Wie enttäuscht war Nicolas am folgenden Tag, als wir in Pont de Pierre beim Haus des Kardinals anlangten und er aus meinem Mund erfuhr, daß er nun allein bleiben und unsere Pferde hüten müsse, weil der Kardinal mich in seinem Wagen mitnehmen wollte zum König.
»Ach, nun bist du verschnupft, Nicolas!« sagte ich. »Denke lieber, wie du dir die Zeit vertreibst, du findest sicher ein paar Wachen des Kardinals, die gern mit dir schwatzen.«
»Ich, ein zukünftiger Königlicher Musketier!« sagte Nicolas, indem er den Hochnäsigen spielte, der er gar nicht war, »und mich mit den Musketieren des Kardinals einlassen, die womöglich nicht einmal von Adel sind!«
»Nicolas!« sagte ich, indem ich tat, als nähme ich seine Bemerkung ernst, »es ist der Dienst, der adelt, und nichts sonst. Was ist ein Titel, wenn der Edelmann sich ihn nicht durch Mühsal und Gefahren im Dienst des Königs immer aufs neue erwirbt?«
»Herr Graf«, sagte Nicolas, »ich werde auch diese Perle Eurer Weisheit ehrerbietigst in meinem Gedächtnis bewahren.«
»Unverfrorener! Was hält mich ab, dir gehörig das Fell zu gerben!«
»Vielleicht bin ich ja nur traurig, Herr Graf, daß ich heute nicht mit nach Surgères darf. Dabei könnte ich wirklich froh sein, daß Ihr mich sonst überall mitnehmt und ich, in meinem Alter und meinem Rang, so oft den König sehen darf. Ich werde meinen Kindern mal Geschichten über Geschichten erzählen können!«
»Deinen ›Kindern‹! Das ist ja ganz was Neues! Spannst du da nicht den Pflug vor die Ochsen? Na, wenigstens habe ich jetzt den Trost, daß du ohne mich nicht einsam sein wirst, Nicolas: Ein süßes Antlitz leistet dir Gesellschaft.«
»Ach, es läßt mich nicht los«, sagte Nicolas. »Nur ist die |175|Freude sehr gemischt. Immer nur von jemandem zu träumen, den man nicht sehen kann, was ist das?«
»Aber, aber, Nicolas! Wärm dir das Herz an einem Hoffnungsfeuer! Geduld! Warum solltest du dein kleines Paradies nicht erreichen? Ich sage dir, wenn eine Frau liebt, geht sie durch Eisen und Feuer und überspringt auch Mauern.«
Hiermit umarmte ich ihn, und gegen die Tränen ankämpfend erwiderte er meine Umarmung.
Der Kardinal war wenig gesprächig, als ich kam, und in der rumpelnden Karosse, die uns nach Surgères führte, verstummte er völlig und versenkte sich in seine Gedanken. Ich ging sicherlich nicht fehl in der Vermutung, daß sie um diesen bevorstehenden schwierigen Besuch beim König kreisten.
Ich hielt mich in meiner Ecke still wie eine Maus in ihrem Loch. Doch konnte ich mich nicht enthalten, dann und wann einen Blick auf meinen berühmten Reisegefährten zu werfen, dessen regungsloses Profil sich so beeindruckend vor der Scheibe des Wagenschlags abhob. Mit seinen zweiundvierzig Jahren galt Richelieu landläufig bereits als alt, aber dieses Alter steckte voll einer enormen Tatkraft. Seine Stirn war hoch. Das zurückgekämmte Haar bedeckte die Ohren und reichte ihm exakt bis in den Nacken, während der König es in großen Locken auf die Schultern herabfallend trug. Die schönen, sehr tiefliegenden Augen waren lebendig und beredt, die lange Nase hatte einen Höcker, von den breiten Wangenknochen lief das Gesicht dreieckig in dem Spitzbart aus, über dem sich der feine Schnurrbart schwang. Die Kardinalskalotte saß so weit hinten auf seinem Schädel, daß sie durch unsichtbare Hilfsmittel befestigt schien, denn nie, nicht einmal in den Stürmen des Aunis, hatte jemand gesehen, daß sie ihm vom Kopf geflogen wäre. Wenn der Kardinal durchs Lager ritt, trug er Harnisch, Kniehosen und hohe Stulpenstiefel. Jetzt, da er sich zum König nach Surgères begab, hatte er weder Harnisch noch Degen angelegt, die Stiefel aber in Anbetracht des schlammigen Landes beibehalten. Muß ich betonen, daß in seinen Zügen, seinem Gesichtsausdruck nicht die mindeste Spur salbungsvoller Priesterlichkeit zu entdecken war? Dafür merkte man seiner gefalteten Stirn, seinen zusammengepreßten Lippen, seiner gesammelten Reglosigkeit an, mit welcher inneren Spannung er all das Für und das Wider seiner heiklen Situation erwog.
|176|Er schien so in sich verschlossen, daß ich ganz entgeistert war, als sich nach einer halben Stunde rumpelnder und holpriger Fahrt seine Stimme vernehmen ließ. Offen gestanden, würde ich nicht darauf wetten, daß er zu mir sprach, daß er meiner Gegenwart überhaupt inne war oder gar eine Antwort von mir erwartete. Wiederum könnte ich auch nicht behaupten, er habe laut gedacht, weil ich nie bemerkt hatte, daß dies seine Art war. Wie dem auch sei, die Worte, die er äußerte, waren jedenfalls von einer Demut, die zwar seinem geistlichen Kleid anstand, aber doch niemals seiner Persönlichkeit.
»Ich war«, hörte ich ihn leise, aber deutlich sagen, »eine Null, die etwas bedeutete, solange eine Ziffer vor mir stand. Wenn es dem König aber beliebt, mich allein an die Spitze zu stellen, werde ich dieselbe Null sein, doch werde ich nichts bedeuten.«
Diese bitteren, selbsterniedrigenden Worte konnte ich mir nur so erklären, daß Richelieu noch immer an der Wunde litt, die der König ihm zugefügt hatte, als er sagte, wenn er nicht bei ihm wäre, würde er so viel Autorität haben wie ein Kochtopf. Wohl oder übel fühlte ich mich also bemüßigt, ein wenig Balsam auf diese Wunde zu träufeln.
»Monseigneur«, sagte ich, »wollt Ihr mir eine von Personen unabhängige, rein mathematische Bemerkung gestatten?«
»Versteht Ihr denn auch die Mathematik, Monsieur d’Orbieu?« sagte der Kardinal wie unwillig, daß er aus seinen Gedanken gerissen wurde.
»Nicht so gut wie Herr Descartes, Monseigneur, aber die Grundlagen habe ich in jungen Jahren erlernt. Was ich zu bemerken hätte, ist allerdings nicht besonders gelehrt.«
»Ich höre.«
»Wenn es unstreitig ist, daß eine Null, die keine Ziffer vor sich hat, nichts bedeutet, so ist es ebenso unstreitig, daß eine Ziffer ohne Nullen hinter sich ein wenig arm dasteht.«
Hierauf trat ein Schweigen ein, das mir so gefährlich lange erschien, daß ich mir auf die Lippen biß und meine geschwätzige Zunge verwünschte.
»Monsieur d’Orbieu«, sagte Richelieu schließlich mit dem Anflug eines Schmunzelns, »solange Eure Bemerkung rein mathematisch bleibt, tut sie niemandem weh. Trotzdem solltet Ihr sie besser nicht wiederholen.«
|177|»Sie ist vergessen und begraben, Monseigneur. Aber sollte sie Euch in ihrem kurzen Leben ein wenig zur Erheiterung gereicht haben, Monseigneur, wäre ich glücklich.«
»Ihr dürft es sein, Orbieu«, sagte Richelieu.
Damit streckte er auf wenig bischöfliche Weise die gestiefelten Beine aus, stellte seine Füße auf das Wärmebecken, setzte sich bequemer, ließ den Kopf auf seine Brust sinken und schloß die Augen. Was nicht hieß, daß er schlummern wollte, sondern nur, daß er keine weitere Plauderei wünschte, dafür hatte er bis Surgères noch zuviel im stillen zu erörtern und zu entscheiden.
Nach meiner Karte hatte ich berechnet, daß es von der Küste bis Surgères fünf Meilen wären, ich hatte aber die Schleifen und Umwege der Landstraße nicht bedacht, in Wirklichkeit dauerte es gute drei Stunden, bis wir den Marktflecken erreichten und vor uns die Mauern des machtvollen Schlosses emporragten. Obwohl mir Surgères als Zitadelle uneinnehmbar erschien, hatte es trotz seiner riesigen Ausmaße und seines kriegerischen Ansehens etwas Heiteres und Einladendes, und das verdankte es seinem Park, seinen schönen Alleen, seinen Hecken und einem Hochwald aus jahrhundertealten Kastanien- und Nußbäumen. Nun verstand ich, warum dieser Ort weitab der Witterungsunbilden des Aunis den König so für sich hatte einnehmen können.
