Schatten im Nebel


Für Kelric waren die nächsten Tage genauso aufregend, wie er sie sich vorgestellt hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er weiter als zwei Wegstunden von zu Hause fort; zwar war die Landschaft so ähnlich wie die Umgebung, in der er aufgewachsen war, aber er spürte die Fremdheit in der Luft und begegnete ausschließlich fremden Menschen. Die Reise war sehr anstrengend, und Kelric war froh, dass er früher heimlich dem älteren Bruder in die Höhen gefolgt war, denn diese Ausdauer bewahrte ihn davor, jetzt schon zusammenzubrechen.

Anfangs machten sie jeden Abend in einem Dorf Rast, aber nun befanden sie sich auf einem steilen Abkürzungsweg, der ihnen zwei Tage ersparte, aber in der Nähe befand sich keine Siedlung. Kelric musste zum ersten Mal auf dem harten, unwegsamen Felsenboden schlafen und sich an eiskalten Rinnsalen waschen, die sich von höhergelegenen Gebirgsbächen abzweigten; sein kleiner Körper war rasch dünn geworden und von blauen Flecken übersät, aber er klagte nur in der Nacht leise in seinen Umhang hinein.

Die beiden Zauberer, die ihn rasch sehr liebgewonnen hatten, beobachteten ihn unbemerkt; sie behandelten ihn kaum als Kind, sondern eher als Partner, was den Jungen offensichtlich stolz machte und ihm stets neue Kraft gab. Sie schätzten seine stillvergnügte Art und seine direkten, offenen Fragen; sie lachten versteckt, wenn er auf Geheimnissuche ging, die Welt um sich herum vergessend, und zauberten ihm die eine oder andere Illusion herbei, auf die er stets mit der wahrsten Begeisterung hereinfiel.

Aber auch Kelric gefiel die ruhige, heitere Gesellschaft dieser seltsamen Männer, die trotz ihres großen Altersunterschiedes beide schneeweiße lange Haare hatten; an die geheimnisvolle Trauer in ihren tiefblauen Augen hatte er sich längst gewöhnt, sie gehörte zu der sagenumwobenen Aura wie ihre Schweigsamkeit. Ihre Aufmerksamkeit ihm gegenüber und die Nähe halfen ihm immer besser über das Heimweh hinweg; bald verlor er seine natürliche Scheu und Schüchternheit und bestürmte sie mit den unterschiedlichsten Fragen.



»Melwin«, begann Kelric eines Abends, als sie satt und zufrieden an einem kleinen Feuer saßen und verträumt in die Flammen starrten; er hatte gewartet, bis Fergon zum üblichen Erkundungsgang aufgebrochen war, denn Melwin fühlte er sich enger verbunden und war dementsprechend zutraulicher. »Melwin, gibt es eigentlich nur männliche Zauberer?«

Der junge Magier nickte. »Der Himmel mag wissen, warum. Die Schule von Laïre gibt es nun schon seit vielen Jahrtausenden, aber nie erzog sie einen weiblichen Schüler. Sicherlich leben überall die Kräuterhexen, die gut heilen können, allerlei Getränke zusammenbrauen, dumme Zaubersprüche murmeln und ein wenig prophezeien; aber echte Magie besitzen sie nicht«, erzählte er.

»Und wird das immer so bleiben?«

Melwin hob die Schultern. »Genau weiß man nie etwas. Die Legenden wechseln wie die Jahreszeiten, viele verwehen wie eine Staubfigur im Wind, andere wachsen auf uralten, halb vergessenen Sagen neu. Aber es gibt tatsächlich eine Legende, die sich von Anbeginn bis in unsere Tage erhalten hat; sie ist Teil einer großen, schönen und schrecklichen Geschichte, in der auch unsere Götter eine Rolle spielen. Du musst wissen, dass alle Schicksale und Geschichten dieser Welt mit ihren Beschützern eng verbunden sind. Und in jener Legende ist in der Tat von einem Mädchen die Rede, das mit einer großen Geistesgabe in einem Land, wo niemand es vermuten würde, geboren werden soll. Sie soll die einzige Frau sein, die jemals Laïre betritt und die Wahrheit erfährt.«

»Was für eine Wahrheit?«, unterbrach Kelric, der immer aufgeregter auf seinem Sitz umherrutschte; er hing gebannt an Melwins Lippen, und immer mehr Fragen stellten sich ihm im Laufe der Erzählung; aber erst jetzt war es ihm gelungen zu sprechen.

