|146|SECHSTES KAPITEL

Am Tag nach der Mondfinsternis, dem zweiundzwanzigsten Januar, gelang es einem unserer Spitzel, sich gegen Abend aus La Rochelle hinauszustehlen und ins königliche Lager zu gelangen. Niemand kannte ihn, und Hauptmann von Bellec, der ihn bei seiner Patrouille ohne Passierschein antraf, wollte ihn ohne viel Federlesens aufknüpfen lassen. Der Unglückliche berief sich auf mich als jemanden, der bestätigen könne, wer er sei. Man führte ihn mir vor, als ich eben mit Nicolas aufsitzen wollte, um mich nach Pont de Pierre zu begeben, und tatsächlich erkannte ich in ihm den Barbier Pottieux, dessen handwerkliche Dienste ich seit meiner Ankunft im Feldlager mehrfach in Anspruch genommen hatte.

Der Mensch hatte ein derart schiefes, schnüfflerisches und hinterhältiges Gesicht, daß man ihm sogar mißtraute, wenn er die Wahrheit sprach.

»Herr Graf«, sagte Bellec, seine Autorität ausspielend, »die Tatsache, daß dieser Barbier Euch das Haar geschoren hat, bedeutet noch längst nicht, daß ich ihn ungeschoren lasse. Er hat sich hier ohne Passierschein eingeschlichen, wer traut schon einem aus diesem hugenottischen Wespennest!«

»Herr Hauptmann«, sagte ich, »Pottieux ist keine Wespe, er ist ein besonderer Vogel aus dem Umkreis des Herrn Kardinals.«

»Und was tut er da?« fragte Bellec, etwas vorsichtiger geworden.

»Er flötet ihm im Vertrauen dies und jenes, was den Kardinal höchlich interessiert.«

»Und wenn besagter Vogel auch den Hugenotten flötet, was er hier im Lager hört und sieht?«

»Kann sein, daß auch das dem Kardinal dienlich ist, vor allem, wenn es sich um Falschmeldungen handelt.«

»Das ist mir zu hoch, Herr Graf«, sagte Bellec. »Könntet Ihr |147|nicht den Kerl übernehmen und ihn persönlich dem Herrn Kardinal übergeben?«

»Hauptmann, es ist zwar nicht mein Auftrag, doch denke ich dem König zu dienen, wenn ich Eure Bitte erfülle. Ihr dürft mir Euren Gefangenen übergeben und seid somit jeder Verantwortung für ihn enthoben.«

Bellec tat, als verstehe er meine kleine Spitze nicht, bedankte sich höflich, bat mich, das Pferd, auf dem Pottieux gefesselt war, seinem Regiment zurückzuschicken, und schied heilfroh, dieses heiße Eisen los zu sein, zumal seit er wußte, um welche Art Eisen es sich handelte.

»Nicolas«, sagte ich, »binde den Unglücklichen los.«

»Und wenn er davonläuft, Herr Graf?« sagte Nicolas.

»Ich und davonlaufen?« schrie Pottieux. »Wohl diesem beschissenen kleinen Hauptmann nach, damit er mich hängt! Mich hängen, Donnerschlag! Ist das der Lohn dafür, daß man sich schindet und so viele Gefahren riskiert, um seinem König zu dienen? Ich bin kein Hauptmann und sitze nicht auf hohem Roß, aber ich erweise dem König größere Dienste als dieser Angeber. Von den rund hundert Hauptleuten in diesem Lager könnte man ohne weiteres zwanzig entbehren, die hier bloß das Großmaul spielen. Aber welche Armee käme wohl ohne Kundschafter aus? Meine Gevattern und ich, wir sind sozusagen die Augen und Ohren des Königs!«

»Ihr habt ganz recht, Meister Pottieux«, sagte ich launig, »Ihr setzt Euch großen Gefahren aus. Aber, wie ich höre, werdet Ihr dafür auch nicht übel bezahlt?«

»Vom Kardinal, ja, aber von den Hugenotten nicht. Die sind zum Heulen geizig. Und Ihr könnt Euch drauf verlassen, daß ich mit meinen Meldungen genauso geize. Ich bin sowieso so königstreu wie irgend möglich, ohne meinen Interessen zu schaden.«

Nicolas warf mir einen Blick zu, und ich wußte, er dachte wie ich, daß dieser Pottieux der schmierigste und schamloseste Doppelzüngler der Schöpfung war und daß es kein Verlust gewesen wäre, ihn zu hängen, wenn er dem Kardinal nicht so nützliche Dienste geleistet hätte.

Kaum hatte ich in Pont de Pierre den Namen des Schufts Charpentier ins Ohr gemurmelt, fand ich mich auch schon in dem kleinen Kabinett wieder. Und sofort ließ der Kardinal mir |148|einen Lehnstuhl hereinbringen, weil er sicherlich meinte, es könnte mir für meine Mission bei der Herzogin von Rohan von Nutzen sein, mit anzuhören, was Pottieux über die Zustände in La Rochelle zu berichten hatte. Wahrhaftig, der Schuft unterrichtete mich trefflich, denn es fehlte ihm nicht an Schläue noch an Spürsinn, und was er zu berichten wußte, drückte er so klar, farbig und gewandt aus, daß ich nur staunen konnte. Mein Staunen legte sich, als ich erfuhr, daß er einst ein glänzender Jesuitenzögling gewesen war, der aber wegen eines Diebstahls der berühmten Lehranstalt verwiesen wurde. Deshalb konnte er seine Studien an der Ecole de Médecine zu Montpellier nicht fortsetzen, wo er sich zum Feldscher und Chirurgus hatte ausbilden wollen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig als Barbier zu werden, wovon er sein Leben kärglich gefristet hätte, wenn er sich nicht, im Krieg wie im Frieden, aufs Spitzeln verlegt hätte. Und dieses Metier nährte ihn bestens, weil er sehr gut zuhören und wiedergeben konnte, was er erfahren und erlauscht hatte.

»Monseigneur«, begann er, »bevor ich zu dem komme, was gestern und heute morgen passiert ist, möchte ich mit Eurer Erlaubnis die allgemeine Situation darstellen. Hinsichtlich der Nahrungsmittel herrscht bereits großer Mangel, der aber sehr unterschiedlich verteilt ist. Man braucht nur durch die Straßen zu gehen, um festzustellen: Die Reicheren sehen noch einigermaßen gut genährt aus, die Ärmeren sind abgemagert. Aber sogar sie vertrauen darauf, daß ihre Sache siegen wird. Fiebrig und inbrünstig warten sie auf die Hilfe der englischen Flotte, mit deren Aufkreuzen im Bretonischen Pertuis für Mitte April gerechnet wird. Diese Hoffnung ist jedoch Schwankungen unterworfen. Wie Ihr wißt, Monseigneur, konnte vorige Woche ein Postschiff bei Nacht in den Hafen von La Rochelle gelangen, das Fässer mit Mehl, Erbsen und Speck an Bord hatte. Seine Ankunft wurde mit Freude und Jubel gefeiert, mit großem Glockengeläute, großen Gebeten und exaltierten Predigten, die den Gläubigen versicherten, dies sei ein untrügliches Zeichen, daß der Herr sie nicht verlassen werde. Und doch, welche dauerhafte Abhilfe kann die Fracht eines Postschiffes einer Stadt mit achtundzwanzigtausend Einwohnern schon bringen?«

»Konntest du feststellen«, fragte der Kardinal, »wieviel englische Soldaten in der Garnison sind?«

»Sechshundert, Monseigneur, was für die Verteidigung der |149|Mauern ein Glück ist. Nicht, daß die Hugenotten keinen Mut im Leibe hätten, aber die Engländer sind weitaus erfahrener, disziplinierter und kaltblütiger. Sie leben abgeschieden für sich, still, ohne zu verzweifeln, aber auch ohne viel zu hoffen. Dabei verlieren sie freilich ihre kleinen Interessen nie aus den Augen. Plötzlich forderten sie eine Solderhöhung, und als der Stadtrat diese ablehnte, drohten sie mit Verweigerung.«

»Verweigerung?« sagte Richelieu staunend, »mitten im Krieg? Und wie?«

»Keine Kampfbeteiligung und keine Wachrunden.«

»Was tat der Stadtrat?«

»Er verhandelte. Es war harter Schacher auf beiden Seiten. Am Schluß erklärten sich die Rochelaiser bereit, den Engländern fünftausend Livres Vorschuß auf den Sold zu zahlen. Aber was nützt den Engländern diese Summe? Wenn die Belagerung andauert, enden sie in der Grube wie alle anderen und pissen auch keine höheren Bögen.«

In Paris oder an der Seite des Königs im Louvre hätte der Kardinal über diesen groben Ausdruck die Stirn gerunzelt. Im Feldlager jedoch, das er, mit Degen und Harnisch gewappnet, ein- bis zweimal am Tag visitierte, ließ er den unverblümten Reden, die er hörte, freieren Lauf und schritt nur gegen Gotteslästerungen und Unzüchtigkeiten ein.