Natürlich war Seine Majestät in Surgères vor seinen rebellischen Untertanen bestens geschützt, nicht nur durch die vielen Türme und bewehrten Zinnen, sondern auch durch die starken französischen Wachmannschaften, die Schweizer Garden und Königlichen Musketiere, die unsere Karosse abwechselnd mit dem größten Respekt zum Stehen brachten, um sich der insitzenden Personen zu vergewissern, so als traute keines der drei Corps der Wachsamkeit des vorangehenden.
Die Äußere Wache, wie sie am Hof genannt wurde, hielt uns zum vierten und letzten Mal vor dem äußeren Tor des Schlosses an. Ich sollte aber nicht von »anhalten« sprechen, denn die Pferde des Kardinals waren an diese Prozedur so gewöhnt, daß sie beim Anblick einer Uniform, gleichviel welcher – denn alle drei waren ganz unterschiedlich –, von selbst stehenblieben. Von selbst überschritten sie auch die Zugbrücke (unser livrierter Kutscher sah das sicherlich anders), durchschritten das |178|innere Tor und umrundeten im leichten Trab den Ehrenhof, bis sie vor dem Empfangssaal des Erdgeschosses hielten.
In dem Moment trat die Innere Wache heraus und reihte sich zu unserer Begrüßung, denn hier ging es nicht mehr um Kontrolle, unsere Ankunft war durch wechselnde Trommlersignale bis hin zum Außentor des Schlosses gemeldet worden.
Im Empfangssaal erblickte ich den Nuntius Zorzi, der sich sogleich erhob. Beide Kardinäle – der Minister des großen Königs und der Gesandte des Papstes – bewegten sich gemessen aufeinander zu (jede Spur von Beeilung hätte Unterlegenheit gegenüber dem anderen angezeigt), grüßten sich respektvoll und scheinbar freundschaftlich, dabei verargte der Nuntius Richelieu insgeheim seine gallikanische und anti-spanische Gesinnung, und Richelieu mißtraute wie Ludwig dem Papst, seit dieser die spanischen Habsburger in der Veltlin-Affäre unterstützt hatte.
Zorzi wurde von Fogacer begleitet, der mich, während die Kardinäle sich begrüßten, mit einem freundlichen Blick umfing, aber ganz unauffällig, dann nahm er mit seinem Gebieter die Sitze gegenüber den unseren ein. Derweise konnte jede Partei die andere beobachten, ohne es sich anmerken zu lassen.
Monsignore Zorzi war ein liebenswürdiger und gelehrter Italiener, schwarzhaarig, braunhäutig, aber äußerst nervös, ungeduldig, leidenschaftlich, und sein bewegliches, ausdrucksstarkes Antlitz verriet wie bei einem Komödianten jede Sekunde wechselnde innere Regungen, was bei einem Diplomaten verwunderlich war, von dem man doch erwartete, daß er bei jeder Gelegenheit ein undurchdringliches Gesicht wahre. Ohne ihm aber zu schaden, kam diese sprunghafte Mimik Monsignore Zorzi trefflich zustatten, sie gab ihm einen Anschein von Naivität und Gutmütigkeit, der so sehr für ihn einnahm, daß man an sich halten mußte, um ihm nicht Dinge anzuvertrauen, deren Mitteilung sich der Vorsicht halber verbot.
Offensichtlich wartete der Nuntius auf eine königliche Audienz und wirkte seit Richelieus Erscheinen beunruhigt, wahrscheinlich fürchtete er, die Staatsgeschäfte, die Seine Eminenz zu besprechen hatte, würden seinen Anliegen vorgezogen werden. Doch da kam Berlinghen straffen und gewichtigen Schrittes, wie er dem Träger einer königlichen Botschaft anstand, verneigte sich vor Monsignore Zorzi und meldete, |179|Seine Majestät werde ihn umgehend empfangen. Zorzis Gesicht heiterte sich auf, betrübte sich aber in Blitzesschnelle erneut, wohl in der Befürchtung, Ludwig könnte ihn im Handumdrehen abfertigen, weil es ihn viel mehr verlange, mit Richelieu zu sprechen. Damit hatten die Veränderungen im Gesicht des Nuntius jedoch kein Ende. Der befriedigte Ausdruck, den es nun annahm, mochte dem Gedanken entspringen, daß der Kardinal ja im Vorsaal warten mußte, bis seine, Zorzis, Audienz beendet war, und daß er dann an dessen Miene würde ablesen können, ob er wirklich in Ungnade gefallen sei, wie man in letzter Zeit köstlicherweise munkelte.
Wie Zorzi es geahnt hatte, währte seine Audienz nicht lange, und als er in den Saal zurückkehrte, rief Berlinghen uns zum König. Er empfing uns in einem kleinen Kabinett, wo im Kamin ein helles Feuer loderte, das uns nach der langen Fahrt überaus wohl bekam, denn in der Karosse war es trotz der Wärmebecken unter unseren Füßen bitterkalt gewesen.
Ludwig war aufgeräumt, fast heiter, begegnete uns mit der liebenswerten Höflichkeit, die ihm eigen war, wenn er nicht seine Launen hatte, und fragte ohne Umschweife nach meinem Besuch bei Frau von Rohan. Ich sagte ihm meinen Vers so kurz ich konnte, betonte indes noch einmal die Tatsache, daß die Rochelaiser das Los, das sie ihren Frauen und Kindern bereiteten, hätten bedenken müssen, bevor sie den ersten Kanonenschuß auf uns abfeuerten. Ludwig zeigte sich sehr befriedigt, daß ich den Hugenotten die Verantwortung zuwies, die sie ihm hatten zuschieben wollen, indem sie ihn urbi et orbi als erbarmungslosen Herrscher verschrien, was er nun wirklich nicht war. Den aufsässigen Städten, die sich ihm ergaben, hatte er stets sehr milde Bedingungen auferlegt.
Er war überhaupt nicht verärgert, daß die Herzogin den königlichen Passierschein abgelehnt hatte, kraft dessen sie die Mauern von La Rochelle hätte verlassen und ein Schloß ihrer Wahl hätte beziehen können. Er wunderte sich darüber so wenig, daß ich überzeugt war, er hatte ihr dieses Angebot nur gemacht, um jene Großmut zu beweisen, die von den Hugenotten in Frage gestellt worden war.
»Also«, sagte er, »meine teure Cousine bleibt heroisch auf ihrem Posten, sie will unbedingt als neue Jeanne d’Arc gelten! Sie vergißt nur, daß Jeanne d’Arc mit dem Schwert in der Faust |180|für ihren König kämpfte und nicht gegen ihn! Ich bezweifle daher, daß Frau von Rohan in die Geschichte eingehen wird. Doch genug davon. Mein Cousin«, wandte er sich an den Kardinal, »wollen wir jetzt von unseren Geschäften reden?«
»Sire«, sagte ich, wobei ich im stillen betete, Seine Majestät möge meine Bitte abschlagen, »darf ich mich entfernen?«
»Bleibt, Sioac«, sagte Ludwig, »Ihr seid mein Rat und könnt mir hier nützlich sein.«
Nun erfolgte ein ziemlich langes Schweigen und ein Blickwechsel zwischen dem König und seinem Minister. Diese Blicke waren voll der widersprüchlichsten Nuancen, denn Ludwig war zugleich Richelieus Gebieter und Schüler, und dieser war gleichzeitig sein Lehrmeister und sein Untertan. Wie hätten dieser paradoxen Konstellation nicht Meinungsverschiedenheiten und öfters sogar Streitigkeiten entspringen sollen? Jedenfalls hätten diese Differenzen auf die Dauer zum Bruch geführt, hätte es nicht auf der einen wie der anderen Seite eine große Wertschätzung, vor allem aber eine tiefe Zuneigung gegeben, die für gewöhnlich still und zurückhaltend blieb, die sich jedoch voll enthüllte angelegentlich der bevorstehenden Trennung, von der ich jetzt erzählen will.
Da Ludwig nicht geneigt schien, das Schweigen zu brechen, entschloß sich Richelieu, zögernd das Wort zu nehmen.
»Hat Eure Majestät hinsichtlich Ihrer Rückkehr nach Paris schon entschieden?«
»Ich schwanke noch«, sagte Ludwig, »die Entscheidung dünkt mich zu folgenschwer. Ich kann hier nicht alles im Stich lassen.«
»Sire«, sagte Richelieu, »bitte, zaudert nicht länger! Es geht um Eure Gesundheit. Eure Gesundheit ist das kostbarste Gut des Reiches.«
»Aber wäre es nicht der Ruin meiner großen Unternehmung, wenn ich wegginge?« sagte der König.
