Mein Vater wollte mich am nächsten Tag nicht zum König und zum Kardinal begleiten. Die Schlichtung zwischen den Marschällen sei meine Aufgabe gewesen, sagte er, und mir allein obliege es, dem Herrscher und seinem Minister vom Ergebnis meiner Bemühungen Bericht zu erstatten. Als ich ihm für seine Hilfe in dieser heiklen Angelegenheit dankte, wehrte er großmütig ab, er habe dabei nur das fünfte Rad am Wagen gespielt, ohne ihn hätte ich die Sache genauso gut gemacht.
Am meisten betrübt über die väterliche Entscheidung war sicherlich der Chevalier de La Surie, weil er zu gern noch einmal den König gesehen, vor allem aber seinen Blick auf sich gefühlt hätte, so als wüchsen ihm, wenn der Gesalbte des Herrn sein Auge auf ihm ruhen ließ, besondere Ehre und Würde zu.
Beim Frühstück nun, das wir an diesem Morgen später und daher gemeinsam mit Madame de Brézolles einnahmen, kündigte mein Vater ihr nach tausend Danksagungen für die genossene Gastfreundschaft an, daß er nach Nantes weiterreisen wolle, um meine Halbbrüder, Pierre und Olivier de Siorac, zu besuchen.
Zu meiner großen Überraschung und Betrübnis sagte Madame de Brézolles hierauf, sie wäre meinem Vater überaus verbunden, wenn ihre Karosse sich der seinen bis Nantes anschließen dürfte. Derweise wäre sie auf den Landstraßen durch seine starke Eskorte geschützt, denn am Ort brächte sie eine solche jetzt keinesfalls zusammen, weil alle gesunden Männer für die Belagerung eingezogen seien. Der Marquis de Siorac willigte ein, und ich hatte einige Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, wie bestürzt ich über die plötzliche und unerklärliche Abreise von Madame de Brézolles war, vor allem aber über ihre unerwartete Art, diese mitzuteilen, denn ich fand, daß ich in Anbetracht unserer Zärtlichkeiten darauf ein Vorrecht gehabt hätte.
Doch dies war nicht der Moment, sich vor so vielen Zeugen auseinanderzusetzen, und so machte ich mich, nur von Nicolas begleitet, unter schwarzem Himmel und bei kaltem Nieselregen |94|ziemlich niedergedrückt auf den Weg nach Aytré. Dort hörte ich, daß der König nach Coureille aufgebrochen war, um die dortigen Arbeiten zu inspizieren. Seine Abwesenheit verdroß mich jedoch nicht, im Gegenteil, sie lieferte mir eine gute Entschuldigung, zuerst Richelieu aufzusuchen und ihm nicht nur Bericht zu erstatten, sondern auch die beunruhigenden Worte Bassompierres mitzuteilen, mochte er sie Ludwig dann weitersagen oder nicht.
Als ich den Kardinal das erstemal in Pont de Pierre besucht hatte, war sein Haus – mit der so schönen und von ihm doch so wenig gewürdigten Aussicht – nur von den fünfzig Wachsoldaten umgeben gewesen, die er auf Geheiß des Königs im September 1626 hatte rekrutieren müssen, um sich vor Mordanschlägen zu schützen.
Nun waren der Kardinalsgarde nicht weniger als dreihundert Königliche Musketiere hinzugesellt, und nach ihren mißtrauischen und wachsamen Mienen zu schließen waren sie jede Minute auf einen Überfall gefaßt. Dreimal, an drei aufeinanderfolgenden Sperren, verlangten sie unsere Passierscheine, bevor wir Richelieus Haus betreten durften. Und auf dem Rückweg erfuhr ich von Nicolas, daß er auf dem Weg zum Pferdestall von Kopf bis Fuß durchsucht worden war, ebenso die Sattelbäume unserer Tiere.
»So sind eben Soldaten!« sagte Nicolas. »Entweder sie tun zu wenig, oder sie tun zuviel.«
»Nicolas«, sagte ich mit gespieltem Ernst, »du kannst dich drauf verlassen, daß ich einem gewissen Hauptmann der Musketiere dein ketzerisches Wort wiederholen werde.«
»Von ihm habe ich es doch«, sagte Nicolas.
Ich lachte, und er lachte, und beide freuten wir uns unseres guten Einvernehmens. Das einzige, was mich dabei zwickte, war der Gedanke, daß Nicolas mich eines Tages, und eines sehr baldigen Tages, verlassen würde, um zu den Musketieren des Königs zu gehen, wo ihm unter der Führung seines Bruders sicherlich die schöne Karriere winkte, die er ob seiner Tugenden verdiente. Aber wie würde ich ihm dann nachtrauern, und wo fände ich je einen zweiten Nicolas!
Später erfuhr ich den Grund der erhöhten Wachsamkeit um Richelieus Haus. Der Kardinal unterhielt etliche Spitzel, um die Rochelaiser auszuspionieren, und einige dieser Schlauberger |95|hatten den Rochelaisern weisgemacht, daß sie für sie spionierten. Derweise ins Vertrauen gezogen, hatten sie erkundet, daß an der Küste vor Pont de Pierre demnächst drei- bis vierhundert englische Soldaten mit ihren Galioten oder Pinassen bei Nacht und Nebel landen würden, um die Wachen des Kardinals zu überrumpeln und den Kardinal zu entführen.
Während ich wartete, bis Richelieu mich vorließe, plauderte ich mit Charpentier, den ich seit dem fehlgeschlagenen Hinterhalt von Fleury en Bière liebte und schätzte.
»Ach, Herr Graf!« sagte Charpentier, als ich ihn nach dem Ergehen des Kardinals fragte, »es geht ihm so gut, wie es einem Gottesgeschöpf gehen kann, das nicht von früh bis spät, sondern von einer Frühe bis zur nächsten arbeitet.«
»Schläft er denn nie?«
»Drei, vier Stunden dann und wann, die er seiner ungeheuerlichen Fron abzwackt. Wißt Ihr, was Malherbe gerade über ihn geschrieben hat?«
»Nein.«
»Es ist ein Gedicht, das so beginnt: ›Große Seele, den großen Werken ohn’ Unterlaß ergeben.‹«
»Ist Malherbe etwa hier?«
»Er ist vorgestern eingetroffen und scheut keine Mühe. Er, der so langsam schreibt, hat bereits zwei Gedichte verfaßt, eins an den König gerichtet, das andere an den Kardinal.«
»Und was sagt er dem König?«
»›Nimm deine Blitze, Ludwig, und versetz wie ein Löwe dem letzten Haupt der Rebellion den letzten Schlag.‹ Um Vergebung, Herr Graf, weiter weiß ich nicht.«
»Schön«, sagte ich, »das sind gut gebaute Verse. Und wie geht es unserem Dichter in seiner leiblichen Hülle?«
»Leider noch schlechter als dem Doktor Héroard, dem es gar nicht gut geht. Ihr wißt ja, das Feldlager ist der reinste Morast und kein gesegneter Ort für so alte Herren. Wenn ich mich nicht täusche, ist Malherbe über siebzig und Doktor Héroard siebenundsiebzig. Sie säßen besser in Pantoffeln am heimischen Feuer und tränken Kräutertee.«
»Mein Freund«, sagte ich, »könntet Ihr mir die beiden Gedichte aufschreiben? Ich möchte sie auswendig lernen, damit ich sie später meinen Kindern und Enkeln hersagen kann.«
Merkwürdig, dachte ich, daß ich hier von meinen Kindern |96|und Enkeln sprach, obwohl ich nicht einmal verheiratet war. »Mit dreißig Jahren!« pflegte mein Vater bei solcher Gelegenheit auszurufen, ohne höflicherweise jedoch mehr hinzuzufügen. Aber sein »Mit dreißig Jahren!« lag mir auf der Seele, mehr allerdings noch der tausendmal vernommene väterliche Grundsatz: »Die erste Pflicht eines Edelmannes ist es, seine Nachkommenschaft zu sichern.«
Charpentier willigte in meine Bitte ein.
