|5|ERSTES KAPITEL

Leser, in diesem fünften Band meiner Memoiren will ich schildern, wie ich die Belagerung von La Rochelle erlebte – neben der von Breda die längste und berühmteste Belagerung der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts.

Es ging, wie Richelieu sagte, um Entscheidendes. Die Protestanten oder Hugenotten, wie man sie damals nannte, hatten einen Staat im Staate geschaffen und in einem fort gegen den König rebelliert.

Nun galt aber La Rochelle, die Zitadelle der hugenottischen Macht innerhalb des Königreiches, bekanntlich als unbezwingbar. Zu Lande machtvoll befestigt, lag es zum Ozean weit offen und konnte sowohl von seiner eigenen Flotte versorgt werden wie auch von der seiner Verbündeten. Das waren paradoxerweise das höchst katholische Spanien, das allerdings viel versprach und nichts hielt, und das protestantische England, das tatsächlich dreimal in den Krieg zwischen Ludwig XIII. und seiner aufsässigen Stadt eingriff.

Dabei hatten sich die englischen Sympathien lange Zeit passiv gehalten. Diese Passivität endete erst durch ein vor der Weltgeschichte scheinbar nichtiges Ereignis: einen in einem nächtlichen Garten geraubten Kuß.

Und das Wer-Wem will ich dem Leser nicht vorenthalten, wenn ich es auch gerafft darstelle, denn diese Affäre habe ich umfänglich im vorigen Band meiner Memoiren erzählt.

Im Jahr 1625, in dessen Verlauf der Prinz von Wales König Karl I. von England wurde, begab sich sein Favorit, Lord Buckingham, nach Paris und hielt für seinen Herrn um die Hand von Prinzessin Henriette-Marie, der Schwester Ludwigs XIII., an. Die wurde ihm gewährt. Auf dem Heimweg aber machte er bei einbrechender Nacht in einem Garten von Amiens der Königin von Frankreich so inständig den Hof, daß sie um Hilfe rief, sonst wäre sie seinen Armen kaum entronnen. Der Skandal war fürchterlich, und Ludwig XIII. verbot dem Unverfrorenen, |6|den Fuß jemals wieder auf französischen Boden zu setzen.

So wohlverdient dieses Verbot auch war, mochte Buckingham es doch nicht hinnehmen. Zur Rache dafür, der Wonnen, die er in Paris als sehr begünstigter Freund der diabolischen Reifröcke genossen hatte, auf immer beraubt zu sein, fiel er ohne Ankündigung über die Insel Ré her, besetzte sie und wurde dabei von den Rochelaisern unterstützt und versorgt. Als er die Zitadelle Saint-Martin-de-Ré, in der sich Toiras mit seinen Truppen verschanzt hatte, aber nicht zu Fall bringen konnte und obendrein von der Entsatzarmee unter Schombergs Befehl in die Zange genommen wurde, mußte er seine Eroberung räumen und verlor bei der Einschiffung die Hälfte seiner Männer.

Was mich angeht, so wünschte ich mir nach den Strapazen und Entbehrungen der endlosen Belagerung, die ich mit Toiras und seinen Soldaten in der Zitadelle Saint-Martin-de-Ré ausgestanden hatte, nichts so sehnlich, wie die häuslichen Freuden auf meinem Gut Orbieu zu genießen, »welches mir eine Provinz ist und noch viel mehr«.

Aber, ach! daraus wurde nichts. Um ehrlich zu sein, getraute ich mich nicht einmal, mir von Ludwig XIII. einen Urlaub zu erbitten, denn mit der Vertreibung der Invasoren von der Insel war der Krieg keineswegs beendet. Die Engländer weilten noch auf unserem Boden, da erklärten die Rochelaiser uns am zehnten September 1627 den Krieg, und zwar nach einem sonderbaren, endlos langen Gegenüber, sie hinter ihren Mauern, wir davor, ohne daß auch nur ein Schuß gefallen wäre.

»Was soll das?« sagten die Engländer, »das ist doch nicht Krieg, nicht Frieden.« Und sie trafen den Nagel auf den Kopf, so groß nämlich war auf beiden Seiten der Widerwille, sich erneut in die Schrecken eines Bürgerkrieges zu stürzen.

Die unauslöschliche Erinnerung an die ein halbes Jahrhundert währenden Verfolgungen hatte unsere armen Hugenotten über die Maßen empfindlich gemacht. Hinter jedem kleinsten Wort, jedem geringsten Anschein witterten sie Bedrohungen. Das Edikt von Nantes hatte ihnen so große Freiheiten und Privilegien gebracht, daß sie gewissermaßen einen Staat im Staate bilden konnten, trotzdem waren sie nicht zufrieden, sie blieben aufsässig und fordernd und voller Argwohn. Damit nicht genug, brachen sie selbst die Klauseln jenes Edikts, das einzig |7|ihrem Schutz diente. Sie scheuten sich nicht, im Béarn die katholischen Priester zu verjagen, dem König Städte oder Inseln zu rauben, im bretonischen Pertuis seine Schiffe zu kapern oder sogar die königliche Garnison zu überrumpeln und niederzumetzeln wie in der kleinen Stadt Nègrepelisse, die dafür von Condé nicht minder grausam gestraft wurde.

Fest steht, daß nicht alle Rochelaiser den Krieg wollten. Gegen ihn waren die Amtsträger, um der gesetzlichen Ordnung willen, die wohlhabenden Bürger, denen ihr ruhiges Leben wichtiger war, die Kaufleute, die ihre errungenen Handelsfreiheiten nicht gefährden wollten, und vor allem die Reeder, die um ihre Schiffe fürchteten.

Die Pastoren indes, allen voran der höchst einflußreiche Pastor Salbert, riefen zum Kampf. Im Besitz ihrer absoluten Wahrheit – wie ja ebenso die Katholiken von der orthodoxen Partei –, nahmen sie zu deren Durchsetzung Gewalt in Kauf. Und beeindruckt von ihren vehementen Predigten wie auch durch die Anwesenheit der verwitweten Herzogin von Rohan in ihren Mauern, waren auch die kleinen Leute geneigt, das Wort den Kanonen zu überlassen. Sie hatten nichts zu verlieren als das Leben, das sie in ihrem unerschrockenen Glauben für nichts erachteten.

Was die Rohans anging – die Herzoginwitwe, den regierenden Herzog und seinen jüngeren Bruder (den »höllischen Soubise«, wie Richelieu ihn nannte) –, so nährten sie den Traum, sich aus dem französischen Königreich eine unabhängige Herrschaft, bestehend aus La Rochelle, den Inseln und dem Languedoc, herauszuschneiden und ihrem Zepter untertan zu machen.

Weil die Königinmutter und die regierende Königin pro-spanisch und ultramontan waren und weil die orthodoxe Partei, die wie ein Phönix aus der Asche der sogenannten Heiligen Liga erstanden war, ohne es noch in deutliche Worte zu fassen, sich die Ausrottung der Ketzerei in Frankreich zum Ziel setzte, fürchteten die Hugenotten, über sie werde abermals eine Verfolgung hereinbrechen.

Sie vergaßen, daß der König sich in keiner Weise von den Königinnen lenken ließ, daß er, so fromm er war, den Anspruch des Papstes bestritt, unbedingte Macht über das Zeitliche auszuüben, daß er seinen Bischöfen bei passender Gelegenheit mit |8|Vorliebe ihren Hochmut oder ihre Habgier vorwarf, daß er nicht gezögert hatte, die päpstlichen Truppen im Veltlin anzugreifen und zu verjagen, und schließlich daß er zu wiederholten Malen bekräftigt hatte, niemals die Religions- und Glaubensfreiheit seiner protestantischen Untertanen anzutasten.

Merkwürdig aber – und ein Beispiel für die unergründliche Logik der menschlichen Leidenschaften: Die Hugenotten von La Rochelle rebellierten gegen Ludwig, hörten darum aber nicht auf, ihn zu lieben. Als sie mit den Engländern verhandelten, die ihre der Stadt geleistete Hilfe gern mit einigem französischen Landbesitz belohnt sehen wollten, protestierten sie, sie wollten »der Treue und Ergebenheit keinen Abbruch tun, die sie dem König von Frankreich schuldeten«, den sie im übrigen hoch schätzten als einen »ausgezeichneten Fürsten, dessen Vorgehen von einer sehr seltenen Aufrichtigkeit« geprägt sei.

Mehr noch, als sie hörten, daß während der Belagerung eine ihrer Kanonenkugeln vier Schritte vor Ludwig eingeschlagen war und ihn mit Staub überschüttet hatte, hielten sie öffentliche Gebete ab, auf daß der Herr ihn fürderhin in seinen heiligen Schutz nehmen möge. Kurz, sie bombardierten ihn, wollten aber nicht seinen Tod. Die Engländer, die eigentlich nichts noch so Ausgefallenes oder Widersinniges erschüttern kann, machten diese Fürbitten zum Schutz des Königs von Frankreich denn doch baff. Nicht ohne Betrübnis folgerten sie, daß den Rochelaisern »die königliche Lilie wohl doch zutiefst im Herzen wurzele«.

Die Engländer erhielten noch mehr Gründe, sich über diese eingewurzelte Verbundenheit zu betrüben. Als die Belagerung sich in die Länge zog und der Hunger in der Stadt mehr und mehr Menschen dahinraffte, kam ein Rochelaiser auf die Idee, heimlich die Mauern zu überwinden, sich durch die feindlichen Linien bis zu dem Marktflecken Aytré durchzuschlagen, wo Ludwig Wohnung bezogen hatte, und ihm sein Messer ins Herz zu stoßen.

Diesen Plan eröffnete der Mann dem Bürgermeister, Jean Guiton, der von Anfang an unnachgiebig für den Krieg eingetreten war und der trotz aller furchtbaren Verluste, die seine Stadt erlitt, entschlossen war, den Kampf gegen die königliche Macht bis zum letzten zu führen.

Der mörderische Plan des Mannes fand bei Guiton dennoch |9|keine Gnade. Als gewissenhafter Hugenotte, sagte er, halte er sich an die Zehn Gebote: Mord sei Todsünde. Und ob man in solcher Notlage gegen das göttliche Gesetz verstoßen dürfe, das allein zu entscheiden fühle er sich nicht berufen. So erbat er hierzu denn die Meinung des Pastors Salbert, der, ebenso wie er zum Krieg gedrängt hatte, auch kein Wort von Kapitulation duldete. Trotzdem verwarf Pastor Salbert den Mordplan schon bei den ersten Worten.

