Am nächsten Morgen machten wir uns an das schwierige Werk, einen Brief an Mademoiselle de Foliange zu entwerfen. Er sollte erfüllen, was sie verlangte, ohne jedoch ihre Empfindlichkeiten zu verletzen. Wie Nicolas treffend gesagt hatte, war es zumindest ja »ungewöhnlich«, daß ein wohlgeborenes Fräulein, auch wenn sie Waise war, einen Edelmann aus eigenen Stücken um seine Hand bat, und da die Schöne um die Gewagtheit ihres Schrittes durchaus wußte, mochte sie deswegen jetzt einige Scham empfinden. Sollten also manche Wendungen unseres Briefes sie peinlich berühren, konnte sie den Heiratsantrag immer noch ausschlagen, den sie selbst veranlaßt hatte.
Nicolas, der seit dem letzten Abend vor glühender Liebe überquoll und in der Nacht kaum geschlafen hatte, wollte seinem ganzen Gefühlsüberschwang Ausdruck verleihen. Doch ich warnte ihn, die Empfängerin des Briefes nicht durch Hitzigkeiten zu verschrecken.
Nicolas sah es ein. So steckten wir unsere Köpfe zusammen und verfaßten einen Brief, der nicht zu heiß war und nicht zu kalt. Nicolas fand einen sehr gewandten Weg, das Zartgefühl von Mademoiselle de Foliange zu schonen. Er nahm den Heiratsantrag, der an ihn ergangen war, ganz auf sich und bat die Schöne ergebenst, ihm ihre Hand zu reichen (die erklärtermaßen schon in seiner lag), und er sagte, daß er ein schriftliches Ja von ihr benötige, um beim Kardinal einen Passierschein zu erwirken, damit Mademoiselle de Foliange ins königliche Lager eingelassen werde.
Die Vorsehung wachte über diese Liebe mit Wohlwollen. Einen Monat später hätte der Brief, der über das Schicksal zweier Menschen entschied, seine Empfängerin nicht mehr erreicht, denn zu jenem Zeitpunkt beschloß der Kardinal, den Briefverkehr zwischen dem Lager und La Rochelle einzustellen, weil trotz der Wachsamkeit der Zensoren die harmlosesten |204|Briefe in verdeckten oder verabredeten Worten Informationen schmuggeln konnten, die unserer Sache abträglich waren.
Zum Glück also waren noch nicht alle Brücken zwischen La Rochelle und uns abgebrochen, und eine Woche nachdem Nicolas seinen Brief abgesendet hatte, erhielt er von Mademoiselle de Foliange eine Antwort, die den Rollentausch stillschweigend überging und seiner Bitte um ihre Hand huldvoll stattgab. Ich trug das Schreiben sogleich zum Kardinal, damit er der Schönen einen Passierschein genehmige. Er warf einen gleichmütigen Blick darauf und lächelte süßsauer.
»Monsieur d’Orbieu«, sagte er seufzend, »muß ich mich auch damit noch beschäftigen?«
»Das Fräulein, Monseigneur, ist eine Verwandte der Herzogin von Rohan, und sie ist Katholikin. Soll sie für einen Glauben sterben, der nicht der ihre ist?«
Mir erschien das zweite Argument triftiger als das erste, Richelieu aber, Kardinal hin, Kardinal her, war anderer Ansicht.
»Wenn sie mit der Herzogin von Rohan verwandt ist und diese damit einverstanden ist, daß das Fräulein die Mauern von La Rochelle verläßt, ist das eine politische Angelegenheit, Monsieur d’Orbieu, und ich muß die Meinung des Königs dazu einholen. Er betrachtet die Herzogin als seine Cousine und behandelt sie, schon im Gedanken an die Zeit nach dem Kriege, mit aller Schonung, wie Ihr wißt. Es ist also besser, wenn der Passierschein von Seiner Majestät erteilt wird. Dann hat er mehr Gewicht. Eine Kopie des Briefes von Mademoiselle de Foliange geht mit meinen Darlegungen morgen nach Paris.«
Nun kannte Ludwig ja Nicolas gut, weil er ihn stets an meiner Seite gesehen hatte, wenn ich seinem Lever beiwohnte. Und wenn der Leser mir ein offenes Wort gestattet, hatte er ihn jedesmal mit großem Gefallen betrachtet, Nicolas war nun einmal ein sehr ansehnlicher Bursche. Und um es für diejenigen, die diese Memoiren nicht in Gänze gelesen haben, zu wiederholen: Ludwig war den Frauen nicht eben gewogen, denn von seiner Mutter hatte er keine Liebe, sondern nur Herabsetzung erfahren, und seine Gemahlin hatte sogar gegen ihn komplottiert, um seinen Bruder zu ehelichen. Aber wenn Ludwig keine Mätresse hatte, so hatte er doch auch keinen Lieblingsfreund in dem Sinne, den der Hof diesem Wort beilegte.
Außer der Freude, die Seine Majestät an Nicolas’ Schönheit |205|fand, hatte er noch andere Gründe, ihm seine Gunst zu beweisen: Nicolas war nicht nur mein Junker, er war auch der jüngere Bruder eines anderen treuen Dieners, der seinem Thron teuer war, Monsieur de Clérac, Hauptmann der Königlichen Musketiere. Und schließlich hatte er bekanntlich seine Gründe, der Herzogin von Rohan ganz besondere Großmut zu bezeugen. Er tat also mehr, sehr viel mehr, als Mademoiselle de Foliange ein Papier auszustellen, das ihr das königliche Lager öffnete. Damit Nicolas nicht als armer Mann neben einer reichen Erbin dastehe, ernannte er ihn zum Chevalier und bewilligte ihm eine Schenkung von zehntausend Livres. Und er verfügte, daß die Hochzeit bei seiner Rückkehr nach La Rochelle stattfinden solle, und zwar auf seine Kosten und mit aller Feierlichkeit in der schönen romanischen Kirche von Surgères.
Da diese letzte Verfügung die Hochzeit um sechs Wochen verschob, wären die Liebenden in eine verzweifelte Lage geraten, hätte der Passierschein nicht mit dem Tag Gültigkeit erlangt, an dem er ausgehändigt wurde. Nun ängstigte es Mademoiselle de Foliange aber auf einmal, La Rochelle zu verlassen, und in einem zweiten Brief fragte sie an, wo sie denn bis zu ihrer Vermählung mit dem Chevalier de Clérac wohnen würde. Das veranlaßte mich, Madame de Bazimont die ganze Angelegenheit beim abendlichen Tee zu entdecken.
Die Geschichte war an sich romanesk genug, ohne daß man sie pathetisch aufbauschen mußte, und ich erzählte alles so schlicht ich konnte. Doch was half’s, kaum hatte ich geendet, zerfloß Madame de Bazimont vor Rührung, sicherlich im Gedenken an ihren eigenen glücklichen Hochzeitstag und an den Tod ihres geliebten Gemahls.
Sowie ihre Tränen versiegten, bekannte Madame de Bazimont, wie sehr dieses Glück sie freue, Nicolas erinnere sie ja so stark an »ihren armen Gemahl«, und was die Sorge von Mademoiselle de Foliange um ihre Unterkunft bis zur Hochzeit angehe, so nehme sie es auf ihre eigene Kappe, dem Fräulein ein Zimmer im Schloß anzubieten. Und vielleicht, wenn Madame de Brézolles zustimmen würde, könnten die Jungvermählten dann sogar hier wohnen bleiben, damit Nicolas seinem Dienst als mein Junker ohne Unbequemlichkeiten weiter nachgehen könne.
