Kapitel 21
Mab war den ganzen Vormittag über mit Aufräumtrupps unterwegs, bis der Park dann am Mittag geöffnet wurde. Sofort strömten die Besucher herein, die meisten in Halloween-Verkleidung, und der Park erwachte zum Leben. Das Dream Cream war gestopft voll, als Mab es betrat. Die Tür zum Lagerraum stand offen; sie ging hinein und fuhr mit den Fingern über die Löcher, die Quentins Kugeln in die Tür geschlagen hatten.
»Wir wären beinahe draufgegangen«, sagte sie zu Cindy, die über ihren Arbeitstisch gebeugt in dem Buch der Zauberin las. »Da sieht man doch manches anders.«
»Sehr gut«, erwiderte Cindy und richtete sich auf. »Vor allem, wenn du dieses Arschloch Fun anders siehst. Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich es genossen habe, ihn mit Rost zu vergiften.« Sie sah Mab scharf an. »Hängst du immer noch an ihm?«
»Nicht direkt«, meinte Mab.
»Nicht die Antwort, die ich hören will«, erwiderte Cindy brüsk. »Wenn man herausfindet, dass einer ’n lügnerischer Dämon ist, lässt man ihn fallen.«
»Na ja, ich bin ihm aber auch dankbar.« Mab zog eine Schüssel mit Schokoraspeln heran und nahm sich eine Handvoll. »Er hat mein Leben ganz neu in Gang gebracht. Er hat mich wirklich glücklich gemacht.«
»Ja, damit er sich davon nähren konnte.« Cindy verschränkte die Arme. »Er hat dich benutzt.«
»Ja, aber er hat mich auch geliebt. Er konnte mich nur nicht sehr lieben. Deswegen war das mit dem Sex auch nie so ganz … obwohl alles … funktionierte. Es ging ihm nicht um mich, sondern um das Glück, dass ich fühlte, aber ich war wirklich glücklich, und …«
Cindy sah sie, warnend den Kopf schüttelnd, an.
»Was ist?«
»Nichts«, winkte Cindy ab und wandte sich wieder ihrem Buch zu. »Also, wie sieht der Plan für heute aus?«
Mab dachte noch immer über Fun nach. »Also, ich habe darüber nachgedacht, und ich finde nicht, dass es ein Kapitalverbrechen ist, wenn er mich so zum Höhepunkt bringt, dass ich fast den Verstand verliere, damit er sich an dem Glück berauschen kann.«
»Also wären wir gestern Nacht beinahe draufgegangen«, sagte Cindy laut. »Wir sollten darüber reden.«
»Was ist los mit dir?«, fragte Mab. »Du bist doch sonst ganz wild darauf, Beziehungskram zu bequatschen.«
»Ich sage ja nur, dass wir beinahe draufgegangen wären«, betonte Cindy und hob die Augenbrauen.
»Wobei ›beinahe‹ das Schlüsselwort ist«, sagte Oliver, und Mab fuhr herum und sah ihn mit einem Topf voll Holzspachtelmasse hinter der Tür stehen, um die Löcher von der Innenseite aus zuzuspachteln.
»Hallo«, stieß Mab hervor und bedachte Cindy mit einem vorwurfsvollen Blick.
Cindy beugte sich zu ihr vor und wisperte: »Ich wollte, dass er hört, wie du sagst, dass du über Fun weg bist, nicht, wie du anfängst, vom Sex zu schwärmen.«
»Na, das hast du mir aber nicht gesagt«, wisperte Mab zurück und wandte sich dann wieder Oliver zu. Vielleicht konnten sie so tun, als wäre er taub … »Also, hat Glenda Ihnen schon gesagt, dass Old Freds Wohnwagen …«
»Bin gestern Abend noch eingezogen«, sagte er, den Blick auf die Tür gerichtet. »Sehr aufmerksam von Ihnen, daran zu denken.«
Cindy stieß ein Schnauben aus.
»Was Interessantes?«, fragte Mab und ging zu ihr, um ihr gegen das Schienbein zu treten.
»Autsch«, stieß Cindy hervor. »Tja, anscheinend machen die Zauberinnen bei der Guardia die Drecksarbeit. Unglaublich, was diese Frau alles für wirklich wahr hält.«
»Na ja, ich bin in den letzten Tagen auch offener für die Wirklichkeit geworden.« Mab blickte mit zusammengekniffenen Augen in das Buch. »Verstehst du Italienisch?«
»Nein«, erwiderte Cindy, »aber ich kann trotzdem das meiste von dem hier lesen. Und Oliver, der Italienisch beherrscht, kann das hier nicht lesen.«
»Magie«, meinte Mab.
»Tja, Drecksarbeit. Aber gute Rezepte.« Cindy richtete sich auf. »Also, wie sieht der Plan für heute Abend aus? Heute Abend ist doch das letzte Mal, oder? Ab morgen ist alles wieder normal, oder?«
»Sicher«, erwiderte Mab. »Als wenn gar nichts passiert wäre. Außer dass ich immer noch schwanger bin und du immer noch Drachen produzierst und Glenda immer noch so tut, als läge Dreamland in Florida, und Weaver immer noch den einzigen grünen Plüschdämon in Gefangenschaft besitzt. Abgesehen davon ist alles vollkommen normal.«
»Ich meinte, keine Dämonen, die uns umbringen wollen«, erwiderte Cindy. »Meine Messlatte dafür, was normal ist, hängt viel niedriger als deine.«
»Eine niedrig hängende Latte tut jedem gut«, meinte Oliver fröhlich und begann, die Löcher auf der anderen Türseite zuzuspachteln.
»Aber wir haben doch einen Plan, oder?«, beharrte Cindy.
»Wir bewachen abwechselnd die Urnen. Weaver hat die erste Schicht, dann Glenda, dann Young Fred, dann Ethan. Du und ich, wir halten das Dream Cream und das Orakel für die Kundschaft offen, und nach Ladenschluss übernehmen wir die letzte Wache.«
»Okay«, meinte Cindy. »Aber ich würde mich viel besser fühlen, wenn wir noch eine Art magischen Supertrick in der Hinterhand hätten.«
»Also, dann lies weiter«, empfahl Mab ihr und machte sich auf den Weg zum Orakelzelt, wobei sie im Vorbeigehen zu Oliver sagte: »Gute Arbeit da an der Tür.«
Er blickte auf, ernst wie immer, wirkte aber ohne die Brille anders. »Wenn man Weaver als Partner hat, dann lernt man’s, Kugellöcher zu stopfen.«
»Kann ich mir vorstellen.« Mab zögerte, überlegte, wie sie sich ausdrücken sollte, ohne dumm zu klingen. »Wir sind wirklich sehr froh über Ihre Hilfe, vor allem, wie Sie uns gestern den Arsch gerettet haben. Ich weiß ja, Sie sind nicht dafür, auf Menschen zu schießen …«
»Im Allgemeinen nicht«, erwiderte Oliver. »Aber das ist kein Grundsatz, auf dem ich steif und fest beharre.«
»… und Sie haben am Park auch keine persönlichen Interessen, deswegen sind wir Ihnen doppelt dankbar.«
»Ich habe ein persönliches Interesse«, entgegnete er, weiterspachtelnd.
Cindy schnaubte.
»Ich muss jetzt gehen, das Orakelzelt aufmachen«, verkündete Mab und eilte davon, das Missgeschick verfluchend, das ihr Fun als ihre einzige wahre Liebe beschert hatte, anstatt … nun ja …
Frankie kam auf ihre Schulter herabgeflattert.
»Delpha hatte immer recht, oder?«, fragte sie ihn. »Wenn sie sagt, Joe ist derjenige, dann ist er es, oder?«
Er ruckte mit dem Kopf.
»Vielleicht hat sie sich diesmal geirrt«, meinte Mab und strebte dem Orakelzelt zu.
Die Dunkelheit brach herein, und Kharos wurde immer ungeduldiger. Er war so nahe dran …
Ray kam unter den Bäumen hervor, begleitet von der Regierungsfrau.
»Heute wurde ich den ganzen Tag über auf Trab gehalten«, klagte er, kaum hatte er die Teufelsstatue erreicht.
NATÜRLICH.
Ray blickte über die Schulter zurück. »Bist du sicher, dass alles funktioniert?«
JA.
Ursula hatte ein Klemmbrett in der einen Hand, eine Videokamera in der anderen und einen Beutel über ihrer Schulter hängen. Sie wirkte amtlich und selbstgefällig.
Ray war der Schlauere. Er wirkte unsicher und besorgt.
Auf dem Hauptweg kam Ethan auf sie zu.
BEGINNT JETZT.
Ray ging hinüber zu einem der Standbeine der Teufelsflugkonstruktion und begann hinaufzuklettern.
»Macht es Ihnen was aus, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stelle?«, erkundigte sich Ursula. »Nur für meinen Bericht.«
JA, erwiderte Kharos und konzentrierte sich dann auf Ethan.
Ethan und Weaver erblickten Ursula neben der Teufelsstatue und Rays stämmigen Körper auf halber Höhe an der Teufelsflugkonstruktion.
Weaver rief: »Hey Ursula!«
Ursula wandte sich überrascht um, und Weaver zielte mit Rays großer Pistole auf sie. »Nur eine verdächtige Bewegung«, sagte Weaver drohend, »bitte.«
Ursula stand so reglos wie die Statue, bis plötzlich Beemer aus dem Himmel herabfiel und mit einem absoluten Mangel an aerodynamischer Eleganz auf dem Kopf der Statue landete, sodass Ursula unwillkürlich aufschrie und dann, als sie sah, was er war, die Stirn runzelte.
»Das ist ja ein Plüschdrache«, krächzte sie.
»Nein, nein«, erwiderte Weaver. »Das ist ein kleiner Liebesvogel. Streck die Hand danach aus, und du hast einen Arm weniger.«
Ethan blickte in die Höhe und sah Rays dicken Hintern verschwinden, als er die Spitze der eiffelturmartigen Konstruktion erreicht hatte.
»Weg von der Statue«, befahl Ethan Ursula. »Erschieße sie nicht«, ermahnte er Weaver.
Ursula bewegte sich schlurfend ein paar Schritte zur Seite, Beemer dabei im Blick behaltend, der sie mit zwitschernden Lauten beschimpfte und damit die kleine Minion-Seele in dem Plüsch verriet.
»Ich hab’s!«, schallte Rays Stimme von der Spitze des Teufelsflugs herab.
Ein Paneel an der Rückseite der Statue drehte sich, und Ethan fühlte eine Welle des Bösen über ihn hinwegfegen, als er an Ursula vorbeiging und die Urne herausholte.
Beemers Zwitscherlaute verstärkten sich.
»Da sind Minions unter den Bäumen«, warnte Weaver, die durch ihre Brille die Umgebung prüfte.
»Dann rennen wir«, entschied Ethan und startete zum Hauptweg durch, Weaver hinter ihm, während Ray von der Spitze des Teufelsflugs Flüche hinter ihnen herschrie und mit einer neuen Pistole wirkungslos auf sie schoss. Beemer warf sich von der leeren Teufelsstatue aus in die Luft und schraubte sich dann etwas mühevoll in die Höhe, bis er Ray im Sturzflug angreifen konnte, sodass sie unbehelligt aus seiner Reichweite laufen konnten. Nicht dass Rays Schießkünste ihnen Sorgen bereitet hätten.
