Talfahrt

Auf den Kioskopa war Verlass. Ohne nachzufragen, reichte er die Flaschen über den Tresen. Mathilda verstaute sie in der weißen Plastiktüte, die sie ebenfalls von dem Alten bekommen hatte, und nahm das Wechselgeld entgegen. Dann machte sie sich auf den Weg.

Der Park war fast menschenleer. Nur eine ältere Frau, die ihren Hund Gassi führte, kam ihr entgegen.

Ihre Bank war frei. Natürlich. Sie stand so weit hinten im Gebüsch, dass sich nur Liebespärchen dahin verirrten – oder Säufer, dachte Mathilda bitter.

Sie öffnete die erste Flasche und begann zu trinken. Mit jedem Schluck wurden die Bilder schwächer. Nach der ersten Flasche war endlich das wunderbare Wattegefühl in ihren Kopf zurückgekehrt. Aber sie hörte noch deutlich die Stimme ihres Dads. Und Tom, wie er hinter ihr her rief. Als sie die zweite Flasche ins Gebüsch warf, musste sie sich übergeben. An Tom erinnerte sie sich zu diesem Zeitpunkt nur noch schwach. Und über ihren Dad konnte sie einfach nur noch lachen – hysterisch lachen. Sie drehte den Verschluss der dritten Flasche auf – nahm aber nur einen kleinen Schluck, weil sofort wieder die Übelkeit in ihr aufstieg.

Vorsichtig versuchte sie aufzustehen. Aber das wollte ihr einfach nicht gelingen. Immer wieder fiel sie rückwärts auf die Bank zurück. Doch irgendwann stand sie schließlich. Schwankend versuchte sie sich auf den Beinen zu halten. Ein Würgen und Keuchen und dann waren da plötzlich wieder diese Stimmen. Tom, der ihr irgendetwas zurief – ihre Mutter, die laut lachte und schrie: „Prost Mathilda, alle Männer sind Schweine!“– das Zerspringen einer Flasche. Ihr Dad mit seiner Julia – Tom, immer wieder Tom. Wie er sie wegschubste und den Arm um ein anderes Mädchen legte.

Die Bilder verschwammen ineinander, wurden immer greller und wirrer. Mathildas Magen drehte sich um, in ihrem Kopf begann es zu schwirren – immer schneller und schneller. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, schmeckte den säuerlichen Geschmack von erbrochenem Rotwein auf ihrer Zunge, die schleimige Galle rann ihr durch die Finger, lief an ihren Armen herunter und tropfte auf ihre Hose. Der Boden unter ihren Füßen begann zu schwanken, sie torkelte einen Schritt zur Seite, versuchte zur Bank zurückzukommen, stolperte vorwärts und fiel der Länge nach vornüber.

Bevor sie auf dem harten Schotterweg aufschlug, hatte sie das Bewusstsein schon verloren.

Weil ich Streit mit meinen Eltern hatte und dazu Stress in der Schule, betrank ich mich gemeinsam mit einem Freund. Den Wodka hatte mein Freund besorgt. Aber den größten Teil habe ich davon getrunken – bis ich nicht mehr ansprechbar war und in die Notaufnahme gebracht werden musste. Am nächsten Morgen bin ich erst wieder zu mir gekommen. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Totaler Filmriss.

Wir haben dann noch öfters mal was getrunken. Aber bis zur Alkoholvergiftung ist es bislang nicht mehr gekommen.

Bernie, 13 Jahre