Ein Glück kommt selten allein, und so lachte der Himmel, |206|als Nicolas, Monsieur de Clérac und ich an einem Nachmittag im Februar zu Pferde am Fort de Tasdon Aufstellung nahmen und warteten, daß Mademoiselle de Foliange durch das Tor gleichen Namens erscheine.
Wir hatten uns abgestimmt, nur schlichte Kleider anzulegen und auf die Ankündigung durch einen königlichen Trommler zu verzichten, denn um dem Fräulein keine unnötigen Schwierigkeiten beim Verlassen der Stadt zu bereiten, wollten wir die hugenottische Wachmannschaft des Forts nicht erst reizen, im besonderen nicht den kleinlichen Hauptmann Sanceaux, der uns, Nicolas und mir, sogar bei unserem genehmigten Besuch den Zutritt zur Stadt hatte verweigern wollen. Wir begnügten uns also damit, die Belagerten, die uns von ihren Zinnen herab scharf im Auge hielten, höflich und friedlich mit großen Hutschwenken zu grüßen. Trotzdem verrannen die Minuten, ohne daß das eisenbeschlagene Tor sich im mindesten bewegte, und die Angst vor einem Scheitern machte uns zunehmend beklommen und stumm.
Endlich – wir hatten nicht das leiseste Geräusch bemerkt, mit dem sich der Schlüssel im Schloß gedreht hatte – lösten sich die großen Torflügel mit entnervender Gemächlichkeit voneinander und gaben schließlich das Bild einer Amazone auf weißem Zelter frei: Mademoiselle de Foliange. Das vor unseren Pferden zunächst scheuende Tier mit fester Hand lenkend, durchmaß sie das Tor und ließ hinter sich die Stadt des schleichenden Todes.
Ich wandte mich um, und weil das Tor noch offenstand, sah ich vier Reihen Soldaten, von denen ich im ersten Moment glaubte, sie würden uns verfolgen, was aber ein ganz unsinniger Eindruck war, weil sie uns den Rücken kehrten. Und ich erkannte, daß sie mit den Breitseiten ihrer Piken eine kleine Gruppe von abgezehrten Männern und Frauen zurückdrängten, die verzweifelt versuchten, sich mit durch das Tor zu flüchten, das inzwischen aber bereits von anderen Soldaten verschlossen wurde.
Das Gemenge dieser paar Rochelaiser, die gegen die abwehrenden Soldaten andrängten, hatte etwas sonderbar Groteskes, denn Angreifer wie Angegriffene waren gleichermaßen entkräftet und abgezehrt, und daß die Soldaten zuletzt die Oberhand behielten, war wohl nur ihren Piken zu verdanken, so |207|schwer es den Bewaffneten auch zu fallen schien, sie in der Horizontale zu halten. Aber das Erstaunlichste an diesem kleinen Straßenaufstand war, in welchem Schweigen er ablief. Die ganze Zeit war nicht ein militärischer Befehl, nicht eine Beschimpfung von seiten der Leute zu hören. Und erst am Abend, als ich wieder daran dachte, begriff ich den Grund: Weder Soldaten noch Rebellen hatten mehr die Kraft zu schreien.
Nicolas und ich ritten zur Rechten und zur Linken von Mademoiselle de Foliange, Hauptmann von Clérac übernahm die Führung unserer Gruppe, zuerst in leichtem Trab, doch als er sich umblickte, bemerkte er, daß der Zelter des Fräuleins zu schwach war, um Schritt zu halten, und so legten wir den ganzen Weg vom Fort de Tasdon bis Schloß Brézolles im Schildkrötentempo zurück und ohne ein einziges Wort zu sprechen.
Zur Linken des Zelters von Mademoiselle de Foliange reitend, konnte ich sie im Ganzen betrachten, weil sie, im Damensattel, beide Beine nach meiner Seite herabhängen ließ und die Augen still auf die Mähne ihrer Stute gesenkt hielt. Sie war bei weitem nicht so mager wie die rebellischen Rochelaiser, die ich vorhin gesehen hatte, so spartanisch war das Essen bei der Herzogin von Rohan wohl noch nicht. Trotzdem sah sie blaß und leidend aus, zumal ihr schönes Gesicht kein bißchen geschminkt war, wahrscheinlich herrschte in La Rochelle großer Mangel an sämtlichen Annehmlichkeiten des Lebens, auch an Schminke.
Mir auf halbem Weg innewerdend, daß Nicolas sehr enttäuscht sein mußte, von seiner Schönen nur den Rücken zu sehen, zügelte ich meine Accla, winkte dem jungen Mann, meine Stelle einzunehmen, und wechselte auf die rechte Seite über. Nicolas schien darüber sehr froh zu sein und das Fräulein nicht minder. Auch wenn sie weiterhin schwieg, hoben sich ihre Augen nun sicherlich dann und wann von der Stutenmähne, angezogen von den begierigen, verliebten Blicken, die Nicolas, zu ihrer Linken nun, nicht von ihr abwandte. Was übrigens der Lenkung des Zelters keinen Schaden tat, der brav dem Leitpferd von Monsieur de Clérac nachtrottete.
Sobald wir in den Umkreis des Lagers kamen, erregte der schöne Anblick von Mademoiselle de Foliange auf ihrem weißen Roß und im Schutz ihrer drei Ritter überall Bewunderung und Freude. Alles schaute und blickte ihr nach, zumal jedermann im Lager wußte, wer sie war und weshalb sie hierher |208|kam. Bald hatten wir einen ganzen Geleitzug von Soldaten, Händlern oder Bediensteten im Gefolge, die unser Loblied sangen, gerade so, als hätten wir eine neue Jeanne d’Arc von einem hugenottischen Scheiterhaufen errettet. Bald sah sich Monsieur de Clérac veranlaßt kehrtzumachen und unsere Bewunderer höflich, aber bestimmt aufzufordern, ihrer Wege zu gehen, Mademoiselle de Foliange bedürfe nach ihren überstandenen Prüfungen der Schonung und der Ruhe. Zu unserer großen Erleichterung gelang es Monsieur de Clérac, unsere Verfolger zu überzeugen, denn wir hatten schon gefürchtet, sie würden auch noch wissen wollen, wo das Fräulein wohnen würde, was zu ständigen, lärmenden Aufläufen vor dem Gittertor von Schloß Brézolles geführt hätte.
Madame de Bazimont begrüßte Henriette de Foliange, indem sie sie mit »Mademoiselle« ansprach, wie es ihrem Rang gebührte, und als die Besucherin ihrerseits sie mit »Madame« anredete, war sie überglücklich und schloß die junge Dame sogleich in ihr Herz, die, obgleich die Cousine einer Herzogin, weder hochmütig noch geziert war und obendrein schön wie die Morgenröte. Sie fragte sie, ob man ihr das für sie bereitete Zimmer zeigen solle. Doch ohne jedes Zögern, allerdings bis in die Stirn errötend, stellte das Fräulein mit matter Stimme eine andere Frage.
