RENATE KLEBER

 

 

Renate paßte Schnauzer (so nannte sie den alten Coche, seit sie wußte, was für einer er war) vor seiner Kabine ab. Nach der zerknitterten Visage und den zerrauften grauen Haaren des Kommissars zu urteilen, war er eben erst aufgestanden – er hatte sich wohl gleich nach dem Mittagessen hingelegt und bis zum Abend gegrunzt.

Sie packte den Fahnder am Ärmel, stellte sich auf die Zehenspitzen und sprudelte hervor: »Ich muß Ihnen was erzählen!«

Schnauzer warf ihr einen prüfenden Blick zu, kreuzte die Arme vor der Brust und sagte mit unguter Stimme: »Ich höre mit Interesse zu. Wollte ohnehin längst mal mit Ihnen sprechen, Madame.«

Sein Ton ließ Renate aufhorchen, aber sie dachte – Unsinn, Schnauzer hat eine schlechte Verdauung, oder ihm ist im Traum eine krepierte Ratte erschienen.

»Ich habe für Sie die Arbeit gemacht«, prahlte Renate und blickte nach rechts und links, ob auch niemand lauschte. »Gehen wir in Ihre Kabine, dort stört uns niemand.«

Schnauzers Behausung war tipp-topp aufgeräumt: Mitten auf dem Tisch prangte die bekannte schwarze Mappe, daneben lagen ein Stoß Papier und gutgespitzte Bleistifte. Renate sah sich neugierig um, entdeckte eine Schuhbürste und eine Dose Schuhkrem und auf einer Schnur trocknende Hemdkragen. Der Alte ist geizig, dachte sie, er putzt seine Schuhe selbst und wäscht selbst, um dem Personal kein Trinkgeld geben zu müssen.

»Na, reden Sie schon«, knurrte er gereizt, da Renates Neugier ihn verdroß.

»Ich weiß, wer der Täter ist«, meldete sie stolz.

Diese Neuigkeit verfehlte die erhoffte Wirkung auf den Kommissar. Er holte tief Luft und fragte: »Wer?«

»Na sind Sie denn blind? Das ist doch mit bloßem Auge zu sehen!« Renate schlug die Hände zusammen und setzte sich in einen Sessel. »Alle Zeitungen haben geschrieben, daß den Mord ein Psychopath verübt haben muß. Kein normaler Mensch hätte das fertiggebracht, richtig? Und jetzt überlegen Sie mal, wer bei uns am Tisch sitzt. Natürlich ist da eine komische Truppe beisammen, lauter Langweiler und Mißgeburten, aber nur ein Psychopath.«

»Sie meinen den Baronet?« fragte Schnauzer.

»Na endlich.« Renate schüttelte mitleidig den Kopf. »Das liegt doch klar auf der Hand. Haben Sie mal gesehen, mit was für Augen er mich anguckt? Das ist doch ein Tier, ein Monster. Ich fürchte mich, allein durch den Korridor zu gehen. Gestern traf ich ihn auf der Treppe, und ringsum kein Mensch. Es hat mir einen Stich gegeben!« Sie griff sich an den Bauch. »Ich beobachte ihn schon lange. Nachts brennt in seiner Kabine Licht, und die Vorhänge sind zugezogen. Gestern aber war ein schmaler Spalt offen, und ich habe vom Deck aus hineingeschaut. Er stand mitten in der Kabine, fuchtelte mit den Händen, schnitt ekelhafte Grimassen, drohte jemandem mit dem Finger. Gräßlich! Später in der Nacht bekam ich Migräne und ging hinaus an die frische Luft. Plötzlich seh ich, auf der Back steht unser Verrückter, den Kopf gen Himmel gereckt, und guckt durch ein Metallding zum Mond. Und da fiel bei mir der Groschen!« Renate beugte sich vor und begann zu flüstern. »Wir haben nämlich Vollmond. Und da ist er durchgedreht. Er ist geisteskrank, und bei Vollmond erwacht seine Blutgier. Ich habe darüber gelesen! Was starren Sie mich so an? Haben Sie in den Kalender gesehen?« Renate entnahm ihrem Ridikül einen kleinen Kalender. »Da, schauen Sie, ich habe nachgeblättert. Am 15. März wurden die zehn Menschen in der Rue de Grenelle ermordet, und es war Vollmond. Da steht es schwarz auf weiß: pleine lune!«

Schnauzer sah hin, aber ohne Interesse.

