Tatsächlich, als wir Herrn von Schombergs Quartier verließen, war kein noch so schwacher Sonnenschimmer zu sehen, der Himmel hing schwarz und tief, es regnete wie aus Eimern und stürmte, daß man sich kaum aufrecht hielt. Hinzu kam, daß uns der eisige Regen wegen des Windes schräg und mit einer Gewalt entgegenschlug, daß man ihm den Rücken kehren mußte, sonst hätte er einen mit tausend Nadelstichen ins Gesicht getroffen und einem den Mund verschlossen.
»O weh!« sagte Schomberg, »nehmen wir lieber meine Kutsche! Wozu sollen wir uns zu Pferde durchweichen lassen? Es genügt schon, daß die armen Soldaten bei solchem Wetter am Deich arbeiten müssen.«
Aber sowie die Karosse sich in Bewegung setzte, rüttelte sie der Sturm wie einen Pflaumenbaum, und die Kopfpferde hatten Mühe, auch nur Schritt zu gehen, obwohl die Straße, vor dem Feuer der Rochelaiser geborgen, gute sechs Fuß unterhalb der Umzingelungswälle lag. Was ich höchst beruhigend fand, denn der Hohlweg schützte uns nicht nur vor Beschuß, sondern teilweise auch vor den jähen Windböen, die für mein Gefühl stark genug waren, Pferde und Wagen mit uns in den Morast zu stürzen.
Endlich langten wir auf dem Kliff, ein gutes Stück nördlich des Dorfes Chef de Baie an, und als wir ausstiegen, empfing uns eine so ungestüme Böe, daß Schomberg uns nur noch zuschreien konnte, wir sollten ihm folgen, und sich im Laufschritt zu einer Holzbaracke flüchtete. Diese wurde von mindestens vier Trossen am Boden gehalten, deren Enden an einem Mörser verhakt waren. Ohne diesen Halt hätte der Sturm die Baracke davongeweht.
Die Tür war glücklich hinter uns geschlossen, und ich sah zuerst nur einen Ofen, einen großen Tisch mit bäuerlichen Stühlen darum und bedeckt mit quadrierten Blättern, deren vier Ecken von Kieselsteinen beschwert wurden. Dann erblickte ich zwei |118|schlicht und warm gekleidete Männer, die Schomberg mir vorstellte, den Ingenieur Métezeau und den Baumeister Thiriot.
»Graf«, sagte Schomberg, »diese beiden Herren können alle Eure Fragen beantworten. Der eine hat die Pläne für den Deich entworfen, dem anderen hat der König den Bau anvertraut.«
»Herr Marschall«, sagte Métezeau, der, so schmächtig und grau er auch aussah, doch guter Dinge schien, wenn man seiner volltönenden, klaren Stimme glaubte, »wohl habe ich die Pläne für den Deich gezeichnet, doch verbessere ich sie noch täglich nach dem Rat des Herrn Baumeisters.«
»Oh, Baumeister«, sagte Thiriot, ein untersetzter Mann mit einem Gesicht so rot wie ein Schinken, »Baumeister ist zuviel gesagt! Ich bin Maurer, und noch dazu ein Maurer, der nicht mauert, weil wir mit Losestein arbeiten.«
»Was nennt Ihr Losestein?« fragte ich.
»Steine, die nicht durch Mörtel verbunden sind, sondern die durch ihr Gewicht und ihre Einpassung zusammenhalten.«
»Und warum, Monsieur, werden sie nicht mit Mörtel verbunden?«
»Weil wir nur bei Niedrigwasser arbeiten, solange die Bucht freiliegt. Bis das Wasser zurückkommt, könnte der Mörtel nicht trocknen und würde von der steigenden Flut hinweggeschwemmt werden.«
»Ihr verwendet also kein Bindemittel?«
»Doch, Herr Graf, aber nur Schlick.«
»Wird der Schlick nicht auch weggeschwemmt?«
»Zum Teil ja, aber es bleibt noch genug haften, außerdem ist Schlick billiger als Mörtel und überall zur Hand. Von ein paar Felsen hier und da abgesehen, besteht die ganze Bucht aus Schlick, man braucht sich nur zu bücken.«
»In Aytré hörte ich, daß Ihr an dem Deich Tag und Nacht arbeitet.«
»Das ist sehr schmeichelhaft für uns«, sagte der Ingenieur Métezeau lächelnd, »in Wahrheit können wir aber nur bei Ebbe arbeiten, das heißt sechs Stunden am Tag. Und nur, wenn das Niedrigwasser nach Sonnenuntergang eintritt, arbeiten wir auch nachts.«
»Ihr arbeitet also nur sechs Stunden am Tag?« sagte Schomberg, und sein tadelnder Unterton entging weder Métezeau noch Thiriot, der noch röter anlief, als er schon war.
|119|»Wie sollen wir es anders machen, Herr Marschall!« sagte Métezeau ruhig. »Nach sechs Stunden steigt das Wasser, und unter Wasser arbeiten können wir nicht.«
»Und mit Verlaub, Herr Marschall«, setzte Thiriot mit weniger ruhiger Stimme hinzu, »diese Arbeit ist so mühselig und so schwer, daß sie, über sechs Stunden hinaus, die menschlichen Kräfte überfordern würde.«
»Monsieur Métezeau«, sagte ich, um Schombergs ärgerliche Bemerkung zu überspielen, »Ihr baut den Deich aus Steinen. War zu Anfang nicht die Rede davon, ihn aus Holz zu bauen?«
»In der Tat«, sagte Métezeau nicht ohne Ironie. »Es war eine Idee des italienischen Ingenieurs Pompeo Tagone, keine neue übrigens: Was er vorschlug, war, recht besehen, nur eine Schutzmole.«
»Und was ist eine Schutzmole?« fragte ich.
»Das ist eine Art Wall zur See, der eine in einer Bucht ankernde Flotte davor schützt, daß sich im Dunkeln Pinassen oder Galeeren zwischen die Schiffe schleichen und Schaden anrichten. Die Schutzmole besteht aus Pontons, Balken und alten Masten, die durch Ketten und Taue verbunden sind, ein altbekanntes Mittel der Seeleute, das aber nur dauert, solange es dauert: Eine Liegezeit.«
»Heißt das, ein Sturm kann die eisernen Ketten zerreißen?«
Auf diese, ihn naiv dünkende Frage hin verbiß sich Métezeau ein Lächeln.
»Schwere See, Herr Graf«, antwortete er vollendet liebenswürdig, »zerreißt Eisenketten ebenso leicht wie Hanfseile.«
»Noch leichter sogar«, sagte Thiriot, »weil Hanfseile eine gewisse Elastizität besitzen, die das Eisen nicht hat.«
Métezeau schien nicht ganz einverstanden, entgegnete aber nichts, wohl um Thiriot vor dem Marschall nicht ins Unrecht zu setzen.
»Und was geschah«, fragte ich, »nachdem Tagone seine Schutzmole gebaut hatte?«
»Sie war hübsch anzusehen und acht Tage zu bewundern, am neunten Tag brach der Sturm sie bei steigender Flut in Stücke.«
»Und Seine Majestät«, fügte Thiriot hinzu, »entließ Pompeo Tagone mit zehntausend Ecus. Nie wurde ein so schlechter Ingenieur so gut bezahlt.«
|120|»Monsieur Thiriot«, erwiderte Schomberg streng, »kritisiert nicht den König!«
»Herr Marschall«, sagte Thiriot, abermals tiefrot, »fern sei mir jeder Gedanke, Seine Majestät zu kritisieren.«
»Monsieur Métezeau, welche Maße hat der Deich, den Ihr erbaut?« fragte ich.
»An der Basis ist er acht Klafter breit, an der Oberfläche vier Klafter. Seine Form ähnelt stark einer Pyramide, er endet aber nicht spitz, sondern in einem Plateau. Die Wellen können sich an den schrägen Seitenflächen nicht mit derselben Wucht brechen, wie wenn diese vertikal wären. Außerdem werden an der Basis in Abständen Öffnungen ausgespart, durch die ein Teil des Gezeitenflusses strömen kann, so daß das Volumen und somit die Kraft der an die Flanken schlagenden Wogen entsprechend vermindert wird. In der Mitte erhält der Deich eine dreißig Klafter breite Passage für Schiffe ein- wie auswärts, die ebenfalls einen Teil des steigenden oder sinkenden Gezeitenflusses hindurchläßt.«
»Monsieur«, sagte ich, »wenn ich es recht verstehe, bedingt diese Passage, daß eine Deichlänge von Coureille aus errichtet wird und die andere von Chef de Baie.«
»So ist es, Herr Graf. Und da der Himmel sich geklärt und der Regen aufgehört hat, wäre es Euch vielleicht angenehm, den von Chef de Baie ausgehenden Teil des Deiches zu besichtigen?«
Ich stimmte dem Vorschlag gerne zu, während Marschall von Schomberg sagte, er kenne den anderen Teil und wolle lieber in der Baracke bleiben. Monsieur Métezeau erbot sich, ihm Glühwein bringen zu lassen, was sich der Marschall diesmal freundlich gefallen ließ.
Wir legten Mäntel und Hüte an, draußen empfingen uns, Gott sei Dank, nicht die erwarteten Böen, aber ein eisiger Wind, der trotzdem nicht ganz so wütend und unerträglich war.