»Ich bleibe, Sire, und werde mein Möglichstes tun, sie fortzuführen.«
»Und wie wollt Ihr die Herren Marschälle zum Gehorsam zwingen? Angoulême ist hochmütig, Schomberg störrisch, und Bassompierre ist überhaupt gegen diese Belagerung.«
»Wer weiß, Sire, wenn Ihr das Kommando über Heer und Lager in meine Hände gebt, wer weiß, sage ich, ob jeder der |181|drei erlauchten Heerführer dann nicht eher geneigt ist, sich mir unterzuordnen als den beiden anderen? Meine Robe kann sie nicht eifersüchtig machen.«
»Und wo nehmt Ihr ohne mich die Autorität her zu alledem?«
»Ich werde mein ganzes Herz hineingeben, Sire«, sagte Richelieu leise und ernst. »Sire, über die Schwere der Aufgabe mache ich mir nichts vor. Ich achte mich nicht höher als andere«, fuhr er fort, indem er mit bescheidener Miene die Augen niederschlug. »Ich war eine Null, die etwas bedeutete, solange eine Ziffer vor mir stand, aber ohne diese Ziffer bin ich nichts.«
Ich war baff: Wort für Wort wiederholte Richelieu den Satz, den er in der Kutsche gesagt hatte! Und nun wurde mir klar, daß es eine Art Probe dessen gewesen war, was er dem König zu sagen gedachte, daß er dieses blitzsaubere Stückchen Demut auf mich losgelassen hatte, um zu sehen, wie ich reagieren würde und wie demnach höchstwahrscheinlich auch der König es aufnehmen würde. Er wurde nicht enttäuscht.
»Mein Cousin«, sagte Ludwig, »ich weiß, daß diese Null hinter mir meine Stärke ausmacht.«
»Nichts auf der Welt, Sire«, stammelte der Kardinal, »hätte mich höher beglücken können, als was Eure Majestät soeben zu sagen geruhte, auch wenn ich bedenke, daß sie in ihrer großen Güte meine Verdienste übertreibt.«
»Mein Cousin«, sagte Ludwig, um den Demutsbekundungen ein Ende zu setzen, »glaubt Ihr, daß Ihr die Belagerung allein durchstehen könnt?«
»Eure Majestät weiß«, sagte der Kardinal, nun schon mit mehr Selbstgewißheit, »daß ich mich nur solchen Unternehmungen widme, die Aussicht auf Erfolg haben. Und für diese, die für Euer Reich so schwerwiegend ist, werde ich keine Mühe scheuen, und koste es meinen letzten Schlaf. Sehr schwerfallen wird es mir jedoch, Eure Majestät dann nicht mehr alle Tage sprechen zu dürfen wie bisher«, setzte er mit einer Bewegung hinzu, die mir aufrichtiger erschien als alle vorherige Bescheidenheit.
»Ihr werdet mir auch fehlen«, sagte Ludwig karg.
»Sire, ich werde Euch täglich einen ausführlichen Bericht senden, damit Ihr verfolgen könnt, wie die Belagerung verläuft, und mir Eure Meinung dazu mitteilen mögt.«
|182|Nun trat ein langes, schweres Schweigen ein, als fühlte der eine wie der andere nicht ohne Beklommenheit, daß die seit acht Tagen ins Auge gefaßte Trennung in Kürze Wirklichkeit sein würde.
»Sire«, sagte Richelieu mit leiser und gepreßter Stimme, »ich frage nicht nach meinem Interesse, wenn ich hier bleibe. Ich wähle das Teil, das Eurer Majestät am nützlichsten ist, mir jedoch am gefährlichsten. Denn fern Eurer Majestät, das weiß ich, setze ich mich offen meinem Untergang aus. Ich kenne nur zu gut die Machenschaften, mit denen man am Hof gegen Abwesende vorgeht.«
»Mein Cousin«, sagte Ludwig entschlossen, »wenn jemand Euch in meinem Beisein offen oder versteckt angreift, werde ich sofort für Euch eintreten und Euer Sekundant sein.«
Der letzte Satz war kurios aus dem Munde eines Königs, der Duelle verboten hatte, doch an der Aufrichtigkeit seines Versprechens gab es keinen Zweifel. Es kam von Herzen und würde unbedingt gehalten werden.
Auf der Rückreise nach Pont de Pierre sprach der Kardinal kein Wort, und sein Gesicht ließ nicht erkennen, was in ihm vorging. Bewegt zu sein hatte er sicherlich einigen Grund, befriedigt zu sein aber auch. Seine Majestät hatte seine Abwesenheit von sich aus auf sechs Wochen begrenzt. Er hatte ihm den Vorzug vor Angoulême und den anderen Marschällen gegeben und hatte seine Befürchtungen zerstreut, indem er ihn versicherte, jedweden, der ihn in seiner Anwesenheit am Hof angreifen würde, sofort in die Schranken zu weisen. Für mein Gefühl hatte es Ludwig am meisten berührt, als der Kardinal sagte, er wisse, daß er sich fern Seiner Majestät offen seinem Untergang aussetze.
Am nächsten Tag fand in Aytré um zwölf Uhr eine Versammlung statt, der König hatte seinen Staatsrat, den Kardinal, den Herzog von Angoulême, die Marschälle von Frankreich und die Feldmarschälle zusammengerufen. Ludwig sprach mit erdrückender Majestät. Und keiner der Anwesenden, ob widersetzlich, ob störrisch, wagte einen Ton zu sagen, nachdem er seine Erklärung beendet hatte: Er reise für sechs Wochen nach Paris, Kardinal Richelieu habe den Auftrag, in seiner Abwesenheit das Kommando über die Armeen, das Aunis und die angrenzenden Provinzen zu führen. Übrigens wäre gar niemand |183|dazu gekommen, den Schnabel aufzutun, denn kaum hatte der König gesprochen, erklärte er die Sitzung für aufgehoben und ging.
Als er die Versammlung verließ, kam Berlinghen gelaufen und meldete ihm, daß der Zustand von Doktor Héroard sich bedeutend verschlechtert habe, daß er äußerst geschwächt sei und im Sterben liege und daß die Ärzte meinten, er werde vor Tagesende verscheiden. Obwohl Richelieu alles tat, ihn davon abzuhalten, beschloß Ludwig, zu dem Sterbenden zu gehen. Er bat mich, ihn zu begleiten, vielleicht weil mein Vater einst gleichzeitig mit Doktor Héroard an der Ecole de Médecine zu Montpellier studiert hatte, vielleicht aber auch, weil ich seinen Leibarzt hochschätzte, und wäre es nur um der Liebe willen, mit der er das von seiner Mutter ungeliebte Königskind seit dem Tag seiner Geburt umhegt hatte.
Aus Angst, der König könnte sich anstecken, ließen es die Ärzte nicht zu, daß er sich dem Sterbenden über einen Klafter weit nähere. Der arme Héroard, den ich eine Woche nicht gesehen hatte, lag bleich, abgezehrt und kraftlos da, als wäre er sein eigener Schatten. Seine Augen hatten aber noch Leben und leuchteten auf, als er den König erblickte, dem er seine ganze Zärtlichkeit und Fürsorge hatte angedeihen lassen, und das unausgesetzt über siebenundzwanzig Jahre, in denen er sich nur ein einziges Mal und auch nur für wenige Tage Ruhe auf seinem kleinen Gut gegönnt hatte.
Ludwig, der ihn, niedergeschmettert von seiner Magerkeit und Blässe, anschaute, wagte nicht nach seinem Befinden zu fragen, er sah ja, wie es um ihn stand. Und weil er nicht wußte, was er ihm sagen sollte, fragte er, ob er sehr leide.
Über Héroards eingefallenes Gesicht ging der Schatten eines Lächelns.
»Sire«, sagte er, »jeder, der stirbt, er stirbt mit Schmerzen.«
Mehr konnte er nicht mehr sagen. Zweimal suchte er noch krampfhaft Luft zu holen, sein Körper bäumte sich, dann fiel er schwer auf das Bett nieder. Man führte den König hinaus, geleitete ihn zu seiner Karosse, und kaum hatte er Platz genommen, stürzten ihm Tränen über die Wangen. Ich wette, daß er so lange an sich gehalten hatte, weil er es seiner unwürdig erachtete zu weinen. Als die Karosse anfuhr, wandte sich Ludwig ab, seine Augen zu trocknen, und mehrmals setzte er vergeblich |184|zum Sprechen an. Vermutlich hoffte er, es würde ihm helfen, seiner Seele Herr zu werden.
»Monsieur d’Orbieu«, sagte er, indem er sich bemühte, seiner Stimme Festigkeit zu geben, »erinnert Ihr Euch der Worte, die Doktor Héroard mir zur Antwort gab?«
»Ja, Sire: Jeder, der stirbt, er stirbt mit Schmerzen.«
»Was ist das, Monsieur d’Orbieu? Ist das ein Sprichwort?«
»Nein, Sire. Es ist der erste Vers eines Vierzeilers von François Villon, den Doktor Héroard zu seinen Lebzeiten gern zitierte.«
»Kennt Ihr den ganzen Vierzeiler, Monsieur d’Orbieu?«
»Ja, Sire.«
»Beliebt ihn mir zu sagen.«
»Jeder, der stirbt, er stirbt mit Schmerzen.
Wenn einer Wind und Atem läßt,
Dem liegt es bitter auf dem Herzen,
und Gott weiß, was für Schweiß er schwitzt.«
»Das ist ein ergreifendes memento mori«, sagte der König. »Monsieur d’Orbieu, beliebt diese Verse für mich niederzuschreiben. Ich will sie mir aufbewahren.«
»Gerne, Sire.«
Nach einem langen Schweigen sprach Ludwig erneut.
