Ein knappes Jahr nach dem Vertrag von Angoulême und der Aussöhnung der Parteien kam es zum zweiten Krieg zwischen Mutter und Sohn. Und er war weit ernster als der erste, weil mehrere Große des Reiches sich unter Marias Banner scharten.
Wie ich mich erinnere, behauptete La Surie, dieser zweite Krieg sei sowieso unvermeidlich gewesen. Ludwigs Groll gegen seine Mutter saß zu tief von Kind auf, und seine Mutter war von einem so unwandelbaren Hochmut und einer solchen Unvernunft besessen, daß sie es einfach nicht ertrug, das Szepter verloren zu haben, und sei es zugunsten des rechtmäßigen Königs.
»Wenn ein Ereignis eingetreten ist«, sagte mein Vater, »neigt man leicht zu der Ansicht, es sei unvermeidlich gewesen. Aber nach dem Vertrag von Angoulême gab es laut Pierre-Emmanuel keinen Zweifel, daß der König nicht aufrichtig wünschte, die Königinmutter würde zurückkehren an den Hof.«
»Aufrichtig?« fragte La Surie.
»Laßt es mich erläutern«, sagte ich. »Für mein Gefühl war dieser Wunsch zugleich eine öffentliche Geste des guten und frommen Willens gegenüber der Mutter und politisches Kalkül.«
»Politisches Kalkül?« fragte La Surie mit großen Augen.
»Unbedingt«, sagte mein Vater lächelnd. »Wenn Ihr mir eine Metapher gestatten wollt, würde ich sagen: Der König wollte Maria lieber in seiner Kutsche haben, damit sie draußen nicht die Räuber zusammenrottete, um die Kutsche zu überfallen.«
»Herr Marquis«, La Surie lachte, »soll ich den Herzögen und Pairs des Reiches petzen, daß Ihr sie Räuber genannt habt?«
»So sehr dürfte sie das nicht einmal überraschen«, bemerkte mein Vater amüsiert. »Erinnert Euch nur, wie die Großen unter Marias Regentschaft den Hof wegen nichts und wieder nichts verließen und zu den Waffen griffen, nur um sich ihre Treue mit Gold aufwiegen zu lassen.«
»Um auf Ludwig zurückzukommen«, sagte ich, »so gab er |215|der Königinmutter gleich nach Unterzeichnung des Vertrags von Angoulême seinen Wunsch bekannt, sie wiederzusehen und mit ihr Frieden zu schließen. Als er im Juli noch keine Antwort von ihr hatte, so verstockt war sie, schrieb er ihr einen dringlichen Brief und bat sie wiederum, an den Hof zu kommen. Und trotz seiner eindringlichen Bitten mußte er noch anderthalb Monate warten, bis sie sich entschloß, mit ihm zusammenzutreffen.«
»Wie kommt es, mein Sohn, daß Ihr uns von dieser Begegnung zwischen Mutter und Sohn in Couzières nichts erzählt habt?«
»Weil es darüber nicht viel zu berichten gab. Es war reines Theater für den Hof und für die ausländischen Gesandten. Jede Rede und Antwort war vorher festgelegt, nichts kam von Herzen. Was vermutlich besser war, denn die Ressentiments auf beiden Seiten waren so eingewurzelt wie Quecken. Trotzdem, als Mutter und Sohn sich trennten, der König nach Compiègne ging und die Königinmutter nach Angers in ihre neue Herrschaft, stand die Vereinbarung, daß sie, sobald der König wieder in Paris wäre, zu ihm in die Hauptstadt kommen würde. Drei Wochen später war davon nicht mehr die Rede.«
Warum die Situation sich plötzlich verschlechterte, darüber will ich hier sagen, was ich weiß. Am fünfzehnten Oktober 1619 befahl der König, den Prinzen Condé freizulassen, und es besteht kein Zweifel, daß diese von Luynes angeratene Maßnahme in mehrfacher Hinsicht ein schwerwiegender politischer Fehler war. Er beleidigte die Königinmutter und setzte der kaum begonnenen Aussöhnung mit dem Sohn ein Ende.
Doch bevor ich über diesen neuen großen Streit spreche, will ich einige Worte über den Prinzen Condé sagen. Ich habe diesen großen Herrn in den beiden vorhergehenden Bänden meiner Memoiren geschildert. Weil ich aber nicht sicher sein kann, daß der Leser, der diesen Band liest, auch jene beiden vorausgegangenen gelesen hat oder daß er sich dieses Condé unter den gut hundert Personen erinnert, will ich ihn jetzt noch einmal und zum letztenmal porträtieren, denn hiermit endet seine Rolle in der Geschichte des Reiches.
Die Umstände seiner Geburt, sein Charakter, sein Schicksal haben durchaus Erstaunliches. Seine Mutter, eine geborene La |216|Trémoille, wurde angeklagt, ihren Gemahl mit Hilfe eines Pagen vergiftet zu haben, dem sie sich hingegeben hatte. Katholische Richter erkannten sie schuldig. Als Hugenottin verlangte sie, vor Richter ihrer Religion gestellt zu werden. Vermutlich aus Haß auf jene, sprachen diese sie frei. Trotzdem lastete auf ihrem Sohn ein Zweifel. War der posthum geborene Prinz der Sohn seines Vaters, oder war er dem Ehebruch der Fürstin mit dem Pagen entsprungen?
Wäre Condé schön und seiner Wohlgeborenheit sicher gewesen, hätte man an seiner Abkunft weniger gezweifelt. Aber er hatte so gar keinen Grund, sich seiner Erscheinung zu rühmen, klein und mickrig, wie er war, mit einer unangenehmen Stimme und einer wie ein Adlerschnabel vorspringenden Nase, die in keiner Weise der berühmten langen Nase der Bourbonenfamilie glich, der er angeblich entstammte.
Seine Mutter, die ihn nicht liebte, befreite ihn nie von dem Zweifel, wer sein Vater gewesen war. Vielleicht aus Groll gegen sie, machte sich Condé, zum Mann geworden, nichts aus dem weiblichen Geschlecht und suchte seine Lust woanders.
Nun brachten diese Sitten einen Prinzen von Geblüt nicht auf den Scheiterhaufen, besserten aber auch nicht gerade seinen Ruf, zumal sie bei einem so nahen Verwandten des Draufgängers Henri Quatre doch sehr verwunderten.
Ob aus Mitleid, ob aus politischem Kalkül, den Ersten unter den Großen in der Hand zu haben, erkannte Henri seine Legitimität an, ohne daß er ihrer sicher war. Später verheiratete er ihn mit Charlotte de Montmorency, einem schönen Mädchen, in das der alternde König sich vergafft hatte. Zartgefühl, vor allem wenn es um Frauen ging, war nicht Henris Stärke. Natürlich arrangierte er diese Ehe in der Hoffnung, daß Condé als unheilbarer Schwuler ein desinteressierter und gefälliger Gemahl sein würde.
Er täuschte sich herb. Sowie die Nachstellungen des Königs zu aufdringlich wurden, entführte Condé seine Frau in die Niederlande, nahm alle Kraft zusammen und machte ihr einen Sohn. Und was den Hof wie uns alle später unfaßlich dünkte, war, daß dieser zänkische, wetterwendische und weinerliche Prinz der Erzeuger des Großen Condé war, dessen Talente und kriegerische Taten die Welt in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts in Erstaunen setzten.
|217|Eine Ruhmesstunde hatte unser kleiner Condé aber doch im Jahr 1617. Nachdem die Regentin die Loyalität der Großen abermals mit Säcken von Gold erkauft und diese zurück nach Paris geholt hatte, ernannte sie ihn zum Präsidenten des Kronrats, und zwar zum federführenden, das heißt, daß er die Dekrete des Kronrats an Stelle der Königinmutter unterzeichnete. Dies geschah mit der Zustimmung Concinis, der Condé stets geschont hatte, weil er ihn für seinen Freund hielt.