Und das war merkwürdig, überlegte Ethan, während er in vollem Lauf dem Turm zustrebte. Schließlich war der Kerl ein Ranger. Er hätte problemlos in der Lage sein müssen, sie abzuschießen.
Glenda und Young Fred warteten auf der anderen Seite der Zugbrücke, und sobald Weaver und Ethan über die Brücke rannten, begannen sie, diese in die Höhe zu ziehen. Kurz bevor sie oben anschlug, kam Beemer durch den Spalt hereingezischt und fiel dann wie ein Sack Kartoffeln auf den Steinboden.
»Damit haben wir den Letzten«, erklärte Ethan und hob Kharos’ Urne hoch.
»Ich würde gern Ray erledigen«, knurrte Weaver, während Beemer an ihr hinaufkletterte und sich auf ihre Schulter setzte, von wo er die Urne unbeeindruckt betrachtete, drachen-cool.
»Schließe sie weg«, bat Glenda und wich einen Schritt zurück.
Ethan rannte die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, und öffnete den Schrank. Er stellte Kharos in die Mitte zwischen die anderen vier Urnen und verschloss dann die Türen. So. Alle beieinander. Der Park war in Sicherheit.
Warum hatte Ray danebengeschossen?
Er kam die Treppe wieder herunter. »Ray ist noch da draußen, mit Ursula. Und ein paar Minions. Der hat irgendwas vor.«
»Kann ich jetzt endlich Ray abschießen?«, fragte Weaver.
Ethan nickte. »Ja, lass uns gehen und ihn uns schnappen. Ihn und Ursula und die Minions.« Er wandte sich den anderen zu. »Schließt hinter uns ab, und lasst niemanden außer Guardia herein.«
»Wir haben’s kapiert«, erwiderte Glenda.
»Okay«, sagte Ethan, aber er war immer noch beunruhigt.
Ray hätte ihn mit Leichtigkeit abschießen können.
Mab hatte das Orakelzelt um sechs Uhr geschlossen und wollte durch den langsam dunkler werdenden Park gehen, da stieß sie auch schon auf Oliver, kaum war sie auf den Hauptweg getreten. Oliver trug wieder seine Brille, was es leichter machte, mit ihm zu reden, aber zugleich auch eine Enttäuschung war.
Du bist ein hoffnungsloser Fall, sagte sie sich. Erst verliebst du dich in einen Dämon und jetzt in einen Regierungsagenten mit scheußlicher Brille, der sich in einen Drachen verwandelt.
»Hallo«, sagte sie und passte sich seinem Schritt an. »Irgendwas zu sehen?«
»Minions. Halten sich noch bedeckt.«
»Wie viele?«
»Vielleicht ein halbes Dutzend bis jetzt. Es könnte natürlich auch ein Paar sein, das von einem Wirt zum nächsten wechselt. Ich glaube, die tun das Gleiche wie wir.«
»Und zwar …?«
»Beobachten«, meinte Oliver. »Den ganzen Tag über ist nichts passiert. Weaver hat angerufen und berichtet, dass sie Kharos’ Urne im Turm eingeschlossen haben. Ohne die Brille würde ich sagen, die Dämonen sind fort.«
»Die warten auf etwas«, vermutete Mab. »Auf Ethans Mitternacht.«
»Ich werde mich erst sicherer fühlen, wenn wir alle im Turm verschanzt sind, zusammen mit diesen verdammten Urnen.«
»Ich nicht unbedingt«, entgegnete Mab. »Aber wenn ich morgen die Sonne aufgehen sehe und niemand, an dem mir was liegt, ums Leben gekommen ist, dann ist das ein guter Tag.«
Oliver blickte auf seine Uhr. »Wir haben noch zwölf Stunden bis Sonnenaufgang. Wir sollten noch einen Pfannkuchen essen.«
Sie wanderten durch den Park, aßen schreckliches Zeug, das nach Sommer schmeckte, und sprachen über Dämonen und Delphie und Geburtsvorsorge. »Sind Sie Arzt?«, fragte Mab. »Komisch, wieso klingt das wie ein Stichwort?« Sie errötete, denn wozu brauchte er bei ihr denn ein Stichwort? Der Mond ging auf, während sie sich unterhielten und dahinwanderten, nach Dämonen Ausschau hielten und näher aneinanderrückten, als es kälter wurde. Die Feuer in den Tonnen entlang des Hauptweges, zusammen mit der orangefarbenen Beleuchtung, verwandelten Dreamland in eine Fantasiehölle, überall Geschrei und Gelächter, Feuer und Pfannkuchen, Liebespärchen und Dämonen.
»Ich liebe diesen Park«, stellte Mab fest, und Frankie krächzte seine Billigung von ihrer Schulter herab.
»Ich weiß«, stimmte Oliver zu. »Er wächst einem ans Herz.« Er lächelte zu ihr hinab, dieses kurze Aufblitzen eines Lächelns, das ihr den Atem raubte, so wie Funs schiefes Grinsen es nie vermocht hatte.
Fun hat mich glücklich gemacht, dachte sie. Oliver macht mich heiß. Und das zum ungünstigsten Zeitpunkt, den es geben kann.
Sieh zu, dass du von ihm wegkommst.
»Ich muss zum Wohnwagen zurück. Frankie braucht … Pistazienkerne.«
Frankie krächzte seine Zustimmung zu diesem Plan.
»Also wir treffen uns dann am Turm«, fuhr sie fort, doch er widersprach: »Nein, Sie sollten nicht allein gehen. Ich begleite Sie.«
»Gut«, erwiderte Mab und versuchte, kühle Gedanken zu hegen, als sie auf die Bäume zuschritten.
Und betete, dass Oliver seine scheußliche Brille aufbehalten würde.
Kharos fühlte, wie sich der Deckel auf seiner Urne löste, und dann …
Dehnung.
Er streckte die Arme aus, als er aus seinem Gefängnis aus Holz und Eisen ausbrach, hob den Kopf und lachte im Wohlgefühl seiner Macht laut auf.
In dem runden Raum oben im Wachturm kauerte vor ihm Young Fred, der Guardia-Verräter.
BEFREIE SIE ALLE, befahl er, und Young Fred beeilte sich, dem nachzukommen: zuerst Vanth, die in blauem Rauch aufstieg, das Gesicht freudestrahlend über ihrem wunderschönen, freien Körper; dann Selvans, kraftvoll, orange, zornig; dann Tura, die sich in blaugrüner Pracht schlängelte und mit dem wunderbaren, langen, muskulösen Schwanz schlug, um frei durch die Luft zu schwimmen; und zum Schluss Fufluns.
Fufluns. Fast zweieinhalb Meter groß – sie alle gewannen mit jedem, der freikam, an Größe und Stärke, und das war der einzige Grund, Fufluns freizulassen, dachte Kharos – goldene Hörner, goldene Augen … und eine Nervensäge.
AHA, AHA, meinte Fufluns. DIE GANZE BANDE BEIEINANDER. Er verschränkte die Arme und starrte verächtlich auf Young Fred hinunter. VERSCHWINDE, DU KRÖTE.
»Ich will doch nur, dass alle frei sind«, wimmerte Young Fred, machte sich aber trotzdem aus dem Staub.
JETZT SIND WIR EINS, erklärte Kharos.
O JA, spottete Fufluns. ICH FÜHLE DIE BANDE.
HEUTE IST HALLOWEEN, fuhr Kharos fort und überhörte das. DER TAG, AN DEM DIE GRENZEN ZWISCHEN UNSERER WELT UND DER WELT DES SEELENVIEHS SCHWACH SIND. HEUTE IST UNSERE MACHT AM GRÖSSTEN. HEUTE NACHT WERDEN WIR DIE WELT BEHERRSCHEN.
DAS IST WUNDERVOLL, LIEBLING, hauchte Vanth, glitt zu ihm hinauf und schlang einen Arm um seine Taille. ENDLICH KÖNNEN WIR WIEDER GLÜCKLICH SEIN.
Sie streckte sich und küsste ihn, und die Wärme ihrer Umarmung, ihr Körper, ihr Mund, es durchströmte ihn, sodass er einen Augenblick den Faden verlor. VANTH …
UND WIE WERDEN WIR DAS BEWERKSTELLIGEN?, erkundigte sich Fufluns.
Kharos wuchs in die Höhe, größer als der Trickspieler-Dämon, immer noch Vanth im Arm haltend. WIR WERDEN DAS HÖLLENTOR ÖFFNEN.
Selvans nickte in grimmiger Zustimmung; Tura lächelte etwas verwirrt, und Fufluns schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
Kharos starrte ihn an. WIR WERDEN DAS HÖLLENTOR ÖFFNEN.
NA FEIN, erwiderte Fufluns. WAS IMMER DICH GLÜCKLICH MACHT.
ES GEHT NICHT DARUM, GLÜCKLICH ZU SEIN, schnarrte Kharos. ES GEHT UM MACHT. SICH AN DEN SEELEN ZU NÄHREN. VON ALL DER VERZWEIFLUNG ZU ZEHREN. SICH AN IHRER HOFFUNGSLOSIGKEIT ZU LABEN. Und als Vanth dabei die Stirn runzelte und sich von ihm löste, fügte er hinzu: WAS IST?
WIR GEHEN DOCH ZURÜCK IN DIE HÖLLE, ODER?, fragte sie.
NEIN, erwiderte Kharos. WIR SCHICKEN DAS SEELENVIEH ZUR HÖLLE. WIR ABER BLEIBEN HIER, WIR BEHERRSCHEN DREAMLAND, FANGEN NOCH MEHR SEELEN EIN, LABEN UNS AN IHRER VERZWEIFLUNG, BIS DIE GANZE WELT UNS GEHÖRT!
STELL DIR DIE HÖLLE WIE EINE RIESIGE GEFRIERTRUHE VOR, sagte Fufluns zu Vanth. ANGEFÜLLT MIT UNGLÜCKLICHEN ABENDESSEN.
Vanth wandte sich bekümmert Kharos zu. ABER WER KÜMMERT SICH DENN DANN UM DIE SEELEN IN DER HÖLLE?
Kharos starrte sie an. WEN SCHERT DAS SCHON? Doch als sie vor ihm zurückschrak, zwang er sich zu einem Lächeln. WIR WERDEN HIER ALLE ZUSAMMEN SEIN. WIR WERDEN HIER ZUSAMMEN HERRSCHEN.
ABER WIR TRAGEN DOCH VERANTWORTUNG, wandte Vanth ein.
WIR TUN, WAS UNS GEFÄLLT!
TJA, GENAUSO IST ES LETZTES MAL AUCH DEN BACH RUNTERGEGANGEN, warf Fufluns ein. DIE LEUTE HÖREN AUF, DICH ANZUBETEN, WENN DU IHNEN NICHTS BIETEST, UND DANN VERLIERST DU DEINE MACHT. GLAUB MIR, DA KENNE ICH MICH AUS.
