Kein Bock aufs Leben
Als Mathilda die Augen aufriss, wurde sie von stechenden Kopfschmerzen überwältigt. In ihrer Kehle brannte es wie Feuer und ihre Zunge fühlte sich widerlich pelzig an. Sie versuchte sich vorsichtig aufzusetzen, was das Dröhnen und Stechen in ihrem Kopf nur noch verschlimmerte. Stöhnend ließ sie sich wieder zurücksinken und blieb regungslos liegen.
Nach einer Weile unternahm sie einen neuen Versuch, sich aufzusetzen. Der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen, aber diesmal blieb sie aufgerichtet. Blinzelnd schaute sie sich in ihrem Zimmer um. Die Luft kam ihr heiß und stickig vor. In Sekundenschnelle drückte sich ihr der Schweiß aus sämtlichen Poren. Sie strampelte mit ihren Füßen die Bettdecke zur Seite und japste nach Luft.
Was war geschehen?
Mathilda konnte keinen klaren Gedanken fassen. Das Letzte, an das sie sich schwach erinnern konnte, war das Treffen mit Tom im Park.
Tom.
Auf einmal war alles wieder da. Er hatte Schluss gemacht – wieder Schluss gemacht. Nachdem Mathilda schon ganz fest geglaubt hatte, dass alles wieder gut zwischen ihnen war. Doch dann hatte er ihr von Tanja erzählt und dass er mit ihr ...
Mathilda konnte den Gedanken nicht zu Ende führen. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen.
Vorsichtig stand sie vom Bett auf und pellte sich langsam aus ihren Klamotten vom Vortag, in denen sie die ganze Nacht geschlafen hatte. Nur ihre Umhängetasche hatte sie vorm Schlafengehen achtlos in die Ecke geschmissen.
Mit Slip und BH bekleidet huschte sie aus ihrem Zimmer, über den winzigen Flur ins Badezimmer. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass sie verschlafen hatte. Für die Schule war es zu spät – viel zu spät. Aber vielleicht war das auch ganz gut so, schoss es ihr durch den Kopf. Womöglich wäre ihr in der Schule Tom begegnet. Vielleicht sogar Arm in Arm mit seiner Tanja. Und das war so ziemlich das Allerletzte, was Mathilda im Moment verkraften konnte.
Sie legte ihre Unterwäsche ab, griff in die Duschkabine und drehte den Wasserhahn auf. Mathilda wartete, bis das Wasser die richtige Temperatur hatte, und huschte dann unter den warmen Strahl. Kaum rieselte das Wasser an ihrem Körper hinunter, fühlte sie sich schon etwas besser. Es kam ihr fast so vor, als wenn mit dem Schweiß, der von ihrem Körper gespült wurde, auch ein bisschen von ihrem Kummer im Abguss verschwand.
Als sie einige Zeit später, eingehüllt in ein großes Handtuch, die Badezimmertür hinter sich zugezogen hatte, blieb sie unschlüssig auf dem kleinen Flur stehen.
Was tun? Wohin gehen?
Die einfachsten Überlegungen und Entscheidungen waren plötzlich zu einer fast unüberwindbaren Herausforderung für Mathilda geworden. In die Küche gehen und ein bisschen Müsli runterwürgen oder zurück ins Zimmer, ins Bett legen und die Zudecke fest über den Kopf ziehen?
Und dann? Was sollte sie dann machen?
Mathilda legte den Kopf gegen die Flurwand und schloss die Augen.
Tom. Immer wieder Tom. Wie konnte das nur sein?
Vor acht Wochen hatte sie ihn noch nicht einmal gekannt und nun brachte sie der Gedanke daran, von ihm getrennt zu sein, fast um den Verstand.
Wie sollte das nur weitergehen?
In Mathildas Kopf begann es zu schwirren. Vor ihrem inneren Auge liefen die letzten Wochen wie ein Film ab. Der Tag, an dem sie Tom das erste Mal gesehen hatte, das erste Treffen am Springbrunnen, der erste Kuss, der erste echte Streit, die SMS, wie sie vor seiner Tür stand und das letzte Treffen im Park, auf ihrer Bank. Toms Worte: Ich bin mit Tanja zusammen. Mit dir ist es zu kompliziert. Ich will mein Leben genießen ...
Plötzlich war es für sie unvorstellbar, ohne Tom weiterzuleben.
Wie konnte das nur sein?
Mathilda schlug ihre Stirn ein paar Mal gegen die Wand.
Raus aus meinem Kopf, du Mistkerl! Verschwinde! Hau endlich ab!, wollte sie laut schreien. Doch das Einzige, wozu sie in der Lage war, war vor Schmerz leise zu wimmern, weil ihr Kopf nun noch mehr dröhnte. Sie stieß sich mit den Händen von der Wand ab und ging in die Küche.