»Die Wahrheit eben«, antwortete Melwin abwehrend.. »Du wirst sie beizeiten kennenlernen. Alle Zauberer kennen sie, aber diese Frau ist eine Außenstehende und wird sie auch erfahren.«

»Hm«, brummte Kelric einigermaßen zufrieden.

»Und mit diesem Wissen«, fuhr Melwin fort, »mit diesem Wissen wird sie gegen den Alten Zauberer ziehen und seine Macht brechen, aber sie wird nicht allein kämpfen müssen. Ein Mann wird sie begleiten, und am Ende dieser Schlacht wird nichts mehr sein, wie es war, und auch das Orakel weiß nicht, was dann geschieht.« Er drehte die Handflächen nach außen und spreizte die Finger. »So heißt die uralte Legende, aber keiner weiß, wann und ob und unter welchen Umständen sie jemals eintreffen wird. Man nennt sie Legende, weil keiner weiß, ob sie wirklich eine Prophezeiung ist. Man weiß im Grunde gar nichts, nur dass sie uralt ist, im Götterepos vorkommt und nie vergessen oder verfälscht wurde.«

Kelric kratzte seinen Kopf, seine Augen leuchteten.

»Eine tolle Geschichte!«, stellte er fest. »Diese Geschichten habe ich immer am meisten gemocht, wenn sie der alte Legendenerzähler im Winter erzählte. Und was für eine große Geistesgabe ist denn das, die das Mädchen besitzen soll?«

Melwin zuckte die Achseln. »Darüber gibt es keine Auskunft. Vielleicht Gedankenlesen, so wie du.« Er betrachtete den Jungen prüfend. »Kannst du das wirklich?«

»Aber ja!« versicherte Kelric eifrig. »Jetzt zum Beispiel denkt Ihr, wenn ich jetzt sage, was Ihr denkt, dann glaubt Ihr mir. Und jetzt denkt Ihr einen zweiten Beweis, den niemand außer Euch kennt: der Name Eurer verstorbenen Mutter Lydia.«

»Erstaunlich«, murmelte Melwin; auf seinem aristokratischen Antlitz malte sich leichte Verwunderung. »Wirklich erstaunlich.«

»Aber ich muss mich dazu stark konzentrieren«, sprach Kelric weiter. »Und wenn Ihr Euch verschließt, kann ich gar nichts mehr sehen. Aber ich lausche ohnehin nicht einfach so herum, das gehört sich doch nicht. Melwin ...«

»Ja?«

»Dieses Mädchen ist bestimmt wunderschön, nicht wahr?«

Melwin lachte. »Wir sitzen nicht am Winterfeuer, Kelric, und ich bin kein Legendenerzähler, der Wahres und Unwahres, wunderbar ausgeschmückt, für kleine Helden fabuliert.«

Kelric verlor sich in träumerischer kindlicher Begeisterung. »Sie ist sicherlich eine wunderschöne Prinzessin ...«

»... ja, und du der große Drachentöter. Ach, Kelric, vergiss diese Märchen! Sie werden nicht Wirklichkeit.«

»Nie?«

»Nie.«

»Aber ein Traum vielleicht«, brummelte Kelric hartnäckig. »Ich finde solche Träume eben schön.« Und ganz leise maulend fügte er hinzu: »Jawohl.«

Melwin lächelte. »Ohne Träume findest du keinen Frieden. Sie sind ein Ausdruck der Hoffnung, die dir deine Lebenskraft gibt. Träum nur, Kleiner! Aber vergiss darüber nie die wahren Dinge – und dein reines Selbst.«

»Das verstehe ich nicht«, meinte Kelric. »Was ist denn schon wahr? Mein Bruder hat einmal geschworen, dass die Löffelpfeifer Eier legen, und Papa hat ihn ausgeschimpft, weil er mich nur hochnehmen würde, dabei hat auch er nie gesehen, wie diese Tiere Junge bekommen. Sie sind doch so scheu. Und als ich meiner Mutter einmal sagte, ich hätte eine grüne Maus gesehen, sagte sie, es gäbe keine grünen Mäuse, überhaupt nicht. Dabei war die Maus wirklich grün, sie war nämlich in den Farbtopf vom Schmied gefallen, der die Scheune vom Schafhirten streichen wollte. Das war also wahr, oder?«

Melwin zeigte erdenkliche Mühe, nicht zu lachen. »In diesem Fall schon, Kelric«, sagte er ernsthaft. »Aber normalerweise gibt es keine grünen Mäuse. Sie sind grau.«

Kelric sah nicht überzeugt aus; eine Weile starrte er gedankenverloren ins Feuer, dann stellte er endlich die Frage, die Melwin vermutlich schon die ganze Zeit befürchtet hatte.