»Wißt Ihr, Herr Graf«, fuhr er fort, »daß Malherbe nicht der einzige große Mann ist, den wir hier haben?«
»Charpentier, laßt mich nicht rätseln! Frisch, nennt ihn mir!«
»Descartes.«
»Descartes? Wer ist Descartes?«
»Glaubt man denen, die ihn sprechen hörten, ist er der neue Aristoteles.«
»Und was hat er geschrieben, das diesen wunderbaren Titel rechtfertigt?«
»Veröffentlicht hat er noch nichts.«
»Das ist mir ja ganz was Neues«, rief ich lachend, »daß der Ruhm vor dem Werke kommt! Und was macht dieser Descartes hier? Ist er Soldat?«
»Ja, aber Soldat ohne Grad, ohne Regiment, ohne Sold und Stellung. Er lebt in einem kleinen Bauernhaus mit einem großen Ofen und einer kleinen Magd, die ihn darüber hinaus erwärmt.«
»Recht so! Der scheint mir ein Philosoph mit gesundem Menschenverstand! Und was macht er, abgesehen von Ofen und Magd?«
»Er denkt. Er treibt sich im Lager umher, betrachtet die Gräben, Forts und Schanzen und interessiert sich für den Deich, der zwischen Coureille und Chef de Baie errichtet werden soll, um die Bucht zu sperren, damit die Engländer La Rochelle nicht mehr von der See aus versorgen können.«
»Ist Euer Descartes denn so etwas wie ein Ingenieur?«
»Nein, das nicht, aber er ist in der Mathematik hochgelehrt. Er sagt, er suche nach Regeln, den menschlichen Geist zu lenken und zu leiten.«
»Oho!« sagte ich, »ein solches Bestreben riecht nach Hölle!«
»Nach Hölle, Herr Graf?«
|97|»Daß die Mathematik ihre eigenen Regeln hat, nun gut! Aber in allen anderen irdischen Wissenschaften beansprucht unsere heilige Kirche die Führung. Ich wiederhole, Euer Descartes riecht nach Schwefel.«
»Nein, nein, Herr Graf. Es heißt sogar, er habe allein kraft seines Denkens einen neuen Gottesbeweis gefunden.«
»Noch schlimmer! Unsere Ultraorthodoxen sind gefährliche Leute, sie werden schreien, daß die Existenz Gottes durch die Offenbarung erwiesen und daß es Anmaßung sei, uns mit unserem armen Menschenverstand daran zu wagen.«
Hierauf konnte Charpentier nicht mehr antworten, weil Monsieur de Lamont ins Vorzimmer trat und meldete, daß Seine Eminenz mich in dem kleinen blauen Kabinett erwarte, wo wir bereits unsere erste Unterredung hatten.
Der Kardinal saß in einem Lehnstuhl, den Kopf an ein Kissen gelehnt, und die Art, in der er bei meinem Eintreten nach einigem Zwinkern die Augen öffnete, verriet, daß er sich ein paar Minuten Schlaf gegönnt hatte. Er war nicht allein. Auf seinem Schoß schlief eine Katze.
Die Katze, weiß wie der Mantel der Karmeliter, schien wie diese dem Schweigegebot geweiht, denn nie hörte man sie miauen oder schnurren. Niemand wußte, wann noch wie ihr die stillschweigende Erlaubnis erteilt worden war, Richelieu auf den Schoß zu springen, wenn er ruhte, und sich dort niederzustrecken, den Kopf aufmerksam und stumm ihrem Herrn zugewandt.
Wie verwundert, diese körperliche Nähe in einem Moment der Schwäche geduldet zu haben, hütete sich der Kardinal allerdings wie vorm Teufel davor, weiterzugehen und sie zu streicheln, seine langen weißen Hände lagen neben ihr, ohne sie zu berühren. Als Richelieu aber die Augen aufschlug, öffnete auch die Katze, einem unfehlbaren Instinkt gehorchend, sogleich die ihren und warf dem einzigen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit einen jener rätselvollen Blicke zu, die ihrer Gattung eigen sind. Doch sowie Richelieu zu sprechen anhob, schloß die Katze wollüstig die Augen, so als bereite ihr die Stimme ihres Herrn dasselbe Vergnügen wie vorher sein regelmäßiger Atem im Schlaf.
Beim ersten Hinsehen war mir der Kardinal abgemagert und hohlwangig erschienen, als er jedoch die Augen öffnete und |98|seine Schultern aufrichtete, strömten in seine Augen, seine Stimme, seinen Körper neue Kräfte.
»Graf«, sagte er, »laßt die Hutschwenke und Kniebeugen! Kommen wir zur Sache.«
Trotzdem vollführte ich meine Begrüßungszeremonie wie gewohnt, denn hätte ich diese, und sei es auf sein Geheiß, unterlassen, wäre der Kardinal pikiert gewesen, das wußte ich. Er erwartete immer die Achtung, die ihm als dem zweiten Mann im Staat gebührte.
Im Staat sage ich, nicht im Reich, denn im Reich kamen die Königinmutter, die Königin und Monsieur gleich nach dem König, dort war Richelieu ein Nichts. Rang und Macht befanden sich nicht auf derselben Seite. Und eben das war, um es klar zu sagen, der Quell all unserer Wirren und Rebellionen. Denn leider gebot der Rang auf keiner Stufe über den Geist, die Kenntnis, den Fleiß, die Erfahrung, den Eifer, welche die Leitung der großen Geschäfte erforderte. Gleichwohl war der Rang empört, daß die Macht in anderen Händen lag, ja daß sie dem Sproß einer niederen Adelsfamilie zugefallen war, dem man höchstenfalls ein lausiges kleines Provinzbistum zubilligte. Und weil der Rang dem König, dem ersten Mann des Reiches, nichts anhaben konnte, nährte er einen blindwütigen, bislang aber ohnmächtigen Haß gegen denjenigen, den man den »Fatzke von Kardinal« nannte, schmiedete gegen ihn Mordpläne, die so dumm erdacht und so kläglich ausgeführt wurden, daß man sie bislang ohne zu große Mühe hatte durchkreuzen können, ohne daß man ihnen jedoch die Basis entziehen konnte, indem man ihre Urheber bestrafte. Wie hätte man denn auch der Königin, Monsieur oder der Königinmutter den Prozeß machen sollen? Der Rang war sakrosankt und selbst für den König so gut wie unantastbar.
»Graf, nehmt Platz«, sagte der Kardinal, »und berichtet mir ohne Umschweife, wie es mit Bassompierre steht.«
Ich öffnete den Mund, und weiter kam ich nicht, denn im selben Moment klopfte es, Richelieu rief gereizt herein, Monsieur de Lamont erschien, und um wegen der Störung einem Tadel des Kardinals vorzubeugen, erhob er sofort die Stimme.
»Seine Majestät, der König!« verkündete er.