»Madame«, sagte sie, »darf ich fragen, wann es hier Abendessen gibt?«
Wir hätten über diese unverblümte Frage gelächelt, wäre nicht jedem von uns mit Beschämung eingefallen, daß Henriette de Foliange Hunger gelitten hatte, und Madame de Bazimont wurden die Augen feucht.
»Herr Graf«, sagte sie seufzend, »wenn Ihr erlaubt, treibe ich die Küche zur Beeilung an. Und darf ich Luc anweisen, ein Gedeck für Monsieur de Clérac aufzutragen?«
Ich stimmte sofort zu, und nach einigen höflichen Ablehnungen nahm Monsieur de Clérac meine Einladung an. Obwohl Madame de Bazimont mir hiermit vorgegriffen hatte, kitzelte mich der Gedanke, wie stolz die gute Frau nun wohl war, »ihre Edelmänner« noch um einen schmucken Hauptmann der Königlichen Musketiere vermehrt zu haben. Sicherlich hätte Nicolas mit mir gelacht, wenn er nicht ganz anderes im Kopf gehabt hätte. All sein Sinnen war darauf gerichtet, Mademoiselle |209|de Foliange anzusehen, ohne es zu sehr merken zu lassen: Eine Übung, die das gentil sesso von klein auf aus dem Effeff beherrscht, in der aber das sogenannte starke Geschlecht seine erheblichen Schwächen hat.
Nun kam Luc, der in Abwesenheit von Monsieur de Vignevieille den Majordomus vertrat, und meldete, daß Monsieur de Guron Einlaß begehre, denn er habe Mademoiselle de Foliange eine Willkommensbotschaft vom Kardinal zu überbringen.
Wie der Leser sich erinnern wird, war Monsieur de Guron einer von Richelieus treuen Dienern, und als der König nach Paris abreiste, hatte er ihm anvertraut, wie sehr es ihn schmerze, den Herrn Kardinal zu verlassen. Groß und wohlbeleibt, doch mit feinem Geist begabt, entbot Monsieur de Guron mit etwas altväterlicher Gravität den Damen seine Begrüßung, je nach ihrem Rang. Dann überreichte er unserer Schönen ein Schreiben Richelieus, und als sie es las, lief sie rot an vor Glück und Verwirrung.
Selbstverständlich lud ich auch Monsieur de Guron zu Tisch, nachdem er den langen Ritt von Pont de Pierre nach Saint-Jean-des-Sables auf sich genommen hatte. Er nahm die Einladung, wenn ich so sagen darf, rundweg an, schließlich war er – wie übrigens auch Ludwig – bekannt als einer der »Vielfraße« des Hofes. Sobald aber das Essen aufgetragen war, rief er allseitige Betretenheit hervor, als er sich an Mademoiselle de Foliange wandte.
»Madame«, sagte er, »der Herr Kardinal hat Eurethalben seinen Leibarzt konsultiert, und in Anbetracht der Tatsache, wie lange Ihr darben mußtet, rät er Euch, sehr maßvoll zu essen, zumindest in den ersten acht Tagen, und nicht Eurem Hunger nachzugeben. Denn würdet Ihr diesen heute voll befriedigen, könnte es Euer Leben verkürzen.«
Mademoiselle de Foliange erblaßte und hatte Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten, so enttäuscht war sie, sich nach den langen Monaten bei karger Ration nicht erlaben zu dürfen, wie es sie gelüstete. Da wir anderen einsahen, wie wenig zartfühlend es gewesen wäre, nach Belieben zuzulangen, während sie aß wie ein Mönch zur Fastenzeit, nahmen wir, ohne uns irgend abzusprechen, immer nur wenig von jedem Gericht, um ihr Gesellschaft zu leisten und sie in ihrer erzwungenen Mäßigkeit zu unterstützen.
|210|Ich beobachtete, daß sie jeden Bissen sehr lange kaute, um ihm alle Würze und allen Saft abzugewinnen, und sicherlich auch, um ihr kurzes Glück so lange wie möglich auszukosten. Am Ende der Mahlzeit, während der sie kein einziges Wort gesprochen hatte, kehrte in ihre Wangen ein wenig Farbe zurück. Sie bedankte sich leise bei mir und bat Madame de Bazimont, die mütterlich wachend hinter ihrem Stuhl gestanden hatte, sie auf ihr Zimmer zu geleiten. Bevor sie den Tisch verließ, erbat sie sich eine kleine Schnitte Brot, damit sie es, wie sie sagte, in der Nacht essen könne, wenn ihr der Magen zu weh täte. Im Vorbeigehen streichelte sie mit dem Handrücken Nicolas’ Wange, sagte aber keinen Ton. Wir vier erhoben uns, und eigentlich hätte sie uns einen Knicks machen müssen, unterließ es vermutlich aber, weil sie fürchtete, dabei das Gleichgewicht zu verlieren, denn kaum daß sie auf den Beinen stand, hakte sie sich bei Madame de Bazimont ein und drückte ihren Arm an sich, um sich aufrecht zu halten.
***
Als Mademoiselle de Foliange gegangen war, blieben auch wir nicht mehr lange beisammen, Monsieur de Clérac zog es schleunigst zurück zu seinen Musketieren und Monsieur de Guron zu seinem Bett. Also suchten auch Nicolas und ich früher als gewohnt unsere Zimmer auf.
Perrette half mir beim Auskleiden, und während ich in meiner Blöße mir Gesicht und Hände wusch, klopfte es an meiner Tür. Ich bedeutete Perrette durch ein Zeichen, im Bett zu verschwinden, zog die Vorhänge um sie zu und fragte meinen Besucher in rauhem Ton, wer er sei, obwohl ich es mir denken konnte.
»Herr Graf«, sagte die Stimme von Nicolas, »ich bin es und bitte tausendmal um Vergebung, daß ich Euch noch zu stören wage, aber ich muß Euch unbedingt etwas fragen, sonst kann ich bestimmt die ganze Nacht nicht schlafen vor Angst und Sorgen.«
»Das verhüte Gott, Nicolas, wart einen Moment.«
Ich warf meinen Hausmantel über und öffnete. Nicolas trat blaß herein, wie aufgelöst.