»Wie steht es mit der Ernährung genau?« fragte Richelieu.

»Das Mehl wird knapp, Brot bäckt man aus einem Gemisch von etwas Weizen und viel Stroh, es ist unappetitlich und schmeckt nach nichts. Gewiß wimmelt es in der Bucht von Fischen, aber die königlichen Galeeren patrouillieren Tag und Nacht jenseits des Deichs und bringen die Fischerboote der Rochelaiser auf. Etliche wandern bei Ebbe in die Bucht hinaus, sammeln Muscheln, Krebse, Krabben oder kleine Fische in den Prielen. Aber es sind zu viele unterwegs, als daß solch ein Fischzug großen Ertrag brächte.«

»Was denkst du, Pottieux«, sagte der Kardinal, »können die Rochelaiser bis zum Mai durchhalten?«

»Leider ja, Monseigneur. Trotz des Hungers sind alle so entschlossen! Die Pastoren und das Volk, weil sie für ihren Glauben kämpfen, die Handelsherren und Reeder, weil sie, außer für ihren Glauben, für den Erhalt ihrer Freibriefe und Privilegien kämpfen, die sie reich gemacht haben.«

|150|»Pottieux«, sagte Richelieu, »was gab es gestern und heute morgen Besonderes in La Rochelle?«

»Dazu komme ich gleich, Monseigneur.«

»Aber, daß du mir unseren Vertrag nicht vergißt. Achte bei deinen Berichten immer darauf, die Dinge säuberlich zu trennen: Für den König das Knusperbrot, Krumen für die Rebellen.«

»Ich vergesse es nicht, Monseigneur.«

»Fahr fort.«

»Am Abend des einundzwanzigsten, Monseigneur, gab es eine Mondfinsternis.«

»Um das zu wissen«, sagte Richelieu, »mußte man nicht in La Rochelle gewesen sein.«

»Das Erstaunliche, Monseigneur, war nicht so sehr die Finsternis selbst als die Art, wie die Rochelaiser sie aufnahmen. Sie waren außerordentlich erschrocken. Sie meinten, dieses Zeichen verkündige ihnen die schlimmsten Dinge. Die Pastoren kämpften vergeblich gegen diesen Aberglauben an, das schwarze Ungeheuer, sagten sie, das den Mond habe verschlingen wollen, sei am Ende von ihm vertrieben worden, und so habe das göttliche Licht die Finsternis des Teufels besiegt … Zum erstenmal fanden die armen Pastoren wenig Glauben. Vorzeitliche Seefahrerlegenden flößten den Rochelaisern unbezwingliches Entsetzen ein vor dem, was sie sahen: einen Mond, über den Satan seinen schwarzen Mantel geworfen hatte. Und wenn Satan in den Gefilden umherstreifte, würde er es damit nicht bewenden lassen: Die größten Unglücke würden über La Rochelle hereinbrechen. Jedenfalls war es für die Rochelaiser eine Nacht der Alpträume und der Schrecken, zumal auf die Finsternis ein furchtbarer Sturm mit riesenhohen Wellen folgte und die ganze Nacht anhielt.«

»Weiter«, sagte Richelieu.

»Am Tag danach, Monseigneur, das heißt heute morgen, wurde es nicht hell. Dichter Nebel lag über Stadt, Hafen und Bucht. Man sah nicht die Hand vor Augen. Die Rochelaiser erleuchteten ihren Weg zur Arbeit mit Laternen, und da man zwar einen halben Klafter weit die Laternen sah, ihren Träger aber höchstens schattenhaft, war es, als irrten Gespenster durch die Straßen. Niemand wagte auch nur den Mund aufzutun, denn der Nebel, dicht und schwarz wie Pech, schien die unheilvolle |151|Weissagung der Mondfinsternis zu bekräftigen und gab allen die Gewißheit, daß ihre Stadt und ihr Leben verloren seien. Die Tore von La Rochelle würden durch dämonischen Zauber von selbst aufspringen, und die Horden der königlichen Soldaten, Werkzeuge Satans, würden über alles hereinbrechen, die Männer erschlagen, die Weiber vergewaltigen und Feuer legen an Häuser und Tempel.«

»Was hast du zur Zeit des Nebels gemacht?« fragte Richelieu.

»Auch ich ging mit einer Laterne, Monseigneur. Und ich versuchte zum Hafen zu gelangen, um zu sehen, ob der nächtliche Sturm unter den Schiffen gewütet hatte oder nicht.«

»Wie hättest du das bei dem dichten Nebel sehen können?« fragte Richelieu.

»Als ich aufbrach, Monseigneur, begann ein scharfer Wind zu blasen, und ich hoffte, er würde den Nebel zerstreuen. Das tat er auch, und zwar mit einer solchen Geschwindigkeit, daß man glauben konnte, ein Vorhang habe sich jäh gehoben. Ich sah, daß die Schiffe keinen Schaden genommen hatten. Aber da ich rings um mich schreien hörte, und nicht etwa vor Schrecken, sondern vor Freude, sandte ich meine Blicke weiter hinaus und sah: Der Sturm hatte in den Deich eine große Bresche gerissen … Das Geschrei war ohrenbetäubend. Vor Jubel tanzten die einen, die anderen aber, deren Zahl immer mehr anwuchs, stimmten Psalmen an, um dem Schöpfer zu danken. Wortmächtige Stimmen wurden laut, man habe Finsternis, Sturm und Nebel verkannt, diese seien, ganz im Gegenteil, günstige Zeichen gewesen, und sie verkündigten völlig zweifelsfrei, daß die Rochelaiser den Krieg gewinnen würden. Der Herr werde den stolzen Deich der Papisten von Grund auf zerstören, so wie er einst den Turm zu Babel zerstörte, die Königlichen müßten ablassen von ihrem frevlerischen Tun, und der Zorn des Herrn werde sie in alle Winde zerstreuen.«

»Pottieux«, sagte der Kardinal mit undurchdringlichem Gesicht, »erspare mir deine pathetischen Schilderungen. Du lehrst mich nichts Neues. Sowie der Nebel sich hob, hat Seine Majestät die Bresche im Deich bei Coureille besichtigt, dieser Anblick hat seinen Entschluß aber in keiner Weise ins Wanken gebracht. Er hat angeordnet, daß die Zahl der Arbeiter und Karren verdoppelt wird. Die Bresche wird binnen zehn Tagen geschlossen sein, und |152|die Arbeit auf seiten von Chef de Baie geht weiter wie bisher. Willst du einen Passierschein, damit du aus der Nähe sehen kannst, was sich jetzt an der Bresche tut?«

»Oh, nein, Monseigneur«, sagte Pottieux erschrocken. »Wenn die Rochelaiser von diesem Passierschein erfahren würden, geriete ich bei ihnen in starken Verdacht. Ich werde Eure Worte weitergeben, so als entstammten sie Eurer Entourage. Indessen, Monseigneur, möchte ich mir zu bemerken erlauben, daß ich die Belagerten auch nicht in Verzweiflung stürzen darf. Ihre Begier, ermutigt zu werden, ist derart groß, daß sie mir nicht mehr zuhören würden, wenn sie daraus nicht immer auch ein Fünkchen Hoffnung schöpfen könnten. Ihr mögt mir verzeihen, Monseigneur, aber diesen Hoffnungsschimmer muß ich ihnen geben, sonst entziehen sie mir jegliches Vertrauen.«

Es mutete seltsam an, daß Pottieux denjenigen um einen Funken Hoffnung anging, der das größte Interesse hatte, jede Hoffnung in der Stadt zu vernichten. Doch war der Kardinal sehr erfahren in der Anleitung seiner Spitzel, die er mit der größten Sorgfalt auswählte und denen er mit aller Aufmerksamkeit lauschte, während er das Wahre vom Falschen schied und das Falsche vom Wahrscheinlichen. Und er entlohnte besagte Spitzel, ohne zu knausern, sofern er die Auskünfte, die sie ihm brachten, für glaubwürdig hielt.

»Gut«, sagte Richelieu nach kurzer Überlegung, »du kannst verbreiten, daß Seine Majestät den Wind, die Kälte und den ewigen Regen in diesem Landstrich sehr verabscheut, daß er ihm nur zu gerne den Rücken kehren würde, wenn dies nicht seiner Pflichttreue widerspräche.«

Wenn das ein Hoffnungsschimmer war, so war er weder neu – das ganze Lager wußte, wie sehr der König unter dem Wetter litt –, noch leuchtete er besonders hell, denn wer hätte bezweifelt, daß der König ein viel zu starkes Pflichtgefühl hatte, um sich der Belagerung zu entziehen.

Leser, die Zukunft ist selbst einem Kardinal ein verschlossenes Buch. Wie hätte Richelieu wissen können, als er diese Worte sprach, daß der schwache Hoffnungsschimmer, den der Spitzel unter den Belagerten verbreiten sollte, einen Monat später bestürzende Wirklichkeit werden würde?