»Das Wetter bessert sich«, sagte Thiriot, »aber bestimmt nicht auf lange. Bald haben wir den nächsten Sturm. Herr Graf, hier ist ein Fernrohr, damit Ihr die Arbeiten jenseits der Bucht besser erkennt.«
Ich nahm das Gerät dankend entgegen, und er erwiderte mein Lächeln voll Herzlichkeit. Der grob wirkende Mann war feinfühlig und hatte durchaus bemerkt, daß mir Schombergs Mäkeleien gegen den Strich gegangen waren.
|121|Der bei unserer Ankunft tintenschwarze Himmel war tiefgrau geworden, und gegen dieses Grau hoben sich die hellen Steine des Deichstumpfes vor Coureille deutlich ab, die Soldaten jedoch, oder die Arbeiter besser gesagt, sah man auf dem hellen Grund nur als bewegliche dunkle Punkte.
»Monsieur Métezeau«, sagte ich, »da vom Deichbau auf der drübigen Seite wenig erkennbar ist, könnten wir jetzt vielleicht hier näher ans Kliff gehen, um Eure Männer am Werk zu sehen?«
An dieser Stelle muß ich wohl erklären, daß die breite Straße, die längs der Umzingelung verlief, sich vor dem Kliff teilte. Das eine Ende zog sich rechter Hand zu einer Anhöhe hinauf, wo die Baracke stand, die wir soeben verlassen hatten, das andere Straßenende führte ans Meer. Als wir nun zu Fuß den Weg zu der Gabelung zurücklegten, den wir kurz vorher in der Kutsche gefahren waren, gelangten wir zu einer von aufgeschüttetem Erdreich und Felsen umgebenen Ebene, auf der die unaufhörlich eintreffenden Karren voller Steine hielten. Die Steine wurden von den Soldaten abgeladen und sofort grob aufgehäuft, damit der nächste Karren Platz fand. Die Karren folgten einander in so dichtem Abstand, daß man an der Weggabelung eine Wache postiert hatte, um die An- und Abfahrt der vollen und leeren Karren zu regeln.
Sicherlich weiß meine schöne Leserin von der Weinlese her, was eine Kiepe ist: Ein großer, länglicher Korb nämlich, der an Riemen auf dem Rücken getragen wird. Eine Kiepe, mit der große Steine transportiert werden, und keine Trauben, muß natürlich haltbarer sein, ebenso müssen die Tragriemen und, wenn ich das hinzufügen darf, auch Rücken und Schultern des Kiepenträgers weit mehr aushalten.
Der Träger nun (es war aber nicht nur einer, ihrer waren mehrere Dutzend, die einander überdies ablösten) bot seine leere Kiepe den beiden Beladern seiner Mannschaft dar, diese packten die Steine in die Kiepe, nicht ohne einige Rücksicht, damit das niederfallende Gewicht dem Träger nicht zu heftig und schmerzlich zusetze, da dieser seine Muskeln schon genug anspannte, um unter der Last nicht niederzusinken. Dann ging der Träger langsamen, schwankenden Schrittes über die Planken, die man über den Rumpf des bereits gebauten Deiches gelegt hatte, bis zu den beiden Entladern, welche die Kiepe leerten |122|und die Steine an genau die Stelle packten, die ihnen von den Maurern angezeigt wurde.
»Ich glaube«, sagte Nicolas leise, »ich würde lieber Entlader als Träger sein.«
»Dabei würdet Ihr nichts gewinnen, Herr Junker«, sagte Thiriot. »Träger ist einer immer nur zehn Minuten. Dann belädt oder entlädt er, und so geht es im Wechsel. Jede Mannschaft hat außer einem Träger zwei Belader und zwei Entlader. Und glaubt nur nicht, daß deren Arbeit leicht ist! Die Steine sind schwer und schürfen die Hände auf, wenn man sechs Stunden nacheinander damit zu schaffen hat.«
»Sind alle Soldaten, die diese erschöpfende Arbeit verrichten, Freiwillige?« fragte ich.
»Alle, Herr Graf«, sagte Thiriot. »Und Ihr seht, da ist keiner, der sich nicht müht, wie er nur kann.«
»Ja, Faulpelze gibt es hier nicht«, sagte Métezeau, dem die Bemerkung des Marschalls noch auf der Seele lag.
»Wie ist die Vergütung?«
»Eine Marke pro Kiepe.«
»Was gilt die Marke, wenn sie dem Intendanten vorgelegt wird?«
»Einen Sous.«
»Und warum erhalten sie den Sous nicht gleich?«
»Um Diebstahl vorzubeugen, Herr Graf. Die Marke ist nichts wert, wenn der Soldat nicht auf der Freiwilligenliste der Intendanten eingeschrieben steht. Wer also den Arbeitern Marken stiehlt und dafür Geld will, landet kurzerhand am Galgen.«
»Ist das vorgekommen?«
»Zwei-, dreimal. Bis die Diebe begriffen, daß der Markenraub unfehlbar entdeckt wird.«
»Auf wie viele Kiepen kommen die Männer innerhalb der sechs Stunden Niedrigwasser?«
»Auf zwanzig. Mehr aber nicht.«
»Das sind zwanzig Sous am Tag! Dazu der Sold von zehn Sous. Donnerwetter, das macht pro Tag einen halben Ecu! So wird man reich!«
»Reich, na ja, aber um welchen Preis! Das ist Sträflingsarbeit, bei Wind, Regen und Kälte!« sagte Thiriot. »Es gibt auf dieser Welt angenehmere Weisen, sich zu bereichern.«
Hätte Schomberg diese Bemerkung gehört, wäre Thiriot seinem |123|Tadel wiederum nicht entgangen. Für ihn war jegliche Kritik am Gang der Dinge unzulässig, weil Ludwig der König dieses Reiches war und weil der König ihn zum Marschall ernannt hatte.
»Herr Graf«, sagte Métezeau, »der Himmel verdüstert sich. Gleich geht ein neues Unwetter nieder. Wenn Ihr gesehen habt, was Ihr sehen wolltet, sollten wir zurückkehren in die Baracke, wo uns ein Glühwein erwartet.«
Die Wärme in der Baracke war erstickend, als wir hereintraten, trotzdem blieben Füße und Hände noch kältestarr. Schomberg saß am Tisch, mit dem Rücken zum Ofen, dessen Fauchen allein schon tröstlich und belebend wirkte. Der Marschall hielt mit beiden Händen einen Becher, aus dem er vorsichtige kleine Schlucke trank, so brannte ihn der heiße Wein auf der Zunge.
»Monsieur Métezeau«, sagte ich, nachdem auch ich dem stärkenden Getränk zugesprochen hatte, »täusche ich mich in dem Eindruck, daß der Deichstumpf, der von Chef de Baie ausgeht, nicht genau dem von Coureille ausgehenden gegenüberliegt?«
»Euer Eindruck ist richtig, Herr Graf«, sagte Métezeau, »und die Verschiebung ist beabsichtigt. Sie ist Teil des von Monsieur Thiriot und mir erarbeiteten Plans. Die Stümpfe sollen in der Tat nicht im genauen Gegenüber enden, um die Durchfahrt durch die dreißig Klafter breite Passage in der Mitte zu erschweren. Schiffe, die vom Meer kommen und in die Bucht einlaufen wollen, werden auf die Weise gezwungen, eine S-Kurve zu vollführen, was selbst bei ruhigem Wetter eine schwierige Sache ist, denn es müssen in ganz kurzer Frist die Segel umgesetzt werden, und es fragt sich, ob ein großes Schiff genug Platz, Zeit und auch noch eine günstige Brise findet, ein so heikles Manöver auszuführen, wenn es unterm Feuer unserer Kanonen liegt.«
»Der Deich wird also mit Kanonen besetzt?«
»Unbedingt, Herr Graf. Außerdem wird jedem Endstück der Passage zum Meer hin eine lotrecht zum Deich gebaute Mole vorgelagert. Von diesen beiden, ebenfalls mit Kanonen besetzten Molen kann jedes Schiff beschossen werden, das sich durch die Passage zu schlängeln versucht. Im übrigen werden wir vor dem Deich seewärts mehrere Palisaden errichten, die einer feindlichen Flotte bereits die Annäherung beträchtlich erschweren.«
|124|»Woraus werden diese Palisaden bestehen?«
»Aus dicken Pfählen, in versetzter Anordnung, die tief in den Schlick gerammt und durch Ketten verbunden sind.«
»Kann ein Sturm sie nicht leicht zerstören?«
»Nein, Herr Graf, weil es zwischen den Pfählen Abstände gibt, die das Wasser hindurchlassen. Zum anderen vermindern die Palisaden auch die Kraft der Wogen ein wenig und schützen damit wiederum den Deich. Herr Marschall«, fuhr er fort, »Euer Becher ist leer. Wünscht Ihr, daß er wieder gefüllt wird?«
Schomberg ließ sich einschenken, und ich auch, um den Marschall nicht allein trinken zu lassen, das hätte seine grantige Laune nur verstärkt. Denn es war offensichtlich: Schomberg glaubte nicht an die Nützlichkeit des Deiches. Er mochte diese Ingenieure und Baumeister nicht, die den Soldaten und ihren Kommandeuren durch mechanische Mittel den Sieg rauben wollten. Scheinheilig klagte er um das Geld, das diese, wie er meinte, nutzlosen Arbeiten verschlangen. Der Krieg gegen La Rochelle sollte von Soldaten gewonnen werden und nicht von geschichteten Steinen.