»Wer ist der Alte Zauberer?«, wollte er wissen.

Das Gesicht des Magiers verdüsterte sich. »Das wirst du später in Laïre erfahren«, wich er aus. »Ich verspreche es dir. Ich darf darüber nicht sprechen.«

»Niemand darf das«, fügte Fergon hinzu, der soeben zurückkehrte und die Frage gehört hatte. »Melwin, das nächste Mal werdet Ihr gehen, und ich bleibe bei Kelric.«

Der junge Zauberer machte eine verschlossene, trotzige Miene.

Fergon setzte sich seufzend neben ihn. »Soviel Zorn ist noch in dir«, sagte er leise. »Obwohl du weiser als wir alle bist, leben die Gefühle noch so stark in dir. Vielleicht liegt es daran, dass du erst seit zwei Jahren in die Bruderschaft aufgenommen bist.«

Melwin blickte den Älteren an. »Alter Raubart!«, brummte er zärtlich. »Du wirst dir doch bis ans Ende deiner Tage Sorgen um mich machen.«

Fergon lächelte traurig und zog sich auf seinen Schlafplatz zurück.

»Wie alt seid Ihr, Melwin?«, fragte Kelric neugierig, der zwar nur die Hälfte der Worte verstanden hatte, aber trotzdem begriff, dass Melwin etwas Besonderes war.

»Ich bin zweiundzwanzig«, antwortete Melwin. »Ich bin sehr früh geweiht worden. Das hängt von der Begabung ab, weißt du.« Er zögerte kurz vor den nächsten Worten. »Kelric, ich kann dir das Du nicht anbieten, das verstieße gegen die Regeln, solange du Schüler bist. Aber ... sei dir meiner Freundschaft trotzdem versichert. Und entschuldige, dass ich dich als Ziegenhirt beschimpfte.«

»Wieso ist das eine Beschimpfung, wenn viele in meiner Heimat Ziegenhirten sind? Mein Bruder ist auch einer, und alle sind stolz auf ihn. Ihr liebt Fergon sehr, nicht?«

Melwin nickte. »Wir Zauberer lieben alle Menschen sehr. Aber untereinander haben wir noch ein besonderes Verhältnis, denn alle teilen wir dasselbe Wissen und dasselbe Schicksal.«

»Welches?«, fragte Kelric. Er erschrak, als er sah, wie Melwins Gesicht für einen kurzen Augenblick in Aufruhr geriet.

»Wir sind einsam, Kelric«, antwortete er leise. »Oh, Junge, du ahnst nicht, wie entsetzlich einsam ein Mensch sein kann!«

Kelric war so eingeschüchtert und erschüttert, dass er von nun an schwieg und sich schließlich zum Schlafen niederlegte.

Die beiden Zauberer schliefen schon lange tief in regelmäßigen Atemzügen, als er immer noch wachlag. Ein schwarzes schreckliches, namenloses Grauen erwuchs in seinem aufgewühlten Verstand; vor seinem geistigen Auge zog immer wieder Melwins seltsamer Gesichtsausdruck vorbei, den er sich nicht erklären konnte, und schließlich war er so verstört, dass er drauf und dran war, aufzuspringen und laut um Hilfe zu rufen. Aber bevor er dazu kam, legte sich ihm plötzlich eine bleierne Schwere auf die Glieder, die ihm die Augen zudrückte und ihn in die Schlafebenen entführte.