Wäre Condé nur ein wenig besonnen gewesen, hätte er sich glücklich geschätzt, quasi der Mitregent der Königinmutter zu sein. Aber, von den Großen bedrängt, die den Hals nie voll bekamen, faßte er den Plan, Concini zu ermorden, die Königinmutter in ein Kloster zu stecken und dem jungen König den Thron zu rauben, um ihn selbst zu besteigen.
In seiner Einfalt vertraute er dieses ehrgeizige Vorhaben dem Intendanten und treuesten Gefolgsmann der Königinmutter, Barbin, an. Dann ließ er Concini ausrichten, er sei nicht mehr sein Freund. Angst und Haß im Herzen, floh dieser in seine Festung Caen. Doch blieb ja seine Frau, die Galigai, zurück, und binnen vierzehn Tagen überredete sie die Regentin, Prinz Condé festzunehmen und einzukerkern. Wenn ich mich recht entsinne, wurde dies im Handumdrehen am dreißigsten August 1617 durch denselben Thémines ausgeführt, der zwei Jahre später Richelieus älteren Bruder im Duell erschlug.
Um nun zu den gegenwärtigen Dingen zurückzukommen: Condés Freilassung wurde im Kronrat nicht debattiert. Die Entscheidung, eingeflüstert von Luynes, angeraten von Déagéant, faßte der König allein. Ich fragte Déagéant nach den Gründen, doch mit seiner üblichen Schroffheit weigerte er sich, mir diese schwer verständliche Maßnahme zu erklären. Also lud ich Fogacer zum Essen ein, um von ihm wenigstens zu erfahren, wie er oder, was auf dasselbe herauskam, wie der Nuntius darüber dachte.
»Herr Graf«, sagte Fogacer, »abgesehen von dem Vergnügen, Euch zu sehen, will ich nicht verhehlen, daß ich Eure Küche ›überaus gut‹ finde, wie Ludwig sagt. Dieser Kapaun aus der Bresse schmilzt auf der Zunge, Euer Burgunder ist ohnegleichen, und sogar Eurem Brot schmeckt man beim ersten Bissen an, daß es aus Gonesse kommt und, Gott sei Dank, |218|nicht aus Paris. Besser speist man auch beim Nuntius nicht. Aber …«
Hier blickte Fogacer mich an, indem er seine diabolischen Brauen spitzte, und schwieg.
»Aber?« nahm ich das Echo auf.
»Ihr habt mich doch nicht eingeladen, wette ich, nur um meinem Gaumen zu schmeicheln, und wenn Ihr mir erlaubt zu raten, um was es Euch geht, würde ich sagen, Euch beschäftigt die Freilassung des Prinzen Condé.«
»Ihr habt recht, Herr Abbé«, sagte ich. »Ich verstehe sie nicht, sosehr ich mich auch bemühe.«
»Was ist daran so unlogisch?« sagte er, indem er mit gespielter Unschuld seine nußbraunen Augen auf mich richtete. »Ludwig hat nur die Condé angetane Schmach wettgemacht.«
»Spottet Ihr, Fogacer?« sagte ich. »Wenn Condés Einkerkerung ein Unrecht war, warum hat Ludwig der Gerechte es nicht schon vor zwei Jahren gutgemacht, als er die Macht ergriff?«
»Wie soll ich Euch das beantworten?« sagte Fogacer mit ausweichender Gebärde.
»Dann will ich es statt Eurer versuchen. Erinnert Ihr Euch, daß Condés Plan sich nicht darauf begrenzte, Concini zu töten, sondern daß er die Königinmutter in ein Kloster sperren, den König beiseite drängen und den Thron selbst einnehmen wollte?«
»Ach, das war doch nur Gerede, folgenloses Gefasel!«
»Herr Abbé«, sagte ich, »solche Worte im Mund des Ersten Prinzen von Geblüt sind ein Majestätsverbrechen.«
»Vielleicht«, sagte Fogacer, »dachte der König, nach zwei Jahren Bastille wäre Milde angebracht für ein Komplott, das bei bloßen Worten geblieben war.«
»Ihr erstaunt mich, Abbé«, sagte ich. »Bedenkt, daß Ludwig für Gerechtigkeit ist und nicht für Milde, wie er oft betont. Und die Freilassung zu diesem Zeitpunkt ist völlig unpassend: Sie ist ein Affront der Königinmutter zur gleichen Zeit, da man sie wieder an den Hof holen will. Und mußte man die Dinge denn noch verschlimmern, indem man beim Hohen Gericht eine königliche Erklärung registrieren ließ, die urbi et orbi die Machenschaften und bösen Absichten derjenigen brandmarkt, die den Prinzen hatten festsetzen lassen?«
»Kann ja sein«, sagte Fogacer, »daß der König verhindern |219|wollte, daß Condés Parteigänger sich auf die Seite der Königinmutter schlagen, während er sich mit seiner Freilassung einen Verbündeten gewonnen hat.«
»Es kann aber auch sein«, sagte ich, »daß Luynes Maria eine so schwere Kränkung antun wollte, damit sie auf keinen Fall an den Hof zurückkäme, sondern in Angers bliebe. Und damit auch Richelieu.«
»Wer weiß?« sagte Fogacer und verstummte, und zwischen uns entstand ein Schweigen, als schließe sich eine Tür.
Aber ich wollte diese Niederlage nicht einstecken und fragte ihn rundheraus: »Was meint man in Eurer Umgebung dazu, Herr Abbé?«
»Meine Umgebung«, sagte Fogacer, »ist ganz Finesse und Höflichkeit, sie urteilt nicht über Entscheidungen eines Herrschers, dessen Gast sie ist.«
Und indem er mir, gewunden lächelnd, in die Augen blickte, fügte er leise hinzu: »Zumal, wenn sie diese bedauert.«
***
Daß Luynes bei den folgenschweren Entscheidungen für das Reich wenig Einfluß auf den König hatte, habe ich gezeigt und werde es noch oft zeigen. In Gefahren entschied der König selbst, unabhängig davon, was sein Günstling riet. Im Falle der verhängnisvollen Freilassung Condés jedoch, das muß ich zugeben, war besagter Einfluß maßgeblich.
Ludwig war noch ein Knabe, als er sich über Condés Anmaßungen und Unverschämtheiten so entrüstete, daß er bei einer Gelegenheit zu seiner Mutter sagte, wenn er einen Degen zur Seite gehabt hätte, er hätte ihn ihm in den Leib gerannt. Der König wußte also besser als jeder andere, wie sehr dieser kleine Mann ihm mit seinen Verrücktheiten und Launen zusetzen konnte, ein ewiger Unruhestifter, der es fertigbrachte, zugleich wankelmütig und verbockt zu sein, furchtsam und verwegen, schwach und gewalttätig.
In der Folge hörte ich von Déagéant, daß Luynes, um Seine Majestät zu Condés Freilassung zu überreden, ihm vorgestellt hatte, wenn man Condé wieder in den Sattel setzte, würden die Großen, unter denen er von Geblüt her der Erste war, höchst befriedigt und infolgedessen nicht geneigt sein, aufs |220|neue zu rebellieren und sich an die Seite der Königinmutter zu stellen.
Welch sonderbare Illusion! Unter den Großen gab es keine Solidarität, keinen Zusammenhalt. Jeder entschied jederzeit nach seinem jeweiligen Interesse, einzig auf die Kräfteverhältnisse bedacht, war bald dem König feind, bald freund, verriet den König, verriet seinesgleichen, je nachdem, und wechselte schamlos von einem Lager ins andere.