Mit einer Behendigkeit, die man von ihm nicht erwartet hätte, schnellte Richelieu gleich einer Feder empor. Durch |99|seine rasche Bewegung fiel die Katze rücklings, drehte sich im Fall, kam mit den Pfoten am Boden auf und rollte sich voll friedlicher Würde unterm Stuhl ihres Herrn zusammen, so daß sie schon verschwunden war, als der König erschien. Unsererseits entboten wir die geziemenden Hutschwenke und Kniefälle, als Ludwig den Raum betrat, gefolgt von einem Lehnstuhl, den ein Diener in das blaue Kabinett trug, das plötzlich viel kleiner wirkte, als Ludwig darin Platz nahm.
»Sire«, sagte Richelieu, »ich glaubte, Ihr wäret in Coureille.«
Der König erklärte, daß er allerdings auf dem Weg dorthin gewesen sei, als er die Meldung erhielt, der Regen habe den Wall, den er besichtigen wollte, beschädigt. Er kehrte um, da meldete ihm ein zweiter Bote, daß ich, weil ich ihn in Aytré nicht angetroffen, mich zum Kardinal begeben hätte. Und weil er ungeduldig war zu erfahren, wie meine Verhandlung mit Bassompierre verlaufen sei, habe er den Weg nach Pont de Pierre genommen.
»Monsieur d’Orbieu ist soeben eingetreten«, sagte Richelieu, »er hat seinen Bericht noch nicht begonnen.«
»Aber zuerst, mein Cousin, muß ich Euch zwei Worte zum Deichbau zwischen Coureille und Chef de Baie sagen, der mir keine Ruhe läßt. Bleibt, Orbieu, ich kenne Eure Verschwiegenheit.«
Ehrlich gestanden, ich hörte nur mit halbem Ohr hin, für so undurchführbar hielt ich diesen Deichbau. Und weil der König schwerkrank gewesen war, richtete ich lieber meine Augen auf ihn, zunächst mit einer gewissen Besorgnis, doch beruhigte ich mich nach und nach. Er war damals sechsundzwanzig Jahre alt, und sein Gesicht hatte noch immer die Rundlichkeiten der Jugend, seine Wangen waren voll und seine Lippen fleischig, man hätte fast von einem Schmollmund sprechen können. Die Nase war gerade, die Augen schwarz, grüblerisch, mißtrauisch, melancholisch, die Stirn wurde von einer Haarsträhne verhüllt, die bis zu den Brauen reichte. Er hatte dichte dunkelbraune Haare, die wellig und in großen Locken auf seine Schultern fielen. Ich fand nicht die Spur einer Falte in seinem Gesicht, aber auch keine Spur von einem Lächeln.
Ludwig wirkte tatsächlich zugleich jünger und ernster, als es seinem Alter entsprach, und dieser Ernst korrigierte für mein |100|Gefühl, was dieses Gesicht durch seine Rundungen und seine scheinbare Sanftmut an Weibischem haben mochte. Scheinbar sage ich, denn wie sein Vater geriet Ludwig leicht in Erregung, und wenn sein Zorn ausbrach, schleuderten seine Augen Blitze, sein Gesicht verzerrte sich, und seine Stimme wurde scharf.
Wenn man ihn so sah, schien er bei guter Gesundheit, und zeitweise war er es auch. Dann jagte er, saß von früh bis spät im Sattel, unempfindlich gegen Wind, Kälte und Regen, trank tüchtig und aß viel. Jedoch litt er unter einer Empfindlichkeit der Gedärme, die ihn immer wieder an den Rand des Todes brachte. Der gute Doktor Héroard, der ihn über alles liebte und ihn behandelte – und ihn nach Ansicht meines Vaters falsch behandelte –, gab ihm Abführmittel, wenn er Durchfall hatte, und ließ ihn bei der leichtesten Erkältung zur Ader. Im übrigen fiel Ludwig des öfteren einer tiefen Schwermut anheim, die vermutlich daher rührte, daß er mit neun Jahren seinen heißgeliebten Vater verloren hatte und danach einer harten, lieblosen Mutter überlassen war, die ihn erniedrigte, verachtete, ihn endlos am Gängelband führen wollte, um die Macht, die sie sosehr liebte und so schlecht ausübte, ganz für sich zu behalten.
Das Thema Deichbau war beendet, und Ludwig wandte sich mit aller Huld mir zu.
»Alsdann, Orbieu«, sagte er, »erzählt von unserem großartigen Bassompierre. Was sagt er? Was will er? Wie weit treibt er die Verwegenheit?«
Ich legte also dem König und seinem Minister einen vollständigen Bericht meines Gesprächs mit Bassompierre ab, nicht ohne von Ludwig ein ums andere Mal unterbrochen zu werden, denn so vorsichtig, argwöhnisch und schweigsam er öffentlich auch war, enthielt er sich, allein mit seinen getreuen Dienern, doch nicht der oft lebhaftesten Entäußerungen. Als ich nun Bassompierres Wunsch wiedergab, eine unabhängige Armee zu haben samt eigener Versorgung, Artillerie und Finanzverwaltung, brach sich Ludwigs Entrüstung Bahn.
»Gedenkt Monsieur de Bassompierre überhaupt noch, sich den Befehlen seines Königs zu fügen, Orbieu?«
»Sire, dazu hat er sich verpflichtet.«
»Welch edle Bereitwilligkeit! Wie sie mich rührt! Wahrhaftig, nie habe ich Ausgefalleneres gehört! Seine eigene Armee! |101|Und was will er noch? Konnetabel werden? Oder Regent von Paris, während ich hier im Schlamassel stecke? Mein Cousin«, wandte er sich an Richelieu, »was denkt Ihr von dem Tollhäusler?«
»Daß er tatsächlich toll geworden ist«, sagte Richelieu, jedoch eher amüsiert als entrüstet, »daß ihm seine Ehe zu Kopf gestiegen ist und daß es sein großer Fehler war, die Prinzessin Conti zu heiraten, die sich für das Höchste im Reich hält. Sie hat ihn angesteckt: In seinen Träumen ist unser Mann wohl schon Vizekönig.«
»Mein Cousin«, sagte Ludwig, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, »was machen wir?«
»Sire, was Ihr beschließt«, sagte Richelieu, indem er sich verneigte.
»Herr Kardinal«, sagte Ludwig voll Ungeduld, »bitte, antwortet. Ich habe nach Eurer Meinung verlangt.«
»Und ich beeile mich, Sire, Euch zufriedenzustellen«, sagte Richelieu. Dabei kreuzte er die Hände über der Brust und verneigte sich mit vollendeter Demut.
Jedoch beeilte sich der Kardinal in keiner Weise, vielmehr verharrte er eine Zeitlang stumm, mit geschlossenen Augen. Und ich wußte, wir würden sogleich einen wohlformulierten kleinen Vortrag hören, der das Für und das Wider erwägen, das eine wie das andere klug und bis ins einzelne begründen würde, ohne die Umstände noch die Folgen außer acht zu lassen, und der zum Schluß dem König die freie Wahl lassen würde, sich für die beste Lösung zu entscheiden – und diese würde auch diejenige sein, der sein Minister, ohne es irgend betont zu haben, den Vorzug gab.
»Sire«, sagte Richelieu, »nehmen wir primo an, Ihr akzeptiert Bassompierres ausgefallenen Wunsch, und nehmen wir secundo an, daß Ihr ihn abschlagt. Welches wären im jeweiligen Fall die Vorteile und die Unzuträglichkeiten?«
»Fahrt fort, mein Cousin«, sagte Ludwig und setzte sich mit aufmerksamer Miene im Lehnstuhl zurecht.