Während ich meinen zweiten Becher Wein trank, blickte ich abwechselnd auf Métezeau und Thiriot. Fragen brannten mir auf den Lippen, die ich aber in Anwesenheit Schombergs nicht stellen wollte, damit er die Antworten nicht im Feldlager verbreite. Als das Schweigen anhielt, begriff Thiriot meine Blicke und meine Zurückhaltung und wandte sich an Schomberg.
»Herr Marschall«, sagte er, »wir haben im Oberstock ein Fenster, von dem man den gesamten Bau überschauen kann. Wollt Ihr einen Blick darauf werfen?«
»Danke«, sagte Schomberg, die Nase im Becher, »ich habe genug gesehen.«
Derselbe Vorschlag wurde mir gemacht, und ich nahm ihn an. So stiegen denn Métezeau, Thiriot und ich die Treppe hinauf, und weil die Treppe sehr schwankte, gingen wir auf Zehenspitzen und ohne zu reden, als ob sich dadurch unser Gewicht verringere.
»Meine Herren«, sagte ich, nachdem ich kurz aus dem Fenster geschaut hatte, »es freut mich, Euch vertraulich zu sprechen. Zuerst sollt Ihr wissen, daß ich keine Vorurteile gegen den Deich hege, ganz im Gegenteil, er scheint mir bewundernswert erdacht und ausgeführt. Nachdem ich Euch nun versichert habe, |125|daß ich Eurem Werk in keiner Weise feindlich gesinnt bin, erlaubt mir die Frage: Was wird der Deich nützen?«
Hierauf herrschte eine Weile Schweigen, Métezeau und Thiriot verständigten sich mit Blicken, dann entschloß sich Métezeau zu antworten.
»Herr Graf«, sagte er ernst, »auf Eure Frage gibt es mehrere Antworten. Die erste und vielleicht wichtigste ist, denke ich, die: Seit Buckingham die Insel Ré besetzt hatte, von der die Engländer nur schwer zu vertreiben waren, hat der Herr Kardinal eine bewunderungswürdige Energie entfaltet, um den König mit einer machtvollen Flotte auszurüsten. Zur Stunde ist diese aber noch nicht stark genug, einen englischen Verband, der La Rochelle zu versorgen gedächte, auf offener See zu schlagen. Als Avantgarde jedoch vor unserem Deich und unterstützt von unseren Kanonen, könnte unsere Flotte den Eindringlingen den größten Schaden zufügen. Im übrigen läßt Herr von Bassompierre, wie Ihr wißt, derzeit bei Fort Louis einen neuen Hafen bauen, den Port Neuf. Man braucht die französische Flotte nur dorthin zu verlagern, und sie ist uns nahe genug, zur Verteidigung der Bucht herbeizueilen, sobald englische Schiffe im Bretonischen Pertuis auftauchen. Betrachtet den Deich also als eine unbewegliche Befestigung, Herr Graf, die ein bewegliches Element durch ihre Feuerkraft unterstützen und verstärken kann.«
So geistvoll Monsieur Métezeau auch war, hätte diese Sprache aus seinem Mund mich doch überrascht, wenn ich darin nicht Richelieus Ausdrucksweise und Scharfsinn erkannt hätte. Und als Thiriot das Wort nahm, hatte seine Antwort denselben Tenor.
»Herr Graf«, sagte er, »es gibt noch eine andere Antwort auf Eure Frage. Wenn kein schwerer Sturm kommt, ist der Deich in einem halben Jahr fertig. Sollten die Engländer vorher angreifen, nützt er wenig. Greifen die Engländer im Mai an, wird er von hohem Nutzen sein. Und der Herr Kardinal meint, die englische Regierung stecke in so schweren Geldnöten, daß sie eine große Flotte vor dem Frühling nicht aufbieten kann.«
»Danke, meine Herren«, sagte ich. »Darf ich noch eine letzte, aber nicht weniger wichtige Frage stellen: Kann ein sehr starker Sturm den Deich, vollendet oder nicht vollendet, zerstören?«
»Das Risiko müssen wir eingehen«, sagte Métezeau, »vor allem in den Wintermonaten, und Gott bitten, daß er unseren |126|Deich beschützt, weil nur der Deich dem König zum Sieg verhelfen kann.«
Auf dem Rückweg in der Karosse erschien mir Schomberg noch unwirscher als zuvor. Lange verharrte er in Schweigen.
»Wenn es nicht in Strömen regnet«, sagte er dann, »ist der König jeden Tag auf dem Deich. Er fragt nach allem, kennt sich besser als irgendwer aus. Manchmal packt er sogar bei den Maurern mit an und schichtet die schweren Steine. Da möchte ich bloß wissen, wozu er Euch heute mit diesem Auftrag betraut hat.«
»Herr Marschall«, sagte ich lächelnd, im Gedanken an den armen Thiriot, »kritisiert Ihr den König?«
»Um Himmels willen, nein«, sagte Schomberg, der trotz seines wettergegerbten Gesichts und seines dicken Schnurrbarts plötzlich aussah wie ein ertappter Schüler. »Ich bin ein Dummkopf, Seine Majestät, der König, weiß, was er tut.«
Diese Ergebenheit des alten königlichen Dieners rührte mich, und nachdem ich ihn gestichelt hatte, goß ich ein wenig Balsam auf die Wunde.
»Herr Marschall«, sagte ich, »meine Bemerkung war nur ein Scherz. Natürlich sorgt Ihr Euch um die Zukunft dieser Unternehmung, schließlich seid Ihr ein Pfeiler dieses Staates.«
Der kleine Löffel Honig tat ihm wohl, und er sah mich so treuherzig an wie noch nie.
»Mein Freund«, sagte er nach einer Weile zögernd, »über diesen verflixten Deich gäbe es so viel zu sagen! Dafür wie dagegen. Aber was haltet Ihr nun davon?«
Ich hob die Augen zum ledernen Plafond der Kutsche, zuckte mit den Schultern, öffnete und schloß die Hände zum Zeichen meiner Ungewißheit, was Nicolas, der mir gegenüber saß, sehr amüsierte. Bei der so unvermittelten und naiven Frage des Marschalls hatte es in seinen Augen geblitzt, während sein übriges Gesicht aufmerksam und respektvoll war.
»Was soll ich darauf antworten, Herr Marschall?« sagte ich. »Ich habe jetzt so viele Fakten und Einzelheiten im Kopf, die ich erst einmal sortieren und gründlich bedenken muß, bevor ich mir eine Meinung über den Deich erlauben kann, auf die Seine Majestät selbstverständlich das erste Anrecht hat. Doch sowie er sie kennt, werde ich sie Euch gewiß mitteilen.«
Das war eine kleine Zurechtweisung, aber in so freundschaftlichem |127|Ton und so höflich vorgebracht, daß sie am Leder des Marschalls spurlos abglitt. Und in Coureille trennten wir uns als gute Freunde, nicht ohne erstickende Umarmungen seinerseits, auf die wir, Nicolas und ich, gerne verzichtet hätten. Wir waren froh, wieder auf unseren Pferden zu sitzen, auch wenn sie uns, anders als Schombergs Kutsche, nicht vor Unwetter und spritzendem Schlamm beschützten.
»Herr Graf«, sagte Nicolas, das Gesicht regenüberströmt, »wie kommt es, daß Ihr als Königlicher Rat kein Anrecht auf einen Wagen habt?«
»Weil das Karossenfahren in Anbetracht der verstopften Straßen im Lager nur dem König, dem Kardinal, den Marschällen und dem Herzog vorbehalten ist.«
»Dann geb’s der Himmel«, sagte Nicolas, »daß der König Euch bald zum Herzog macht.«
»Amen«, sagte ich wie jedesmal, wenn mir dieser Titel in den Sinn kam. Insgeheim fand ich, daß Ludwig mich ein bißchen sehr tantalisierte.
Ich fand den König nicht in Aytré – er war, wie Du Hallier mir sagte, zur Inspektion des Hafens gefahren, den Bassompierre bei Fort Louis erbauen ließ. Zum Glück entsann ich mich, daß Du Hallier vom König jüngst zum Feldmeister unter Bassompierre ernannt worden war.
»Herr Feldmeister«, sagte ich, wobei ich seinen neuen Titel schnurren ließ, daß es den Mann wohlig überlief, »beliebt Seiner Majestät auszurichten, daß ich, meinen Auftrag betreffend, einen schriftlichen Bericht abfassen und ihm morgen überreichen werde, und sollte ich die ganze Nacht daran sitzen.«
Über dieses »die ganze Nacht« lachte Nicolas in sich hinein. Ich wartete aber mit der passenden Antwort, bis wir im Sattel saßen.