In Friedenszeiten lieferten sich die Großen untereinander einen andauernden Krieg um den Vortritt, was zum Lachen gewesen wäre, hätte es nicht jedesmal brennende Wunden und heillose Rachsucht hinterlassen. Vielleicht erinnert sich der Leser, in welche unglaubliche Aufregung der Graf von Soissons, Zweiter Prinz von Geblüt, geriet, weil die Tochter des Herzogs von Mercœur, die Henri Quatre mit seinem Sohn, dem Herzog von Vendôme, verheiratete, zu ihrer Hochzeit ein Lilienkleid tragen sollte, ein Privileg, das nur königlichen Prinzessinnen zustand, was sie in seinen Augen nicht war, weil der Herzog von Vendôme zwar ein Königssohn, aber ein, wenn auch legitimierter, Bastard war. Im Jahr 1619 nun bezeugte der Sohn ebendieses unglückseligen Grafen, auch wenn er erst fünfzehn Jahre alt war, daß gutes Blut sich nicht verleugnet.
Den Anlaß bot die Serviette, mit der sich Ludwig nach der Mahlzeit die Lippen tupfte. Sie wurde von Berlinghen gebracht, der sie jedoch nicht dem König gab, sondern jenem Edelmann, der unter den Anwesenden im Rang am höchsten stand. Er empfing die Serviette aus den Händen des Kammerdieners und hielt es für eine große Ehre, sie knieend Seiner Majestät zu überreichen.
Es war kurz nach Condés Freilassung, und der junge Soissons, Monsieur le Comte (wie er sich in Nachfolge seines Vaters nennen ließ), weilte gleichzeitig mit Condé, Monsieur le Prince, um elf Uhr vormittags in den Gemächern des Königs, als für Ludwig der Tisch zum Mittagessen gedeckt wurde. Ludwig saß bereits und wartete leicht ungeduldig, daß ihm sein Mahl vorgesetzt werde, denn er kam von der Jagd.
In dem Moment nun, als Berlinghen Monsieur le Prince die Serviette des Königs überreichte, brach jener denkwürdige Streit los, über den der Hof, ganz Frankreich und die befreundeten und feindlichen Königreiche ein Jahrhundert zu tratschen |221|hatten: Der junge Graf von Soissons trat vor und sagte mit erregter Stimme: »Monsieur de Berlinghen, Ihr habt die Serviette mir zu geben, damit ich sie Seiner Majestät überreiche.«
»Euch?« sagte Condé, der seinen Ohren nicht traute. »Ihr wagt es, mir diese Ehre streitig zu machen?«
»Ich wage es«, sagte Soissons voll Hochmut.
»Und in wessen Namen und wieso?« fragte Condé, indem er sich straffte, so sehr er konnte, nur war er gegen Soissons leider doch sehr klein.
»Weil ich Großmeister von Frankreich bin, ein Titel, den ich von meinem Vater habe.«
»Dieser Titel ist zweifellos ehrwürdig«, sagte Condé, »aber er gibt Euch nicht den Vortritt vor mir, der ich das Oberhaupt der älteren Linie der Bourbon-Condé bin.«
»Er gibt ihn mir.«
»Euch, die Ihr der jüngeren Linie der Bourbon-Condé angehört? Wißt, Monsieur, daß die größte Ehre, die Ihr in diesem Reich beanspruchen könnt, genau die ist, daß Ihr von Geblüt unmittelbar nach mir kommt.«
»Monsieur«, sagte Soissons stur, »ich bestreite nicht, daß Ihr das Oberhaupt der älteren Linie seid, aber mein Amt als Großmeister gibt mir hinsichtlich der Serviette den Vortritt vor Euch.«
»Und woher nehmt Ihr das, Monsieur?« sagte Condé. »Wo ist das Dekret oder der Brauch oder die Tradition, die Euch dieses Privileg erteilen? Die Etikette gibt Euch unrecht. Kein Amt, so hoch es sei, steht über Geburt und Geblüt.«
»Das glaube ich nicht«, sagte der Graf gepreßt.
»Monsieur«, sagte Condé, »in Betracht Eurer Jugend und unserer nahen Verwandtschaft will ich Eure Anmaßung gerne entschuldigen, aber dieser Streit, der ganz Eure Sache ist, ist höchst lächerlich. Beugt Euch, bitte. Von jeher hat der Erste Prinz von Geblüt die Serviette überreicht.«
»Weil niemand sie ihm jemals bestritten hat!«
»Es ziemt sich nicht, sie streitig zu machen, wenn es keinen Anwärter gibt, der diesen Anspruch erheben kann.«
»Ich erhebe ihn trotzdem bis zum Tod«, sagte Soissons mit zornbebender Stimme.
»Von wessen Tod sprecht Ihr?« fragte Condé von oben herab. »Von meinem oder von Eurem?«
|222|»Meine Herren«, sagte der König ernst, »das, denke ich, geht zu weit.«
Auf diese Worte folgte ein Schweigen.
»In der Tat, Sire«, sagte Condé, indem er sich faßte, und nachdem er Seiner Majestät eine tiefe Verbeugung gemacht hatte, wandte er sich an Soissons und sagte: »Monsieur, wollt Ihr, daß wir Seiner Majestät die Sorge überlassen zu entscheiden …?«
»Ich willige ein«, sagte Soissons.
Und weil er sich ebenso höflich zeigen wollte wie Condé, machte er ihm eine kleine Verneigung, dann kniete er seinerseits vor dem König nieder.
Obwohl Ludwig wie gewöhnlich ein undurchdringliches Gesicht wahrte, merkte ich doch, daß er sich sehr verlegen fühlte, so ernst erschienen ihm die Konsequenzen einer Wahl. Wie all jene, die zur Stunde in den königlichen Gemächern zugegen waren, gab er Condé recht. Aber Soissons unrecht zu geben, erschien ihm heikel. Nie würde ihm der Graf und erst recht dessen Mutter, die verwitwete Gräfin von Soissons, eine Zurückweisung verzeihen, so gerechtfertigt sie auch wäre. Offenbar hatte der junge Graf das streitsüchtige Wesen seines Vaters geerbt, und die Gräfin war eine Tigerin, die ewig Krallen und Zähne gegen jedweden zeigte, der sich nur einmal gegen ihre Ansprüche verging.
»Meine Herren«, sagte Ludwig endlich, indem er mit einem Blick den Prinzen und den Grafen umfaßte, die hocherregt vor ihm standen, »ich bitte Euch, wartet einen Augenblick, bevor ich entscheide.«
Hierauf winkte er Berlinghen heran und raunte ihm etwas ins Ohr. Berlinghen verließ mit der königlichen Serviette im Laufschritt den Raum.
Fünf Minuten vergingen. Alles im Zimmer des Königs erstarrte in regungslosem Schweigen, während Monsieur le Prince und Monsieur le Comte einander anstierten wie zwei Fayencehunde. Der König blickte auf seinen Teller, ohne sich das Mißvergnügen anmerken zu lassen, daß er noch nicht essen konnte und daß sein Essen kalt wurde. Ich sagte mir in jenem Augenblick, indem ich einen Blick bald auf den Prinzen, bald auf den Grafen warf, daß, wenn es nur darum gegangen wäre, wer von beiden sich mehr mit seinem Äußeren brüsten könne, |223|es der Graf gewesen wäre. Er war groß, wohlgestalt, ein charmanter Kopf mit noch kindlich runden Wangen und schönen blonden Lockenhaaren, die ihm auf den Kragen niederwallten. Übrigens war auch die verwitwete Gräfin trotz ihrer Jahre noch sehr schön, nur war sie am Hof aus den genannten Gründen trotzdem mehr gefürchtet als geliebt.
Endlich kam Berlinghen, die Serviette wie eine Monstranz in Händen, hinter ihm erschien die zweite Persönlichkeit des Reiches: Monsieur, der Bruder des Königs. In stillschweigender Übereinkunft fielen der Prinz und der Graf ins Knie vor dem derzeitigen Thronerben, solange Anna von Österreich Frankreich keinen Dauphin geboren hatte.