»Das«, sagte er, »ist ein ganz ungerechtes und ganz abscheuliches Mittel, dies kann der Weg des Herrn nicht sein, um La Rochelle zu erlösen.«

Als mir die Geschichte nach dem Friedensschluß zu Ohren kam, empfand ich alle Achtung vor diesen Kalvinisten. Wie unendlich viel treuer waren sie doch dem Wort Gottes als die Fanatiker der Heiligen Liga, die kein Gewissen, keine Gottesfurcht gehindert hatte, sich Heinrichs III. und Henri Quatres durch Mord zu entledigen. Doch brauchte man gar nicht so weit zurückzudenken: Was war denn von jenen Komplotteuren im Umkreis Monsieurs, der Vendôme-Brüder und sogar der Königin zu halten, die es seelenruhig darauf anlegten, Richelieu zu ermorden und den König ins Kloster zu sperren?

***

Meine erste Sorge, als wir nach unserem glänzenden Sieg über die Engländer von der Insel Ré aufs Festland kamen, war es, für mich und meinen Junker, Nicolas de Clérac, Pferde zu kaufen, denn unsere waren während der Belagerung der Zitadelle mit gut zweihundert anderen gnadenlos geschlachtet und aufgegessen worden.

Das schanzenbewehrte Feldlager rings um La Rochelle wimmelte nicht nur von Soldaten, dort gab es auch Händler, die in großen Zelten alles verkauften, was irgend auf dieser Welt für Geld zu haben ist, sogar Huren, das allerdings nur geheim und an sehr verschwiegenen Orten, denn die Polizei des Königs, tugendhaft wie ihr Herr, verbot solchen Handel. Der Preis, der mir für zwei Stuten abverlangt wurde, war so über allen Brauch und Verstand, daß ich lange feilschen mußte, um ihn zu drücken. Ein Glück nur, daß meine Schweizer, mit ihrem Hauptmann Hörner elf an der Zahl, ihre Tiere während |10|der Belagerung nicht hatten opfern müssen, aus dem einfachen Grund, weil sie als Schweizer nicht in die Liste der französischen Kavallerie eingetragen waren. Es war dies das erste und einzige Mal im Leben, daß mir die Federfuchserei von Intendanten zum Segen ausschlug und eine große Ausgabe ersparte, denn da ich die Schweizer gedungen hatte, hätte ich ihnen selbstverständlich die Pferde ersetzen müssen, wenn ihre ebenfalls im Kochtopf gelandet wären.

Auch meine neue Stute taufte ich Accla, im Gedenken an jene, die ich in der Zitadelle auf der Insel Ré hatte opfern müssen, und so konnte ich mir einbilden, sie sei noch am Leben.

Sobald wir beide glücklich aufgesessen waren, begab ich mich nach Aytré, der kleinen Ortschaft südlich von La Rochelle, wo der König Quartier bezogen hatte, und zwar in der zwiefachen Hoffnung, ihn zu sehen und ein Dach für mich und meine Schweizer zu finden.

Meine Hoffnungen wurden beide enttäuscht. Wie ich von Berlinghen erfuhr, war der König zur Inspektion der Truppen aufgebrochen, die in Coureille lagen, an der Südspitze der Bucht von La Rochelle, und wurde erst übermorgen zurück erwartet. Und das königliche Gefolge war so zahlreich, daß es in Aytré kein Haus, keine Hütte gab, die nicht überbelegt waren. »Hier fällt keine Nadel mehr zu Boden«, sagte Berlinghen, Ludwigs Kammerdiener.

So beschloß ich, meine Suche anderswo fortzusetzen, und nahm den Weg nach Süden, am Meer entlang. Unweit von Aytré lag ein Dorf, Saint-Jean-des-Sables, das mich gleich durch seinen Namen, seinen Strand und seine Ausblicke auf den Ozean entzückte. Als ich keinen Gasthof entdeckte, faßte ich eine Schenke, Zum goldenen Apfel, ins Auge. So marode und armselig aber, wie das Gebäude aussah, das besagten Apfel barg, mußten seine goldenen Zeiten lange vergangen sein.

Der Schankwirt, ein schmächtiger Hinkefuß, war über unseren Eintritt zunächst erfreut, als er jedoch durch sein einziges verglastes Fenster – die anderen waren aus Sparsamkeit mit Ölpapier verklebt – draußen meine Schweizer gewahrte, fürchtete er, man wolle ihn ausrauben. Er humpelte los, griff sich aus einem Winkel eine alte Arkebuse und legte wortlos auf uns an. Der Schreck hatte ihm die Sprache verschlagen.

»Guter Mann«, sagte ich, »wir sind ehrbare Leute allesamt, |11|mein Junker, ich und meine Eskorte. Wir wollen dir nichts aus dem Beutel nehmen, sondern etwas hineintun. Schaff deine altmodische Arkebuse, deren Lunte ja nicht einmal gezündet ist, nur dahin, wo du sie hergenommen hast, und bring uns eine gute Flasche Aunis-Wein.«

Hiermit besetzte ich, in respektvoller Verzögerung von Nicolas gefolgt, einen Schemel und warf einen Sou auf den Tisch. Bei diesem Schatz traute der gute Mann seinen Augen nicht, raffte die Münze rasch an sich und rief, die Arkebuse noch immer an sich gedrückt, sein Ehegespons, wahrscheinlich damit sie uns überwache, dann verschwand er durch eine Falltür wie der Teufel.

Nun nahte sich im Wiegeschritt eine Vettel, doppelt so dick wie ihr Mann, die Arme unterm Busen verschränkt, als müsse sie ihn stützen. Eine Weile musterte sie uns aus harten, kleinen schwarzen Augen. Endlich fragte sie Nicolas in einem Gemisch aus Französisch und der Mundart des Aunis, wer der »Moussu« sei. Das war das einzige Wort, das ich verstand. Zum Glück sprach Nicolas das Okzitanische besser als ich, wenn auch nicht ganz das im Aunis übliche.

»Der ›Moussu‹«, sagte Nicolas, »ist der Königliche Rat, Graf von Orbieu.«

Hierauf setzte die Vettel ihre Massen in Bewegung, um zwei staubige Becher herbeizubringen, stellte sie auf den Tisch und ließ uns, ohne ein Wort zu verlieren, allein.

»Herr Graf«, sagte Nicolas, »erlaubt Ihr, daß ich die Becher draußen am Brunnen wasche?«

»Besten Dank, Nicolas, und sag bitte Hörner bei der Gelegenheit, daß ich ihm und seinen Männern gleich vier Flaschen hinausbringen lasse, denn für so viele ist der Saal hier zu klein.«

Nicolas war fort, durch die Falltür sah ich den Kopf des Schankwirts auftauchen, dann seinen Oberkörper, dann seine Hände, in der einen eine Weinflasche, die andere hielt immer noch die Arkebuse umklammert. Gebieterisch nahm sein Weib ihm die Waffe ab, stellte sie an ihren Platz, entkorkte die Flasche und zeigte nicht die geringste Verwunderung, als Nicolas mit den sauberen Bechern wiederkam. Anscheinend, dachte ich, ist es hier Sitte, daß die Gäste das Geschirr selber waschen, falls sie das für nötig halten.

|12|Ich bestellte noch vier Flaschen für meine Schweizer und legte drei Sous auf den Tisch. Aber die Gevatterin verlangte vier, so schnell hatte sie sich auf meinen Preis eingestellt, außerdem witterte sie, daß meine Großzügigkeit, wenn ich so sagen darf, nicht umsonst wäre und diese oder jene Frage einschloß.

Kaum hatte ich meinem Obolus einen Sou hinzugefügt, grapschte das Weib mit seiner fetten Hand die vier Münzen, bevor ihr Mann auch nur Uff sagen konnte. Auf ein barsches Wort von ihr verschwand er wiederum im Kellerloch, was wohl im eigentlichen wie im übertragenen Sinn sein tägliches Los sein mochte.

Die Vettel wartete, bis der Arme aus dem Keller zurückkehrte und die Flaschen zu meinen Schweizern hinausbrachte, dann setzte sie sich ohne Umstände an unseren Tisch und fragte Nicolas, was der »Moussu« wolle, wobei ich die Frage nur aus der Antwort verstand, die Nicolas ihr gab.

»Der Herr Graf«, sagte Nicolas, »wünscht in Saint-Jean-des-Sables ein Haus zu mieten, wo er mit seinen Schweizern wohnen kann.«

Dies sagte er zuerst auf französisch, dann übersetzte er, ein Verfahren, das er über das ganze Gespräch beibehielt.

Nachdem das Weib endlich begriffen hatte, was ich wollte, beklagte sie sich erst einmal unter endlosem Ach und Weh, wie sehr ihre dick geschwollenen Beine sie schmerzten. Deshalb auch habe sie, mit Verlaub, sich an meinen Tisch gesetzt.

Dann ließ sie mich wissen, daß sie und ihr Mann ehrbare Leute seien, bekannt als solche in Saint-Jean-des-Sables und gerne jedermann behilflich, auch, wenn es sich so ergebe, Fremden wie uns. Nur sei sie andererseits gar knapp dran und müsse für das, was ich wissen wolle, verlangen, daß ich ihr ein bißchen die Pranke schmiere. Nicolas war entrüstet über soviel Raffgier, schließlich hatte die Vettel meine Freigebigkeit schon ausgenutzt, als sie ihren Weinpreis saftig aufschlug. Damit sie sich nun nicht erkühne, abermals mehr zu fordern, wenn ich ihr ein Angebot machte, blickte ich sie mit strenger Miene an.

»Gevatterin«, sagte ich scharf, »ein für allemal und ohne Widerrede, ich gebe dir fünf Sous, wenn du den Mund aufmachst, aber keinen Sous mehr.«

»Ist schon recht, Moussu«, sagte sie, Schmalz in der Stimme.

|13|Ich zog die fünf Sous aus meiner Börse, zählte sie auf den Tisch und legte meine Hand drüber.

»Nun rede, Gevatterin, rede!« sagte ich. »Und daß du mir die Wahrheit sagst! Sonst komme ich heut abend mit meinen Schweizern, röste dir die Füße und räume dir deinen Weinkeller leer.«

»Moussu«, sagte sie, »wir sind sehr ehrbare Leute und sagen immer nur, was wahr ist! Das schönste Haus in Saint-Jean-des-Sables gehört der Marquise de Brézolles, bloß wird Eure Hoheit sich dort nicht einmieten können, weil die Marquise sich so belästigt fühlt von dem Kanonendonner, den sie den ganzen Tag hören muß, und weil sie jede Nacht so in Ängsten ist vor Deserteuren und Plünderern, daß sie drauf und dran ist, ihre Sachen zu packen und nach Nantes zu ziehen, wo sie auch ein sehr schönes Haus hat, mitten in der Stadt sogar, wie es heißt.«

Hierauf verstummte die Vettel, und kaum zog ich die Hand von den fünf Sous, hatte sie sie auch schon geschnappt. Wir verließen sie, ohne uns groß mit Höflichkeiten aufzuhalten, und als ich den schmächtigen Gefährten ihrer Lebtage in einer Ecke erblickte, dachte ich bei seiner schmerzlichen Miene, daß sein Weib aus meinem Besuch neun Sous herausgeschlagen hatte und er nur einen. Dabei war es nicht einmal sicher, ob sie ihm seine magere Beute nach unserem Aufbruch nicht auch noch abluchste.