»Zum Teufel, Nicolas!« sagte ich, »weißt du nicht, daß es am Hof nicht ausreicht, seine Sache gut zu machen, sondern daß man es auch bekanntmachen muß, und zwar so laut und vernehmlich, daß jeder es versteht?«
***
Am Abend freute ich mich, den kleinen Salon wiederzusehen, wo Madame de Brézolles und ich so oft vertraut beim Tee geplaudert |128|hatten. Er war mir zu Ehren festlich mit parfümierten Kerzen erleuchtet, und in dem großen Kamin brannte ein prächtiges Feuer. Verwundert indes, daß Luc bei meiner Ankunft nicht herbeigeeilt war, mich von meinen schlammigen Stiefeln zu befreien, rief ich in die Kulissen, und kurz darauf erschien ein lichtblondes Kind, das mir sanft, aber gar nicht schüchtern sagte, sie heiße Perrette und sei angewiesen worden, mir fortan zu Diensten zu sein.
Ich war baff, und während das Mädchen mir die Stiefel mit einer Kraft und Geschicklichkeit, die ich von ihr nicht erwartet hätte, von den Füßen zog, fragte ich sie, wo zum Teufel Luc denn sei. Da richtete sie ihre süßen blauen Augen auf mich und sagte seufzend, sie wisse es nicht, sie habe ihn den ganzen Tag nicht im Schloß gesehen.
Dann holte sie aus meinem Zimmer reine Strümpfe und Schuhe, so daß dem Teppich keine Gefahr mehr drohte. Ich verlangte Madame de Bazimont zu sprechen, worauf Perrette mir einen tiefen Knicks machte, der mir reiche Einsicht bot, ihr Dekolleté war nicht angetan, Betrachter zu entmutigen. Und anmutig, mit schwingenden Hüften entfernte sie sich, wohl wissend, daß meine Augen ihr folgten.
Offen gestanden, Leser, abgesehen von diesem fast mechanischen Blick, wußte ich nicht, was ich glauben oder denken sollte. Aufs erste sah es so aus, als hätte Madame de Brézolles mir bei ihrer Abreise mit Perrette ein Geschenk machen wollen, damit ich in ihrer Abwesenheit nicht wie ein Mönch in seiner Zelle darben müsse. Wenn das aber eine Großzügigkeit war, nahm sie mir gewissermaßen mit der einen Hand, was sie mit der anderen gab, denn was sie mir nahm – meinen Glauben, daß sie etwas für mich empfände –, hatte tausendmal mehr Gewicht als das Geschenk, das mich über ihre Abwesenheit trösten sollte.
Ich drehte und wendete die Sache in meinem Kopf, kam aber zu keinem Schluß: Wie konnte Madame de Brézolles, die sich wegen meiner Neigung für das gentil sesso so argwöhnisch gezeigt und mir statt einer Kammerfrau einen Kammerdiener gegeben hatte, mir gegenüber auf einmal so gleichgültig geworden sein, daß sie Luc durch ein dermaßen anziehendes Wesen wie Perrette ersetzte?
In dieser Unsicherheit und Verwirrung steckte ich, als gemessenen |129|Schrittes Madame de Bazimont erschien, mir eine halbe Reverenz machte, denn ihre alten Knie erlaubten ihr keine ganze, und mich versicherte, daß sie mir ergebenst zu Gebote stehe.
»Madame«, sagte ich, »wie kommt es, daß Luc nach der Abreise von Madame de Brézolles durch Perrette ersetzt worden ist? Hatte Eure Herrin das angeordnet?«
»Aber nein, Herr Graf. Madame konnte doch nicht voraussehen, daß Luc heute morgen hohes Fieber haben würde mit Husten und Schwäche.«
»Armer Luc! Habt Ihr ihn behandeln lassen?«
»Selbstverständlich, Herr Graf«, sagte Madame de Bazimont. »Wir hier gehören nicht zu den Häusern, die einen Bediensteten, wenn er krank wird, ohne viel Federlesens auf die Straße setzen. Jeder, der auf Brézolles leidet, und sei es der letzte Stallknecht, kann versichert sein, daß Madame de Brézolles sofort einen Arzt für ihn ruft und daß sie den Arzt wie die verordneten Arzneien bezahlt. Und das habe ich an ihrer Statt getan.«
»Was hat der Arzt gesagt?«
»Ach«, sagte Madame de Bazimont, »das war Latein, das habe ich nicht verstanden.«
»Und was hat er gemacht?«
»Er hat Luc zur Ader gelassen und auf Diät gesetzt.«
»Also ist er doppelt geschwächt«, sagte ich, mich der Lehren meines Vaters entsinnend. »Madame de Bazimont, ich möchte Luc sehen.«
»Aber, Herr Graf, ich wage mich nicht in die Kammer des armen Burschen, sonst steckt mich die Luft dort noch mit seiner Krankheit an.«
»Madame«, sagte ich, »Ihr müßt sie auch nicht betreten. Führt mich nur hin, in die Kammer gehe ich allein.«
»Um die Wahrheit zu sagen, Herr Graf, fürchte ich, Madame de Brézolles wird mir zürnen, wenn ich das tue, denn sie hat mir aufgetragen, gut auf Euch achtzuhaben.«
»Wie liebenswürdig von ihr«, sagte ich und verbarg nur mit Mühe meine tiefe Freude. »Da ich mich in Abwesenheit der Hausherrin aber nicht nur für die Sicherheit des Schlosses verantwortlich fühle, sondern auch für alles, was sich hier tut, bitte ich Euch, Madame, meinem Wunsch zu willfahren.«
|130|»Herr Graf«, sagte Madame de Bazimont, beglückt, so höflich zum Gehorsam genötigt zu werden, »beliebt zu glauben, daß ich Euch ergebenst zu Diensten bin.«
Hierauf hieß sie den Pagen einen Leuchter nehmen und erstieg mit kleinen Schritten, nicht ohne Umständlichkeit und einiges Schnaufen, die steile Treppe zum Dachgeschoß, wo das Gesinde hauste. Bei dem Lärm, den wir drei verursachten, schauten auf dem Gang rechts und links hübsche Gesichter aus den Türen, doch verschwanden die Köpfe auf die weniger strenge als mütterliche Ermahnung von Madame de Bazimont hin: »Na na, ihr Mädchen!«, doch wette ich, daß die Ohren an den Schlüssellöchern hingen.
Madame de Bazimont klopfte an die letzte Tür auf dem Gang, öffnete sie, ohne ein Herein abzuwarten, und ließ den Pagen und mich eintreten, während sie vor der Schwelle wartete, ein Spitzentüchlein vor den Mund gepreßt.
Das Kämmerchen war reinlich, aber eiskalt, es hatte nicht einmal eine Feuerstätte. Luc lag mit gerötetem Gesicht da, und seine Stirn fühlte sich heiß an, aber seine Glieder schlotterten nicht. Ich bat ihn, sich aufzudecken, und stellte erleichtert fest, daß sein Körper keinerlei Pestbeulen aufwies.
»Nun, Luc«, sagte ich, »so schlecht geht es dir ja nicht.«
»Meint Ihr, Herr Graf?« sagte Luc, der sich schon auf dem Totenlager wähnte.
»Ich denke nicht. Hast du Appetit?«
»Ein wenig, Herr Graf, aber auf Anordnung des Doktors bekomme ich nichts zu essen.«
»Hast du Durst?«
»O ja, Herr Graf.«
»Frierst du?« fragte ich, denn ich sah, er hatte nur eine Pferdedecke.
»Ein wenig, Herr Graf. Es zieht sehr kalt durch meine zerbrochene Fensterscheibe.«
»Madame«, sagte ich, indem ich mich zu Madame de Bazimont umwandte, »ab jetzt erhält Luc morgens und abends eine kräftige Gemüsesuppe, und am besten gleich.«
»Aber der Arzt hat es verboten«, sagte sie.
»Das Verbot übertreten wir«, sagte ich streng. »Dazu bekommt Luc dreimal am Tag heißen Kräutertee. Und unverzüglich braucht er eine zweite Decke, und noch heute muß seine |131|zerbrochene Scheibe ersetzt werden, und sei es durch ein Stück Karton.«
»Die Scheibe hat er doch selber zerbrochen«, sagte Madame de Bazimont rechthaberisch, »kein Wunder, daß er sich erkältet hat.«
»Dafür ist er genug gestraft«, sagte ich. »jede Sünde bedarf des Erbarmens, Madame.«
»Herr Graf«, sagte Madame de Bazimont, kokett aufseufzend, »ich möchte nicht, daß Ihr mich für unbarmherzig haltet.«
»Meine Beste«, sagte ich milde, »ich bin gewiß, Ihr seid das ganze Gegenteil.«
Daß ich sie vor Luc und dem Pagen »meine Beste« nannte, machte sie überglücklich.
»Ich werde Luc ein wenig Jesuitenpulver geben, das sein Fieber senkt«, fuhr ich fort. »Sollte es morgen trotzdem anhalten, dann bitte ich den ehrwürdigen Doktor Fogacer, Domherr von Notre-Dame zu Paris, unseren Kranken zu besuchen.«
»Ein Domherr und dazu noch Doktor!« schrie Madame de Bazimont auf, »der verlangt doch hohe Bezahlung!«
»Madame, Ihr kennt den Domherrn Fogacer nicht! Er verlangt von Euch nichts wie Gebete.«
»Oh, damit kann ich dienen!« sagte Madame de Bazimont. »Daß es so was gibt, Domherr und Doktor!«
In dem Moment sah ich hinter ihrem Reifrock die reizende Gestalt von Perrette auftauchen.
»Was willst du hier, Perrette?« fragte ich barsch.