»Doktor Héroard war sehr alt, glaube ich«, sagte er.
»In der Tat, Sire. Er war siebenundsiebzig.«
»Siebenundsiebzig! Das ist ein sehr hohes Alter!«
Und an der Melancholie, die das Gesicht des Königs befiel, erriet ich, welcher Gedanke ihm ins Herz schnitt: So alt werde ich nicht. Und ich bin überzeugt, daß er hiermit zu sich zurückkehrte und an die immer häufigeren und schwereren Rückfälle seines Leidens dachte.
»Armer Héroard«, sagte er seufzend. »Ich hätte ihn noch so nötig gebraucht.«
***
Nicolas und Madame de Bazimont fiel es in derselben Minute ins Auge, als ich das Schloß betrat, wie bekümmert ich war. Doch wenn Nicolas sich nicht getraute, mir die Frage zu stellen, die ihm auf den Lippen brannte, war Madame de Bazimont gleichzeitig zu neugierig und zu mütterlich, um sich nicht nach |185|dem Grund dieser Schwermut zu erkundigen. Und ich, dankbar für all ihre Fürsorge, mochte sie nicht enttäuschen.
»Mein Gott!« rief sie aus, »der Doktor Héroard ist gestorben! Der Leibarzt des Königs! Muß das ein gelehrter Mann gewesen sein, daß er den König hat behandeln dürfen, und nun ist er tot! Wie kann denn ein so großer Arzt sterben, wo er doch alle Heilmittel kennt?«
Meinen Nicolas kitzelte diese Einfalt, aber ich warf ihm einen raschen Blick zu, und das Lachen, das in seinen Mundwinkeln zuckte, erlosch.
»Er war schon sehr alt«, sagte ich, »und sehr erschöpft von seinem Lebenswerk.«
Als wir dann beide beim Essen saßen, fragte mich Nicolas, ob Héroard wirklich ein so guter Arzt gewesen sei, wie man es am Hof behauptete.
»Als Mediziner«, sagte ich, »stand er in der Tradition seines Lehrmeisters Rondelet von der Ecole de Médecine zu Montpellier, das heißt, er meinte, jedes Übel rühre von Überfüllung her und müsse durch Entleerung kuriert werden: Klistiere, Abführmittel und Aderlaß. Wird dies, um das Maß voll zu machen, von einer Diät begleitet, ist der Kranke aufs äußerste geschwächt.«
»Also war er kein guter Arzt?«
»Doch, Nicolas. Gut war er in vielerlei Hinsicht. Er schenkte Ludwig seine ganze Liebe und war ihm mit Leib und Seele ergeben. Er leistete ihm große Dienste, indem er seiner Gefräßigkeit Einhalt gebot, seine Leidenschaft zügelte, sich auf der Jagd zu verausgaben, indem er ihn anhielt, zeitig schlafen zu gehen, und seine Fieberanfälle mit Chinin bekämpfte. Ludwig hatte unbegrenztes Vertrauen zu ihm, und Vertrauen ist, wie man weiß, die halbe Heilung. Ohne Héroard wird Ludwig sich jetzt verloren fühlen. Und ich glaube, sein Entschluß, für einige Wochen nach Paris zurückzukehren, hat auch mit dem Verlust seines Leibarztes zu tun. In der Hauptstadt kann er am besten nach einem neuen Äskulap von Ruf für sich suchen.«
Der Tisch wurde abgeräumt, wir wechselten wie üblich in den behaglichen kleinen Salon hinüber, wo Luc schon den Abendtee aufgetragen hatte. Madame de Bazimont erschien, die schlohweißen Haare sorgfältig frisiert, und schickte den Diener fort, um uns eigenhändig aufzuwarten. Ehrlich gesagt, |186|hätte ich an diesem Abend gerne einmal auf die kleine Zeremonie verzichtet, doch wäre es wenig liebenswürdig gewesen, die Hausdame darum zu berauben, denn für sie war dies die sehnlich erwartete Gelegenheit, mit »ihren beiden Edelmännern«, wie sie uns nannte, zu plaudern und zu schwatzen. Ich forderte sie auf, sich zu uns zu setzen, was sie wie üblich zuerst ablehnte, auf mein Beharren jedoch schließlich annahm und auch annehmen wollte, denn wozu sonst hatte sie den Diener drei Tassen auftragen lassen?
»Herr Graf«, sagte sie, »heute morgen erhielt ich ein Schreiben von Madame de Brézolles und soll Euch von ihr tausend Dank dafür ausrichten, daß Ihr die eingestürzte Parkmauer von Hauptmann Hörner und Euren Schweizern habt aufrichten lassen und daß Ihr obendrein aus Eurer eigenen Tasche alles bezahlt habt, Sand, Kalk, Steine und Fuhrlohn.«
»Madame«, sagte ich, mich verneigend, »es war das Mindeste, daß ich dafür die Kosten übernahm, immerhin genieße ich seit Monaten die großzügige Gastfreundschaft Eurer Herrin. Außerdem kam es mir nicht ungelegen, meine Schweizer zu beschäftigen, die ja am Krieg nicht teilnehmen dürfen, so sehr es sie auch verlocken mag, weil sie keine königlichen Soldaten sind, sondern meine Leibgarde, die mir und Madame de Brézolles verpflichtet ist und folglich auch der Sicherheit ihres Gesindes und ihres Hauses.«
Madame de Bazimont war von meinen Worten so entzückt, daß sie ihre Teetasse abstellen mußte.
»Herr Graf«, sagte sie ganz gerührt, »das muß ich gleich Madame de Brézolles berichten, was Ihr da gesagt habt, und sicherlich wird sie Euch, wie auch ich es bin, überaus dankbar sein, daß Ihr so großmütig auf ihr Haus und ihr Gesinde achthabt.«
Madame de Brézolles hatte mir seit ihrer Abreise nach Nantes nicht geschrieben, und ich hatte ihr gegenüber dasselbe vorsichtige Schweigen gewahrt. Ebenso sprach ich zu Madame de Bazimont sehr selten von ihr, um nicht durch Blick und Stimme, wenn auch nicht durch Worte, mehr Interesse und Leidenschaft zu verraten, als mir gut dünkte. Diesmal jedoch ergab sich eine so natürliche Gelegenheit, daß ich die mir gesetzte Regel durchbrach.
»Darf ich fragen, Madame, wie der Prozeß steht, den die Schwiegereltern von Madame de Brézolles gegen sie angestrengt |187|haben, um ihr das Haus in Nantes zu nehmen? Hat sie in ihrem Brief darüber gesprochen? Und denkt Ihr, daß Ihr mir ihre Äußerungen wiederholen dürft?«
»Aber gewiß, Herr Graf. Madame de Brézolles schreibt mir in ihrem Brief, daß sie großes Vertrauen in Euer Urteil setzt und Euch nur zu gerne jederzeit befragen würde, wenn Ihr in Nantes wärt.«
»Und was ist mit ihrem Prozeß?«
»Nun, im Moment, schreibt sie, steht es für beide Parteien gleich: Sie hat den Richtern die Hand geschmiert, ihre Schwiegereltern auch. Sie hat ihre Beziehungen geltend gemacht. Die Schwiegereltern ebenso. Der Ausgang, sagt sie, wäre völlig ungewiß, wenn sie nicht einen Trumpf in der Hand hätte, den sie zum gegebenen Zeitpunkt ausspielen werde und mit dem sie ihren Prozeß haushoch zu gewinnen denke.«
»Worin dieser Trumpf besteht, hat sie Euch nicht mitgeteilt?«
»Leider nein, und einen Absatz in ihrem Brief verstehe ich überhaupt nicht. Darin sagt sie, daß Euer Vater und Ihr erst einen Tag, nachdem sie nach Nantes reiste, in Brézolles eingetroffen wäret, so daß sie Euch nie begegnet sei.«
Von dieser Verdrehung der Wahrheit war ich allerdings nicht ganz so überrascht wie die gute Frau. Ich begriff sofort, welche Vorsicht Madame de Brézolles hierzu bewegt haben mußte.
»Madame«, sagte ich, indem ich ihr ernst in die Augen blickte, »wenn Eure Herrin dies behauptet, so wird sie dafür gute Gründe haben, und Ihr würdet ihr einen schlechten Dienst erweisen, wenn Ihr in diesem Punkt auf anderem beharren würdet.«
»Fern sei mir dieser Gedanke, Herr Graf!« sagte Madame de Bazimont errötend. »Ich liebe meine Herrin und würde eher ins Wasser gehen, als ihr zu schaden.«
Madame de Bazimont schien hierbei so erregt und den Tränen nahe, daß ich mir die Zeit nahm, sie durch tausenderlei Freundlichkeiten zu besänftigen, ehe ich sie verließ. Und Nicolas, der diesen seltsamen Wechselreden beigewohnt hatte, ohne etwas zu verstehen, hatte den Takt, mich wortlos bis an mein Zimmer zu begleiten.