»Primo, wir genehmigen Bassompierre eine angeblich unabhängige Armee. Welchen Schaden hätte dabei Eure Majestät? Keinen. Denn Bassompierres Regimenter sind die Euren, Sire. Die Obersten dieser Regimenter, Sire, habt Ihr ernannt. Bassompierre bekommt die Kanonen, gut, aber Ihr, Sire, liefert |102|die Kugeln. Er bekommt die Finanzen, aber woher kommt das Geld? Ebenfalls von Euch. Steht zu vermuten, daß Bassompierre unter diesen Bedingungen gegen Eure Majestät rebellieren und Ihr übel mitspielen wird?«
Hier schwieg Richelieu, die Augen mit einer solchen Ergebenheit auf den König gerichtet, als meinte er, seine vorgebrachten Gründe könnten nur dann etwas taugen, wenn sein Gebieter sie für tauglich hielte.
»Fahrt fort, mein Cousin«, sagte der König.
»Secundo«, fuhr Richelieu fort, »wir verweigern Bassompierre eine unabhängige Armee. Dann ersucht er um seinen Abschied, und da wir ihm ersteres abgeschlagen haben, können wir das zweite nicht auch ablehnen, also genehmigen wir es. Unser Mann kehrt zurück nach Paris, um fern unseren Augen und Ohren angeblich den ›Bürger zu spielen‹, in Wahrheit aber, um sich in den Netzen und Hexereien der diabolischen Reifröcke zu sielen. Und während wir uns hier am Ende der Welt mit dieser Belagerung abplagen, finden unsere teuren Freunde, der Herzog von Lothringen, der Herzog von Savoyen und der deutsche Kaiser, die sich seit Beginn der Belagerung gegen Eure Majestät verschworen haben und Euch in Eurer Abwesenheit zu gerne ein wenig Land rauben würden, vielleicht ein Mittel, Bassompierre in ihre Dienste zu nehmen und ihm Soldaten, Waffen und Geld zu geben, damit er an unseren Grenzen ein wenig Unheil anrichtet, vielleicht sogar in Paris.«
»Ich überlege es mir«, sagte Ludwig, der für mein Gefühl seine Wahl bereits getroffen hatte. »Monsieur d’Orbieu, habt Ihr Eurem Bericht noch etwas hinzuzufügen?«
Und nachdem Richelieu zugleich mit dem König auch mich überzeugt hatte, daß es gefährlich wäre, Bassompierre ziehen zu lassen, zögerte ich nicht mehr, den letzten Ausspruch Bassompierres wiederzugeben, den ich anfänglich nur dem Kardinal hatte mitteilen wollen.
»Sire«, sagte ich, »als mein Vater den Marschall beim Abschied fragte, wie er über die Belagerung denke, antwortete dieser mit einer Witzelei.«
»Was hat er gesagt?« fragte der König argwöhnisch.
»Sire, seine Worte lauteten: ›Ihr werdet sehen, wir werden so verrückt sein, La Rochelle einzunehmen.‹«
Der König wurde bleich.
|103|»So spricht ein Verräter!« rief er aus.
»Oder ein Frondeur«, sagte Richelieu lächelnd. »Sire, Ihr kennt die Lust des Marschalls an Bonmots und Paradoxien, und seien sie auch zweifelhaften Geschmacks. Wenn Ihr erlaubt, Sire, mich dazu zu äußern: Bewahrt diese kleine Frechheit in Eurem Gedächtnis und haltet sie zu passender Gelegenheit parat.«
»Worauf Ihr Euch verlassen könnt«, sagte Ludwig.
***
Mir blieb also nur noch, Bassompierre zu vermelden, daß er gewonnenes Spiel hatte und daß der König seinen Forderungen zustimmte. Ihn schien diese erstaunliche Nachricht weniger zu befriedigen, als man erwarten durfte, und ich fragte mich, ob eine Ablehnung ihm nicht sogar lieber gewesen wäre. Wahrscheinlich hatte die Vorstellung nicht viel Verlockendes für ihn, zu einem Sieg beizutragen, der dem König und dem Kardinal zum Ruhm gereichen und somit die Partei schwächen würde, der er sich verschrieben hatte.
Die kühle Distanz, die er mir gegenüber wahrte, entmutigte mich, ihn vor der Gefahr, die er lief, zu warnen. Bassompierre, das spürte ich, war hinfort taub für jede Stimme, die nicht wie seine Sirenen sang. Und ich befürchtete, daß die Kabale in Zukunft nicht einmal nach der Niederwerfung La Rochelles zum Schweigen kommen würde.
Nicolas, der in einem windigen Stall gefroren hatte, war froh, mit mir den Rückweg anzutreten. Es fiel der gleiche kalte Regen, der uns seit unserer Ankunft hier ein beinahe steter Begleiter war. Der Himmel, wenn man überhaupt von Himmel sprechen konnte, war eine einzige finstere, tiefhängende Decke ohne jeglichen lichten Spalt, fast bezweifelte man, daß es noch eine Sonne gab. Aber, du sollst wissen, Leser, daß die Landschaft in mir noch viel finsterer aussah. Alles Licht war daraus gewichen, seit ich – und auf wie unerwartete Weise! – erfahren hatte, daß Madame de Brézolles am folgenden Tag nach Nantes reisen würde. An dem Verdruß und Kummer, den ich empfand, merkte ich erst, wie stark sich mein Gefühl – in einer so kurzen Zeit – an sie gebunden hatte, während ich bislang glaubte, es handele sich um eine jener Liebeleien, wie mein Vater |104|deren viele in seinen Memoiren erzählt hat, um ein Reiseabenteuer, das mit dem Aufenthalt endet und nicht mehr hinterläßt als eine zärtliche Erinnerung dann und wann, begleitet von einem sehnsüchtigen kleinen Stechen.
Nicolas trabte an meiner Seite, ohne die Zähne auseinanderzubringen. Sein untrügliches Taktgefühl sagte ihm, daß er mich besser nicht in meinen Gedanken störte. Die bevorstehende Abreise von Madame de Brézolles konnte auch ihm nicht entgangen sein, und sei es durch die Stallknechte, welche die Kutsche ihrer Herrin reisefertig machten, die Pferde neu beschlugen, abgenutzte Achsen und Räder auswechselten, wie es vor einer langen Reise üblich ist.
Das Abendessen war köstlich, ich konnte es aber nicht recht genießen. Sowenig mir danach zumute war, gab ich mir doch alle Mühe, munter zu plaudern, doch mein Vater erwiderte meine Bälle nur schwunglos. Er liebte mich sehr, mehr als seine legitimen Kinder, und es bedrückte ihn, mich zu verlassen, zumal er, wie ich später durch La Surie erfuhr, sich nicht allzu gut fühlte und – da die Belagerung lange zu währen drohte – sich nicht sicher war, ob er mich jemals wiedersähe.
Am besten von uns dreien hatte sich Madame de Brézolles in der Hand. Und vielleicht hätte ich sie der Kälte geziehen, hätte ich nicht bemerkt, wie ihre Ohrgehänge von Zeit zu Zeit vor innerer Bewegung leise klirrten, während ihr schönes Gesicht ruhig und heiter blieb. Nach dem Essen lehnte mein Vater den abendlichen Tee im kleinen Salon ab unter dem Vorwand, müde zu sein, und nach einem leisen Wink von ihm tat La Surie es ihm gleich, so daß ich mit Madame de Brézolles allein blieb.
