Die Prinzessin
»So«, sagte Kelric leise. »Diesmal also kein Mann, sondern eine Frau in der nächsten Generation.« Er hatte sich wieder völlig in der Gewalt, und keine Regung seines beherrschten Gesichtes drückte die Gefühle aus, die in ihm tobten.
»Ist ... ist das schon einmal vorgekommen?«, fragte der König zögernd.
Kelric schüttelte den Kopf. »Nein, mein König. Und es wird wohl auch nie wieder vorkommen. Aber macht Euch keine Sorgen. Dies ist nur ein weiterer Teil der Geschichte, und mir ist jetzt das meiste klar. Es ist kaum mehr ein Zufall, dass ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt hier eintraf, und ich glaube, dass mein Kampf nicht umsonst war. Ich werde also Eure Tochter in jedem Fall begleiten, Herr. Ich danke Euch sogar für den Auftrag. Aber nun zu etwas anderem: Ich möchte mir gern Eure Frau ansehen. Ich glaube, ich kann sie heilen.«
Der König sah ihn erstaunt an, mit leise aufflackernder Hoffnung. »Ihr könntet – aber wie?«
Kelric lächelte. »Auch Melwin hätte es gekonnt, wäre er zu diesem Zeitpunkt hier gewesen. Vorher vermochte er nicht zu helfen, solange die Krankheit nicht ausgebrochen war. Aber auch ich kenne ja jetzt den Namen der Königin und seine Bedeutung. Ich werde also das Leben meiner Mutter, die genauso heißt anhand meines Verwandtschaftsbandes zurückverfolgen, und dann werde ich das Band Eurer Frau ebenso entlang suchen, bis ich ihren Ursprung gefunden habe, in dem das Wort zur Heilung liegt. Wenn ich die beiden Frauen vergleiche, dürfte es gelingen. Aber hoffentlich wird Gromgen dann nicht arbeitslos.«
Emhold lachte befreit auf. »Keine Sorge! Kommt nur, mein Freund, und ich will Euch unterwegs noch Gorwyna vorstellen.«
Er führte den Zauberer rasch durch sein Schloss, das immer belebter wurde, je weiter sie vordrangen; Kelric fühlte sich wohl, denn er spürte überall eine lange und weitverzweigt verwurzelte Heiterkeit. Der König machte schließlich ein enttäuschtes Gesicht, als er seine jüngste Tochter in keinem der Aufenthaltsräume des Frauengebäudes vorfand. »Sie ist ständig unterwegs wie ihr Vater«, brummte er. »Vor heute Abend kommt sie bestimmt nicht zurück. Nun, dann stelle ich Euch die beiden Älteren vor. Die eine ist achtundzwanzig, die andere vierundzwanzig, sie haben beide kürzlich geheiratet, und ich werde bald Großvater.« Er lachte fröhlich. »Mein Sohn wird kaum älter als mein Enkel sein, das ist eine erheiternde Vorstellung, nicht wahr?« Er schüttelte erheitert den Kopf. »Gestern überlegte ich, dass Gorwyna eigentlich noch zu jung zum Heiraten ist. Aber sie will den Prinzen, obwohl sie ihn nicht kennt, und ich kenne niemanden, dem es je gelungen wäre, ihr etwas auszureden.«
»Sehr verwöhnt also«, sagte Kelric prompt.
»O ja«, gab der König lächelnd zu. »Aber wenn Ihr sie kennen würdet, verstündet Ihr warum. Sie wird ja selbst von ihren beiden Schwestern innig geliebt, obwohl sie die Schönste von allen ist.« Er unterbrach sich, als Kelric plötzlich stehen blieb und den Kopf wie lauschend bewegte,
»Welches ist der kürzeste Weg zum Gemach Eurer Frau?«, fragte er dann.
Emhold erschrak, als er das ernste Gesicht des Zauberers sah. »Kommt!«, sagte er und eilte voran.
Gromgen stürzte ihnen kurz vor den Gemächern aufgelöst entgegen. »Die Königin, sie ... sie ...«, schrie er. »Was soll ... « Er verstummte, als Kelric ihn wortlos an den Schultern packte und mühelos aus dem Weg hob, um rasch in das Gemach zu gelangen.
In dem großen Bett lag eine Frau unbestimmbaren Alters; nach normalen Maßstäben hätte sie siebenundvierzig Jahre alt sein müssen, aber durch ihre zierliche Gestalt und die glatte bleiche Haut wirkte sie viel jünger. Das liebliche Gesicht war ganz grau vor Erschöpfung, die Augen waren geschlossen; der Atem ging rasch und flach. Der König ergriff vorsichtig eine kalte weiße Hand und ließ sich dicht bei seiner Frau nieder. Kelric, der sah, wie sehr er sie liebte, setzte sich entschlossen auf die andere Seite des Bettes und bot alle seine Kräfte auf.