NA UND?, schnarrte Kharos. ICH BRAUCHE KEINE ANBETER, ICH BRAUCHE NAHRUNG. DIE VERZWEIFLUNG, DIE MIR DAS HÖLLENTOR LIEFERT, MACHT MICH MÄCHTIG ÜBER ALLE MA…
SO VIEL ZU: WIR ALLE ZUSAMMEN, höhnte Fufluns. ES GEHT NUR UM DICH, STIMMT’S?
Kharos betrachtete ihn grollend. Ray erschien ihm von Minute zu Minute annehmbarer.
DANN WERDEN WIR ALSO IN DREAMLAND BLEIBEN?, mischte Tura sich ein. DAS GEFÄLLT MIR. Sie schlug einmal mit dem Schwanz, schwamm durch die Luft zu Fufluns und legte ihren Arm um ihn. DAS GEFÄLLT DIR DOCH AUCH, ODER, LIEBLING?
UND WIE, knurrte Fufluns, verschränkte die Arme und erwiderte Kharos’ Starren.
WIR SOLLTEN ZURÜCK IN DIE HÖLLE, erklärte Selvans hinter ihnen. UNS AN DIE TRADITION HALTEN.
DU SOLLTEST ZURÜCK IN DIE HÖLLE, erwiderte Fufluns. MANCHEN VON UNS GEFÄLLT DAS TAGESLICHT.
DU BIST NICHT LOYAL, knurrte Selvans ihn an.
ICH WAR MAL EIN GOTT, entgegnete Fufluns. LOYaLITÄT GEHÖRT NICHT ZU MEINEM AUFGABENBEREICH.
GENUG DAMIT! Kharos wartete, bis alle ihn ansahen. WIR ÖFFNEN JETZT DAS HÖLLENTOR UND WERDEN ES MIT SEELEN FÜTTERN. RAY UND DIE REGIERUNGSFRAU SAMMELN ALLE, DIE EINMAL BESESSEN WAREN, DENN SIE HABEN EIN WENIG DÄMONENNATUR IN SICH UND WERDEN ZUM HÖLLENTOR STREBEN. DANACH …
WARTE MAL, unterbrach ihn Fufluns mit finsterem Gesicht. NICHT ALLE, DIE EINMAL BESESSEN WAREN. MAB NICHT. DAS WAR ABGEMACHT.
NICHT ALLE BESESSENEN SEELEN, stimmte Kharos aalglatt zu und dachte dabei: UND DIESE DEINE FRAU DA WIRD DIE ERSTE SEIN.
Fufluns sah nicht aus, als sei er beruhigt.
WIR GEHEN JETZT IN DEN KELLER DES TURMS, befahl Kharos, UND ÖFFNEN DAS HÖLLENTOR. RAY BRINGT DIE SEELEN DURCH DIE TUNNELGÄNGE HEREIN, UND WIR WERDEN SIE IN DEN HÖLLENSCHLUND WERFEN UND IHREN SCHRECKEN TRINKEN, UNS AN IHRER VERZWEIFLUNG LABEN …
SO WAS MACHE ICH NICHT, erklärte Fufluns. ICH BIN EHEMALIGER GOTT DES GLÜCKS, SCHON VERGESSEN? MICH AN VERZWEIFLUNG LABEN, DAVON KRIEG ICH BLÄHUNGEN.
Kharos knirschte mit den Zähnen. … UND UNSERE MACHT WIRD UNBESIEGBAR SEIN …
ALSO, ICH WEISS NICHT, meinte Vanth zögernd. MIR GEFÄLLT ES NICHT, SIE DA DRUNTEN ALLEIN ZU LASSEN. ICH BIN DOCH IHRE FÜHRERIN, WEISST DU. SIE LIEBEN MICH. ICH …
DIE WERDEN DA UNTEN SCHON ALLEIN ZURECHTKOMMEN, entgegnete Kharos scharf.
NA KLAR, warf Fufluns ein. KALTE VERZWEIFLUNG UND EWIGES, HOFFNUNGSLOSES GRAUEN. DIE WERDEN GANZ BEGEISTERT SEIN.
Selvans stapfte mit finsterer Miene auf Fufluns zu und hob die Faust. DU UNVERSCHÄMTER!
NA KOMM SCHON, DU FLEISCHKLOPS, säuselte Fufluns. ALS DU DEINEN LETZTEN KAMPF GEWONNEN HAST, STAND EIN STERN IM OSTEN.
Selvans blieb verwirrt stehen. WARUM SAGT ER SOLCHE SACHEN?
ER HAT ZU LANGE DEN MENSCHEN ZUGEHÖRT, erklärte Kharos.
ICH KOMME VIEL MEHR RAUS ALS DU, erläuterte Fufluns. DU BIST DER ETRUSKISCHE HULK, NUR NICHT SO LEICHTFÜSSIG.
Selvans startete einen Schwinger, und Fufluns lehnte sich ein wenig zurück, sodass die mächtige Faust vor ihm durch die Luft fuhr.
SIEHST DU, WAS ICH MEINE? Fufluns lächelte.
GENUG JETZT!, rief Kharos und bemerkte ärgerlich, dass er sich wiederholte.
ALSO, ICH WEISS NICHT, meinte Vanth.
Kharos sah sie gereizt an.
SEI NICHT BELEIDIGT, LIEBLING, fuhr sie fort. ES HÖRT SICH JA WIRKLICH NACH EINER GUTEN IDEE AN; ABER ICH FRAGE MICH, WARUM HABEN WIR DAS BISHER NOCH NIE GEMACHT?
WEIL JETZT DER RICHTIGE ZEITPUNKT DAFÜR IST, knirschte Kharos, nicht in der Stimmung für eine Diskussion über die Konjunkturen der kosmischen Mächte. Er wandte sich den anderen zu. WIR ÖFFNEN DAS HÖLLENTOR, INDEM WIR TIEF UNTEN IM TURM EINEN KREIS BILDEN. UND WÄHREND WIR DAS TOR ANRUFEN, SICH ZU ÖFFNEN, WERDEN WIR …
DAUERT DAS NOCH LANGE?, fragte Tura vom Fenster her. DA SIND NÄMLICH LEUTE IM PARK. ICH WILL MIT IHNEN SPIELEN.
ICH SCHLAGE VOR, WIR MACHEN EINE PAUSE. Damit gesellte Fufluns sich zu ihr, legte ihr einen Arm um die Schulter und deutete durchs Fenster hinaus. SIEHST DU DEN KERL DA UNTEN IN DEM AEROSMITH-T-SHIRT? VERHEIRATET. UND DAS DANEBEN IST NICHT SEINE FRAU.
OOOOH, meinte Tura und beugte sich vor. DER GEHÖRT MIR.
DAS FUNKTIONIERT SO NICHT, dachte Kharos und betrachtete sie der Reihe nach. Der Versuch, sie zusammenzuschweißen, war eine dumme Idee gewesen. Er brauchte ihre Zustimmung nicht, er war der Teufel, und sie mussten ihm gehorchen oder würden zusammen mit dem Seelenvieh in die Hölle wandern. Denn er würde sich seine Nahrung holen, ob sie nun kooperierten oder nicht.
WIR GEHEN JETZT, befahl er und öffnete die Tür zur Treppe.
OH, NA GUT, meinte Tura und schwamm an ihm vorbei die Treppe hinunter, gefolgt von Selvans, der hinter ihr herschwankte.
Vanth tätschelte im Vorbeigehen seinen Arm. ICH FINDE ES HERRLICH, WENN DU DIESEN KOMMANDOTON ANSCHLÄGST, LIEBLING.
Fufluns tätschelte ihm nicht den Arm. DU WEISST, DASS DIE GUARDIA UNS BALD IM NACKEN SITZEN WIRD.
SCHEISS AUF DIE GUARDIA, erwiderte Kharos. SOLLEN SIE MIT DEM SEELENVIEH ZUR HÖLLE FAHREN. DER PARK GEHÖRT JETZT MIR.
SCHEISS AUF DIE GUARDIA?, wiederholte Fufluns lachend. WER IST JETZT DURCH BESESSENHEIT VERMENSCHLICHT? DU BIST SCHON MENSCHLICHER, ALS DU GLAUBST, DU SUPERMANN. SCHON MAL NACHGEDACHT, WAS DAS FÜR DICH BEDEUTET?
JA, erwiderte Kharos. DIE MENSCHEN SIND EGOISTISCH, GRAUSAM UND SKRUPELLOS, BRINGEN SICH SOGAR GEGENSEITIG UM. DAS MACHT MICH ZU EINEM SCHLIMMEREN BASTARD ALS ALLE ANDEREN DÄMONEN IN DER GESCHICHTE DER MENSCHHEIT.
Fufluns’ Lachen erstarb.
UND JETZT BEWEG DEINEN ARSCH DA RUNTER IN DEN KELLER, UND HILF MIT, DAS HÖLLENTOR ZU ÖFFNEN, drohte Kharos, SONST WIRST DU DER EHEMALIGE GOTT DES GLÜCKS IN DER HÖLLE SEIN.
Fufluns zögerte und stieg dann die Treppe hinunter.
VERFLUCHTE DISZIPLINLOSIGKEIT, schimpfte Kharos und folgte ihm.
Mab und Oliver überließen Frankie in Delphas Wohnwagen seiner Pistazienorgie und gingen weiter zu Old Freds Wohnwagen, wo Oliver sein Dämonengewehr lud, während Mab Munitionsvorrat in seinen Beutel steckte. Er hatte die Brille abgenommen, und Mab versuchte, sich von ihrer Libido abzulenken, indem sie sich daran erinnerte, dass in Kürze die Apokalypse über sie hereinbrechen würde.
Das hatte die gewünschte Wirkung.
»Ich komme mir schon vor wie am OK Corral«, bemerkte sie. »Allerdings haben wir eigentlich kein OK Corral mehr.« Sie verschloss den Beutel dann, als vom Pavillon die Klänge von Alcohol herüberwehten. Halb elf Uhr. Die Zeit wurde knapp. Was immer Kharos vorhatte …
Oliver sicherte das Gewehr und nahm ihr den Beutel ab. »Haben Sie keine Angst.«
»Keine Angst?« Mab hörte, wie ihre Stimme sich in die Höhe schraubte, und atmete tief durch. »Wir könnten heute Nacht alle sterben.«
»Nein.« Oliver stellte Beutel und Gewehr neben der Tür bereit und drehte sich wieder zu ihr um, verschränkte die Arme und lehnte sich gegen den Tisch. »Wir werden gewinnen.«
»Und warum? Weil wir die Guten sind? Das ist hier kein Film, sondern Realität, und wir haben’s mit dem Teufel zu tun.«
»Weil das Universum sich zur Gerechtigkeit hinneigt.«
Seine grauen Augen ruhten auf ihr, seine Stimme klang entspannt, und sein Bizeps drückte sich durch den Hemdsärmel; Mab dachte: Ich drehe fast durch vor Angst, und trotzdem bin ich scharf auf ihn. »Das klingt unsinnig«, entgegnete sie, aber da stand er, groß und breitschultrig, ruhig und kraftvoll und klug, so klug und sich dessen immer sicher, was er tat, und …
»Alles in Ordnung?«, fragte Oliver.
… er war ein wunderbarer Drache gewesen. Nun ja, das war eine Illusion gewesen, aber sie war Seherin, und sie sah immer die Wahrheit …
»Mab?«
»Das Universum neigt sich wohin?«, fragte sie in einem Versuch, ihre Libido unter Kontrolle zu behalten. Es war ja auch nur, weil sie heute Nacht sterben würde. Adrenalin. Oder so.