»Was ist, Berlinghen«, sagte der König zu seinem Kammerdiener, der stocksteif stand und in alle Richtungen schaute, »die Serviette, bitte!«
Berlinghen trat wie ein Automat vor Monsieur und überreichte ihm die Serviette, Monsieur gab sie mit einem Kniefall dem König. Und der König, ohne länger zu warten, legte sie sich um den Hals und begann vergnügt zu essen. Er hatte nur noch Augen für den Braten auf seinem Teller, auch wenn er ein bißchen kalt geworden war.
Monsieur le Prince gestattete sich ein kleines Lächeln. Monsieur le Comte biß sich auf die Lippen. Der erste, weil er nicht verloren hatte, der zweite, weil sein Verlangen unausgesprochen abgeschmettert worden war. Ich bewunderte Ludwigs Feingefühl bei diesem salomonischen Urteil.
Leider muß ich sagen, daß es ihm nichts nützte. Der Graf und seine Mutter fühlten sich ebenso beleidigt, als hätte Ludwig sie nicht mit solchen Samthandschuhen angefaßt. Als der Graf seiner Mutter berichtete, wie der Serviettenkrieg gegen Condé ausgegangen war, brach sie vor Schmerz, Wut und bitteren Rachegefühlen in Geschrei aus.
Es war dies aber die Zeit, als die Königinmutter erneut überall bittere Klagen gegen ihren Sohn erhob: Kaum habe die Tinte auf dem Vertrag von Angoulême Zeit gehabt zu trocknen, da breche Ludwig ihn auch schon, sagte sie. Nicht einen einzigen Sou von den versprochenen sechshunderttausend Livres habe er ihr gezahlt, um sie für die Kosten ihrer Rebellion zu entschädigen. Er zahle ihren Dienern keine Pensionen mehr, und die königliche Armee versuche verräterisch, Épernon seine |224|Festung Metz zu nehmen. Und als wäre es mit diesen Verstößen nicht genug, habe Ludwig ihrer Regentschaft auch noch eine entehrende Mißbilligung erteilt, indem er den Prinzen Condé befreite.
Obwohl die Vorwürfe, die die Gräfin von Soissons gegen den König erhob, nicht ganz soviel politisches Gewicht hatten, nagten sie ihr doch ebenso am Herzen. Welch schnöden Undank hatte schon Ludwigs Vater, Henri Quatre, ihrer Familie bezeigt! Er, den der selige Graf unabänderlich in seinem langen Kampf gegen die katholische Liga unterstützt hatte! Abgelehnt hatte er es, und was das Schlimmste war, unter Lachen abgelehnt, daß die Gräfin seinerzeit ihren Reifrock mit einer zweiten Lilienreihe ziere, um im Angesicht des Reiches zu bekunden, daß es immerhin einen Unterschied gab zwischen einer legitimen Prinzessin von Geblüt und der Frau eines legitimierten Bastards. Offenbar habe der Sohn die väterliche Grobheit geerbt, und dieser habe er auch noch die Heuchelei hinzugefügt, so zu tun, als verweigere er dem Grafen den Vortritt bei der Serviette nicht, während er sie ihm tatsächlich doch verweigerte.
Die Gräfin von Soissons begann also, urbi et orbi die Rebellion gegen Ludwig zu predigen, als lauthallendes Echo auf die Anklageschriften der Königinmutter. Froh, ihrem müßigen Leben einen Sinn zu geben, pflichtete die Gräfin Maria vollkommen bei. Ein schlechter Sohn, ein schlechter König, das sprang ins Auge! Alle Großen, behauptete sie, seien durch die Zurechtweisung vor den Kopf gestoßen und beleidigt worden, die ihr Sohn in der Serviettenaffäre erleiden mußte. Es war Zeit, höchste Zeit, diesen König vom Thron zustoßen, der sie verachtete, und mit ihm seine gräßlichen Favoriten: Luynes, diesen Mann aus dem Nichts, und Condé, den Sohn eines schurkischen Pagen.
Die leidenschaftliche Beredsamkeit der Gräfin fiel auf fruchtbaren Boden. Sie gewann ihren Schwiegersohn, den Herzog von Maine, dann den Herzog von Longueville, den Herzog von Vendôme, den Herzog von Retz, den Herzog von Montmorency und selbstverständlich den Herzog von Épernon, der nur darauf wartete, sich in ein neues Abenteuer zu stürzen. Das letzte war zu schlecht für ihn ausgegangen.
Viel bedrohlicher für die königliche Macht als dieser Haufen |225|von Herzögen war aber, daß die Hugenotten, mit dem Herzog von Rohan an der Spitze, sich auf ihre Seite schlugen. Und um es offen zu gestehen, waren sie die einzigen, die dazu einigen Grund hatten: Die nachlässige Haltung des Kronrats gegenüber dem Zerwürfnis der protestantischen deutschen Fürsten und der Habsburger flößten den französischen Protestanten tödliche Besorgnisse ein.
Um aber wieder auf unsere Großen zu kommen, so verbargen sie, töricht und leichtfertig, wie sie waren, ihr Komplott gegen die Macht ebensowenig, wie sie es im Jahr 1617 getan hatten. Und sie beeilten sich auch diesmal nicht, es in die Tat umzusetzen. Sie ließen sich in Paris zurückhalten, der eine von einem Prozeß, der andere von seinen Liebschaften, der dritte von seinen Interessen und allesamt von den glänzenden Festen, die man im Louvre und in anderen königlichen Schlössern gab. Aus Andeutungen Fogacers erfuhr ich, daß der König, Luynes und Déagéant genau Bescheid wußten, denn sie wurden Tag für Tag von einem der Verschwörer informiert, der wohl einige Zweifel an der Art und Weise hegte, wie die Dinge sich entwickeln würden, und der sich lieber arrangierte, um von ihrem möglichen Erfolg zu profitieren, ohne unter ihrem Scheitern zu leiden.
Wer dieser Maciavell war, darüber kam mir eine Vermutung, als beim sogenannten ›Ulk von Ponts de Cé‹ der Herzog von Retz sich plötzlich und völlig unerklärlich mit seinem kleinen Heer aus dem Staub machte, bevor die Schlacht überhaupt begann. Tatsächlich konnte er diese Verräterrolle mit Leichtigkeit gespielt haben, denn wer hätte etwas dabei finden können, daß der Herzog von Retz den Kardinal von Retz täglich besuchte? Der Kardinal aber stand in stetigem, vertraulichen Kontakt mit dem König.
***
Eines der glanzvollen Feste, von denen ich sprach, wurde am ersten Januar 1620 in Saint-Germain-en-Laye gegeben, und zwar zu Ehren der neuernannten Ritter vom Heiligen Geist. Ich war einer von ihnen, und das war eine große Freude für mich, nicht nur, weil der König meine Treue abermals belohnt hatte, sondern auch, weil Ludwig mir mit der rührendsten Feinfühligkeit erlaubte, einem Orden beizutreten, dem auch mein Vater |226|angehörte, der wiederum seine Aufnahme Henri Quatre verdankte. Aus diesem Anlaß erhielt ich viele Briefe, unter denen mir am meisten der von Pfarrer Séraphin schmeichelte. In treuherzigen Worten bat er mich, wenn ich das nächste Mal nach Orbieu käme, mein Ordenskreuz zur Sonntagsmesse anzulegen. Was ich auch tat, ohne zu ahnen, daß der Pfarrer es zum alleinigen Thema seiner Predigt machen würde, in der er meine Tugenden dermaßen in den Himmel hob, daß, wäre er der Papst gewesen, ich auf meine Heiligsprechung zu Lebzeiten hätte gefaßt sein dürfen. Meine Verwandtschaft von Montfort l’Amaury und von Chêne Rogneux wohnte dieser Predigt bei, ebenso wie Monsieur de Saint-Clair. Und in der zweiten Reihe sah ich Louison, deren vertrauliche Blicke mir rechtzeitig meine irdischen Schwächen ins Gedächtnis riefen.
