Littleby bekannt, verschafften sich alle notwendigen Informationen und erstellten dann einen P-plan. Offensichtlich rechneten Sie anfangs darauf, ihm das Tuch durch List abspenstig zu machen, durch V-verführung, der Lord hatte ja keine Ahnung von der Bedeutung des Stoffs. Aber Sie mußten bald erkennen, daß die Aufgabe unlösbar war, denn Littleby hing wie närrisch an seiner Sammlung und würde um nichts auf der Welt auch nur ein einziges Exponat hergegeben haben. Das Tuch zu stehlen war auch nicht möglich, denn bei den Vitrinen standen immer bewaffnete Wächter. Und da beschlossen Sie, auf Nummer Sicher zu gehen – mit minimalem Risiko und, wie es Ihr Markenzeichen ist, ohne Spuren zu hinterlassen. Haben Sie eigentlich gewußt, daß der Lord an jenem verhängnisvollen Abend nicht verreist, sondern zu Hause geblieben war? Ich bin sicher, daß Sie es wußten. Sie wollten Regnier durch vergossenes Blut noch fester an sich binden. Denn die Diener hatte ja nicht er getötet, das waren Sie.«
»Ausgeschlossen!« Doktor Truffo hob die Hand. »Eine Frau ohne medizinische Ausbildung und große Erfahrung soll in drei Minuten neun Spritzen setzen? Unmöglich!«
»Erstens kann man ja neun aufgezogene Spritzen bereithalten. Und zweitens …« Fandorin nahm mit einer eleganten Bewegung einen Apfel aus der Schale und schnitt ein Stückchen ab. »Herr Regnier hatte keine Erfahrung im Umgang mit Spritzen, im Gegensatz zu Marie Sansfond. Vergessen Sie nicht, daß sie im Kloster der Vinzentinerinnen erzogen wurde. Dieser Orden hat es sich bekanntlich zur Aufgabe gemacht, armen Menschen medizinische Hilfe zu leisten, und die Vinzentinerinnen bilden ihre Zöglinge von klein auf dazu aus, in Hospitälern, Leprastationen und Armenhäusern Dienst zu tun. Alle diese Nonnen sind hochqualifizierte Krankenschwestern, und die junge Marie war, soviel ich weiß, eine der besten.«
»Richtig, das hatte ich vergessen!« Der Doktor neigte reuevoll den Kopf. »Aber fahren Sie fort. Ich werde Sie nicht mehr unterbrechen.«
»Also, Paris, Rue de Grenelle, Abend des 15. März. In der Villa von Lord Littleby erscheinen zwei Personen: ein junger dunkelhäutiger Arzt und eine Krankenschwester mit einer bis in die Augen herabgezogenen grauen Nonnenkapuze. Der Arzt weist ein P-papier mit dem Stempel der Pariser Mairie vor und verlangt, daß alle im Haus Anwesenden zusammengeholt werden. Die Nonne macht die Injektionen – schnell, geschickt, schmerzlos. Später findet der Pathologe bei keinem der Toten an der Einstichstelle ein Hämatom. Marie Sansfond hatte die Ausbildung in ihrer gottgefälligen Jugend nicht vergessen. Das weitere ist bekannt, darum lasse ich die Ei-einzelheiten weg: Die Diener schlafen ein, die Verbrecher steigen hinauf in den ersten Stock, Regniers kurzer Kampf mit dem Hausherrn. Beiden Tätern entging, daß das goldene Abzeichen der ›Leviathan‹ in der Hand des Lords blieb. Später mußten Sie, Madame, Ihrem Komplizen Ihr Abzeichen geben, denn für Sie war es leichter, einen Verdacht von sich abzulenken, als für den Ersten Offizier. Außerdem hatten Sie vermutlich mehr S-selbstvertrauen als er.«
Clarissa, die bislang Fandorin wie verzaubert angesehen hatte, warf einen raschen Blick auf Renate. Die hörte aufmerksam zu, auf ihrem Gesicht war ein verwunderter, gekränkter Ausdruck erstarrt. Wenn sie Marie Sansfond war, verriet sie sich jedenfalls nicht im geringsten.
»Mein Verdacht gegen Sie beide wurde wach an dem Tag, an dem der arme Afrikaner angeblich über Sie herfiel«, sagte der Erzähler vertraulich zu Renate und biß mit seinen regelmäßigen weißen Zähnen ein Stück von dem Apfel ab. »Das geht natürlich auf Regniers Konto – er war in Panik geraten. Sie hätten sich etwas Schlaueres einfallen lassen. Ich rekonstruiere die Kette der Ereignisse, und Sie v-verbessern mich, wenn ich mich im Detail irre. Einverstanden?«
Renate schüttelte betrübt den Kopf und stützte die runde Wange in die Hand.