»Herr Graf«, sagte sie ungerührt, »da ich dem Herrn Grafen diene, dachte ich, ich könnte dem Herrn Grafen vielleicht nützlich sein.«
»Und deine kleine Nase in alles stecken! Aber wo du einmal hier bist, Perrette, kannst du in der Tat dienlich sein. Lauf in mein Zimmer. In der Schieblade meines Nachttischs findest du eine kleine weiße Schachtel. Aber mach sie nicht auf. Sie enthält das berühmte Jesuitenpulver, für das ich viel Geld bezahlt habe. Wenn du auch nur ein bißchen davon verschüttest, hänge ich dich mit eigenen Händen auf. Bring auch einen kleinen Löffel und einen Becher Wasser mit. Mach schnell.«
»Würdet Ihr mich tatsächlich aufhängen, Herr Graf?« fragte Perrette mit klagender Miene.
|132|»Willst du wohl gehorchen, freches Ding!« sagte Madame de Bazimont. »Aber auf der Stelle!«
Perrette verschwand wie eine Maus im Loch, und Madame de Bazimont schüttelte den Kopf.
»Ich weiß nicht, ob ich recht daran getan habe, Herr Graf, sie in Euren Dienst zu stellen«, sagte sie. »Sie ist flink, ergeben und scheut keine Mühe, gewiß, aber ich finde sie ziemlich unverschämt.«
»Nein, nein, Madame. Ändert Eure Dispositionen nicht. Perrette wird ihre Sache machen. Und was ihre Unverschämtheit angeht, so werde ich sie schon zähmen.«
Perrette brachte das Verlangte, und ich verabreichte Luc das Pulver, der es einnahm wie das heilige Sakrament. Wie meine schöne Leserin weiß, wenn sie den vorigen Band meiner Memoiren gelesen hat, wurde dieses Pulver zuerst von den Indianern und dann von den Jesuiten aus der Rinde eines quinaquina genannten Baumes gewonnen, und es besaß die Wunderkraft, auch das höchste Fieber zu senken. So verließ ich Luc, den allein schon die Hoffnung auf baldige Genesung aufrichtete, und widmete mein Denken während des Abendessens mit Nicolas dem Deich. Dabei konnte ich mich nicht hindern, auch an den langen Winter und die ungewisse Dauer des Krieges zu denken, an mein Gut Orbieu, an Madame de Brézolles und – Gott verzeih mir’s – an die unverschämte Perrette.
Und kaum hatte ich, ohne mich lange beim Tee zu verweilen, weil ich müde war, den Weg zu meinem Zimmer zurückgelegt, tauchte sie wie aus dem Nichts auf und öffnete mir die Tür.
»Was machst du hier, Perrette?« fragte ich.
»Meine Pflicht tun, Herr Graf, und Euch beim Auskleiden helfen.«
Das tat sie vor einem prasselnden Feuer mit einer Behendigkeit, die ihre Vertrautheit mit männlichen Kleidern bewies. Doch anders als bei Luc, waren ihre Handgriffe zart, feinfühlig und nahezu liebkosend. Sie war einen Kopf kleiner als ich, und da sie mich von oben bis unten mit einer so schmachtenden Miene betrachtete, daß ich meinen Blick niederschlug, fiel dieser auf ihr großzügiges Dekolleté.
Sobald ich in meiner natürlichen Blöße dastand, fand sie, ich hätte wegen des Feuers geschwitzt, und begann mich mit einem |133|Handtuch von Kopf bis Fuß abzureiben. Sie tat es so kraftvoll und sanft, daß mich höchstes Wohlbehagen erfüllte, gleichzeitig hielt sie mir endlose Lobreden auf meine Reinlichkeit – die meisten Männer seien Schmutzfinken, behauptete sie –, auf meine Proportionen, mein Aussehen, meine Haut und meinen Körperbau. Noch eine Minute weiter so mit Stimme und Hand, und es wäre um mich geschehen gewesen, sie hatte mich ganz erweicht, wenn das auch nicht der treffende Ausdruck für meinen Zustand war. Doch ich raffte mich, sagte, ich sei zu müde, und schickte sie dankend fort, zufrieden mit mir, aber nicht glücklich, sie meinem Lager ferngehalten zu haben, wenn auch nicht meinen Gedanken, denn schlaflos nun und in Fleischespein, mußte ich mich fragen, ob es klug gewesen war, der Versuchung zu widerstehen.
Immerhin, schöne Leserin, so teuer Ihre Wertschätzung mir auch ist, will ich hier nicht den Heuchler spielen und mich mit Verdiensten brüsten, die ich nicht habe. Denn, ehrlich gesagt, nicht aus Tugend schickte ich Unbefriedigter Perrette unbefriedigt fort. Es war Vorsicht, nichts wie Vorsicht, die mir den traurigen Mut zu diesem Schritt gab. Das Frauenzimmerchen plapperte zuviel, und ich mußte gewärtig sein, daß sie, auch gegen mein Verbot, sich nicht eben kurz fassen würde, unsere Liebelei beim ganzen Gesinde herumzuerzählen. Die Geschichte käme Madame de Bazimont zu Ohren, mithin Madame de Brézolles, und sie würde mir diesen Verrat nie und nimmer verzeihen.
Um kein zweites Mal in Versuchung zu geraten, entschloß ich mich, Madame de Bazimont am nächsten Morgen zu bitten, mir bis zu Lucs Genesung einen anderen Diener zu geben. Was ich dann auch tat, ohne daß ich mich jedoch über Perrette beklagte, vielmehr lobte ich sie sehr, sagte aber, es erscheine mir doch ein wenig unschicklich, mich von einem Weib entkleiden zu lassen. Madame de Bazimont lobte meine Skrupel, faßte eine Meinung von mir, die ich nicht verdiente, und gab mir François, einen dicken Jungen vom Land. Er war so ungeschickt mit seinen groben Fingern, wie Perrette geschickt gewesen war und noch viel geschickter gewesen wäre, hätte ich sie machen lassen.
Weil ich nun hierin so tugendhaft war, mochte ich es auf einem anderen Gebiet nicht auch noch sein. Ich schrieb für den |134|König keinen Bericht über den Deich, schließlich hatte er es nicht verlangt. Außerdem entging ich dadurch der Gefahr, den Kardinal zu verärgern, wenn ich ihn in seinen exakten Darlegungen nachzuahmen versuchte.
Nach all diesen Entschlüssen bemühte ich mich einzuschlafen, was mir nicht leichtfiel. Meine gute Tat lag mir auf der Seele, und ich war mir sicher, wenn in den kommenden Jahren der Name oder das frische Gesicht Perrettes aus meiner Erinnerung auftauchen würde, so würde es wohl von dem reißenden Bedauern begleitet sein, das eine verpaßte Gelegenheit ein Leben lang hinterläßt.
***
Kaum erschien ich anderntags zum Lever des Königs, entsandte Seine Majestät einen berittenen Boten nach Pont de Pierre, den Kardinal um sein Kommen zu ersuchen. Dann setzte er sich zum Frühstück, das aus einer großen Schale Milch und einem Dutzend, jawohl einem Dutzend, großer Butterschnitten bestand. Doktor Héroard, der recht hinfällig wirkte und sich kaum auf den Beinen hielt, sah wortlos zu, wie Ludwig diese gargantueske Mahlzeit verschlang. Wäre mein Vater an Héroards Stelle gewesen, hätte er der königlichen Gefräßigkeit Einhalt zu gebieten versucht, weil der arme Ludwig so oft und schwer an Unverträglichkeiten der Gedärme litt. Alle seine bisherigen Krankheiten rührten von dieser Leibschwäche her, und nach Ansicht meines Vaters hätte maßvolleres Essen sein Befinden verbessert und ihm vielleicht sogar ein längeres Leben beschert.
Der Kardinal kam. Ziemlich rauh kürzte der König seine Reverenzen und Begrüßungen ab und zog sich mit Richelieu und mir in ein benachbartes kleines Kabinett zurück, in dessen Kamin ein helles Feuer lohte. Welch eine Wohltat, dieses Feuer, denn es war Mitte Januar und das Wetter frostiger denn je. Nicht, daß es schneite, aber der Wind war scharf und eisig, und es regnete fast ununterbrochen, so daß das Feldlager, wie gesagt, ein einförmiger düsterer Sumpf unter einem einförmig düsteren Himmel war. Nur selten einmal riß er ein wenig auf, die Sonne hindurchzulassen und die Herzen zu erwärmen, wenn auch nicht die Glieder, dazu waren ihre Strahlen zu schwach.
Ich hatte erwartet, daß der König mir gleich das Wort erteilen würde, schließlich hatte er den Kardinal extra holen lassen, um |135|mich anzuhören. Dem war nicht so. Die Augen starr zu Boden gerichtet, schien er ganz in Verdruß und Melancholie versunken.
Es war für niemanden ein Geheimnis: Er liebte weder Aytré noch das Aunis noch die Küste. Es sei »eine üble Gegend«, sagte er, man lebe in ewigem Dreck, das Klima sei gräßlich, die Luft feucht und verdorben, er könne das alles nicht mehr ertragen, es töte ihn.
