|321|DREIZEHNTES KAPITEL

Es war sicher ein weiser Entschluß, der außerdem eine Portion Mut erforderte, die Belagerung von Montauban aufzuheben, denn Seuche und Winter hätten das Heer vollends dezimiert. Andererseits gestand Ludwig damit wohl oder übel vor aller Augen seine Niederlage ein.

Unser Rückmarsch nach Paris verlief überaus gedrückt. Obwohl Ludwig bemüht war, sich nichts anmerken zu lassen, war er verzweifelt über dieses Scheitern. Einige behaupten sogar, sie hätten ihn weinen sehen. Das glaube ich nicht. Es war nicht seine Art und widersprach seiner Vorstellung von der Königswürde, sich irgendeinem Untertanen in Tränen zu zeigen. Manche Worte, die ihm entschlüpften, verrieten jedoch, daß er, auch wenn er alle Fehler erkannte, die Luynes bei der Belagerung begangen hatte, dafür weniger ihn anklagte als vielmehr sich selbst, weil er einem Mann von so geringem Talent mehr Macht gegeben hatte, als er tragen konnte. Bei einem Selbstgespräch hörte ich ihn einmal sagen, daß er nie mehr einen Favoriten haben und sich von niemandem mehr bestimmen lassen wolle.

In Orléans erlebte er eine Überraschung: Der Graf von Soissons hatte die ganze Reise von Paris nach Orléans gemacht, um ihn zu begrüßen. Ludwig empfing ihn sehr freundlich, denn er war offenbar zu Unrecht in Sorge geraten, weil der Graf in seiner Abwesenheit um die Gnade der Königinmutter gebuhlt hatte. Und, wie ich hörte, umarmten sich Soissons und Condé, womit denn keine Rede mehr war von der berüchtigten Serviette, über der die beiden Prinzen von Geblüt sich so harsch entzweit hatten, und mit ihnen der ganze Hof. »So sind die Gallier!« sagte mein Vater. »Aus einer Nichtigkeit machen sie ein Drama und haben es am nächsten Tag vergessen.«

Am achtundzwanzigsten Januar hielt Ludwig Einzug in Paris, wo er am einunddreißigsten des Monats die Königinmutter in seinen Kronrat aufnahm. Hiermit belohnte er sie für die |322|Weisheit, die sie während seines Feldzugs in die Guyenne bewiesen hatte, die allerdings nur Richelieus weisen Ratschlägen zu danken war, dennoch wahrte er ihr gegenüber weiterhin ein gewisses Mißtrauen und lud sie zum Kronrat nur ein, wenn nichts Wichtiges auf der Tagesordnung stand. Richelieu drückte es so aus, daß man sie ›ins Schaufenster des Ladens blicken ließ, aber nicht ins Lager‹.

Nachdem die Königinmutter einmal ihren Sitz im Kronrat hatte, zeichnete Richelieu ihr die Richtlinien ihres Betragens vor: Erstens, den Ministern nicht zu widersprechen, vor allem wenn sie sich einig waren. Zweitens, wenn sie es nicht waren, sich immer der Meinung eines von ihnen anzuschließen, um nicht isoliert zu erscheinen. Drittens, die Meinung des Königs zu erraten und sie sich zu eigen zu machen.

Das Außerordentliche dabei ist – und es besagt viel über den Einfluß des Kardinals auf sie –, daß diese Königin, die man in ihrer Regentschaft so voller Dünkel, so starrsinnig in ihren Ansichten und so wütend in ihrem Zorn gekannt hatte, diese Verhaltensregeln befolgte, ohne jemals davon abzuweichen. Man hätte sie auf diesen langwierigen Sitzungen des Kronrats für die bescheidenste Frau der Welt und für die liebenswürdigste der Mütter halten können.

An diesem einunddreißigsten Januar, als die Königinmutter die besagte Stufe erklomm, die sie für so bedeutend hielt und die es so wenig war, sehnte ich voll Ungeduld das Ende der Sitzung herbei, denn ich wurde daheim von meinem Vater und La Surie zum Essen erwartet. Dort fand ich auch einen Brief von Monsieur de Saint-Clair vor, der mich in einige Erregung versetzte. Nicht etwa daß es seiner schönen Liebe zu Laurena de Peyrolles schlecht ging, ganz im Gegenteil, nur wartete er mit einiger Ungeduld, daß ich nach Orbieu käme, um sie durch die Hochzeit zu krönen, woran mich bislang, wie man sah, der Feldzug gegen die Hugenotten gehindert hatte.

Doch abgesehen von diesem Fieber der Erwartung, das sich in halben Worten und in den delikatesten Begriffen ausdrückte, teilte mir Monsieur de Saint-Clair eine Neuigkeit mit, die nichts mit so süßen Banden zu tun hatte und die mich stark beunruhigte.

In meinem Wald Cornebouc, der eigentlich den Namen Hochwald verdiente, so mächtig standen dort die Bäume, hatten |323|zwei oder drei meiner Dörfler im vergangenen Sommer zur Dämmerung Wölfe gesehen. Ihre Zahl hatten sie nicht feststellen können, denn sie näherten sich ihnen ja nicht, sondern liefen vielmehr davon, so schnell sie konnten, obwohl die Wölfe sie nicht verfolgten, vielleicht weil es Nachtjäger sind.

Danach hatte man sie nicht wiedergesehen. Seit aber der Winter übers Land gekommen war mit Frost und Schnee und die Räuber weniger Wild zu reißen fanden, wagten sie sich bei Nacht dreist zu den Hütten vor und heulten so klagend und bedrohlich, daß meine armen Bauern hinter ihren dünnen Haustüren noch mehr vor Angst als vor Kälte erstarrten.

Bei Tagesanbruch entdeckte dieser und jener seinen Wachhund erwürgt, seinen Hühnerstall verheert oder, wenn er Schafe hatte, zwei, drei seiner Lämmer gerissen und verschlungen.

Zum Glück hatten die ärmsten Bauern am wenigsten unter diesen Einbrüchen zu leiden. Weil sie sich einen Hühnerhof oder einen Schafstall gar nicht leisten konnten, lebten die Tiere mit in ihren Hütten und schliefen quasi neben ihren Strohsäcken, die sich nicht groß von der Streu ihrer Tiere unterschieden. Die Hütte aber war gut verriegelt, die Wölfe konnten ja das Türschloß nicht aufbrechen.

Weil mit mir nicht zu rechnen war, denn zu der Zeit befand ich mich vor Montauban, wandte sich Saint-Clair an den Leutnant der Wolfswache von Montfort l’Amaury. Er schickte einen Sergeanten mit zehn berittenen Wolfsjägern samt ihren Feuerrohren und einer Meute großer Hunde. Ihre Ankunft richtete die Herzen im Dorf wieder auf, denn es hatte sich schon so mancher in den Fängen der unersättlichen Bestien gesehen. Schreckensgeschichten aus uralten Zeiten geisterten durch Orbieu, und es gab keinen, der nicht seine zum besten geben wollte nach der Messe oder bei einem Krug Wein in der Schenke.

Aber die Wolfsjäger waren eine Enttäuschung. Sie brachten kaum etwas zustande, nicht durch ihre Schuld, sondern weil das Dickicht zu beiden Seiten des Weges, der durch den ganzen Wald führte, so undurchdringlich war, daß nicht einmal die Hunde hindurchkamen. Doch fanden sie Losung und zahlreiche Fährten und entdeckten schließlich mehrere Tummelplätze im Sand einer Böschung.

|324|Beim Näherkommen erkannten sie runde Höhleneingänge, die in enge Tunnel führten, die im Fackellicht tief und gewunden erschienen. Die Hunde beschnüffelten die stinkenden Eingänge mit endlosem Gekläff und mit ebenso wütender wie angstvoller Erregung. Der Sergeant konnte jedoch keinen einzigen bewegen, auch nur eine Pfote in diese Baue zu setzen, so sehr fürchteten sie wahrscheinlich, an einer Biege des Tunnels vor einen Wolfsrachen zu geraten, ohne sich in einem so finsteren, engen und gewundenen Gang wehren zu können.

Als der Sergeant feststellte, daß er gegen den Wind stand und die Wölfe ihn nicht wittern konnten, ließ er die Pferde und die Hunde weiter wegführen, dann ging er mit seinen Männern zu den Bauen und räucherte einen nach dem anderen. Hierauf wich er zurück und begab sich auf den Anstand. Aber solange er auch wartete, erspähte er weder glühende Lichter noch Fangzähne und schloß daraus, daß die Wölfe ihren Bau entweder beim ersten Geräusch der Nachstellung verlassen hatten oder daß die Höhlen einen zweiten Ausgang hatten, vielleicht in dem hohen, undurchdringlichen Dickicht, das wenige Klafter hinter der Wegböschung begann. Bevor der Sergeant, den dieser Mißerfolg sehr zu grämen schien, Orbieu verließ, riet er Saint-Clair nicht ohne Bitterkeit, das Unterholz auszulichten, sonst, sagte er, käme nicht einmal der heilige Hubert diesen Satansbestien bei. Ein vortrefflicher Rat, nur nicht so leicht auszuführen mit unseren Dörflern, die, wie man weiß, im Winter verschiedenen Gewerben nachgingen, um ein paar Sous für die königliche Steuer zu verdienen.