Er träumte vorn Sonnenaufgang auf seinem Lieblingsfelsen, jener vertrauten Stunde am Morgen, die nie mehr wiederkehren würde, und er begrüßte den gewohnten Nebel mit freudiger Erwartung, als Panik in ihm ausbrach, denn in dem heimatlichen Bild entstand plötzlich ein Schatten: Irgendwo aus dem Nichts kam er heran, klein noch in der Ferne, jedoch schrecklich groß und entsetzlich in der Nähe, und er wuchs und wuchs immer noch an zu einem fernen düsteren Geheimnis, das ihn mit seiner ganzen Unwissenheit umschloss und umfing und ihn mit seiner Riesenhaftigkeit und Schwere schließlich zu erdrücken und zu würgen begann, bis der Junge schweißgebadet und erstickt keuchend hochfuhr und mit wild klopfendem Herzen angstvoll in die Nacht starrte. Der Alpdruck war von ihm genommen, als er erwacht war; aber er brauchte lange, bis er die Schrecken des Traumes abgeschüttelt hatte. Um sich abzulenken, und noch in leiser Furcht vor einem erneuten Schlaf mit einem solchen Gesicht, stand er auf und lief ein paar Schritte in die Felsen hinein, in vertrautes, sicheres Land. Wie üblich war bereits der Nebel aufgekommen und kroch in allen Ecken und Nischen herum; Kelric fühlte sich nun beruhigt und getröstet und schnupperte in die Dunstschleier hinein. Da er mit den Nebeln aufgewachsen war, hatten sie statt Bedrohlichkeit das Gefühl der Geborgenheit für ihn, sie waren sein guter Freund, der ihn schützend umhüllte und seinen gut geschulten scharfen Sinnen alle fernen Geräusche heimlich zutrug. Er vertraute dem Nebel absolut, so dass er alle Vorsicht und die Gefahren der Nacht vergaß und träumend weiterging ... und zu Tode erschrak, als sein Alptraum Realität wurde. Giftig und geifernd schoss ein Schattenungeheuer, eine riesige unförmige Kreatur, aus der Finsternis hervor und umschloss mit eiskalten Knochenfingern Kelrics Kehle. Der Junge stürzte unter der Wucht des Angriffs und prallte auf den Rücken; unfähig, einen Schrei auszustoßen, schlug er keuchend und angstvoll mit Armen und Beinen um sich, aber der schreckliche Alb war so glatt und nachgiebig wie ein Schlammglibber und seine Kraft entsetzlicher als die eines Felstrolls. Kelric schlug eine Welle von ekelerregendem Gestank entgegen, als das Finsterwesen das Maul öffnete und einen rotblitzenden scharfen Fang entblößte; das abscheuliche Aussehen der Kreatur raubte ihm beinahe die Besinnung. Würgend und krächzend versuchte er um Hilfe zu rufen; hysterische Panik ließ die Gewissheit, sterben zu müssen, wie glühende Hämmer auf seinen angstgepeinigten Verstand niedersausen. Mit letzter Kraft stemmte er sich gegen das mörderische Ungeheuer, versuchte durch Drehen und Winden des Körpers dem Würgegriff zu entkommen, als ihm für einen kurzen Moment schwarz vor Augen wurde. In diesem Augenblick gab es einen blendenden Blitz über ihm, und der Alb ließ mit einem fürchterlichen Aufschrei von ihm ab und raste brüllend im Schutz der Dunkelheit davon.

»Schon gut«, sagte Melwin, während er den zitternden und hustenden Jungen hochhob und zum Lager zurücktrug.

»M-mir ist s-so k-kalt«, stotterte Kelric zähneklappernd.

»Ich weiß«, nickte Melwin. »Das war ein Frostalb, einer von der schlimmsten Sorte. Er spürt deine schlechten Träume, wie ein Raubtier die Beute wittert; sie ziehen ihn unwiderstehlich an. Er schuf sich eine Schattengestalt im Nebel und suchte dich heim, um dich von uns fortzulocken. Ein Frostalb ist eiskalt und friert stets; er ist darum immer hungrig nach der Wärme lebendiger Wesen, die er ihnen mit seinem Eiszauber absaugt, den auch wir Zauberer in gewisser Weise beherrschen.«

Fergon sah ihnen besorgt entgegen. »Er ist in Ordnung«, berichtete Melwin rasch. »Ich kam zur rechten Zeit.«

Der Ältere lächelte. »Eine sehr gute Arbeit.«

Melwin lachte. »Einen Frostalb zu verjagen, ist wahrhaft keine schwere Aufgabe, Herr Fergon. Kelric, du schläfst heute bei mir. Du kannst viel Wärme gebrauchen, glaube ich, du hast ja immer noch eine ganz blaue Nase.«

Kelric war unendlich dankbar für Melwins Vorschlag, und er kuschelte sich dicht an den jungen Mann, der ihm nicht nur Wärme gab, sondern auch väterliche Geborgenheit, die vor neuen Alpträumen und der Erinnerung an den Schrecken schützte.