»Was glotzen Sie denn wie ein Uhu!« rief Renate ärgerlich. »Sie werden doch begreifen, daß heute wieder Vollmond ist! Während Sie hier herumsitzen, schnappt er wieder über und bringt noch einen Menschen um. Ich weiß sogar, wen – mich. Er haßt mich.« Ihre Stimme zitterte hysterisch. »Auf diesem schauerlichen Schiff wollen sie mich alle töten! Mal fällt ein Afrikaner über mich her, mal stiert mich der Asiat an und läßt die Kaumuskeln spielen, und nun auch noch der durchgedrehte Baronet!«

Schnauzer sah sie unverwandt an. Renate fuchtelte mit der Hand vor seiner Nase herum und rief: »He, Monsieur Coche! Sind Sie eingeschlafen?«

Der Alte schob ihre Hand beiseite und sagte rauh: »Jetzt hören Sie mal zu, meine Liebe. Stellen Sie sich nicht dumm. Mit dem rothaarigen Baronet werde ich schon fertig. Erzählen Sie mir lieber, was es mit der Spritze auf sich hat. Aber schön die Wahrheit!« bellte er so heftig, daß Renate den Kopf einzog.

 

Beim Abendbrot saß sie da und starrte auf ihren Teller. Den sautierten Aal rührte sie nicht an, dabei aß sie sonst immer mit gutem Appetit. Ihre Augen waren rot und geschwollen. Die Lippen zuckten ab und zu.

Dafür wirkte Schnauzer gutmütig und sogar wohlgelaunt. Er blickte öfter mal und nicht ohne Strenge zu Renate, aber nicht feindselig, eher väterlich. Dieser Coche war nicht so bedrohlich, wie er gerne gewirkt hätte.

»Solides Ding«, sagte er mit einem neidischen Blick auf die Big-Ben-Uhr in der Ecke des Salons. »Manche haben eben Glück.«

Der monumentale Preis paßte nicht in Fandorins Kabine und war einstweilen im Salon »Hannover« abgestellt worden. Der eichene Turm tickte, klirrte und grunzte ohrenbetäubend und schlug jede volle Stunde derart schallend, daß sich alle ans Herz griffen. Beim Frühstück, als Big Ben mit zehnminütiger Verspätung verkündete, daß es schon neun sei, hätte die Frau des Doktors fast ihren Teelöffel verschluckt. Überdies war das Fundament des Turms offenkundig zu schmal, so daß dieser bei Wellengang gefährlich zu schwanken begann. So auch jetzt – als der Wind auffrischte und die weißen Gardinen vor den offenstehenden Fenstern flatterten wie zur Kapitulation, knarrte Big Ben bedrohlich.

Der Russe schien die ernstgemeinte Begeisterung des Kommissars für Ironie zu nehmen und begann sich zu rechtfertigen: »Ich habe ihnen ges-sagt, sie sollen die Uhr auch den gefallenen Mädchen geben, aber Herr Drieux war unerbittlich. Ich schwöre bei Christus, Allah und Buddha, wenn wir in Kalkutta eintreffen, v-vergesse ich das Monstrum auf dem Schiff. Niemand soll es wagen, mir das Ungetüm aufzuzwingen!«

Er warf einen besorgten Seitenblick auf Leutnant Regnier, doch der schwieg diplomatisch. Da guckte er auf der Suche nach Mitgefühl zu Renate hin, aber sie guckte finster zurück. Erstens hatte sie schlechte Laune, und zweitens war Fandorin bei ihr in Ungnade gefallen.

Das war eine Geschichte für sich.

Es hatte damit begonnen, daß ihr auffiel, wie die kränkliche Mrs. Truffo zusehends auflebte, wenn der reizende Diplomat in der Nähe war. Monsieur Fandorin gehörte allem Anschein nach zu der verbreiteten Art schöner Männer, die in jedem Dummchen etwas Pikantes erkennen konnten und nichts anbrennen ließen. Renate mochte diese Sorte Männer und war ihnen gegenüber nicht gleichgültig. Gar zu gern hätte sie gewußt, was für einen Vorzug der blauäugige brünette Russe an der faden Mrs. Truffo gefunden hatte. Daß er ein bestimmtes Interesse an ihr nahm, stand außer Zweifel.