Ich weiß nicht, ob meine Dörfler, trotz aller Bemühungen von Pfarrer Séraphin, das Was und Wie des Heilig-Geist-Ordens überhaupt verstanden, aber sie bewunderten das Gold und die Diamanten darauf. Und ein reicher Bauer, der in Dreux den Grafen von Soissons gesehen hatte, erklärte: »Der Graf in Dreux hat kein so schönes Kreuz, überhaupt kein Kreuz hat der, und dabei soll er der Cousin vom König sein!« Dieser Satz wanderte auf Platt von Mund zu Mund und sorgte mehr als alle meine Tugenden dafür, mein Ansehen im Dorf zu erhöhen.
Um auf den feierlichen Empfang der Ritter vom Heiligen Geist in Saint-Germain-en-Laye und die darauf folgenden glanzvollen Feste zurückzukommen, so nahmen sie leider ein trauriges Ende. Anna von Österreich wurde plötzlich krank.
Während des Balletts, das bei dieser Gelegenheit aufgeführt wurde, beobachtete man, daß ihr Gesicht blaß und verzerrt war und den Ausdruck des Schmerzes trug. Ludwig, der neben ihr saß und ihren Zustand beobachtete, beugte sich mehrmals voller Besorgnis zu ihrem Ohr. Vielleicht riet er ihr, sich zurückzuziehen. Aber ihr Kopfschütteln zeigte, daß sie dies nicht wollte, weil sie es für ihre Pflicht hielt, bis zum Schluß zu bleiben, damit das Ballett ihretwegen nicht abgebrochen würde. Als es endlich schloß, erhob sie sich, aber so wankend, daß Ludwig sie von einer Seite und Madame de Luynes von der anderen zuerst stützen und dann beinahe tragen mußten, denn unterwegs wurde sie ohnmächtig und kam erst wieder zu sich, als sie gebettet war. Vor Fieber zitterte sie am ganzen Leibe.
|227|Man rief die Ärzte. Sie disputierten eine ganze Weile, weil sie sich nicht klarwerden konnten, in welche Kategorie diese Art Fieber einzuordnen sei. Als sie sich nicht einigen konnten, verzichteten sie darauf, der Krankheit einen Namen zu geben, und versuchten sie durch Pillen, Diät und Schröpfen zu kurieren. Ich berichtete meinem Vater davon, der sofort zu Héroard eilte und ihn anflehte, dem König vorzustellen, daß Schröpfen – eine italienische Scharlatanerie, die groß in Mode war, die sie beide als einstige Studenten der Ecole de Médecine von Montpellier aber ablehnten –, die Kranke noch mehr schwäche, die durch die verordnete strenge Diät bereits entkräftet war.
Aber Héroard fürchtete, aus seiner Rolle zu treten, wenn er sich gegen die Ärzte der Königin wandte, und die Ärmste wäre sicher große Gefahr gelaufen, wenn sie nicht alle Mittel abgelehnt hätte, weil sie nur ihrem spanischen Arzt vertraute, den man ihr aber kurze Zeit nach ihren Damen ebenfalls weggenommen hatte.
Der Hof wußte sich vor Verwunderung nicht zu lassen, als er sah, wie Ludwig bei dieser Gelegenheit seinen Gleichmut abwarf und Ströme von Tränen vergoß, während er Tag und Nacht am Bett der Kranken wachte. Er ließ sie nicht aus den Augen, mal betete er, mal flehte er Anna an, die ihr verordneten Mittel doch anzunehmen. Wie ich beobachtete, richtete er seine Gebete aber nicht an den Herrgott, sondern an die Jungfrau Maria, wahrscheinlich weil er dachte, sie als Frau könne besser für die seine eintreten. Er legte Unserer Lieben Frau von Lorette ein Gelübde ab und versprach ihr, wenn seine Gemahlin geheilt würde, eine Statue aus massivem Gold nach ihrem Bilde und eine ebenfalls goldene Öllampe, um sie Tag und Nacht zu beleuchten. Und als er am nächsten Tag meinte, Unsere Liebe Frau von Lorette sei vielleicht allein nicht stark genug, Anna vorm Tode zu bewahren, richtete er dasselbe Gelübde samt demselben Versprechen noch an Unsere Liebe Frau von Liesse.
Das Gesicht nicht mehr undurchdringlich, sondern ganz verquollen und mit roten Augen von soviel Tränen und Wachen, bangte mein armer König sechzehn Tage, bis seine Gebete erhört wurden. Am sechzehnten Tag sank das Fieber, Anna nahm ein wenig Nahrung zu sich und schien endlich dem Leben wiedergegeben.
|228|Mein Vater, der alte Hugenotte, behauptete, in solchen reichen Opfergaben an die Gottheit liege etwas Heidnisches. Diese Heilung sei aber vor allem ein Wunder der Liebe, sosehr hätten die arme kleine Königin die Zeichen der Zärtlichkeit gerührt, die Ludwig ihr während ihrer Krankheit bewies. Und sie war überglücklich, Ludwig nicht mehr in Kälte und Majestät gepanzert zu sehen, sondern so, wie er im Grunde war, empfindsam, liebevoll und von Entsetzen erfaßt bei der Vorstellung, sie zu verlieren. Anna war ihm dafür unendlich dankbar, und ursprünglich, wie sie war, tat sie, was vor ihr wohl noch keine spanische Prinzessin getan hatte: Sobald sie die Kraft dazu hatte, ergriff sie die Hände ihres Gemahls und bedeckte sie mit Küssen.
Hatte ein Fest mit der Krankheit der Königin geendet, feierte ein anderes ihre Genesung. Diesmal war es kein Ballett, das am Hof gespielt wurde, sondern ein Ringelrennen auf der Place Royale, zu dem die Pariser zu Tausenden herbeiströmten. Es war ein wunderschöner Maitag, die Reifröcke auf der Estrade, wo die Königin und ihre Damen Platz genommen hatten, schimmerten in allen Farben. Zum Abschluß gab es ein Stechen, das Ludwig gewann, er hatte drei Ringe gewonnen. Daß der König nur gewinnen konnte, versteht sich von selbst. Aber Henri Quatre errang meistens nur zwei Ringe, während Ludwig mit seinen drei nicht so leicht zu schlagen war, nicht einmal von den besten Konkurrenten.
Der König stieg vom Pferd und sprach huldvolle Dankesworte zu Monsieur de Pluvinel, der für ihn und alles, was zum hohen Adel gehörte, der Waffenmeister und Reitlehrer gewesen war.
»Sire«, sagte Pluvinel, »die Königin erwartet Euch. Beliebt mir zu folgen.«
Der König erstieg die Stufen der Estrade, betrat die Loge der Königin, sie erhob sich, kniete vor ihm nieder, und als sie errötend aufstand, überreichte sie ihm einen goldenen Ring mit einem prächtigen Diamanten. Da tat Ludwig etwas, was niemand von seiner Prüderie noch von seiner scheinbaren Kälte je erwartet hätte. Er nahm die Königin in die Arme und küßte sie stürmisch vor aller Augen, und die Hofgesellschaft wie die Tausenden Pariser spendeten dem königlichen Paar lauten Beifall.
Obwohl keiner der Großen es verschmerzt hätte, an diesem Ringelstechen nicht teilnehmen zu können, hörte das Komplott |229|gegen den König darum nicht auf. Und je länger es dauerte – ohne die geringste Vorsicht und Geheimhaltung –, desto größer wurde die Furcht, einer der Ihren könnte sie verraten. Wie gesagt, war der König über alles auf dem laufenden, aber wie sollte er reagieren, wenn die Herren gar nicht anfingen, das heißt, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten, den Hof verließen und sich in ihre Gouvernements begaben.