»Der Bogen des Universums ist sehr lang, aber er neigt sich zur Gerechtigkeit hin«, erläuterte Oliver. »Das hat mal ein Minister gesagt. Mir gefällt es.«
Er lächelte sie an, kein charmantes, schiefes Lächeln, kein Versuch, sie einzuwickeln oder ihr etwas vorzumachen, nur dieses gelegentliche Aufblitzen eines Lächelns, während er ihr in die Augen blickte, und sie bekam kaum noch Luft.
»Es bedeutet, das Universum ist auf unserer Seite«, fuhr Oliver mit freundlicher, aber bestimmter Stimme fort. »Wenn wir dafür kämpfen, woran wir glauben, dann legt das Universum einen Finger auf unsere Waagschale.«
Sie liebte seine Stimme, wurde ihr bewusst. Es war kein Schwanken darin, kein Lachen, sondern eine ruhige, tiefe Stimme, die die Wahrheit sagte. Und ihr dann bis in die Knochen fuhr und dort summte.
»Wir überstehen das«, sagte er beruhigend, als sie nicht antwortete.
Wir alle könnten heute Nacht sterben, sagte sie sich, und: Und dann werde ich nie erfahren, wie es ist, einen Drachen zu lieben.
»Mab?«
Er beugte sich vor, um ihr in die Augen zu blicken, und da machte sie einen Schritt vorwärts und küsste ihn, die Augen geschlossen, eine Hand auf seiner Brust, und er zog sie an sich und erwiderte den Kuss, wissend und kraftvoll und …
Er nahm ihre Lippe zwischen die Zähne, und als sie aufkeuchte, tastete sich seine Zunge zwischen ihre Lippen, und er drückte sie gegen die Wand; sein Körper hob ihren in die Höhe, als sie sich an ihn klammerte, atemlos und außer sich. Dann unterbrach er den Kuss, sah sie leidenschaftlich an und sagte schwer atmend: »Du hast recht, wir könnten heute Nacht sterben, deswegen sollten wir für den Augenblick leben.« Er küsste sie erneut; und sie schlang die Arme um seinen Nacken, presste sich an ihn, wollte ihm so nahe wie möglich sein, zu viele Kleider …
Er hob sie mit Schwung auf seine Hüften, und sie schlang die Beine um seine Taille, und so trug er sie durch den kurzen Gang in den kleinen Schlafraum, wo er sich mit ihr auf das Bett hinabließ, ohne den Kuss zu unterbrechen. Das, dachte sie, ist das Richtige. Dann fiel ihr ein, dass Delpha gesagt hatte, Joe sei ihre wahre Liebe. Sie verharrte einen Augenblick still und blickte in Olivers graue Augen auf, die leidenschaftlich auf ihr Gesicht gerichtet waren, die Pupillen riesengroß. »Ist mir ganz egal«, sagte sie laut. »Du bist es, den ich will.« Er küsste sie wieder, und seine Zunge begann, ihren Mund zu erforschen, während er ihr T-Shirt nach oben schob und dabei ihren BH mitnahm, sodass er sie mit einer einzigen sanften Bewegung von der Taille aufwärts nackt auszog, und sie keuchte auf. Dann waren seine Lippen auf ihrer Brust, und sie wölbte sich ihm entgegen, tief in sich ein Ziehen, und zerrte an seinem Hemd und wollte seine Haut auf ihrer fühlen, also steifte er auch das ab, wobei sie ihm mit den Fingerspitzen über seine Brust fuhr, was ihn erschauern ließ. »Ganz nackt«, keuchte sie, aber er war bereits dabei, seine Jeans abzustreifen, und sie trat ihre mit den Füßen fort. Dann warf er sich auf sie.
Er packte sie kraftvoll, drückte sie nieder, während sein Mund über sie wanderte, seine Zähne an ihrer Haut knabberten, kleine, leidenschaftliche, fast schmerzhafte Bisse, unter denen sie erzitterte und immer wilder wurde, je weiter er über ihren Körper hinabwanderte, zwischen ihre Beine, dann leckte er sie, und als sie begann, sich zu winden, hielten seine kraftvollen Hände sie, und die Hitze breitete sich in ihr aus, prickelte unter der Haut und wuchs in ihr, bis sie laut aufschrie und kam. Er bewegte sich über ihren Körper wieder nach oben, und sie küsste ihn wild, umschlang ihn, biss ihn in die Schulter, fuhr ihm mit ihren Händen über den Körper, bis er heftig bebte, und erforschte ihn, wie er sie erforscht hatte, genoss es, wie er unter ihren Liebkosungen stöhnte und die Liebkosungen erwiderte, bis auch sie stöhnte. Und als sie schließlich keuchte: »Ich halt’s nicht mehr länger aus, jetzt, komm in mich«, da griff er nach seiner Jeans und zog ein Kondom heraus, denn natürlich hatte Oliver ein Kondom bereit, und sie küsste ihn, weil er Oliver war und weil sie wusste, dass er immer für sie da sein würde.
Dann rollte er sie auf den Rücken, und sie fühlte ihn kraftvoll auf ihrem Körper und dann ebenso kraftvoll in sich, und das Beben und Erschauern begann von Neuem. Er blickte ihr in die Augen und musste dort das blaue Glühen gesehen haben, aber er zuckte um keinen Millimeter zurück, und da gab sie sich ihm vollkommen hin, bewegte sich mit ihm, ließ das Beben immer heftiger werden, als sie immer mehr miteinander verschmolzen. Sie biss ihm in die Schulter, und er schob seine Finger in ihre Haare und zog ihren Kopf zurück, sodass er sie wieder küssen konnte, schier endlos, bewegte sich wild in ihr, bis die Hitze ihren Siedepunkt erreichte und sie aufschrie und es sie schüttelte, wieder und wieder, während sie sich an ihn klammerte. Dann beruhigte sie sich langsam, noch immer keuchend, und er kam zu seinem Höhepunkt und grub dabei seine Finger in sie, bis er schließlich zusammenbrach; und sie schlang die Arme um ihn, während er sich auf den Rücken rollte, sodass er sie mit sich nahm und ihr Gesicht an seinem Hals vergraben lag. Ein paar Minuten lang atmeten sie zusammen, dann ließ Oliver seinen Kopf zurücksinken, und sie sah vollkommene Entspannung auf seinem Gesicht, und Erschöpfung nach der Intensität, mit der er sie geliebt hatte.
Er wandte ihr das Gesicht zu und lächelte und meinte: »Wir werden heute Nacht nicht sterben.«
»Ach wirklich?« Mab atmete tief durch. »Und warum nicht?«
»Weil das Universum will, dass wir das wiederholen«, erwiderte Oliver, küsste sie und zog sie enger an sich, fordernd und stark und leidenschaftlich.
Drachen-Lover, dachte sie und erwiderte seinen Kuss.
Ethan und Weaver trafen gegen elf Uhr dreißig, als der Park geschlossen hatte, beim Bootssteg auf Mab und Oliver.
»Aha, halloo«, sagte Weaver lachend zu Oliver, und er erwiderte: »Du musst gerade reden«, und wieder lachte sie.
»Ist mir da irgendwas entgangen?«, erkundigte sich Ethan.
»Nein«, antwortete Mab mit vorgestrecktem Kinn, und Oliver blickte sie an und grinste; und Ethan dachte: Ach, um Himmels willen.
Das Ende der Welt kam auf sie zu, und Mab turtelte herum. Höchste Zeit, sich auf die Schlacht zu konzentrieren, dachte er, aber dann kam ihm der willkommene Gedanke, dass Mab, wenn sie jetzt mit Oliver herumzog, vielleicht weniger Bedenken hatte, Fun in seine Büchse zurückzubeamen, wenn es an der Zeit war.
Guter Mann, dieser Oliver.
Kein Anzeichen von Ray, Ursula oder den Minions, und nun, da sie auf dem Steg standen, auch kein Anzeichen von irgendeiner Bewegung im Inneren der Festung; die Zugbrücke war nach wie vor hochgezogen.
»Wir sind gerade erst hergekommen«, berichtete Mab. »Young Fred reagiert nicht auf Anrufe.«
»Das ist nicht gut.« Ethan blickte auf seine Uhr und stieß dann erleichtert den Atem aus, als die Zugbrücke ächzend begann, sich abzusenken, und sich dann langsam auf den Steg legte.
Young Fred kam herausgerannt, als sei der Teufel selbst hinter ihm her, und Ethan und Weaver griffen ihn sich, als er versuchte, an ihnen vorbeizurennen.
»Was ist passiert?«, fragte Ethan.
»Sie sind rausgekommen«, keuchte Young Fred, wie von Sinnen vor Entsetzen.
»Wie das?«
»Ich weiß nicht, sie sind einfach … rausgekommen.«
»Wo ist Glenda?«
»Ich weiß nicht!«
Ethan verpasste Young Fred einen Schlag auf den Hinterkopf, der ihn stolpern ließ. »Kein Problem. Wir gehen einfach alle rein und stecken sie wieder in ihre Töpfe.«
»Nein.« Young Fred schüttelte den Kopf und stieß bei seinem Versuch zu entschlüpfen gegen Weaver. »Die sind alle frei. Und riesig. Und böse.«
»Vorwärts.« Weaver stieß ihm ihr Dämonengewehr in den Rücken, und sie trotteten über die Brücke zum Turm, wobei Young Fred sich immer wieder über die Schulter umblickte, verzweifelt auf eine Fluchtmöglichkeit sinnend.
Sie betraten den leeren Restaurantraum, und Ethan schubste Young Fred zu Weaver hin und befahl: »Bleibt hier und passt auf ihn auf.«
Dann rannte er die Treppen hinauf, die Waffe schussbereit. Der Schrank stand offen, und auf dem Brett darin entdeckte er fünf geöffnete, leere Urnen. Von der Tür am oberen Ende der Treppe, die auf das Zinnendach führte, ertönte heftiges Pochen, und Ethan rannte die Stufen hinauf, schob den Riegel zurück und stieß die Tür auf. Glenda und Cindy hoben sich vor dem Sternenhimmel ab.
»Was ist passiert?«, fragte Ethan.
»Young Fred hat uns hier heraufgelockt und dann die Tür verriegelt«, berichtete Glenda, während sie hinter Ethan die Stufen hinabkletterten. »Aber jetzt kriegt er eine Standpauke von mir, denn an Halloween spielt man in Dreamland keine Streiche.«
»Es war kein Streich, den er euch gespielt hat.«
Glenda erstarrte, als sie den offenen Schrank und die leeren Urnen erblickte. »Sie sind raus?« Sie sah Ethan an, Verzweiflung im Blick. »Ein Guardia hat sie rausgelassen?«
»Wir werden das wieder in Ordnung bringen«, versprach Ethan.
Glenda sank auf einen der Stühle. »Du hast keine Ahnung, was das bedeutet.«
»Na ja, das werde ich gleich sehen«, meinte Ethan. »Du bleibst hier.« Er nahm zwei der Urnen und reichte sie Cindy. »Bereit für den Höhepunkt aller Dämonenschlachten?«
»Nein«, erwiderte Cindy, aber sie nahm die Urnen.