»Herr Graf«, sagte er, da ich ihn wortlos anblickte, »denkt Ihr, daß sie sterben muß?«
|211|»Mademoiselle de Foliange?«
»Ja.«
»Wie kommst du auf die Idee?«
»Sie ist so bleich, sagt kein Wort, und wenn sie geht, dann taumelt sie.«
»Das sind allerdings Symptome schlechten Befindens, aber bei ihr ist die Ursache bekannt und heilbar. Es ist der Hunger. Und sobald der behoben ist, geht die Heilung schnell voran. Zufrieden?«
»Noch nicht ganz, Herr Graf. Ich glaube, sie liebt mich gar nicht. Die ganze Mahlzeit über hat sie mich kaum angesehen.«
»Sie hat dich öfter angesehen, als du dir einbildest. Bei ihrem Aufbruch hat sie deine Wange liebkost. Sie wäre sicherlich viel liebenswürdiger gewesen, wenn der Hunger sie nicht so gequält hätte. Für jetzt, Nicolas, ist ihr ein Stückchen Brot wichtiger als du: Sie nimmt es mit ins Bett, wie du gesehen hast. Aber es ist kein ernstlicher Rivale. Es wird verspeist. Bist du nun zufrieden?«
»Ach, Herr Graf, der König hat gesagt, daß er uns verheiratet, wenn er in sechs Wochen zurückkommt. Aber sechs Wochen, das sind zweiundvierzig Tage. Und zweiundvierzig Tage, Herr Graf, das ist entsetzlich lang.«
»Aber denke doch, wie leicht diese zweiundvierzig Tage sich in zweiundvierzig nächtliche Träume verwandeln. Und was ist schöner als ein Traum, der am Ende Wirklichkeit wird?«
»Und wenn der König nicht wiederkommt von Paris, Herr Graf?«
»Schäme dich, Chevalier! Wie kannst du an deinem König zweifeln? Was Ludwig verspricht, das hält er, Gott sei Dank, auch. Nicolas, dein Bett sehnt sich nach dir. Geh es trösten.«
Ich umarmte ihn, und als er sich noch mit vielen Dankesworten aufhalten wollte, schob ich ihn sanft hinaus, drehte den Schlüssel zweimal im Schloß und schlüpfte durch die Vorhänge zu Perrette. Ich küßte ihre Wangen, und sie schmeckten feucht und salzig.
»Du weinst, Perrette?«
»Mit Verlaub, Herr Graf, ja, ich weine.«
»Über was oder wen?«
»Über das arme Fräulein, das so schön ist und so schwach. |212|Über Euren armen Junker, der sich so schrecklich um sie sorgt. Und wenn ich ehrlich bin, Herr Graf, weine ich auch über mich.«
»Über dich?«
»Wenn die Belagerung zu Ende ist, Herr Graf, dann geht Ihr fort und laßt mich hier allein.«
»Auch mir«, sagte ich nach einem Schweigen, »wird es nicht leichtfallen, dich zu verlassen. Aber der Kummer von morgen muß das Vergnügen von heute nicht stören, zumal die Belagerung noch längst nicht beendet ist. Vor uns flattert noch ein langes Band von Wochen und Monaten.«
***
Ungefähr das gleiche, nur in edleren Worten, sagte der Kardinal am nächsten Tag anläßlich einer Zusammenkunft, zu der er den Herzog von Angoulême und die Marschälle Schomberg und Bassompierre geladen hatte, aber auch Monsieur de Guron, den Pater Joseph und mich, jedoch als stille Beobachter, wenigstens solange unsere großen Krieger – denen man nicht alles sagte – zugegen waren.
»Meine Herren«, sagte Richelieu zu dem Herzog und den Marschällen, »wie Ihr wißt, verpflichtet mich der Auftrag Seiner Majestät, das Oberkommando der Armeen zu führen, die Belagerung von La Rochelle durch Blockade, gegebenenfalls aber auch durch Beschuß, Breschen und Angriffe fortzusetzen und zu beschleunigen. Bevor der König nach Paris ging, brachte ich die Frage eines Sturmangriffs zur Sprache, und Seine Majestät meinte, wenn wir eine Möglichkeit dazu sähen, wäre dies eine gute Sache, weil die Blockade von La Rochelle Monat für Monat die Finanzen des Reiches und die Kräfte der Soldaten erschöpfe.« Und an den Herzog von Angoulême gewandt, fragte er: »Was ist Eure Meinung hierzu, Monseigneur?«
»Es wäre tatsächlich eine gute Sache, wenn sie sich nur machen ließe«, sagte der Herzog, der zwar mit gesundem Menschenverstand gesegnet war, aber nicht mit Genie.
»Herr von Schomberg«, sagte Richelieu, »was meint Ihr?«
Doch unterbrach er sich sofort, weil er sich entsann, daß Schomberg erst 1625 zum Marschall ernannt worden war, |213|während Herr von Bassompierre diese Würde bereits drei Jahre früher erlangt hatte.
»Ich bitte um Verzeihung, Herr von Bassompierre«, sagte er, an diesen gewandt, überaus höflich, »ich vergaß Euer Vorrecht.«
»Das tut nichts zur Sache«, sagte Bassompierre liebenswürdig, in Wahrheit aber hätte er einen solchen Verstoß gegen die Rangordnung niemals vergeben noch vergessen. Im übrigen hielt er sich auf Grund seiner Fähigkeiten Schomberg ohnehin weit überlegen.
»Wie denkt Ihr, Herr von Bassompierre, über einen Sturmangriff?« fragte der Kardinal.
Bassompierre schwieg so lange, daß man glauben konnte, er verweigere eine Antwort. Es war dies aber nur eine seiner boshaften Taktiken, nahe an der Unverschämtheit, die er manchmal sogar im Staatsrat gegenüber dem König anwandte, indem er stumm blieb wie ein Karpfen, wenn Seine Majestät ihn um seine Meinung befragte. Im Gegensatz zu Ludwig, der seinem Ärger dann in heftigen Vorwürfen Luft machte, zuckte der Kardinal mit keiner Wimper und wartete undurchdringlichen Gesichts mit scheinbar engelhafter Geduld, bis der Marschall zu antworten geruhte.
»Herr Kardinal«, sagte schließlich Bassompierre in einem Ton, als ginge ihn die Angelegenheit nichts an, »ein Sturmangriff hätte zweifellos den Vorteil, die Armeen (er sagte nicht »die Armeen Seiner Majestät«, wie es jeder andere an seiner Stelle getan hätte) der Untätigkeit zu entreißen. Es ist leider nur abzusehen, daß solch ein Sturmangriff scheitern würde.«
Der Herzog von Angoulême protestierte: »Wer kann im voraus sagen, ob ein Angriff glückt oder scheitert?«
Ohne den Herzog eines Blickes, geschweige denn einer Antwort zu würdigen, sagte Bassompierre: »Herr Kardinal, ich habe Euch meine Meinung gesagt.«
»Und ich danke Euch, Herr Marschall«, sagte Richelieu, wobei er sich in keiner Weise anmerken ließ, wie sehr ihm Bassompierres verächtliches Benehmen gegenüber Angoulême widerstrebte.
Für meine Begriffe ging Bassompierre kein großes Wagnis ein, wenn er sich jetzt bereits für die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns aussprach. Wenn der Angriff glückte, würde man |214|seine pessimistische Voraussage im Siegestaumel vergessen, wenn er fehlschlüge, könnte er überall im Lager mit seinem »Habe ich es nicht gesagt?« aufwarten.
Ich konnte nicht umhin, diese Beobachtung später Monsieur de Guron mitzuteilen.
»Gewiß«, sagte er, »außerdem aber war es eine Unverschämtheit gegenüber dem Kardinal, der diesen Sturmangriff plante.«
»Es liegt vor allem daran«, warf Pater Joseph ein, »daß Bassompierre, obwohl er hier sein Soldatenhandwerk verrichtet, gar nicht wünscht, daß Seine Majestät La Rochelle unterwirft. Erinnert Ihr Euch, was er zu Beginn der Belagerung sagte? ›Ihr werdet sehen, wir werden so verrückt sein, La Rochelle einzunehmen.‹ Bassompierre weiß natürlich, welchen außerordentlichen Widerhall die Einnahme der hugenottischen Festung in Europa haben würde und daß der Ruhm des Königs und Richelieus dann so groß wäre, daß Komplotte gegen sie keine Verbündeten mehr finden würden, nicht in Frankreich und nicht im Ausland.«
Doch zurück zu unseren Hammeln, Leser. Die Konsultationen fortsetzend, fragte der Kardinal nun Schomberg, was er von dem geplanten Sturmangriff halte.