»Regnier begleitete Sie zu Ihrer Kabine – Sie hatten etwas zu bereden, denn wie Ihr Komplize in seinem Geständnis schreibt, war kurz vorher das Tuch auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Als Sie Ihre Kabine betraten, sahen Sie den riesigen Neger in Ihren Sachen wühlen, und im ersten Moment erschraken Sie, wenn Sie das Gefühl der Angst überhaupt kennen. Aber im nächsten Moment erzitterten Sie vor Freude, denn der Wilde trug das berühmte Tuch um den H-hals. Nun war alles klar: Der flüchtige Sklave hatte beim Stöbern in Regniers Kabine Gefallen an dem bunten Stück Stoff gefunden und beschlossen, seinen mächtigen Hals damit zu schmücken. Auf Ihren Schrei kam Regnier hereingelaufen, sah das Tuch, verlor die Beherrschung und zog seinen Marinedolch. Sie mußten die Geschichte mit dem angeblichen Überfall erfinden – sich auf den Fußboden legen und den sch-schweren, noch warmen Körper des Toten über sich ziehen. Das war doch bestimmt nicht sehr angenehm, oder?«
»Erlauben Sie, das sind doch alles reine Vermutungen!« widersprach Milford-Stokes hitzig. »Natürlich hat der Neger Madame Kleber überfallen, das ist doch offenkundig! Sie phantasieren schon wieder, Herr russischer Diplomat!«
»Nicht im geringsten«, entgegnete Fandorin freundlich und sah den Baronet traurig oder mitleidig an. »Ich habe doch ges-sagt, daß ich schon früher Sklaven vom Volk der Ndanga gesehen habe, in türkischer Gefangenschaft. Wissen Sie, warum die im Orient so geschätzt werden? Weil sie große Kraft und Ausdauer besitzen, sich durch ein sanftes, gutartiges Wesen auszeichnen und absolut nicht zur Aggression neigen. Sie sind ein Stamm von Ackerbauern, nicht von Jägern, und sie haben noch nie Krieg geführt. Ein Ndanga konnte sich nicht auf Madame Kleber stürzen, nicht mal im Schreck. Selbst Monsieur Aono hat sich g-gewundert, daß die Finger des Wilden keine blauen Flecke auf Ihrem Hals hinterließen. Ist das nicht seltsam?«
Renate senkte nachdenklich den Kopf, als wunderte sie sich auch darüber.
»Nun zu dem Mord an Professor Sweetchild. Kaum stand fest, daß der Indologe kurz vor der Enträtselung war, da haben Sie, Madame, ihn gebeten, sich Zeit zu nehmen und alles von Anfang an und ausführlich zu erzählen, und derweil schickten Sie Ihren Komplizen weg, angeblich nach dem Schal, in Wirklichkeit aber, um den Mord vorzubereiten. Er verstand Sie ohne Worte.«
»Falsch!« rief Renate laut. »Meine Herren, Sie alle sind Zeugen! Regnier hat sich selbst erboten! Erinnern Sie sich? Nun, Monsieur Milford-Stokes, ich hatte Sie zuerst gebeten, wissen Sie noch?«
»Stimmt«, bestätigte der Baronet. »So war es.«
»Ein T-trick für Dumme.« Fandorin winkte mit dem Obstmesser ab. »Sie wußten genau, Madame, daß der Brite Sie nicht leiden konnte und nie Ihren Launen nachkam. Sie haben die Operation wie immer geschickt ins Werk gesetzt, aber diesmal leider nicht sauber genug durchgeführt. Die Schuld auf Monsieur Aono abzuwälzen ist Ihnen nicht gelungen, obwohl Sie Ihrem Z-ziel recht nahe waren.« Hier senkte Fandorin bescheiden den Blick, damit die Zuhörer sich erinnern konnten, wer es gewesen war, der die Beweiskette gegen den Japaner zerrissen hatte.
Er ist nicht frei von Eitelkeit, dachte Clarissa, aber sie fand diesen Zug ganz liebenswert, ja, er erhöhte sogar noch die Attraktivität des jungen Mannes. Das Paradox aufzulösen half wie gewöhnlich die Poesie:
Selbst Schwächen unseres geliebten Wesens
erscheinen würdig in der Liebe Augen.