Nicht schlechter unterrichtet war Ludwig über die Vorgänge in Angers bei der Königinmutter, wo die Kriegspartei von Tag zu Tag an Boden gewann. Der König, der nach der Genesung der Königin die beiden goldenen Standbilder für Unsere Lieben Frauen von Lorette und von Liesse bestellt und auf Heller und Pfennig bezahlt hatte, wußte sehr wohl, daß der Hauptklagegrund der Königinmutter gegen ihn jene versprochenen sechshunderttausend Livres betraf. Aber wie konnte er sie ihr zahlen, ohne befürchten zu müssen, daß sie mit diesem Gold Truppen gegen ihn rüstete?
Bei Hof empfing der König die Großen weiterhin mit seiner undurchschaubaren Höflichkeit, aber seltsam, sein Gleichmut, den sie doch nun gut kannten, flößte ihnen immer mehr Verdacht und Argwohn ein. Dieser Heuchler, murrten sie, warum sagt er nichts? Je mehr er schwieg, desto lauter sprach sein Schweigen statt seiner. In schlaflosen Nächten erschien es ihnen unmöglich, daß er von ihren Machenschaften nichts wußte. Sie sahen sich schon im Louvre oder daheim plötzlich von Praslin und seinen Soldaten umstellt, ihrer Ehren und ihrer Gouvernements enthoben, ihrer Pensionen, ihrer Ländereien und Schlösser verlustig und für zwölf endlose Jahre in der Bastille eingekerkert wie der Comte d’Auvergne.
Panik überkam sie. Die ersten, die sich davonmachten, waren die Herzöge von Vendôme und von Longueville, doch ohne irgend jemanden zu benachrichtigen. Sobald ihr Aufbruch bekannt wurde, stürzten die anderen Verschwörer hinterdrein wie Panurges Hammel: der Herzog von Maine, der Graf von Soissons, die verwitwete Gräfin von Soissons, der Herzog von Nemours, der Herzog von Retz, der Herzog von Montmorency. Im Nu war Paris um die Hälfte seiner Großen gebracht.
Sie suchten ihre Gouvernements auf und rüsteten ihre Städte gegen den König. Dort blieben sie aber nicht, die Verteidigung der Mauern überließen sie ihren Leutnants. Alle, außer Longueville, |230|eilten nach Angers zur Königinmutter. Ohne einen Hof mit seinen Intrigen, ohne einen Kronrat mit seinen Kabalen konnten sie nicht leben, und hatten sie dort auch keinen König, ließ sich doch der Königin Geld aus den Taschen ziehen unter dem Vorwand, Truppen zu ihrer Verteidigung auszuheben.
Der Bruder des Paters Joseph, Monsieur du Tremblay, der im ersten Krieg zwischen Mutter und Sohn auf königlichen Befehl nach Avignon gereist war, um Richelieu zu holen, und der ihm nach Angers gefolgt war, nahm Mitte Juni Urlaub von der Königin. Und in Paris angelangt, besuchte er mich im Louvre und erbat sich meine Fürsprache, um beim König vorgelassen zu werden. Er hatte ihm neueste Nachrichten über die Vorgänge im Gouvernement der Königinmutter mitzuteilen.
Ich kannte Monsieur de Tremblay von mehreren Begegnungen und schätzte ihn als ein Musterbild unseres Amtsadels. Nur, jedesmal wenn ich ihn sah, verwunderte mich seine Unähnlichkeit mit Pater Joseph. Es war kaum zu glauben, daß beide dieselben Eltern gehabt haben sollten. Der Mann, den ich vor mir sah, war groß, füllig und trug einen nicht geringen Bauch vor sich her, und sein großes Gesicht war kupferrot. Ganz zufrieden mit seiner irdischen Existenz, begehrte er nicht mehr, als behaglich mit seiner Familie in seinem schönen Schloß Tremblay zu leben: nicht verschwenderisch, nicht geizig, barmherzig, doch ohne Übertreibung, gegen Gewalt und Unordnung, Katholik, doch ohne große Liebe zum Papst, den Hugenotten nicht wohlgesonnen, ohne daß er sie jedoch ausrotten wollte, für die Großen scheinbar voll Respekt und insgeheim voll Verachtung, aber vor allem ehern königstreu. Er diente dem König mit ganzem Herzen, indem er zugleich seinen eigenen Interessen diente, und war jetzt überglücklich bei dem Gedanken, vertraulich mit Seiner Majestät sprechen zu dürfen, ein Erlebnis, das er seinen Kindern und Kindeskindern in allen Einzelheiten immer und immer wieder erzählen würde.
Da er mit feinem Gespür bemerkte, daß ich sehr neugierig war, zu erfahren, was sich derzeit in Angers abspielte, ihn aber nicht rundheraus zu fragen wagte, um nicht dem König zuvorzukommen, begann er bereitwillig zu erzählen. Meine lässig hingeworfene Frage: »Und wie steht es in Angers?« war dazu der Köder.
|231|»Schlecht«, sagte er. »Nicht daß es vorher allzu gut gestanden hätte, aber seit der Ankunft der Großen ist dort kein Zuckerschlecken mehr. Sie werden die Finanzen der armen Königinmutter vollends ruinieren. Der Herzog von Vendôme spielt den Hahn im Korbe. Ihr wißt ja, er hatte immer große Ambitionen. Weil Henri Quatre seiner Mutter, Gabrielle d’Estrées, ein Heiratsversprechen gegeben hatte, meint er, daß er an Ludwigs Statt regieren müßte, der, wie er stets betont, sieben Jahre jünger sei als er. Das heißt, er glaubt oder will glauben, ein Heiratsversprechen, auch wenn es nicht zur Ausführung gelangte, gehe über die rechtsgültige Ehe Henris mit Maria von Medici und über zwei Sakramente, das der Ehe und das der Salbung. Vendôme ist also kein Gelegenheitsrebell, er empört sich aus Prinzip im Namen seines Blutes. 1614 stand er gegen die Regentin auf. Jetzt verbündet er sich mit ihr gegen ihren Sohn. Konsequent, nicht wahr?«
In dieser Analyse meinte ich ein Echo Richelieus zu vernehmen, und mein Interesse wuchs.
»Und was tat Vendôme«, fragte ich, »als er nach Angers kam?«
»Er drängte den jungen Grafen von Soissons, sich auf sein königliches Blut zu berufen, um Vorsitzender des Kronrats der Königin zu werden.«
»Warum beanspruchte er diese Ehre nicht für sich?« fragte ich.