***

|153|Entgegen dem, was man sich vorstellen mag, war es trotz der hohen Mauern um La Rochelle nicht so schwierig, von einer Seite auf die andere zu gelangen. Die Zuträger, zahlreich hier wie dort, hatten ihre eigenen Übergänge und ihre günstigen Zeiten, weil sie wußten, wem sie die Pranke schmieren mußten, um durch ein Tor zu schlüpfen. Ganz ohne Listen und Kniffe jedoch und völlig reibungslos gingen Briefe und Botschaften hin und her. Der Dialog zwischen Rebellen und Königlichen kam während der gesamten Belagerungszeit nie ganz zum Erliegen. So hatten es beide Seiten von Anfang an gewollt, und sei es nur, damit der König die Soldaten auslösen konnte, welche die Rochelaiser bei ihren Ausfällen gefangennahmen.

Um die unnützen Mäuler loszuwerden, hatten die Rochelaiser als geübte Kaufleute ziemlich hohe Auslösungsbeträge festgesetzt, die für einen Gendarm bis zu hundert Livres gingen, bis zu dreihundert Livres für einen königlichen Kurier. Selbst für einen einfachen Soldaten konnte der Preis zweihundert Livres erreichen, wenn es ein tapferer Mann war, was ihre Wächter durch Stockschläge in Erfahrung brachten oder aber durch Befragen der anderen Gefangenen.

Nach einer Gefangennahme schickte der König einen Edelmann nebst zwei Gehilfen, um die Rückkäufe auszuhandeln, und es gab mit den Hugenotten manchmal ein langwieriges und hartes Feilschen um den Wert der Ware.

Indessen waren die Rochelaiser so klug, nur kleine Fische freizulassen. Der Marschall Manassés von Pas, den zu kapern sie das Glück und die Ehre gehabt hatten, war ihnen für kein noch so hohes Lösegeld feil, dazu war er viel zu kostbar. Sehr menschlich erlaubten sie jedoch, daß ein königlicher Diener Tag für Tag den Turm des teuren Gefangenen betrat und ihm seine Mahlzeiten brachte. Das Unglaubliche dabei war, daß die Wächter des Marschalls von Pas selbst zur Zeit der größten Hungersnot niemals auch nur den kleinsten Anteil der leckeren Speisen beanspruchten, die man an ihrer Nase vorübertrug, so streng war ihre Moral.

Voller Bewunderung für eine so seltene Redlichkeit, besonders in einer solchen Lage, beschloß Herr Manassés von Pas, der seine Wächter mit jedem Tag weniger werden sah, während er auf Grund seines Müßiggangs nur immer zunahm, sein Mahl mit ihnen zu teilen. Und sogar da noch ging einer der Wächter, |154|von Skrupeln geplagt, seinen Pastor fragen, ob er nicht Verrat an der Sache begehe, wenn er von denjenigen Nahrung annehme, die diese Sache bekämpften. Der Pastor antwortete ihm, er dürfe diese Gabe nicht nur getrost annehmen, er müsse es sogar, denn Gott wisse, was er tue, wenn er das Herz des papistischen Gefangenen rühre und ihm solch gütiges Handeln eingebe. Dieses abzulehnen sei hinsichtlich des Gefangenen nicht nur unrecht und schimpflich, sondern es widerspreche auch sichtlich Gottes Willen.

Das Sendschreiben, durch welches der König den Bürgermeister von La Rochelle ersucht hatte, mir den Zutritt zur Stadt zu genehmigen, damit ich seine Cousine, die verwitwete Herzogin von Rohan, besuchen könne, sofern sie es wolle, erfuhr eine günstige Antwort vom Bürgermeister wie auch von der Herzogin. Darin festgesetzt waren Tag und Stunde: Am fünften Februar um elf Uhr vormittags sollte ich mich mit meinem Junker am Tor des Fort de Tasdon einfinden. Ein königlicher Trommler habe meine Ankunft durch ein geeignetes Trommlersignal anzukündigen.

Schon beim Aufstehen am fünften Februar morgens bebte ich vor Ungeduld und Neugier bei dem Gedanken, in »dieses hugenottische Wespennest«, wie Bellec gesagt hatte, vorzudringen, zu jenen Franzosen, die leider unsere Feinde waren, so wie wir einst ihre gewesen waren in der schändlichen Bartholomäusnacht. Dabei stand ich ihnen so nahe, sowohl durch meinen Großvater, den Baron von Mespech, wie durch meinen Vater, den Marquis de Siorac, der, wie man damals sagte, »die Segel gestrichen« hatte, weil Heinrich III. ihn dringlich darum bat, denn er hätte nicht sein Arzt, nicht sein Beauftragter für geheime Missionen bleiben können, wenn er sich diesem Opfer verweigert hätte, das ihn um so härter ankam, als er nun seine Söhne und Töchter in einer Religion erziehen mußte, die er, wie La Boétie, als »unfaßbar verdorben durch endlose Mißbräuche« ansah.

Während wir frühstückten, bat Nicolas, den die Vorstellung, in die Mauern von La Rochelle zu gelangen, nicht weniger erregte, mich mehreres fragen zu dürfen.

»Frag, Nicolas, frag!«

»Herr Graf, kann es sein, daß die Hugenotten uns hinter geschlossenen Toren gefangennehmen?«

|155|»Pfui, Nicolas! Sie kämen nicht einmal auf den Gedanken! Das sind unbedingt ehrenhafte und loyale Leute, ob im Handel oder im Krieg.«

»Aber Soubise hat sein Wort mehrmals gebrochen, das er dem König gegeben hatte.«

»Das ist etwas anderes. Soubise ist ein ehrgeiziger, rappelköpfiger Nachgeborener, ein kindischer Unruhegeist, der in London den Herzog spielte, der er gar nicht ist. Jetzt in La Rochelle, wo er übrigens krank darniederliegt, hat er nicht mehr viel zu melden. Die Macht liegt in den Händen des Bürgermeisters, des Stadtrats und der Pastoren. Trotzdem hat die Mutter von Soubise, die verwitwete Herzogin von Rohan, einen moralischen Einfluß in der Stadt, der nicht zu unterschätzen ist, zumal ihr ältester Sohn, der Herzog von Rohan, sich im Felde schlägt und das hugenottische Languedoc zum Aufstand gegen den König führen will.«

»Kann ihm das gelingen?«

»Nicht, solange wir die Belagerung aufrechterhalten. Dazu hat der Herzog weder Geld noch Truppen genug, und ihm sitzt eine königliche Armee unter Prinz Condé im Nacken. Außerdem warten die großen hugenottischen Städte weise ab, wie die Belagerung von La Rochelle ausgeht, ehe sie sich auf seine Seite schlagen.«

»Seid Ihr dem Herzog von Rohan schon begegnet?«

»Ja, einmal. Er ist ein überaus dünkelhafter Mann. Allerdings ist er auch hochgeboren, höher als jeder andere im Reich. Als er noch Vicomte war und ein sehr tapferer General unter Henri Quatre, hatte er sich einen Wahlspruch gezimmert, der ihn treffend charakterisiert: ›Nicht König, nicht Herzog, Rohan bin ich.‹ Trotzdem, als Henri Quatre ihn zum Herzog machte, lehnte er nicht ab.«

»Wenn er schon unter Henri Quatre gekämpft hat, Herr Graf, kann der Herzog von Rohan aber kein Jüngling mehr sein.«

»Er ist neunundvierzig, für mein Gefühl das beste Alter, um Krieg zu führen. Wenn man fällt, kann man sterbend sagen, man habe genug gelebt.«

»Eine letzte Frage, Herr Graf. Der König nennt die Herzogin von Rohan ›meine Cousine‹. Ist das nur Höflichkeit?«

»Durchaus nicht. Sie hat auf diese Anrede ein volles Anrecht als Nachkomme von Jeanne d’Albret, der Königin von Navarra |156|und Mutter von Henri Quatre, wie du weißt, und also der Großmutter Ludwigs XIII.«

»Um Vergebung, Herr Graf, wenn ich noch etwas frage: Legt Ihr bei dieser Gelegenheit Euer Kollier vom Heilig-Geist-Orden an?«

»Nein, Nicolas, das geht nicht.«

»Darf ich erfahren, warum?«

»Weil es ein königlicher und katholischer Orden ist, mithin also protestantischen Herzögen wie Rohan oder wie Sully verwehrt, und das schmerzt. Sully schuf sich deshalb einen eigenen Orden, für sich ganz allein, ein Medaillon mit dem Bildnis von Henri Quatre und mit wer weiß wie vielen kriegerischen Ornamenten rings herum. Diesen Orden, ganz aus Gold und Perlen, trug er zu festlichen Anlässen. Daran siehst du, daß auch ein großer Mann seine kleinen Eitelkeiten hat.«

»Und Henri Quatre duldete das?«

»Mit leisem Spott, der aber über ein Blitzen in seinen Augen nicht hinausging.«

»Aha, heute also keinen Heilig-Geist-Orden auf dem glanzvollen Anzug!«

»Ja, schade für meine Eitelkeit! Aber ich möchte die Herzogin von Rohan nicht verletzen, die es als gute Mutter kränken muß, daß ihr Sohn ihn nicht hat.«

»Wenn ihr Sohn neunundvierzig ist, muß die Dame doch in sehr vorgeschrittenem Alter sein?«

»In sehr vorgeschrittenem Alter, aber Nicolas! Eine Herzogin hat kein Alter! Eine Herzogin kann nur eine Schönheit sein, und jedermann hat sie als solche zu betrachten.«

»Ich werd es mir merken«, sagte Nicolas.