Ich öffnete die Tür erst, nachdem er gegangen war, wohl wissend, wen ich vor meinem Feuer antreffen würde.
|188|Schöne Leserin, ich will Ihnen nicht verhehlen, wie überaus wohltuend ich es empfand, daß Perrette diesmal mucksmäuschenstill blieb, während sie mich entkleidete. Ich hatte den Kopf viel zu voll, und mein Herz war zu aufgewühlt, als daß ich auch nur das kleinste Wort hätte hervorbringen können. Ich begann nämlich zu erraten, oder wenigstens zu ahnen, warum Madame de Brézolles solchen Wert darauf legte, das Datum meiner Ankunft in ihrem Hause zu ändern, und somit Madame de Bazimont, meinen Vater und mich zu Zeugen in ihrem Prozeß bestellte, falls sich dies als notwendig erweisen sollte. Die bewundernswerte Klugheit dieses Machiavelli im Reifrock, der nichts ohne genaue Überlegung tat, machte mich sprachlos, doch verringerte dies in nichts die Liebe, die diese Frau mir einflößte und die, anstatt in ihrer Abwesenheit zu verblassen, mit jedem Tage größer wurde.
***
Der König war nach Aytré einzig zurückgekehrt, um seinen Rat und die Marschälle davon zu unterrichten, daß er um seiner Gesundheit willen für sechs Wochen nach Paris zurückkehre. Sowie er diese Erklärung jedoch abgegeben und Richelieu mit dem Oberkommando beauftragt hatte, war er nur mehr bestrebt gewesen, diesem regnerischen, windigen und widrigen Ort schleunigst den Rücken zu kehren. Der arme Héroard hatte am achten Februar seinen letzten Seufzer getan, am zehnten Februar verließ Ludwig Aytré.
Wunderbarerweise regnete es an diesem Tag einmal nicht, die Sonne stand strahlend am kalten, wolkenlosen Himmel. Inmitten einer Eskorte von Armeestärke ritt Ludwig die Strecke nach Surgères – die erste Etappe auf dem Weg nach Paris –, um dort vom Kardinal Abschied zu nehmen. Seine leere Karosse folgte ihm, der wiederum die gleichfalls leere von Richelieu folgte.
Wie ich später erfuhr, litt Richelieu an jenem Tag an Hämorrhoiden, und das Sitzen im Sattel dürfte ihm kein reines Vergnügen gewesen sein. Doch stillschweigend erduldete er die Qual, um sich nicht an demselben Tag zum Gespött zu machen, an dem er das Kommando der königlichen Armeen übernahm. Es versteht sich von selbst, daß seine nächsten Freunde, |189|Monsieur de Guron und ich, hinter ihm ritten, gefolgt von einer Kavallerieabteilung des Kardinals.
Hinter Richelieus Karosse erkannte ich eine mit dem Wappen des Nuntius Zorzi. Allenthalben hatte er am Vortag verkündet, als Gesandter des Heiligen Stuhls in Frankreich habe er die Pflicht, beim König zu sein, wo immer er weile. Worauf Monsieur de Guron hinter vorgehaltener Hand flüsterte, es sei dies für den Nuntius eine sehr süße Pflicht, denn er verabscheue Aytré aus ganzem Herzen und sehne sich innigst nach dem Behagen, den Bequemlichkeiten und vielleicht auch gewissen Wonnen seines Pariser Heims.
Fogacer begleitete ihn, denn obwohl der Nuntius sich der besten Gesundheit erfreute, fürchtete er nichts so sehr wie unversehens in eine bessere Welt einzugehen, wo er sich doch in Anbetracht seiner Robe immerhin eine privilegierte Behandlung erhoffen durfte. Trotzdem teilte er mit allen Sterblichen die Schwäche, an Medikamente mindestens ebensosehr zu glauben wie an Gebete, und reiste deshalb nie ohne seinen Arzt.
Um noch bei Monsignore Zorzi zu bleiben, so ersuchte dieser den König, wie ich später hörte, kaum daß dieser in seiner Hauptstadt angekommen war, um eine Audienz und empfahl ihm mit unglaublicher Kühnheit (wohlverhohlen hinter seiner scheinbaren Naivität und Sprunghaftigkeit), er solle mit England Frieden schließen, weil das »Haus Habsburg eine bedeutend größere Gefahr für Frankreich darstelle«.
Dieses »für Frankreich« war pikant, weil nämlich die spanischen Habsburger derzeit eine bedeutend größere Gefahr für Italien darstellten, sie hatten es bereits zur Hälfte besetzt und rückten dem noch freien Venedig und dem Kirchenstaat bedrohlich zu Leibe.
Ludwig hätte Zorzi ironisch antworten können, daß er doch wohl eher für seine italienischen Heiligen predige als für einen französischen. Statt dessen entgegnete er steif, wie es seine Art war: »Die Engländer haben mich als erste angegriffen, also will ich, daß sie als erste mich um Frieden bitten. Das ist die Pflicht und das ist die Gerechtigkeit. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.«
Erlaube mir, Leser, nach dieser Parenthese wieder nach Surgères zurückzukehren, wo der Vereinbarung gemäß der Abreisende von dem am Ort Bleibenden Abschied nehmen sollte. |190|Auf beiden Seiten herrschte bei dieser Trennung viel Kummer und Furcht, verlor doch der König seinen weisen Mentor und Richelieu seinen mächtigen Beschützer. Wie er so treffend gesagt hatte, wußte er nur zu gut, zu welchen Machenschaften man am Hof gegen einen Abwesenden fähig war.
Dann war es soweit, der Kardinal lenkte sein Pferd als erster zu dem des Königs, Ludwig reichte ihm mit Tränen in den Augen die Hand und sagte mit stockender Stimme, er gehe ruhigeren Sinnes, weil er ihn jetzt gut gesattelt wisse, um die Belagerung fortzuführen, ohne daß er Querelen mit den Marschällen zu gewärtigen habe, weil sie recht gut wüßten, wie er sie bei seiner Rückkehr rüffeln würde, sollten sie sich seinen Befehlen nicht fügen. Richelieu versicherte ihm, er werde ihn Tag für Tag durch Kurier über die jeweiligen Schritte der Belagerung auf dem laufenden halten und treu bei seinen Plänen bleiben, außer im Falle dringlichster Gefahr oder wenn der König ihm ein anderes Vorgehen anempfehle.
Der König befand sich in einer solchen Erregung, daß er bei seinen letzten Worten ins Stottern verfiel (sicherlich weiß der Leser noch, wieviel Mühe er in seiner Kindheit hatte aufwenden müssen, es zu bekämpfen). Wahrscheinlich kürzte er deshalb, entgegen seinem Vorsatz, das Gespräch mit Richelieu ab – was ihn jedoch bedrückte, erst recht aber den Kardinal. Dieser küßte die königliche Hand, zog sich schneller als erhofft zurück, saß ab, warf die Zügel seinem Reitknecht zu und verschwand in seiner Karosse. Doch konnte er dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt noch nicht geben, weil es ausgemacht war, daß Monsieur de Guron und ich mit ihm nach Aytré zurückfuhren.
Auch ich hatte mir von meinem Abschied von Seiner Majestät viel versprochen, und auch ich wurde sehr enttäuscht. Im entscheidenden Moment scheute meine Accla und machte tausend Fluchtmanöver, weil sie den Ungarn nicht mochte, den der König ritt. Jedenfalls hatte ich größte Schwierigkeiten, mich Ludwig zu nähern, und konnte ihm nicht einmal die Hand küssen, obwohl er sie mir längelang hinstreckte.
Monsieur de Guron hatte mehr Glück mit seinem gemütlichen, dicken Gaul, der nahm zur Seite des Königs Aufstellung, ohne auch nur zu mucksen. Der König konnte Guron die Hand auf die Schulter legen und in Muße zu ihm sprechen. Ludwig |191|hatte sich wieder in der Gewalt und stotterte nicht mehr, obwohl seine Augen noch feucht waren von den vergossenen Tränen.
Inzwischen war es mir gelungen, meine Accla zu bändigen, nicht aber, sie von der Stelle zu bewegen, was allerdings auch mir widerstrebt hätte, denn zu gerne wollte ich hören, was der König, der dem Kardinal gegenüber kaum ein paar Worte herausgebracht hatte, meinem Gefährten wohl mitteilen mochte.
»Monsieur de Guron«, sagte Ludwig mit tonloser Stimme, die ich dennoch verstand, »mir ist das Herz schwer. Ich kann nicht in Worte fassen, wie leid es mir ist, den Herrn Kardinal zu verlassen. Sagt ihm von mir, wenn er sich meiner Liebe als würdig erweisen will, dann soll er sich schonen und sich nicht ohne Schutz an gefährliche Orte begeben, wie es seine tägliche Gewohnheit ist. Er soll bedenken, wie es um meine Geschäfte stünde, wenn ich ihn verlöre!«
Hier entfuhr dem König ein Seufzer.