Ein paar Tage zuvor war Renate Zeugin einer spaßigen Szene zwischen den beiden Akteuren geworden: Mrs. Truffo (als Vamp) und Monsieur Fandorin (als tückischer Verführer). Das Publikum bestand aus einer jungen Dame (sehr attraktiv, wenngleich in anderen Umständen), die hinter einer hohen Chaiselonguelehne versteckt war und immer wieder in einen Handspiegel schaute. Schauplatz – das Achterschiff. Zeit der Handlung – der romantische Sonnenuntergang. Die Sprache des Stücks war Englisch.

Mrs. Truffo pirschte sich mit plumper britischer Verführungskunst an den Diplomaten heran (beide handelnde Personen standen an der Reling, der erwähnten Chaiselongue halb zugewandt). Mrs. Truffo begann, wie es sich gehört, mit dem Wetter. »Hier in den südlichen Breiten scheint die Sonne so grell!« blökte sie leidenschaftlich.

»O ja«, antwortete Fandorin. »In Rußland ist zu dieser Jahreszeit der Sch-schnee noch nicht getaut. Hier dagegen erreicht die Temperatur fünfunddreißig Grad Celsius, im Schatten, in der Sonne ist es noch heißer.«

Nach dem erfolgreichen Abschluß des Vorspiels wähnte sich die zickige Person berechtigt, zu intimeren Themen überzugehen.

»Ich weiß gar nicht, was ich machen soll!« versetzte sie mit der vom Thema vorgegebenen Schüchternheit. »Ich habe eine so empfindliche weiße Haut! Die sengende Sonne verdirbt mir den Teint und beschert mir womöglich noch Sommersprossen.«

»Ich neige auch zu Sommersprossen«, antwortete der Russe mit tiefem Ernst. »Aber ich habe vorgesorgt und eine Lotion aus dem Extrakt der türkischen Kamille mitgenommen. Schauen Sie – die Bräunung ist gleichmäßig, und keine Sommersprossen.«

Und der Verführer, diese Schlange, hielt der wohlanständigen Frau sein hübsches Gesicht hin.

Mrs. Truffos Stimme zitterte verräterisch.

»Tatsächlich, keine einzige Sommersprosse. Nur daß die Brauen und Wimpern ein wenig ausgeblichen sind. Sie haben ein schönes Epithel, Mr. Fandorin, einfach bildschön.«

Gleich küßt er sie, prophezeite Renate, als sie das Epithel des Diplomaten nur noch fünf Zentimeter von der puterroten Physiognomie der Arztfrau entfernt sah.

Sie irrte sich.

Fandorin rückte ab und sagte: »Epithel? Sie kennen sich in Physiologie aus?«

»Ein wenig«, antwortete Mrs. Truffo bescheiden. »Ich hatte vor meiner Heirat mit Medizin zu tun.«

»Wirklich? Wie interessant! Das müssen Sie mir unbedingt e-erzählen!«

Leider konnte Renate das Schauspiel nicht zu Ende genießen, denn eine Bekannte setzte sich zu ihr, und sie mußte die Beobachtung aufgeben.

Aber die plumpe Attacke der dummen Mrs. Truffo hatte Renates Eitelkeit angestachelt. Ob sie auch mal die Wirkung ihrer Reize auf das appetitliche russische Bärchen ausprobierte? Natürlich nur aus rein sportlichem Interesse und um nicht die Fertigkeiten einrosten zu lassen, ohne die keine auf sich haltende Frau auskommt. Für Liebesglut hatte Renate keinen Sinn. Offen gestanden, in ihrem Zustand verursachten die Männer ihr nichts als Übelkeit.

Um sich die Zeit zu vertreiben, legte sie sich einen einfachen Plan zurecht. Leichte Seemanöver unter dem Codenamen »Bärenjagd«. Im übrigen hatten die Männer mehr Ähnlichkeit mit der Gattung der Hunde. Sie waren bekanntlich primitive Wesen und teilten sich in drei Grundtypen: Schakale, Schäferhunde und Rüden. Und jeder Typ verlangte ein anderes Herangehen.

Der Schakal nährte sich von Aas – also bevorzugte er leichte Beute. Männer dieses Typs flogen auf Zugänglichkeit.