Der königliche Trommler erwartete uns auf dem Vorplatz des Fort de Tasdon, durch das wir die Stadt betreten sollten. Ausnahmsweise schien einmal die Sonne und übersäte seine farbenprächtige Livree mit tausend Funken. Weshalb unsere Trommler so auffallend gekleidet sind, kann ich mir nur damit erklären, daß man sie auf die Weise schon von weitem erkennen kann und nicht auf sie schießt, wenn sie sich feindlichen Mauern nähern und für einen Parlamentär um Eintritt ersuchen.

Es gibt Trommelwirbel, die mit kriegerischem Klang zum Angriff rufen. Es gibt andere von betäubender Lautstärke, mit denen Deserteure zur Erschießung geführt werden. Wieder andere, |157|gedämpft und schwermütig, beklagen den Tod eines Helden. Aber dieses Stück, das meine Ankunft kundtat, war so einladend und fröhlich, wie man es sich nur wünschen kann, um jede Feindseligkeit schweigen zu heißen, und sei es nur für den Augenblick.

Nach einer Weile, die mich sehr lang dünkte – denn gleich bei unserer Annäherung bewehrten sich die Zinnen des Forts mit Musketenläufen, die auf mich anlegten –, erschien ein Hauptmann namens Sanceaux, dessen scharfe Miene nicht die freundlichsten Gefühle verriet. Von den Mauern herab fragte er, ohne mir meinen Titel zu gönnen, den er doch aber kennen mußte, wer zum Teufel ich sei und warum ich Eintritt begehrte.

»Hauptmann, ich bin der Graf von Orbieu«, sagte ich. »Mit Genehmigung des Stadtrates von La Rochelle bin ich berechtigt, Euch heute, Punkt elf Uhr, um Einlaß zu bitten.«

»Wozu?« fragte Sanceaux.

»Um die Frau Herzogin von Rohan zu besuchen, die in diesen Besuch eingewilligt hat.«

»Was habt Ihr ihr zu sagen?«

»Ich überbringe ihr eine Botschaft des Königs.«

»Wir lassen eine Schnur hinunter, beliebt Eure Botschaft daran zu knüpfen.«

»Hauptmann, es ist eine mündliche Botschaft.«

»In dem Fall müßt Ihr sagen, um was es sich handelt.«

»Hauptmann, es wäre ungehörig, das Erstrecht der Frau Herzogin auf diese Botschaft anzutasten. Danach liegt es bei ihr, den Inhalt dem Bürgermeister und dem Stadtrat mitzuteilen, auch Euch meinetwegen.«

»Wenn ich nicht weiß, worum es geht«, sagte Sanceaux, »lasse ich Euch nicht ein. Geheimsachen an meiner Nase vorbei, das kommt überhaupt nicht in Frage.«

»Es handelt sich um keine Geheimsachen, Hauptmann, sondern um eine persönliche Botschaft des Königs an seine Cousine. Der Bürgermeister und der Stadtrat haben Euch sicherlich unterrichtet, daß sie mir Zutritt gewähren.«

»Wir sind im Krieg«, sagte Sanceaux. »Ich befehlige das Fort de Tasdon und öffne das Tor nur, wenn ich weiß, um was es geht.«

»Hauptmann«, sagte ich mit Engelsgeduld, »laßt es mich wiederholen: Ich bin hier im Auftrag des Königs, um mit Erlaubnis |158|des Bürgermeisters und des Stadtrats der Frau Herzogin von Rohan eine mündliche Botschaft zu übermitteln.«

In dem Moment kam jemand und sprach leise zu Sanceaux. Dieser verschwand, und der andere machte mir wortlos ein Zeichen, daß man mich sogleich einlassen werde.

»Dieser Sanceaux«, flüsterte Nicolas mir zu, »ist wohl die hugenottische Moral in Person!«

»Das hat nichts mit hugenottisch zu tun«, sagte ich. »Solche Wichtigtuer gibt es leider überall. Das sitzt auf hohem Roß und plustert sich wegen nichts und wieder nichts und richtet vor Übereifer nur Schaden an.«

Ich hatte kaum geendet, als mit majestätischer Langsamkeit das Tor des Fort de Tasdon aufging, und sobald wir intra muros gelangten, wurden unsere Pferde von etlichen Gendarmen umringt, doch ohne jede Feindseligkeit. Andere hielten die Rochelaiser auf Abstand, die um Neuigkeiten gelaufen kamen, vielleicht voller Hoffnung auf einen nahen Frieden. Einer darunter, offenbar ein wohlhabender Bürger, grüßte mich sehr höflich.

»Monsieur«, sagte er, »kommt Ihr, um mit uns zu verhandeln?«

Auch ich zog würdevoll meinen Hut.

»Nein, Monsieur, dazu bin ich nicht ermächtigt. Ich bin hier, um der Frau Herzogin von Rohan einen Besuch zu machen und ihr eine Botschaft des Königs zu überbringen.«

Aus der stetig anwachsenden Menge ertönte eine Stimme, die weniger wohlerzogen klang.

»Monsieur«, schrie dieser Mann, »wenn Ihr der Frau Herzogin auch nur ein Haar krümmt, dann reißen wir Euch in Stücke!«

Die unhöfliche Drohung rief bei dem Gros der Rochelaiser lebhafte Proteste hervor. Dennoch wollte ich sie nicht unbeantwortet lassen.

»Monsieur«, sagte ich mit vernehmlicher Stimme, indem ich mich in den Steigbügeln aufrichtete, »ich bin nicht hier, um irgend jemandem Leid zuzufügen. Und schon gar nicht der Frau Herzogin von Rohan, der meine Hochachtung und Verehrung ob ihres Mutes gelten.«

Zustimmendes Gemurmel ging durch die Menge, und ein bärtiger Alter trat auf mich zu.

|159|»Herr Graf«, sagte er sanftmütig, »ich bin Sekretär des Stadtrats. Ich war es, der den Hauptmann Sanceaux überzeugt hat, Euch einzulassen. Wenn Ihr erlaubt, führe ich Euch jetzt zum Haus der Frau Herzogin von Rohan.«

Damit schritt er mir voraus, Nicolas ritt hinter mir her, die Gendarmen und die Menge folgten.

Unterwegs verfehlte ich nicht, mich aufmerksam umzublicken. Die Stadt, die ich zum erstenmal sah, war schön und reich erbaut. Doch immer wieder zeigten sich Einschläge der Brandkugeln, mit denen wir die Stadt seit Beginn der Belagerung grausam bombardiert hatten, Dächer waren eingestürzt, ganze Häuser ausgebrannt. Und was die Rochelaiser anging, so fand ich bestätigt, was Pottieux dem Kardinal berichtet hatte: Besonders den Ärmeren stand der Hunger ins Gesicht geschrieben, trotzdem wirkten auch sie mutig und entschlossen.

Vor einem sehr schönen Haus1 hielt der Sekretär und sagte, wir seien angelangt. Ich saß ab, und damit die Leute ringsum es hörten, erhob ich die Stimme.

»Monsieur«, sagte ich, »es wäre unziemlich, vor einer so hohen Dame bewaffnet zu erscheinen. Hättet Ihr die Güte, meinen Degen und den meines Junkers während meines Besuches zu hüten?«

Offen gestanden, veranlaßte mich weniger die Schicklichkeit, die Waffen abzulegen, als vielmehr der Wunsch, die Rochelaiser zu beruhigen, denn sie liebten ihre Herzogin so sehr, daß sie sonst in Sorge um sie geraten wären.

Den Grund für die große Liebe, die sie ihr entgegenbrachten, kannte ich gut. Sie wußten ihr unendlichen Dank, daß sie in La Rochelle geblieben war und ihre Gefahren und Entbehrungen teilte, anstatt sich auf ein Schloß im Languedoc zurückzuziehen, wo sie in Ruhe und Frieden hätte leben können, wie es ihrem hohen Alter entsprach. Endlich erschien der Majordomus und kam majestätisch die Treppe zu uns herabgeschritten. Ich fand ihn sehr mager und sehr schweigsam, ohne daß ich hätte sagen können, ob seine Magerkeit dem Hunger und seine Schweigsamkeit der natürlichen Abneigung des Belagerten gegen den Belagerer zuzuschreiben waren. Allerdings kannte er |160|bereits unsere Namen und Titel und brauchte sie nur noch laut und deutlich zu wiederholen, als wir den großen Saal des Hauses betraten, um uns der Herzogin vorzustellen, die sehr aufrecht in einem großen Lehnsessel mit so reichem Schnitzwerk saß, daß er wie ein Thron anmutete. Rechts und links der Herzogin saßen auf Schemeln zwei Personen weiblichen Geschlechts, deren eine um die Vierzig sein mochte, während die andere, deren Sitz sich wunderbarerweise dem von Nicolas gegenüber befand, wunderschön und von blühender Jugend war. Wir unterließen keine der respektvollen Reverenzen, die wir den hohen Damen schuldeten, legten in sie aber jene Nuance von Zärtlichkeit, die wir bei ihrem liebenswürdigen Anblick empfanden, und diese schien mir bei keiner der drei vergeudet.