Das schöne Haus war ein Schloß aus der Zeit Henri Quatres, mit Ziegelwerk und Hausteinschmuck um Türen und Fenster. Rechter Hand vom Gittertor hing eine Glocke, welche Nicolas auf mein stummes Geheiß über eine Minute läutete, doch ohne jeglichen Erfolg. So nahm ich mir die Freiheit, durchs Tor zu reiten, aber nur mit Nicolas, während Hörner und seine Schweizer draußen warteten, damit die Dame des Hauses uns nicht für eine räuberische Horde halte, die auf Möbel und Mädchen aus war.

Unsere Stuten führten uns bis vor die Freitreppe, und dort auf einmal zeigte sich eine Art maggiordomo, degenbewehrt, aber so altersschwach, daß er sich nur gerade auf den Beinen hielt. Ich sagte ihm, wer ich sei, doch ob er taub war oder sich nichts mehr merken konnte, er hörte kaum zu. Dafür musterte er mich eindringlich von Kopf bis Fuß.

Nun hatte ich ja in der Erwartung, in Aytré vor Seiner Majestät |14|zu erscheinen, meine schönsten Kleider angelegt, so daß der Maggiordomo schwerlich etwas an mir auszusetzen fand, weder an dem mehrfarbigen Federbusch meines Hutes noch an meinem Venezianer Spitzenkragen, den ich im Nacken aufgestellt trug, auch nicht an meinem perlenbestickten, mattblauen Seidenwams, noch an meinem kunstreich verzierten Degenknauf oder meinen hohen Stiefeln aus feinstem Leder und schon gar nicht an dem großen goldenen Kreuz der Ritterschaft vom Heilig-Geist-Orden, das ich angelegt hatte, um demjenigen Ehre zu erweisen, der es mir verliehen hatte.

»Meine Herren«, sagte er mit zittriger Stimme, »beliebt abzusitzen und mir zu folgen.«

Ein Lakai erschien und übernahm unsere Pferde. Er trug eine neue Livree, vermutlich in den Farben der Marquise de Brézolles. »Neu«, sage ich, weil eben das mir auffiel und einen guten Eindruck machte. In diesem Haus schien nicht die Knickrigkeit jener reichen Madame de Candisse zu herrschen, die mich, wie ich im vorigen Band meiner Memoiren erzählte, in La Flèche zugleich so schäbig und großzügig aufgenommen hatte.

Und wirklich war der Salon, in den uns der Maggiordomo führte, neu eingerichtet, in Hellblau, mit neuen Lehnsesseln und einem wunderschönen großen Perserteppich. Das Ganze zeugte von sicherem Geschmack und einer wohlgefüllten Börse, die im Gegensatz zu der von Madame de Candisse durchaus auch einmal geschröpft wurde.

Nach einer Weile ging die Tür auf, und eine Art Haushofmeisterin trat herein. Haushofmeisterin sage ich, weil ihr Kleid zwischen Cotillon und Reifrock die Mitte hielt, was darauf hindeutete, daß sie, zwar nicht von Adel, in der häuslichen Hierarchie aber so hoch gestellt war, daß sie sich über den Cotillon erheben durfte, nicht aber bis zum Reifrock.

Trotz ihres hohen Alters gebot sie über wache, flinke Augen und, wie sich schnell zeigte, über eine sehr gewandte Zunge.

»Mein Herr«, sagte sie nach der höflichsten Reverenz, »die Frau Marquise de Brézolles, welche Euch auf den Bericht ihres Maggiordomo hin vorließ, wünscht Euren Namen und Stand genauer zu erfahren.«

Ich stellte mich also vor und fügte hinzu, daß mein Junker Nicolas, den sie mit Güte betrachtete, Clérac heiße und der jüngere |15|Bruder von Monsieur de Clérac, Hauptmann der Königlichen Musketiere, sei, welcher Kompanie mein Junker beitreten werde, sobald er das notwendige Alter erreicht hätte.

»Herr Graf«, sagte Nicolas, als die Intendantin uns allein gelassen hatte, »wenn die Dame des Hauses ebenso alt ist wie ihr Maggiordomo und ihre Haushofmeisterin, könnte es sein, daß es hier ein bißchen trübe wird.«

»Was mich nicht anficht, Nicolas, da die Marquise ja abreist.«

»Falls sie ihre Absicht nicht ändert, wenn sie Euch sieht, Herr Graf.«

»Oder dich, Nicolas. Es könnte nämlich sein, daß es mich gar nicht grämen wird, wenn du zu den Musketieren gehst, weil dein schönes, frisches Gesicht mich bei den Damen derart in den Schatten stellt.«

»Könnte es, mit Verlaub, Herr Graf, nicht eher sein, daß Ihr mich in den Schatten stellt, wie es sich während der Belagerung von Saint-Martin zeigte, als Marie-Thérèse, vor der Wahl zwischen Herrn und Diener, sich in Keuschheit verschloß?«

»I bewahre, die Ärmste war einfach in ihre Entkräftung verschlossen, und wie hätten wir sie daraus erwecken können, da Hunger und Durst uns wenn auch noch nicht umgebracht, so doch reichlich abgetötet hatten?«

So ging unser Geplänkel, als sich die Tür auftat und hinter ihrem alten Maggiordomo die Marquise de Brézolles erschien. Ihr Reifrock war so breit, daß sie ihn mit beiden Händen raffen und sich schräg stellen mußte, um die Tür zu durchschreiten.

Nun trat ich auf sie zu, indem ich ihr bei jedem Schritt eine Reverenz machte und mit meinem Federhut den Perserteppich streifte, während Nicolas zu meiner Rechten, aber einen halben Klafter1 hinter mir, seine Kratzfüße nicht nach, sondern gleichzeitig mit mir ausführte wie in einem gut geprobten Ballett.

Schöne Leserin, ohne mich vor Ihnen meiner Talente rühmen zu wollen, zumal wenn es nichtige sind, möchte ich Sie doch nicht in dem Glauben lassen, eine schöne Reverenz sei ein Kinderspiel. Vor allem braucht es dazu Anmut, und sicherlich fällt diese den Damen leichter als den Herren, denn wenn sie niederknicksen, breitet sich der Reifrock hübsch um sie her |16|wie eine Blütenkrone und verbirgt, wo nötig, eine ungeschickte Beinbewegung. Dennoch bedarf es hierzu auch bei einer Dame einiger Übung und besonders eines guten Gleichgewichts, denn käme sie aus ihrem Knicks nicht mehr vom Boden hoch, wäre sie das Gespött des ganzen Hofes.

Hinzufügen möchte ich, daß es tausenderlei Weisen gibt, eine Reverenz zu machen, und daß daher keine der anderen gleicht. Man kann einen Herzog oder einen Prinzen mit allem gebührenden Respekt grüßen, ohne ihm damit die mindeste Achtung und Ergebenheit auszudrücken. Auf solche Weise grüße ich Monsieur1, seit er versucht hat, mich ermorden zu lassen. Hingegen lege ich in meinen Kniefall vor dem König oder dem Kardinal alle Zuneigung, ja Liebe, die ich diesen Männern entgegenbringe. Die Herzogin von Chevreuse – die der König nicht grundlos den »Satan« nennt – grüße ich so frostig ich kann, und ihr Dank ist voll sichtlichster Verachtung. Ihrem Gemahl hingegen, dem Herzog von Chevreuse, entbiete ich alle Freundlichkeit, denn er ist ein gutmütiger Bursche und zudem mein Halbbruder, und er erwidert meine Freundlichkeit, indem er mich umarmt.

Leider hat der Herzog von Chevreuse nicht eine Spur von Einfluß auf die Herzogin, von Autorität über sie ganz zu schweigen, und er vermag rein gar nichts gegen ihre Liebesaffären, ihre machiavellistischen Intrigen und verbrecherischen Projekte gegen den König.

Als ich mit meiner dritten Reverenz einen Schritt vor der Marquise de Brézolles anlangte, richtete ich mich auf, während sie graziös Arm und Hand in Reichweite meines Mundes hob, nicht ohne mir ein äußerst liebenswürdiges Lächeln zu schenken. So drückte ich meine Lippen denn ein wenig länger auf ihre Finger, als es die Handbücher der Galanterie empfehlen, wenigstens bei einer ersten Begegnung. Aber es kam gut an, und nachdem die Marquise uns gebeten hatte, Platz zu nehmen, schenkte sie Nicolas ein sehr huldvolles Nicken, bot ihm jedoch nicht ihre Hand.

Sobald wir Madame de Brézolles gegenübersaßen, wich das Schweigen dem Austausch kleiner Höflichkeiten, während wir einander mit der scheinheiligsten Zurückhaltung musterten. |17|Und als ich an gewissen Zeichen erkannte, daß weder ich noch Nicolas der Dame mißfielen, wechselte ich von den nichtssagenden Floskeln zu Komplimenten über, lobte die Schönheit des Schlosses, den reizenden Park, den Geschmack, mit dem der kleine Salon aufwartete, und schließlich beglückwünschte ich, mit aller gebotenen Vorsicht, Madame zu ihrer einnehmenden Erscheinung.

Sie errötete bei diesem Aufgebot und hob abwehrend die Hände.

»Graf«, sagte sie, »man sieht, daß Ihr am Hofe lebt, wo die Damen zu Anfang und Ende eines Besuchs erwarten, daß die Herren sie mit allen möglichen Lobpreisungen überschütten. Aber ich bin darauf nicht erpicht. Ich bin Witwe, kinderlos, lebe allein auf dem flachen Land und habe wenig Umgang. Wenn man mir gemeinhin auch ein paar gute Eigenschaften zugesteht, so könnt Ihr doch nichts dazu sagen, weil Ihr mich noch gar nicht kennt. Darum bitte ich Euch, redet ganz offen und sagt mir ohne Umschweife, was Ihr wünscht.«

Das war nun eine kleine Abfuhr, aber doch nicht so ganz, denn was sie mit oder ohne Absicht von ihren guten Eigenschaften gesagt hatte, die mir noch unbekannt seien, konnte man auch so verstehen, daß sie recht gern wollte, ich lernte sie besser kennen, was sich ja wohl nur im näheren Umgang miteinander machen ließ.