Es dauerte bis zum Nachmittag, aber dann war es vollbracht. Nach unzähligen Beschwörungen, Wortauffindungen und Rätselsprüchen hatte er ihren Ursprung erreicht und das heilende Wort der Erlösung gefunden. Kelric ließ warme Tücher und ein nach seinen Anweisungen gebrautes bestimmtes Kräutergetränk bringen, bereitete inzwischen den geeigneten Spruch vor und konzentrierte seine Magie. Als die Sonne beinahe versunken war, kehrte eine gesunde rosige Farbe auf die bleichen Wangen der Königin zurück, und sie schlug die großen dunklen Augen auf und lächelte matt, aber gesund den Zauberer an. Emhold brach vor Freude in Tränen aus, schloss den zerbrechlichen Körper seiner Frau in die Arme und küsste stumm ihr Gesicht. Kelric kontrollierte nochmals alle Handlungen, und als er wusste, dass keine Gefahr mehr drohte, zog er sich still zurück. Draußen gab er einer Dienerin bestimmte Anweisungen für die weitere Behandlung der Königin und ließ sich von einem anderen Diener zu seinem Zimmer führen und ein Abendessen bringen.
Die Erschöpfung brach über ihn herein, als er saß, und für einen Augenblick schwanden ihm die Sinne. Er hatte einen schrecklichen Kampf gegen den Tod geführt, der ihn nahezu alle Kräfte gekostet hatte. Einige Tage Ruhe waren jetzt vonnöten. Müde rieb er die schmerzenden Schläfen, dann das von der Anstrengung gezeichnete graue Gesicht, lehnte sich schließlich mit geschlossenen Augen zurück und war wohl ein wenig eingeschlummert, als er auf einmal jemanden bei sich spürte und sofort hellwach war.
»Klopft man nicht zuerst an, bevor man das Zimmer eines Gastes betritt?«, fragte er in die Stille hinein, ohne sich zu rühren.
»Ich habe geklopft«, erklang eine weiche weibliche Stimme. »Verzeiht, dass ich dennoch eingedrungen bin, aber ich konnte keinen Augenblick länger warten, um Euch meinen Dank auszusprechen.«
Kelric setzte sich auf und öffnete die Augen. »Gorwyna«, sagte er.
Ein liebliches junges Mädchen stand scheu vor ihm. Sie war so klein, dass sie ihm wohl gerade an die Brust reichte; ihre mädchenhafte Gestalt so zart und feingliedrig wie die ihrer Mutter, ebenso besaß sie das lange schwarze Haar und die dunklen Augen; das Gesicht jedoch war genau das ihres Vaters: der schön geschwungene Mund, das energische kleine Kinn, die gebogenen Augenbrauen, die ein wenig himmelwärts strebende Nase, die hohen Wangenknochen; ebenso ihre Haltung, das lustige, ein wenig kecke Blitzen ihrer fröhlichen Augen, die Lässigkeit ihrer Bewegungen, die durch die enge, männliche Reitkleidung, so gar nicht zu einer Prinzessin passend, noch unterstrichen wurden. Ein ätherischer Glanz umgab sie; sie war wie ein Sonnenstrahl, der auf der Erde Gestalt angenommen hatte, denn sie brachte Herzenswärme, natürliche Anmut und kindliche, herzliche Fröhlichkeit mit, dass es Kelric rührte. Sie war ein junges Mädchen, das sich seiner Weiblichkeit voll bewusst und stolz auf das Dasein als Frau war; ihr Körper strahlte Sinnlichkeit, aber auch Würde aus. Angesichts ihrer Ausstrahlung wurde ihre Schönheit zu einer selbstverständlichen Nebensache.
»Ich grüße Euch, Lord Kelric«, entgegnete Gorwyna auf sein einziges Wort, beeindruckt von seiner melancholischen tiefen Stimme; ihre Gerte fiel zu Boden, als er mit der geschmeidigen Eleganz einer Raubkatze aufstand und ihre Hand nahm. Seine mystische Ausstrahlung erschlug sie beinahe, und sie glaubte die schimmernde Aura seiner Macht zu sehen, als sie fasziniert zu ihm hoch starrte, in die Sanftmut seines Gesichtes blickte und schüchtern sein freundliches, heiteres Lächeln erwiderte; ihr Blick verlor sich in der unendlichen Trauer seiner weisen Augen, so dass sie kein Wort mehr hervorbrachte.