»Pech«, meinte Ethan und nahm die anderen drei Urnen. »Lass uns gehen und den Dämonen in den Arsch treten.«
Fünf Minuten später schlich Mab leise hinter Ethan die Stufen hinunter in das abgedunkelte Kellergeschoss des Turms, sich mit einer Hand an der Wand entlangtastend, in der anderen die leere Urne, die er ihr gegeben hatte. Cindy und Weaver folgten ihnen mit den übrigen Urnen, Young Fred zwischen sich, und Oliver bildete das Schlusslicht, sein Dämonengewehr in der Hand. Auf halbem Weg die Treppe hinunter verlangsamte Mab ihren Schritt, als sie in einem seltsamen purpurnen Lichtschein, der in der Mitte des Kellerraums glühte, wahrnahm, dass all das Gerümpel von dort weggeblasen worden war, als wäre in der Mitte des Fußbodens etwas explodiert und hätte alles gegen die Wände geschleudert. Das merkwürdige Licht in der Mitte verbarg den Rest des Raums in Schatten, Schatten, die dunkler waren als alles, was Mab je gesehen hatte, doch in der Mitte standen in einem Kreis die Unberührbaren, nach zweitausendfünfhundert Jahren wieder vereint: ein mächtiger, orangefarbener Krieger, der in seinen riesigen Pranken ein Schwert trug; eine wunderschöne blaue Madonna, gekleidet wie eine römische Jägerin; eine rauchäugige Meerjungfrau mit vollen Lippen, vollen Brüsten und vollen Hüften, in schimmerndem Blaugrün schwimmend; und ein geißfüßiger goldener Knabe mit kleinen, runden Hörnern zwischen seinem goldblonden, gelockten Haar. Und sie alle wurden beherrscht von einem lackroten Teufel mit kohlenschwarzen Augen und obszön schwellenden Muskeln, dessen Haupt von gebogenen, spitz zulaufenden Hörnern gekrönt war. Sie waren alle über zwei Meter groß, Kharos war sogar noch größer, und er stand da mit triumphierend erhobenen Armen über einem glänzenden, öligen Pool mit einer Farbe, die dem bösartigen, toten Pupurrot von Dämonenschlamm ähnelte, der Quelle des ungesunden Lichts in dem Raum.
UND NUN BEGINNT ES!, sprach Kharos mit tiefer Stimme, und die anderen blickten unterschiedlich begeistert auf den Pool unter ihnen.
HEISSA, sagte Fun mit ausdrucksloser Stimme.
Kharos ignorierte ihn. BRINGT SIE HERBEI.
Ursula trat in das Licht am Rande des Pools, bleich in dem purpurnen Glühen, ihr eifriges kleines Gesicht über dem Klemmbrett. »Wir brauchen einen Bericht über das alles, falls man von oben nachfragen sollte.«
»Sie machen wohl Witze«, ertönte Rays Stimme aus den Schatten, und seine Position war an dem Aufglühen seiner Zigarrenspitze zu erkennen.
»Ich muss feststellen, ob das hier für militärische Zwecke geeignet ist«, teilte Ursula ihm mit. »Wir könnten einen Ort, wo man Leute loswerden kann, ohne dass sie je wieder auftauchen, gut gebrauchen. Und außerdem haben sie vielleicht Dinge bei sich, die sie nie mehr brauchen.«
»Ah.« Ray zog an seiner Zigarre. »Ein Punkt für Sie.«
»Verdammt«, sagte Ethan leise, und Mab blickte in die Dunkelheit hinter Ursula hinein und erkannte, wovon sie sprachen.
Menschen. Menschen von Dreamland. Ashley, Suffkopf Dave, Carl Whack-a-mole, Sam, Laura Riesenrad und ihr Bruder Jerry und noch mehr, alle mit leeren Augen, offenen Mündern und vor Entsetzen schlotternd, hintereinander in einer Reihe, die durch die Tür zum Tunnelgang hinausführte. Und hinter ihnen sah Mab noch mehr von ihnen, sie füllten einen ganzen Tunnelgang, und alle totenbleich vor Entsetzen, manche schwitzten, manche weinten, kämpften gegen etwas an, das sie zu diesem bösartigen, purpurnen Todespool zog.
»Was ist das für Zeug?«, fragte Ethan leise, als sie im Schutz dieser schrecklichen Dunkelheit den Fuß der Treppe erreicht hatten.
Mab schüttelte nur den Kopf, während Oliver hinter ihr zum Stehen kam, Weaver neben Ethan und Cindy, Young Fred fest im Griff, hinter Weaver.
Ethan stellte Kharos’ Urne auf den Boden und näherte dann seinen Mund Mabs Ohr.
»Erst holen wir die Leute raus. Keine Kollateralschäden.«
Mab nickte und stellte sich auf die Zehenspitzen, um an Olivers Ohr heranzukommen. »Da sind noch mehr Menschen im Tunnelgang. Schleicht euch hin, und holt sie da raus, raus aus dem Park.« Er nickte und wollte sich abwenden, da packte sie seinen Arm. »Seid vorsichtig, es könnten Minions unterwegs sein«, wisperte sie, und er hob kurz sein Gewehr und schlich sich dann in Richtung Tunneleingang davon, sich in der Dunkelheit mit der Hand an der Wand orientierend, Weaver dicht hinter ihm.
ICH BIN DAGEGEN, wandte Fufluns sich gegen Kharos und rieb sich dabei über seine kurzen Hörner. WIR HABEN DIESE LEUTE SCHON GENUG BENuTZT. DAVE IST FÜR MICH WIE EIN BRUDER. Er warf einen Blick auf Dave, der vor Entsetzen starr war. EIN BISSCHEN DUMM UND OFT BETRUNKEN, ABER ICH BIN DAGEGEN, IHN IN DIE HÖLLE ZU SCHICKEN.
In die Hölle?, dachte Mab, gerade als Oliver seine Hand von hinten über Jerry Riesenrads Mund schob und ihn in der Dunkelheit zum Tunneleingang zurückzerrte. Weaver folgte mit Laura, und Cindy holte Sam, und keiner wehrte sich. Dann wandte Mab ihren Blick wieder den Unberührbaren zu, um zu sehen, ob sie bemerkten, dass in der undurchdringlichen Dunkelheit hinter ihnen etwas vorging, während sie sich stritten.
Ethan wisperte ihr wieder ins Ohr: »Wir werden ins Licht treten müssen, um Ashley und Dave zu holen«, und sie nickte in dem Wissen, dass das schlimm werden würde, dass sie aber keine Wahl hatten.
Oliver war zurück und zog Carl Whack-a-mole am Rande des Lichtscheins fort, und Mab hielt den Atem an, weil sie das doch bemerken mussten; da trat Ethan vor und stellte sich hinter Dave.
DAVE HAT SEINE FREUNDIN BETROGEN, sagte Tura in diesem Augenblick mit honigsüßer, vibrierender Stimme, WERFT IHN HINUNTER. ABER ASHLEY NICHT. SIE IST NICHT SCHLECHT.
BRINGT SIE ALLE, befahl Kharos. WIR WERDEN UNS AN IHNEN ALLEN LABEN.
»Das war nicht ausgemacht«, rief plötzlich Young Fred und trat aus der Dunkelheit ins Licht, mit bebender, aber rebellisch klingender Stimme. »Du hast gesagt, dass wir alle frei sein würden. Du hast nichts davon gesagt, dass du Leute in die Hölle schicken willst. Ich habe meinen Teil erledigt, du bist frei, jetzt lass sie gehen …«
ICH WERDE DICH VERSCHONEN, KNABE, WENN DU SOFORT VERSCHWINDEST, erwiderte Kharos. WENN DU BLEIBST, WIRST DU MIT DEN ANDEREN STERBEN. Er hob wieder die Arme. UND JETZT BEGINNT DER FESTSCHMAUS!
NEIN, widersprach Fun, und Kharos fuhr zurück. NUR FÜR DICH, NICHT FÜR UNS. DU BIST DER EINZIGE, FÜR DEN VERZWEIFLUNG EIN GENUSS IST. ICH DAGEGEN MAG ES, WENN SIE GLÜCKLICH SIND. ICH STIMME GEGEN DICH.
Dein Glück, dachte Mab.
Kharos wuchs über Fun und Young Fred hinaus, wurde immer größer, röter und zorniger. HIER GIBT’S KEINE ABSTIMMUNG.
Young Fred wich in die Dunkelheit zurück, doch Fun blickte weiter trotzig in die Höhe, während Mab hinter Ethan schlich und sich umwandte und erkannte, dass Cindy dicht hinter ihr war, die Guardia die neue Spitze der alten Reihe bildete.
Das wird eine böse Überraschung, dachte sie und fühlte sich dabei ein wenig besser, obwohl sie fest entschlossen war, Young Fred eine gehörige Abreibung zu verpassen, wenn sie das alles überstanden hatten.
Falls sie das alles überstanden.
IHR WERDET MIR GEHORCHEN!, tobte Kharos.
ACH, NA GUT, ALSO DANN NIMM ASHLEY, gab Tura verdrießlich nach, und ihr starker Schwanz peitschte die Luft, während sie die Arme verschränkte. SCHADE DRUM. ICH HAB MICH IN IHR WIRKLICH WOHLGEFÜHLT.
VIELLEICHT KÖNNTE ICH MIT DEN SEELEN RUNTERGEHEN, schlug Vanth vor und trat an Kharos heran. MICH UM SIE KÜMMERN, IHNEN DEN WEG ZEIGEN. SIE LIEBEN MICH, WENN ICH BEI IHNEN BIN.
NEIN, knurrte Kharos, und Vanth wich stirnrunzelnd vor ihm zurück.
DEN WEG WOHIN?, fragte Fufluns sie. HAST DU DIE HÖLLE VERGESSEN? DA UNTEN GIBT’S NICHTS ALS KALTE VERZWEIFLUNG.
»Kalt?«, stieß Ursula hervor und klickte nervös mit ihrem Kugelschreiber. »Ich dachte, in der Hölle ist es heiß, offene Feuer und so.«
DU WÜRDEST DA UNTEN UM FEUER BETTELN, erwiderte Fufluns, und seine Stimme hörte sich trostlos an.
ES KOMMT MIR GRAUSAM VOR, SIE OHNE UNS DA HINUNTERZUSCHICKEN, beharrte Vanth. WIR SIND IHRE GÖTTER. ICH BIN IHRE FÜHRERIN.
WIR SIND IHRE DÄMONEN, korrigierte Fufluns. IHRE SCHLIMMSTEN ALpTRÄUME. DU GLAUBST, ES WÄRE BESSER, WENN DU SIE DURCH DIE HOFFNUNGSLOSIGKEIT FÜHRST?
DAS IST MEIN BESTREBEN, antwortete Vanth selbstgefällig.
ES GEHT NICHT UM DICH!, fuhr Fufluns sie an, und Vanth schrak zurück und blickte ihn dann finster an, während Mab dachte: Ich vergebe dir noch nicht ganz, aber du bist auf dem besten Wege.
GENUG JETZT. Kharos breitete die Arme aus. BRINGT SIE, DAMIT DAS FEST BEGINNT.