Als Renate mit Fandorin zum erstenmal unter vier Augen sprach, klagte sie über ihren Mann, den langweiligen Bankier, der nur Zahlen im Kopf habe und sich nicht um seine junge Frau kümmere. Hier hätte sogar ein Dummkopf mitbekommen, daß die Frau unter Langeweile und Sehnsucht litt.

Es klappte nicht. Sie mußte sich lange zudringlicher Fragen nach der Bank ihres Mannes erwehren.

Na schön, Renate stellte sich um auf Schäferhund. Diese Sorte Männer vergöttert schwache und schutzlose Frauen. Sie wollen nicht gefüttert werden, sie wollen retten und schützen. Eine gute Unterart, nützlich und angenehm im Umgang. Nur darf man mit Kränklichkeit nicht zu dick auftragen – Männer fürchten sich vor kranken Frauen.

Ein paarmal verging Renate fast vor Hitze, und sie lehnte sich graziös an die eiserne Schulter ihres Ritters und Beschützers. Einmal bekam sie ihre Kabinentür nicht auf, der Schlüssel klemmte. Abends auf dem Ball bat sie Fandorin, ihr einen angetrunkenen (doch ganz harmlosen) Dragonermajor vom Leibe zu halten.

Der Russe hielt ihr die Schulter hin, öffnete ihr die Tür, erteilte dem Dragoner eine Abfuhr, ließ aber kein Zeichen von Verliebtheit erkennen.

Sollte er ein Rüde sein? dachte Renate verwundert. Das sieht man ihm nicht an.

Dieser dritte Männertyp war der unkomplizierteste, er ermangelte gänzlich der Phantasie. Auf Männer dieser Art wirkte nur etwas derb Sinnliches wie ein zufällig entblößter Fußknöchel. Andererseits gehörten viele bedeutende Männer und sogar Koryphäen der Kultur gerade diesem Typ an, und darum war es einen Versuch wert.

Mit den Rüden war ein ganz urtümlicher Umgang angezeigt. Renate bat den Diplomaten, mittags punkt zwölf zu ihr zu kommen, sie wolle ihm ihre Aquarelle zeigen (die in Wirklichkeit gar nicht existierten). Eine Minute vor zwölf stand die Jägerin vor dem Spiegel, nur mit Mieder und Unterhose angetan.

Auf das Klopfen rief sie laut: »Kommen Sie herein, ich warte schon auf Sie!«

Fandorin öffnete und blieb starr in der Tür stehen. Renate, ohne sich umzudrehen, wackelte mit dem Popo und stellte aufreizend den nackten Rücken zur Schau. Schon im achtzehnten Jahrhundert hatten kluge Schöne herausgefunden, daß auf Männer weniger ein nabeltiefes Dekolleté wirkte als vielmehr ein entblößter Rücken. Offenbar weckte der Anblick der schutzlosen Wirbelsäule bei den menschlichen Männchen einen räuberischen Instinkt.

Der Diplomat schien beeindruckt – er stand und guckte, ohne sich abzuwenden. Mit dem Effekt zufrieden, sagte Renate launisch: »Na, was ist, Jenny, helfen Sie mir bitte ins Kleid. Gleich kommt ein sehr wichtiger Gast.«

Wie hätte sich ein normaler Mann in solcher Situation verhalten?

Nun, ein Frechling wäre schweigend hinzugetreten und hätte die zarten Löckchen am Hals geküßt.

Ein gewöhnlicher Mann hätte ihr das Kleid gereicht und schüchtern gekichert.

In dem Moment hätte Renate die Jagd als erfolgreich beendet angesehen. Sie hätte die Verlegene gespielt, den Eindringling vor die Tür gesetzt und jegliches Interesse an ihm verloren. Aber Fandorin fiel aus dem Rahmen.

»Es ist nicht Jenny«, sagte er mit scheußlich gelassener Stimme. »Ich bin’s, Erast Fandorin. Ich werde draußen w-warten, bis Sie sich angezogen haben.«

Also gehörte er einer gegen Verführung gefeiten seltenen Art an oder er war ein heimlicher Perversling. Im zweiten Falle wären die Bemühungen kleiner Engländerinnen ohnehin vergeblich. Renates scharfes Auge konnte jedoch keine Anzeichen für perverse Neigungen entdecken. Außer vielleicht das sonderbare Bestreben, sich mit Schnauzer zurückzuziehen.