Durch dieses »noch« ermutigt, trug ich leichteren Herzens mein Anliegen vor: Weil meine Männer und ich in der Zitadelle Saint-Martin-de-Ré hätten ausharren müssen, seien wir erst nach dem Ende der Belagerung aufs Festland gekommen, das heißt zu einem Zeitpunkt, als der König und sein Heer schon alle Unterkünfte belegt hatten. Wir hätten also nirgends ein Quartier gefunden. Und da ich erfuhr, daß die Marquise de Brézolles beabsichtige, nach Nantes zu gehen, hätte ich gedacht, es käme ihr womöglich nicht ungelegen, ihr Haus für die Dauer ihrer Abwesenheit an mich zu vermieten. Was zunächst den Vorteil hätte, daß wir untergebracht wären, sodann aber auch, daß das Schloß mit einer Garnison belegt wäre, die es vor Plünderung schützen würde.

Madame de Brézolles antwortete nicht gleich, sondern sah mich nachdenklich an, als wäge sie meine offensichtlichen Tugenden und meine möglichen Untugenden gegeneinander ab. |18|»Graf«, sagte sie schließlich, »darf ich Euch eine Frage stellen?«

»Madame«, sagte ich, »ich stehe zu Eurer Verfügung.«

»Was sind das für Männer, die Ihr bei Euch habt? Soldaten?«

»Es sind Schweizer, Madame, die ich gedungen habe und die mir seit langer Zeit dienen, gute, ehrenwerte Männer, reinlich, wacker und diszipliniert. Wenn nötig, scheuen sie sich auch nicht, bei Arbeiten auf meinem Gut Orbieu mit Hand anzulegen.«

»Kann ich sie sehen, Graf?«

»Selbstverständlich, Madame. Nicolas, würdest du bitte unsere Schweizer vor der Freitreppe versammeln?«

»Ist in einer Minute gemacht, Herr Graf«, sagte Nicolas, der nach einem flinken Gruß und einer graziösen Reverenz wie ein Pfeil davonschoß.

Madame de Brézolles wandte sich mir lächelnd zu.

»Was habt Ihr für einen hübschen Junker, Herr Graf!«

Zuerst biß mich die Eifersucht, dann erfaßte mich eine Besorgnis, denn schließt die Welt von der Schönheit des Junkers nicht allzu leicht auf die Sitten des Herrn?

»Madame«, sagte ich abweisend, »Nicolas hat gewichtigere Vorzüge. Daß er so gut aussieht, kommt ihm allerdings sehr zustatten, weil er, wie sein Herr, ein glühender Bewunderer des gentil sesso ist.«

»Oh, das will ich gerne glauben«, sagte Madame de Brézolles und verbarg ihre Erleichterung hinter einem kleinen Lachen.

»Graf«, fuhr sie fort, »seid Ihr verheiratet?«

Allewetter! dachte ich, muß ich jetzt etwa meine ganze Lebensgeschichte erzählen, damit sie mir ihr Haus vermietet?

»Nein, Madame, ich habe alles mögliche gewagt, nur das nicht.«

»Ach!« sagte sie lächelnd, »so schrecklich ist die Erfahrung doch nicht. Was auch immer geredet wird – es gibt gute Ehen. Ich, zum Beispiel, hatte einen vortrefflichen Gemahl, dem ich höchstens vorwerfen könnte, daß ich keine Kinder habe. Kanntet Ihr ihn vielleicht?« fragte sie. »Er war in Herrn von Schombergs Heer, das die Engländer zwang, sich einzuschiffen, nachdem es sie gezwungen hatte, die Belagerung der Zitadelle Saint-Martin-de-Ré aufzuheben.«

»Es hätte sein können, Madame. Aber ehrlich gesagt, wir |19|waren nach der langen Belagerung so geschwächt, daß wir Herrn von Schomberg nur als Nachhut dienen konnten und seine Offiziere daher nicht kennenlernten.«

»Monsieur de Brézolles, müßt Ihr wissen, war im letzten Kampf in die Hinterbacke getroffen worden. Er wurde verbunden und schnellstens hierher transportiert«, erzählte sie. »Seine Wunde erschien uns aber harmlos und leicht heilbar, vor allem, als er noch am Abend seiner Ankunft unbedingt mein Lager beehren wollte, so daß das ganze Gesinde staunte.«

»Wie erfuhr das Gesinde denn das?«

»Nun ja«, sagte sie, indem sie die Augen niederschlug, »Monsieur de Brézolles betrug sich in solchen Momenten etwas sehr geräuschvoll. Offenbar war es aber höchst unklug von ihm, sich so heftige Bewegung zuzumuten. Seine Wunde brach auf, das Blut floß in Strömen, und alle Versuche, es zu stillen, schlugen fehl. Der Arzt war mit seinem Latein am Ende.«

Zum Teufel mit seinem Latein! dachte ich. Mein Vater hätte an seiner Stelle kein Latein gebraucht, sondern einen guten Knebel, der, richtig gesetzt, das Blut zum Stillstand gebracht hätte.

»So ist er denn gestorben«, sagte Madame de Brézolles, und je eine dicke Träne rollte über ihre Wangen.

Aber nur eine, und nachdem das Naß mit einem Spitzentuch, das sie aus dem Ärmel zog, getrocknet war, erhob sie sich entschlossen.

»Monsieur«, sagte sie, »Eure Schweizer schmachten an meiner Freitreppe. Erlösen wir sie!«

Die ganze Zeit, während wir Seite an Seite von dem kleinen Salon zur Freitreppe hinausgingen, blieb die Marquise verschlossen und stumm. Wenn du erlaubst, Leser, nütze ich die Pause, dir die Dame zu beschreiben.

Sie war nicht eben hoch gewachsen, aber das fiel nicht auf, denn sie hatte keine kurzen Beine, im Gegenteil. Und weil ihre Taille schmal war und ihr Hals lang, gab ihr das Zusammenspiel eine schlanke und elegante Erscheinung. Dabei war sie nicht etwa mager. Ihr Ausschnitt entblößte keine Salzfässer, und ihr Busen war rund. Die hohen Absätze machten sie größer, ebenso ein Haaraufbau aus drallen braunen Löckchen, der über ihrem Gesicht aufragte wie eine große Aureole. Ihre Augen waren goldbraun, lebhaft und klug, die Nase leicht gebogen, |20|die etwas vollen Lippen fein gezeichnet, die Zähne klein und weiß, und ihr Lächeln ging einem geradewegs ins Herz, so zärtlich und fröhlich war es. Ihre Gesichtsform aber, weniger ein Oval, denn zum Rechteck neigend, ihre klare Kinnlinie und ihr entschiedener Gang bezeugten, daß ihre weibliche Süße sich mit einem weder schwachen noch schwankenden Willen paarte. Diese Schöne, das hätte ich schwören können, blieb in jeder Situation mit beiden Beinen auf der Erde, ließ sich von niemandem etwas vormachen und wußte ihre Interessen zu wahren. Wovon übrigens die prüfende Vorsicht zeugte, mit der sie meinem Ersuchen begegnet war, ohne daß ihr angenehmes Gespräch darunter gelitten hatte.

Hörner und seine Schweizer bildeten eine tadellose Reihe vor der Freitreppe, die Pferde mit den Köpfen uns zugewandt und die Männer so unbeweglich, wie es ihre Tiere erlaubten. Als Hörner Madame de Brézolles mit dem Degen grüßte, zogen seine Männer alle gleichzeitig die Hüte und setzten sie im selben Moment wieder auf, da Hörner seine Klinge einsteckte.

Dies war die übliche Zeremonie, mit der Hörner mir seine Leute morgens gewappnet und aufgesessen präsentierte, ich wußte ihm aber Dank, daß er sie für unsere Gastgeberin vollführen ließ, denn der Zweck, sie zu beeindrucken, wurde erfüllt.

Madame de Brézolles erwiderte den Gruß mit freundlichem Kopfneigen, und ich sah, daß ihr Blick wohlgefällig auf meinen stattlichen Schweizern ruhte. Trotzdem bewahrte sie einen klaren Kopf, und die Fragen, die sie mir, wieder im Salon, stellte, bewiesen ihren Scharfsinn.

»Graf«, sagte sie, »wie ich sah, tragen Eure Schweizer nur einen Degen am Gürtel. Genügt das?«

»Nein, nein, Madame, es hat auch jeder zwei Pistolen, die Ihr nur nicht sehen konntet, weil sie in den Satteltaschen steckten. Dazu hat noch jeder zwei Musketen.«

»Warum zwei?«

»Falls eine ausfällt, Madame. Es kann aber auch Positionen geben, in denen man beide lädt, um die anfängliche Feuerkraft zu erhöhen.«

»Wieso die anfängliche?«

»Weil jeder im Fortgang des Kampfes genug damit zu tun hat, eine einzige Waffe nachzuladen. Man kann es aber auch |21|so halten, daß jeweils ein Truppenteil lädt und der andere schießt, so daß man ziemlich ununterbrochen feuern kann.«

»Die Musketen habe ich nicht gesehen.«

»Sie liegen auf dem Karren, den Ihr saht, zusammen mit allerlei anderem Kriegsgerät, auch Raketen.«

»Raketen? Wozu?«

»Damit sprengt man ein Tor. Oder man schleudert sie gegen eine Reiterschwadron, um die Pferde zu erschrecken und die Schwadron in die Flucht zu jagen.«

»Aber denkt Ihr denn, Monsieur, daß ein Dutzend Männer ausreicht, wenn eine Hundertschaft von Plünderern in mein Haus einfallen will?«

»Eine Hundertschaft, Madame! Was stellt Ihr Euch vor! Hundert Plünderer sollten ihr Unwesen quasi vor der Nase des königlichen Heeres treiben, das zwölftausend Mann stark ist?1 Nein, nein, Ihr könnt ganz beruhigt sein, alles, was Ihr zu gewärtigen hättet, wäre höchstens eine Bande von fünf, sechs Deserteuren. Und sollten die hier auftauchen, hauen meine Schweizer sie in Stücke. Aber dazu wird es erst gar nicht kommen, Madame. Es braucht sich in Saint-Jean-des-Sables nur herumzusprechen, daß Ihr eine Garnison Schweizer im Haus habt, und die Marodeure bleiben fern.«

Hierauf blickte sie mich an, als sei sie still beschäftigt, in ihrem Kopf alles, was sie über mich, meine Schweizer und deren Nützlichkeit gehört hatte, abzuwägen.