Ach, Mr. Diplomat, Sie kennen die Engländerinnen schlecht. Ich vermute, Sie werden in Kalkutta einen längeren Aufenthalt einlegen.
Fandorin machte eine Pause – er ahnte nicht, daß er ein »geliebtes Wesen« sei und später als angenommen in seinem Dienstort eintreffen würde – und fuhr dann fort: »Ihre Situation wurde jetzt wirklich kritisch. Regnier hat es recht p-plastisch in seinem Brief ausgemalt. Daraufhin faßten Sie den furchtbaren, aber auf seine Art genialen Entschluß: das Schiff mitsamt dem wissensdurstigen Polizeikommissar, den Zeugen und noch tausend Menschen als Zugabe zu versenken. Was bedeutete Ihnen das Leben von tausend Menschen, wenn die Sie hinderten, die reichste Frau der Welt zu werden? Schlimmer noch – wenn die Ihr Leben und Ihre Freiheit bedrohten.«
Clarissa sah Renate mit abergläubischem Entsetzen an. Sollte diese junge Frau, die ein bißchen gemein, aber insgesamt durchschnittlich war, zu solch ungeheuerlichem Verbrechen fähig sein? Undenkbar! Aber Fandorin nicht zu glauben war auch unmöglich. Er war so überzeugend und so schön!
Über Renates Wange rann eine bohnengroße Zähre. In ihren Augen stand stummes Flehen: Wofür quält ihr mich so? Was habe ich euch getan? Die Hand der Märtyrerin glitt zum Bauch, das Gesicht verzerrte sich leidend.
»Aber nicht in Ohnmacht fallen«, riet Fandorin ihr kaltblütig. »Das beste M-mittel zur Wiedererweckung ist eine Gesichtsmassage durch Backpfeifen. Und tun Sie nicht, als wären Sie schwach und hilflos. Doktor Truffo und Doktor Aono sind überzeugt, daß Sie gesünder sind als ein B-büffel. Setzen Sie sich, Sir Reginald!« Fandorins Stimme klang wie Stahl. »Sie können später für Ihre Dame eintreten, wenn ich fertig bin. Übrigens, meine Damen und Herren, unserem Sir Reginald haben wir alle für die Rettung unseres Lebens zu danken. Ohne seine ungewöhnliche Gepflogenheit, alle drei Stunden die Koordinaten des Schiffs zu überprüfen, würde das heutige Frühstück nicht hier stattfinden, sondern auf dem M-meeresgrund. Und gefrühstückt würden wir.«
»›Wo ist Polonius?‹« sagte der Baronet und lachte schallend. »›Beim Nachtmahl. Nicht wo er speist, sondern wo er gespeist wird.‹ Lustig.«
Clarissa krümmte sich fröstelnd. Gegen die Bordwand des Schiffs schlug eine besonders schwere Welle, auf dem Tisch klirrte das Geschirr, und der ungefüge Big Ben schwankte wieder hin und her.
»Die Menschen sind für Sie Statisten, Madame, und Statisten haben Ihnen noch nie l-leid getan. Besonders wenn es um fünfzig Millionen Pfund geht. Da ist schwer zu widerstehen. Der arme Coche, zum Beispiel, hat gezaudert. Wie plump er den Mord ausgeführt hat, unser Meister der Fahndung! Sie haben natürlich r-recht – der unglückliche Regnier hat nicht Selbstmord begangen. Ich wäre auch selbst darauf gekommen, aber Ihre offensive Taktik hat mich eine Zeitlang irregeführt. Allein schon der ›A-abschiedsbrief‹! Der klingt überhaupt nicht nach Abschied – Regnier hoffte noch Zeit zu gewinnen, als Verrückter durchzugehen. Hauptsächlich aber hat er auf Sie gebaut, Madame Sansfond, er hat Ihnen ganz und gar v-vertraut. Coche hat seelenruhig von der dritten Seite die Hälfte abgeschnitten, genau an der Stelle, die nach seiner Meinung am meisten nach einem Abschluß klang. Wie plump! Unser Kommissar war ganz vernarrt in den Schatz von B-brahmapur. Was Wunder – sein Gehalt für dreihunderttausend Jahre!« Fandorin lachte traurig auf. »Erinnern Sie sich, mit welchem Neid Coche von dem Gärtner erzählte, der einem Bankier so vorteilhaft seine makellose Reputation verkaufte?«
»Abel wozu mußte el Helln Legnier elmolden?« fragte der Japaner. »Das Tuch ist doch velblannt.«
»Regnier versuchte dies dem Kommissar weiszumachen und gab, um ihn zu überzeugen, sogar das Geheimnis des Tuches preis. Aber Coche glaubte es nicht.« Fandorin machte eine Pause und fügte hinzu: »Und er hatte recht.«
Im Salon herrschte Totenstille. Clarissa, die gerade eingeatmet hatte, vergaß auszuatmen. Sie begriff nicht gleich, warum sie plötzlich solch eine Last in der Brust hatte, besann sich – und atmete aus.