»Um es sich nicht mit einem echtbürtigen Prinzen zu verderben und vor allem nicht mit der glühenden Muse der Rebellion, der verwitweten Gräfin von Soissons, die zur Furie wird, sobald es um ihr Junges geht. Außerdem erhält der Kronrat der Königinmutter mit dem Grafen von Soissons, dem Zweiten Prinzen von Geblüt, an der Spitze eine gewisse Legitimität. Und was verschlägt es Vendôme, diesem fünfzehnjährigen Grünschnabel den Vortritt zu lassen, wenn er hinter ihm desto besser alle Fäden ziehen kann?«
»Und wie zieht er sie?«
»Geschickt. Er hat die Räte für einen Antrag stimmen lassen, daß von nun der Mehrheitsbeschluß gilt, weil die Kriegspartei im Rat weit stärker ist als die Partei des Friedens.«
»Und Richelieu, was macht er in dieser Lage?«
»Er ist machtlos: Die Mehrheitsregel lähmt ihn. Nicht, daß |232|sein Kredit bei der Königinmutter abgenommen hätte, aber er wird wie sie vom Strudel der Kriegsbefürworter fortgerissen. Nein zu sagen, Vernunft zu predigen wäre jetzt eine Torheit. Er würde sich aufgeben, ohne daß es der Königin nützte.«
»Und was sagt er zu der Situation?«
»Daß sie einen Schein und eine Realität hat. Die Rebellion ist scheinbar stark, denn von der Normandie bis zum Languedoc ist der gesamte Westen des Reiches in Aufruhr. In Wahrheit ist sie schwach, und der Grund dieser Schwäche …«
»Ich kenne ihn«, sagte ich. »Die Großen, die diese Regionen verwalten, sind am Hof von Angers, anstatt den Widerstand in ihren Städten zu organisieren.«
»Hinzukommt«, fuhr Monsieur du Tremblay fort, »daß an diesem Hof die Eifersucht regiert, die Schwester der Zwietracht, die alles verwirrt. Nur ein Beispiel: Vendôme wollte weder den Herzog von Maine noch den Herzog von Épernon, der ja immerhin militärische Erfahrung hat, in Angers dulden. Die Königinmutter beauftragte die beiden Ausgestoßenen, Truppen für sie aufzustellen. Sie gingen also, aber unwillig, so daß ich sehr erstaunt wäre, wenn man sie vor der Schlacht in Angers wiedersehen würde.«
»Und darf ich fragen, Monsieur, was Richelieu von diesem Zweiergespann hält, das den Kronrat beherrscht?«
»Daß der Graf von Soissons tapfer ist, aber nicht klug. Daß Vendôme klug ist, aber nicht eben tapfer. Trotzdem will er, in Berufung darauf, daß er Henri Quatres Sohn ist, das Heer der Königin befehligen. Er vergißt, daß Mut und soldatische Fähigkeiten nicht erblich sind.«
»Kurz gesagt, Richelieu meint also, die Kriegspartei renne in ein Desaster.«
»Ich würde sagen, er wünscht es«, sagte Monsieur du Tremblay, indem er mich lächelnd anblickte, »denn mit diesem Desaster verschwänden die Großen aus Angers, und er, der Hölle entronnen, würde seiner Herrin wieder unentbehrlich werden, und sei es, um den Frieden auszuhandeln.«
Hier blitzten die Augen von Monsieur du Tremblay, und ich sagte mir, auch wenn seine Bewunderung für Richelieu nicht kleiner war als die des Paters Joseph, war sie doch weit hellsichtiger.
***
|233|Leuchtend steht in meinem Gedächtnis der vierte Juli 1620 vor mir, als ich Ludwig im Kronrat erlebte, wie ich ihn immer wollte: Er sprach als König und Herr. Es gab das ewige Hin und Her zwischen Kriegspartei und Verhandlungspartei, so wie es schon unter der ganzen Regentschaft und beim ersten Krieg zwischen Mutter und Sohn gewesen war. Die Minister waren einhellig für Verhandlung und rieten dem König, in Paris zu bleiben und sich nicht in eine aufrührerische Provinz zu begeben und es mit »einer mächtigen und verwegenen Partei« aufzunehmen.
Diese Argumente, die beim ersten Hinsehen vernünftig erschienen, beruhten auf einer irrigen Analyse der Lage. Die Rebellen bildeten eben keine mächtige Partei. Sie waren vielmehr tief gespalten. Und nicht die Provinzen empörten sich gegen die königliche Macht, sondern ihre Gouverneure. Diese sah man allerdings selten in ihren Gouvernements, sie kamen nur, um Gelder einzustreichen, und lebten die übrige Zeit am Hof in Paris. Folglich hatten die Bürger, die alle zivilen Ämter innehatten oder mit Glück Handel und Gewerbe betrieben, und hatte auch das Volk, das in Frieden leben wollte, gar keine Lust, sich aus Liebe zu einem meistens abwesenden großen Herrn die Entbehrungen und Nöte eines Krieges gegen den König aufzuhalsen.
Was die »Verwegenheit« der »mächtigen Partei« anging, so war sie trügerisch und entschwand, sowie das Pulver sprach. Sie existierte tatsächlich nur in der ängstlichen Einbildung der alten Minister. Daß Luynes ihrer Meinung war, wunderte mich nicht, er war und blieb eine Memme.
Nachdem alle Ratsmitglieder ihr Wort gesprochen hatten, ließ der König nicht abstimmen: er entschied.
»Bei so vielen Brandherden, als sich uns bieten«, sprach er, ohne im mindesten zu stottern, »muß man die größten und nächsten in Angriff nehmen, das ist die Normandie. Ich werde geradewegs dorthin marschieren und nicht in Paris ohnmächtig warten, daß man meine treuen Diener bedrückt. Ich hege große Zuversicht in die Unschuld meiner Waffen. Mein Gewissen wirft mir keinen Mangel an Pietät gegen die Königinmutter vor, noch an Gerechtigkeit gegen mein Volk, noch an Wohltaten für die Großen dieses Reiches. Auf denn!«
Mit welcher bebenden Freude fand ich hierin den Soldatenkönig wieder! Sein Vater hatte nicht anders gesprochen, als die |234|niederländischen Spanier ihm durch Überrumpelung Amiens genommen hatten. Binnen eines Wimpernschlags entschloß er sich zum Angriff. Nur im Verlaß auf das Gottesurteil unterschied sich Ludwig von ihm. Nicht daß die Anrufung der Gottheit in Henris Reden gefehlt hätte, aber bei dem Fuchs von Béarn, wie ihn die Liga nannte, war sie mehr Politik als Frömmigkeit. Bei seinem Sohn verhielt es sich genau umgekehrt. An seinem Glauben war nicht zu rütteln.
Mit wenig Mann, sechstausend oder achttausend, ich weiß es nicht mehr, ging der König in die Normandie. Und er marschierte schnell. Am siebenten Juli brach er von Paris auf, am zehnten stand er vor den Mauern von Rouen.
Der Leser wird sich erinnern, daß der Herzog von Longueville als einziger der Großen nicht an den Hof der Königinmutter nach Angers gegangen, sondern in der Normandie geblieben war. Das ließ vermuten, daß er dem Blut die Treue wahrte, das in seinen Adern floß, denn es war das Blut des berühmten Helden Dunois, des Bastards von Orléans und tapferen Gefährten der Jeanne d’Arc. Aber, nichts da! Blut dauert nicht über Jahrhunderte.
Am achten Juli kamen die Furiere des Königs nach Rouen, um für den König und seine Truppen Quartier zu machen. Sie wurden gut aufgenommen, und als der Herzog von Longueville hörte, daß übermorgen der König da wäre, sagte er: »In dem Fall kann ich ihm nur weichen.«
Damit entschwand er und flüchtete sich nach Dieppe. Alles, was ihm in der Folge widerfuhr, war, daß ihm vergeben wurde, als die Waffen schwiegen. Er durfte sogar – ein Privileg Karls IX. im Gedenken an den Bastard von Orléans – seinen Ausnahmerang zwischen den königlichen Prinzen und den Herzögen und Pairs behalten.
Schöne Leserin, ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich diesen wenig verdienstvollen Herzog gute fünfzehn Jahre später, als mein Bart schon grau wurde, glühend beneidete: Sein Rang erlaubte ihm, in zweiter Ehe Anne-Geneviève de Bourbon-Condé zu heiraten, die Tochter jenes mickrigen kleinen Condé, den Ludwig aus der Bastille befreit hatte und der, nach der Zeugung jenes Sohnes, der dann der Große Condé wurde, zur noch größeren allgemeinen Überraschung eine der Schönheiten dieses Jahrhunderts in die Welt gesetzt hatte.
|235|Denn das war Anne-Geneviève de Longueville unstreitig. Der Kardinal von Retz, der sich in Frauen auskannte, sagte von ihr, daß sie mit ihrem sehnsuchtsvollen Zauber sogar glanzvollere Frauen übertroffen habe. Es ist wahr, ich kann es bezeugen und kann hinzufügen, daß dieses Sehnsüchtige nicht erkünstelt war, sondern den Tiefen ihres Wesens entsprang. Ich sah sie im Kreis von Edelleuten: Die Lippen halb geöffnet, ließ sie jenen ertrinkenden Blick nacheinander auf einem jeden ruhen, und die Herren kam das unwiderstehlichste Verlangen an, ihr Lager zu teilen und davon nimmermehr zu weichen.