»Mein Freund«, sagte sie sanft, »ich sehe wohl, daß Ihr mir gram seid, und ich verstehe den Grund. Ich hatte Euch mit keinem Wort gesagt, daß ich mich dringlichst nach Nantes begeben muß. Als Ihr zu meinem großen Glück in dies Haus kamt, wußte ich aber noch nicht, wie ich dies bewerkstelligen sollte, weil ich wegen der Belagerung keine ausreichende Eskorte für die lange und gefährliche Reise zusammenbekam. Als nun Euer Herr Vater sagte, daß er nach Nantes weiterreisen wolle, ergriff ich, rasch entschlossen, wie ich bin, die so wunderbare und unverhoffte Gelegenheit beim Schopfe, ohne zu bedenken, |105|daß ich zuerst Euch hätte unterrichten und das Warum meines Aufbruchs erklären müssen.«
»Madame«, sagte ich ernst, »Ihr habt mich so großmütig in Eurem Hause aufgenommen und mir so viele Zeichen Eurer Wertschätzung gegeben, daß es ungehörig von mir wäre, Euch Vorwürfe zu machen, die Ihr nicht verdient, und vor allem Euch Erklärungen über die Dringlichkeit Eurer Reise abzuverlangen.«
»Wertschätzung«, sagte Madame de Brézolles mit einem zugleich zärtlichen und neckenden kleinen Lächeln, »ist nicht ganz das Wort, mit dem ich meine Empfindungen für Euch benennen würde, obgleich Wertschätzung darin ihren Platz hat. Was aber die Erklärungen angeht, die Ihr nicht von mir verlangt, so will ich sie Euch trotzdem geben: Ich besitze in Nantes ein Haus, von meinem Mann her. Dort wohne ich für gewöhnlich und komme nach Saint-Jean-des-Sables nur für den Sommer. Nach dem Tod meines Mannes fiel mir zufällig unser Ehekontrakt in die Hände, den ja mein Vater unterschrieben hatte und nicht ich, wie es unsere ärgerlichen Bräuche verlangen. Beim Lesen nun entdeckte ich eine so ausgefuchste, so schändliche Klausel, nach der mir beim Tod von Monsieur de Brézolles das Haus in Nantes verlorengehen und an meine Schwiegerfamilie zurückfallen könnte. Sofort schrieb ich dem Gericht von Nantes, um gegen diese Ungerechtigkeit einzuschreiten. Aber bekanntlich hat in solchen Fällen immer der Abwesende das größte Unrecht, mit Richtern redet man eben leider am besten unter vier Augen und, wenn ich so sagen darf, von einer Hand in die andere.«
»Madame, ich danke Euch. Endlich verstehe ich, warum es Euch drängt, nach Nantes zu kommen. Aber, darf ich Euch noch eine Frage stellen? Ich bin in unseren Gesetzen ein wenig bewandert, und wenn Ihr mir sagen wolltet, um was für eine Klausel es sich handelt, könnte ich Euch vielleicht helfen.«
»Mein Freund«, sagte Madame de Brézolles und seufzte, »vergebt, aber ich mag von diesem Kontrakt nicht weiter reden. Wir würden dadurch in einen Sumpf geraten, der uns zuviel Zeit rauben würde, und die uns verbleibenden Stunden sind so knapp bemessen und kostbar, daß man sie liebenswerteren Dingen widmen sollte.«
Damit erhob sie sich.
|106|»In einer Viertelstunde, mein Freund«, sagte sie mit leiser, bebender Stimme, »bin ich in meinem Himmelbett und hoffe, Ihr kommt.«
Sie entfernte sich mit ihrem schwingenden Reifrock, wohl wissend, daß meine Augen ihr folgen würden, bis sie schräg, ihr weites Gewand mit beiden Händen raffend, durch die Tür des Salons verschwände. Diese ihre Geste fesselte mich jedesmal ob ihrer unendlichen Anmut, und wie hätte ich sie dieses letzte Mal versäumen können, so bekümmert und betrübt ich auch war.
Mir aus den Augen nun, war sie mir doch nicht aus dem Sinn. Ich blieb in großer Verwirrung zurück. Nicht, daß ich den ernstlichen Anlaß ihrer Reise bezweifelte: Ehekontrakte konnten bis ins kleinste Komma so heimtückisch sein und die daraus folgenden Erbstreitigkeiten so langwierig, daß der Casus, in dem Madame de Brézolles sich befand, nur allzu häufig war. Auch wußte ich ja nach dem günstigen Handel, den sie mit mir eingegangen war, daß sie ihre Interessen wachsam im Auge hatte und in einem Fall wie diesem sicherlich mit Zähnen und Klauen kämpfen würde.
Etwas verstört war ich aber, daß sie mir, wenn auch auf das liebenswürdigste, jede Erklärung der sie bedrohenden Klausel verweigert hatte. Mir wäre es natürlicher erschienen, wenn sie sich mir eröffnet hätte, da diese ihr so sehr am Herzen lag, und außer daß ihre Weigerung etwas Abweisendes hatte, konnte ich auch den Grund dieser Heimlichtuerei nicht verstehen.
Erst später, sehr viel später, als ich diese Klausel endlich kennenlernte wie auch andere, noch gewichtigere Dinge, die Madame de Brézolles mir bei ihrer Abreise verschwieg, begriff ich, wie klug sie damit gehandelt hatte, denn hätte ich alles gleich erfahren, hätte ich ihr Handeln womöglich so mißverstanden, daß ich sie aus meinem Herzen verbannt hätte.
Wie jedem Mann hatte man auch mich von Kind auf gelehrt, daß es meinem Geschlecht nicht anstehe zu weinen, und dieses Verbot hat sich mir so tief eingegraben, daß ich nicht weinen kann, selbst wenn mir danach zumute ist. Damit sind aber die Tränen nicht aus der Welt, sie stocken nur in meiner Kehle, anstatt in die Augen zu steigen. Und dort in der Kehle drücken und peinigen sie mich nicht weniger, als wenn sie über meine Wangen strömten. In dieser letzten Nacht jedenfalls, die ich |107|mit Madame de Brézolles verbrachte, fühlte ich sie mehr als einmal wie eine schmerzende Zwinge in meiner Brust.
Es ist sonderbar, daß man sich traurig im Bett vergnügen kann, und doch taten wir es, denn es ist nun einmal so, daß der Kopf seine Logik hat und der Körper eine andere. Nicht, daß unsere Wonnen dadurch geringer gewesen wären, aber wenn zwischen zwei Stürmen Windstille eintrat, hingen wir beide stumm dem Gedanken nach, daß wir unser kleines Paradies nun auf gewiß lange Zeit verloren. Lautlos weinte Madame de Brézolles, und, die Kehle schrecklich zusammengepreßt, trocknete ich ihre Tränen.
Wir liebten dieses Bett. Durch seine rosigen Vorhänge, Seide auf einer Seite, Taft auf der anderen, schimmerte das flackernde Kerzenlicht, so daß ich das schöne Gesicht an meiner Seite sehen konnte und diesen weiblichen Körper, »so weich, süß, glatt und lieblich«, wie es bei Villon heißt.
Wie immer, und erst recht an diesem Abend, gab uns der Betthimmel das Gefühl, vor einer Welt der Finsternis geborgen zu sein, wie auf hochgehenden Meereswogen von einer Art Arche Noah getragen, in der wir das einzige Paar waren, dem der Allmächtige den Auftrag erteilt hatte, die Erde neu zu bevölkern, wenn die Wasser der Sintflut sich zurückgezogen hätten.
Als ich mich am nächsten Morgen mit Lucs Hilfe ankleidete, klopfte es an meiner Tür, und ich wußte, um diese Stunde konnte es niemand anders sein als mein Vater.
»Mein Sohn«, sagte er, nachdem ich Luc hinausgeschickt hatte, »darf ich Euch etwas sehr Vertrauliches fragen?«
Ich willigte ein.