Nun, Schomberg, so schlicht und rauhbeinig er auch war, mangelte es doch nicht an Klugheit und Feingefühl, auch wenn Bassompierre ihm diese absprach. Und so nutzte er seine Antwort, dem Herzog von Angoulême Ehre zu erweisen und Bassompierre unausgesprochen eins auszuwischen.
»Herr Kardinal«, sagte er, »die einzige vernünftige Frage, die sich in der gegenwärtigen Lage stellt, ist doch, wie Monseigneur d’Angoulême treffend sagte, ob so ein Sturmangriff denn machbar ist. Dazu gilt es zunächst, in der feindlichen Festung den schwächsten oder am wenigsten bewachten Punkt ausfindig zu machen. Sodann benötigt man die Mittel, ein Fallgatter und ein eisenbeschlagenes Tor zu sprengen. Dazu braucht man Sprengkörper und Sprengmeister. Wir haben aber keine hier, weil wir zu Anfang der Belagerung darauf setzten, daß die Zeit und der Hunger La Rochelle in die Knie zwingen würden.«
»Dieses Versäumnis«, sagte der Kardinal, »kann unverzüglich behoben werden, wenn Ihr mir sagt, wo Sprengkörper und Sprengmeister zu haben sind.«
|215|»Erstere«, sagte Schomberg, »werden in Saintes hergestellt, und die zweiten dingt man am besten in Paris.«
»Ich werde dafür sorgen«, sagte der Kardinal und stand auf. »Meine Herren, ich danke Euch unendlich für Eure kostbaren Meinungen.«
Das Trio erhob sich und verließ nach den üblichen Reverenzen, deren keine abgekürzt wurde, den Raum, als erster der Herzog von Angoulême, nicht weil er Herzog war – die Marschälle standen jenseits des französischen Adels –, sondern als Prinz von Geblüt.
»Meine Herren«, sagte Richelieu, nachdem die Tür sich hinter den Heerführern geschlossen hatte, »bitte, bleibt: Ihr sollt weiteres erfahren. Ein Sturmangriff auf eine so gut befestigte Stadt wie La Rochelle ist ein sehr großes Wagnis. Es gibt aber einen Grund, es einzugehen, den unsere Generäle und im besonderen Herr von Bassompierre nicht kennen müssen: Wir sind mit einer äußerst ernsten Situation konfrontiert. Der Statthalter von Mailand belagert Casale.«
Casale, schöne Leserin, das der Kardinal natürlich Casal aussprach, weil wir alle fremden Namen französisieren, liegt im Südosten des Piemont, ist die Hauptstadt von Monferrato und wie Mantua der legitime Besitz der Gonzaga. Der Herzog von Gonzaga stand dem Lilienbanner sehr nahe, und die Franzosen erwiderten seine Liebe und unterstützten ihn. Diese Unterstützung hatte der arme Herzog auch sehr nötig, denn seine Nachbarn gelüstete es nach seinen Besitzungen, sowohl den Herzog von Savoyen wie die spanischen Habsburger, die in Mailand saßen.
Die Stadt Casale nun besaß einen beträchtlichen strategischen Wert, ihrer Hoheit unterstand der Übergang über den Po und mithin der Zugang zum Herzogtum Mailand. Und nur damit Mailand nicht eines Tages in die Hände der Franzosen fiele, wurde Casale von den Spaniern belagert. Sie sehen hier eine Widersinnigkeit, schöne Leserin, wie sie in der Weltgeschichte nur zu häufig ist: Um sich vor einem möglichen Angriff zu schützen, stürzt man sich in das weit schlimmere Übel, den Krieg.
»Die Spanier, meine Herren«, fuhr Richelieu fort, »haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt, daß unser gesamtes Heer vor La Rochelle gebunden ist, und belagern Casale, diese |216|hochwichtige Stadt am Po. Sie wird von einer französischen Garnison verteidigt, die im Sold unseres Freundes und Verbündeten, des Herzogs von Mantua, steht, und wir werden ihm sicher zu Hilfe eilen, können es aber leider nicht in der erwünschten Stärke, solange das Gros unserer Kräfte hier festliegt. Deshalb dachte ich mir, wir sollten einen Angriff auf La Rochelle wagen. Wenn es uns gelingt, die Stadt zu nehmen, können wir unsere Kräfte dort einsetzen, wo sie dringlich gebraucht werden: in Italien.«
»Herr Kardinal«, sagte Pater Joseph, »was tun wir, während Ihr Leute nach Saintes und Paris entsendet, um Sprengkörper und Sprengmeister zu beschaffen?«
»Ihr werdet mir helfen, den schwächsten und am wenigsten bewachten Punkt der Rochelaiser Mauern auszukundschaften.«
»Aber wie, Herr Kardinal?« sagte Monsieur de Guron. »Wir gehören keiner königlichen Armee an.«
»Was ich Euch vorschlage«, sagte Richelieu, »hat nichts mit militärischen Positionen zu tun. Eine ganze Anzahl von Rochelaiser Katholiken leben außerhalb der Stadtmauern kümmerlich von tausenderlei kleinen Gewerben. Sucht sie auf und bringt sie mit Geschick zum Sprechen darüber, wie sie Zugang zur Stadt finden. Ich bin mir sicher, daß sie Schlupflöcher kennen, denn seit die Hugenotten sie vor ihrem ersten Kanonenschuß aus der Stadt verbannten, haben sie sich bestimmt von Zeit zu Zeit heimlich hineingeschlichen, um mit den Eingemauerten kleine Geschäfte zu machen. Was mich angeht, so habe ich andere Informationsquellen, die nur mir zugänglich sind, trotzdem sind diejenigen, die ich Euch zu erforschen bitte, nicht zu vernachlässigen.«
Nachdem er sich unserer Zustimmung versichert hatte, entließ er uns, und kaum hatte Charpentier uns die Tür geöffnet, versenkte sich der Kardinal in ein Dossier, dick wie zwei Ziegelsteine. Sicherlich würde er damit bis Mitternacht beschäftigt sein, dachte ich, was ihn nicht hindern würde, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, um die Deicharbeiten zu inspizieren und voranzutreiben, wie er es tagtäglich machte, außer am Sonntag, der, wie schon gesagt, in unserem wie im hugenottischen Lager als Feiertag eingehalten wurde.
Im Pferdestall des Kardinals, wo wir unsere Tiere holten, lud |217|ich Monsieur de Guron und Pater Joseph zum Mittagessen auf Schloß Brézolles ein. Monsieur de Guron nahm mit Freuden an, denn er war in Pont de Pierre zwar gut untergebracht, aber schlecht verköstigt, während Pater Joseph sagte, er habe am Nachmittag noch so viel zu tun, daß er sich mit einem Stück Brot begnügen werde. Nun ja, Pater Joseph war so mager und seinem Maultier eine so leichte Last, daß Fogacer von ihm sagte, wenn er einmal sterbe, werde seine Seele keine Mühe haben, seinen Körper zu verlassen.