Im Lauf der Jahre nahm Anne-Geneviève dort auch mehr als einen auf, und wenn man über ihr Leben nachsinnt, kann man nur über dessen Wandelbarkeit staunen: Sie war eine leidenschaftliche Preziöse im Hôtel de Rambouillet, eine große Frondeuse unter der Fronde, überaus galant bis ins vierzigste Jahr und eine große Büßerin für den Rest ihrer Tage. Eine Frau, die nichts halb machte, wie La Surie sagte.
Rouen war genommen. Der König entsetzte Longueville von seinem Gouvernement, gab es ihm aber, als er später bereute, wieder. Er versammelte seinen Kronrat, der ihm, einschließlich Luynes, entschieden abriet, Caen anzugreifen, das in den Händen der Rebellen war. Dort hatte der Großprior seinen Hofmeister hingestellt, die Verteidigung zu organisieren.
Derjenige, der das ehrenwerte, so gut bezahlte und so wenig kirchliche Amt des Großpriors innehatte, war niemand anders als der Chevalier de Vendôme, mit dem Ludwig als Kind eine so innige Freundschaft verband, daß die Königinmutter sie aus Argwohn auseinanderriß. Der arme Chevalier wurde zum Teufel geschickt, das heißt nach Malta, in den Orden gleichen Namens. Als er zurückkehrte, erneuerte sich die Freundschaft des Königs jedoch nicht, der Jüngling war ebenso überheblich geworden wie sein älterer Bruder, der Herzog von Vendôme.
Wieder schlug Ludwig die Warnungen seines ängstlichen Kronrats und Luynes’ in den Wind und marschierte auf Caen. Bei dieser Nachricht machte sich der Großprior mit einigen Truppen auf zu seiner Stadt. Unter ihren Mauern aber versank ihm der Mut, und er floh mit verhängten Zügeln. Sein Hofmeister, der die Stadt für ihn halten sollte, besann sich eines klügeren und öffnete, sowie der König vor den Mauern erschien, die Tore.
|236|Zur gleichen Zeit, als der König in die Normandie marschierte, um Rouen und Caen zurückzuerobern, hatte er vier Unterhändler zur Königinmutter nach Angers gesandt: die Herzöge von Montbazon und von Bellegarde, den Erzbischof von Sens und Präsident Jeannin, seinen Oberfinanzverwalter. Der Herzog von Vendôme erklärte großspurig, es wäre quasi ein Verbrechen, sie in die Mauern einzulassen, er wollte sie gefangensetzen oder wenigstens dem König zurückschicken. Richelieu überzeugte die Königin, daß man so hochgestellte Persönlichkeiten nicht abweisen könne, ohne sie wie den König schwer zu beleidigen. Sie ließ sie also kommen. Die Herren waren kaum in Angers, als gleichsam auf ihren Fersen der Großprior von Vendôme eintraf und der Königinmutter meldete, daß Caen genommen war. Nun verdüsterten sich die Geister. In den folgenden Tagen brachten die Kuriere eine niederschmetternde Meldung nach der anderen. Die Truppen des Königs rückten auf Le Mans vor, eine königstreue Stadt. Von dort war es noch eine Marschetappe bis Angers.
Spät nun besann man sich, sich zu befestigen. Die Brücke von Ponts de Cé war die einzige zwischen Nantes und Amboise über die Loire. Also war es ebenso entscheidend für den König, sie zu erobern, wie für die Königinmutter, sie zu verteidigen und ohne sie konnte sie auch die Verstärkungen nicht erhalten, die sie sich aus dem Angoumois erhoffte. Diese Verstärkungen hatten die Herzöge von Maine und von Épernon für sie versammeln sollen.
Als ich später das Privileg hatte, Richelieu besser kennenzulernen, war einer der Züge, die ich am bemerkenswertesten an ihm fand, seine außerordentliche Fähigkeit, zwei oder drei Dinge gleichzeitig zu betreiben. So gab er mir eines Tages die großen Linien eines Briefes vor, den ich für ihn auf deutsch an einen lutherischen Fürsten schreiben sollte, und während ich das von ihm Gesagte zu Papier brachte, diktierte er Charpentier, seinem Handsekretär, eine Darstellung des ›Ulks von Ponts de Cé‹ und warum die Großen dort eine so schnelle und radikale Niederlage erlitten. Diese Analyse dünkte mich so klar und überzeugend, und sie zeigte ein so erstaunliches Verständnis des Krieges bei einem Prälaten, daß ich nur lauschen konnte und meine deutsche Übersetzung darüber vergaß. Natürlich bemerkte es der Kardinal, tadelte mich aber nicht, |237|denn er war sich seiner Gaben sehr bewußt und verschmähte es durchaus nicht, sich dafür bewundern zu lassen.
Soweit ich mich seiner Ausführungen entsinne, kritisierte er sowohl die Vorbereitung des Kampfes wie auch seinen Verlauf. Den ersten Fehler des Herzogs von Vendôme sah er darin, daß er einen Graben von zwei Meilen Länge zwischen Angers und Ponts de Cé ausheben ließ. Dieser Graben war viel zu lang, erstens, weil man sehr wahrscheinlich keine Zeit haben würde, ihn fertigzustellen, bevor die königliche Armee eintraf, und zweitens, weil man nicht genug Männer hatte, ihn zu besetzen. Besser wäre es gewesen, die Mauern von Angers zu verstärken, und dann einen guten Graben nur am Kopf der Brücke von Ponts de Cé zu bauen.
Die Rebellen verfügten über einige hundert Berittene, die der Herzog von Vendôme seinem Bruder, dem Großprior, unterstellte. Dieser wartete nun, daß sein Bruder ihm den Befehl zum Angriff gebe. Der Befehl kam nicht. Die ganze Reiterei, die mindestens so stark wie die königliche war, gelangte gar nicht zum Einsatz. Natürlich hätte der Großprior von sich aus eingreifen müssen, als die Dinge sich für die Infanterie zum Schlechten wendeten. Offenbar dachte er nicht daran.
Entscheidend für die Niederlage war jedoch der Abfall, um nicht zu sagen, der Verrat des Herzogs von Retz. Sowie gemeldet wurde, die königlichen Truppen seien im Anmarsch, sprang er vom Pferd. Mit allem Anschein der Tapferkeit ging er allein nach vorn, ihre Stärke zu überschauen. Als er zurückkam, wich sein Mut dem Zorn, fluchend und wetternd schrie er in alle Richtungen, man wolle sie auf dem Schlachtfeld opfern, während in den Mauern um Frieden geschachert werde. Daran war etwas Wahres, und seine Worte trugen nicht dazu bei, die Herzen derer aufzurichten, die ihn hörten. Er rief seine Truppen von den Gräben zurück, befahl ihnen kehrtzumachen, sprengte an ihrer Spitze durch die Stadt Ponts de Cé und verschwand. Damit verloren die Rebellen eintausendfünfhundert Mann, ihre Truppenstärke war um ein Drittel vermindert.
Wie groß war die Verblüffung in den vordersten Abteilungen des königlichen Heeres, als sie mit eigenen Augen sahen, wie ein Großteil der Gräben auf der anderen Seite von Gewehren und Bajonetten geräumt wurde. Sie meldeten es dem Marschall von Créqui. Der rief sofort zum Sturm und stürzte |238|die Feinde in eine Konfusion, daß alles drunter und drüber ging.
Da faßte der Herzog von Vendôme einen heldenhaften Entschluß. Nicht daß er der Reiterei den Befehl zur Attacke gab, er benachrichtigte auch seine Offiziere nicht. Er sprang in den Sattel und preschte im Galopp nach Angers. Er drang in die Gemächer der Königin vor und meldete ihr als erster die Auflösung ihrer Truppen, indem er im Ton eines Tragöden ausrief: »Madame, ich wollte, ich wäre tot!«
Seine Tochter, die mit der Königin im Gespräch war, erwiderte: »Herr Vater, wenn Ihr das wolltet, hättet Ihr Euren Platz nicht verlassen.«