Kapitel
13
Von der Liebe
José Dolores Pimienta würde auf der Klarinette spielen, und sie, Cecilia, für ihn singen und tanzen. José Dolores Pimienta würde, müde vom Nähen so vieler fremder Anzüge, in der Abenddämmerung nach Hause kommen, doch sie, Cecilia, ganz in Weiß, im Haar eine Blume, würde in der Tür stehen und ihn erwarten. Wo würde das Haus stehen? Auf den Hügeln von Belén? Zwischen den Bäumen vor den Toren der Stadt? An einer Bucht in Manglar? Oder nahe dem offenen Meer, an das sie sich des Nachts setzen würden? Eine Liebe, eine große Liebe musste für ihn, José Dolores Pimienta, ein Trost, eine stille Zweisamkeit sein, ein kleiner, bescheidener, magischer Raum, frei von dem Schrecken und den Erniedrigungen um ihn herum. Weil eine große Liebe, sagte er sich, ausgehen musste von einem Gleichgewicht zwischen den Gefühlen zweier Menschen, die in einer selben Erstarrung verharrten, geächtet von einer selben Welt, gebrandmarkt von einem ungerechten Fluch, Gefühlen, die Komplizen und mithin Feinde einer selben Geschichte wären.
Ein Fest, ein Spaziergang am Strand, eine Plauderrunde mit Freunden. Und sie beide stets scheinbar den anderen nah, doch unerreichbar und unverwundbar, unlöslich verbunden, zu zweit selbst inmitten der Menge, an jenem Ort weilend, den zu betreten nur den Liebenden vergönnt ist. Eine Liebe, eine große Liebe, was war sie, wenn nicht die Wonne, die man in jeder mit dem geliebten Menschen geteilten Minute auskosten, zur Ruhe bringen oder wiederholen konnte? Das Glück, sich gemeinsam an den Tisch zu setzen, die Freude, am Leben zu sein und sich zu umarmen, die Lust, einer im anderen zu leben. Weil eine Liebe, gerade wenn sie groß ist, nur kleine Ansprüche und erfüllbare Sehnsüchte hegt. Was kümmerte sie die Welt mit ihrem Ehrgeiz und Wahnsinn, den Palästen, Juwelen und Reisen, wenn sie sich des märchenhaften Schatzes einer einzigen, erwiderten Zuneigung erfreuen können würden. Nichts käme dem Reichtum und der Erfüllung gleich, einander zu überfluten, zu erforschen und zu ergänzen.
Kinder würden kommen, Enkel; sie würden alt werden. Sie würden sich daran erinnern (und immer wieder erzählen), wie sie sich kennenlernten, wie es war, als sie sich das erste Mal liebten. So würde es immer bleiben, selbst mit ihren Blicken würden sie einander beistehen. Weil eine Liebe, eine große Liebe nicht nur ein Abenteuer sein konnte, sie musste Beständigkeit und Hingabe sein, gemeinsame Befriedigung, Ruhe, Hoffnung und Aufopferung.
Vor dem weiten Panorama der Einsamkeit und der Verzweiflung, des Ehrgeizes und des Verbrechens würden sie mit ihrer Leidenschaft eine Mauer errichten, in deren kühlem Schatten sie gemeinsam leben und sterben würden.
So dachte José Dolores Pimienta, und sein Blick suchte seine geliebte Cecilia, doch die war, an Leonardos Arm, in einen weniger hell erleuchteten Teil des Salons entschwunden.