All dies schilderte Saint-Clair in seinem Brief bis in jede Einzelheit. Zum Schluß fügte er hinzu, daß er in Unkenntnis meiner Rückkehr es auf sich genommen habe, ein Dutzend Armbrüste zu kaufen und damit jene Dörfler zu versehen, die dem Waldrand am nächsten wohnten und unter dem nächtlichen Unwesen der Wölfe am meisten zu leiden hatten. Nun übe er seine Leute im Schloßhof im Scheibenschießen, und seine Rekruten gäben sich große Mühe, immer besser zu treffen, aber nicht nur, weil sie ihre Familien beschützen wollten, sondern weil sie sehr stolz waren, eine Waffe in Händen zu haben, die, mochte sie auch noch so altertümlich sein, dennoch furchtbar war durch ihre Stille, ihre Reichweite und ihre Schlagkraft. Saint-Clair meinte, wenn es einem Bauern von |325|seiner Hütte aus gelänge, einem Wolf seinen Pfeil in Brust oder Flanke zu jagen, würden die Räuber wohl nicht mehr ganz so verwegen sein.

Dieser Brief bewegte mich so sehr, daß ich ihn nach dem Essen meinem Vater und La Surie vorlas. Nach der Lektüre meinten sie, die Lage sei ernst, wir müßten schnellstens nach Orbieu, nicht ohne ein Dutzend Schweizer zu mieten und uns gut mit Waffen und Fallen zu versorgen.

»Mein Vater«, sagte der Marquis de Siorac, »hat mir erzählt, daß im Périgord einmal ein Wolfsrudel so mörderisch in ein Gut einfiel, daß die Bauern fast alle Reißaus nahmen und ihr Vieh den wütenden Angreifern überließen.«

»Ist es denn nicht gefährlich«, meinte La Surie, »den Dörflern Armbrüste anzuvertrauen, die sie nach überstandener Gefahr doch auch gegen ihre Nachbarn, ja sogar gegen ihren Herrn richten könnten?«

»Sicher«, sagte mein Vater, »die Gefahr besteht. Deshalb werden den Leuten die Waffen auch nicht geschenkt, sondern geliehen und wieder eingesammelt, nachdem man die Wölfe losgeworden ist. Pierre-Emmanuel, versucht doch, daß Ihr dieselben Schweizer bekommt, die den Wetterhahn von Rapinaud abgeschossen haben, und sagt ihnen gleich, daß es auch um Hilfe beim Auslichten des Waldes geht.«

Wir brauchten zwei volle Tage, unsere Einkäufe zu machen. Erst am zweiten Februar brachen wir auf. Gleich nach unserer Ankunft in Orbieu lud ich Monsieur de Peyrolles zum Besuch ein, und wir hielten mit ihm Rat, denn er war in der gleichen Lage wie wir. Sein Besitz grenzte an meinen Wald Cornebouc, von dem auch er einen kleinen Teil besaß, und seine Bauern waren den Räubern ebenso ausgesetzt wie unsere. Wir mußten also unsere Geigen abstimmen, um entsprechende Maßnahmen zu treffen, denn wie furchtbar für Monsieur de Peyrolles, wenn unser Kriegszug die Wölfe auf seinen Besitz vertrieben hätte. Deshalb vereinbarten wir, daß er sein Waldstück ebenfalls auslichte, und sei es nur, damit es nicht zum Refugium der Tiere werde, die vor unseren Unternehmungen flohen.

Als wir alle Bauern, die von Orbieu, die von Monsieur de Peyrolles und auch die von Saint-Clairs Baronie zusammenriefen, war unsere Kirche so voll, daß kein Blatt zu Boden fallen konnte. Mein Vater, La Surie, Saint-Clair und ich nahmen |326|im Chor Platz, wo fünf Minuten später Monsieur de Peyrolles zu uns stieß. Erhobenen Hauptes, kam er martialisch dahergeschritten, an der Seite einen Degen, der meinem Vater und La Surie ein Lächeln abnötigte, nicht weil ein Mann des Amtsadels keine Waffe hätte tragen dürfen, sondern weil diese einen goldenen, mit Edelsteinen eingelegten Knauf hatte wie ein höfisches Prunkstück. Mir war die gute Nachbarschaft mit ihm wichtiger, und so ging ich auf ihn zu und begrüßte ihn, wie es seinem Alter und meinem geziemte.

Am Vorabend hatte ich an meinem Feuer, sosehr Louison auch girrte, um mich ins Bett zu locken, eine Rede im dörflichen Platt verfaßt. Zwei, drei Wörter, die ich nicht wußte, hatte Louison mir, wenn auch unwillig, beisteuern müssen, denn ihr stand der Sinn nach anderem. Über dem Schluß meiner Rede grübelte ich eine Weile, aber das Ergebnis war der Mühe wohl wert, wie hoffentlich auch der Leser finden wird. Dann steckte ich Feder und Tinte in mein Schreibpult und eilte, dem bald zärtlichen, bald ärgerlichen Gemaunze meiner Louison zu gehorchen.

Ich habe eine Kopie dieser Rede aufbewahrt, auf die ich sehr stolz bin. Hier ist sie, leider nur auf französisch, denn auf Platt hatte sie mehr Würze und Vertraulichkeit.

 

»Meine guten Freunde,

diese schrecklichen Wölfe sind eine Pest, die der Böse zu eurem Schaden gesandt hat. Aber wenn wir uns alle die Hand reichen, werden wir sie mit Gottes Hilfe von unserem Land vertreiben. Wir sind hergekommen, Monsieur de Peyrolles, Monsieur de Siorac, Monsieur de La Surie, Monsieur de Saint-Clair, ich und die tüchtigen Soldaten, die ihr dort seht, um euch bei dieser Sache zu helfen, aber nicht, um sie an eurer Stelle zu tun. Alle, die hier sind, müssen Zeit, Mühe und Mut für dieses Unternehmen aufbieten und den Befehlen gehorchen, die ich geben werde.

Ich weiß wohl, daß ihr die Beine im Winter nicht hochlegt, sondern euch in diesen und jenen Gewerken müht, um ein paar Sous zu verdienen. Und ich weiß auch, daß diese Arbeit sich nicht von allein macht, wenn ihr mit uns Krieg gegen die Wölfe führt. Darum hört, was ich euch sage: Wenn ihr die königliche Steuer nachher nicht ganz aufbringen könnt, leihe ich euch, was fehlt, und leihe es euch ohne Zinsen. Dazu verpflichte ich mich im Angesicht Gottes in dieser heiligen Kirche.

|327|Ich habe Waffen mitgebracht, Armbrüste und Schleudern. Und ich werde sie jedem anvertrauen, der sich nicht scheut, sie zu gebrauchen, und bei unserer Sache seinen Mann stehen will. Ich übergebe sie euch zu treuen Händen, Ihr werdet sie gut hüten und müßt sie mir wiedergeben, wenn wir mit diesen Bestien fertig sind. Welche Erleichterung wird das sein! Und welches Glück und welche Ehre für die Tapferen, die dann in der Schenke beim Wein oder beim Spiel mit ihren Gevattern ihr Abenteuer erzählen und dartun können, welchen Anteil sie an diesem Krieg hatten, und wie wird dann der Schubiack die Nase in Scham und Schande senken, der sich unterm Rock seiner Frau verkrochen hat, um ja nicht mit gegen die Wölfe zu ziehen. Abgesehen davon, daß es meistens schief ausgeht, wenn man den Drückeberger mimt. Wie sagten unsere Väter so schön: Wer das Lamm spielt, den frißt der Wolf.

Nach dem Segen des Herrn Pfarrers erwartet euch Monsieur de Saint-Clair in der Sakristei. Er trägt alle in seine Liste ein, die eine Waffe wollen, und sagt euch im einzelnen, was wir vorhaben. Meine Freunde, ich sage euch: Habt Mut! Mit dieser Pest werden wir fertig!«

 

Ein verschmitztes Lächeln im roten Gesicht, begleitete mich Pfarrer Séraphin zum Kirchenportal.

»Wenn Ihr erlaubt, Euch das zu sagen, Herr Graf«, murmelte er: »Ihr habt eine vortreffliche Predigt gehalten. Besonders den Schluß habe ich bewundert, wo Ihr von den Wackeren spracht, wie sie sich nach dem Kampf rühmen können. Das war sehr geschickt«, sagte er genießerisch.