Als er leise lachte, stockte sie und stotterte: »Ihr – Ihr wart es, der heute früh gelacht hat. Der Zauber Eurer Stimme hat alle verhext. Leute, die ein gutes Stück von der Straße herabkamen, fragten uns, wer solch eine wunderbare Stimme habe. Ich lief fort vor der Verhexung, und als ich zurückkam, war die doppelte Arbeit geschafft und meine Mutter gesund. Ich sah meinen Vater weinen, das erste Mal, seit ich ein Kind war und böse vom Pferd stürzte. Herr, wer seid Ihr?«
»Ein Zauberer«, erwiderte er. »Nur ein Zauberer.«
»Ein Zauberer«, wiederholte sie. »Ich glaube, ich verstehe das Wort erst jetzt. Ein Zauberer ist nicht einfach ein Mensch mit Magie, er ist Ausdruck der Macht selbst.«
Er lächelte und führte sie zu einem Stuhl. »Bitte nehmen Sie Platz, Prinzessin. Da Sie schon hier sind, wollen wir uns gleich unterhalten.«
Sie schielte verstohlen zu seinem unberührten Abendessen. »Es ist alles durcheinander im Schloss, und niemand hat an meinen Magen gedacht«, murmelte sie.
Er nahm schmunzelnd seinen Teller, belud ihn mit Speisen und schob ihn ihr hin. »Es reicht gut für uns beide.«
»Aber ich habe einen Wolfshunger«, warnte sie ihn. »Und wenn ich erst zu essen anfange, kann ich nicht mehr aufhören.«
»Das ist doch schön«, lächelte er. Er nahm sich einige Früchte und kaute sie in stillem Vergnügen, während Gorwyna begeistert den ganzen Teller leer löffelte. Dann lehnte sie sich zurück.
»Herrlich«, seufzte sie. »Ich war am Verhungern.«
Sie sah ihm zu, als er nach der Weinkaraffe griff und sich eingoss. »Darf ich ... nur ein wenig?«, bat sie schüchtern.
»Wenn Sie es vertragen«, erwiderte er, »brauchen Sie doch nicht zu fragen. Jedenfalls nicht mich.«
Sie räusperte sich. »Ich vertrage es bestimmt nicht. Sie sind alle der Meinung, dass ich noch zu jung bin. Aber alt genug zum Heiraten bin ich doch, oder? Also kann ich auch Wein trinken.«
»Ich habe nichts einzuwenden«, meinte er freundlich und hielt ihr einen halb gefüllten Becher hin. »Gorwyna, wollen Sie denn wirklich heiraten?«
Zu seinem Erstaunen wurde sie hochrot. »Ich ... ich muss ja doch, damit endlich Frieden herrscht. Und Prinz Lyrwe soll sehr nett und gutaussehend sein, das sagen alle. Er schickt mir glühende Liebesbriefe.« Sie nippte am Wein und hielt sich am Becher fest. »Aber ich ... da ... ist ein Problem ...«
»Sprechen Sie!«, ermunterte er sie.
Sie zögerte. »Werdet Ihr mich begleiten?«, fragte sie zaghaft.
»Ja«, antwortete er. »Sie können frei sprechen. Ich bin zum Stillschweigen verpflichtet, in allem, was Sie mir anvertrauen.«
Sie druckste herum, verknotete die Finger ineinander, trank den restlichen Wein, sah zum Fenster hinaus und platzte schließlich heraus: »Findet Ihr mich attraktiv?«
Sie erwartete, er werde lachen, und senkte verschämt den Kopf, aber er blieb ruhig und sachlich.
»Ich kann nur objektiv beurteilen, Prinzessin«, sagte Kelric ernst. »Und Sie dürfen mir glauben, dass ich schon viele Menschen sah. Aber niemand besaß zugleich soviel Schönheit, Anmut und Liebreiz wie Sie. Ihre Anziehung auf Männer muss unwiderstehlich sein. Nein, Gorwyna, strahlen Sie jetzt nicht. Es ist eine Beurteilung, kein Kompliment. Ich bin nicht dafür empfänglich.«
»Oh!«, machte sie. »Gar nicht?«
»Nein. Ich bin mit der Magie verheiratet, und ihr gehören alle meine Gefühle. Der Wein ist doch recht stark, nicht wahr?«
Sie nickte mit roter Nasenspitze. »Ja. Ich benehme mich ziemlich einfältig, oder?«
»Sie sind ja noch fast ein Kind. Und was gibt es für ein Problem?«
Sie wurde jäh ernst. Sie wollte es nicht sagen, aber es lastete schon so lange auf ihrer Seele, und mit irgendjemandem musste sie reden ... vorher. »Es ist schrecklich«, murmelte sie. »Ich habe Angst vor dem Prinzen ... in einer Hinsicht.«
Er musterte sie und schien schnell zu begreifen. »Mädchen, Sie sind kaum achtzehn«, sagte er. »Wann war die Geschichte?«
»Vor einem Jahr«, wisperte sie und fügte dann verteidigend hinzu: »Meine Mutter war sogar erst sechzehn, als sie Papa heiratete.«
»Weiß Ihr Vater davon?«, fragte er.
