Kapitel 40
Heute Abend kommen die Anrufe wie jeden Abend.
Wir haben Vollmond. Menschen wollen sterben: wegen schlechter Noten in der Schule. Wegen Streitigkeiten in der Familie. Wegen Problemen mit Freunden. Wegen ihrer schäbigen kleinen Jobs. Und ich versuche unterdessen, aus zwei gemopsten Kalbsschnitzeln Schmetterlingsschnitzel zu machen.
Leute rufen von weither an, und die Vermittlung fragt, ob ich die Gebühren für ein R-Gespräch, für den Hilferuf irgendeines Menschen übernehmen möchte.
Heute Abend teste ich eine neue Methode, Lachs en croûte zu essen, eine sexy Drehung des Handgelenks, ein kleiner Schwenker für meine Arbeitgeber, mit dem sie auf der nächsten Dinnerparty die anderen Gäste beeindrucken können. Ein Salonkunststückchen. Bei Gesellschaftstänzen gibt es schließlich auch eine Etikette. Ich erfinde einen kleinen imponierenden Trick, mit dem man sich Sahnezwiebeln in den Mund befördern kann. Ich entwickle gerade eine narrensichere Technik, mit der man möglichst viel Salbeisahne vom Teller wischen kann, als wieder einmal das Telefon klingelt.
Ein Junge ruft an und sagt, dass er in Algebra II durchfällt.
Nur um nicht aus der Übung zu kommen, sage ich: Bring dich um.
Eine Frau ruft an und sagt, dass ihre Kinder sich nicht benehmen können.
Ich rate ihr, ohne zu zögern: Bring dich um.
Ein Mann ruft an und sagt, dass sein Auto nicht anspringt.
Bring dich um.
Eine Frau ruft an und fragt, um wie viel Uhr der Spätfilm anfängt.
Bring dich um.
»Ist dort nicht die 555-1327?«, fragt sie. »Ich spreche doch mit dem Moorehouse-Kinozentrum?«
Ich sage: Bring dich um. Bring dich um. Bring dich um.
Ein Mädchen ruft an und fragt: »Tut es sehr weh, wenn man stirbt?«
Ja, Schätzchen, sage ich, ja, aber das Leben tut noch sehr viel mehr weh.
»War nur so eine Frage«, sagt sie. »Vorige Woche hat sich mein Bruder umgebracht.«
Das muss Fertility Hollis sein. Ich frage sie, wie alt ihr Bruder war. Ich verstelle meine Stimme, spreche tiefer und hoffe dabei, dass sie mich nicht erkennt.
»Vierundzwanzig«, sagt sie. Kein Schluchzen, gar nichts. Hört sich nicht einmal besonders traurig an.
Ihre Stimme erinnert mich an ihren Mund erinnert mich an ihren Atem erinnert mich an ihre Brüste.
Erster Brief an die Korinther, Kapitel sechs, Vers achtzehn:
»Fliehet der Hurerei! … wer aber hurt, der sündigt an seinem eigenen Leibe.«
Mit meiner veränderten, tieferen Stimme frage ich sie, was sie denkt.
»Der Zeitpunkt wäre günstig«, sagt sie. »Aber ich weiß nicht so recht. Das Frühjahrssemester ist fast vorbei, und ich hasse meinen Job. Bald läuft der Mietvertrag für meine Wohnung ab. Nächste Woche muss ich die Zulassung für mein Auto erneuern. Falls ich mich jemals umbringen will, wäre jetzt jedenfalls genau der richtige Zeitpunkt.«
Es gibt eine Menge gute Gründe, am Leben zu bleiben, sage ich und hoffe, dass sie mich nicht bittet, ihr die alle aufzuzählen. Ich frage, ob sie jemanden hat, mit dem sie die Trauer um ihren Bruder teilen kann. Gibt es nicht vielleicht einen guten Freund ihres Bruders, der ihr helfen könnte, mit dem Schmerz fertig zu werden?
»Nicht direkt.«
Ich frage, ob denn sonst niemand am Grab ihres Bruders war.