»Aber das ist nicht ganz mein Verdienst«, sagte ich. »Ich hatte ein Vorbild, namentlich für diesen Schluß.«

»Wir haben alle Vorbilder«, sagte Séraphin vertraulich, als weihe er mich nach dieser schönen Probe gern in die Geheimnisse seiner Bruderschaft ein. »Ich schreibe nie eine Predigt, ohne daß ich in dem ausgezeichneten Buch von Monsieur de Richelieu nachlese, wie er den Gegenstand behandelt hat.«

Sieh an, dachte ich, Richelieu wirkt auf hunderterlei Weise: Er erleuchtet die Königinmutter wie den Pfarrer im Dorf.

Als Monsieur de Saint-Clair die Waffen verteilt hatte – fast alle hatten welche gewollt, bis auf die Alten und Gebrechlichen –,|328|kam er in die Bibliothek, und wir beratschlagten zu viert, mein Vater, La Surie, Saint-Clair und ich.

»Die meisten«, sagte Saint-Clair, »wollten lieber eine Schleuder als eine Armbrust. Kein Wunder, die Schleuder kennt jeder, denn wer hat als kleiner Junge damit nicht Spatzen geschossen?«

»Nicht nur Spatzen, auch Amseln«, sagte mein Vater, »und was schlimmer ist«, setzte er lächelnd hinzu, »die Tauben des Herrn, wenn sie sich leichtsinnig im Kirschbaum ihres Gartens niederließen. Eins, zwei, waren sie gerupft, ausgenommen und im Kochtopf verschwunden, die Federn wurden fix verbrannt, um keine Spur zu hinterlassen, und man genoß mit der um ein bißchen Fleisch aufgebesserten Gemüsesuppe auch die Wonnen der verbotenen Frucht.«

»Aber um einen Wolf zu erlegen, braucht es schon einen sehr großen Stein und einen sehr geschickten Schleuderer«, sagte La Surie.

»Immerhin gibt es Vorbilder«, sagte Saint-Clair lächelnd: »David tötete Goliath mit einer Schleuder. Und wenn mehrere sich zusammentun und einen Steinhagel auf ein Rudel loslassen …«

»Jedenfalls«, sagte mein Vater, »wird der Besitz einer Waffe, und sei er vorübergehend, Euren Dörflern wieder Mut machen und ihre Kampfeslust wecken. Das ist das Wichtigste. Ich setze ja mehr auf die Fallen und die Petarden. Wenn wir die Höhlen gleich damit sprengen würden, wäre der Kampf schnell zu Ende. Aber«, setzte er nach einem Schweigen hinzu, »das wäre nicht in Eurem Interesse, mein Sohn, noch, wohlgemerkt, im Interesse Eurer Bauern.«

»Wie meint Ihr das, Herr Vater?« fragte ich verwundert.

»Ihr habt jetzt so viele Arme zur Verfügung, und zu so geringen Kosten, daß Ihr und Monsieur de Peyrolles den ganzen Cornebouc-Wald von seinem undurchdringlichen Dickicht befreien könnt. Es wäre ein Jammer, mit den Wölfen aufzuräumen, bevor diese Aufgabe nicht geschafft ist. Bedenkt, daß Ihr dann einen so reinlichen Wald habt, daß sich dort so leicht kein Feuer mehr entzündet und daß dort künftig auch kein Wolf mehr seinen Bau graben wird, weil es an Gebüsch und Unterschlupf mangelt. Und dabei rede ich nicht einmal davon, wieviel schwerer es den Wilderern dann wird, ihre Fallen zu stellen.«

|329|Dieser Vorschlag erschien mir so sinnreich, daß ich ihn sofort annahm, wenn auch nicht ohne Gewissensbisse, denn ich sah wohl, daß Monsieur de Saint-Clair nicht begeistert war. Wenn der Krieg gegen die Wölfe sich hinzöge, dachte er sicherlich, wäre auch seine Hochzeit aufgeschoben. Er sagte jedoch keinen Ton, so sehr gingen ihm seit Anfang seiner Verwaltung meine Interessen über alles andere.

Ehe wir nun also mit dem großen Krieg begannen, setzten wir den Feinden mit allerlei Geplänkel zu. Die Auslichtung half dabei tüchtig. Ich hieß die Bauern, das Dorngestrüpp, das sie schnitten, wegzufahren und zu Wällen für ihre Schäfereien und Hühnerhöfe aufzuschichten. Ich ließ sie vor ihren Hütten nicht zu tiefe Gräben ausheben und ebenfalls mit Dornenreisern füllen, die sie mit leichtem Gezweig und einem dünnen Teppich aus Moos und Gras bedecken sollten.

All das tote Holz, das sich unterm lebendigen Dickicht fand, wurde am Waldsaum, in sicherem Abstand von den Bäumen, aufgehäuft und in der Dämmerung, wenn der Wind nicht aus der falschen Richtung blies, verbrannt. Der Schankwirt mußte seine Schenke schließen, sowie es dunkelte, damit kein Liebhaber der göttlichen Flasche unterwegs in der Finsternis angefallen würde. Und in den unheimlichen Stunden nach Mitternacht machten meine Schweizer auf ihren großen Pferden, Fackeln in der Hand, die Runde um die abgelegenen Gehöfte, zwar ohne die Erwartung, jemals auf Wölfe zu stoßen, doch um sie durch Flammenschein und Lärm zu erschrecken. Gleichzeitig beruhigte ihre geräuschvolle Wacht die Dorfbewohner.

Die Überfälle nahmen ab, ohne daß sie aber ganz aufhörten. Kein Wolf ging in irgendeine Falle, kein Stein im Dämmerlicht erreichte je sein Ziel. So geschwinde die Wölfe auftauchten, verschwanden sie auch. Einmal traf ein Bauer mit der Armbrust ein vereinzeltes Tier, das er im Morgengrauen von der Luke seines Heubodens erspäht hatte. Weil es am Morgen aber nicht aufzufinden war, glaubte niemand im Dorf an dieses Schützenglück, bis man zwei Tage später am Waldsaum auf einen zu drei Vierteln gefressenen Wolf stieß, in dessen rechtem Hinterlauf noch der Pfeil steckte, der ihn verkrüppelt und zur Beute seiner ausgehungerten Brüder gemacht hatte.

Der Teil des Waldes, der Monsieur de Peyrolles gehörte, |330|etwa ein Zehntel des meinen, war natürlich schneller gesäubert als unser Bereich. Sobald das Dickicht beseitigt war, stellte Monsieur de Peyrolles seine Männer in einer helleren Nacht und bei günstigem Wind mit Feuerrohren auf den Anstand. Aber alles Lauern war umsonst. Kein Wolf wagte sich auf so kahles Gelände. Das gab mir die Zuversicht, daß die Wölfe, sobald die Auslichtung auch in meinem Wald beendet wäre, diesen ihrer Jagd so ungünstigen Raum von selbst verlassen würden. Doch als es soweit war, mochte ich die Hand dafür nicht ins Feuer legen. Und sowohl um einen großen Schluß zu machen wie um meinen Dörflern zum Lohn für ihre Mühen die Genugtuung einer Siegesfeier zu bereiten, rief ich mein kleines Heer von Schleuderern und Armbrustschützen und meine tüchtigen Schweizer an jener Böschung zusammen, wo die Wolfsjäger von Montfort die Höhlenöffnungen entdeckt hatten, und nun setzte ich die Petarden ein, die der Marquis de Siorac von Paris mitgebracht hatte.

Diese Petarden waren kein Kinderspielzeug, sondern echte Kriegspetarden, wie sie bei einer Belagerung verwendet werden, um ein Stadttor zu sprengen, sofern man ihm, wohlverstanden, trotz gegnerischen Feuers nahe kommen kann.

Als die Lunte gezündet war, ließ ich die Sprengkörper mit Stangen so tief es ging in die Baue schieben. Dann ging ich mit allen Anwesenden in die angemessene Entfernung und wartete. Die Explosion des Pulvers erfolgte mit einem Lärm wie mehrere Donnerschläge, Rauch und Sandfontänen schossen hoch auf.

Dieses Schauspiel ergötzte meine Leute sehr. Und nach ergriffenem Schweigen brachen sie in ein Triumphgeschrei aus, weil ihre Verfolger nun auf immer beerdigt waren. Einige wollten sogar Schippen holen und die Bälger ausgraben, schließlich hätten deren Pelze oder Köpfe denkwürdige Trophäen abgegeben. Aber ich verbot es ihnen energisch unter dem Vorwand, daß der Sand jetzt zu locker sei und ihnen zur Falle werden und sie ersticken könnte. In Wahrheit fürchtete ich aber vor allem, daß sie, wenn sie nichts fänden, sich um ihren Sieg betrogen fühlen würden, denn ich war überzeugt, daß die Wölfe als unendlich listige Tiere, von unseren Anstalten gewarnt, ihre Baue rechtzeitig verlassen hatten.

Während der vierzehn Tage, die unser Krieg gegen die |331|Wölfe währte, beschleunigte Monsieur de Peyrolles, der seine Tochter schmachten sah, die Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit, die am fünfzehnten Februar in der Kirche von Orbieu stattfand. An dem Tag aber, bevor Saint-Clair seine irdische Seligkeit erreichen sollte, machte er ein so sorgenvolles Gesicht, daß ich ihn beiseite nahm und unter vier Augen nach dem Grund seines unerklärlichen Kummers fragte.