Was er nicht sagte, was aber ebenso zutraf, war, daß er sich nach Paris sehnte, nach seinem Louvre mit den schönen Sälen, den Aussichten auf die Seine, und daß er auch seine Gitarre, sein Zeichnen, sein Komponieren vermißte, vor allem aber seine Jagden, seine wunderbaren Jagden, in den Wäldern von Fontainebleau, von Rambouillet oder im Gehege Le Pecq, wo es so viele Hirsche wie Hasen gab.
Vor Unzufriedenheit wurde er bitter, hatte an allem zu kritteln, rüffelte seine Marschälle für jedes kleine Versehen, tadelte seine Entourage und zeigte sogar dem Kardinal ein finsteres Gesicht.
Nachdem er Richelieu und mich eine Zeitlang diesem unbehaglichen Schweigen ausgesetzt hatte, tat er endlich den Mund auf.
»Was ist, Orbieu?« sagte er harsch. »Worauf wartet Ihr? Fangt an!«
Es war eine Anrede, daß mir der Schnabel gefror. Frostig nannte er mich »Orbieu« und nicht wie seit Kinderzeiten herzlich »Sioac«. Und er warf mir vor, nicht zu reden, hatte mir aber gar nicht das Wort erteilt.
Hier stieß Richelieu, ohne mich irgend anzublicken, einen leisen Seufzer aus, als wollte er mir zu verstehen geben, daß ich nicht der einzige sei, der unter der Laune des Königs litt, und ermutigte mich durch ein kleines Kopfnicken zu sprechen.
»Ihr wackelt mit dem Kopf, mein Cousin!« sagte Ludwig böse. »Fühlt Ihr Euch zu alt oder zu schlecht, diese Belagerung länger durchzustehen?«
»Keineswegs, Sire«, sagte Richelieu mit engelhafter Demut. »Ich fühle mich, Gott sei Dank, recht leidlich. Und sollte die Belagerung zehn Jahre dauern wie die von Troja, und Ihr würdet befehlen, sie fortzusetzen, so würde ich gehorchen.«
Hierauf antwortete Ludwig mit keiner Silbe, sondern wandte sich in bissigem Ton an mich.
|136|»Und Ihr, Orbieu, seid Ihr hier, daß man Euch anstarrt oder anhört?«
»Sire, Eurem Befehl gehorsam, will ich Euch denn meine Gedanken über den Deich unterbreiten, den Eure Majestät zwischen Coureille und Chef de Baie errichten läßt.«
»Den Deich kenne ich«, sagte Ludwig ruppig. »Ich habe eigenhändig daran mitgearbeitet. Ich will keine Beschreibung des Deichs, Orbieu. Ich will wissen, ob Ihr ihn für nützlich haltet. Und das so kurz wie möglich.«
Es gelang mir, mich kurz zu fassen, so erregt ich auch war. Wenn der König in seiner unwirschen Laune vielleicht wünschte, daß ich die Nützlichkeit des Deiches bestreiten und Richelieu damit einen Stich versetzen würde, so mußte ihn meine Antwort enttäuschen. Es unterliege keinem Zweifel, sagte ich, daß der Deich vortrefflich erdacht sei und ausgeführt werde und somit eine überragende strategische Aufgabe erfüllen könne. Dem aber drohe Gefahr von zwei Widrigkeiten: Sollten die Engländer vor dem Frühling angreifen, wäre der Deich noch nicht vollendet.
»Darf ich etwas dazu anmerken, Sire?« sagte Richelieu unterwürfig.
»Ich höre.«
»Ich gehe jede Wette ein, Sire, daß die Engländer vor dem Frühling nicht angreifen. Sie haben keinen blanken Heller mehr. Um eine neue Armada auf den Weg zu bringen, müssen sie alles zusammenscharren, und das braucht Zeit.«
»Die zweite Widrigkeit, Orbieu!« sagte der König.
»Wir haben Winter, Sire, und ein schwerer Sturm kann den Deich jederzeit teilweise oder ganz zerstören. Aber, Sire, darf ich diesen Feststellungen ein Wort hinzufügen, das nicht von mir stammt, sondern von Eurem königlichen Vater?«
»Ein Witz?« fragte Ludwig argwöhnisch. »Ihm werden so viele zugeschrieben, die nicht von ihm sind. Woher habt Ihr den?«
»Sire, es ist kein Witz, sondern eine Maxime. Und ich habe sie vom Marquis de Siorac, der sie mit eigenen Ohren hörte.«
»Die Quelle gilt. Fahrt fort.«
»Als Sully einen seiner Feldzugspläne kritisierte, antwortete Euer königlicher Vater: ›Das ist richtig, aber im Krieg muß man viele Dinge dem Zufall überlassen.«
|137|»Weiß Gott«, sagte Ludwig, »wie viele Dinge und Gelder man bei diesem Deich dem Zufall überläßt!«
Und hierauf, vielleicht, weil ich an seinen Vater – seinen Helden und sein Vorbild – erinnert hatte, wurde er ein wenig gnädiger gestimmt.
»Danke, Sioac. Ich hatte recht, deinem Urteil zu vertrauen.«
Dann verharrte er, die Augen gesenkt, in langem Nachdenken. Ich fragte mich, an was oder wen er wohl dachte. An seinen Vater, dem er in allem nachzueifern trachtete, außer in seinem losen Lebenswandel? Oder an seine Mutter, diese lieblose, aufbrausende, züchtigende und beschränkte Rabenmutter? War es ihre Schuld, daß Ludwig dem liebenswerten Geschlecht so wenig Liebe entgegenbrachte, das für ihn von klein auf nur das böse Geschlecht gewesen war, das ihn auf immer jeder Zärtlichkeit für die charmantere Hälfte der Menschheit beraubte und die eheliche Liebe schließlich auf eine dynastische Pflicht begrenzte, die er gewissenhaft, aber freudlos und lustlos fünf-, sechsmal im Monat erfüllte? Aber, offen gesagt, welcher König hätte auch eine Königin innig zu lieben vermocht, die sich einem Komplott zu seiner Ermordung geliehen hatte, um danach seinen Bruder ehelichen zu können?
Auch Richelieu hielt die Augen gesenkt, aber ebenso wie seine Katze brauchte er nicht aufzusehen, um die Stimmung seines Gebieters zu erspüren, in der, wenn auch gemildert, noch immer das vorangegangene Gewitter nachschwang. Nachdem meine Ausführungen beendet waren, hatte der Kardinal mir einen raschen, einverständigen Blick gesandt, und ich wußte nun, daß er mit dem, was ich über den Deich gesagt hatte, sehr zufrieden war. Denn aus den verzweifelten Klagen des Königs über den Ort, das Klima und die Langeweile, die er hier empfand, hatte Richelieu natürlich herausgehört, daß Ludwig in seinem Entschluß schwankte, die Arbeiten am Deich fortzuführen – einem vielleicht bodenlosen Schlund, der unnütz Mühen und Gelder verschlang –, vor allem aber, daß die Versuchung in ihm wuchs, alles stehen- und liegenzulassen und nach Paris heimzukehren.
»Mein Cousin«, sagte der König, aus seinem Brüten auftauchend, »ich erhielt heute morgen ein Sendschreiben der verwitweten Herzogin von Rohan. Ich möchte, daß Ihr es lest.«
|138|»Sire«, sagte ich, weil dieser Brief mich nicht betraf, »darf ich mich entfernen?«
»Warte, Sioac«, sagte Ludwig, »du bist Mitglied meines Rats, und wenn mein Cousin, der Kardinal, seine Ansicht geäußert hat, sollst du mir deine sagen.«
Damit zog Ludwig aus der Innentasche seines Wamsärmels den Brief der Herzogin und gab ihn dem Kardinal, der ihn zunächst überflog und dann langsam durchlas, um sicherzugehen, daß ihm keine Einzelheit des Inhalts entglitt.
»Mein Cousin, was haltet Ihr davon?« sagte der König mit einiger Ungeduld, doch ohne seine vorige Gereiztheit.
»Sire, die Bitte, welche die verwitwete Frau Herzogin von Rohan in diesem Schreiben an Euch richtet, erscheint mir sehr sonderbar, um nicht zu sagen unziemlich. Sie hat die Kühnheit, Euch zu ersuchen, Ihr mögt den Weibern und Kindern der Rochelaiser erlauben, die Mauern ihrer Stadt zu verlassen, damit sie nicht länger die Nöte der Belagerung erleiden müssen. Statt dieser Bitte möchte ich Eurer Majestät folgende Bemerkungen unterbreiten: Primo, nicht allein auf Grund ihrer Familie, sondern auch ihrer Überzeugungen gehört die verwitwete Herzogin von Rohan zu dem Personenkreis, den Eure Erklärung vom fünfzehnten August 1627 bezeichnet, die Ihr selbst verfaßt habt und aus der ich, wenn Ihr erlaubt, Sire, zitiere: ›Soubise und alle Franzosen, die zur englischen Partei gehören oder sich ihr anschließen, sie begünstigen oder unterstützen, werden als Rebellen, Verräter und ihrem König Abtrünnige betrachtet, als Deserteure ihres Vaterlandes, schuldig des schwersten Majestätsverbrechens.‹«
»Mein Cousin, Ihr kennt meine Erklärung auswendig?« fragte der König.