»Graf«, sagte sie dann, »es ist gleich halb zwölf, Zeit zum Mittagessen. Wollt Ihr mit mir speisen?«

»Nichts, Madame, würde mir größeres Vergnügen bereiten. Darf ich fragen, ob Eure Einladung Herrn von Clérac einschließt?«

»Herr von Clérac wird, ohne daß ihm etwas abgeht, mit meinem Haushofmeister speisen, der von Adel und aus gutem Hause ist. Ich möchte mich gern mit Euch allein unterhalten.«

Mir kam eine der Galanterien in den Sinn, wie sie am Hof geläufig sind, ohne daß sie etwas zu bedeuten hätten, weil weder Damen noch Herren solcher falschen Münze irgendeinen Wert beimessen. Ich sah Madame de Brézolles aber so nachdenklich |22|und in sich gekehrt, daß ich mich auf einen höflichen Dank beschränkte.

Leser, das Essen war gut, der Wein vorzüglich, aber die Unterhaltung kam über Belanglosigkeiten nicht hinaus. Daß meine Einmietung so viel Überlegung erfordern sollte, war mir unbegreiflich, und ich begann mir große Sorgen zu machen, wo zum Teufel ich sonst ein Nachtquartier für meine Männer und mich fände.

Das Essen war fast beendet, die Belanglosigkeiten erschöpft, wir wußten nichts weiter zu sagen. Doch auf einmal wurde das Schweigen gebrochen, Madame de Brézolles zuckte zusammen und blickte mich an, als besänne sie sich endlich auf mich.

»Monsieur«, sagte sie, »ich bin ein wenig beklommen, weil ich Euch gern noch ein paar Fragen stellen würde, aber sie erscheinen mir so indiskret.«

»Fragt nur, Madame! Fragt unbesorgt! Je indiskreter die Fragen, desto diskreter werde ich antworten, hübsch zwischen offenherzig und verschwiegen.«

»Monsieur«, sagte sie mit einem Seufzer und leicht zerknirschter Miene, »was ich wissen möchte, ist dies: Ihr seid ein so gutaussehender Edelmann, mit so guten Manieren und so zuvorkommend gegenüber dem schönen Geschlecht, daß ich mir Euer Widerstreben gegen die Ehe nur so erklären kann, daß Euer Herz an eine Dame des Hofes gebunden ist.«

Mir blieb die Sprache weg.

»Madame«, sagte ich, als ich sie endlich wiederfand, »wenn ich Euch recht verstehe, betrifft Eure Frage doch nicht das Herz allein.«

»Ihr habt mich recht verstanden«, sagte Madame de Brézolles etwas verlegen.

»Dann sollt Ihr, wie versprochen, eine ebenso offene wie vorsichtige Antwort erhalten. Erlaubt mir nur vorher zu sagen, Madame, daß ich noch nie einen so reizenden Beichtiger hatte wie Euch, der mir hoffentlich um so gnädiger sein wird, als er mein Sündenregister weder kennt noch gar zu ahnden gewohnt ist.«

Wieder wurde Madame de Brézolles ziemlich verlegen, trotzdem rückte sie keinen Deut ab von ihrem Entschluß, das Verhör fortzusetzen. Donnerschlag! dachte ich, die Dame weiß, was sie will, die ginge für ihr Ziel durch Eisen und Feuer!

|23|»Nun denn, Madame: Ich war früher tatsächlich einmal einer hohen Dame verbunden, aber sie war Ausländerin, lebte fern vom Hof, und niemand dort hat je davon erfahren.«

»Warum war es so wichtig, daß der Hof davon nichts erfuhr?«

»Weil der König, Madame, außereheliche Lieben mißbilligt, am meisten ehebrecherische, das aber erst recht zum jetzigen Zeitpunkt unserer Geschichte, da hohe Damen sich mit Kabalen und Komplotten beschäftigen und den Staat in Gefahr bringen.«

»Dann seid Ihr ja gezwungen, wie ein Mönch zu leben, Monsieur«, sagte sie lächelnd.

»Durchaus nicht, Madame, und um es Euch freiheraus zu sagen: Ich habe da eine kleine, mir sehr ergebene Person, die, wenn sie sich einmal verheiratet, von mir eine Mitgift und einen Hausstand erhalten wird.«

»Seid Ihr dieser kleinen Person treu?«

»Das ginge schwerlich, Madame. Es sind ihrer nämlich zwei, eine in Paris, die andere auf meinem Landgut.«

»Ich vermute, dieses Arrangement befriedigt Euch, Graf?«

»Übel ist es nicht, auch wenn es dann und wann kleine Schwierigkeiten bringt.«

»Und der König? Und der Kardinal?«

»Ach, Madame! Der König weiß nicht einmal, was eine Kammerzofe ist, und wenn es der Kardinal auch weiß, schert es ihn doch wenig. Von so kleinen Personen wird der Staat nicht bedroht.«

»Wenn ich bloß wüßte«, sagte Madame de Brézolles etwas verstimmt, »was unsere Herren so Großartiges an Kammerzofen finden! Mein seliger Mann war geradezu in sie vernarrt.«

»Darauf gibt es eine Antwort, Madame. Auf Grund ihres Standes kann eine Kammerzofe mit ihrem Herrn nicht streiten.«

»Aber ich bin nicht streitsüchtig«, sagte Madame de Brézolles lebhaft, »man braucht nur zu tun, was ich will.«

Ich wußte nicht, was ich auf ein so freimütiges (und so wenig überraschendes) Geständnis antworten sollte, und senkte den Blick auf meine Tasse, und weil ich dort einen Rest Tee entdeckte, trank ich ihn aus, und als ich meine Tasse, die aus Porzellan und hübsch bemalt war, absetzte, stellte ich endlich die Frage, die mir seit einer Stunde auf den Lippen brannte.

|24|»Also, Madame, was wird nun aus unserer Mietgeschichte?«

»Ach, Graf«, sagte sie wie entrüstet, »ich, und mein Haus einem Edelmann Eures Ranges vermieten! Das verhüte Gott! Ihr seid mein Gast. Nur für die Versorgung Eurer Schweizer und Eurer Pferde müßt Ihr aufkommen. Ich habe ein schönes Gesindehaus, dort können Eure Schweizer sehr gut wohnen und für sich kochen, ohne jemanden zu stören. Ihr und Monsieur de Clérac wohnt im Schloß, und es wird mir eine Freude sein, Euch dazuhaben.«

»Madame«, sagte ich, »heißt das, Ihr geht nicht nach Nantes?«

»Wozu, wenn ich dank Eurer jetzt so gut beschützt bin? Es sei denn, Monsieur«, setzte sie mit einem schalkhaften Lächeln hinzu, »meine Anwesenheit wäre Euch lästig …«

»Oh, Madame!« sagte ich, indem ich vor ihr niederkniete und auf die Hand, die sie mir reichte, einen Kuß drückte.

Ich fürchte, er fiel ein bißchen länger aus, als er hätte sein müssen, um ihr meine Dankbarkeit zu bezeugen. Andererseits zog sie ihre Hand aber auch nicht so schnell zurück, wie sie gemußt hätte, so zufrieden war sie es offenbar, einen Edelmann dort zu sehen, wo er nach ihrem Dafürhalten hingehörte: zu ihren Füßen.

***

Nach dem Essen überwachte ich mit Nicolas den Einzug meiner Schweizer in das Gesindehaus, das Madame de Brézolles ihnen zur Verfügung stellte. Dann hielt ich eine Siesta in einem Zimmerchen, das sie mir bot, solange das große Zimmer, in dem sie mich unterbringen wollte, da ich es dort in jeder Hinsicht »schöner und bequemer« hätte, noch nicht hergerichtet war.

Ich bedankte mich für ihre Fürsorge und warf mich aufs Bett in der Absicht, ein wenig zu ruhen, aber mein Körper wußte es besser, und so fuhr ich aus meiner Betäubung erst auf, als Nicolas an die Tür klopfte, um mir mitzuteilen, daß die Marquise mich zum Abendessen erwarte.

Bei diesem Souper wurde nichts gesprochen, was des Berichtens wert wäre, denn zwischen Madame de Brézolles und mir hatte sich ein so freundschaftliches, ja zärtliches Einvernehmen hergestellt, daß es mit Blicken und unbedeutenden Worten auskam.

|25|Nachher ließ sie mich von ihrem Maggiordomo zu einem großen Zimmer führen, das mich mit heller Freude erfüllte, so prächtig waren Wandbespannung und Teppiche, so schön die Lehnstühle und gedrechselten Möbel und das majestätische Himmelbett von beinahe königlichen Maßen. Ich wollte Nicolas nicht stören, der nebenan schon wie ein Murmeltier schlief, und entkleidete mich allein. Und nachdem ich die damastenen Vorhänge um mein Lager zugezogen und mich ausgestreckt hatte, sann ich in köstlicher Geborgenheit vor mich hin … Mein Gott! dachte ich, bin das wirklich ich, der noch vor kurzem in dieser Hölle von Saint-Martin-de-Ré steckte, der Durst und Hunger litt und so viele Männer, die Wochen vorher noch gesund und kräftig gewesen waren, um sich sterben sehen mußte wie die Fliegen?

Wie wunderbar war ich ins Leben zurückgekehrt, in Annehmlichkeiten und Wonnen, und bald, so hoffte ich wenigstens, würde mich wie Odysseus eine wohlmeinende Circe erobern. Beim Himmel, dachte ich, wie schlau und gewieft diese Schöne ist! Wie geschickt sie ihr Spiel führt, Schritt für Schritt überlegt und bis ins letzte durchdenkt, wie wenn man einem Schneider einen Stoff anbietet und der ihn lange prüft, knittert, befühlt und betastet, ehe er sich zum Kauf entschließt! Und mit welcher List sie den Handel geschlossen hat, der ihr ja große Vorteile bringt, bekommt sie zum einen doch, ohne ihren Beutel zu lüpfen, einen starken Schutz ins Haus und zum anderen, indem sie ihn nur ein wenig lüpft, einen dienstbaren, gehorsamen Ritter, den sie zum Tröster ihrer Einsamkeit berufen kann oder nicht.