»Nur will ich Euch nicht zu nahe treten«, fuhr er fort, »Ihr müßt mir nicht antworten, wenn Ihr nicht wollt.«
»Bitte, fragt nur, Herr Vater«, sagte ich lächelnd.
»Mein Sohn«, begann er nach einem Schweigen erneut, »empfindet Ihr etwas für Madame de Brézolles?«
»Ich denke«, sagte ich, »so könnte man es nennen.«
»Dann ist es gegenseitig: Die Dame ist von Euch völlig eingenommen.«
»Herr Vater, woher wißt Ihr das?« sagte ich. »Benimmt sie sich so unvorsichtig?«
»Bei Tisch – ob mittags, ob abends – vermeidet sie jeden Blick auf Euch.«
|108|»Und das nennt Ihr einen Beweis?«
»Genauso, als wenn sie Euch nicht aus den Augen ließe: Ihre Furcht, sich zu verraten, verrät sie.«
»Ein hübsches Wortspiel, Herr Vater. Das müßt Ihr Miroul sagen.«
Hierauf lachten wir, und damit löste sich die Spannung, die diesem Gespräch innegewohnt hatte.
»Ich verhehle Euch nicht«, fuhr mein Vater fort, »daß ich von Madame de Brézolles die beste Meinung habe.«
»Ich auch.«
»Wißt Ihr, weshalb sie nach Nantes reist?«
»Um die Erbschaft ihres seligen Gemahls zu verteidigen, die ihr die Schwiegerfamilie streitig macht.«
»Sie wird sie bestens verteidigen«, sagte mein Vater, »sie hat einen ebenso wachen Kopf, wie ihr Herz empfindsam ist.«
Hierauf antwortete ich nicht.
»Mißfällt Euch, was ich eben sagte?« fragte mein Vater.
»Nein, Herr Vater. Mir mißfällt nichts, was zum Lob von Madame de Brézolles spricht.«
Ich blickte meinem Vater mit all der Liebe in die Augen, die ich für ihn empfand, und verlegte mich auf einen scherzenden Ton.
»Herr Vater, mir scheint, ich täte Euch kein Unrecht, wenn ich sagte, Ihr wäret entzückt, wenn Madame de Brézolles Eure Schwiegertochter würde? Warum eigentlich auch nicht? Sie ist jung, schön, wohlgeboren, hat, um Euch zu zitieren, einen ebenso wachen Kopf, wie ihr Herz empfindsam ist. Und wenn ich es richtig sehe, ist sie auch ohne das Erbe ihres Gemahls nicht arm.«
»Ihr auch nicht. Und Ihr habt die Huld des Königs und Hoffnung auf ein Herzogtum. Einer wie der andere seid Ihr eine sehr gute Partie. Was also hält Euch ab?«
»Das Was ist ein jemand: Madame de Brézolles. Sie sagt, sie will mich erst heiraten, wenn sie sich gewiß ist, daß ich sie genügend liebe.«
»Was soll das heißen?« fragte mein Vater.
»Daß sie vorsichtig ist, und was mich betrifft, so will auch ich nichts übereilen. Für mich ist dies ein ganz neues Gefühl. Ich möchte ihm Zeit lassen, zu wachsen und zu reifen.«
Damit sagte ich nichts, was ich nicht dachte, und doch war |109|es nur die Hälfte der Wahrheit. Denn ich wollte auch und vor allem Aufklärung von ihr über ein, zwei Dinge, die sie mir verheimlichte und deren Unkenntnis mich hinderte, ihr jenes vollkommene Vertrauen zu schenken, das eine wachsende Liebe braucht.
Madame de Brézolles nahm in ihrer Kutsche nur Monsieur de Vignevieille und zwei Kammerzofen mit, und unser Abschied war so höflich, daß auch der findigste Jesuit nichts dabei hätte argwöhnen können. Mit meinem Vater, mit La Surie gab es innige Umarmungen, Worte, wie man sie beim Abschied sagt, gezwungenes Lächeln, gespielte Munterkeit. Margot machte mir, bevor sie in die väterliche Karosse stieg, eine tiefe Reverenz, und ich tätschelte ihre frischen Wangen, aber ohne sie abzuküssen, mein Vater war eifersüchtig auf sein Liebchen.
Außer seinen beiden Soldaten Pissebœuf und Poussevent und seinem Kutscher Lachaise hatte mein Vater fünfzehn Schweizer gedungen, welche die beiden Kutschen, den Karren mit dem Gepäck und den Waffen und die nachfolgenden vier Zugpferde begleiteten, denn es war sein eiserner Grundsatz, daß ein Pferd am Tag nicht über zwölf Meilen im Gespann gehen dürfe, ohne abgelöst zu werden, und wenn der Weg schlecht oder bergig war, sogar weniger als zwölf Meilen.
Das Tor wurde von meinen Schweizern geöffnet, die zu beiden Seiten der gepflasterten Allee ein Ehrenspalier gebildet hatten, der Zug setzte sich in Bewegung, und aus fast allen Fenstern des Schlosses schauten Diener, Lakaien und Kammerfrauen, und einige weinten aus Angst vor den Gefahren, denen ihre Herrin unterwegs begegnen mochte, so gut beschützt sie auch war.
»Nun denn, Herr Graf«, sagte Nicolas, um mich meiner Trübsal zu entreißen, »jetzt sind wir beide allein.«
»Wieso ›beide‹, Nicolas? Hast du unter den Zofen hier kein Schätzchen?«
»Das ist es ja, Herr Graf, sie sitzt mit in der Kutsche nach Nantes.«
»Wie schade für dich und für die Ärmste. Hast du dich an die Verhütungsregeln gehalten, die ich dir anriet?«
»Das habe ich.«
»Zum Glück! Denn es wäre schlimm für das Mädchen, |110|wenn Euer vergnügter Umgang ihr eine Schwangerschaft bescherte.«
Und das brachte mich auf Madame de Brézolles zurück, die doch aus eigenem und ausdrücklichem Willen besagte Maßnahmen abgelehnt hatte, weil sie von mir Mutter werden wollte, ohne daß sie verlangte, ich solle sie heiraten. Und wieder sann ich über dieses merkwürdige Verhalten nach und konnte es nicht begreifen.
»Nicolas, liebst du die Kleine?« fragte ich ihn, weil ich sein schönes Gesicht ganz bekümmert sah.
»Sehr!« sagte er. »Sie fehlt mir schon jetzt. Es ist das erstemal, daß mein Herz im Spiel ist, nicht nur das leidige Tier. Aber was soll ich nun machen?« setzte er halb ernst, halb scherzend hinzu, »weinen?«
»Bewahre, Nicolas! Geh, sattle unsere Rösser! Ein tüchtiger Trab nach Aytré wird uns guttun, und vielleicht gibt uns der König einen neuen Auftrag, der unsere Tage ausfüllt. Die Tränen heben wir uns auf für die Nächte.«
Aber das war pure Großmäuligkeit. In der Nacht nach der Abreise meiner Gastgeberin konnte ich nicht schlafen, meine Gedanken kamen nicht los von Madame de Brézolles und bereiteten mir große Pein.
***
Wie bedauerlich, daß der Kardinal, der doch sonst an alles dachte, es versäumt hatte, einen Historiographen mit ins Lager zu bringen. Der hätte den Bau des berühmten Deiches genau festhalten müssen, der zwischen den Kliffen von Coureille und Chef de Baie errichtet wurde, um die Bucht zu schließen und zu verhindern, daß englische Flotten mit Hilfsgütern in den Hafen von La Rochelle einliefen und die Rochelaiser versorgten. Der Gedanke dabei war, die Umzingelung der Mauern durch das Meer hindurch fortzusetzen, so daß die rebellische Stadt vollständig eingeschlossen und durch Aushungern zur Aufgabe gezwungen würde.