Am Küchentisch saß Conni. Mathilda zuckte zurück und blieb wie erstarrt im Türrahmen stehen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte Conni bei der Arbeit erwartet, aber ganz bestimmt nicht mehr zu Hause, in der Küche zeitungslesend am Tisch sitzend.
Conni schaute auf und starrte Mathilda aus großen Augen entgegen. „Kind! Um Himmels willen!“ Mehr sagte sie nicht. Die blauen Schatten unter ihren Augen, die seit der Trennung von Dad zu einem festen Bestandteil ihres Gesichtes geworden waren, kamen Mathilda noch dunkler vor.
Mathilda holte zitternd Luft. Was sollte sie sagen? Ihr Kopf war wie leer gefegt. Schließlich war es Conni, die als Erste wieder sprach. „Ich dachte, du wärst schon längst in der Schule.“ Sie verstummte, weil Mathilda schmerzlich das Gesicht verzog. „Hast du Schmerzen, Schatz? Bist du etwa krank?“ Sie sprang vom Stuhl auf und war mit zwei Schritten bei ihr. Vorsichtig streckte sie ihre Hand aus, um Mathildas Stirn zu befühlen.
„Du glühst ja richtig“, stellte sie besorgt fest und ließ ihre Hand wieder sinken. „Um Gottes willen, du gehörst auf der Stelle wieder ins Bett.“
Sie wollte Mathilda am Arm in ihr Zimmer führen, aber sie schüttelte mit einer raschen Bewegung Connis Hand ab. Mathildas Inneres fühlte sich plötzlich an wie eine geballte Faust und sie verspürte das dringende Bedürfnis, Conni zu verletzen – tief zu verletzen.
„Lass mich in Ruhe“, zischte sie, „nur weil du jetzt mal grade gut drauf bist, berechtigt dich das noch lange nicht dazu, mich so zu bevormunden.“
Conni zuckte zurück. Aber sie blieb ruhig. „Nein, das vielleicht nicht. Aber dass ich deine Mutter bin, schon.“
„Mutter! Dass ich nicht lache“, spottete Mathilda. „Seit Monaten suhlst du dich in deinem Selbstmitleid. Wie es anderen geht, das interessiert dich nicht im Geringsten. Du hast ja noch nicht einmal mitbekommen, dass ich heute Morgen nicht aufgestanden und zur Schule gegangen bin. Alles dreht sich nur um dich und deinen Kummer. Aber andere haben auch Probleme. Ob du es glaubst oder nicht.“ Mathilda musste tief Luft holen, um weitersprechen zu können. Jetzt war ihre Stimme nicht mehr spöttisch, sondern voller Zorn. „Wann wachst du endlich auf? Was geschehen ist, ist geschehen und egal was du auch tust, egal was du säufst und fluchst, deinen Mann wird es dir nicht zurückbringen!“ Die Worte waren an Conni gerichtet, aber genauso hatte Mathilda sie auch zu sich selbst gesprochen. Und sie fuhren ihr ins Herz wie Dolche.
Mathilda schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte laut auf. Im nächsten Moment wurde ihr Körper von einem zitternden Weinkrampf überwältigt. Wie unter großen Schmerzen beugte Mathilda sich so weit vor, dass ihr Brustkorb ihre Knie berührten und sie in die Hocke ging. Conni ließ sich direkt vor ihr nieder und schlang ihre Arme fest um Mathildas Körper. Wie ein kleines Kind wiegte sie Mathilda hin und her und redete dabei beruhigend auf sie ein. Mathilda hatte nicht mehr die Kraft, sich aus ihrer Umarmung zu befreien. Ihr Kopf fühlte sich an, als ob er jeden Moment zerspringen würde. Ihre Kehle brannte und ihre Lunge wollte fast explodieren. Sie war völlig am Ende mit ihren Kräften – und noch immer drehten sich ihre Gedanken nur um einen Menschen.
Tom.
Ich war schon immer unglaublich schüchtern. Das liegt wohl daran, dass ich mich persönlich nicht gerade toll finde. Meine Freundin hat dann gesagt, ich sollte mal ein paar Alkopops trinken. Das würde mich lockerer machen. So war es dann auch. Ich wurde viel lockerer und mutiger. Plötzlich fand ich mich toll und unglaublich cool. Das Gefühl hat mir richtig gut gefallen. Eines Tages habe ich dann gemerkt, dass ich das Zeug schon regelrecht brauchte. Wenn ich nicht zugedröhnt war, dann war ich wieder das kleine, schüchterne, hässliche Entlein.
Thea, 16 Jahre