Aber das waren alles Dummheiten. Es gab schwerer wiegende Gründe für Verdruß.

 

Als Renate sich eben entschlossen hatte, mit der Gabel in dem erkalteten Aalsauté zu stochern, sprangen die beiden Türflügel polternd auf, und herein stürmte der bebrillte Professor. Er hatte schon immer einen etwas närrischen Eindruck gemacht – mal war das Jackett schief zugeknöpft, mal waren die Schnürsenkel nicht zugeknotet. Jetzt aber sah er vollends derangiert aus: das Bärtchen zerzaust, der Schlips verrutscht, die Augen weit aufgerissen, unterm Rock hervor baumelte der Hosenträger. Etwas Außergewöhnliches mußte ihm widerfahren sein. Renate vergaß im Nu ihre Unannehmlichkeiten und starrte neugierig auf die gelehrte Vogelscheuche.

Professor Sweetchild breitete wie ein Ballettänzer die Arme aus und schrie: »Heureka, meine Herrschaften! Das Geheimnis des Smaragdenen Radschas ist gelöst!«

»O no!« stöhnte Mrs. Truffo. »Not again!«1

»Auf einmal paßt alles zusammen!« erklärte der Professor verworren. »Ich war doch mehr als einmal im Palast, wieso bin ich nicht früher darauf gekommen! Ich habe hin und her überlegt, und es fügte sich nicht zueinander! In Aden bekam ich ein Telegramm von einem Bekannten im französischen Innenministerium, und er bestätigte meine Vermutungen, doch ich kapierte noch immer nicht, was das Auge bedeutet und vor allem, wer das sein mag. Das heißt, wer, das ist schon klar, aber wie? Auf welche Weise? Und plötzlich ging mir ein Licht auf!« Er lief zum Fenster. Die vom Wind geblähte Gardine umhüllte ihn wie ein weißes Gewand – der Professor schob sie ungeduldig weg. »Ich band mir meinen Schlips, stand dabei am Kabinenfenster und blickte auf die Wellen. Kamm auf Kamm, bis zum Horizont. Und da kam mir die Erleuchtung! Und alles paßte zusammen – das mit dem Tuch, dem Sohn! Eine reine Büroarbeit. Die Listen der Ecole Maritime durchsehen, und schon hat man ihn!«

»Ich verstehe kein Wort«, knurrte Schnauzer. »Phantastereien. Maritime …«

»O doch, das ist sehr sehr interessant!« rief Renate. »Ich liebe Geheimnisse und ihre Enthüllung. Aber, lieber Professor, so geht es nicht. Setzten Sie sich an den Tisch, trinken Sie ein Glas Wein, verpusten Sie und dann erzählen Sie schön der Reihe nach – ruhig, vernünftig. Und vor allem von Anfang an, nicht vom Ende her. Sie sind doch ein wunderbarer Erzähler. Aber zuerst hole mir bitte jemand meinen Schal, sonst erkälte ich mich noch in der Zugluft.«

»Ich werde die Fenster auf der Windseite schließen, dann gibt es keine Zugluft mehr«, bot Sweetchild an. »Sie haben recht, Madame, ich erzähle lieber der Reihe nach.«

»Nein, nicht schließen, dann wird es stickig. Nun, meine Herren.« Renates Stimme vibrierte launisch. »Wer holt mir den Schal aus der Kabine? Hier ist der Schlüssel. Monsieur Baronet!«

Der rothaarige Verrückte rührte sich natürlich nicht vom Fleck. Dafür sprang Regnier auf.

»Professor, ich bitte Sie, fangen Sie nicht ohne mich an«, sagte er. »Ich bin gleich wieder da.«

»And I’ll go get my knitting«2, seufzte Mrs. Truffo.

Sie kehrte als erste zurück und klapperte geschickt mit den Stricknadeln. Ihrem Manne bedeutete sie mit der Hand, er brauche nicht zu übersetzen.

Sweetchild bereitete seinen Triumph vor. Er war scheint’s entschlossen, Renates Rat zu befolgen und seine Entdeckungen möglichst wirksam darzulegen.

Am Tisch herrschte völlige Stille, alle sahen den Redner an und beobachteten jede seiner Gesten.