Wahrhaftig, bei unseren Unterredungen hatte die Dame nicht mit süßen Blicken und schmachtenden Mienen gespart, was für die Zukunft aber noch nichts bedeuten mußte. Trotzdem, die Frau war aus so ehernem Stoff geschaffen, daß ich mir ziemlich sicher sein durfte, ihr Entschluß stehe bereits fest. Und ebenso gewiß durfte ich mir sein, daß sie Tag, Stunde und Gelegenheit, da sie ihn mich wissen ließe, selbst zu bestimmen gedachte. Wirklich, ich konnte nur bewundern, wie zielstrebig sie ihre Sache betrieben hatte. Ein paar Tage darauf sollte ich indes feststellen, daß sie noch viel zielstrebiger war, als ich geglaubt hatte, denn mit einer wundersamen Feinfühligkeit und ohne meine Interessen im mindesten zu verletzen, gewann sie mir Vorteile ab, die ich nie für möglich gehalten hätte.

|26|Am folgenden Tag verließ ich im Morgengrauen Schloß Brézolles, weil ich wußte, daß Ludwig alle Tage frühzeitig aufbrach, unsere Stellungen um La Rochelle zu inspizieren. Wenn ich ihn antreffen wollte, mußte ich also zur Stelle sein, wenn er dem Bett entstieg.

Ich nahm nur Nicolas mit, um Madame de Brézolles nicht der Schweizer zu berauben, aber auch, weil die Wege im Heerlager von Karren und Soldaten derart verstopft waren, daß zwei Reiter leichter durch diesen Wirrwarr fanden als eine dreizehnköpfige Truppe.

Hier will ich ein Wort über meinen Junker, Nicolas de Clérac, einflechten. Ich war mit ihm so zufrieden, wie ich es mit meinem armen La Barge nie gewesen war, der mich mit seinem endlosen Geschwätz und seinem ewigen Ungehorsam oft zur Verzweiflung gebracht hatte. Aus diesem Grund hatte ich Nicolas, als er in meine Dienste trat, als erstes das strikte Gebot auferlegt, den Schnabel zu halten und vor allem keine Fragen zu stellen. Als ich jedoch feststellte, daß mein neuer Junker im Gegensatz zu La Barge unbedingt verschwiegen war, wenig redete, aber viel dachte und mir als guter Beobachter von Menschen und Umständen wertvolle Dienste erweisen konnte, die weit über sein Alter und seine Anstellung hinausgingen, beschloß ich, ihm die Zügel ein wenig zu lockern. Und so wurde er mir nach und nach, was La Surie meinem Vater bei seinen gefahrvollen Missionen gewesen war, nicht nur ein Freund, sondern manchmal sogar ein Ratgeber.

Sowie Ludwig mich bei seinem Lever erblickte, winkte er mir näherzutreten, und als ich vor ihm ins Knie fiel, reichte er mir seine Hand zum Kuß, eine große Gunstbezeigung, denn seine Hand gab er nicht jedem.

»Sioac«, sagte er, indem er das r meines Namens ausließ, wie er es als Kind getan hatte (ein weiteres großes Zeichen seiner königlichen Gunst, das mich sehr rührte), »ich habe nur Gutes gehört über deine Schweizer und dich in den Kämpfen auf Ré und während der Belagerung der Zitadelle. Monsieur de Toiras geizt nicht mit seinem Lob, sowohl für deinen Mut in der Schlacht von Sablanceaux wie für deine geschickten Verhandlungen mit Bouquingan1, aber auch dafür, wie du ihn, |27|Toiras, in den schwierigsten Momenten der Belagerung unterstützt hast. Um dich für deine Ausgaben bei dieser Expedition zu entschädigen, soll der Oberintendant dir fünfundzwanzigtausend Ecus auszahlen. Damit aber nicht genug. Ich bin mit dir so zufrieden, daß ich dir binnen kurzem Folgenreiches mitteilen werde.«

Die Menge der Höflinge, die sich beim Lever des Königs drängte, verhielt sich gemeinhin still aus Respekt vor dem Thron, was jedoch nicht immer gelang, diesmal aber ganz und gar nicht, so überrascht war man durch das, was der König soeben öffentlich verkündet hatte. Ein Gemurmel stieg über den gebeugten Nacken auf, dem der Gardehauptmann Du Hallier mit einem väterlich mahnenden »Aber, meine Herren!« Einhalt gebot.

Hierauf entließ mich Ludwig, und meine Füße berührten den Boden nicht, als ich den Saal verließ. Kurze Zeit später jedoch befiel mich eine gewisse Trübnis, die Nicolas wohl bemerkte. Zunächst rührte er daran mit keiner Silbe, denn er gehörte zu denen, die ihre Zunge siebenmal umdrehen, bevor sie den Mund aufmachen.

Schon im Begriff, das Haus des Königs zu verlassen, nahm ich Du Hallier beiseite und fragte ihn, wo Monsieur de Toiras zu finden sei.

»An der Pointe de Coureille«, sagte er.

»Ist das weit?«

»Zwei Meilen von hier. Aber Ihr braucht einen Passierschein, weil Ihr durch das Feldlager müßt, und der Teufel weiß, wie scharf es bewacht ist. Offizier!« brüllte er.

Sein Gebrüll war rein militärisches Gehabe, denn der Polizeioffizier stand ganz wachsam keinen Klafter von ihm entfernt.

»Fertige mir augenblicklich, augenblicklich!« brüllte Du Hallier erneut, als ob der Mann sich geweigert hätte, »einen Passierschein für diese Herren aus, den Grafen von Orbieu und …«

Damit warf er einen Blick auf Nicolas – was er bisher nicht für nötig befunden hatte, denn ein Junker war für ihn nicht mehr als ein Pferd.

»Hol mich der Teufel«, rief er, aber diesmal ohne sich aufzublasen, so daß sein Ausruf im Vergleich zu seinem Donnerton wie ein Raunen klang, »hol mich der Teufel, wenn das nicht der kleine Rotzlöffel von Nicolas de Clérac ist!«

|28|Dieses »Rotzlöffel« hatte im Mund des Hauptmanns aber nichts Herabwürdigendes, es war vielmehr ein Ausdruck seiner Zuneigung. Vielleicht entsinnt sich der Leser, wie er den älteren Bruder von Nicolas einmal »einen kleinen Scheißleutnant« genannt hatte. Allerdings hätte sich diese Benennung, wäre sie auch noch so liebevoll gemeint gewesen, für Monsieur de Clérac nicht mehr geschickt, seit er Hauptmann der Königlichen Musketiere geworden war. Jedenfalls warf sich Du Hallier auf Nicolas, schloß ihn in seine gewaltigen Arme, schmatzte ihn wer weiß wie oft ab und klopfte ihm auf den Rücken, daß meinem Nicolas noch anderntags Wangen und Rücken brannten.

»Na, wie steht’s, Kinder«, fragte uns Du Hallier, »habt ihr ein gutes Dach gefunden in diesem riesigen Scheißhaus von Feldlager?«

»Doch, einigermaßen«, entgegnete ich wortkarg, denn ich wollte ihm keine Gelegenheit geben, im ganzen Heer seine Späße über mein schmuckes Schloß und die Schöne, die es bewohnte, herumzuposaunen. Was er übrigens ohne böse Hintergedanken getan hätte, denn dieses Großmaul war, wie meine liebe Mariette gesagt hätte, ein »Milchlamm von einem Kerl«.

»Herr Hauptmann«, sagte der Polizeioffizier, indem er einen Klafter Abstand wahrte, »hier sind die beiden Passierscheine.«

»Schlagschwerenot!« brüllte Du Hallier, »warum zwei? Einer reichte doch.«

»Mit Verlaub, Herr Hauptmann«, sagte der Offizier und errötete wie eine Jungfer, »wenn einer der Herren sich im Gewühl verirrt, steht er ohne Passierschein da und wird sofort verhaftet.«

Du Hallier betrachtete den Offizier, schwankend zwischen Zorn und Schmunzeln, dann obsiegte das Schmunzeln, und er nickte weise mit dem Kopf.

»Gar nicht dumm«, sagte er. »Na ja, wenn du das wärst, wärst du nicht mein Offizier.«

Tatsächlich, Du Hallier hatte Recht gehabt, uns mit Passierscheinen zu versorgen, denn auf der langen Strecke von Aytré nach Coureille (an der Südspitze der Bucht von La Rochelle gelegen) wurden sie uns fünfmal abverlangt – genauso oft, wie ich nach dem Weg fragte.

Schöne Leserin, nun stellen Sie sich unser Heerlager um La |29|Rochelle nicht etwa so vor, daß es gleich an den Stadtmauern geklebt hätte. Bei weitem nicht: Es hielt sich in gebührender Entfernung, um außer Reichweite der Rochelaiser Kanonen zu sein. Und das hatte zur Folge, daß unsere Umzingelung, die vom Kliff von Coureille im Süden bis zum nördlichen Kliff von Chef de Baie reichte, drei Meilen1 Länge maß.

Eine weitere Folge davon war, daß die Rochelaiser in dem freien Raum zwischen unseren Verschanzungen und ihren Mauern ebenfalls Schanzen gegraben hatten, und sei es nur, damit wir nicht über Nacht unsere Kanonen näher heranrückten, um ihre Stadt zu bombardieren.

Zwischen den Rochelaiser Gräben und den königlichen erstreckten sich sumpfige Brachen, und als in La Rochelle die Hungersnot ausbrach, konnte man dort Frauen sehen, die keine zwei Schritt von unseren Vorposten nach eßbaren Gräsern suchten. Man ließ sie in Ruhe, der König hatte verboten, auf sie zu schießen.

Wenn es Nacht wurde, boten sich Rochelaiserinnen, auch andere natürlich, den Soldaten an und verkauften sich für einen Bissen Brot, während ihre Kameraden mit geladener Muskete Wache hielten, falls sich hinter diesen Besuchen eine Kriegslist verbergen sollte. Weder von Rochelaiser Seite noch von der königlichen vermochte man diese Praktiken zu unterbinden. Der Hunger war zu gebieterisch, wenn auch auf beiden Seiten nicht derselben Art. Außerdem waren diese Vorposten ausgezeichnete Soldaten, alle stellten sich freiwillig den Gefahren der Nachtwache, und es wäre sehr unklug gewesen, auch nur einen einzigen zu hängen.

Hinter der endlos langen Umzingelung, die aus Gräben, aber auch aus Redouten, also viereckigen Schanzen, bestand, erstreckte sich das Lager: eine Stadt auf Zeit, bunt zusammengewürfelt, wie es gerade kam, aus Steinhäusern, Holzbaracken, Zelten, und ihre militärische Bewohnerschaft, die schließlich auf dreißigtausend Mann anwuchs, wurde nahezu verdoppelt durch Händler, Bäcker, Maurer, Schmiede, Schuster, Marketenderinnen, Wäscherinnen und nicht wenige Bauern, die auf dem freien Feld zwischen den Bauten ihre Rinder hielten und hüteten und sie gewinnbringend an die Fleischer verkauften. Durch dieses |30|Drunter und Drüber zog sich ein Netz hastig gepflasterter Wege, die aber meist verschlammt waren, denn im Oktober und November regnet es in dieser Region Frankreichs fast ununterbrochen, oft in Begleitung wütender, kalter Winde vom Ozean.

