Verzaubert
Kurz bevor sie den Park erreichte, wurde Mathilda richtig aufgeregt. Sie bekam weiche Knie und ihr Magen fühlte sich an, als ob sie etwas getrunken hätte, was erst jetzt anfing, heftig zu sprudeln.
Sie entdeckte Tom direkt auf der Mauer neben dem Springbrunnen sitzend. In seinen Händen hielt er ein Buch, das offenbar sehr spannend war, denn er bemerkte sie nicht.
Mathilda kam langsam näher. Blieb dann aber ein paar Meter vor Tom unentschlossen stehen. Für die restlichen Schritte fehlte ihr einfach der Mut.
Mathilda spürte, wie ihr heiß wurde, das Blut stieg ihr ins Gesicht. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre davongerannt. Aber ihre Beine gehorchten ihr nicht mehr. Deshalb stand sie einfach nur da und starrte Tom wie gebannt an.
Wie schön er war. Seine dunklen langen Haare fielen ihm wie ein Vorhang vors Gesicht. Er trug ein helles T-Shirt, das die Bräune seiner Haut noch mehr betonte. Auf seinem Oberarm entdeckte Mathilda ein Tattoo. Es war zum größten Teil von seinem T-Shirt bedeckt, deshalb konnte Mathilda nicht erkennen, was es darstellte. Tom blickte von seinem Buch auf und schaute sich suchend im Park um. In dem Moment, als sich ihre Blicke trafen, wurde Mathilda fast schmerzhaft bewusst, wie bekloppt sie aussehen musste. Sie stand wie gelähmt, mit weit aufgerissenen Augen und offen stehendem Mund, mitten auf dem Weg und glotzte ihn an, wie eine Kuh auf der Weide.
„Hi“, rief er und sprang von der Mauer.
Mathilda konnte nichts erwidern. Zu ihrem Schreck bemerkte sie, dass ihr etwas Speichel aus dem Mundwinkel tropfte, weil sie vor lauter Aufregung selbst das Schlucken vergessen hatte. Verstohlen wischte sie sich mit dem Handrücken über den Mund und hoffte, dass Tom es nicht bemerkt hatte.
Tom kam langsam auf sie zu, blieb dann direkt vor ihr stehen und lächelte sie an. Mathilda konnte nur auf seine Haare starren. Wenn ich jetzt mutig wäre, dachte sie, würde ich einfach in seinen Haaren wühlen und sagen: „Hallo, Tom. Ich habe mich gerade total in dich verliebt!“
Mathilda entfuhr ein tiefer Seufzer bei dem Gedanken – den Tom scheinbar völlig falsch deutete.
„Dir hängt wohl die Sache von heute Morgen noch ziemlich nach, was?“, fragte er und schaute ihr dabei direkt in die Augen. Diesmal schaute Mathilda nicht weg.
„Nein, den Idioten habe ich schon völlig aus meiner Erinnerung gestrichen“, erwiderte sie.
Da war er endlich: Mathildas Mut.
„Was liest du?“ Mathilda schaute auf das Buch in Toms Händen.
„Ach, das ist nur so ’n philosophisches Zeug. Das Buch von allen Dingen.“ Tom machte eine wegwerfende Handbewegung und Mathilda bildete sich ein, dass seine Gesichtsfarbe sich etwas verändert hatte.
Ja, er war tatsächlich verlegen.
Okay, dachte Mathilda. Ganz ruhig bleiben. Dieser unglaublich süße Typ ist nicht nur wunderschön, nein, er ist sogar sensibel.
„Ich habe schon von diesem Buch gehört und würde es auch gerne einmal lesen. Ich interessiere mich nämlich sehr für Philosophie“, sagte Mathilda. Und für dich auch, fügte sie in Gedanken hinzu.
„Ich leihe es dir, wenn ich es durch habe. Ja?“, bot Tom an.
Mathilda nickte. „Das wäre toll.“
Tom ging zur Brunnenmauer zurück und ließ sich wieder darauf nieder.
„Erzähl mir mehr über dich“, sagte er. Nun wieder ganz sicher, während er mit der Hand auf den Platz neben sich auf der Mauer deutete. Mathilda setzte sich neben ihn.
„Fühlst du dich an der neuen Schule wohl?“, fragte Tom sie.
Mathilda schaute ihn erstaunt an: „Woher weißt du, dass ich die Schule gewechselt habe?“
Tom grinste. „Von deiner Schwester.“
„Von meiner Schwester?“ Mathilda stand völlig auf der Leitung. „Du kennst Merle?“
Tom nickte und grinste noch breiter. „Na klar. Sie sitzt im Mathekurs sogar neben mir.“
In Mathildas Kopf überschlugen sich die Gedanken. Wenn er behauptete, dass Merle im Mathekursus neben ihm saß, bedeutete das wohl, dass er dieselbe Klasse wie ihre Schwester besuchte. Also die zwölfte Klasse! Demnach musste er mindestens siebzehn oder sogar achtzehn Jahre alt sein. Ein Zwölftklässler interessierte sich für sie? Unsinn, sicher hatte er sich nur aus Mitleid mit ihr getroffen. Weil sie heute Morgen so durch den Wind war. Wegen des blöden Typen und so.
„Von Merle hab ich auch eure Telefonnummer“, riss er sie aus ihren wirren Gedanken.
„Echt? Du hast sie nach meiner Telefonnummer gefragt?“ Er hatte mit Merle über sie gesprochen und die hatte ihr kein Sterbenswörtchen davon erzählt, ärgerte sich Mathilda.