Ich vertraute meinen Gast Madame de Bazimont an, die entzückt war, einen »ihrer Edelmänner« wiederzusehen, und ihm Loire-Wein und ein paar kleine Vorspeisen servieren ließ, die sich nicht lange auf seinem Teller hielten. Und als ich ihr sagte, daß ich vor dem Mittagessen noch Hörner und seine Männer aufsuchen wolle, die am Bau der Parkmauer arbeiteten, ließ sie ihnen durch Luc fünf Flaschen desselben Weins bringen, um sie zu erquicken und ihnen im Namen ihrer Herrin zu danken. Nicolas fragte, ob er mich begleiten dürfe, und so nahm ich ihn mit, denn er hatte sich schon genug gelangweilt, während ich beim Kardinal war.
Hörner empfing mich mit seiner militärisch straffen teutonischen Höflichkeit, als ob er einen Oberst begrüßte, und zeigte mir nicht ohne Stolz die Teile der Umfassungsmauer, die er mit seinen Schweizern aufgerichtet hatte.
»Natürlich, Herr Graf«,1 sagte er, »ist diese Mauer mit Leitern übersteigbar, aber man kann an der Innenseite immer noch Fallgruben anlegen, um den Schuften beizukommen, die es versuchen sollten. Weniger kostspielig wären allerdings ein paar deutsche Doggen, die man über Tag im Zwinger hält und nachts im Park laufen läßt.«
»Gut, Hörner, Sie müßten nur wissen, wo man Doggen kaufen kann, und bravissimo für die Mauer! Sie ist so gut gebaut, als wären hier Maurer am Werk.«
»Einer von meinen Männern war Maurer«, sagte Hörner, »er hat es den anderen beigebracht.«
Ich lobte die Männer für ihre Geschicklichkeit, ermahnte Hörner, er solle sich nicht scheuen, falls einer sich bei der Arbeit verletze, ihn sofort zu mir zu schicken, damit er behandelt |218|werde, bevor die Wunde anfange zu schwären, und wünschte allen, sich den Wein munden zu lassen.
»Herr Graf«, sagte Nicolas, als wir zum Haus zurückkehrten, »darf ich eine Bemerkung machen?«
»Nur zu, Chevalier, wenn sie stichhaltig ist?«
»Nun, Ihr setzt in Haustein, Sand und Mörtel viele, viele gute Taler dran für eine Mauer, die Ihr wahrscheinlich nie wieder sehen werdet, wenn der Krieg vorbei ist.«
»Hab ich mir’s doch gedacht: Es ist keine stichhaltige Bemerkung.«
»Darf ich fragen, warum?«
»Weil sie eine Alternative offenläßt.«
»Darf ich fragen, welche, Herr Graf?«
»Entweder ich sehe Madame de Brézolles wieder, wenn der Krieg vorbei ist, oder ich sehe sie nicht wieder und die Mauer auch nicht.«
»Herr Graf, ich beteure meine Unschuld, ich wollte keinesfalls in Euer Privatleben eindringen.«
»Von dem Verdacht bist du freigesprochen, Chevalier. Aber warum würde ich, wenn der Krieg vorbei ist, Madame de Brézolles wiedersehen wollen, wenn nicht, um sie zu heiraten?«
»Herr Graf, ich erlaube mir zu bemerken, daß Ihr zum erstenmal von Heirat sprecht.«
»Es ist das Wort, das deine Rede offengelassen hatte. Gib es zu, Chevalier, seit du selbst nur noch von Heirat träumst, würdest du am liebsten alle Welt unter die Haube bringen.«
»Ich bitte um Vergebung, Herr Graf.«
»Gewährt.«
»Ich schweige schon still. Erlaubt Ihr mir trotzdem, Euch zu sagen, Herr Graf, daß diese Eheschließung, die Ihr selbst eben erwähntet, in meinen wie in aller Augen überaus passend wäre?«
»Nicolas, du hast eine sehr redselige Art zu schweigen. Trotzdem sei dir auch diese Bemerkung vergeben, wenn es die letzte ist.«
»Es ist die letzte, Herr Graf.«
Während ich den Weg zum Schloß nahm, stellte ich bei mir fest, daß der Grünschnabel reichlich kühn geworden war, seit er in der Gewißheit, Mademoiselle de Foliange zu heiraten, auf Wolken schwebte. Aber wie hätte ich es ihm verübeln können, so ergeben und anhänglich, wie er war?
|219|Madame de Bazimont hatte nur auf meine Rückkehr gewartet, um auftragen zu lassen, und ich werde nie vergessen, mit welch begeisterter Behendigkeit Monsieur de Guron zu Tische ging. Kaum auf seinem Stuhl, mußte er allerdings wieder aufstehen, wie auch wir, denn Mademoiselle de Foliange erschien und machte uns ihre Reverenz, die zwar auch nur angedeutet, aber bereits ein Fortschritt gegenüber dem gestrigen Abend war, als sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Sie war auch nicht mehr so leichenblaß, es schien ihr schon besser zu gehen, wahrscheinlich weil sie neuen Lebensmut gewonnen hatte. Vielleicht hatte Madame de Bazimont ihr aber auch ihr Schminkzeug zur Verfügung gestellt, so daß sie zum Zeichen neuer Lebensfreude ein wenig Farbe aufgelegt hatte. Ich hatte Nicolas den Platz ihr gegenüber gegeben, damit sie den Kopf nicht nach rechts oder links drehen mußte und schon ein Wimpernschlag genügte, um ihn anzusehen. Ich muß gestehen, daß dieses verstohlene weibliche Äugeln, aus Scheu und Verführung gemischt, mich immer ungemein entzückt.
Wir hatten kaum mit der Suppe angefangen, als Fogacer eintrat, den ich am Morgen durch einen Boten eingeladen hatte, damit er Mademoiselle de Foliange, neben der ich ihn plazierte, in Muße beobachten und ins Gespräch ziehen könne. Er ließ es daran nicht fehlen, und während das Fräulein am vergangenen Abend keinen Mucks gesagt hatte, sprach sie diesmal ausgiebig, mit leiser Stimme, und wir lauschten ihr in tiefem Schweigen, zuerst aus Neugier, bald aber mit zunehmender Ergriffenheit.
»Hunger zu verspüren ist erfreulich«, sagte sie, »wenn man weiß, daß einen ein Mahl erwartet, wenn man aber weiß, man wird ihn nicht befriedigen können, wird dieses Gefühl zur Demütigung und Folter.«
»Warum Demütigung?« fragte Fogacer.
»Weil man von früh bis spät an nichts anderes denken kann als an Essen. Könnt Ihr Euch vorstellen, daß man den ganzen Tag und oft auch nachts, wenn der quälend hohle Magen einen weckt, ob man will oder nicht, damit beschäftigt ist, sich alles Gute, was man je gegessen hat, vor Augen zu führen, ob die gute heiße Milch und die süßen Schnitten der Kindheit oder die köstlich knusprigen Braten, bevor die Tore von La Rochelle sich für uns schlossen. Das ist eine Heimsuchung, die ganz abscheulich ist. Je schwächer der Körper, je schwerer die Glieder |220|werden, so daß einem bei jeder rascheren Bewegung das Herz klopft, desto mehr verliert man auch die Beherrschung seiner Seele, man wird auf die Stufe eines armen streunenden Hundes herabgewürdigt, der die Abfälle durchwühlt, um sich am Leben zu erhalten. Hinzu kommt die Angst zu sterben, die immer größer wird, je mehr die Kräfte schwinden.«
Mademoiselle de Foliange war nahe am Weinen, während sie diese Qualen beim Erzählen nacherlebte. Doch half ihr ihre neuerwachte Lebenslust, die Tränen zurückzuhalten.