Auf diesen Wegen herrschte ein dicht gedrängtes Hin und Her von Karren und Kutschen, von Reitern und Fußvolk, und ständig gab es Streit, besonders an den Kreuzungen, wenn die einen die anderen überholen wollten, alles schimpfte, fluchte, knallte mit den Peitschen. Von Aytré waren Nicolas und ich Seite an Seite im Trab aufgebrochen, doch das Gewühl, das auf den Landstraßen genauso unentwirrbar war wie in Paris, zwang uns bald, hintereinander Schritt zu reiten.

Das Wetter war, wie gesagt, windig und unwirtlich, der Himmel hing finster und tief, und es fiel ein kalter Nieselregen. Mehr als einmal sah ich abseits des Weges Pferdekadaver liegen, von deren süßlichem Gestank mir übel wurde; andere, die von den Raben zum Skelett abgeweidet waren, stanken, Gott sei Dank, nicht mehr. An Raben gab es Unmengen, wie auch schon in der belagerten Zitadelle Saint-Martin-de-Ré. Anscheinend hatten sich sämtliche Raben des Landes hier ein Stelldichein gegeben, angelockt von der Aussicht auf reichliche, langwährende Beute. Auf dem Erdboden bewegten sie sich schwerfällig, aber so unverschämt frech, daß sie kaum den Soldaten auswichen, die mit der Muskete über der Schulter zu ihren Posten marschierten.

Nach gut zwei Stunden erreichten wir, trotz unserer Capes durchfroren und regendurchweicht, das Dorf Coureille, das der Herzog von Angoulême auf königlichen Befehl gleich zu Beginn der Umzingelung von La Rochelle besetzt hatte. Da wir auch das Kliff von Chef de Baie besetzt hatten, beherrschten wir also von Anfang an zwei entscheidende Punkte im Norden wie im Süden der Bucht von La Rochelle, so daß die Engländer, denen es allerdings an Forts und Truppen nicht mangelte, dort nicht landen konnten. Nur leider konnten wir nicht verhindern, daß die englischen Schiffe in die weite Bucht und in den Hafen der Stadt einliefen, weil wir, trotz aller dahingehenden Anstrengungen des Kardinals, noch keine starke Flotte hatten.

Es versteht sich also von selbst, daß unsere Landblockade der Stadt La Rochelle nicht viel anhaben konnte, solange diese weiterhin übers Meer versorgt wurde. Daraus, Leser, entstand |31|die Idee, jenen berühmten Deich zu errichten, einen Deich durchs Meer vom Kliff vor Coureille bis zum Kliff von Chef de Baie, der den feindlichen Schiffen die Einfahrt und den hugenottischen Schiffen die Ausfahrt verwehrte, so daß La Rochelle vollständig eingeschlossen war. Aber von dieser gigantischen Unternehmung, die soviel Geld, Arbeit und Beharrlichkeit verlangte und der so vielfaches Scheitern begegnen sollte, das aber schließlich doch zum Ziel führte, erzähle ich später.

In Coureille empfing uns Toiras in einem behaglichen kleinen Haus, das uns mit einem großen Kamin und einem hochwillkommenen tüchtigen Holzfeuer aufwartete. Unsere Stuten, denen der Wind noch mehr zugesetzt hatte als der Regen, waren froh, ihrerseits einen warmen Stall zu finden, wo die Stallknechte sie unter der Aufsicht von Nicolas abrieben und endlich mit gutem Hafer und frischem Wasser versorgten.

Sicherlich weiß der Leser noch, wie ich mit Monsieur de Toiras die Belagerung der Zitadelle Saint-Martin-de-Ré durchlebte, die er so standhaft und klug verteidigte, daß Buckingham keinen Fuß hineinbekam.

Ich hatte Toiras sehr gern, denn hinter seinen rauhen und aufbrausenden Manieren verbargen sich die liebenswertesten Tugenden. Er hatte ein wettergegerbtes Gesicht, eine dicke Nase, ein kräftiges Kinn und war stämmig gebaut. Und sofern man ihm nicht in die Quere kam oder seinen empfindlichen Stolz verletzte, entdeckte man in ihm einen freimütigen, großzügigen Mann, der treu zu seinen Freunden stand.

Toiras bereitete mir den warmherzigsten Empfang, lud uns sogleich zu Mittagsmahl und Wein, fragte, ob ich gut untergebracht sei. Doch ohne meine Antwort abzuwarten (was mir nur recht war), begann er von sich zu sprechen und beklagte sich vehement, wie »unwürdig«, »undankbar«, um nicht zu sagen »schändlich«, er behandelt wurde, nachdem er dem Königreich so glanzvolle Dienste geleistet hatte.

»Sicher«, sagte er, »Ludwig hat mir in Aytré große Komplimente gemacht für meine heroische Verteidigung der Insel, hat auch hinzugesetzt, er werde mir hierzu ›binnen kurzem Folgenreiches‹ mitteilen. Aber, bei allen Göttern, wo bleibt dieses Folgenreiche? Alle Welt erwartete, er würde mich sofort zum Marschall von Frankreich ernennen! Und was bin ich? In der Zitadelle Saint-Martin-de-Ré war ich Kommandeur. Und in |32|Coureille bin ich immer noch Kommandeur! Obendrein dem arroganten Bassompierre unterstellt! Aber das Tollste ist, der König will einen Teil meiner Aufgaben Du Hallier übertragen! Habt Ihr das gehört? Du Hallier! Dem größten Schwachkopf der Schöpfung, dessen einzige Heldentat darin bestand, daß er dem Concini, der nicht einmal bewaffnet war, aus nächster Nähe eine Kugel in den Kopf gejagt hat.«

»Trotzdem«, sagte ich, »mit Du Hallier kommt Ihr sicher zurecht. Der ist doch ein gutmütiger Bursche.«

»Das wäre auch noch schöner«, schrie Toiras, »wenn er nicht mit mir zurechtkäme! Was ist der denn groß, und was bin ich?«

Es verschlug mir die Sprache, so wenig glich dieser Toiras dem lebhaften, aber höflichen Mann, den ich in der Zitadelle gekannt hatte. Sein plötzlicher Ruhm mußte ihm gewaltig zu Kopfe gestiegen sein, daß er so ausfallend blaffte.

»Und wißt Ihr das Schlimmste?« fuhr er fort. »Es ist Mode geworden, mich zu demütigen, mich herabzusetzen, ja sogar mein großes Werk rundweg zu bestreiten!«

»Ich traue meinen Ohren nicht!« sagte ich.

»Traut ihnen nur! Gestern suchte ich Marillac auf.«

»Den Feldmeister oder den Siegelbewahrer?«

»Den Siegelbewahrer. Ich wollte ihn um Vergünstigungen für die Hauptleute bitten, die so tapfer mit mir in der Zitadelle gekämpft haben. Er schlug sie mir glattweg ab. ›Das wären Rechtsübertretungen!‹ sagte er, und in welchem Ton! Aber Ihr kennt ja diese Frömmler, immer die Moral im Mund! Ich beharre, ich erhitze mich, und was glaubt Ihr, weist mich der Hanswurst doch mit aller Schärfe zurecht: ›Monsieur de Toiras‹, sagt er, ›der Hof findet allmählich, daß Ihr Euch zu sehr mit Euren Taten brüstet. Denn letzten Endes hätten das, was Ihr auf der Insel Ré getan habt, fünfhundert andere Edelleute an Eurer Stelle genauso getan.‹ Donnerschlag! Wenn der Armleuchter nicht Amtsadel wäre – ich hätte ihm glatt den Degen in den Leib gerammt!«

Ich mußte lachen.

»Vergessen wir den Degen, Monsieur de Toiras, und verratet mir, was Ihr auf diese Perfidie geantwortet habt.«

»Graf, Ihr kennt mich! Ich bin nicht auf den Mund gefallen. ›Monsieur‹, sagte ich, ›Frankreich wäre arm dran, wenn es |33|nicht zweitausend Männer hätte, die das gleiche hätten tun können wie ich. Nur, wenn sie es auch hätten tun können, haben sie es doch nicht getan!‹«

»Bravo, Monsieur de Toiras! Bravissimo! So spricht die Vernunft selbst!«

»Wartet, Graf, es kommt noch besser. Nachdem ich den Lumpen mundtot gemacht hatte, habe ich noch eins draufgesetzt!«

»Was? Noch eine Abreibung! War das nicht ein bißchen zuviel des Guten?«

»Zuviel? Na, dann hört. ›Monsieur‹, sagte ich, ›ebenso gibt es im Königreich an tausend Männer, welche die Siegel genauso gut bewahren könnten wie Ihr …«

In dem Moment klopfte es. Auf das dröhnende: »Herein!« von Toiras erschien ein Hauptmann, grüßte und meldete dem Kommandeur, Marschall von Bassompierre wolle ihn unverzüglich sprechen.

Toiras nahm Hals über Kopf von uns Abschied und sauste mit verhängten Zügeln davon.

Ich war ganz froh, muß ich gestehen, daß ich mich zu der zweiten Abfuhr, die er dem Siegelbewahrer erteilt hatte, nicht äußern mußte. So gerechtfertigt ich die erste fand, so unpassend erschien mir diese, denn Marillac erfüllte seine hohen Ämter mit großem Talent und großer Redlichkeit, zuerst als Oberintendant der Finanzen und jetzt als Siegelbewahrer.

Unglücklicherweise verführte ihn seine an sich hoch achtbare Frömmigkeit aber mehr und mehr zu einer pro-spanischen und pro-päpstlichen Politik, die sich von der des Königs und des Kardinals weit entfernte. Und weil Marillac anderen nicht nur übellaunig und geringschätzig begegnete (wie es die Bosheit gegen Toiras beweist), sondern auch felsenfest glaubte, seine Sicht der Dinge sei die allein richtige, weil er sie direkt von Gott zu haben meinte, entwickelte er sich, von den Umständen begünstigt, zu einem äußerst gefährlichen Widersacher Richelieus, den er zu ersetzen trachtete. In vollständiger Verkennung von Ludwigs Charakter ermutigte er schließlich die Königinmutter, den Kardinal zu »zerstören«, und das brachte ihn zu Fall, zusammen mit ihr. Aber von dieser dramatischen Affäre, einer regelrechten Palastrevolution, die, Gott sei Dank, scheiterte, erzähle ich eines Tages noch ausführlicher.

|34|Auf unserer Rückkehr nach Saint-Jean-des-Sables war es nicht mehr so windig, der Regen hatte für eine Weile aufgehört, und weil die Straßen ruhiger waren als am Morgen, konnten Nicolas und ich nebeneinander reiten und ein paar Worte wechseln.