»Ach, Herr Graf!« sagte er, Tränen am Rand der Wimpern, »heute morgen besuchte ich Monsieur de Peyrolles, und in seiner Güte führte er mich in das Zimmer, wo seine Tochter ihr Brautgewand anprobierte. Wahrhaftig, Herr Graf, Ihr könnt Euch den wunderbaren Reifrock nicht vorstellen, den meine Schöne trug! Nichts wie schimmernde Seide und Satin! Und an ihrem Mieder unzählige Perlen, und ein Venezianer Spitzenkragen und Schmuck, nicht zu beschreiben, kurzum, ein Gewand, würdig einer Prinzessin mit hunderttausend Livres Renten. Zuerst war ich ganz in Bewunderung versunken. Aber nachdem ich gegangen war, wurde mir klar, daß das, was ich mir morgen auf den Leib ziehen kann, im Vergleich mit diesem Prachtkleid bare Lumpen sind. Wie soll ich mich ohne die tiefste Scham neben soviel Schönheit zeigen?«

»Aber, mein Freund«, sagte ich verblüfft, »Euch mangelt es doch nicht mehr an Geld. Wieso habt Ihr Euch nicht beizeiten mit einem Gewand versehen, das Eures Ranges würdig ist?«

»Weil ich dachte, wenn wir in unserer Dorfkirche heiraten, ginge alles ganz schlicht zu.«

»Schlicht?« rief ich lachend. »Bei Monsieur de Peyrolles? Habt Ihr eine Ahnung! Der gute Mann wird die Hochzeit seiner Tochter ebenso vergolden wie seine Kutsche. Und kann man es ihm verdenken? Laurena ist alles, was er hat, und er liebt sie sehr.«

»Was für ein Narr ich war!« rief Saint-Clair und schlug sich vor die Stirn. »Schon die Art, wie Monsieur de Peyrolles das Rapinaud-Haus, das Ihr uns so gütig überließt, ausgestattet und möbliert hat, hätte mich doch warnen müssen! Aber was nun? Ich werde mich an Laurenas Seite ausnehmen wie ein Bettelmann. Ich weiß mir keinen Rat.«

»Halb so schlimm, Baron«, sagte ich lachend. »Ihr und ich, wir sind ungefähr gleich gewachsen. Ihr braucht nur das Angebot anzunehmen, das ich Euch guten Herzens mache: Ich |332|leihe Euch einen Anzug von mir, den ich in Orbieu noch nie getragen habe.«

Nun wurde abgelehnt und beharrt, verweigert und beruhigt ohne Ende. Schließlich aber war Saint-Clair bereit, mir in mein Zimmer zu folgen. Mit Louisons Hilfe und ein paar geschickt gesetzten und versteckten Nadeln konnte Monsieur de Saint-Clair sich in einem azurblauen Seidengewand bewundern, das ihm vorzüglich stand.

»Herr Graf«, sagte Louison, als Saint-Clair glückstrahlend gegangen war, »sind das nicht Wams und Kniehosen, die Ihr morgen zur Hochzeit von Monsieur de Saint-Clair tragen wolltet?«

»Stimmt«, sagte ich mit ein wenig Bedauern.

»Und was tragt Ihr nun?«

»Den Anzug, den ich anhabe.«

»Er ist nicht schlecht«, meinte Louison, indem sie mich musterte. »Aber mit dem, den Ihr Monsieur de Saint-Clair geborgt habt, kommt er nicht mit. War das nun besonders schlau, Pierre auszuziehen, um Paul anzuziehen? Wirklich«, fuhr sie fort, »auf dieser Hochzeit wird der Baron eleganter aussehen als der Graf und der Verwalter reicher als sein Herr. Ach, ich hab’s«, sagte sie, »Ihr könntet Euer Ordenskreuz anlegen.«

»Das sowieso. Ich habe es dem Pfarrer versprochen.«

»Dann mag es gut sein«, sagte Louison.

»Bah, unwichtig.«

»Aber mir«, sagte sie, »mir ist es nicht unwichtig!«

Und auf einmal rollten zwei dicke Tränen über ihre braunen Wangen.

»Louison, was hast du?« fragte ich erschrocken. »Warum weinst du?«

»Ich muß eben weinen. Ihr jedenfalls werdet lachen, wenn Ihr heiratet.«

»Warum sollte ich lachen, Louison? Du weißt doch, ich habe dich furchtbar gern.«

»Monsieur de Saint-Clair hatte Jeannette auch sehr gern, und heute lacht Monsieur de Saint-Clair in Eurem schönen Anzug wie ein Seliger im Paradies, und die arme Jeannette sitzt in ihrer Kammer und weint sich die Seele aus dem Leib.«

»Louison, geh sie trösten!« sagte ich, »Laß sie nicht allein. Und du, mein Lieb«, setzte ich hinzu, indem ich sie an mich |333|drückte, »mach dich nicht vor der Zeit unglücklich. Meine Hochzeit ist ja nicht morgen.«

»Herr Graf«, sagte sie und schmiegte sich an mich, während ihre Tränen weiter flossen, »Ihr habt ein großes Herz und eine offene Hand. Ihr seid gut, aber Eure Güte ändert nichts. Es ist nicht Eure Schuld und nicht meine, es liegt an meinem Stand. Der ist mir in die Haut gebrannt wie dem Galeerensträfling die Lilie.«

»Was redest du von deinem Stand? Hast du dich nicht weit darüber erhoben?«

»Aber nicht bis zu Euch, das ist das Unglück, und ich werde mich dran gewöhnen müssen. Wie das Sprichwort sagt: Bei der Geburt weint der Mensch in der Wiege, und jeder Tag lehrt ihn, warum.«

***

Schöne Leserin, nun werden Ihre schönen Augen weinen! Aber kann ich dafür? Die Zeit eilt unerbittlich und hält mich in ihrem Bann. Ob ich will oder nicht, muß ich Ihnen erzählen, wie zu Beginn des Jahres 1622, in dem wir jetzt sind, für das Königspaar die Rosen des Lebens verwelkten und wie Abneigung gleich einem unheilbaren Geschwür ihre gegenseitige Liebe mehr und mehr zerfraß.

Anfang Februar erfuhr ich, daß Ihre Majestät die Königin wieder schwanger war, und weil sie ihre Frucht schon zweimal verloren hatte, wurde ihr von ihrem Leibarzt die größte Schonung verordnet. Sie mußte früh schlafengehen, sich oft niederlegen, durfte keine langen Spaziergänge machen, durfte sich keine späten Abende, keine Anstrengungen, keine jähen Bewegungen zumuten. Der König wiederholte ihr diese Empfehlungen immer wieder, nach so grausamen Enttäuschungen stand alles auf einer Karte für sie wie für ihn wie für das Königreich.

Ludwig beharrte um so dringlicher darauf, als er Unheil von der weiblichen Umgebung der Königin fürchtete. Wie man weiß, hatte er ihre spanischen Damen gehaßt und verachtet und nicht geruht, bis sie heimgeschickt wurden. Aber die französischen Freundinnen seiner Gemahlin waren nicht weniger beunruhigend. Im Gegenteil. Die Prinzessin Conti und Madame de Luynes führten vor aller Augen ein ausschweifendes Leben. Mademoiselle de Verneuil war nicht viel besser, wenigstens in |334|Worten nicht, denn die Unterhaltung in den Gemächern der Königin überschritt die Grenzen des Schicklichen. Schöne junge Herren nahmen daran teil und überboten einander vor der Königin in zügellosen Reden. All das unter der Maske von Anmut und Frohsinn. Doch am Hof und sogar außerhalb des Hofes gab es Gerede.

Die Minister gerieten in Sorge, und weil sie sich dem König zunächst nicht zu eröffnen wagten, baten sie den Nuntius, beim Beichtvater der Königin vorzusprechen, damit er Ihre Gnädigste Majestät auf die Gefahr hinweise, in die ihre Freundinnen sie brachten.

Der Nuntius war gewandt, der Beichtvater bewegend. Die Königin hörte es, bereute, vergoß eine Träne und hatte es am nächsten Tag vergessen. Im übrigen, was hätte es für sie bedeutet, ihre leichtfertigen Freundinnen zu entlassen? Sie wäre ewiger Langeweile verfallen, allein zwischen einer Schwiegermutter, die ihr nicht eben wohl wollte, und einem König, den sie zwar liebte, aber der ihr durch Jagd und Krieg und die großen Reichsangelegenheiten immer wieder geraubt wurde. Ludwig seinerseits zögerte, dem verderblichen Einfluß ihrer Freundinnen ein Ende zu setzen, denn die Damen waren so hochwohlgeboren und standen ihm so nahe, daß sie nahezu unantastbar waren. Die Prinzessin Conti, zugleich Guise und Bourbonin, war seine Cousine, Mademoiselle de Verneuil seine Halbschwester, Madame de Luynes die Gemahlin seines Favoriten.