Ich konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen, weil ich mich der langen bitteren Tage erinnerte, die ich in der Zitadelle Saint-Martin auf der Insel Ré verbracht hatte, als wir von Buckinghams Armee belagert waren. Nicht, daß Nicolas, meine Schweizer und ich solch äußerste Not hatten leiden müssen, wie Mademoiselle de Foliange sie geschildert hatte. Obwohl unsere Rationierungen streng genug waren, um uns etliche Pfunde abnehmen zu lassen, war unser Hunger doch nicht so groß gewesen, daß wir das Schlimmste fürchten mußten. Wenn aber der Hunger in La Rochelle soweit ging, daß eine vornehme, reiche Familie ihre Gespannpferde schlachten mußte, damit man zu essen hatte, wie mochte es dann den Armen gehen, oder auch nur den kleinen Leuten, die nicht das Geld hatten, die wenigen Waren zu kaufen, die es noch zu kaufen gab, die aber unseren Spionen zufolge schon unerhörte Preise erreicht hatten?
***
Am folgenden Tag begab ich mich mit Nicolas nach Pont de Pierre, um wie jeden Tag den Kardinal aufzusuchen. Er war aber noch nicht zurückgekehrt vom Deich, den er, wie gesagt, tagtäglich bei Wind und Wetter inspizierte, weil nichts die Arbeiten so anzutreiben vermag wie die Gegenwart des Bauherrn.
Charpentier führte uns in einen kleinen Raum, wo ein gutes Feuer brannte, und dort fand ich Monsieur de Guron und den Pater Joseph, der mir, kaum daß ich neben ihm saß, mit unverhohlener Freude mitteilte, daß er sich mit einem Rochelaiser Katholiken angefreundet habe, der wie manch anderer davon lebte, Nahrungsmittel zu den Belagerten einzuschmuggeln. Diese Leute kannten die Schwachstellen der Festung, gewiß, aber sie betrieben ihr Geschäft unter Lebensgefahr: Im königlichen |221|Lager drohte ihnen der Galgen, von den Wachsoldaten auf den Mauern die Erschießung. Ach, wie der Pater frohlockte, daß ihm ein Erfolg beschieden war, den Monsieur de Guron und ich nicht aufzuweisen hatten!
»Bedenkt doch bitte, meine Herren«, sagte er, »daß der Anblick eines mageren, kleinen Kapuziners auf seinem bescheidenen Maultier so einem Schmuggler in keiner Weise Furcht einflößen kann, während Eure prächtige, kriegerische Erscheinung ihn von vornherein erschreckt. Der Himmel bewahre mich davor, Euch dies zum Vorwurf zu machen. Aber wenn man Euch sieht auf Euren großen Pferden, mit Euren prächtigen Kleidern, Euren Stulpenstiefeln und Kriegsdegen, ganz zu schweigen von dem, was man nicht sieht, aber doch ahnt: Daß Ihr Pistolen in den Satteltaschen tragt –, welcher arme Schlucker, auf Kriegsfuß mit den königlichen Gesetzen, frage ich, sollte da zu Euch Vertrauen fassen, zumal ihm auf Schritt und Tritt der Galgen winkt?«
»Kurz und gut, wie heißt der Schmuggler?« fragte Monsieur de Guron mit leicht gereizter Stimme.
Sosehr er Pater Joseph bewundere, sagte er mir später, wittere er hinter all seiner Demut doch manches Mal ein gehöriges Maß Eitelkeit.
»Er heißt Bartolocci«, sagte der Pater, »und er spricht ein italienisch verschnittenes Französisch, oder besser gesagt, ein mit ein paar französischen Brocken verschnittenes Italienisch.«
»Und was weiß er über die Rochelaiser Tore?«
»Er war im Umkreis eines der Tore Salzarbeiter.«
In dem Augenblick meldete uns Charpentier, daß der Kardinal eingetroffen sei und uns in seinem Arbeitszimmer erwarte. Der Wind auf dem Deich hatte Richelieus gewöhnlicher Blässe abgeholfen und seine Wangen kräftig gerötet.
»Meine Herren, war Eure Suche erfolgreich?« fragte er.
»Wir haben unseren Mann gefunden«, gab Pater Joseph mit rührender Großzügigkeit zur Antwort.
»Um ehrlich zu sein«, sagte Monsieur de Guron, »Monsieur d’Orbieu und ich waren auf der Suche, gefunden hat ihn Pater Joseph.«
»Wo ist er?« fragte Richelieu.
»Im Wachsaal«, sagte der Pater und nannte den Namen und das einstige Gewerbe des Mannes.
|222|»Und was macht er hier im Lager?«
»Er schafft ein paar Lebensmittel zu den Belagerten.«
»Dann ist er also ein Verräter«, sagte Richelieu. »Ein gutes Dutzend solcher Schmuggler haben wir seit Beginn der Belagerung gehängt. Was weiß er über den Schwachpunkt der Mauern?«
»Das sagt Bartolocci Euch selbst, Monseigneur, wenn Ihr ihm einen Passierschein ausstellt, damit er beim Betreten oder Verlassen des Lagers nicht festgenommen wird.«
»Ich lasse nicht mit mir handeln«, sagte Richelieu, der doch von morgens bis abends genau das tat, und zwar mit einer verblüffenden Geschmeidigkeit. »Trotzdem, bringt ihn her, ich will ihn mir ansehen.«
Pater Joseph ging Bartolocci holen. Daß sein Äußeres für ihn gesprochen hätte, konnte man schwerlich von ihm behaupten: die Brauen waren ihm über der Nase zusammengewachsen und bildeten einen schwarzen Balken, der die kleinen, verschlagenen dunklen Augen überschattete. Der Mund war breit, rot und wulstig, die Zähne schwarz, das Kinn wie ein Säbel.
»Bartolocci«, sagte Richelieu, »wenn ich recht verstehe, willst du, daß ich dich am Leben lasse und dir einen Passierschein gebe.«
»Vostra Eminenza«, sagte Bartolocci, indem er vor dem Kardinal niederkniete, »wenn Passierschein un salvacondotto ist, dann ist es genau das, was ich will, col Vostro permesso, Vostra Eminenza.«
»Und was gibst du mir dafür?«
»Una informazione molto importante«, sagte Bartolocci, »sobald Vostra Eminenza mir den salvacondotto gibt.«
»Und woher weiß ich, ob deine Information wichtig ist, wenn du mir nicht zuerst sagst, um was es sich handelt?«
»Vostra Eminenza«, sagte Bartolocci, »facciamo l’ipotesi che l’informazione Euch nicht wichtig ist, allora schenkt Ihr mir nur das Leben. Facciamo l’ipotesi che l’informazioneè molto importante für Euch, dann schenkt Ihr mir la grazia e il salvacondotto.«
Der Kardinal hob die Brauen, als wäre er verwundert oder belustigt, daß er – im Gegensatz zu dem, was er kurz zuvor gesagt hatte – bereits mitten in einem Handel mit einem Schwarzhändler steckte. Andererseits sah er jedoch ein, daß der Mann |223|durchaus nicht dumm war und daß die Informationen, die er ihm geben konnte, womöglich einen Gnadenerweis wert waren, der ihn nichts kostete, vielleicht aber sogar einen Passierschein.