»Herr Graf«, sagte Nicolas, »darf ich etwas fragen?«

»Frag, Nicolas.«

»Seine Majestät sagte heute morgen, er sei äußerst zufrieden mit Euch und werde Euch in Kürze Folgenreiches mitteilen.«

»So sagte er.«

»Dasselbe hat der König zu Monsieur de Toiras gesagt. Und Monsieur de Toiras verstand es als Versprechen eines Marschallamtes. Hatte er damit unrecht?«

»Nein, nein, Nicolas.«

»Herr Graf, wenn meine Fragen Euch lästig sind, schweige ich.«

»Fahr fort, Nicolas.«

»Auch wenn der König an Monsieur de Toiras und Euch dieselben Worte richtete, bedeuten sie, denke ich, nicht dasselbe.«

»Gewiß. Was sollte ich mit einem Marschallstab?«

»Hingegen könnte es sein, daß der König Eure Grafschaft Orbieu zum Fürstentum erhebt.«

»Fahr fort, Nicolas.«

»Mit Eurer Erlaubnis, Herr Graf. Als der König Euch Folgenreiches versprach, leuchtete Euer Gesicht vor Freude. Wenig später, nachdem Ihr Seine Majestät verlassen hattet, trübte es sich. Und das Gesicht von Monsieur de Toiras war mehr als betrübt. Es glühte vor Zorn, der sich in heftigen Klagen entäußerte.«

»Ich verstehe nicht, was deine Frage ist?«

»Nun, Herr Graf, was Euch betrifft, wieso ein trauriges Gesicht bei einer guten Nachricht?«

»Hm, wenn du es wissen willst: Ich hätte mir gewünscht, daß Ankündigung und Folgen zusammentreffen.«

»Ihr meint, Seine Majestät könnte sein Versprechen nicht einhalten?«

»Nein, nein. Aber aufschieben.«

»Warum?«

»Das ist ein Geheimnis.«

|35|»Herr Graf, Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich jedes Eurer Worte für mich behalte.«

»Ich weiß, ich habe dich mehrmals auf die Probe gestellt. Nun, die Wahrheit, mein Sohn, ist die: Ob der König seine Diener strafen oder belohnen will – es macht ihm Freude, sie zu tantalisieren

»Was bedeutet das?«

»Das Wort ist von dem Namen eines gewissen Tantalos abgeleitet, von dem du sicherlich gehört hast.«

»Ich fürchte, nein, Herr Graf«, sagte Nicolas errötend.

»Nicolas, wo sind die guten Lektionen deiner jesuitischen Lehrer hin? Tantalos war ein griechischer König, kein erfreulicher Bursche, offen gesagt. Zur Strafe schickte Zeus ihn in den Hades, wo er bis zum Kinn in einem klaren See stehen mußte, unter früchtebeladenen Bäumen. Keine so schlimme Folter, wirst du sagen. Ja, aber jedesmal, wenn Tantalos trinken wollte, entschwand das Wasser vor seinem Mund, und jedesmal, wenn er essen wollte, entzogen sich die Früchte seinen Händen.«

»Herr Graf, wenn ich Euch recht verstehe, fühlt Ihr Euch ein bißchen tantalisiert.«

»Ein bißchen, zugegeben. Der König verspricht mir ›Folgenreiches‹, sagt aber nicht wann noch was. Wie viele Wochen, Monate, Jahre womöglich, soll ich auf die Frucht hoffen, die in Reichweite meiner Hände schaukelt?«

»Und der König tantalisiert auch diejenigen, die er strafen will?«

»Da ist es noch ärger. Hier ein Beispiel: Die Brüder Vendôme, der Herzog und der Großprior, hatten, zum Glück erfolglos, die Ermordung Richelieus angezettelt. Der König lud sie sehr liebenswürdig ein nach Schloß Blois. Sie kommen, die Leichtfüße! Ludwig empfängt sie ganz freundlich, gibt ihnen ein sehr schönes Gemach, läßt sie ausgiebig mit ihren Freunden am Hof feiern. Eines Nachts, als sie in glücklichen Träumen liegen, klopft es an ihrer Tür. Sie öffnen. Du Hallier tritt mit fünf Gardisten, die Piken gesenkt, herein: ›Im Namen des Königs‹, sagt Du Hallier, ›Ihr seid verhaftet.‹«

»Herr Graf«, sagte Nicolas betreten, »auch wenn ich es kaum zu fragen wage: Steckt in solchem Hinauszögern nicht ein Gran Bosheit?«

|36|»So sieht es aus, ja. Genaugenommen, sind es aber die Racheträume einer unglücklichen Kindheit.«

»Hatte Ludwig denn eine solche Kindheit? Ein Königssohn?«

»Allerdings, Nicolas. Er war überaus unglücklich in den Jahren von 1610, als sein Vater ermordet wurde, bis 1617. Seine Mutter liebte ihn nicht, er wurde von ihr verspottet, herabgesetzt, gedemütigt, sie verwehrte ihm jede Teilhabe an der Macht. Ja, ja, so war es! Die Regentin wollte allein regieren, gestützt auf den elenden Concini … Bis zu dem Tag, als Ludwig, noch keine siebzehn Jahre alt, Concini ermorden ließ und seine Mutter verbannte. Du hast richtig gehört, Nicolas. Er erhielt die Macht nicht, er mußte sie Maria von Medici entreißen. Deshalb ist er heute so eifersüchtig und empfindlich, wo es um besagte Macht geht. Und deshalb kerkert er jeden ein, der sie ihm zu nehmen versucht. Aber vorher ergötzt er sich, ungewollt seiner Vergangenheit gehorchend, an kindischen kleinen Racheübungen, wie er sie sich einst gegen seine Mutter und Concini austräumte.«

In dem Moment wurde Nicolas durch das Wagengedränge auf der Landstraße genötigt, hinter mir zu reiten, und unsere Unterhaltung brach ab. Erst hinter Aytré, auf dem Weg, der am Meer entlang nach Saint-Jean-des-Sables führte, konnte Nicolas an meine Seite zurückkehren.

»Herr Graf«, sagte er nach langem Schweigen, »darf ich sagen, daß ich Euch großen Dank weiß für Eure Mühe, mich zu unterrichten? In der kurzen Zeit mit Euch habe ich mehr gelernt als in meinen ganzen Studienjahren in Clermont1. Ihr behandelt mich, als wäre ich Euer Sohn.«

Wer weiß, was ich darauf antwortete. Vielleicht, indem ich scherzte, wie tief betrübt die Jesuiten wären, wenn sie wüßten, daß ein ehemaliger Schüler ihre Lehren dermaßen geringachtete.

Aber natürlich rührten mich diese Worte sehr, ebenso die naive und aufrichtige Zuneigung, die aus ihnen sprach. Meinen Gedanken nachhängend, ließ ich die Zügel auf dem Hals meiner Stute ruhen, und das schlaue, von dem langen Tagesritt müde Tier fiel von sich aus in Schritt. Was mich bewegte, war |37|die Ehe, in deren Gehege mein Vater und meine liebe Patin1, die Herzogin von Guise, mich einsperren wollten. Mein Vater, weil er wünschte, daß der Graf von Orbieu seine Nachkommenschaft sichere, meine Patin, weil sie ohnehin nichts als Ehe und Kinder im Kopf hatte, auch wenn erstere ihr selbst nur Kränkung und Verdruß eingebracht hatte und die zweiten sie ständig in unsägliche Nöte und Ängste stürzten.

Wie Madame de Brézolles mir entgegengehalten hatte, gab es durchaus gute, auf unwandelbare Liebe gegründete Ehen, so wie die Herrn von Schombergs und seiner Frau. Aber immer waren es nur die Schombergs, die man hierfür am Hof zu zitieren wußte. Und Ludwig. Mit der Einschränkung freilich, daß Ludwigs eheliche Treue mehr Pflicht war als Liebe.

Was mich betraf, so war ich von früh auf von Blume zu Blume geflattert und hatte mir dabei so eingefleischte Gewohnheiten und so angenehme Ketten zugelegt, daß ich mir nicht vorstellen konnte, ich würde jemals den Mut oder auch nur die Lust haben, sie eines Tages abzuwerfen. Trotzdem, seine Nachkommenschaft zu sichern, ist nun einmal die erste Pflicht eines Edelmannes. Wer wollte das bestreiten? Und doch, wie sollte ein Mann vor der abenteuerlichsten Wahl, die es überhaupt gibt, nicht zurückscheuen? Oh, gewiß! Wenn der Herr in seiner Güte – die ich vielleicht nicht verdiene – mir einen Sohn wie Nicolas bescheren würde, wäre ich dann nicht der glücklichste Mensch auf Erden? Aber was, wenn dieser Sohn tückisch wäre wie ein Kater, dumm wie ein Hänfling, stur wie ein Maultier, feig wie ein Hase, lasterhaft wie ein Wurf Mäuse? Wenn er, um es auf den Punkt zu bringen, nichts von den Tugenden hätte, die mir an Nicolas so gefielen, wenn er nicht seine Schönheit hätte noch seinen Verstand, nicht seine Nächstenliebe, seine Tapferkeit, seinen wunderbaren Takt? Und wenn ich mich schon bei der Wahl seiner Mutter täuschte? Wenn es einer Zieräffin gelänge, mir ihre Fehler zu vertuschen und Vollkommenheit vorzugaukeln, die sie nicht hat? Dann würde ich in dem Sohn schließlich alles wiederfinden, was mich schon an der Falschspielerin enttäuscht und abgestoßen hatte. Wie grausam wäre dann die doppelte Bürde, die ich bis ans Ende meiner Erdentage schleppen müßte!

|38|Meine Stute, die, unempfänglich für meine Gedanken, den wenn auch noch fernen Stallgeruch witterte, ging auf einmal in munteren Trab über. Ich mußte wieder die Zügel ergreifen und war meinem Sinnen enthoben, nicht aber meiner tiefsitzenden Ratlosigkeit. Beim Donner, dachte ich, wie viele Dinge überläßt man dem Zufall, wenn man sich mit vollen Segeln in den Hafen der Ehe stürzt! Und anders als sich blindlings hineinstürzen kann man nicht, weil man das geliebte Wesen erst im täglichen Miteinander kennenlernt.