»Ich weiß«, setzte er hinzu, »wie viele es lieber verhindert hätten, daß der Kardinal diese schwere Bürde auf sich nimmt. Aber ich werde nie vergessen, welchen Dienst er mir leistet, indem er hierbleibt. Ich weiß, daß er es nicht getan hätte, wenn es ihm nicht um die Fortführung meines Anliegens ginge, denn er lädt sich um meinetwillen tausend zusätzliche Mühen und Ärgernisse auf. Bald sehe ich ihn wieder, vielleicht noch früher, als versprochen. Die Ungeduld, zurückzukehren, wird mir keine Ruhe lassen. Grüßt ihn von mir. Adieu.«
Hiermit schwenkte Ludwig seitwärts, saß kurz darauf ab, stieg ohne einen Blick zurück in seine Karosse, und im Nu war diese unseren Augen entschwunden, weil sich ihr sofort in scharfem Trab die Nachhut der königlichen Eskorte anschloß.
Eine gute halbe Stunde beobachtete ich aus gebührendem Abstand, um vom aufspritzenden Kot nicht beschmutzt zu werden, wie die sämtlich berittenen Königlichen Musketiere, die französischen Garden, die Schweizer Garden vorüberzogen, dann übergab ich meine Accla an Nicolas. Der Lakai des Kardinals öffnete mir behende den Wagenschlag, schloß ihn hinter mir und schwang sich mit einer Hast auf den Kutschbock, als fürchte er, man werde ihn am Wegrand vergessen.
Richelieu hatte die Augen geschlossen und das Kinn auf die Brust gesenkt, doch schlummerte er nicht, wie er es Monsieur de Guron und mich vielleicht glauben machen wollte, denn ich |192|sah, wie seine Hände sich immer aufs neue in seinem Schoß verschränkten und lösten, und mehrmals hob sich seine Brust, und ihr entrang sich ein Seufzer. Verschlossen in sich, in seine Gedanken und Befürchtungen, fühlte er sich nun mehr verdammt, eine große Armee und widerspenstige Marschälle zu kommandieren, ohne daß der König ihm zur Seite stand.
Wie ich schon sagte, war er gleichzeitig Ludwigs Magister und sein Untertan. Diese Definition wäre jedoch unvollständig, wenn ich nicht hinzufügte, daß er gewissermaßen auch sein Vater war, so offenbar war die Anhänglichkeit, mit welcher der Ältere den Jüngeren umgab und sich um seine Gesundheit sorgte. Edelmänner, die dem einen wie dem anderen nahestanden, sprachen von Freundschaft, aber für mein Gefühl war es mehr. Unverkennbar herrschte zwischen ihnen doch eine gewisse Zärtlichkeit, die nur nicht so zutage trat, wenn sie Aug in Auge miteinander sprachen, weil dann die königliche Majestät jede Gefühlsäußerung verbot, die indes offensichtlich wurde, sobald sie zu ihrem Leidwesen getrennt waren. Dann sprachen sie zueinander in Briefen, ohne daß der erdrückende Rangunterschied sie behinderte.
Da der Kardinal die Augen geschlossen hielt, betrachteten Monsieur de Guron und ich sein müdes, eingefallenes Gesicht und tauschten besorgte Blicke, denn konnte der Kummer über diese Trennung, der sich seiner unerhörten, rastlosen Arbeit und dem widrigen Klima des Aunis nun hinzugesellte, nicht auch seiner Gesundheit Schaden tun?
Als hätte Richelieu es gespürt, daß unsere Augen auf ihm ruhten, öffnete er plötzlich die seinen. Und weil es ihm schwerfallen mochte, die zehrenden Sorgen, die ihm künftig zusetzen würden, einen Moment abzuschütteln, hatte er wohl einige Mühe zu erkennen, daß er mit Guron und mir in seinem Wagen saß, während der König, sein Gebieter und Beschützer, sich mit jeder Räderdrehung der königlichen Karosse weiter von ihm entfernte.
Daß sein Abschied vom König so karg ausgefallen war, weil Ludwig sich wegen seines Rückfalls ins Stottern so kurz gefaßt hatte, verstand Richelieu durchaus, ohne daß er sich aber darüber zu trösten vermochte, und als ihm plötzlich einfiel, daß er Ludwig, wieder beherrscht, in längerem Gespräch mit Monsieur de Guron gesehen hatte, erwachte seine Neugier.
|193|»Monsieur de Guron«, sagte er, »Ihr seid der einzige, mit dem Seine Majestät noch kurz vor dem Aufbruch sprach. Würdet Ihr mir seine Worte wiederholen, wenigstens jene, die mich betrafen?«
»Herr Kardinal«, sagte Guron, »um dies zu tun, habe ich nur abgewartet, bis Ihr Euch aus Euren Meditationen löstet. Und es ist mir eine große Freude, diese Worte, die in der Tat Euch betrafen, an Euch weiterzugeben, denn sie anzuhören wird Eure Eminenz sicherlich ebenso erfreuen wie mich, sie zu wiederholen.«
Wie meine schöne Leserin unfehlbar erkennt, gebot Monsieur de Guron über mehr Zartsinn und sprachliche Eleganz, als es seine körperliche Hülle vermuten ließ. Außerdem hatte er ein sehr gutes Gedächtnis und konnte die Rede des Königs Wort für Wort wiedergeben, wie ich selbst sie vernommen hatte.
Ich bezweifle nicht, daß diese Worte auf Richelieu wirkten, wie wenn frischer Tau eine fiebrige Stirn benetzt. Er ließ sie sich zweimal wiederholen, fragte Monsieur de Guron mehrmals, ob er auch nichts vergessen habe, ob er sich nicht täusche, ob dies wirklich die genauen Worte des Königs gewesen seien.
Monsieur de Guron setzte zur Antwort an, da hielt unerwartet die Kutsche, kurz darauf klopfte der Postillon1, der soeben abgesessen war, an die Scheibe des Wagenschlags, und Monsieur de Guron öffnete ihm.
»Mit Verlaub, Eure Eminenz«, sagte der Mann verlegen, »das rechte Vorderrad der Karosse macht so ungute Geräusche, daß der Kutscher fürchtet, es könnte brechen. Belieben Eure Eminenz zu gestatten, daß wir das Rad auswechseln?«
»Wie lange dauert es?« fragte Richelieu.
»Eine halbe Stunde, Eure Eminenz.«
»Sollen wir aussteigen?«
»Nein, Eure Eminenz. Unsere Bremsklötze halten felsenfest, und solange man in der Karosse keine Gigue tanzt, sind solche Umstände nicht nötig.«
»Tut Euer Werk!« sagte Richelieu, der seine Leute weder |194|duzte noch triezte und nicht einmal bei der Vorstellung lächelte, er könnte in seiner Karosse eine Gigue tanzen.
Sobald der Kutscher sich mit Hilfe des Postillons und des Lakaien ans Werk gemacht hatte, wandte sich Richelieu an Monsieur de Guron.
»Hinter Euch, auf der Rücklehne Eurer Bank, findet Ihr Schreibzeug, Monsieur de Guron. Beliebt es mit Vorsicht zu ergreifen, denn das Tintenfaß ist voll, und mir so exakt wie möglich die Botschaft niederzuschreiben, welche mir Seine Majestät durch Euch übermitteln ließ.«
Dieses Schreibzeug kannte ich gut, Charpentier und die anderen Sekretäre des Kardinals benutzten es oft, um nach seinem Diktat Sendschreiben an diesen oder jenen aufzusetzen, damit die kostbare Zeit während der nahezu unvermeidlichen Aufenthalte auf einer langen Kutschfahrt nicht vergeudet wurde.
Monsieur de Guron hatte seine Kopie fertiggestellt und reichte sie dem Kardinal. Der faßte das Blatt behutsam zwischen Daumen und Zeigefingern, las es, beglückwünschte Monsieur de Guron zu seiner schönen Handschrift, wedelte das Blatt, damit die Tinte rascher trockne, dann las er es erneut, wobei ihm vor Bewegung Tränen in die Augen traten. Hierauf faltete er es zusammen und steckte es in die Innentasche seiner Soutane.
»Monsieur de Guron«, fuhr er nach kurzem fort, »findet Ihr bei dem Schreibzeug noch unbenutzte Blätter?«
»Noch zwei, Monseigneur.«
»Eins genügt, wenn Ihr, Monsieur de Guron, noch ein zweites Mal für mich schreiben wolltet, aber diesmal nach meinem Diktat. Es ist ein Brief an Seine Majestät.«
»Monseigneur«, sagte Guron, »ich fühle mich hoch geehrt.«
»Seid Ihr bereit, Monsieur de Guron?«
»Ich bin bereit, Monseigneur.«
Richelieu schloß einen Moment die Augen, dann schlug er sie auf und diktierte langsam seinen Brief an den König, indem er aufmerksam Gurons Federzüge auf dem Papier verfolgte, um ihm genug Zeit zu lassen.
Sire, es ist mir unmöglich, Eurer Majestät nicht zu bekunden, wie bekümmert ich bin, ihr eine Zeitlang fern zu sein … Die |195|Betrübnis, die ich verspüre, ist größer, als ich es mir hatte vorstellen können … Die Zeugnisse Eurer Güte und Eures liebenden Gedenkens, welche Ihr selbst mir zu geben geruhtet als auch durch Monsieur de Guron, bewirken, daß das Gefühl, von dem besten Gebieter der Welt entfernt zu sein, mir bitterlich ins Herz schneidet.