Die Herzogin antwortete mit gnädigem Kopfnicken auf meine Begrüßung, ohne mir aber die Hand zum Kuß zu reichen, womit sie zu verstehen gab, daß ich immerhin zum Lager der Feinde ihrer Stadt und ihrer Religion gehörte.

Obwohl sie derzeit schon mindestens siebzig war und das Alter ihr Haupt beschneit, ihre Wangen und ihren Hals schlaff gemacht hatte, besaß sie doch ein sehr angenehmes Gesicht und schöne blaue Augen, die zugleich Kraft und Milde ausstrahlten.

In Paris sagte man über die Herzogin von Rohan, sie sei ihrem Gemahl zu Lebzeiten sehr treu gewesen, aber sehr untreu seinem Gedenken nach dem Tod. Doch war dies reine Verleumdung, falls Verleumdung denn rein sein kann. Die Dame war viel zu hochgesinnt, eine viel zu gute Protestantin und Wächterin ihres Rufs, um sich zu Torheiten herabzulassen. Die einzige Erklärung, die ehrenhafte Leute für diesen boshaften Klatsch fanden, war, daß Frau von Rohan die Männer liebte und in ihrer großen Unschuld keinen Hehl daraus machte, was unseren Damen am Hof sicherlich nicht unterlaufen wäre.

»Graf«, sagte sie mit wohlklingender Stimme, »ich hätte Euch hier gerne in einer weniger traurigen Lage willkommen geheißen. Aber der Herr hat es leider so gewollt, um uns für unsere Sünden zu strafen, und niemand weiß, was er über sein Volk noch beschlossen hat: ob es untergehen muß oder gerettet wird. Hier ist«, fuhr sie ohne Übergang fort, »mir zur rechten meine Tochter Anne und zur linken meine Verwandte, Mademoiselle |161|de Foliange, die mich zu ihrem Unglück vor Kriegsbeginn besuchen kam und nun in unseren Mauern mit eingeschlossen ist, aber ganz ungerechterweise, denn da sie nicht der reformierten Religion angehört, muß sie sogar den Trost ihres Glaubens in den Prüfungen entbehren, die sie mit uns durchlebt.«

Ich erlaubte mir, nach Anne von Rohan nun auch Mademoiselle de Foliange zu begrüßen und einige Sekunden zu betrachten, was sie aber gar nicht störte, denn seit unserem Eintritt hingen ihre Augen so gebannt an Nicolas, daß alles andere im Saal, auch ihre Verwandte Anne und ich ihrer Aufmerksamkeit entschwunden war. Was meinen Nicolas anging, so war er ebenso leidenschaftlich in ihre Betrachtung versunken und schon derart gefangen, daß er sehr erstaunt gewesen wäre, hätte ich ihm in Erinnerung gerufen, daß er sich im Hôtel Rohan und in Gegenwart einer hohen Dame befand, die allerdings viel zu naiv war, um zu bemerken, was kaum einen Klafter von ihr zwischen den beiden geschah.

»Graf«, sagte Frau von Rohan, »kommen wir ohne Umschweife zum Gegenstand Eures Besuchs. Beantwortet Ludwig mein Ersuchen gnädig, die Frauen und Kinder aus La Rochelle hinauszulassen?«

»Madame«, sagte ich, »der König war als guter Christ durch Euer Ersuchen höchst beunruhigt und fragte sich nicht ohne tiefe Beklommenheit, wie er es erwidern solle. Einerseits, da Frauen und Kinder ja keine Waffen tragen, kann man sich fragen, ob es gerecht und menschlich sei, daß sie die Nöte und Gefahren einer Belagerung erleiden, die sehr wahrscheinlich lang und mörderisch sein wird. Andererseits aber wurde dieser Krieg von den Rochelaisern eingeleitet, als sie die Engländer dabei unterstützten, sich auf der Insel Ré zu halten, und sich mit ihnen verbündeten in dem erklärten Ziel, La Rochelle und das Land Aunis der Herrschaft des Königs von Frankreich zu entziehen. Deshalb hat Ludwig, wenn ich Euch daran erinnern darf, sie am fünfzehnten August 1627 zu ›Rebellen, Verrätern und Abtrünnigen ihres Königs‹ erklärt, ›zu Deserteuren des Vaterlands, schuldig des höchsten Majestätsverbrechens‹. Trotzdem hat er sie nicht sofort angegriffen. Wißt Ihr nicht sehr gut, Madame, daß es die Rochelaiser waren, die ohne Rücksicht auf das Leben ihrer Frauen und Kinder diese einer furchtbaren |162|Belagerung aussetzten, indem sie gegen die königliche Seite den ersten Kanonenschuß abfeuerten? Muß ich Euch, Madame, denn ins Gedächtnis rufen, daß die Enkel, die Urenkel sogar, bis ins siebente Glied büßen für die Sünden der Väter?«

»Monsieur«, entgegnete sie, gleichsam erstaunt und entrüstet, daß ein Papist es wagte, sich gegenüber einem Protestanten auf die Bibel zu berufen, »über die Buße des schuldigen Vaters und seiner Nachkommenschaft entscheidet allein der Herr.«

»Davon bin ich überzeugt, Madame. Doch wie kann man im vorliegenden Fall den Willen des Herrn erkennen, bevor die Belagerung nicht zu Euren oder zu unseren Gunsten beendet ist?«

Diese Berufung auf die biblischen Strafen schien Frau von Rohan um so mehr zu verwirren, als sie keineswegs erwartet hatte, daß ich die Ablehnung des Königs im Namen ihrer eigenen Glaubenssätze rechtfertigen würde. Vielleicht hatte sie, als sie ihr Gesuch stellte, sogar mit einer Ablehnung gerechnet, um dann die ganze Schuld dem König zuzuschieben, wenn ich Ludwigs Entscheidung mit den zynischen Notwendigkeiten des Krieges begründet hätte, nach denen der Belagerer kein Interesse hatte, den Belagerten um unnütze Mäuler zu erleichtern, was die Belagerung nur verlängern würde.

Obwohl dieses Argument genauso gültig war wie das von mir angeführte, hatte ich es aber nicht benutzen wollen, damit man nicht sagen könne, der König sei ohne Mitleid. Doch leidenschaftlich, wie Frau von Rohan war, beachtete sie diese Nuancen überhaupt nicht, und als sie sich nach der ersten Überraschung faßte, nahm sie eine verächtliche Miene an.

»Aber hört doch! Krieg gegen Frauen und Kinder führen, ist das nicht Grausamkeit im höchsten Grade?«

»Madame«, sagte ich, »so sind Belagerungen einmal! Wenn Euer edler Herr Sohn eine katholische Stadt im Languedoc belagert, ist er zu derselben Grausamkeit gezwungen, so mitfühlend sein Herz auch sei.«

Diese Bemerkung traf Frau von Rohan aus zwei Gründen. Zum ersten, weil sie darauf keine Antwort hatte, vor allem aber, weil es um ihren ältesten Sohn ging, dem sie vor ihren anderen Kindern den Vorzug gab. Anne hingegen wandte still lächelnd den Kopf ab, so als hätte sie einige Veranlassung, den |163|regierenden Herzog durchaus nicht zu lieben, wie es Brauch und Gesetz dieser mächtigen Familie befahlen.

»Graf«, sagte Frau von Rohan, ein kleines Blitzen in den Augen, »da der König mein Gesuch abgelehnt hat, meine ich, nähert sich unser Gespräch dem Ende.«

Sie sagte indessen nicht, daß es beendet sei, und schien keine Eile zu haben, uns zu verabschieden. Vielleicht fand sie an diesem Besuch zweier Edelleute in der trüben Einförmigkeit ihres Daseins doch einiges Vergnügen.