Gewiß hatten wir einen Malherbe am Ort, aber Malherbe gebrauchte seine schöne Rhetorik nur, um den König, die Königin, die Königinmutter, den Kardinal und sogar die Prinzessin Conti in Versen zu feiern. Dem Beispiel Homers folgend, der in der Ilias die Belagerung Trojas besang, hätte unser Hofdichter |111|es unter seiner Würde erachtet, kriegerische Ereignisse in nüchterner Prosa zu berichten, und sei es den Bau dieses pharaonischen Deiches, der die Bewunderung Europas erntete und an dem Tausende Tag und Nacht arbeiteten.
In Ermangelung eines Historiographen, oder wenigstens eines Malherbe, der sich dazu bereit gefunden hätte, bleibt sogar das Datum zweifelhaft, an dem die ersten Feldsteine in den Schlick der Bucht versenkt wurden. Die einen sagen, der Deich wurde im Dezember 1627 begonnen und vier Monate später, im März 1628, fertiggestellt. Andere, die meiner Erinnerung gemäß der Wahrheit näher kommen, versichern, es sei im November 1627 gewesen, als der erste Arbeiter die erste Kiepe Steine in die Bucht schüttete. Ohne ein halbes Jahr darauf ganz beendet zu sein, war der Deich im Mai aber bereits stark genug, eine erste englische Expedition zum Scheitern zu bringen.
An jenem Morgen, nachdem mein Vater und Madame de Brézolles abgereist waren, begab ich mich wie jeden Tag nach Aytré zum Lever des Königs und fand ihn zu Bett. Er litt an einer Erkältung, hatte aber, Gott sei Dank, kein Fieber, wie ihm Doktor Héroard versicherte, der gerade den königlichen Puls genommen hatte, als ich die Balustrade durchschritt.
»Sire«, sagte Héroard, »Ihr müßt zwei Tage Bettruhe halten.«
»Wollt Ihr mich auch auf Diät setzen?« fragte Ludwig voll Unbehagen, denn wie alle Bourbonen aß er gerne.
»Nein, nein, Sire. Fleisch nährt das Blut, und das Blut heilt die Erkältung. Sire, wart Ihr auf dem Nachtstuhl?«
»Berlinghen, zeig!« sagte Ludwig.
Berlinghen zeigte, und Héroard machte zufriedene Miene wie ein Magister, der einem Schüler eine gute Note gibt.
»Schön, schön. Sehr gut, Sire!« sagte er und nickte beifällig mit dem Kopf.
Und Ludwig schien erleichtert, daß er diesmal keine Abführtränke oder Klistiere zu fürchten hatte, mit denen Héroard so verschwenderisch war.
»Trotzdem«, sagte er mißmutig, »mir läuft die Nase.«
»Laßt laufen, Sire, laßt laufen«, sagte Héroard ernst. »Das ist gut: Sie reinigt sich von selbst.«
»Wer kriegt hier auch keinen Schnupfen?« sagte Ludwig verdrossen. »Nichts als Regen, Wind und Kälte.«
|112|»Sire, daran ist der Ozean schuld. Dafür ist es hier im Sommer nie zu heiß.«
»Ah, Sioac!« sagte der König. »Da bist du endlich!«
»Sire, ich bitte tausendmal um Vergebung für meine Verspätung. Der Marquis de Siorac ist heute morgen nach Nantes abgereist.«
Für nichts hatte Ludwig so viel Verständnis wie für die Liebe eines Sohnes zu seinem Vater.
»Dir ist verziehen, Sioac«, sagte er, »deinem Vater zuliebe. Und gebe der Himmel, daß er dir noch lange erhalten bleibt, gesund und munter, wie ich ihn hier sah.«
»Möge der Himmel Euch erhören, Sire!« sagte ich, nicht ohne Bewegung.
»Sioac«, fuhr der König fort, »ich konnte gestern und kann auch heute nicht zum Deich. Geh du nach Chef de Baie und sieh, ob es vorwärts geht mit den Arbeiten, und dann sage mir, was du von dem Deich hältst. Ich habe so meine Zweifel.«
»Darf ich fragen, Sire, ob Eure Zweifel den Fortgang der Arbeiten betreffen oder den Deich selbst?«
»Den Deich selbst. Die Idee eines Deiches scheint mir an sich gut«, sagte Ludwig. »Aber ich fürchte, der erste große Sturm wird Mühen und Geld zunichte machen, die wir da hineinstecken.«
»Sire, ich stehe Euch ergebenst zu Gebote. Jedoch bin ich weder Seemann noch Ingenieur, noch Baumeister.«
»Aber du hast eine gute Nase, Sioac, deine Ansichten waren mir immer nützlich. Geh nach Chef de Baie, Schomberg wird dir die Arbeiten zeigen.«
Damit entließ er mich, und obwohl es sehr schmeichelhaft war, aus dem Mund eines so leidenschaftlichen Jägers zu hören, daß ich eine gute Nase hätte, dünkte mich dieser Auftrag, außer daß er meine Einsichten überstieg, äußerst delikat. Jeder im Feldlager wußte, daß der Kardinal, weit mehr als der König, fest an diesen Deich glaubte und daß er meinte, jede Unternehmung, und erscheine sie anfangs noch so schwierig, werde gelingen, sofern man sie nur mit Überzeugung, Tatkraft und Beständigkeit betreibe. Was auch immer meine »gute Nase« also über die Haltbarkeit des Deiches befände, ich durfte mir sicher sein, daß es dem einen gefallen und dem anderen mißfallen würde.
|113|Der hünenhafte Schomberg empfing mich in Coureille mit offenen Armen, die er zu meinem Leidwesen so fest um mich schloß, daß ich kaum Luft bekam, wobei er mir auch noch freundschaftlich auf den Rücken klopfte. Nachdem er Nicolas das gleiche Los bereitet hatte, der unter solchen Zärtlichkeiten ums Haar aufgeschrien hätte, lud uns Schomberg zu Tisch, zu einer dampfenden, duftenden Hammelkeule, die er sogleich aufzuschneiden begann.
In dem Moment führte der Wachhabende Nicolas’ älteren Bruder herein, den Hauptmann de Clérac, der einen Befehl des Königs überbrachte. Er als einziger entging der Umarmung des Marschalls, weil der zu sehr mit seiner Hammelkeule beschäftigt war und ihn anwies, sich ohne Umstände zu uns zu setzen. Dann forderte Schomberg uns auf, ihm der hierarchischen Ordnung gemäß unsere Näpfe zu reichen, zuerst ich, dann Hauptmann de Clérac und zum Schluß der Junker Nicolas, der aber trotzdem nicht zu kurz kam.
Die ersten Bissen und die ersten Schlucke Loire-Wein wurden in Schweigen eingenommen, schließlich mußten wir zuvorderst dem armen Tier genügen, doch als der erste Hunger gestillt war – was nicht heißt, daß wir den zweiten übergingen –, fanden wir zur artikulierten Sprache zurück, wie sie dem Menschen eigen ist.
»Ah, Clérac!« sagte Schomberg, »was führt Euch her?«
»Herr Marschall«, sagte Clérac, »ich bringe zwei Botschaften Seiner Majestät, eine schriftliche für Euch und eine mündliche für den Herrn Grafen von Orbieu.«
»Wenn Ihr erlaubt, Graf«, sagte Schomberg, »sehen wir uns zuerst den Brief des Königs an.«
Obwohl Clérac zur Linken des Marschalls saß und er ihm das Schreiben nur hätte zu übergeben brauchen, stand er auf, nahm Hab-acht-Stellung ein und hielt Schomberg, indem er salutierte, den königlichen Brief am ausgestreckten Arm entgegen. Danach blieb er stehen in Erwartung eines Befehls.