»Allerdings, Sire, weil diese Erklärung höchst entscheidend ist. Sie stellt Euer gutes Recht dar und folglich die Legitimität Eurer Expedition gegen die Rebellen. Mit dieser Erklärung sind drei des Majestätsverbrechens Schuldige erfaßt: Soubise namentlich, nicht namentlich der Herzog von Rohan, der zur Zeit das hugenottische Languedoc mit Waffengewalt gegen Euch zu erheben versucht, und schließlich die verwitwete Herzogin von Rohan, die in den Mauern von La Rochelle die Seele der Rebellion ist. Wie ihre beiden Söhne ist sie hauptverantwortlich dafür, daß die Rochelaiser uns den Krieg erklärten, indem |139|sie als erste den ersten Kanonenschuß gegen das Fort abfeuerten, Sire, das Euren Namen trägt. Hätte Frau von Rohan nicht, bevor sie diesem verhängnisvollen Kanonenschuß zustimmte, bedenken müssen, daß sie die Weiber und Kinder von La Rochelle auf viele Monate den schlimmsten Leiden und Nöten aussetzte? Und wenn sie Euch jetzt zu bitten wagt, diese Weiber und Kinder aus den Mauern herauszulassen, spricht sie dann wahrhaftig im Namen der christlichen Barmherzigkeit, oder will sie La Rochelle nicht eher von unnützen Mäulern befreien und dank Eurer einen Vorteil einstreichen, der die Belagerung ins Endlose verlängert?«
»Mein Cousin«, sagte der König, »Ihr meint also, man soll Frau von Rohan ihre Bitte klipp und klar abschlagen?«
»Nein, nein, Sire, nicht klipp und nicht klar. Euer königlicher Vater pflegte oft zu sagen, daß man mit einem Löffel Honig mehr erreicht als mit einer Tonne Essig.«
»Und woher nehmen wir den Honig, mein Cousin, wenn wir der Dame ihre Bitte verweigern?«
»Oh, ganz einfach, Sire! Wir sagen ihr, daß die Gesetze des Krieges es verbieten, die unnützen Mäuler aus La Rochelle herauszulassen. Dafür seien wir aber bereit, wenn sie es wünsche, ihr einen Passierschein auszustellen, mit dem sie sich aus der belagerten Stadt auf ein Schloß ihrer Wahl zurückziehen könne.«
»Allewetter, mein Cousin, das ist gut!« sagte der König, um dann mit zweifelnder Miene fortzufahren, »aber glaubt Ihr denn, die Herzogin wird den Vorschlag annehmen?«
»Keinesfalls, Sire. Die Dame hat eine hohe Meinung von sich. Sie sieht sich als die Vestalin von La Rochelle. Und ihre historische Rolle wird sie nicht verleugnen wollen. Aber sie wird Euer großmütiges Anerbieten überall bekanntmachen, und sei es nur, damit man ihr Verdienst anerkenne, es ausgeschlagen zu haben. Und somit kann niemand in La Rochelle sagen, Ihr wäret erbarmungslos. Ihre Ablehnung wird die Eure vergessen machen.«
»Sioac«, sagte Ludwig, »was hältst du von dem Plan?«
»Er ist ausgezeichnet, Sire.«
»Wärest du bereit, Madame de Rohan die Botschaft zu überbringen?«
»Gewiß, Sire, wenn Ihr es befehlt.«
»Ich befehle es. Am besten, wir machen es so«, sagte Ludwig |140|entschlossen, »Kanzler Marillac schreibt dem Bürgermeister von La Rochelle und seinem Rat und verlangt Einlaß für dich und deinen Junker, damit du der Herzogin von Rohan eine mündliche Botschaft von mir übermitteln kannst.«
»Eine mündliche, Sire?«
»Ja. Bei einem Brief kämen Stadtrat und Bürgermeister vielleicht in Versuchung, ihn zu kassieren. Weiß ich denn, ob sie sich nicht getrauen, dich zu durchsuchen? Auf alle Fälle können sie bei einer mündlichen Botschaft nicht in deinem Kopf lesen.«
»Sie könnten aber fragen, welchen Inhalts die Botschaft ist.«
»Dann sagst du, es sei eine Botschaft der Zuneigung und des Mitgefühls, welche ich meiner Cousine von Rohan entbiete, im übrigen stünde es der Herzogin frei, sie dem Stadtrat bekanntzugeben.«
***
Als wir, Nicolas und ich, zurückkehrten nach Saint-Jean-des-Sables, geschah etwas Außerordentliches. Plötzlich besserte sich das Wetter. Die dicken schwarzen Wolken, die seit Wochen wie ein niedriges Gewölbe über unseren Köpfen gehangen, uns des Anblicks der Sonne beraubt und genötigt hatten, in andauernder Dämmerung zu leben, wurden gegen Abend auf einmal hinweggeblasen, wahrscheinlich von einem heftigen Wind in zu großer Höhe, als daß wir ihn auf der Erde bemerkt hätten. Nahezu gleichzeitig und zu unserer freudigen Überraschung erschien am klaren Himmel ein ungemein leuchtender Mond, der uns, zu Recht oder Unrecht, viel größer und näher erschien als sonst.
Nicolas und ich zügelten unsere Pferde, um diese unglaubliche Schönheit in Ruhe zu betrachten, und ebenso bewegt und überwältigt wie wir durch dieses Schauspiel von gleichsam überiridischer Majestät, kam schließlich das ganze Hin und Her von Gefährten, Berittenen und Fußgängern auf dem Hohlweg zum Erliegen, alles hatte nur noch Augen für diesen so großen, so schönen Mond, der eine solche Helle verbreitete, daß man bequem ein Buch hätte lesen können.
Doch was dann geschah, erfüllte uns in einem solchen Maße mit Furcht und Schrecken, daß einige von uns Pferde und Wagen ließen, wo sie waren, und sich im nächstgelegenen Graben |141|verbargen, wo er am tiefsten war. Ein breiter Flecken, nicht schwarz, aber schwärzlich, wie dichter Rauch, zeigte sich an der oberen Seite des Mondes und begann sich immer mehr auszubreiten, bis er ihn allmählich fast vollständig überdeckte. Fast sage ich, denn im selben Moment begannen seine Ränder in einem seltsamen rötlichen Licht zu flammen, so als geriete der Mond durch das ihn verdeckende Ungeheuer in Brand. Von überall, aus den tiefsten Gräben, ertönten Schreckensschreie, Klagen, Gebete und düstere Weissagungen. Wenn der Mond brannte, wie es ganz den Anschein hatte, würde auch die Sonne verbrennen, und die Erde fiele in eisige Finsternis, und es wäre das Ende der Welt und der Menschheit.
Diese Tollheit dauerte nicht, denn der Mond löste sich nach und nach aus dem ihn verhüllenden Schatten, und sein Wiedererscheinen hätte die Geister vielleicht zu beruhigen vermocht, wäre da nicht ein mächtiger Wind aufgekommen, gefolgt von einem furchtbaren Unwetter. Als wir, blind von Regen und Blitzen, endlich Saint-Jean-des-Sables erreichten, hörten wir, noch bevor wir sie sahen, riesige Wogen ans Ufer schlagen. Höchst unbesonnen ritten wir ihnen am Strand entgegen, doch plötzlich scheuten die Pferde und machten von sich aus so jählings kehrt, daß es mich fast aus dem Sattel warf, weil ich die Zügel losgelassen hatte, und sie galoppierten in aller Hast über den Sand, bis sie festen Boden erreichten – nicht ohne Grund, denn eine Riesenwelle, die ihr Instinkt weit vorher gewittert hatte, fegte ihnen von hinten die Beine bis an den Bauch, die darauffolgende Brandung riß sie mehrere Schritte zurück, doch zum Glück, ohne sie umzustürzen. Nach überstandener Gefahr mußten wir sie nicht spornen, sondern vielmehr zügeln, denn sie jagten wie wildgeworden bis zum Schloß Brézolles.
Wir fanden den Pferdestall in hellem Aufruhr, nicht allein wegen der Mondfinsternis, sondern auch wegen des wütenden Windes und der Blitze. Die Pferde wieherten aufgeregt, schlugen mit den Hufen gegen die Verschläge, die sie voneinander trennten, und unsere Schweizer rannten in alle Richtungen, die Leinen zu lockern, die Riegel zu sichern und die Luken unterm Dach mit Stroh zu verstopfen. Wir übergaben ihnen unsere Tiere zum Abreiben, und wenig darauf ließ ich Hörner fünf Flaschen meines Loire-Weins bringen, um ihn und seine Männer nach den ausgestandenen Schrecken und Mühen und all der Kälte zu erquicken.
|142|Im Schloß, wo wir endlich wassertriefend und nahezu taumelnd Zuflucht suchten, wirbelte ebenfalls alles durcheinander, Diener liefen hierhin und dorthin, um Türen, Fenster und Läden zu schließen oder zu befestigen, Kammerfrauen, die für die Diener einspringen mußten, schleppten Scheite in die Zimmer, um Feuer zu machen. Madame de Bazimont, die als einzige in dem allgemeinen Drunter und Drüber die Ruhe zu bewahren schien, sagte, ich könne mir eine gute Stunde Zeit lassen bis zum Abendessen, sie habe den ehrwürdigen Doktor und Domherrn Fogacer, der gekommen sei, Luc zu behandeln, dazu eingeladen, auch zum Übernachten, denn sie wolle nicht, daß er bei diesem grausamen Sturm den Rückweg antrete.