»Madame«, sagte ich, »beliebt mich noch weiter anzuhören, denn der König möchte Euch durch mich ein Euch betreffendes Angebot unterbreiten.«

Hierauf wurde sie sehr zugänglich, doch bevor sie zustimmte, rief sie ihren Majordomus und ließ sich ein Kissen hinter den Rücken schieben, der sie, wie sie sagte, sehr schmerze. Während sie beschäftigt war, sich bequemer einzurichten, sah ich auf Mademoiselle de Foliange und Nicolas. Ihre Blicke waren so ineinander verflochten, daß man sich fragte, wie sie sich voneinander lösen sollten, wenn Nicolas mit mir diesen zauberischen Ort verlassen mußte. Wahrscheinlich dachte Mademoiselle de Foliange, eine gute Fee werde kommen und sie mit ihrem Stab unsichtbar machen, damit sie sich ungesehen hinter Nicolas auf die Pferdekruppe schwingen und mit ihm in jene Gefilde der Liebe fernab des Krieges entschwinden könne, die ihre Blicke einander verhießen.

»Graf«, sagte Frau von Rohan, »Ihr seid ein höflicher Edelmann und so gut anzusehen, daß ich Euch gern bis heute abend lauschen würde, hätte ich nicht meinen Verpflichtungen zu genügen. Um zwölf Uhr erwarte ich den Besuch des Stadtrats. Doch ist es bis dahin noch Zeit. Bitte, redet.«

»Madame«, sagte ich, »der König hat nicht vergessen, daß er Euer Cousin ist, und sorgt sich der Entbehrungen und Gefahren wegen, in denen Ihr lebt. Darum läßt er Euch durch mich sagen, wenn Euer Leiden so groß werden sollte, daß es Euer Leben bedroht, wäre er glücklich, Euch einen Passierschein auszustellen, mit dem Ihr durch das Feldlager hindurchgelangen könntet, um Euch fern der Kanonaden auf ein Schloß Eurer Wahl zurückzuziehen.«

»Graf«, sagte Frau von Rohan, »bitte, dankt dem König für seine gute Gesinnung. Aber meine Wahl habe ich mit Beginn |164|dieser Prüfung getroffen: Ich will das Los der Rochelaiser bis zum Schluß teilen und werde, wenn es der Wille des Herrn ist, bei ihnen bleiben bis zum Tod.«

Ich fand, offen gestanden, daß sie sich ein bißchen sehr in den peplum des Heroismus hüllte. Aber letztlich steckt ja in jeder Tapferkeit ein Gran Theater. Doch da Frau von Rohan lebte, was sie sagte, entbehrte ihr Entschluß nicht der Größe.

Sie verabschiedete mich, ich grüßte ihre Tochter und Mademoiselle de Foliange voll Bedauern, daß es nun hieß, ins rauhe Soldatenlager zurückzukehren, beraubt um die liebenswerte weibliche Gesellschaft, ohne die unser Leben hienieden eine trübselige Wüstenei wäre.

Mein armer Nicolas ging wie blind, nachdem er die schönen Augen hatte lassen müssen, die für ein Stündchen sein junges Leben durchstrahlt hatten, und strauchelte auf der Treppe, so daß er fast gestürzt wäre, wenn ich ihn nicht am Arm gehalten hätte. Im Vestibül traf ich erfreut den Sekretär, Gilles Arnaud, wieder, der mir meinen Degen aushändigte.

»Monsieur«, sagte ich leise, »könnt Ihr mir erklären, warum der Hauptmann Sanceaux mir den Zutritt zur Stadt verweigern wollte, obwohl der Stadtrat ihn doch von meiner Ankunft unterrichtet haben mußte? Hatte er nicht die Order erhalten, mich einzulassen?«

»Doch, doch, Herr Graf. Er wußte nur nicht, daß Ihr die Frau Herzogin besuchen wolltet, und vermutete, da bahne sich eine geheime Verhandlung an. In unserer Stadt, müßt Ihr wissen, gibt es zwei Parteiungen. Die einen sind für Verhandlungen, die anderen sind strikt dagegen. Zu denen gehört Sanceaux.«

»Und wie kommt es, Monsieur«, sagte ich, »daß ein Königlicher Rat Eure Mauern betritt, und weder der Bürgermeister noch ein Mitglied des Stadtrats sucht mit ihm die Begegnung?«

»Aus ebendem Grund, Herr Graf, um nicht verdächtigt zu werden, man wolle geheime Absprachen treffen.«

»Heißt das«, sagte ich, »daß man abwarten muß, bis alle Rochelaiser verhandeln wollen? In dem Fall kommt es dazu wohl nie?«

»Das fürchte ich«, sagte Gilles Arnaud leise, indem er traurig den Kopf schüttelte. »Und mit jedem Tag, den Gott werden läßt, fällt man ein wenig mehr vom Fleisch, und bald sehen wir keinen neuen Tag mehr. Ich bin gewiß so gläubig wie jeder andere, |165|gehe eifrig zum Gottesdienst, singe inbrünstig die Psalmen und bete, aber ich verlasse den Tempel ebenso hungrig, wie ich ihn betreten habe. Von Psalmen, so schön sie sind, wird man nicht satt.«

***

Vor der Tür des Hôtel Rohan hatte sich eine kleine Ansammlung um die Gendarmen gebildet, die unsere Pferde hielten, und diese wurden von allen angestarrt, schön und blank, wie sie waren, so daß sie bei den Betrachtern durchaus Begehrlichkeiten wecken mochten, die alles andere als reiterlich waren.

Wir saßen auf, Nicolas und ich, und eine Menge folgte uns zum Fort de Tasdon, ohne eine Drohung oder ein böses Wort auszustoßen, vielmehr als bedauere man, daß Freiheit und Wohlbefinden, die von uns ausgingen, die Stadt so schnell wieder verließen.

Einige Klafter vor dem Fort zog ein Mann, der die anderen um Haupteslänge überragte, seinen Hut.

»Herr Graf«, sagte er, »will die Frau Herzogin uns verlassen?«

Die Frage rief in der Menge Erregung hervor, und mehrere Stimmen griffen sie angstvoll und klagend auf.

Ich zügelte meine Accla, zog ebenfalls meinen Hut, und nachdem ich in die Runde gegrüßt hatte, was die Rochelaiser so sehr erstaunte, daß sie verstummten, erhob ich meine Stimme, damit jedermann mich höre.

»Seine Majestät«, sagte ich, »war in Sorge um das Befinden seiner Cousine, der Herzogin von Rohan, und gewährte ihr die Freiheit, sich auf ein Schloß zurückzuziehen. Aber die Frau Herzogin will es durchaus nicht, sie will bis zum Ende der Belagerung bei euch bleiben.«

Bei diesen Worten war die Freude in der Menge so groß, daß die einen jubelnd aufschrien und die anderen sich die Tränen nicht verhalten konnten. »Vielen Dank, Herr Graf!« rief man mir zu, was mich verblüffte, denn damit die Herzogin sich entscheiden konnte, bei den Rochelaisern zu bleiben, hatte ich sie immerhin fragen müssen, ob sie nicht fortgehen wolle. Auf jeden Fall hatte diese Freude etwas sehr Ansteckendes, und fast hätte ich sie geteilt und mich ebenso glücklich gefühlt wie diese Leute, daß der Gegenstand ihrer großen Liebe sie nicht verlassen wollte.

|166|Trotzdem hielt ich es für ratsam, nicht länger zu verweilen, und trieb meine Accla an. Ich fürchtete, daß jemand aus der Menge mich wegen der Frauen und Kinder fragte, und das hätte für meinen Gebieter wie für mich alles verdorben. Zum Glück öffnete mir Hauptmann Sanceaux diesmal unverzüglich das Tor.

Das Geräusch, mit dem sich das Tor hinter mir schloß, tat weh. Ich kehrte zurück in die Freiheit, aber die armen Rochelaiser blieben in ihren eigenen Mauern gefangen, von unseren Brandgeschossen bombardiert, wenn auch noch nicht zum Verhungern verdammt, so doch zu kargen Rationen, und von Tag zu Tag mehr enttäuscht, daß im Bretonischen Pertuis die Segel der englischen Hilfsflotte noch immer nicht auftauchten.

»Du bist so still, Nicolas«, sagte ich, als wir uns bereits Saint-Jean-des-Sables näherten. »Was denkst du von alledem?«

»Von den Hugenotten, Herr Graf?« sagte Nicolas, als erwache er aus einem Traum.

»Zum Beispiel!«

»Ich hatte noch nie so viele gesehen«, sagte Nicolas. »Es schienen mir aber alles gute, ehrenwerte Leute zu sein und genauso Franzosen wie ich.«

»Gewiß! Nur haben sie das Edikt von Nantes gebrochen, haben die katholischen Priester aus La Rochelle verjagt, die Kirchen besetzt, ihren schönsten Schmuck zerstört und sich seit achtzehn Jahren immer wieder gegen den König empört.«

Aber Nicolas ging darauf nicht ein, er träumte und sagte nichts mehr, bis wir im Schloß Brézolles anlangten.

Der Tisch war schon für uns zum Mittagessen gedeckt, und nachdem wir heißhungrig die ganze köstliche Mahlzeit bis zum letzten Rest verspeist hatten, ließ Madame de Bazimont uns heißen, gezuckerten Kräutertee auftragen. Tee gab es sonst nur nach dem Abendessen. Sie habe aber gemeint, sagte sie, daß er uns bei dem windigen, kalten Wetter guttäte, zumal es bei Frau von Rohan doch sicherlich kein Feuer gegeben habe, denn woher sollte das Holz kommen? In einer Stadt wüchsen ja keine Wälder.