»Das Tuch ist also heil?« fragte der Doktor behutsam, als fürchte er, einen seltenen Vogel aufzuscheuchen. »Aber wo ist es?«
»Dieser Fetzen dünne Seide hat heute morgen dreimal den Besitzer gewechselt. Zuerst war es bei dem verhafteten Regnier. Der Kommissar glaubte dem Brief nicht, durchsuchte den Gefangenen und fand das T-tuch. Und da, diesen plötzlichen Reichtum in seiner Hand haltend, drehte er durch und verübte den Mord. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Wie günstig alles gekommen war: Im Brief stand, das Tuch wäre verbrannt, der Mörder hatte alles zugegeben, das Schiff fuhr nach Kalkutta, und von dort war es ein Katzensprung nach Brahmapur! Da spielte Coche va banque. Er schlug dem nichtsahnenden Häftling etwas Schweres auf den Kopf, machte in Eile einen Selbstmord daraus und kam hierher in den Salon, um zu warten, bis der Posten die Leiche entdeckte. Aber nun trat Madame Sansfond in das Spiel ein, und sie trickste den Polizisten aus und auch mich. Sie sind eine beeindruckende Frau, Madame!« sagte Fandorin zu ihr. »Ich hatte erwartet, Sie würden sich zu rechtfertigen versuchen und alles Ihrem Komplizen in die Schuhe schieben, zumal er tot ist. Das wäre so ei-einfach gewesen! Doch nein, Sie gingen anders vor. An dem Benehmen des Kommissars konnten Sie ablesen, daß er das Tuch hatte, und Sie dachten nicht an Verteidigung, nein! Sie wollten den Schlüssel zu dem Schatz zurück, und Sie bekamen ihn zurück!«
»Warum muß ich mir eigentlich diesen ganzen Unfug anhören?« rief Renate mit tränenerstickter Stimme. »Sie, Monsieur, sind ein Nobody, ein Ausländer! Ich verlange, daß ein ranghoher Schiffsoffizier sich mit meinem Fall beschäftigt.«
Da nahm der kleine Doktor Haltung an, strich mit der Hand über das dünne Haar auf der olivfarbenen Glatze und erklärte mit Nachdruck: »Ein ranghoher Schiffsoffizier ist zur Stelle, Madame. Sie können davon ausgehen, daß dieses Verhör von der Schiffsführung sanktioniert ist. Fahren Sie fort, Monsieur Fandorin. Sie sagten, daß diese Frau dem Kommissar das Tuch abgenommen hat?«
»Ich bin davon überzeugt. Wie sie es fertigbrachte, sich seines Revolvers zu bemächtigen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat der Ärmste sie unterschätzt. Wie dem auch sei, sie zielte auf den Kommissar und forderte, ihr auf der Stelle das Tuch auszuhändigen. Als der Alte sich sperrte, durchschoß sie ihm zuerst den einen Arm, dann den anderen, dann das Knie. Sie folterte ihn! Wo haben Sie so schießen gelernt, Madame? Vier Kugeln, und jede genau ins Ziel. Entschuldigen Sie, aber es ist schwer zu g-glauben, daß Coche Sie um den Tisch herum verfolgte, wenn er ein durchschossenes Knie und zwei verstümmelte Arme hatte. Nach dem dritten Schuß ertrug er die Schmerzen nicht mehr und rückte das Tuch heraus. Daraufhin gaben Sie dem Unglücklichen den Rest, indem Sie ihm eine Kugel mitten in die Stirn feuerten.«
»Oh my God!« kommentierte Mrs. Truffo.
Clarissa interessierte etwas anderes: »Also hat sie das Tuch?«
Fandorin nickte. »Ja.«
»Quatsch! Unsinn! Sie sind ja alle verrückt!« Renate (oder Marie Sansfond?) lachte hysterisch. »O Gott, wie absurd!«
»Das ist leicht zu klälen«, sagte der Japaner. »Madame Klebel muß dulchsucht welden. Wenn sie das Tuch hat, ist alles wahl. Wenn nicht, hat Monsieur Fandolin sich geillt. In solchen Fällen schneidet man sich bei uns in Japan den Bauch auf.«
»Niemals werden in meiner Gegenwart Männerhände eine Dame durchsuchen!« erklärte Milford-Stokes und stand mit drohender Miene auf.