Der Sturm legte sich späterhin ebenso plötzlich, wie er aufgekommen war. Trotzdem blieb Madame de Bazimont bei ihrer Entscheidung, Fogacer über Nacht dazubehalten. Sie schien völlig in ihn vernarrt, nur ein Glück, dachte ich, daß Fogacer keine Frauen liebte – nicht fleischlich jedenfalls –, denn er besaß eine solche Gabe, sie zu bezaubern, daß er sich mehrfacher Verdammnis ausgesetzt hätte, seit er der Kirche diente. Madame de Bazimont fügte hinzu, daß François mich diesmal nicht zum Essen umkleiden könne, weil er beschäftigt sei, die Fensterläden festzumachen, sie schicke mir aber jemand anderen, ich würde gewiß zufrieden sein.
In meinem Zimmer nun, weil ich nicht auf den angekündigten Diener warten wollte, häufte ich mit eigenen Händen Scheit auf Scheit, um mir ein tüchtiges Feuer zu machen. Dann leuchtete mir die Idee, mir die nassen Stiefel, die voll eiskalten Wassers waren, selbst auszuziehen, und die Operation gelang mir mit einer Leichtigkeit, die mich um so mehr verwunderte, als ich sie noch nie probiert hatte.
Wahrhaftig, sagte ich mir, außer wenn einem Edelmann der Küraß angeschnallt oder einer Dame die Baskine im Rücken geschnürt werden muß, um ihren Busen zu stützen, braucht es eigentlich die Hilfe eines Junkers oder einer Zofe nicht. Und den Gedanken fortführend, was mir bis zu dem Tag noch nie geschehen war – die Gewohnheit macht uns ja blind für den Sinn der Dinge –, kam ich zu dem Schluß, daß wir diese Dienste lediglich fordern, um unseren Rang darzustellen, denn beurteilt man die Bedeutung eines Hauses nicht nach der Zahl seines Gesindes?
Ich durchschweifte meine Erinnerung und verhielt voll |143|Rührung bei dem Schauspiel, das mir in jungen Jahren einst die Herzogin von Guise bot, als sie mich ihrer Toilette beiwohnen ließ. Sie hatte dabei nicht weniger als acht Kammerfrauen beschäftigt. Eine hielt die Nadeln, die sie nach und nach der Friseuse reichte, die andere hielt Bleiweiß und Puder für die Schminke bereit, eine andere brachte das glühende Brenneisen herbei, um die Stirnhaare zu Löckchen zu kräuseln, die nächste holte die Schachtel mit den Mouchen, die sie im Gesicht plazierte, eine wieder andere, die kaum ins Auge fiel, beschnitt Ihrer Hoheit die Fußnägel, eine weitere salbte die herzoglichen Hände, und die letzte wartete mit dem Schmuck, bis Frisur, Schminke und andere Prozeduren beendet waren.
Fast war das Heldenwerk vollbracht, mich eigenhändig zu entkleiden, da klopfte es. Vermeinend, es sei der versprochene Diener, öffnete ich in meinem Adamskostüm die Tür. Und wer stand vor mir, blauäugig und blond, mit blitzblankem Gesicht und so wohlversehen von der Natur?
»Perrette«, sagte ich baff, »was führt dich her?«
»Aber, Herr Graf«, sagte sie vorwurfsvoll, »Ihr habt Euch ganz allein ausgekleidet?« Und anscheinend war sie weniger schockiert von meiner Blöße als von meiner Mißachtung der Rechte, die meinem Rang gebührten.
»Verflixt!« sagte ich, etwas verdattert, mich bei einer Kammerfrau für mein Handeln entschuldigen zu müssen, »ich hätte mir den Tod geholt in meinen nassen Kleidern und Stiefeln!«
»Tausendmal um Vergebung, Herr Graf, daß ich zu spät komme«, sagte Perrette, »aber das ganze Haus steht Kopf, so viele Ritzen und Spalte sind zu stopfen, und Madame de Bazimont wußte sich keinen anderen Rat als, entgegen Euren Grundsätzen, denn doch mich herzuschicken.«
Ich bezweifelte nicht, daß Perrette dieses »entgegen Euren Grundsätzen« von Madame de Bazimont übernommen hatte, obwohl auch sie ein gutes Französisch sprach, immerhin war sie von früher Jugend auf mit hochgestellten Damen umgegangen und hatte deren Ausdrucksweise, Sitten und Vorurteile übernommen.
»Herr Graf«, fuhr sie fort, »Ihr seid aber noch ganz feucht, wenn Ihr erlaubt, reibe ich Euch vor dem Feuer trocken.«
Was sie mit einer Geschicklichkeit und Energie tat, die mich beglückten, und ich machte ihr dazu ein Kompliment.
|144|»Und trotzdem, Herr Graf, behagt Euch meine Person so wenig, daß Ihr meine Dienste im Namen Eurer Grundsätze ablehnt.«
»Zum Teufel mit den Grundsätzen!« sagte ich. »Die Wahrheit ist die, Perrette: Ich wollte dich nicht als Dienerin, weil du mir, im Gegenteil, viel zu gut behagst.«
Sie erstarrte, die Bürste in der Hand, und schaute mich aus freudeblitzenden Augen an.
»Ich behagte Euch viel zu gut?« fragte sie. »Und wieso?«
»Weil ich fürchtete, wenn wir zur Sache gekommen wären, hättest du es deiner besten Freundin ausgeplaudert, und dann wüßte es jetzt das ganze Gesinde.«
»Ich habe nur eine beste Freundin: mich«, sagte Perrette, »und sogar mir sage ich nicht alles.«
Ich mußte hellauf lachen, wie aufgeräumt und gewitzt die Kleine war.
»Demnach«, sagte ich, »hast du wohl gute Gründe, so verschwiegen zu sein.«
»Sicher, Herr Graf«, sagte sie mit einer kleinen Grimasse, »ich bin einem Matrosen in Nantes versprochen.«
»Wie, versprochen?«
»Na, Ostern vor Palmsonntag. Anders hätte er mich nicht gewollt, ich habe keinen blanken Heller.«
»Hast du wenigstens sein festes Wort?«
»Doch, Herr Graf, nachher und vor Zeugen.«
»Und du bist nicht schwanger geworden?«
»Die Vorsehung hat mich beschützt.«
»Und du hast keine Angst, die Vorsehung mit mir aufs neue herauszufordern?«
»Nein«, sagte sie lachend, »bei Euch, Herr Graf, ist doch keine Gefahr.«
»Woher weißt du denn das?«
»Von Franchon.«
»Franchon? Wer ist Franchon?«
»Na, die Zofe, die Madame de Brézolles mitgenommen hat nach Nantes.«
»Und was hat sie dir erzählt?«
»Daß sie von Nicolas gelernt hat, welche Kräuter man nimmt und was man damit macht, und daß Ihr das Nicolas beigebracht habt.«
|145|»Franchon ist nicht so verschwiegen wie du gegen deine beste Freundin.«
»Sie hat ja auch keinen Verlobten.«
»Liebst du deinen?«
»Ehrlich gestanden, nicht so sehr. Er ist grob, trinkt über seinen Verstand, hurt und streut sein Geld in alle Winde. Aber verglichen mit anderen, ist er noch ganz gut.«
»Und warum willst du ihn heiraten, wenn du ihn so wenig liebst?«
»Wer will schon in meinem Alter Jungfer bleiben und von allen verachtet sein? Welche Wahl hat denn ein Mädchen, das so arm ist, daß es nur eines zu vergeben hat? Wenigstens kann mein Mann mir nicht zu lästig fallen: Von zwei Monaten ist er einen auf See.«
Ich war heiß gebürstet und setzte mich in meinen Lehnstuhl am Feuer. Ich sah Perrette nun zum zweitenmal, ging es mir durch den Sinn, und wußte binnen zehn Minuten alles über ihr Leben, während Madame de Brézolles mir vor ihrer Abreise sowohl den genauen Anlaß ihres Prozesses verhehlt hatte wie auch den großen Trumpf, der sie so sicher machte, ihren Prozeß zu gewinnen. Ob ich wollte oder nicht, mußte ich mir eingestehen, daß die hohe Dame, die ich liebte, weniger offen war als die Soubrette. Trotzdem liebte ich sie und würde sie wahrscheinlich heiraten, wenn sich all diese kleinen Geheimnisse einmal erhellten. Aber war es nicht ein Jammer, daß ich ihr immer noch nicht so vertrauen konnte, wie es eine Liebe braucht, wenn sie wachsen und dauern soll?
Es machte mich traurig, wie Perrette ihre Zukunft beschrieben hatte, und ohne sich zu beklagen. Noch härter als in Orbieu stand mir das Los eines Mädchens vor Augen, dem all sein Verdienst nichts nützte, weil es keinen entsprechenden Rang und kein Vermögen besaß.
»Kind«, sagte ich sanft, »ich will dich nicht vertreiben, aber was willst du noch hier?«
»Aber, ich muß Euch doch zum Souper ankleiden.«
»Richtig«, sagte ich. »Das hatte ich vergessen. Setz dich, Perrette.«
Sie nahm auf dem Schemel zu meinen Füßen Platz, und weil sie spürte, daß ihr Los mir naheging, lehnte sie ihren Kopf an meine Knie.