All diese Bemerkungen hatten aber den Zweck, Fragen nach der Frau Herzogin von Rohan einzuleiten, für die unsere Haushofmeisterin sich brennend interessierte. Ich tat mein Bestes, |167|ihre Neugier zu befriedigen, ohne jedoch etwas über meine Mission preiszugeben, und hocherfreut und stolz ging sie davon, um das alles, wie sie mir anvertraute, in ihrem Tagebuch festzuhalten, das sie seit vierzig Jahren führe, das sie mir aber nicht zeigen könne, weil ihre Rechtschreibung nicht so gut sei.

»Schlechter als die meiner Patin, der Herzogin von Guise, kann sie gar nicht sein«, sagte ich.

»Wennschon!« sagte Madame de Bazimont. »Bei Frau von Guise kommt es darauf nicht an. Sie ist eine Herzogin.«

Dann durchbrach nur noch das Geräusch unserer Kehlen die Stille, wenn wir unseren Tee schluckten, so ganz und gar abwesend blieb Nicolas.

»Mein Junge, was ist mit dir?« sagte ich schließlich. »Du sprichst kein Wort! Bist du dein eigenes Gespenst geworden? Wer hat dir dein Herz, deine Stimme, deine Munterkeit gestohlen? Ist dir dein Herr so gleichgültig geworden, daß du ihm auf einmal der traurigste Gefährte bist?«

»Ach, Herr Graf!« sagte Nicolas, den diese Anklage endlich aus seinem Brüten riß. »Wie könnt Ihr zweifeln, daß ich Euch immer liebe! Aber ich bin der unglücklichste Mensch auf Erden.«

»Unglücklich, Nicolas, oder verliebt?«

»Alles beides«, sagte Nicolas, und Tränen quollen ihm aus den Augen. »Das eine hängt doch am anderen.«

»Wieso unglücklich?« fragte ich stirnrunzelnd. »Wie kannst du unglücklich sein, nachdem ein Mädchen wie Mademoiselle de Foliange dich fast eine Stunde lang mit ihren Blicken verschlungen hat, ein Fräulein, das nicht nur wunderschön ist, sondern auch mit den höchsten Familien des Reiches verwandt?«

»Das ist es ja eben!« sagte Nicolas. »Mademoiselle de Foliange steht zu hoch für mich.«

»Wie das?« sagte ich. »Bist du nicht ein wohlgeborener Edelmann, Bruder eines Hauptmanns der Königlichen Musketiere, Junker eines Königlichen Rats und mit Ende der Belagerung selbst Musketier?«

»Aber der Sold, Herr Graf! Der Sold eines Musketiers! Wie sollte Mademoiselle de Foliange sich mit einem so schmalen Einkommen begnügen?«

»Warum denn nicht? Hör gut zu, Nicolas, und sammle mit |168|Fleiß die Perlen der Weisheit, die ich meinem Bart jetzt entrollen lasse. Primo: Nehmen wir an, Mademoiselle de Foliange ist eine arme Verwandte der Frau von Rohan. In dem Fall heiratet eine Armut die andere.«

Nicolas hatte ein schwaches Lächeln aufgesetzt.

»Trotzdem würde mich immer der Gedanke bedrücken, daß sie darunter leidet, so schön und wohlgeboren, wie sie ist.«

»I bewahre! Liebe wärmt die Armut besser als Reichtum die Liebe.«

»Herr Graf, stammt dieser bewundernswerte Spruch von Euch?«

»Das weiß ich nicht so genau. Aber gleichviel! Die Perlen der Weisheit gehören jedermann. Secundo, nehmen wir nunmehr an, Mademoiselle de Foliange ist eine reiche Verwandte der Frau von Rohan. In dem Fall ist ihr Reichtum hochwillkommen, und ihre Familie wird für deinen Aufstieg sorgen.«

»Aber wenn das Fräulein begütert ist«, sagte Nicolas, »wird ihre Familie mich wahrscheinlich ablehnen. Sie wird einen Höhergestellten und Reicheren wollen.«

»Gut, dann nehmen wir an, ihre Eltern sind tot.«

»Aber, Herr Graf!«

»Was denn? Ist das nicht möglich? Darf man es nicht in Betracht ziehen, auch wenn man es nicht wünscht? In dem Fall kann Mademoiselle de Foliange frei über ihre Wahl und ihr Leben entscheiden.«

»Und dann fiele ihre Wahl auf mich?«

»Bestimmt. Hast du nicht gesehen, wie sie dich bei lebendigem Leibe mit ihren Augen verschlang?«

»Sicher, sie hat mich die ganze Zeit sehr liebenswürdig angesehen.«

»Du sie auch, Nicolas.«

»Herr Graf, war ich etwa zudringlich?« fragte Nicolas erschrocken.

»Sei unbesorgt. Die Herzogin hat nicht das geringste bemerkt.«

»Gott sei Dank! Und was kann ich jetzt tun, Herr Graf? Kann ich ihr schreiben?«

»Vorsicht, Nicolas! Ein Brief an ein vornehmes Fräulein, das du so wenig kennst, wäre sehr unziemlich.«

»Was soll ich dann tun?«

|169|»Nichts, mein Junge. Warten.«

»Warten?« fragte Nicolas mit verzweifelter Miene.

»Ja, warten. Und dich nicht weiter beunruhigen. Merke dir eins, Nicolas: Was eine Frau will, das will Gott. Und wenn Mademoiselle de Foliange dich will, setzt sie Himmel und Hölle in Bewegung, dich zu kriegen. Das ist die eiserne Beharrlichkeit des gentil sesso

»Ist das eine weitere Perle der Weisheit aus Eurem Bart, Herr Graf?«

»In der Tat. Und bewahre sie gut in deinem Gedächtnis. Das wirklich starke Geschlecht, Nicolas, ist nicht dasjenige, das sich dafür hält.«

***

Der letzte Schluck Tee war geschlürft, wir begaben uns zu unseren Pferden, und meine Accla mag sich gefragt haben, wozu man sie so schön abgerieben und getrocknet hatte, wenn sie doch wieder hinaus mußte in Regen und Wind. Letzteren fürchtete sie sogar noch mehr, vor allem aber, im Schlamm auszurutschen, denn von Wegen war im Feldlager nichts mehr zu erkennen.

In Aytré trafen wir auf verschlossene Türen, und der Wachhabende sagte, Seine Majestät sei im Begriff, sich in Surgères niederzulassen, einem großen Marktflecken fünf Meilen östlich von Aytré. Der König werde dort besser vor dem Wind geschützt wohnen, der Graf von Surgères habe ihm sein Schloß zur Verfügung gestellt, ein schönes Bauwerk aus dem vierzehnten Jahrhundert.

So ritt ich denn nach Pont de Pierre, wo Charpentier mich trüben Gesichts ins Kabinett des Kardinals führte. Der saß an seinem Tisch, den Gänsekiel in der Hand, doch ohne zu schreiben, und seine Miene war traurig und niedergeschlagen. Seine Katze hockte auf dem Tisch zwischen zwei säuberlich gestapelten Aktenbergen, rührte sich nicht, schaute nur auf ihren Herrn und spürte sicherlich, daß sie sich am besten nicht bemerkbar machte.

Anwesend fand ich weiter den Pater Joseph und Monsieur de Guron, einen beleibten und apoplektischen Edelmann, der dem Herrn des Hauses ebenso ergeben war. Richelieu hob die Augen und bedeutete mir durch ein Handzeichen, mich in dem |170|Kreis auf einem Schemel niederzulassen. Dann versank er wieder in seine Gedanken, die sehr bitter sein mußten, denn er furchte die Stirn, preßte die Lippen zusammen und schien den Tränen nahe. Dieses Schweigen schien mir eine Ewigkeit zu währen. Und die ganze Zeit über wechselten Monsieur de Guron, der Pater Joseph und ich verstohlen peinliche, unglückliche Blicke, denn wenn der Kardinal, dessen Willen für gewöhnlich so fest und stark war, sich in einer solchen Ratlosigkeit befand, mußte schon eine sehr ernste Gefahr das Reich bedrohen.

»Meine Herren«, sagte Richelieu endlich, »Ihr habt mir alle drei stets so treu gedient, daß Ihr auch als erste, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, eine Neuigkeit hören sollt, die mich in unaussprechliche Sorge stürzte. Da Ihr Männer voll guter Einsicht seid, will ich Euch meine Bedrängnis aber nicht mitteilen, damit Ihr mich beklagt, sondern um Eure Meinungen und Euren Rat zu einer Entscheidung einzuholen, welche die Grundfesten des Staates, wenn auch nicht zu stürzen, so doch zu erschüttern vermag.«

Die Stimme blieb ihm im Halse stecken, und er brauchte eine Weile, um sich wieder zu fassen.