Ursula steckte ihren Kugelschreiber an das Klemmbrett und legte es ab. Dann nahm sie ein Nummernhalsband aus ihrem Beutel und streifte es Ashley über den Kopf, sich nicht um Ashleys Schluchzen kümmernd. »Na los«, befahl sie, doch Ashley versuchte zurückzuweichen, das Gesicht vor Angst verzerrt. »Ich nehme nur noch Ihre Tasche an mich«, erklärte Ursula formell und griff dabei nach der Tasche, die Ashley über ihrer Schulter hängen hatte, »und die Ausweise, die Sie bei sich haben. Keine Sorge, die Regierung der Vereinigten Staaten wird ganz genau darüber informiert sein, wo Sie sich aufhalten.«
Ashley verschränkte die Arme vor der Brust, zu sehr in Panik, um loszulassen.
Ursula zog an der Tasche. »Geben Sie mir die Tasche. Als Regierungsbeauftragte befehle ich Ihnen loszulassen!«
Ethan bewegte sich vorwärts, und Mab folgte ihm ins Licht. Er packte Dave am Genick, schleuderte ihn hinter sich und nahm seinen Platz ein, und Mab schob ihn weiter zurück, wo Cindy ihn packte und an Weaver weiterreichte, woraufhin er in der Dunkelheit verschwand. Gleichzeitig zog Ethan sein Messer und trat hinter Ashley, die jetzt wild schluchzte.
»Bitte«, schluchzte sie, »bitte lassen Sie mich gehen. Was immer ich verbrochen habe, es tut mir leid, aber bitte lassen Sie mich gehen, bitte …«
»Gib – diese – Tasche – her!«, befahl Ursula scharf, Gier in den Augen, die Lippen über die Zähne zurückgezogen. Dann riss sie noch einmal mit aller Kraft an Ashleys Tasche, und im selben Moment zerschnitt Ethan den Riemen mit einer einzigen glatten Bewegung.
Ursula stolperte einen Schritt zurück, die plötzlich befreite Tasche an die Brust gedrückt, ihr Mund ein rundes O, dann noch einen taumelnden Schritt zurück, und dann den finalen Schritt in den Pool hinein, wo sie wie durch eine Vakuumröhre senkrecht hinuntersauste, eingesaugt in die tödlich-purpurne Antimaterie der Hölle, und man hörte nur noch ihren Schreckensschrei, der endlos widerhallte, während Ethan Ashley in Mabs Arme stieß, Mab sie an Cindy weitergab und dann hinter Ethan Stellung bezog.
Ursulas Schrei hallte noch immer schauerlich, als befände sie sich in endlosem Fall, davon abgesehen jedoch herrschte im Kellerraum Schweigen, als Kharos über das Tor zur Hölle hinweg Ethan fixierte.
DU, sprach Kharos.
»Tja, ich«, entgegnete Ethan. »Also, wir können das jetzt auf die harte oder auf die weiche Tour durchziehen.«
»Was?«, flüsterte Mab hinter ihm.
»Das habe ich immer schon mal sagen wollen«, gab Ethan über die Schulter zurück.
WAS?, brüllte Kharos.
Ethan breitete die Arme aus, das Messer noch immer in der Hand. »Es ist doch so: Du kannst entweder freiwillig wieder in deine Kiste kriechen, oder wir befördern dich mit einem Arschtritt wieder hinein. Du hast die Wahl.«
»Bist du übergeschnappt?«, flüsterte Mab hinter ihm. »Das ist der TEUFEL.«
Kharos fletschte die Zähne und schleuderte seine Hand gegen Ethan, und sogar Mab, die hinter Ethan stand, fühlte die Gewalt des Schlags.
Ethan stieß gegen sie, dann fing er sich wieder. »Mehr hast du nicht zu bieten?«
Aber Mab hatte gefühlt, wie er unter dem Stoß erbebte, und seine Stimme klang zitterig, als hätte ihm der Stoß alle Kraft geraubt.
Wieder hob Kharos die Hand, da rief Mab: »Einen Augenblick mal«, und bewegte sich um Ethan herum, bis sie vor ihm stand. »Ich finde, wenn wir über das alles reden würden …«
»Verdammt, Mab«, stieß Ethan hervor und versuchte, sie hinter sich zu ziehen.
Mab stieß ihn beiseite. »… dann könnten wir bestimmt einen für alle annehmbaren Kompromiss finden …«
In den Tiefen des Pools schrie Ursula, wobei ihre Stimme immer hohler und schwächer klang, je weiter sie hinabstürzte, die Unberührbaren aber beachteten das nicht, sondern rückten über dem Pool näher zusammen und starrten Mab an.
SCHÄTZCHEN, ließ Vanth sich vernehmen, DU SOLLTEST DICH DA NICHT EINMISCHEN. DAS IST MÄNNERSACHE.
WER BIST DU?, fragte Kharos und wandte dann den Blick Vanth zu. WAS MEINST DU MIT SCHÄTZCHEN?
»Ich bin Mab«, erwiderte Mab. »Und es geht um Folgendes: Wir werden nicht zulassen, dass du sonst noch jemanden da runterwirfst. In Dreamland kommen keine Seelen in die Hölle.« Sie warf einen vorsichtigen Blick auf den Pool, aus dem noch immer Schreie gellten. »Abgesehen von Ursula. Die kannst du behalten.«
Kharos hob die Hand, um ihr einen Schlag zu versetzen, doch Fun rief: HALT! WIR HABEN EINE ABMACHUNG.
ABMACHUNGEN INTERESSIEREN MICH NICHT, schnarrte Kharos und schleuderte seine Hand auf Mab, und im gleichen Augenblick trat Fun vor sie.
Ein roter Blitz fuhr in Fun, ließ die goldenen Locken auf seiner Brust flattern, und er fing ihn auf, zurücktaumelnd bis an den Rand der Dunkelheit, wo er gegen Young Fred stieß. Der duckte sich schutzsuchend hinter ihm. Du Feigling, dachte Mab, und Kharos schleuderte einen weiteren Blitz, doch Fun verwandelte sich in einen goldenen Nebel und verschwand, sodass der Blitz in Young Fred fuhr.
Er stürzte ohne einen Laut zu Boden.
»Nein!«, schrie Mab auf, dann kniete bereits Oliver neben ihm, und sie kniete sich daneben.
»Er atmet«, murmelte Oliver ihr zu und schenkte dem mörderischen Dämon und dem Höllentor keine Beachtung, konzentrierte sich auf seinen Patienten. »Aber er reagiert nicht. Ist er noch da drin?«
Mab fühlte in Young Fred hinein und spürte nur Leere und ein totes Gehirn. Nein, dachte sie und suchte tiefer nach einem Funken und hörte gleichzeitig Weaver rufen: »Nein«, und als sie aufblickte, sah sie, wie Ethan sich auf Kharos zubewegte. Ich hoffe, er weiß, was er tut, dachte sie, beugte sich dann tiefer über Young Fred und konzentrierte sich darauf, irgendeinen Funken zu finden, der helfen würde, Young Fred wieder zurückzuholen.
Ich habe keine Ahnung, was ich da eigentlich tue, dachte Ethan, und Kharos brüllte: SCHICKT SIE ALLE IN DIE HÖLLE!, doch Vanth widersprach: ABER NICHT MAB, SIE IST DIE UNSERE. DIE ANDEREN, VON MIR AUS …
ALLE!
Vanth stemmte die Hände in die Hüften. NEIN. Sie ging auf ihn zu, und ihre blau glühenden Umrisse flirrten in der kalten Luft. Sie neigte sich ihm lächelnd zu. MAB IST DIE UNSERE, LIEBLING. WIR HABEN SIE GEMACHT. SIE LIEBT UNS!
Kharos brach mitten im Gebrüll ab, und Ethan dachte: Das ist nicht gut, und in diesem Augenblick hob sich Young Freds Brust in einem tiefen Atemzug, und er versuchte, sich aufzusetzen. Ethan hörte Olivers Stimme: »Du bleibst unten, du mieser, kleiner Verräter«, und dann fühlte Ethan, dass Mab wieder hinter ihm stand, und dachte: Viel besser.
Wenn er sich schon seiner Familie aus der Hölle stellen musste, dann war es von Vorteil, eine Schwester an seiner Seite zu haben.
Weaver mit einem Dämonengewehr wäre noch besser gewesen.
WOVON SPRICHST DU?, fragte Kharos Vanth, und Ethan erkannte, dass Vanth Kharos’ schwacher Punkt war.
MAB IST UNSERE TOCHTER, erklärte Vanth verzückt, IST DAS NICHT WUNDERVOLL?
NEIN, entgegnete Kharos, jetzt wirklich aus dem Konzept gebracht. SIE IST NICHT …
»Augenblick mal«, schaltete Ray sich ein und trat wutentbrannt in das purpurne Licht. »Wir hatten eine Abmachung. Ich kriege den Park. Wenn Mab am Leben bleibt, kriege ich den Park nicht. Also zur Hölle mit ihr. Oder noch besser: Töte sie einfach, damit der Leichenbestatter es als natürlichen Tod bestätigen kann. Ich muss eine Leiche vorweisen.« Er blickte in den Pool, wo Ursula noch immer fiel, ihre Schreie immer weiter entfernt und hohl vor Verzweiflung. »Wenn du sie da reinwirfst, muss ich sieben Jahre warten, bis ihr Tod offiziell erklärt wird.«
»Du Dreckskerl«, stieß Mab hervor und versuchte, um Ethan herumzublicken.
NEIN, widersprach Vanth, NICHT MAB …
»Hören Sie, Lady, ich hab nicht ewig Zeit, da Ihr Gatte sich meine Seele jederzeit, wenn ihm danach ist, als Snack holen kann, also muss Mab jetzt sofort sterben. Sie ist ja selbst schuld, sie hätte mir den Park geben sollen, als ich es ihr anbot …«
NEIN, erklärte Vanth.
Ray winkte ab. »Ach, zur Hölle damit, dann werft eben alle Guardia rein. Mab zuerst. Ich hab noch was anderes zu tun.«
Vanth wuchs in die Höhe, ein Turm blauen Zornes.
»Was ist jetzt wieder?«, fragte Ray und nahm die Zigarre aus dem Mund. Sie streckte die Arme in die Höhe, und es erhob sich ein starker Wind im Raum. Ray rief: »Halt, Moment mal.« Sie warf die volle Kraft des Sturms gegen ihn. Er schrie auf, als sein Haar zurückgeblasen und dann fortgerissen wurde, seine Haut straff nach hinten gezerrt wie in einem Windkanal. Seine Schreie wurden schrill, und es gab ein reißendes Geräusch, Blut spritzte, und dann stand nur sein Skelett da und zerlegte sich eine Sekunde später in Einzelteile, die klappernd gegen die Wand flogen.
Vanth sog den Sturm wieder ein. DAS IST FÜR MEINE TOCHTER, DU MINION, sprach sie dorthin, wo Ray gestanden hatte, und wandte sich dann wieder Kharos zu.
Mab stand starr da, den Mund vor Entsetzen offen.
»Bist du okay?«, fragte Ethan, der sich selbst alles andere als gut fühlte.
»Das ist meine Mutter«, sagte Mab hohl.