»Niemand.«
Ich frage: Wirklich niemand? Niemand sonst hat Blumen auf das Grab gelegt? Kein einziger Freund?
»Nein.«
Ich muss ja einen tollen Eindruck auf sie gemacht haben.
»Nein«, sagt sie. »Das heißt – da war doch jemand, ein ziemlich verrückter Typ.«
Großartig. Verrückt bin ich also.
Ich frage, wie sie das meint. Verrückt?
»Können Sie sich an diese Sekte da erinnern, diese Leute, die sich alle umgebracht haben?«, fragt sie. »War vor sieben oder acht Jahren. Die ganze Stadt hat sich in der Kirche versammelt, und dann haben sie alle Gift geschluckt. Das FBI hat sie alle tot aufgefunden, Hand in Hand haben sie dagelegen. Der Typ hat mich irgendwie daran erinnert. Nicht wegen seiner altmodischen Kleidung, sondern wegen seiner Frisur. Sah aus, als hätte er sich die Haare mit verbundenen Augen selbst geschnitten.«
Die Sache hat vor zehn Jahren stattgefunden. Und am liebsten würde ich jetzt auflegen.
Zweites Buch der Chronik, Kapitel einundzwanzig, Vers neunzehn:
»… ging sein Eingeweide von ihm …«
»Hallo?«, sagt sie. »Niemand mehr dran?«
Doch, sage ich. Sonst noch was?
»Nein, sonst nichts«, sagt sie. »Bloß dass der Typ mit einem großen Blumenstrauß an der Grabnische meines Bruders war.«
Sehen Sie, sage ich. Genau so einen lieben Freund brauche sie jetzt in dieser schweren Zeit.
»Find ich nicht«, sagt sie.
Ich frage sie, ob sie verheiratet ist.
»Nein.«
Ob sie einen festen Freund hat.
»Nein.«
Dann machen Sie sich mit diesem Typen bekannt, sage ich. Beide haben Sie einen Freund verloren, und das sollte Sie einander näher bringen. Das könne für sie der große Durchbruch in Liebesdingen sein.
»Das glaube ich kaum«, sagt sie. »Erstens haben Sie den Typ nicht gesehen. Irgendwie hab ich mich schon immer gefragt, ob mein Bruder nicht homosexuell ist, und dieser verrückte Typ mit seinen Blumen hat meinen Verdacht da nur bestätigt. Außerdem war er nicht gerade attraktiv.«
Klagelieder, Kapitel zwei, Vers elf:
»… dass mir mein Leib davon wehe tut; meine Leber ist auf die Erde ausgeschüttet …«
Vielleicht ginge es ja, wenn er sich eine bessere Frisur zulegt?, sage ich. Sie könnten ihn dabei doch beraten. Oder ihm sogar selbst die Haare schneiden.
»Das würde wohl nichts bringen«, sagt sie. »Der Typ ist echt ziemlich hässlich. Außer der schrecklichen Frisur hat er auch noch Koteletten, die ihm fast bist zu den Mundwinkeln reichen. Aber nicht so wie bei manchen Männern, die ihre Gesichtsbehaarung so einsetzen wie Frauen ihr Make-up, Sie wissen schon, um das Doppelkinn zu kaschieren oder damit man nicht sieht, dass sie keine Wangenknochen haben. Der Typ ist jedenfalls komplett hässlich, da kann man also nichts verschönern. Außerdem ist er ja schwul.«
Erster Brief an die Korinther, Kapitel elf, Vers vierzehn:
»Oder lehrt euch auch nicht die Natur, dass es einem Manne Unehre ist, so er das Haar lang wachsen lässt …?«
Ich sage, sie habe keinen Beweis dafür, dass er Sodomit sei.
»Was für einen Beweis hätten Sie denn gern?«
Fragen Sie ihn, sage ich zu ihr. Ob sie ihn denn überhaupt nicht wieder sehen wolle?