»Meine Herren«, fuhr er mit kaum vernehmbarer Stimme fort, »der König geht von hier fort.«

Keiner von uns dreien verstand, oder wollte verstehen, was das bedeutete. Ein langes Schweigen trat ein. Und es hätte noch länger gedauert, wenn Pater Joseph, der mit Richelieu auf so vertrautem Fuß stand, wie es weder Guron noch ich behaupten konnten, dem Kardinal nicht die Frage gestellt hätte, die auch uns auf den Lippen brannte.

»Monseigneur«, sagte er, »wohin geht der König?«

»Der König verläßt das Feldlager und kehrt zurück nach Paris«, brachte Richelieu leise und mühsam hervor.

Wir verharrten alle drei sprachlos, keiner wagte laut zu sagen, was ihn innerlich bewegte.

»Meine Herren«, setzte Richelieu mit bleichem und zerfurchtem Gesicht hinzu, »ich sehe, daß Ihr Euch die schwerwiegenden Konsequenzen dieser Entscheidung vorstellen könnt. Wenn der König nach Paris geht und ich ihm folge, wie ich das als sein Minister tun müßte, so bedeutete das hier die Auflösung. Offiziere und Soldaten würden das Lager binnen Stundenfrist |171|verlassen. Die Belagerung wäre aufgehoben, der Krieg verloren. Im Ausland würden unsere Armeen der größten Geringschätzung anheimfallen, in Frankreich würden sämtliche protestantischen Städte des Languedoc sich gegen den König erheben! Achtzehn Jahre der Anstrengungen und Kämpfe, sie im Staatsgefüge zu halten, wären verloren, vermutlich für immer!«

Dieses düstere Bild bewies Richelieus überragende politische Fähigkeit: Die Zukunft nicht nur im Auge zu haben, sondern sie sich auf Grund der gegenwärtigen Gegebenheiten vorzustellen, und zwar mit einer solchen Genauigkeit und einer Farbigkeit, daß es unbedingt überzeugte. Mir verschlug dies die Sprache um so mehr, als ich wußte, wie gewissenhaft und streng Ludwig in der Auffassung seiner königlichen Pflichten war.

»Monseigneur«, sagte ich schließlich, »Seine Majestät sieht doch aber zweifellos, welche Konsequenzen seine Entscheidung haben wird. Wie ist es zu begreifen, daß er sie dennoch gefällt hat?«

»Ich habe mein Bestes getan, ihn davon abzubringen«, sagte Richelieu. »Aber ich stieß gegen eine Wand. Meiner Reden überdrüssig, verließ der König Aytré und hat sich fünf Meilen von hier in Surgères niedergelassen, wie Ihr wißt, und Surgères liegt bereits am Weg nach Paris.«

»Für mein Gefühl, Monseigneur«, sagte Pater Joseph, »ist es besser, seinem Vorhaben zuzustimmen, bevor er sich noch mehr gegen Euch erbost.«

»Erbost gegen mich ist er jetzt schon sehr«, sagte Richelieu traurig. »Ich schrieb ihm nach Surgères, wenn er nach Paris ginge, bäte ich um die Erlaubnis, im Lager zu bleiben, um die Auflösung zu verhindern. Er antwortete mir schroff, ohne ihn hätte ich so viel Autorität ›wie ein Kochtopf‹.«

Bei diesen Worten rannen zwei dicke Tränen über seine Wangen. Es war nicht das erstemal, daß ich Richelieu weinen sah, und ich wußte durchaus, daß dieser eherne Mann, wenn eine tiefe Bewegung ihn überwältigte, seinen Kummer nicht zu unterdrücken vermochte. Ebenso wußte ich von den großen und kleinen Zwistigkeiten, die von Zeit zu Zeit zwischen dem König und seinem Minister aufflammten. Aber Richelieu auf den Rang eines »Kochtopfes« herabzustufen, war wohl die grausamste Bosheit, die Ludwig dem großen Staatsdiener hatte |172|antun können, der »großen Seele, den großen Werken ohn’ Unterlaß ergeben«, wie Malherbe so treffend gesagt hatte.

»Monseigneur«, sagte Monsieur de Guron nach einer Weile des Schweigens, »hat Seine Majestät Euch die Gründe mitgeteilt, die ihn zur Abreise bewegen?«

»O ja. Er sagte, daß er das widrige Klima im Aunis nicht ertrage und ernstlich für seine Gesundheit fürchte. Dieser Furcht gesellt sich meines Erachtens eine noch drängendere hinzu. Doktor Héroard, der ihn seit dem Tag seiner Geburt, das heißt, seit siebenundzwanzig Jahren, mit Ergebenheit und wahrhaft mütterlicher Liebe umhegt hat, ist an dem Punkt, ihn zu verlassen.«

»Doktor Héroard verläßt ihn!« sagte Pater Joseph mit kaum verhaltener Entrüstung. »Kann er ihm nicht befehlen, bei seiner Pflicht zu bleiben?«

»Leider nein«, sagte Richelieu. »Héroard gehorcht jetzt einem anderen Gebieter als dem König. Er liegt auf den Tod darnieder, und ohne seine Arzneien und seine Fürsorge fühlt sich der König verloren.«

Diese Nachricht schmerzte mich. Ich liebte und schätzte Héroard, obwohl mein Vater, der medizinischen Schule zu Montpellier getreu, seine Aderlässe und Klistiere hinter vorgehaltener Hand von jeher kritisiert hatte, weil sie ihn weit schädlicher als nützlich dünkten. Für mein Gefühl war das aber nicht das Entscheidende. Ludwig liebte seinen Leibarzt und hatte unerschütterliches Vertrauen zu ihm, er hielt ihn für fähig, ihn von jeglichem Übel zu heilen, obgleich er seine Genesungen bisher wohl eher seiner Jugend als den verordneten Mitteln verdankte. Hier wie überall versetzte der Glaube Berge.

»Meine Herren«, fuhr Richelieu fort, »was ratet Ihr mir in dieser Lage des Reiches?«

»Monseigneur«, sagte Pater Joseph, »wenn der König gegen Euren Willen und gegen sein eigenes Gewissen geht, wird er Reue empfinden, und diese Reue wird sich gegen Euch kehren. Deshalb meine ich, Ihr solltet Euch nach Surgères begeben und, im Gegensatz zu dem, was Ihr bisher vertreten habt, den König zur Abreise drängen, weil seine Gesundheit das kostbarste Gut des Reiches ist.«

Ich hätte es um keinen Preis ausgesprochen – denn Pater Joseph war Kapuziner und verabscheute die Jesuiten, die in seinen |173|Augen zu weltlich waren –, aber ich fand seinen Vorschlag von einer Schläue, die eines Jesuiten würdig war.

»Was haltet Ihr davon, Orbieu?« fragte der Kardinal.

»Was Pater Joseph sagt, sind goldene Worte. Und solltet Ihr seiner Anregung zustimmen, meine ich, daß der König Euch in aller Form an die Spitze der Armee, des Feldlagers und der benachbarten Provinzen stellen müßte.«

»Monsieur de Guron?« fragte Richelieu.

»Ja«, sagte Guron, »er müßte Euch regelrecht einen Auftrag dazu erteilen.«

»Meine Herren, ich danke Euch«, sagte Richelieu und stand auf. Sein Gesicht war wieder klar und heiter. »Ich werde Eure guten Ratschläge überschlafen und, da die Nacht weiser ist als der Tag, meinen Entschluß morgen fassen. Womöglich«, fuhr er mit einem kleinen Funkeln in den Augen fort, »gäbe ich gar keinen so schlechten General ab, wenn er in einem guten Kochtopf ohne Überstürzung garen kann.«

Wir gestatteten uns nicht das kleinste Lächeln und zogen uns mit den üblichen Reverenzen zurück. Ich war bereits an der Tür, als Richelieu mich bat, noch einen Augenblick zu bleiben.

»Monsieur d’Orbieu«, sagte er, nachdem Guron und Pater Joseph die Tür hinter sich geschlossen hatten, »könnt Ihr morgen um neun Uhr hier sein? Dann nehme ich Euch in der Karosse mit nach Surgères, und Ihr könnt dem König von Eurem Besuch bei Frau von Rohan berichten.«

»Ich werde pünktlich sein, Monseigneur«, sagte ich mit neuerlicher Verneigung.

Draußen erwarteten mich Nicolas, meine Stute und der unvermeidliche Regen. In meinem Kopf ordneten sich die Gedanken zu drei Feststellungen, die ich der Methode des Kardinals gemäß zueinander in Beziehung setzte.

Primo, Pater Joseph hatte seinen Vorschlag nur gemacht, weil er Richelieu sehr gut kannte und wußte, daß er diesen Ausweg sowieso wählen würde. Secundo, der Kardinal nahm mich nur darum mit nach Surgères, damit er einen plausiblen Vorwand hatte, den König aufzusuchen. Tertio, er brauchte seinen Entschluß nicht erst zu überschlafen: Der stand bereits fest.