»Zum Teufel, setzt Euch, Clérac!« sagte Schomberg, der es gleichwohl mißbilligt hätte, wenn der Hauptmann dem König und ihm zu Ehren nicht aufgestanden wäre.
Clérac lockerte und setzte sich, rührte aber seine Mahlzeit nicht an, vielmehr blickte er ergeben auf Schomberg, der mit zugleich wichtiger und besorgter Miene das königliche Siegel |114|erbrach. Einen Brief von Ludwig öffnete man nie ohne Furcht, denn er tadelte öfter, als er lobte.
Doch sowie Schomberg gelesen hatte, erglänzte sein Gesicht in heller Freude.
»Meine Herren, hört, was der König mir schreibt!« sagte er in nahezu triumphierendem Ton. »Er fragt mich, ob die Armee von Chef de Baie gestern vom Herzog von Angoulême oder von mir befehligt wurde.«
Hierauf lachte Schomberg aus vollem Hals, während wir einander verständnislos anblickten.
»Und wer, meine Herren, hat gestern die Armee von Chef de Baie befehligt?« fuhr Schomberg lachend fort. »Wer anders, meine Herren, als der Herzog von Angoulême?«
Clérac, Nicolas und ich wechselten verwunderte Blicke, wobei wir halb lächelten, um den Herrn des Hauses nicht zu verletzen, verstanden aber noch immer nicht.
»Herr Marschall«, sagte ich, »was ist denn gestern in Chef de Baie passiert, daß der König wissen will, wer dort den Befehl führte?«
»Ach, das wißt Ihr nicht?« rief Schomberg. »Dann werd ich’s Euch sagen, es ist kein Geheimnis. Noch vor heute abend wird die Geschichte im ganzen Lager herum sein. Gestern, bei anbrechender Dunkelheit, machten die Rochelaiser einen Ausfall. Sie haben uns überrumpelt, haben zwei Kompanien über den Haufen gerannt, an die zehn Mann gefangengenommen und, was das schlimmste ist, fünf oder sechs Ochsen gekapert, die zwischen den Gräben grasten. Was das schlimmste ist, sage ich, denn als gute Hugenotten und Geschäftsleute werden die Rochelaiser uns gegen Lösegeld die Unseren zurückgeben, aber nicht die Ochsen. Die haben sie sowieso schon geschlachtet. Heute morgen führten sie vor unseren Augen große Ochsenseiten fröhlich auf ihren Wällen spazieren. Armer Angoulême!« schloß er. »Beinahe tut er mir leid! Graf, was, glaubt ihr, wird Ludwig mit ihm machen? Ihn nach Hause schicken?«
»Das kann er nicht, Herr Marschall! Wenn er ihn nach Paris schickte, wären die diabolischen Reifröcke nur allzu glücklich, einen Prinzen von Geblüt zu rekrutieren. Der Herzog wird, denke ich, mit einem scharfen Tadel und der königlichen Nichtachtung davonkommen.«
»Der königlichen Nichtachtung?« sagte Schomberg, ohne |115|seine Enttäuschung zu verhehlen, denn offenbar hatte er mit dem Schlimmsten gerechnet. »Nichtachtung? Was ist das schon? Nichtachtung für ein so schweres Vergehen wie mangelnde Wachsamkeit vor dem Feind?«
»Oh, Herr Marschall! Die wird dem Herzog das Leben nicht leicht machen! Zehn bis vierzehn Tage wird Ludwig kein Wort an ihn richten, ihm keinen Blick zuwenden! Und wagt der Unglückliche ihn anzusprechen, wird er tun, als sei er Luft. Derart geschnitten, wird unser armer Angoulême tief gedemütigt vor dem ganzen Hof dastehen.«
»Das trefft Ihr gut, Graf! Seid Ihr schon einmal geschnitten worden?«
»Ja, aber es war sozusagen nur ein Schnittchen! Es dauerte einen Tag. Der Kardinal, der mich für unschuldig hielt, trat für mich ein, und am nächsten Tag schenkte der König mir wieder Auge, Ohr und Gnade.«
Schomberg steckte sich den Brief Seiner Majestät in den Wamsärmel, dann legte er sich, Unverständliches grummelnd, zwei Scheiben Lamm vor und malmte sie, als helfe ihm dies über seine Enttäuschung hinweg. Niemand wagte einen Ton zu sagen, und ich wunderte mich im stillen, wie schwer Schomberg noch an der halben Straflosigkeit Angoulêmes zu tragen schien, oder an dem Rückschlag, den seine Armee erlitten hatte. Denn auch wenn er sie nur jeden zweiten Tag befehligte, blieb es trotzdem die seine. Und auch wenn der Erfolg der Rochelaiser gering war, stärkte er doch ihre Kampfkraft und Siegessicherheit.
Nachdem Schomberg seinen zweiten Hunger gestillt hatte, vom zweiten Durst ganz zu schweigen, überwand er seine Stummheit, sein gutmütiges Naturell gewann die Oberhand, und er versuchte, die Dinge weniger leidenschaftlich zu betrachten.
»Natürlich hat der Herzog seine Vorzüge«, sagte er. »Er ist tapfer und versteht sich auf den Krieg, wenn auch so, wie Henri Quatre ihn verstand: tollkühne Kavallerieangriffe gegen die Piken der feindlichen Infanterie. Aber für eine Belagerung ist er ungeeignet. Er ist so leichtfertig, unbekümmert, so ohne Methode und ernstes Bemühen, daß die Soldaten es spüren und auch nachlassen. Und jedesmal, wenn ich an die Reihe komme, muß ich als erstes die Disziplin wieder herstellen und somit die Wachsamkeit.«
|116|Nach diesem Tribut an die Gerechtigkeit, der zugleich seiner durchaus legitimen Selbstachtung Genüge tat, erheiterte sich Schomberg, sprach freudig Essen und Trinken zu und wandte sich schließlich in seiner jovialen Art an den Musketierhauptmann.
»Alsdann, Clérac, wo bleibt deine mündliche Botschaft für Graf von Orbieu? Hast du sie verschluckt? Oder ist sie nur für die Ohren des Grafen bestimmt?«
»Nein, Herr Marschall, es ist keine geheime Botschaft«, sagte Clérac. »Sie betrifft meinen Bruder Nicolas. Der König hatte ursprünglich beschlossen, daß er Ende dieses Monats bei den Musketieren eintreten solle. Weil es dem Herrn Grafen von Orbieu aber schwerfallen würde, mitten im Krieg einen neuen Junker zu finden, stellt der König es ihm frei, Nicolas bis zum Ende der Belagerung zu behalten, wenn er es wünscht.«
»Das käme mir sehr gelegen«, sagte ich, »wenn du einverstanden bist, Nicolas.«
»Wie sollte ich es nicht sein, Herr Graf?« sagte Nicolas, und sein schönes, junges Gesicht errötete vor Freude.
»Also, Ende gut, alles gut«, sagte Schomberg, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, die Dinge hätten sich für Angoulême anders gewendet. »Graf«, fuhr er fort, indem er sich erhob, »wenn Ihr den Deich noch besichtigen wollt, laßt uns aufbrechen, denn in diesen frostigen Monaten geht die Sonne zeitig unter, falls sie überhaupt zum Vorschein kommt.