Man muß aber auch sagen, daß der König derzeit andere Sorgen hatte, und sehr viel größere. Siegestrunken von ihrem Erfolg in Montauban, machten sich die Hugenotten aufs neue mausig. Aus Rache dafür, daß er dem Souverän Saint-Jean-d’Angély hatte überlassen müssen, sammelte der vermessene Soubise ein Heer gegen ihn und nahm ihm an der Atlantikküste eine Stadt nach der anderen. Ludwig mußte wieder in den Krieg.

Es heißt, Prinz Condé habe ihn dazu gedrängt. Sein Drängen, falls er ihn wirklich drängte, war ganz unnötig. Es gab für Ludwig ein unumstößliches Gesetz, das sich durch seine ganze Herrschaft bewahrheitete: Niemals litt er, daß Spanier oder Hugenotte ihm eine Stadt nahm, ohne daß er sofort zum Schwert griff und den Feind berannte, bis er sie wiederhatte.

|335|Mitten in diesen für ihn so sorgenschweren Tagen traf ihn ein Unglück von einer Seite, von der er es am wenigsten erwartet hatte. Als Ludwig am sechzehnten März um drei Uhr nachmittags aus dem Kronrat kam, wurde ihm gemeldet, daß die Königin zum drittenmal ihre Frucht verloren hatte. Er ging sofort zu ihr.

Sie lag zu Bett und weinte heiße, bittere Tränen. Über zwei Stunden saß er bei ihr, bemühte sich, sie zu trösten, aber ach, die Zeit drängte, er konnte den Marsch ins Feld nicht hinausschieben.

Vier Tage später brach er auf. Aber zu aller Erstaunen heimlich, wie Heinrich III., als der Herzog von Guise ihn im Louvre belagerte. Anstatt den Palast durch die Porte des Bourbons zu verlassen, vor der ihn eine große Menschenmenge erwartete, um ihm zuzujubeln, ging Ludwig über die Große Galerie, durch die Tuilerien und überquerte die Seine. Dort stieg er zu Pferde und eilte zu seinem Heer, das ihn vor den Toren von Paris erwartete.

Ich konnte ihm nicht folgen. Ich lag in meiner Louvre-Wohnung mit Halsschmerzen und leichtem Fieber zu Bett. Nachdem La Barge mir den Aufbruch des Königs gemeldet hatte, zerbrach ich mir den Kopf darüber, wieso, zum Teufel, Ludwig seine Hauptstadt so heimlich verlassen hatte. Und ich kam zu dem einzig möglichen Schluß, daß er im Gedanken an den Haß der Pariser auf die Hugenotten vermeiden wollte, daß der Pöbel sich durch seinen Auszug angestachelt fühlte, mit Wutgetöse und Brandfackeln erneut über die Ketzer herzufallen. Das hätte seinen Feldzug wie einen Kreuzzug erscheinen lassen, was er um keinen Preis wollte. Denn wieder und wieder hatte er gesagt, er führe nicht Krieg gegen die reformierte Religion, sondern gegen aufsässige Untertanen.

Mein Vater besuchte mich am einundzwanzigsten gegen neun Uhr morgens. Er schaute sich meine Kehle an, fühlte mir den Puls und sagte, ich solle schön brav im gut geheizten Zimmer bleiben, mit warmem Alaunwasser gurgeln, viel trinken, wenig und nur weiche Speisen essen, die meinen geschwollenen Schlund nicht schmerzten, und ich wäre in drei Tagen wieder auf den Beinen. Wenn ich allerdings, fügte er mit einem Schmunzeln hinzu, Lust hätte, länger krank zu sein und mich ordentlich mattsetzen zu lassen, solle ich mich nur getrost von den Hofärzten purgieren, schröpfen und auf Diät setzen lassen. |336|Ich fühlte mich schon viel besser, als der Marquis de Siorac mich verließ, so ansteckend war seine Munterkeit. Und obwohl ich nicht allzu fromm bin – nicht so sehr, weil ich mich von Gott entfernt hätte, sondern weil mich die Exzesse der Kirchen, der reformierten wie der katholischen, abstießen –, schickte ich ein kleines Gebet gen Himmel, er möge mir den liebreichsten aller Väter so lange wie möglich erhalten.

Ich saß in meinem pelzgefütterten Hausgewand vorm Feuer, Montaignes Essais auf dem Schoß. Mal las ich, mal sann ich und schaute in die tanzenden Flammen. Mein guter La Barge kam und meldete, man habe bei mir geklopft, und als er mit der empfohlenen Vorsicht öffnete, habe er sich einem kleinen Mädchen von elf, zwölf Jahren, wunderhübsch und reinlichst gekleidet, gegenübergesehen, das ihn mit sanfter, singender Stimme um Einlaß gebeten habe, es habe seinem Herrn eine vertrauliche Mitteilung zu machen.

»Hat sie ihren Namen genannt?«

»Nein, Herr Graf, sie will ihn nur Euch nennen.«

»La Barge, meinst du, die kleine Person ist von Stand?«

»Bestimmt, Herr Graf. Sie drückt sich sehr gewählt aus.«

»Also, laß sie auf ihr gutes Gesicht ein. Sie wird mich schon nicht ermorden wollen«, schloß ich.

La Barge ließ die Besucherin herein, die bei meinem Anblick in eine Reverenz versank, an der nichts zu mäkeln war, so anmutig und geschmeidig war sie. La Barge zog sich auf mein Zeichen zurück, und ich betrachtete schweigend dieses reizende kleine Mädchen. Denn das war sie wirklich, obwohl ihre Augen seltsam erwachsen blickten.

»Mademoiselle«, sagte ich, »da wir nun unter uns sind, wie Ihr es wünschtet, darf ich um Euren Namen bitten?«

»Ich heiße Françoise Bertaut«, sagte sie mit einer gewissen Bedeutsamkeit. »Mein Vater ist königlicher Kammerdiener, und meine Mutter, eine geborene Bessin de Mathonville, ist eine der Frauen Ihrer Majestät der Königin.«

Offenbar, dachte ich, war ihr Vater nicht adlig, da sie betont hatte, daß ihre Mutter es war. Doch während sie die Aufgabe ihres Vaters benannt hatte, ließ sie im unklaren, was ihre Mutter bei der Königin machte. Als ich mich am nächsten Tag diskret erkundigte, erfuhr ich, daß Madame Bertaut kein Amt innehatte, daß sie in der Umgebung der Königin aber gern gesehen |337|war wegen ihres heiteren Wesens und ihrer spanischen Abkunft.

Ich kannte die Mutter des Mädchens nicht, dafür kannte mein Vater den ihren gut und noch besser seinen Bruder, den Dichter Jean Bertaut, den Henri Quatre zum Bischof von Sées ernannt hatte.

»Nun, Mademoiselle«, sagte ich, »was habt Ihr mir mitzuteilen? Bitte, nehmt doch auf diesem Schemel Platz. So redet es sich besser.«

Da saß sie denn, sehr gerade, die Hände übereinandergeschlagen, und schaute mich ruhig aus großen blauen Augen an.

»Herr Graf«, sagte sie, ohne daß ihre Stimme im geringsten zitterte, »ich habe Euch ein Geheimnis von größter Wichtigkeit mitzuteilen. Doch bevor ich es Euch mitteile, möchte ich, daß Ihr mir Euer Edelmannswort darauf gebt, daß Ihr niemals jemandem sagt, woher Ihr es habt.«

Ich staunte. Nie hätte ich gedacht, daß ein Mädchen dieses Alters einen so langen und wohlformulierten Satz von alleine zustande brächte, hätten ihre lebhaften blauen Augen mir nicht bereits die beste Meinung von ihrem Verstand gegeben.

»Wenn ich Euch recht verstehe, Mademoiselle«, sagte ich, »kann ich Euer Geheimnis enthüllen, wenn ich es für nützlich halte, aber nicht seine Quelle.«

»So ist es, Herr Graf.«

Ich schwieg, denn was sollte ich davon halten? Wenn dieses Kind mir ein Geheimnis anvertraute, so doch offenbar, damit ich es weitergebe, aber an wen und warum?

»Mademoiselle, wenn Ihr Euch meiner bedienen wollt, müßt Ihr mehr sagen. Darf dieses Geheimnis zum Beispiel der König erfahren?«

»Ja, Herr Graf, er und nur er allein.«

»Nützt ihm dieses Geheimnis?«

»Ja, Herr Graf. Es ist in jeder Hinsicht gut, wenn Seine Majestät die Wahrheit kennt.«

»Weil man sie ihm verborgen hat?«

»Ja, Herr Graf.«

»Und die Tatsache, daß man sie ihm verborgen hat, könnte ihm künftig von Schaden sein?«

»Ja, Herr Graf. Und noch mehr der Königin. Wenn sie nicht achtgibt, stürzen ihre Freundinnen sie ins Unglück.«

|338|»Glaubt Ihr das, oder glauben es andere Personen?«

»Herr Graf, es gibt keine anderen Personen. Ich handele allein, aus eigenem Antrieb.«

Diese raschen, klaren Antworten überzeugten mich vollends, daß man das Mädchen von Anfang bis Ende hören müsse und daß sie keine eingelernte Rolle wiedergab.