»Na ja«, sagt sie. »Ich habe ihm gesagt, dass wir uns nächste Woche ja wieder an der Grabnische treffen können. Aber ich weiß nicht so recht. Irgendwie habe ich das nicht ganz ernst gemeint. Eigentlich habe ich das nur gesagt, um ihn loszuwerden. Weil er so ein hilfloser Waschlappen war. Er ist mir eine ganze Stunde lang in dem Mausoleum nachgelaufen.«
Aber sie müsse trotzdem hingehen, sage ich ihr. Sie habe es ihm ja wohl versprochen. Denken Sie an den armen toten Trevor, Ihren Bruder. Was würde Trevor davon halten, wenn sie seinen einzigen Freund so versetzen würde?
»Woher kennen Sie seinen Namen?«, fragt sie.
Wessen Namen?
»Den von meinem Bruder. Trevor. Sie haben seinen Namen genannt.«
Den müsse sie vorhin erwähnt haben, sage ich. Ja, gerade eben noch habe sie ihn erwähnt. Trevor. Vierundzwanzig. Hat sich vorige Woche umgebracht. Homosexuell. Möglicherweise. Hatte einen heimlichen Geliebten, der sich jetzt verzweifelt danach sehnt, sich an ihrer Schulter auszuweinen.
»Das haben Sie alles mitgekriegt? Sie sind wirklich ein guter Zuhörer«, sagt sie. »Ich bin beeindruckt. Wie sehen eigentlich Sie aus?«
Hässlich, sage ich. Abscheulich. Hässliche Frisur. Hässliche Vergangenheit. Mein Aussehen werde ihr ganz bestimmt nicht gefallen.
Ich frage nach dem Freund ihres Bruders, dem mutmaßlichen Geliebten, dem Witwer: Ob sie sich nächste Woche wie versprochen mit ihm treffen werde?
»Keine Ahnung«, sagt sie. »Vielleicht. Aber gut, ich treffe mich nächste Woche mit diesem Spinner, wenn Sie mir jetzt einen Gefallen tun.«
Bedenken Sie eines, sage ich. Sie haben die Chance, einem einsamen Menschen zu helfen. Die perfekte Chance, einem Mann, der sich verzweifelt nach Ihrer Liebe sehnt, Liebe zu schenken und eine helfende Hand zu reichen.
»Ich scheiße auf Liebe«, sagt sie, und senkt die Stimme so tief, dass sie wie meine klingt. »Sagen Sie was, das mich anmacht.«
Ich verstehe nicht, was sie damit meint.
»Sie wissen genau, was ich damit meine«, sagt sie.
Genesis, Kapitel drei, Vers zwölf:
»Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.«
Hören Sie, sage ich. Ich bin hier nicht allein. Hier sind überall freiwillige Helfer um mich herum.
»Tu es«, sagt sie. »Leck mir die Titten.«
Ich sage, sie wolle offenbar mein angeborenes hilfsbereites Wesen ausnutzen. Ich sage, dass ich jetzt auflegen muss.
»Küss mich«, sagt sie. »Überall.«
Ich sage, ich lege jetzt auf.
»Fester«, sagt sie. »Mach schon. Fester, ah, mach es mir«, sagt sie und lacht: »Leck mich. Leck mich. Leck mich. Leck mich.«
Ich sage, ich lege jetzt auf. Tue es aber nicht.
»Du willst mich doch auch«, sagt Fertility. »Sag mir, was ich mit dir machen soll. Du willst es doch. Lass mich was ganz Schlimmes machen.«
Und bevor ich mich verkrümeln kann, stößt Fertility Hollis einen wilden Orgasmusschrei aus, der einer Pornokönigin würdig gewesen wäre.
Ich lege auf.
Erster Brief an Thimoteus, Kapitel fünf, Vers fünfzehn:
»Denn es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach.«
Ich fühle mich elend und missbraucht, schmutzig und gedemütigt. Schmutzig und benutzt und weggeworfen.
Wieder klingelt das Telefon. Es ist sie. Es kann nur sie sein, also nehme ich nicht ab.
Das Telefon klingelt die ganze Nacht, und ich sitze hier, fühle mich betrogen und wage nicht, den Hörer abzunehmen.