»Götter, nein, natürlich nicht! Niemand weiß es. Er ist auch schon lange fort. Es war nur ... diese Sommernächte, Ihr versteht, und er konnte so gut singen ... Er war nur wenige Tage hier und kehrte nie mehr wieder, aber ...«
»Aber passiert ist es trotzdem«, vollendete er den Satz. »Nun ja, ich glaube nicht, dass der Prinz unbedingt darauf bestehen wird. Er wird gar nicht darauf achten, wenn er mit Ihnen zusammen ist, und Sie sollten ihn vielleicht nicht direkt mit der Nase darauf stoßen. Und ansonsten ... ich werde bei Ihnen bleiben, bis Sie mich nicht mehr brauchen.«
»Wirklich?«
»Ja, bestimmt. Ich verspreche es.«
Sie betrachtete ihn prüfend. »Sie könnten ein Bruder meines Vaters sein.«
»Ja, aber ich bin es nicht«, erwiderte er. »Und wenn Sie jetzt noch weiter in meinen Gedanken herumkramen, werde ich Sie auf der Stelle übers Knie legen.«
»Ihr wisst ...«, sagte sie erschrocken.
»lhr Vater sagte es mir, aber ich kann es ohnehin spüren. Und nicht nur, weil ich Zauberer bin. Bevor Sie nämlich Ihre Fühler ausstreckten, las ich in Ihren Gedanken, was Sie vorhatten.«
»Ihr lest bei mir auch ... oh!« Sie sprang empört auf.
Er lächelte verschmitzt. »Nur ein Test, kleine Libelle, weil Sie etwas Besonderes sind. Ich stöbere normalerweise nicht im Gedankeninhalt anderer Leute. Ein schlechtes Gewissen brauche ich also nicht zu haben, denn ich tat dasselbe, was Sie auch tun wollten.«
Sie errötete und setzte sich wieder. »Hättet Ihr es getan?«, fragte sie.
»Was?«
»Mich übers Knie gelegt.«
»Was glauben Sie?«, fragte er zurück. »Ohne Gedankenlesen, Prinzessin!«
»Hm.« Sie krauste die Nase und runzelte die Stirn. »Ich denke schon«, erklärte sie dann.
»Dann ist es gut«, meinte er. In seinen Augen blitzte es belustigt.
Sie lachte plötzlich. »Wie habt Ihr mich vorhin genannt?«
»Wie? Ach so – kleine Libelle.«
»Das ist hübsch«, sagte sie fröhlich. »Wie kommt Ihr darauf?«
Seine Antwort darauf war erstaunlich und verwirrte sie zutiefst. »Weil Sie so schillernd, farbenfroh und schön wie eine Libelle seid, so anmutig und graziös in Ihren Bewegungen wie diese im Flug. Sie sind zerbrechlich und doch stark und schwirren voller Energie durch Ihr junges Leben.«
Sie erhob sich abrupt. »Ich muss gehen«, sagte sie verlegen. »Aber ich habe noch eine Frage: Empfindet Ihr Eure Gabe als Belastung?«
»Nein, das tat ich nie.«
»Ich auch nicht«, stimmte sie zu. »Aber glaubt Ihr, dass diese Gabe für etwas Besonderes gedacht ist? Wir sind die Einzigen und nun zusammengetroffen.«
»Es kann eine mystische Bedeutung haben, Prinzessin«, erwiderte er. »Aber vielleicht sind wir auch nur die ersten einer neuen Generation.«
»Ein Mann und eine Frau«, schloss sie nachdenklich.
»Kein Mann, Gorwyna. Ich bin ein Zauberer. Ich glaube, die Menschen werden den Unterschied nie begreifen.«
»Aber Ihr seid doch ein Mann?«
»Ja, von Geburt und Aussehen her. Aber ich werde nie Liebhaber, Ehegatte oder Vater sein, sondern immer nur Zauberer. Verstehen Sie?«
Sie nickte, sagte jedoch: »Nein, nicht genau«, und wandte sich zum Gehen.
»Libellchen!«, rief er leise hinter ihr her, und sie drehte den Kopf zu ihm. »Ich verstehe Ihre Gefühle. Ich wünsche Ihnen den zärtlichsten und aufmerksamsten Mann der Welt. Ein Geschöpf wie Sie muss auf Händen getragen werden.«
»Danke«, flüsterte sie und lächelte. »Gute Nacht, Lord Kelric.«
»Gute Nacht, Prinzessin.«