Mit einem Klicken wurden die Lampen eingeschaltet und beleuchteten den gesamten Kellerraum, mit Ausnahme des Pools, der jegliches fremde Licht zurückwies.
Vier der Unberührbaren standen da, noch immer größer als Menschen, aber sie wirkten ein wenig schäbig und zerfleddert, als hätten sie die Schatten nötig, um Eindruck zu machen.
»Bei dieser Dunkelheit krieg ich eine Gänsehaut«, erklärte Cindy drüben bei den Lichtschaltern. »Hab ich was verpasst? Was hatte denn das Geschrei zu bedeuten?«
»Ray ist tot«, klärte Weaver sie auf. »Mabs Mutter hat ihn auseinandergenommen.«
Mab rückte näher zu Ethan. »Und was jetzt?«
»Wir stecken zuerst mal die Einfacheren in ihre Urnen«, erwiderte er und fühlte sich weniger zuversichtlich, als er klang.
Wutentbrannt trat Kharos vor. IHR HABT DAS SEELENVIEH GERAUBT, UND IHR GLAUBT, DAS HÄLT UNS AUF? DICH, KNABE, WERDEN WIR ALS ERSTEN …
»Kharos!«, rief Glenda von der Tür oben am Treppenanfang. »Ethan ist dein Sohn!«
»Ach, verdammter Mist«, stieß Ethan hervor. »Mom, geh nach Hause.«
NEIN, sagte Vanth, trat näher an Kharos heran und starrte zu Glenda hinauf. MAB IST DIE UNSERE, ABER NICHT DIESER MANN.
»Mab ist von dir und Kharos«, bestätigte Glenda und schritt die Treppe herab, und während Mab sie beobachtete, wurde sie mit jedem Schritt jünger, bis sie den Boden erreicht hatte, da war sie wieder zwanzig Jahre alt, mit einem engelhaften Gesicht und einem umwerfenden Körper, und sie blickte Vanth mit rasiermesserscharfem Lächeln an. »Ethan ist von Kharos und … mir.«
Sie hat keine Zauberkraft mehr, wie hat sie das gemacht?, fragte sich Mab, dann fiel ihr Blick auf Cindy, die sich mit aller Kraft konzentrierte.
GLENDA?, stieß Kharos hervor und wirkte fast menschlich, wie er sie fassungslos anstarrte.
WAS?, donnerte Vanth, und ihr Blick schnellte zwischen ihnen hin und her.
DU HAST SIE BETROGEN?, rief Tura, die mit peitschendem Schwanz näher heranschwamm.
Kharos blinzelte, als die beiden weiblichen Dämonen näher rückten. ICH BIN KHAROS! ICH NEHME MIR, WAS ICH WILL!
WIE KONNTEST DU NUR?, fragte Vanth mit brechender Stimme und wich vor ihm zurück.
MACHST DU WITZE? SO’NE HEISSE BIENE, entfuhr es Kharos, dann klappte er den Mund zu, verblüfft über sich selbst.
OH!, stieß Vanth hervor und wandte sich mit einem vor Wut und Schmerz verzerrten Gesicht von ihm ab.
DU BETRÜGER, fauchte Tura ihn an und schwamm vor sein Gesicht.
»Zurück in deine Kiste, du Bastard«, rief Glenda scharf, nahm die Urne aus Cindys Hand und hielt sie in die Höhe.
Selvans trat vor und wollte danach greifen, doch Cindy fuhr ihn an: »Nein!«, und die Urne verwandelte sich in einen hölzernen Drachen, der nach ihm schnappte und dann hinauf zu den Deckenträgern flog.
»Na gut, aber die brauchen wir noch«, erinnerte Glenda Cindy, und in diesem Augenblick trat Weaver hinter Selvans und knallte ihm seine Urne auf den Rücken.
»Frustro, du Riesenorange«, sagte Glenda, und er wandte sich um, packte sie am Hals und hob sie in die Höhe.
»Nein!«, schrie Ethan, doch im gleichen Augenblick warf sich ein Fünfundsiebzig-Dollar-Plüsch-Dämonendrache vom Treppenabsatz in die Luft und rauschte zwitschernd im Sturzflug auf Selvans nieder, gefolgt von einem Viertelpfund zorniger Rabe, der anfeuernd krächzte. Verwirrt blickte der Dämon auf, während er Weaver würgte.
WEICHE, MINION, SIE IST MEIN, befahl Selvans dem Drachen und wandte sich Weaver wieder zu, nur um im nächsten Augenblick unter dem Gewicht Beemers, der ihm wie ein Mehlsack ins Genick sauste, zu taumeln. Als Oliver auf ihn schoss, lockerte er den Griff, und als dann Frankie sich auf seine Augen stürzte, musste er Weaver fallen lassen, um nach dem Raben zu schlagen.
Weaver stürzte auf den Steinboden und sog keuchend Luft in ihre Lungen, und Beemer drehte ab, machte dann eine Kehrtwendung und schoss wieder auf Selvans zu, zwitschernd vor Wut.
MINION, ICH BEFEHLE DIR ZU STOPPEN, DENN ICH BIN DEIN HERR!, rief Selvans.
Beemers Augen glühten purpurrot auf, er stieß direkt in Selvans’ Gesicht vor und ließ ihn geblendet zurücktaumeln. Wieder schoss Oliver, und Selvans schrie auf. Da erhob sich Young Fred und rief: »Frustro, Fleischklops«, und Mab rief: »Specto!«, mit einer Stimme so scharf wie eine Peitsche, und Ethan rief: »Capio!« und nahm all die orangefarbene Wut in sich auf.
Wieder dieser zornige orangefarbene Schlamm, der alles um ihn her verlangsamte und zäh werden ließ und ihn hinunter in eine lähmende Dummheit zerrte, bis Cindy »Redimio!« rief und damit den Schlamm aus ihm herauszog und in die Urne bannte, die Weaver bereithielt. Weaver klappte den Deckel darauf und rief mit heiserer Stimme: »Servo«, und die Urne versiegelte sich.
Weaver stellte sie auf den Boden.
Der kleine hölzerne Drache kam von den Deckenbalken herab in Cindys Arme geflogen und verwandelte sich wieder in eine Urne, und Weaver murmelte: »Braver Junge«, als Beemer ebenfalls herabgeflogen kam und versuchte, seinen Kopf unter ihren Arm zu stecken.
Das alles hatte nicht länger als zehn Sekunden gedauert.
Kharos hob den Blick über Vanths und Turas Köpfe und rief: NEIN! und versuchte, die Hand gegen die Guardia zu schleudern und sie zu vernichten, aber er fand sich von zwei weiblichen Dämonen gestellt, die ihn anschrien, und ihre Wut wallte in einem blaugrünen Nebel um ihn herum, der ihn einen Augenblick lang blind machte.
Frauen, dachte Ethan.
Sie wirkten jetzt alle kleiner, und Ethan erkannte, dass sie mit dem Verlust von Selvans’ Macht ungefähr fünfzehn Zentimeter geschrumpft waren.
GENUG!, rief Kharos. GEBT MIR DIESE URNE!
DU HAST OHNE MICH MIT IHR GESCHLAFEN, schrie Vanth ihn an und stürmte davon, zur anderen Seite des Pools, wo sie beleidigt die Arme vor der Brust verschränkte.
Kharos blickte verwirrt drein, und Ethan empfand fast so etwas wie Mitgefühl.
Dann sagte Kharos laut: TURA IST SOWIESO BESSER IM BETT ALS DU, und Ethan glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen.
Vanth fuhr zu der Meerjungfrau herum, das Gesicht wutverzerrt. TURA!
WAR ICH NICHT, rief Tura bestürzt und wich zurück. WAR ICH NICHT! WÜRDE ICH NIE MACHEN!
»Frustro!«, sprach Young Fred, und zugleich rief Kharos: DAS WAR NICHT ICH, DU DUMMKOPF, DAS WAR DER TRICKSPIELER!, aber Mab hatte Tura schon gespectot und an die Steinwand des Kellers genagelt, und Ethan rief: »Capio« und nahm sie in sich auf, all das blaugrüne Geschrei, das er nun schon kannte, bis Cindy wieder »Redimio« sprach und Tura in ihre Urne bannte und Weaver dem Ganzen den Deckel aufsetzte.
Turas Urne wurde neben Selvans’ gestellt, und Kharos schrumpfte wieder um fünfzehn Zentimeter.
GEBT MIR DIESE URNEN, verlangte er und näherte sich ihnen, und Ethan dachte: Verdammt, und machte sich bereit für einen Zusammenstoß mit dem Vater aller Ödipuskonflikte.
Mab packte die beiden abgefüllten Urnen und schob sie Glenda zu. »Hinauf damit!«, raunte sie, und Glenda verschwand mit ihnen.
Also gut, dachte Ethan, wenn sie Kharos jetzt erwischen konnten, während er so wütend und verwirrt war, würde Vanth sich wahrscheinlich ruhig in ihr Schicksal ergeben, denn dann gab es nichts mehr, worum sie kämpfen musste. Er wappnete sich für den Angriff des Teufels, aber er würde es nicht allein schaffen …
»Also, jetzt lass uns mal offen reden, Dad«, begann Ethan, als Kharos versuchte, sich mit seinen fünfzehn Zentimetern Vorteil, die er noch besaß, über ihn zu erheben. »Deine Zeit ist um. Du gehst jetzt freiwillig wieder in deine Urne zurück, oder wir versohlen dir den Hintern. Wenn du meinst, du musst …«
Kharos packte ihn an der Kehle und hob ihn vom Boden hoch. Mab sah, dass Ethan noch immer sein Messer in der Hand hatte.
Wenn das aus Eisen ist, dachte sie, aber es nützte Ethan nichts, denn Kharos hielt ihn zu weit von sich weg, und sie konnte nicht länger abwarten, ob Ethan noch einen anderen Plan hatte, als ein offenes Wort mit Daddy zu sprechen.
Also schlich sie sich um den Höllentorpfuhl herum, kam von hinten und tippte Kharos auf die Schulter.
Als er sich umdrehte und Ethan, der schon blau anlief, dabei an sich drückte, lächelte sie. »Hallo, Dad«, sagte sie, und Ethan stieß ihm das Messer zwischen die Rippen.
Mit einem Grunzen warf Kharos Ethan gegen die Wand. Dann packte er den eisernen Griff des Messers, wobei seine Hand um das Eisen herum rauchte, riss es mit einem Lachen heraus und ließ es fallen. Der Abdruck des Jägerpfeilsymbols auf dem Griff hatte sich in seine Handfläche gebrannt.
Ethan kam nur langsam auf die Füße, taumelte, und Mab dachte: Dann muss ich es tun. Sie starrte in Kharos’ Augen und versuchte zu sehen, was in ihnen war, wo sein schwacher Punkt war, was er fürchtete, irgendetwas. Als er nach ihr griff, strahlte er Wut aus, und sie sog es in sich ein, voller Wut auf ihn, ließ ihre Wut auf seine Wut treffen, fühlte, wie ihre Augen rot glühten.
Er erstarrte und sah ihr in die Augen.