Sweetchild nippte vom Rotwein, ging im Salon auf und ab. Dann blieb er in malerischer Pose stehen, den Zuhörern halb zugewandt, und begann: »Ich habe Ihnen schon von dem unvergeßlichen Tag erzählt, an dem Radscha Bagdassar mich in seinen Palast zu Brahmapur einlud. Das liegt ein Vierteljahrhundert zurück, und doch erinnere ich mich an alles bis auf die letzten Details. Das erste, was mir auffiel, war der Anblick des Palastes. Da ich wußte, daß Bagdassar einer der reichsten Männer der Welt war, hatte ich orientalischen Luxus und Größe erwartet. Nichts dergleichen! Die Gebäude des Palastes waren recht bescheiden, ohne ornamentale Verzierungen. Und ich dachte mir, daß die Leidenschaft für Edelsteine, die in diesem Geschlecht vom Vater auf den Sohn vererbt wurde, alle anderen eitlen Bestrebungen verdrängt habe. Wozu Geld für Marmorwände verschwenden, wenn man dafür noch einen Saphir oder Diamanten erwerben konnte? Der Brahmapurer Palast, geduckt und unscheinbar, war eigentlich auch eine Lehmschatulle, in der die zauberische Sammlung unbeschreiblichen Glanzes aufbewahrt wurde. Marmor und Alabaster konnten ohnehin nicht mit dem blendend hellen Licht der Steine wetteifern.« Der Professor nippte wieder vom Wein, spielte Nachdenklichkeit.

Atemlos stürmte Regnier herein, legte Renate respektvoll den Schal um die Schultern und blieb neben ihr stehen.

»Was für Marmor und Alabaster?« fragte er flüsternd.

»Der Palast von Brahmapur, stören Sie nicht.« Renate ruckte ungeduldig mit dem Kinn.

»Die Innenausstattung des Palastes war auch sehr einfach«, nahm Sweetchild den Faden wieder auf. »Im Lauf der Jahrhunderte waren die Säle und Gemächer mehrmals umgestaltet worden, und vom historischen Gesichtspunkt interessierte mich nur das Obergeschoß, das aus vier Sälen bestand, jeder einer Himmelsrichtung zugewandt. Die Säle waren ehedem offene Galerien gewesen, doch im vergangenen Jahrhundert hatte man sie verglast. In dieser Zeit wurden die Wände mit hochinteressanten Fresken geschmückt – sie bilden die Berge ab, die von allen Seiten das Tal einschließen. Die Landschaft ist erstaunlich realistisch dargestellt – die wirklichen Berge ringsum scheinen sich in einem Spiegel zu reflektieren. Vom philosophischen Standpunkt soll die Spiegelung die Dualität alles Seins symbolisieren und …«

Irgendwo ganz in der Nähe ertönte das Alarmgeläut der Schiffsglocke, Schreie waren zu hören, eine Frau kreischte verzweifelt.

»O Gott, Feueralarm!« rief der Leutnant und stürzte zur Tür. »Das hat uns noch gefehlt!«

Alle liefen ihm hinterher.

»What’s happening?« fragte die verängstigte Mrs. Truffo vergeblich. »Are we boarded by pirates?«3

Renate saß einen Moment offenen Mundes da, dann schrie sie gellend, verkrallte sich in den Rockschoß des Kommissars und hielt ihn fest.

»Monsieur Coche, lassen Sie mich nicht allein!« flehte sie. »Ich weiß, was ein Schiffsbrand bedeutet, ich habe darüber gelesen! Jetzt stürzen alle zu den Booten, schubsen einander beiseite, und eine schwache schwangere Frau wie ich wird ganz sicher weggedrängt. Versprechen Sie mir, daß Sie sich um mich kümmern!«

»Wieso denn Boote?« knurrte der Alte beunruhigt. »Was reden Sie für Unsinn! Man hat mir gesagt, daß die ›Leviathan‹ einen idealen Brandschutz hat und sogar einen eigenen Brandmeister. Sie brauchen nicht so zu zittern, alles wird gut.« Er versuchte, sich zu befreien, aber Renate hielt seinen Rockschoß fest umklammert. Ihre Zähne schnatterten.

»Laß mich los, Mädchen«, sagte Coche freundlich. »Ich gehe nicht weg. Ich will nur durchs Fenster auf das Deck schauen.«

Nein, Renates Finger hielten fest.