»Abgemacht«, sagte er. »Ich höre.«
»Vostra Eminenza, il punto più debole della fortificazione1 ist das Maubec-Tor.«
Leser, darf ich hier noch einmal betonen, daß kein königlicher Graben sich den Mauern der Stadt weiter als hundertfünfzig Klafter näherte, weil eben dies die maximale Reichweite der feindlichen Musketen war und die Königlichen der vordersten Linie derweise ihrem Feuer entgingen. Diese Stellung war bei den königlichen Armeen die Regel seit der unglücklichen Belagerung der Stadt Montauban, wo der vorderste Graben zu nahe am Feind gegraben worden war und eine hugenottische Kugel von den Wällen herab den Herzog von Maine in den Kopf traf und auf der Stelle tötete.
Zwischen den Rochelaisern und uns erstreckte sich also eine breite Zone, die weder ihnen noch uns gehörte und die sie nicht gerade zu Ausfällen ermutigte, weil sie dieses Niemandsland erst ungedeckt hätten überwinden müssen, ehe sie uns angreifen konnten.
Auf diesem neutralen, aber dem feindlichen Feuer ausgesetzten Gelände ließ Toiras am Aschermittwoch aberwitzigerweise seine Hundemeute zur Hasenhatz los. Der Kardinal war über diese Tollkühnheit empört und redete mit Toiras vierzehn Tage kein Wort.
Doch zurück zu unserem Schmuggler und seinen Enthüllungen über das Maubec-Tor, das seiner Ansicht nach der schwächste Punkt der Festung war. Hinter diesem Tor, erklärte er in seinem gebrochenen Französisch, erstreckten sich die einstigen Salzfelder, auf denen er früher gearbeitet hatte, und die, seit die Stadt sie aufgegeben hatte, versumpft waren. Doch waren deshalb die kleinen Pfade nicht ganz versunken, die sich noch immer wie Gitter durch das Gelände der kleinen Salzteiche zogen, die jeweils nur an die fünf Klafter im Quadrat maßen. Diese Pfade, erklärte Bartolocci, konnte man noch begehen, ohne im Sumpf zu versinken. Sie bildeten aber ein wahres Labyrinth, in |224|dem man sich auskennen müsse, um zu den Stadtmauern zu gelangen, ohne daß man in die Irre lief. Und weil die Rochelaiser es für ausgeschlossen hielten, daß die Königlichen sich durch diesen Irrgarten jemals bis zum Maubec-Tor hindurchfinden könnten, bewachten sie es nur nachlässig. Das ermöglichte es den ehemaligen Salzarbeitern, sich bei Nacht bis an die Mauer neben dem Maubec-Tor zu schleichen und ihre kleinen Geschäfte mit den Belagerten zu betreiben, die ihrerseits verwegen genug waren, dem Strick zu trotzen und, wie der Koch der Herzogin von Rohan gesagt hatte, »lieber hängen wollten als verhungern«.
»Bartolocci«, sagte Richelieu eifrig, »wenn ich recht verstehe, ist das Maubec-Tor nur zu erreichen, wenn man von einem Salzarbeiter geführt wird.«
»Certamente, Vostra Eminenza.«
»Gut, bist du bereit, einer solchen Expedition als Führer zu dienen?«
»Ma certo!« sagte Bartolocci. »Ma sì, Vostra Eminenza! Ma sì, per l’amor di Dio!«1
»Schön, dann sollst du begnadigt werden und deinen Passierschein erhalten«, sagte der Kardinal. »Aber bevor es so weit ist, wirst du mit einem meiner Offiziere erst einmal in tiefer Dunkelheit einen Erkundungsgang zum Maubec-Tor unternehmen.«
Hierauf schlug Bartolocci sonderbarerweise die Augen nieder und blieb stumm. Was sollte das heißen, fragte ich mich, eine solche Begeisterung, uns bei dem Sturmangriff zu führen, aber eine so große Zurückhaltung, wenn es sich nur um einen Erkundungsgang handelte, der doch weit weniger gefährlich war?
»Nun, Bartolocci?« fragte Richelieu, indem er ihm streng in die Augen blickte, und sein scharfer Ton ließ klar erkennen, daß der Pakt null und nichtig wäre, wenn der Mann sich weigerte.
»Vostra Eminenza«, sagte Bartolocci, »wenn ich die ricognizione del terreno2 mache, gebt Ihr mir dann la grazia e il salvacondotto?«
»Ja, sicher«, sagte Richelieu.
|225|Bartolocci hob den Kopf und richtete einen Blick auf den Kardinal, der so frank und frei wie möglich wirken sollte.
»Allora«, sagte er, »sono d’accordo per la ricognizione, Vostra Eminenza.«1
»Charpentier«, sagte der Kardinal, der die unerquickliche Unterredung rasch beenden wollte, »begleite den Signor Bartolocci hinaus.«
Als die Tür sich hinter dem Schmuggler geschlossen hatte, seufzte er auf.
»Es ist bedauerlich«, sagte er, »aber Krieg und Politik zwingen einen manchmal, Werkzeuge zu benutzen, die man nur sehr widerstrebend zur Hand nimmt. Dieser Salzarbeiter flößte mir ungefähr so viel Vertrauen ein wie eine Giftschlange. Trotzdem kann es sein, daß er die Wahrheit sagt und daß wir diesen Weg erforschen sollten. Ich möchte mit der Sache nur keinen Offizier der Königlichen Armeen betrauen. Sie sind tapfer, gewiß, aber sie wollen mit ihren Heldentaten prahlen, und, wie Ihr verstehen werdet, ist in dieser Angelegenheit Geheimhaltung das oberste Gebot. Meine Herren, wißt Ihr jemanden Verläßlichen, der diese Geländeerkundung übernehmen könnte?«
»Wir, zum Beispiel!« sagte Pater Joseph, der den Kardinal so gut kannte, daß er seine Gedanken erriet, bevor sie ausgesprochen waren.
»Warum nicht?« sagte Monsieur de Guron.
»Ja, warum nicht?« sagte ich.
»Meine Herren, ich danke Euch«, sagte Richelieu. »Wer von Euch würde sich für diese Aufgabe zur Verfügung stellen?«
Drei Hände fuhren in die Höhe. Richelieu faßte einen nach dem anderen von uns ins Auge. Dann senkte er die Lider, dachte kurz nach und blickte wieder auf.
»Ich wähle Monsieur d’Orbieu«, sagte er. »Er ist von Euch dreien der Jüngste.«
Was unausgesprochen besagte, daß Pater Joseph zu zart und Monsieur de Guron ob seines Gewichts und seines Bauches zu unbeweglich waren. So geschah es, daß ich zum erstenmal, seit ich dem König diente, von den diplomatischen Missionen, die mein eigentliches Gebiet waren, zu einer militärischen wechselte.