»Sprecht, Mademoiselle«, sagte ich ernst. »Ich gebe Euch mein Edelmannswort darauf, daß ich die Quelle Eurer Information niemals preisgeben werde.«

»Ihr wißt, Herr Graf, daß die Prinzessin Condé am vierzehnten März einen Abendempfang gab. Ihr nahmt an dieser glanzvollen Gesellschaft teil, wie ich hörte.«

»Richtig, aber ich bin zeitig gegangen. So amüsant dieser dauernde Klatsch über den Nächsten auch sei, ermüdet er mich doch bald.«

»Um so unermüdlicher sind Mademoiselle de Verneuil und Madame de Luynes dabei. Sie lotsten auch die Königin mit, die besser ins Bett gegangen wäre, weil sie sich aus bekanntem Grund schonen sollte. Sie blieb an diesem Abend bei der Prinzessin Condé bis ein Uhr nachts. Als sie sich sehr matt fühlte, bat sie Mademoiselle de Verneuil und Madame de Luynes, sie in ihre Gemächer zu begleiten. Auf diesem Weg nun mußten Ihre Majestät und ihre Gefährtinnen durch den großen Festsaal, an dessen Ende sich das Thronpodest befindet. Obwohl die drei Damen einen Kammerdiener bei sich hatten, der ihnen leuchtete, erschien ihnen der Saal finster. Außerdem ist er eiskalt und sehr, sehr lang. Und weil Madame de Luynes entweder fror oder den Einfall lustig fand, schlug sie der Königin vor, durch den Saal zu laufen. Die Königin protestierte, dazu sei sie zu schwach, aber Madame de Luynes hakte sie von rechts unter und forderte Mademoiselle de Verneuil auf, Ihre Majestät von links unterzuhaken. Sie liefen los, und schnell war der Kammerdiener mit seiner Laterne überholt. Jedenfalls sah das Trio am anderen Ende des Saals die königliche Estrade nicht, strauchelte darüber und fiel. Madame de Luynes und Mademoiselle de Verneuil erhoben sich mit schallendem Lachen, die arme Königin aber stieß einen Schrei aus, klagte über heftiges Reißen im Leib und mußte nun mehr oder minder getragen werden. Die Folgen, Ihr wißt es, Herr Graf, zeigten sich zwei Tage später und bestürzten das Königreich.«

|339|Dieser Bericht machte mich sprachlos. Ich brauchte einige Augenblicke, bis ich wieder einen klaren Kopf hatte.

»Mademoiselle«, sagte ich, »darf ich fragen, woher Ihr diese Tatsachen wißt?«

»Sehr ungern, Herr Graf. Ich habe ein Gespräch der Königin mit ihren beiden Freundinnen belauscht.«

»Mademoiselle, hat die Königin Madame de Luynes in diesem Gespräch vorgeworfen, daß sie sie in ihrem Zustand zum Laufen angestiftet habe?«

»Ja. Aber Madame de Luynes überzeugte sie, daß sie ja eingewilligt habe. Madame de Luynes hat große Macht über den Sinn der Königin.«

Ich verharrte eine Weile in Schweigen, dann erhob ich mich und sagte: »Mademoiselle, Euer Bericht wird dem König übermittelt.«

»Monsieur«, sagte sie, indem auch sie sich erhob, »gebt mir Euer Edelmannswort …«

»Mademoiselle, ein Edelmannswort muß man nicht wiederholen. Ihr habt es, das genügt.«

Sie errötete ein wenig. Wortlos machte sie mir ihre Reverenz, jedoch kürzer als die erste. Ich spürte, daß meine kleine Zurechtweisung sie kränkte.

»Mademoiselle«, sagte ich, als ich sie zur Tür begleitete, »Ihr habt in dieser Affäre großen Mut bewiesen.«

Ihre blauen Augen hellten sich auf, doch beschränkte sich ihr Dank auf ein knappes Kopfnicken. Sieh einer an, dachte ich, das Persönchen hat Charakter! Sie wird dem Edelmann, der sie einmal heiratet, hübsch zu kauen geben.

Nachdem sie gegangen war, legte ich die Essais beiseite. An Weiterlesen oder Schlaf war nicht zu denken. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, was ich tun sollte. Ich war geneigt, dem Mädchen zu glauben. Was sie berichtet hatte, klang wahr. Aber welchen Beweis hatte ich dafür? Testis unus, testis nullus1, sagt ein alter Spruch. Durfte ich es wagen, den König auf den guten Glauben einer einzigen Zeugenschaft hin tief zu beunruhigen?

Am nächsten Tag schickte ich La Barge mit einem Billett zu Fogacer und bat ihn, mich so bald wie möglich zu besuchen, weil eine Unpäßlichkeit mich nötige, das Zimmer zu hüten.

|340|Um Punkt elf Uhr kam er im Sturmschritt. Meine Mahlzeit zu teilen schlug er rundweg aus. Er habe es sehr eilig, sagte er, und nahm in weitem Abstand von mir Platz, doch nur mit einer Hinterbacke, indem er die langen Spinnenbeine vor den Schemel stellte, als müsse er gleich wieder davonspringen. Ich solle ihm in wenigen Worten sagen, um wen oder was es sich handele, verlangte er. Ohne die Erzählerin zu nennen oder zu beschreiben, berichtete ich also den angeblichen Sturz der Königin und fragte, ob er ihn nach seinen Quellen für wahr halte. Er stieß einen Seufzer aus.

»Was für ein Jammer«, sagte er, »daß der Mensch auf diese dummen kleinen Kreaturen angewiesen ist, wenn er ein Kind will. Hätte der Herr doch zweimal hingesehen, bevor er sie damit betraute!«

»Wen sonst?« fragte ich und lachte. »Aber, zur Sache: Ist die Geschichte vom Sturz der Königin wahr?«

»Leider!«

»Leider ja oder leider nein?«

»Leider ja! Wahr wie das Evangelium.«

»Darf ich Euch als Quelle nennen?«

»Nein. Die Quellen unserer Heiligen Kirche sind doch gerade sicher auf Grund allseitiger Diskretion. Wir wären allerdings heilfroh, wenn Ihr dem König die Sache stecken würdet. Wir sahen bisher noch keinen Weg, ihn aufzuklären.«

Und mit einem Gruß stürmte er fort, wie er gekommen war, um sich nur keiner Ansteckung auszusetzen. Dabei war er Mediziner, und ein guter. Aber es behagte ihm doch weit besser, daß er jetzt Domherr war, seine fette Präbende genießen und sich verzärteln konnte wie ein alter Kater.

Nach zwei Tagen war ich gesund und machte mich auf die Spur des Königs. Er war nicht schwer zu finden, denn überall, wo er durchgekommen war, sprach man von ihm. Als ich ihn endlich in Tours einholte, empfing er mich gut. Seine Miene war frisch und munter wie immer, wenn er im Feld war. Er trug sich wie seine Soldaten, aß wie sie und war wenig heikel mit dem Quartier. Ich hatte einige Skrupel, seine heitere Stimmung zu stören, aber am zweiten Tag bat ich, ihn vertraulich sprechen zu dürfen. Und als er mich im Wald, auf einer Pirsch, an seine Seite rief, gab ich ihm zitternd meinen Bericht.

|341|Er hörte zu und erbleichte, ob vor Schmerz oder Zorn, weiß ich nicht.

»Siorac«, sagte er, als ich geendet hatte, mit kaum hörbarer Stimme, »ist das wahr?«

»Ja, Sire. Ich habe es aus zwei Quellen, die ich nicht nennen kann, aber beide stimmen überein.«

Eine volle Minute verstrich, ohne daß er sprach. Sein Gesicht war bleich, und seine schwarzen Augen funkelten vor Zorn.

Auf einmal stotterte er wieder, als er sagte: »Siorac, kehren wir um.«

Hiermit ging er in Galopp über. Ich folgte ihm nicht ohne Mühe, denn meine Stute hielt mit seinem Ungarn nicht mit, und ich kam fünf Minuten nach ihm ins Quartier.

»Wo seid Ihr geblieben, Siorac?« fragte er gereizt. »Ihr habt getrödelt.«

Dann schickte er Soupite und Berlinghen barsch hinaus und befahl, ihn nicht zu stören.

»Siorac«, sagte er milder, »wollt Ihr mir diesmal als Sekretär dienen?«

»Gern, Sire«, sagte ich.

Auf einem Tischchen stand ein Schreibpult. Ich setzte mich davor und spitzte eilig die Feder, die ich dort fand.