Aber der Kommissar sollte recht behalten. Nach ein paar Minuten waren im Korridor ruhige Schritte und Stimmen zu hören, und die »Hannoveraner« kamen einer nach dem anderen wieder herein.

Sie hatten sich noch nicht von dem Schreck erholt, darum lachten sie viel und sprachen lauter als sonst.

Als erste kamen Clarissa Stomp, das Ehepaar Truffo und der puterrote Regnier herein.

»Alles ganz harmlos«, verkündete der Leutnant. »Jemand hat eine noch brennende Zigarre in den Abfalleimer geworfen, und da lag eine alte Zeitung drin. Die Flammen erfaßten eine Portiere, aber die Matrosen haben das Feuer im Nu gelöscht. Doch wie ich sehe, sind Sie hier allseitig auf einen Schiffbruch vorbereitet.« Er lachte und blickte Clarissa genauer an.

Diese hielt eine Geldbörse und eine Flasche Orangeade in den Händen.

»Naja, die Orangeade soll Sie vor dem Verdursten auf See bewahren«, erriet Regnier. »Aber wozu die Geldbörse? Die würde Ihnen im Rettungsboot kaum nützen.«

Renate kicherte hysterisch, und Clarissa, die alte Jungfer, stellte verlegen die Flasche auf den Tisch.

Der Doktor und seine Frau waren auch gerüstet: Mr. Truffo hatte die Arzttasche mit den Instrumenten bei sich, und seine Frau drückte eine Decke an die Brust.

»Das hier ist der Indische Ozean, gnädige Frau, da würden Sie kaum erfrieren«, sagte Regnier mit ernster Miene, aber die Ziege schüttelte nur verständnislos den Kopf.

Nun kam der Japaner mit einem rührenden geblümten Bündelchen in der Hand. Was mochte er darin haben – einen Satz Harakirimesser?

Der Psychopath erschien zerrauft, ein Kästchen in der Hand, wie es für Schreibutensilien verwendet wird.

»Wem wollen Sie denn schreiben, Monsieur Milford-Stokes? Ah, verstehe! Wenn Miss Stomp ihre Orangeade ausgetrunken hat, stecken wir einen Brief in die leere Flasche und lassen ihn auf den Wellen schwimmen«, scherzte der Leutnant übermütig, wohl vor Erleichterung.

Jetzt waren alle beisammen außer dem Professor und dem Diplomaten.

»Monsieur Sweetchild verpackt bestimmt seine wissenschaftlichen Arbeiten, und der Russe stellt den Samowar auf, um ein letztes Mal Tee zu trinken«, sagte Renate, von dem Frohsinn des Leutnants angesteckt.

Da kam der Russe wie aufs Stichwort. Er blieb an der Tür stehen. Sein schönes Gesicht war finster wie eine Gewitterwolke.

»Was ist, Monsieur Fandorin, wollen Sie Ihren Preis holen und ins Rettungsboot mitnehmen?« fragte Renate schelmisch.

Alle bogen sich vor Lachen, aber der Russe wußte den geistreichen Scherz nicht zu schätzen.

»Kommissar Coche«, sagte er halblaut, »wenn es Ihnen keine Mühe macht, kommen Sie bitte in den Korridor. Und zwar rasch!«

Sonderbar, diese Worte sprach der Diplomat ohne das geringste Stottern. Vielleicht hatte die Nervenerschütterung ihn kuriert? Das kommt ja vor.

»Was soll denn so eilig sein?« fragte Coche mißmutig. »Später, junger Mann, später. Erst will ich den Professor zu Ende hören. Wo steckt er bloß?«

Der Russe sah den Kommissar erwartungsvoll an. Als er erkannte, daß der Alte in seiner Sturheit nicht daran dachte, in den Korridor zu kommen, zuckte er die Achseln und sagte kurz: »Der Professor kommt nicht.«

Coche runzelte die Stirn.

»Wieso denn das?«

Renate fuhr hoch.

»Warum nicht? Er hat doch an der interessantesten Stelle aufgehört! Das ist einfach unanständig!«

»Mr. Sweetchild ist soeben ermordet worden«, teilte der Diplomat bündig mit.

»Waas?« brüllte Coche. »Ermordet? Wie denn?«

»Ich vermute, mit einem chirurgischen Skalpell«, antwortete der Russe erstaunlich kaltblütig. »Ihm wurde mit großer Exaktheit die Kehle durchgeschnitten.«