„Nein. Ich habe die Telefonnummer von der Klassenliste. Keine Sorge, Merle weiß nichts von unserem Treffen. Ich habe dich neulich mit ihr im Einkaufszentrum gesehen und einfach mal kombiniert, dass du ihre jüngere Schwester bist.“
„Ach so?“, murmelte Mathilda, nun nicht mehr wütend auf ihre große Schwester, aber dafür mit einem anderen, diesmal verschämten Gedanken: Ob er wohl ahnte, wie viel jünger sie war?
Mathilda wirkte älter, das wusste sie. Die meisten schätzten sie auf sechzehn oder sogar siebzehn Jahre.
„Seit wann sind deine Eltern getrennt?“, riss Tom sie aus ihren Gedanken.
Mathilda musste sich leise räuspern, bevor sie antworten konnte. „Mein Dad ist schon vor einem halben Jahr ausgezogen. Aber wir sind erst vor vier Monaten umgezogen.“
„Ich weiß.“ Er stupste sie von der Seite an. „Seit vier Monaten geht Merle in meine Klasse, schon vergessen?“
Mathilda lief dunkelrot an. Ich bin so dämlich – peinlich, dämlich und völlig unreif, ärgerte sie sich.
„Und, wie kommst du damit klar?“
„Es geht so. Ich vermisse meine alten Freunde. Zu denen habe ich jetzt überhaupt keinen Kontakt mehr. Und meinen Dad habe ich eine Zeit lang richtig gehasst. Lässt uns einfach sitzen wegen einer Frau, die fast meine Schwester sein könnte. Aber inzwischen ist er mir eigentlich egal. Nur meine Mutter, die hat total den Boden unter den Füßen verloren. Die ist nur noch am Ende und ständig be...“ Mathilda schlug sich mit der flachen Hand auf den Mund. Darunter ließ sie ein leise gemurmeltes „Mist!“ hören.
„Mist?“, sagte Tom. „Was ist Mist?“
Mathilda sprang von der Mauer und schüttelte ihre Beine aus.
„Was rede ich hier eigentlich? Entschuldige bitte.“ Mathilda war von sich selbst enttäuscht. Anstatt diesen wahnsinnigen Typen zu erobern, laberte sie ihn hier mit ihren Familienproblemen voll. Fast hätte sie ihm sogar von Connis inzwischen regelmäßigen Besäufnissen erzählt.
Wie dumm und unreif von ihr.
Tom drehte den Kopf zur Seite und lächelte von unten zu ihr rauf. Dann sprang er ebenfalls von der Mauer.
„Du musst dich doch nicht entschuldigen. Ich möchte alles über dich erfahren“, sagte er und blieb direkt vor ihr stehen. Dann streckte er plötzlich die Arme aus und zog Mathilda an sich. Alles ging so schnell. Im nächsten Moment spürte sie Toms Lippen auf ihren. Ihre Beine drohten wegzusacken.
Bloß jetzt nichts falsch machen, schoss es ihr durch den Kopf. Aber dass es so schnell gehen würde, damit hatte Mathilda wirklich nicht gerechnet. Unsicher legte sie ihre Arme um Toms Hals und rückte näher an ihn heran. Toms Hände strichen zärtlich über ihren Rücken. Der Kuss wollte gar nicht mehr aufhören. Seine Lippen waren unglaublich weich und sanft. Schließlich löste er sich vorsichtig und schaute ihr in die Augen.
„Es tut mir leid.“ Seine Stimme klang ganz rau. „Aber ich muss schon wieder los.“
„Musst du?“ Mathilda konnte die Enttäuschung in ihrer Stimme nicht verbergen.
Toms Lippen suchten sie wieder. Diesmal küsste er sie viel wilder und atmete schneller. Seine Hände fuhren unter ihr T-Shirt und glitten über ihren nackten Rücken. Mathilda bekam eine Gänsehaut. Tom ging leicht in die Knie und drückte seine Hüfte gegen ihre. Doch das ging ihr nun doch alles ein bisschen zu schnell. Vorsichtig versuchte Mathilda sich etwas aus seiner Umarmung zu lösen.
Plötzlich ließ Tom sie los. Er atmete schwer, als er sagte: „Entschuldige.“ Tom wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
„Weißt du eigentlich, dass ich noch nicht einmal deinen Namen kenne?“
„Ma – Mathilda“, stammelte sie noch immer völlig verwirrt.
„Mathilda.“ So wie er ihren Namen aussprach, klang es fast wie eine Liebeserklärung.
„Schöne Mathilda, ich muss jetzt wirklich los. Sehen wir uns morgen Abend wieder? Um sieben hier im Park?“
Mathilda konnte nur nicken, obwohl sie absolut nicht wusste, wie sie Conni erklären sollte, dass sie mitten in der Woche abends noch mal aus dem Haus gehen wollte.
Tom lächelte sie ein letztes Mal an, drehte sich um und ging – und ließ Mathilda mit totalem Chaos im Kopf zurück.
In meiner Klasse bin ich so ziemlich der Einzige, der nichts trinkt. Das liegt daran, dass ich im „Zudröhnen“ am Wochenende keinen Sinn sehe. Am Montag wird dann immer obligatorisch erzählt, wie „dicht, klinisch tot oder voll“ man war. Wer am meisten getrunken hat oder vielleicht gekotzt, ist im Allgemeinen der „männlichste“.
Wer nicht mitschwimmt, wird zum Außenseiter – zum Weichei.
Sebastian, 17 Jahre