Monsieur de Guron hatte geendet, reichte dem Kardinal das Schreiben, und er unterzeichnete es. Wieder faßte er das Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger, wedelte es, dann faltete er es zusammen und steckte es ein.
Stumm, die Augen gesenkt, lernte ich diesen Brief auswendig, noch während Richelieu ihn diktierte. Gleich in der Karosse wiederholte ich ihn mir im stillen, um ihn ja nicht zu vergessen, und das erste, was ich tat, als ich zu Brézolles mein Zimmer betrat, war, ihn aufs Papier zu werfen, damit er für immer im Familienarchiv aufbewahrt bleibe. Ich tat dies, weil ich den Brief an sich anrührend fand, aber auch, weil es kein besseres Dementi des böswilligen Hofklatsches gab, der, seine Wünsche für die Wirklichkeit nehmend, Monat um Monat verbreitete, der König hasse den Kardinal, und seine Ungnade sei quasi vollendete Tatsache.
***
Briefe, scharf kontrolliert von beiden Seiten, gingen auch vom königlichen Lager nach La Rochelle und von La Rochelle ins königliche Lager. Trotzdem war ich bei meiner Rückkehr nach Brézolles nicht wenig überrascht, als Madame de Bazimont mir beim abendlichen Tee einen Brief übergab, der aus dem »hugenottischen Wespennest« zu uns gelangt war. Die königlichen Zensoren hatten ihn erbrochen, gelesen und neu mit liliengeziertem Wachs gesiegelt zum Zeichen, daß er dem Empfänger bedenkenlos ausgehändigt werden könne.
Ich bat Madame de Bazimont, mich zu entschuldigen, setzte mich ein wenig abseits und überflog das Sendschreiben, dann las ich es erneut, voll einer Verblüffung, die mit jeder Zeile wuchs. Hier nun der Brief, genau so, wie er geschrieben stand, ohne etwas auszulassen noch hinzuzufügen.
Schloß Brézolles
Saint-Jean-des-Sables
Hochverehrter Herr Graf,
Anläßlich Eures Besuches in La Rochelle bei meiner teuren Beschützerin, der Herzogin von Rohan, werdet Ihr gewiß bemerkt haben, mit welcher Gunst ich Euren liebenswerten Junker, Herrn Nicolas von Clérac, betrachtete. An ihn wende ich mich durch Eure gnädige Vermittlung, sofern Ihr mir diese zu bewilligen geruht.
Die Lage hier wird von Tag zu Tag schlimmer: Die Frau Herzogin von Rohan beschied sich vor einer Woche, zwei ihrer Gespannpferde zu opfern, damit ihr Gesinde und sie selbst Fleisch zu essen hätten. Damit nicht genug, vorgestern entfloh ihr Koch aus La Rochelle, um ins königliche Lager überzuwechseln. Bei seinem Abgang hinterließ er einige Zeilen, die besagten, wenn er gefaßt werde, wolle er lieber von den Königlichen gehenkt werden als in La Rochelle verhungern.
In dieser traurigen Notlage, in der auch ich mich befinde und weil Herr von Clérac all mein Denken erfüllt, seit ich ihn gesehen, träume ich davon, daß Herr von Clérac versucht, mich meinem gegenwärtigen Elend zu entreißen, indem er mir anbietet, ihn zu heiraten. Ich habe gewagt, mich hiermit der Frau Herzogin von Rohan anzuvertrauen, und sie sagte mir in ihrer Güte, da ich Katholikin sei, dünke es sie wenig gerecht, mich den unerhörten Leiden unterworfen zu sehen, welche die Protestanten durch diese Belagerung für ihren Glauben erdulden. Gütigst fügte sie hinzu, wenn Herr von Clérac sich an sie wenden und sie schriftlich um meine Hand bitten wollte, würde sie an meiner Eltern Statt handeln und sie ihm gewähren, weil dies auch mein Wunsch sei. Darauf versprach sie mir, sich beim Stadtrat dafür zu verwenden, daß ich die Mauern von La Rochelle verlassen dürfe, sofern die Königlichen ihrerseits einwilligen würden, mich aufzunehmen.
Darf ich hier hinzusetzen, Herr Graf, daß ich zwar eine entfernte Verwandte der Herzogin von Rohan, darum aber keine arme Verwandte bin: Seit dem Tod meiner Eltern, deren einzige Erbin ich bin, besitze ich als unanfechtbares Eigentum eine jährliche Rente von dreißigtausend Livres. Ich würde |197|Herrn von Clérac also nicht zur Last fallen, ebenso gedenke ich mich dem edlen Metier seiner Wahl nicht zu widersetzen.
Ich wünsche von ganzem Herzen, daß Euch dieses einfältige Vorgehen, zu welchem sowohl meine Gefühle für Herrn von Clérac wie auch meine gegenwärtige Lage mich veranlassen, nicht skandalös erscheine und daß Ihr, Herr Graf, in mir Eure sehr gehorsame und sehr ergebene Dienerin seht.
Henriette de Foliange«
Ich schob das Schreiben des Fräuleins in meinen Wamsärmel und gesellte mich wieder zu unserer Teerunde, verblieb aber in einer Nachdenklichkeit, die Madame de Bazimont nicht entging und ihre Neugier derart reizte, daß sie nicht wenig geneigt war, ihre guten Manieren zu vergessen. Noch zauderte sie. Als ihr mein Schweigen jedoch unerträglich wurde und sie gleichzeitig sah, wie der Tee in unseren Tassen abnahm, so daß der Moment nah und näher rückte, einander Gute Nacht zu sagen, überschritt sie schließlich ihren Rubikon.
»Herr Graf«, sagte sie, nicht ohne ein Zittern in der Stimme, »ich sehe Euch ganz grüblerisch. Solltet Ihr etwa schlechte Nachrichten erhalten haben?«
Hierauf lächelte ich ihr auf das anmutigste zu und verneigte mich.
»Ganz im Gegenteil, Madame, es sind sehr gute. Weil sie aber einen Dritten betreffen, darf ich sie nicht preisgeben, zumindest solange dieser Dritte sie nicht zur Kenntnis genommen und ihrer Bekanntgabe zugestimmt hat.«
Madame de Bazimont machte eine Miene, die mich höchlich ergötzte. Sie erschien mir wie eine Katze, der man einen Napf Milch vorhält, diesen aber in dem Moment wegzieht, da sie ihren Schnurrbart hineintauchen will. Nicolas, der diese Mimik beobachtete und mit Mühe ein Lächeln unterdrückte, ahnte in diesem Augenblick wohl kaum, daß er selbst der besagte Dritte war und daß die Nachrichten, die ich ihm mitzuteilen hatte, angetan waren, sein Leben von Grund auf zu ändern.
Es wäre grausam gewesen, Madame de Bazimont so bald nach dem kleinen Nasenstüber zu verlassen, zu dem ihre Neugier mich genötigt hatte. Daher bat ich sie um eine weitere Tasse Tee, den sie mir erleichtert einschenkte, weil sie nun wußte, daß der Abend noch nicht zu Ende war.
|198|Den ganzen Tag allein in dem großen Hauswesen, in dem sie ihre lebhafte, muntere Herrin vermißte, mehr aber vielleicht noch den Majordomus, der, so alt und gebrechlich er auch war, ihr noch immer den liebenswürdigsten Hof machte, langweilte sie sich trotz der Leitung des Gesindes und der Pflichten, die ihr als Haushofmeisterin oblagen, sicherlich so sehr, daß sie sich jedesmal auf die Heimkehr »ihrer Edelmänner« am Abend freute. Um sie nicht ihrer Enttäuschung zu überlassen, begann ich von der Trennung des Königs und des Kardinals zu erzählen – jedenfalls, was ich davon für mitteilenswert erachtete –, damit sie überall verbreiten konnte, sie hätten sich in großem Schmerz und in Freundschaft getrennt, einig wie die Finger einer Hand. Dann aber war der letzte Tropfen Tee getrunken, und ich brach auf. Während ich mit Nicolas zur Beletage hinanstieg, hieß ich ihn, mich in fünf Minuten in meinem Zimmer aufzusuchen, ich hätte ihm Wichtiges mitzuteilen.
Bei meinem Eintreten erblickte ich wie stets Perrette, die auf einem niedrigen Sitz vorm Feuer kauerte. Sie erhob sich und machte mir eine artige Reverenz, und als ich sie in die Arme nahm, sagte ich ihr, wie gut sie rieche. Sie habe sich, sagte sie, in meinem Zuber von Kopf bis Fuß gebadet und vor dem Feuer trocknen lassen, was köstlich gewesen sei. Und ich freute mich, eine Kammerfrau zu haben, die besser roch als so manche hohe Dame am Hof, die ich beim Namen nennen könnte und die ihre Hände mit Parfüm tränkte, indem sie sich brüstete, sie habe sich seit vierzehn Tagen die Hände nicht gewaschen.
»Perrette«, sagte ich, »gleich kommt Herr von Clérac mich besuchen. Geh solange ins Kabinett hinüber, halte dich mäuschenstill, und daß du mir nicht an der Tür lauschst«, setzte ich lächelnd hinzu.