Ludwig diktierte mir mit abgehackter Stimme drei Briefe, einen an Madame de Luynes, einen an Mademoiselle de Verneuil und einen an die Königin. Alle drei Briefe waren knapp, hart, gebieterisch. Der an die Königin enthielt auch am Schluß keine Ergebenheitswendung, wie Ludwig sie gegenüber seiner Gemahlin sonst gebrauchte.

Allen dreien kündigte er an, daß er im Haus der Königin Ordnung schaffen werde. Der Kammerherr, der ihnen diese Botschaften überbringe, werde sie über seine weiteren Intentionen unterrichten.

Den letzten Satz schrieb ich nicht ohne heimliches Bangen, weil ich mich fragte, ob Ludwig mich für diese Mission ausersehen hatte. Zu meiner großen Erleichterung rief er Berlinghen und befahl, augenblicklich Monsieur de La Folaine zu holen.

Monsieur de La Folaine war ein ernster, gemessener Mann, zweimal verheiratet, zweimal verwitwet, ohne daß es irgendwelches Aufsehen gab.

|342|»Folaine«, sagte Ludwig mit knapper, stoßweiser Stimme, »wenn Ihr den Betreffenden diese Briefe verlesen habt, befehlt Ihr in meinem Namen Madame de Luynes, ihre Louvre-Wohnung zu verlassen und nicht mehr am Hof zu erscheinen. Denselben Befehl überbringt Ihr Mademoiselle de Verneuil, die Ihr im übrigen der Obhut der Herzogin von Angoulême unterstellt. Und Ihre Majestät die Königin unterrichtet Ihr von diesen Maßnahmen.«

Monsieur de La Folaine war starr, daß so ernste Strafen so hochgestellte Damen treffen sollten. Er wagte den König zu fragen, ob er Ihrer Majestät der Königin sagen solle, warum diese Sanktionen verhängt würden.

»Ihre Majestät die Königin kennt den Grund«, sagte der König dürr.

Damit entließ er Monsieur de La Folaine, und ich erbat meinen Urlaub, um mich auf die Quartiersuche zu machen. Während ich zur Tür ging, hörte ich Ludwig mit einem Stoßseufzer murmeln: »Gott sei Dank, das ist erledigt!«

Ach, wie er sich täuschte! Und wie schlecht er das schwache Geschlecht kannte, das sich alles andere als schwach erweist, sobald es sich verletzt fühlt. Er hatte die Königin und ihre Freundinnen mit derselben Härte bestraft, wie er einen marodierenden Soldaten zum Wippgalgen verurteilte. Nur zu bald sollte er entdecken, daß ein König zwar sein Heer zum Gehorsam zwingen kann, aber nicht seine Gemahlin.

Anna war jetzt in ihrem einundzwanzigsten Jahr, aber vom Wesen her war sie viel jünger, ohne großen Ballast im Kopf und mit einer armseligen Bildung am Madrider Hof ausgestattet. Vor allem aber lebte sie seit jeher im frivolen Geplapper eines Frauenhauses, zuerst mit ihren spanischen Damen, die nichts wie dumme Streiche im Kopf hatten, dann mit ihren französischen Freundinnen, deren Reden ebenso frei waren wie ihr Betragen. Sie liebte es, sich mit ihnen zu ergötzen und zu albern, freizügige Bücher zu lesen und gegebenenfalls mit den schönen Herren des französischen Hofes zu flirten, ohne daß es aber Konsequenzen hatte. Und weil sie diese Spiele nie zu weit trieb – mit diesen Edelleuten so wenig wie später mit Buckingham – , glaubte sie sich ohne Makel und verzieh sich alles.

Im Herzen noch immer die spanische Infantin voll kastilischem Stolz, hatte sie von sich die höchste Meinung und fühlte |343|sich über die Gesetze des Reiches erhaben, dessen Königin sie war. Später, als Witwe mit einem vierjährigen Sohn, verteidigte sie ihren Thron mit Zähnen und Krallen und betrachtete dieses Land, das ihrem Ältesten gehörte, auch als ihr eigen und wurde Französin. Im Augenblick aber war sie es sehr wenig und sollte dies auch höchst unglücklich im französisch-spanischen Krieg unter Beweis stellen, als sie sich des Einvernehmens mit dem Feind schuldig machte.

Doch zurück zur Sache: Dieser März 1622 war der armen Anna wahrlich nicht hold gewesen. Ihr brausendes, leichtes Blut tröstete sie jedoch über die Enttäuschung, sie war noch so jung, die Natur würde ihr eines Tages schon erlauben, ein Kind auszutragen. Dieses Vertrauen in die Zukunft lieh ihr für die Gegenwart eine wunderbare Unverwundbarkeit: Ihr törichter Lauf durch den großen Louvre-Saal war doch letztlich nur eine Kinderei, die übel ausgegangen war. Sie war gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß der König von Frankreich diese kleine Dummheit als Verbrechen gegen seine Dynastie betrachten könnte.

Ihre vertraute Freundin, Madame de Luynes, die erfahrenste Anwältin des Teufels, die dieses Land aufzuweisen hatte, raunte ihr ins Ohr, daß sie weit mehr zu bedauern sei als zu schmähen, daß der König ihr gegenüber eine maßlose Härte an den Tag lege und daß sie, gleichrangigen Blutes mit ihm, sich seiner Tyrannei nicht beugen müsse. Zwei Unzertrennliche zu trennen, war das nicht eine Niedertracht? Was hätte Ludwig wohl gesagt, wenn Maria von Medici in ihrer Regentschaft ihm plötzlich Luynes geraubt hätte? Mußte Ludwig sich denn grausamer gegen seine Gemahlin erweisen als die liebloseste Mutter gegen ihn?

Diese Reden berührten den empfindlichen Punkt im Herzen der armen Königin. Ohne Madame de Luynes fühlte sie sich zu einem trostlosen Dasein verdammt. Und Madame de Luynes wiederum versicherte ihr, daß sie ohne die Königin nicht leben könne, daß sie diese verhaßte Ungnade nicht überstehen werde. Und schluchzend umarmten sich die beiden Frauen und schworen sich ewige Freundschaft.

Hätte Anna ihren Mann besser gekannt – denn das Unverständnis füreinander war auf beiden Seiten groß –, hätte sie sich gar nicht erst in den Kopf gesetzt, seine Entscheidung umzustoßen, |344|indem sie ihm fast auf jeder Marschetappe einen Fürsprecher schickte, der den Fall ihrer Favoritin vertrat: Zweimal war es ihr Rittmeister, Monsieur de Putange, dann Monsieur de Bonneuil, dann Monsieur de Montbazon, der Vater der Favoritin, dann Monsieur de Verneuil, dann der Herzog von Guise und schließlich, höchst ungeschickt, der Liebhaber von Madame de Luynes, mein Halbbruder Claude, der Herzog von Chevreuse.

Der Ärger des Königs wuchs bei jedem dieser Gesandten, und allen und jedem gab er dieselbe Antwort: »Der Entschluß, den ich gefaßt habe, war mit guter Überlegung gefaßt. Ich kann nichts ändern.«

Erbittert durch soviel Hartnäckigkeit, schrieb er dem würdigen Präsidenten Jeannin, er möge zur Königin gehen und ihr sagen, »er wolle unabänderlich, daß sie Madame de Luynes nur noch manchmal sehe und selten«.

Als ich den Inhalt dieses Briefes erfuhr, verwunderte ich mich über diese beiden Wörter. Und ich würde behaupten, daß ihr Nebeneinander die leidenschaftliche Abneigung des Königs gegen Madame de Luynes nicht deutlicher enthüllen konnte: Hatte er mit einer Hand das »manchmal« zugelassen, nahm er es mit der anderen durch das »selten« zurück. Da hätte er das »manchmal« gleich streichen können.

Anna fügte sich, aber mit Bitterkeit und Groll. Madame de Luynes, die Frau der tausend Listen, gab sich nicht geschlagen. Auf der Suche nach einem Schild gegen den königlichen Zorn schickte sie einen Edelmann zu ihrem Liebhaber, dem Herzog von Chevreuse – er war es schon zu Lebzeiten von Luynes –, und ließ ihn bitten, sie zu heiraten.

Mein Halbbruder war damals auf Pilgerschaft in Notre-Dame-de-Liesse in Laon, einem überaus verehrten Heiligtum, weil es ein uraltes Madonnenbild aus dem Heiligen Land beherbergte, das ob seiner Herkunft für wundertätig galt. Wie man sich erinnern wird, hatte Ludwig die Dienste dieser Lieben Frau erfleht und ihr eine Statue aus purem Gold versprochen, wenn seine Gemahlin genesen würde.

Der Herzog von Chevreuse war aber nicht allein an dieser heiligen Stätte, sondern in Begleitung von guten Freunden, den Herren von Liancourt, von Blainville, Zamet und Fontenay-Mareil, mit denen er morgens in der Kirche Andacht hielt und abends fröhlich zechte.

|345|Claude bedachte sich die Bitte von Madame de Luynes und fragte seine Gefährten um Rat. Ihre Meinung war einmütig: Er solle lieber ablehnen, Madame de Luynes war dem König zu verhaßt.