»Und Frauenhände?« fragte Clarissa. »Madame Truffo und ich werden die Person durchsuchen.«
»Oh yes, it would take no time at all!«2 stimmte die Frau des Doktors bereitwillig zu.
»Machen Sie mit mir, was Sie wollen.« Renate faltete schicksalsergeben die Hände. »Aber hinterher werden Sie sich schämen.«
Die Männer gingen hinaus, und Mrs. Truffo tastete Renate unglaublich geschickt ab. Dann blickte sie Clarissa an und schüttelte den Kopf.
Clarissa bekam Angst – um den armen Fandorin. Sollte er sich geirrt haben?
»Das Tuch ist sehr dünn«, sagte sie. »Lassen Sie mich suchen.«
Den Körper einer anderen Frau zu befühlen war sonderbar und beschämend, aber Clarissa biß die Zähne zusammen und untersuchte sorgfältig jede Naht, jede Falte, jede Rüsche an der Unterwäsche. Das Tuch war nicht da.
»Sie müssen sich ausziehen!« sagte sie entschlossen. Das war schrecklich, aber noch schrecklicher war die Vorstellung, das Tuch nicht zu finden. Das wäre ein Schlag für Erast! Er würde es nicht ertragen!
Renate hob gehorsam die Arme, damit sich das Kleid leichter ausziehen ließ, und bat schüchtern: »Bei allem, was Ihnen heilig ist, Mademoiselle Stomp, tun Sie meinem Kind keinen Schaden!«
Mit zusammengebissenen Zähnen begann Clarissa ihr das Kleid aufzuknöpfen. Beim dritten Knopf klopfte es an der Tür, und Fandorin rief fröhlich: »Mesdames, beenden Sie die Visitation! Können wir hereinkommen?«
»Ja, kommen Sie«, rief Clarissa und schloß rasch die Knöpfe.
Die Männer guckten rätselhaft. Schweigend standen sie um den Tisch. Wie ein Zauberkünstler breitete Fandorin ein dreieckiges Stück Stoff auf dem Tisch aus, es schillerte in allen Regenbogenfarben.
»Das Tuch!« schrie Renate.
»Wo haben Sie es gefunden?« fragte Clarissa vollends verwirrt.
»Während Sie Madame Sansfond d-durchsuchten, haben wir auch keine Zeit verloren«, erklärte Fandorin mit zufriedener Miene. »Ich kam auf die Idee, daß diese vorausschauende Person das entlarvende Beweisstück in der Kabine des Kommissars versteckt haben könnte. Sie hatte nur wenige Sekunden Zeit und konnte nicht nach einem sicheren Versteck suchen. Und richtig, das Tuch war schnell gefunden. Sie hatte es zusammengeknüllt und unter den Teppichrand geschoben. Jetzt können Sie also den berühmten Paradiesvogel betrachten.«
Clarissa und die anderen starrten wie verzaubert auf das Tuch, das so viele Menschenleben gekostet hatte.
Es hatte die Form eines gleichschenkligen Dreiecks, jede Seite war nicht mehr als 46 Zentimeter lang. Die Zeichnung beeindruckte durch barbarische Buntheit. Vor dem Hintergrund farbenprächtiger Bäume und Früchte breitete ein Wesen, halb Frau, halb Vogel, mit spitzen Brüsten, ähnlich einer antiken Sirene, die Flügel aus. Das Gesicht war im Profil, lange gebogene Wimpern umrahmten ein kleines Augenloch, das mit feinstem Goldfaden gesäumt war. Clarissa glaubte, noch nie etwas Schöneres gesehen zu haben.
»Ja, das ist es, ohne Zweifel«, sagte Milford-Stokes. »Aber beweist Ihr Fund die Schuld von Madame Kleber?«
»Und die Reisetasche?« sagte Fandorin sanft. »Sie erinnern sich doch an die Tasche, die wir b-beide gestern im Kapitänskutter entdeckten? Unter anderem habe ich dort den Umhang gefunden, in dem wir Madame Kleber mehr als einmal gesehen haben. Die Tasche kommt zu den anderen Beweisstücken. Sicherlich finden wir darin weitere Gegenstände, die unserer guten B-bekannten gehören.«
»Was sagen Sie nun, Madame?« fragte der Doktor Renate.
»Die Wahrheit«, antwortete sie, und ihr Gesicht veränderte sich bis zur Unkenntlichkeit.