»Das habe ich noch nie getan!« rief Perrette feurig, »und werd es auch jetzt nicht tun.«
»Ich weiß«, sagte ich. »Ich vertraue dir, Perrette.«
Besänftigt lächelte sie mir zu und verschwand in dem Kabinett. Ich fragte mich, ob ich mir nicht die Stiefel ausziehen sollte, denn nach diesem langen Tag schmerzten meine Füße ein wenig. Doch dann beschloß ich, es nicht zu tun, um der Unterredung mit Nicolas eine gewisse Feierlichkeit zu geben.
Nach genau fünf Minuten, mit militärischer Pünktlichkeit, |199|klopfte Nicolas an meine Tür und erschien ebenfalls von Kopf bis Fuß korrekt gekleidet, allerdings war er mir noch nie anders vor die Augen getreten.
»Nicolas«, sagte ich, »nimm hier am Feuer Platz. Der Brief, den ich erhielt, war zwar an mich adressiert, ist aber in Gänze für dich bestimmt, und somit übergebe ich ihn dir.«
Nicolas versenkte sich in das Schreiben, und ich konnte von seinem jungen Gesicht ablesen, welche Empfindungen ihn bewegten: Überraschung, Freude, Entgeisterung. Dann ließ er den Brief sinken und starrte ins Feuer, als stünde dort die Antwort auf die Frage geschrieben, die der Brief ihm stellte.
Was mich anging, so hielt ich mich die ganze Zeit lang still, denn so deutlich ich auch sah, daß er nicht wußte, welche Entscheidung er fällen solle, wollte ich ihm meine Hilfe doch nicht aufdrängen, bevor er sie erbat.
»Herr Graf«, sagte er endlich, »ist es nicht höchst ungewöhnlich, daß ein wohlgeborenes Fräulein, das doch sicherlich mit großer Sorgfalt erzogen wurde …«
»Und ob!« fiel ich in seine Rede ein, »mit der größten Sorgfalt sogar! Ihre Gouvernante hat sie ganz gewiß gelehrt, vor einem Edelmann die Lider zu senken, seine Avancen nicht zu erwidern, ihm niemals in die Augen zu blicken, und wenn er ihr schreibt, seine Briefe zu zerreißen, und sollte sie auf ihrem einsamen Lager im Gedenken an ihn erschauern, am nächsten Tag zu ihrem Pfarrer zu stürzen und diese verdammenswerte Sünde zu beichten.«
»Ihr spottet, Herr Graf.«
»Ich verspotte die Erziehung, die du offenbar gutheißt. Mademoiselle de Foliange hat sich die Freiheit genommen, dir als erste zu schreiben. Folglich ist sie sittenlos.«
»Herr Graf, ich habe nicht gesagt, daß das Fräulein sittenlos sei.«
»Aber du verurteilst ihren Schritt.«
»Nun ja«, sagte Nicolas errötend, »man muß schon zugeben, daß er sehr ungewöhnlich ist.«
»Die Umstände sind es auch.«
»Was meint Ihr damit, Herr Graf?«
»Ein Fräulein aus gutem Hause ist drauf und dran, für einen ihr fremden Glauben Hungers zu sterben.«
»Gewiß«, sagte Nicolas, »deshalb beklage ich sie auch von |200|ganzem Herzen, und manchmal liege ich nachts ganz in Tränen darüber wach, welche Leiden sie aussteht.«
»Dann müßtest du auf dem Gipfel deines Glückes sein, denn an dich hat sie gedacht, damit du sie aus dieser Hölle befreist.«
Aber Nicolas zog ein Gesicht, das ganz zerfurcht war von Zweifel und Kummer, wußte nichts zu erwidern und blieb stumm. Es tat mir leid, ihn so unglücklich und in lauter Widersprüche verstrickt zu sehen, aus denen er bei seiner Jugend keinen Ausweg wußte. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Nicolas«, sagte ich, »möchtest du, daß ich dir helfe, den Wirrwarr deiner Gedanken zu entwirren?«
»Ihr würdet mich glücklich machen, Herr Graf.«
»Entsinnst du dich, wie ich dir riet, dem Fräulein nicht zu schreiben, wie du es zuerst vorhattest?«
»Ich entsinne mich, Herr Graf.«
»Diesen Rat hatte ich dir nicht begründet. Der Grund ist aber der: Nach den inständigen Blicken, die ihr bei Frau von Rohan gewechselt hattet, wäre es von dir höchst unverschämt gewesen, dem Fräulein zu schreiben, ohne sie um ihre Hand zu bitten. Diesen Schritt konntest du deshalb nicht tun, weil du ihr nur deine Zukunft und deinen schmalen Sold als Königlicher Musketier zu bieten hattest.«
»Ich hatte natürlich begriffen, Herr Graf, daß ich diesen Schritt nicht tun konnte, weil ich für das Fräulein zu schlecht gebettet bin.«
»Schön. Kannst du dir vielleicht vorstellen, daß das Fräulein erraten hat, daß du die Frage, die euren Blicken entsprang, nicht zu stellen wagtest, weil die Schwindsucht deines Beutels dich lähmte? Und habe ich dir nicht gesagt, wenn eine Frau liebt, dann geht sie durch Eisen und Feuer und überspringt auch Mauern? Nun, was willst du noch? Mademoiselle de Foliange hat die Mauern übersprungen! Sie hat dir geschrieben. Sie hat dich aufgefordert, um ihre Hand anzuhalten, und sie teilt dir vorsorglich mit, daß sie dreißigtausend Livres Rente besitzt.«
»Herr Graf, gerade diese dreißigtausend Livres Rente stecken mir quer im Hals. Wieso, zum Teufel, mußte sie die erwähnen?«
»Wieso sollte sie die verschweigen? Was ist verkehrt daran? Das Fräulein ist in dich vernarrt, und mit sehr weiblicher Weitsicht |201|hat sie dich unterrichtet, daß sie dir keine drückende Last sein wird.«
»Aber, warum, zum Teufel, hat sie von den dreißigtausend Livres gesprochen? Das verpfuscht alles! Ich habe das Gefühl, sie will mich kaufen, und darauf einzugehen, verbietet mir meine Ehre.«
»Deine Ehre!« sagte ich. »Was ist denn beleidigend für deine Ehre, wenn das Fräulein dir sagt, daß sie reich ist? Ich finde dieses Geständnis ganz im Gegenteil sehr rührend. Welch ein Liebesbeweis der Belagerten, wenn sie dich belagert, damit du sie heiratest!«
»Aber wir haben uns eine Viertelstunde gesehen! Sie kennt mich doch gar nicht! Und ich kenne sie auch nicht!«
»Mein armer Nicolas, wenn du das Ende der Belagerung abwarten willst, um sie besser kennenzulernen, lernst du sie nie mehr kennen. Sie wird nicht mehr auf Erden weilen. Aber du hast wenigstens den Trost, an ihrem Grab zu beten.«
»Ihr Grab! Herr Graf, Ihr seid grausam!«
Damit schlug er beide Hände vors Gesicht und schluchzte sich die Seele aus dem Leib. Ich nahm ihn in die Arme und klopfte ihm begütigend auf den Rücken. War es, fragte ich mich, nicht doch ein wenig zu hart von mir gewesen, den Rochelaiser Friedhof zu beschwören, um ihm vor Augen zu führen, welche Folgen eine Ablehnung um seiner »Ehre« willen für sie haben könnte? Doch im selben Moment begann er mit erstickter Stimme zu murmeln.
»Ich glaube, Ihr habt recht, Herr Graf«, sagte er, »und wenn ich alles recht bedenke, ist der einzige ehrenhafte Entschluß, den ich jetzt fassen kann, Mademoiselle de Foliange um ihre Hand zu bitten.«
Fast hätte ich losgelacht, wenn die Situation es nicht verboten hätte. Das beschworene Grab hatte seine Wirkung getan. Die Ehre meines Nicolas hatte im Handumdrehen das Lager gewechselt.
Ich straffte mich. Nicolas straffte sich auch, trocknete seine Tränen und verharrte eine Weile stumm.
»Ach!« sagte er plötzlich erschrocken, »es gibt noch eine furchtbare Schwierigkeit, Herr Graf! Wie soll ich mich trauen, Mademoiselle de Foliange zu schreiben? Meine Rechtschreibung ist so miserabel!«
|202|Über so viel Kinderei war ich sprachlos. Ich hatte nicht übel Lust, das Hähnchen gehörig aufzuziehen. Aber der arme Nicolas hatte bei diesem Gespräch schon so viel zu schlucken gehabt, daß ich ihn nicht weiter entmutigen wollte.
»Ein Glück«, sagte ich, »daß meine Rechtschreibung besser ist und deiner beistehen kann.«
»Oh, ja!« rief er begeistert. »Können wir den Brief jetzt gleich schreiben?«
Diesmal erlaubte ich mir denn doch, lauthals zu lachen.
»Weißt du, Nicolas! Dein Brief geht heute sowieso nicht mehr ab, und jetzt gleich, mein Junge, jetzt gleich schläfert es mich, wie Henri Quatre sagte. Wir schreiben morgen.«