»Ihr habt tausendmal recht«, sagte Claude. »Ich lehne ab.«

Und er sagte es dem Edelmann, den Madame de Luynes ihm geschickt hatte.

Wieder in Paris, trug Claude die Sache dem Familienrat der Guises vor. Ich war aber nicht dabei, weil ich beim König war, und die Prinzessin Conti auch nicht, vermutlich, weil ihr schwante, um was es ging.

»Mein armer Claude, daß Ihr doch nichts wie Torheiten macht«, sagte der regierende Herzog, der für den Augenblick seine eigenen vergaß. »Seht Ihr denn nicht, daß dieses gerissene Weib sich Eurer bedienen will, um dem König Schach zu bieten? Denn wer, wenn sie Euch heiratete, würde sich erkühnen, die Gemahlin eines Guise aus dem Louvre zu jagen? Wollt Ihr wirklich die Hand zu solcher Intrige leihen?«

»Außerdem«, sagte meine liebe Patin, »ist diese Frau mit dem Engelsgesicht der leibhaftige Teufel. Nichts wie Klauen und Zähne, nichts wie Ränke und Hader. Sie wird in Eurem Haus die Hosen anhaben und Euch das Wundern lehren, das dürft Ihr mir glauben, mein Sohn.«

»Frau Mutter«, sagte der Herzog von Chevreuse, »Ihr habt tausendmal recht. Ich lehne ab.«

Und zur Stunde schickte er Madame de Luynes einen Laufburschen mit einem Billett, in dem er sich abermals entschuldigte, aber er heirate sie nicht.

Am nächsten Tag reute ihn seine Härte. Der Draufgänger hatte ein weiches Herz, wenn er nicht den Degen schwang. Wenigstens durch gute Worte mildern wollte er seine wiederholte Ablehnung, und er ging die Frau Konnetabel besuchen.

Er fand sie schöner denn je. Ihr Sturz hatte sie nicht niedergestreckt, im Gegenteil.

»Ach, mein Claude!« sagte sie, indem sie seine Hände in ihre zarten Hände nahm, »Ihr wollt also nicht der barmherzige Samariter meiner Unglückstage sein!«

Tränen traten ihr in die Augen, daß sie noch schöner glänzten. Fließen ließ sie sie nicht, ihre Schminke wäre verlaufen.

»Mein Freund«, fuhr sie fort, »wieviel Gram und Schande |346|habe ich ausgestanden um der großen Liebe willen, die mich zu Euch hinzog und die ich nicht verwinden kann, ach, auch wenn Ihr mich verlaßt! Alle zeigen jetzt mit Fingern auf mich und bewerfen mich mit Steinen! Ich bin gehaßt, entehrt, verstoßen vom Hof und nun auch von Euch. Und das durch meine Schuld, die aber auch die Eure ist und die ich doch um nichts in der Welt ungeschehen machen wollte! Nur, was bleibt mir in dieser schrecklichen Lage noch übrig, außer in ein Kloster zu gehen und für den Rest meiner traurigen Tage das Verbrechen zu sühnen, daß ich Euch zu sehr geliebt habe … Ach, hätte ich diesem Heuchler von König doch nachgegeben, als er mich liebte! Damals dachte jeder, die Frau des Favoriten würde die Favoritin des Herrschers werden! Aber, wie hätte ich diesem Scheinheiligen nachgeben können, ich hatte ja nur Augen für Euch! Sogar um den Preis seines Hasses habe ich mich für Euch entschieden.«

Und indem sie so vom Klagen zum Vorwurf überging, vom Vorwurf zum Flehen und vom Flehen zur herzbebenden Erklärung ewiger Liebe, kam sie ihrer Beute näher und näher. Und unversehens war der arme Claude umwickelt von der schönen Schlange mit dem Frauenkopf, ihre zärtlichen Ringe umschlossen ihn eng und enger, bis ihm alles auf einmal geschah, bis sein Willen erlahmte und seine Sinne sich entflammten.

Er gab nach. Und um das Eisen zu schmieden, solange es heiß war, ließ sie ihn, kaum daß die Begierden gestillt waren, einen Brief an den König schreiben, worin er dem Brauch gemäß Seine Majestät um die Erlaubnis bat, die Frau Konnetabel zu heiraten.

Dieser Brief erreichte Ludwig, als er in Nantes Etappe machte. Soeben hatte er erfahren, daß Monsieur de Soubise die Insel Oléron und die Städte Royan und Les Sables-d’Olonne genommen hatte. Claudes Brief war nicht angetan, seine Stimmung aufzuhellen. Beim Lesen erblaßte er vor Zorn, dann streckte er ihn mir mit einer Barschheit hin, die er mir bis dahin nie bezeigt hatte. Und als er mich anredete, nannte er mich nicht Siorac oder Sioac, sondern Orbieu, was mich noch beklommener machte als sein Ton.

»Da, ein Brief von Chevreuse«, sagte er mit einer Stimme, die sich kaum beherrschen konnte. »Lest, Orbieu, Ihr seid doch, wie ich höre, eine Art Bruder von ihm.«

|347|Dieses »eine Art« erschreckte mich erst recht, denn langsam schien mir, der königliche Zorn auf Claude werde auch auf »meine Art« Familie und mich niederfallen.

Langsam las ich das unselige Schreiben. Es sagte mir nichts Neues, denn ich hatte am Vortag einen Brief von der Herzogin von Guise erhalten, der mir Claudes Kapitulation im einzelnen schilderte. Meine liebe Patin bat mich, beim König dafür einzutreten, daß er diese Heirat, für wie verhängnisvoll man sie auch halte, nicht verbieten möge, weil mein behexter Bruder sonst eine Tollheit begehen könnte.

Während ich Claudes Schreiben an den König las, fragte ich mich, ob der Brief meiner Patin, den sie durch königlichen Kurier geschickt hatte, nicht etwa geöffnet, gelesen und dem König mitgeteilt worden war. Auf diese Überlegung hin beschloß ich, seinem möglichen Argwohn mit dem vollständigsten Freimut zu begegnen. Ich teilte ihm also den Inhalt des Briefes meiner Patin samt ihrem Auftrag an mich mit.

»So, und was habt Ihr nun vor?« fragte Ludwig.

»Zu tun, was sie mir geboten hat, Sire.«

Ludwig fuhr auf. »Wie das?« fragte er. »Ist das Siorac, der so spricht, oder der Halbbruder von Chevreuse?«

»Es ist Siorac, Sire«, sagte ich, »Siorac, dem nichts so am Herzen liegt wie die Interessen Eurer Majestät, die ihm immer über die seiner Familie gehen und gehen werden.«

»Ach!« sagte Ludwig rauh, »und was befiehlt mein Interesse in dem Fall?«

Es war nicht leicht, Ludwigs Blick zu ertragen, wenn er grimmig war. Trotzdem hielt ich mich an meinen Entschluß und wagte den Sprung ins Wasser.

»Sire«, sagte ich, »diese Heirat ist in jeder Hinsicht verhängnisvoll, aber es liegt nicht im Interesse Eurer Majestät, sie zu verbieten.«

»Warum nicht?« fragte Ludwig aufgebracht. »Muß ich etwa einen Eklat des Herzogs von Chevreuse fürchten?«

»Nein«, sagte ich, »aus so schlechtem Holz ist Claude nicht geschnitzt. Er ist seinem König treu und wird es immer sein. Aber wenn Ihr mich fragt, Sire, so ist es eine Gewissenssache Seiner Majestät, zu entscheiden, ob Sie eine Heirat verhindern will, durch die zwei Personen, die in der Sünde leben, sich mit Gott aussöhnen könnten.«

|348|Dieses Argument war nicht der Hitze des Augenblicks entsprungen. Ich hatte es schon am Vorabend als das bestgeeignete befunden, einen so frommen Mann wie Ludwig zu überzeugen. Trotzdem war es mir soeben ein bißchen schwer über die Lippen gegangen, denn es war doch eher ein priesterlicher Gedanke. Für gewöhnlich weigere ich mich nämlich, mir vorzustellen, der Schöpfer interessiere sich so innig für die Kopulationen seiner kleinen Geschöpfe, daß er darüber Strichlisten führt.

Aber ich hatte ins Schwarze getroffen. Diesem Grund, auf den er noch nicht gekommen war, konnte sich Ludwig nicht verschließen. Und ich sah zu meiner großen Erleichterung, daß er sich langsam beruhigte.

»Ich denke drüber nach«, sagte er.

Mit diesem Wort pflegte er jede Debatte zu beenden. Und obwohl diese Debatte durchaus nicht beendet war, sah es mir ganz so aus, als würde Ludwig nicht in den Irrtum verfallen, Chevreuses Heiratswunsch ein Verbot entgegenzusetzen, das der Betroffnene so leicht übertreten konnte.

»Soll die Teufelin triumphieren«, sagte er, »vorläufig. Sorgen wir für jetzt nur, daß wir den anderen Bösen aus unseren Festen verjagen.«