»Frustro!«, rief sie, als der rote Nebel um sie wallte, »Specto … CAPIO …«
Er wehrte sich, aber sie zog ihn in sich hinein und fiel dann auf die Knie, als all der mörderische, rote, bösartige, unmenschliche Hass sich um ihr Herz schlang und zudrückte. Sie fühlte Olivers Hände, die sie stützten, hörte Cindy schreien: »Redimio!«, aber Kharos krallte sich in ihr fest, drückte stärker, sein Gelächter in ihrem Kopf, alles schwirrte davon, ihr letzter Gedanke: Zumindest beherrscht Oliver Mund-zu-Mund-Beatmung …
Aber dann war Ethan da, flüsterte »Capio« in ihr Ohr, und sie fühlte, wie Kharos sie verließ, aus ihr herausgesaugt wurde, während Oliver sie auffing, und ihr Herz bekam wieder Raum zum Schlagen. Zugleich schnarrte Cindy: »Redimio, verdammt noch mal, raus mit dir aus ihm«, und hielt die Urne bereit, und Ethan bäumte sich auf, als Kharos aus ihm heraus und in die Urne fuhr. Weaver klappte den Deckel darauf und rief: »Servo, du verfluchter Hurensohn.«
Mab lag in Olivers Armen, erschöpft, aber triumphierend. »Du hattest recht, wir haben gewonnen«, sagte sie und blickte zu ihm auf, er aber starrte über den Pool hinweg.
»Noch nicht ganz«, erwiderte er.
DAS WAR SEHR FALSCH VON EUCH, sprach Vanth, und Mab blickte sie an und sah die kriegerische Madonna in der schönen blauen Jägerin, die Madonna, die Ray in Einzelteile zerlegt hatte. GEBT MIR DIESE URNE, schnarrte Vanth und hob ihre Arme.
»Ach, zur Hölle«, stieß Ethan hervor, als der Wind begann, durch den Raum zu fegen.
Ethan wusste, dass er es mit Vanth nicht aufnehmen konnte. Ihre Wut ließ Kharos’ Zorn wie ein Maienlüftchen erscheinen.
DU HAST MIR MEINEN MANN WEGGENOMMEN, fauchte sie und kam näher, die Augen in blauer Wut glühend, und der Wind begann, machtvoll um ihn herumzubrausen. GIB IHN MIR ZURÜCK.
Weaver trat mit schussbereitem Dämonengewehr dazwischen.
DAS KANN MICH NICHT AUFHALTEN, warnte Vanth.
»Dieser Mann ist meiner«, rief Weaver. »Ich verstehe ja deinen Zorn, aber du kriegst ihn nicht.«
»Geh beiseite«, drängte Ethan und versuchte, Weaver zur Seite zu schieben.
»Und er ist mein Bruder«, rief Mab und bezog neben Weaver Stellung. »Du weißt doch, wie wichtig die Familie ist, Mom. Ich darf es nicht zulassen, dass du ihm etwas tust.«
Vanth hielt inne. Sie war noch immer wütend, aber sie hörte zu, und die Windböen umspielten sie, rissen aber niemandem den Kopf ab.
»Das Problem mit Dad«, begann Mab und trat lächelnd auf Vanth zu, »ist, dass er uns töten will. Ich weiß, in der Mythologie ist das mehr oder weniger normal, aber wir sind Menschen, und da sollte man seine Kinder nicht umbringen.«
ICH WEISS, erwiderte Vanth fast entschuldigend, ABER IHR MÜSST IHN WIEDER FREILASSEN. ER IST DOCH KHAROS!
»Ja, eben, genau deswegen mussten wir ihn einsperren«, erklärte Mab.
Vanths Gesicht verfinsterte sich, und sie hob die Arme, und der Wind wurde stärker.
»Denn wenn er mich tötet«, fuhr Mab fort, »dann kriegst du keine Enkel.«
Vanth hielt wieder inne, die Arme noch in der Luft. Mab tat noch einen Schritt vor und blickte hinauf in Vanths Gesicht. »Ein kleines Mädchen, Mom. Sie soll einmal Delpha Vanth Delphie heißen. Ist das nicht schön? Wir können sie DVD rufen …«
»DELPHA VANTH?«, wiederholte Vanth unzufrieden.
»Oder Vanth Delpha«, verbesserte Mab eilig. »Dann könnten wir sie …«
Sag es nicht, flehte Ethan innerlich, der sich mit Entsetzen an diese grässliche Vampir-Fernsehserie erinnerte, und Mab, der gerade noch einfiel, wie dann die Initialen ihrer Tochter lauten würden, vollendete hastig: »… Vanth nennen!«
Vanths Gesicht war steinern, aber auch nachdenklich.
»Little Vanth?«, schlug Mab vor.
Vanth schüttelte den Kopf. TUT MIR LEID, SCHÄTZCHEN, ABER ICH MUSS DEINEN VATER WIEDERHABEN. ICH BIN SICHER, WENN WIR IHM ERKLÄREN …
»Mutter«, sagte Mab mit Nachdruck, »er wird mich töten. Und Delphie … Vanth auch.«
NEIN. Vanth hob die Arme, und der Wind begann, an ihnen zu reißen.
Weaver feuerte ihr Dämonengewehr ab und traf Vanth mitten in den Körper, sodass sie aufschrie, und der Wind wurde noch stärker, schmerzhaft, und alle drängten sich schutzsuchend zusammen. Beemer und Frankie stürzten sich vom Treppenabsatz aus in den Kampf, nur um von dem Sturm erfasst und gegen die Wände geschleudert zu werden. Ethan trat einen Schritt vor, bereit, eine Unberührbare zu Boden zu schlagen, war sich aber ziemlich sicher, dass es für ihn nicht gut ausgehen würde, doch da stand Mab bereits vor ihm, ihr wildes rotes Haar elektrisch im Sturm, und sie schirmte die anderen vor Vanths Zorn ab.
Oliver rief mit lauter Stimme: »Zeig ihr das Baby«, und Mab überlegte, dann hob sie die Arme in perfekter Nachahmung ihrer Mutter, schloss die Augen und runzelte die Stirn voller Konzentration, und mitten in dem leeren Raum zwischen ihnen begann ein kleines grünes Licht zu glühen, erweiterte sich zu einer Art Auge im Hurrikan, schwebte höher und nahm die Form eines Kindes mit wildem rotem Haar an, das furchtlos und neugierig dastand und zu Vanth aufblickte.
Vanth blickte hinunter und erstarrte. Sie blickte in die blauen Augen ihrer Enkelin.
»Er wird uns töten«, flüsterte Mab ihr zu.
Vanth ließ die Arme sinken, und der Sturm verschwand, das Baby verschwand, und sie waren wieder im Keller des Wachturms, windzerzaust und erschöpft.
SIE WAR WUNDERSCHÖN, flüsterte Vanth.
»Sie ist deine Enkelin«, erwiderte Mab. »Und wenn du neun Monate wartest, kannst du sie wieder sehen.«
DARF ICH SIE IM ARM HALTEN?, fragte Vanth.
»Nur wenn du versprichst, Dad nicht herauszulassen«, erklärte Mab.
ICH WOLLTE NICHT, DASS DU IN DIE HÖLLE KOMMST, sagte Vanth in abbittendem Ton. NIEMAND SOLLTE OHNE MICH DA UNTEN SEIN.
»Ich weiß, Mom.«
UND ER HAT MICH BETROGEN, erinnerte Vanth sich mit gerunzelter Stirn.
»Geschieht ihm ganz recht, in dieser Urne rumhocken zu müssen«, meinte Mab bekräftigend. »Da drin kann er nicht betrügen.«
Young Fred trat hinter Vanth, doch er sagte nichts, und in seinem Blick lag Mitleid.
»Du musst wieder in deine Urne zurück«, fuhr Mab fort, »aber ich verspreche dir: Wenn du schwörst, dass du Kharos nicht herauslässt, werde ich dich freilassen, sobald das Baby geboren ist, damit du sie im Arm halten kannst. Das schwöre ich dir bei meinem Leben.«
»Warte mal«, stieß Ethan hervor.
»Halt dich da raus«, murmelte Mab durch den Mundwinkel nach hinten, und Weaver stieß ihn an und zischte: »Halt – die – Klappe.«
ES IST NUR IMMER SO EINSAM IN DIESER WAHRSAGERMASCHINE, klagte Vanth. DAS HALBE JAHR ÜBER KOMMT NIEMAND VORBEI.
»Wir könnten den Kasten ins Dream Cream stellen«, schlug Mab vor.
»Äh«, meinte Cindy.
»Da hast du das ganze Jahr über Leute um dich herum. Fröhliche Leute«, erklärte Mab. »Die werden dich lieben.«
WIRKLICH?
Mab nickte bekräftigend. »Wirklich. Und die werden Pennys in den Kasten stecken und wollen etwas über ihre Zukunft hören. Du kannst ihnen alles erzählen, was du willst.«
Vanth dachte darüber nach, und Mab hielt den Atem an. ALSO GUT, sagte sie schließlich. ICH GLAUBE AN DICH.
Mab musste die Tränen zurückdrängen. »Ich glaube auch an dich, Mom.« Sie trat näher zu Vanth und legte ihren Arm um all das strahlende Blau, und Vanths Arme legten sich um Mab.
»Das ist gar nicht gut«, murmelte Ethan, der eine Katastrophe voraussah.
»Ach, Klappe«, raunzte Weaver, und Ethan hörte, wie Cindy hinter ihm schnüffelte.
»Also weißt du, wir sind Dämonen-Bekämpfer«, murrte er, und Weaver und Cindy zischten beide: »Halt die Klappe, Ethan«, und da hielt er die Klappe.
Dann trat Mab wieder zurück und sagte: »In neun Monaten, ich verspreche es dir«, und Vanth nickte, dann sagte sie: WARTE!
»Ich wusste es doch«, murmelte Ethan, aber Vanth ging hinüber zu dem Höllentor, hob die Arme darüber und sprach: TERMINO, wobei sie die Hände zusammenlegte.
Das Höllentor schloss sich, Ursulas Schreie verhallten, und der Boden war wieder fester Stein.
Vanth wandte sich Mab zu. DAS WÄRE SEHR GEFÄHRLICH FÜR DAS BABY.
»Ja, das wäre es«, stimmte Mab aus vollem Herzen zu.
ALSO GUT, ICH BIN BEREIT, erklärte Vanth resigniert.
Young Fred trat vor sie. Er blickte ihr in die Augen und sagte sehr sanft: »Frustro«, und sie sah ihn verblüfft an. Dann sprach Mab seufzend: »Specto, Mom«, und Ethan sagte leicht verunsichert: »Capio« und fühlte dann all das herrliche Blau in sich hineinströmen, fühlte, wie es ihn ausfüllte. Dann sprach eine mütterliche Stimme in ihm: »Du trinkst zu viel. Du solltest damit aufhören, bevor meine Enkelin geboren wird, sonst bist du ihr ein schlechtes Beispiel. Und zieh endlich diese dumme Kampfweste aus. Du bist hier in Ohio.«
Turas Geschrei wäre mir lieber gewesen, dachte er, und dann sprach Cindy sehr sanft: »Redimio, Vanth«, und Vanth strömte in die Urne, Weaver legte den Deckel darauf und sagte »Servo, Vanth. Bis zum nächsten Juli.«
»Wir werden sie doch nicht wirklich rauslassen, oder?«, fragte Ethan, und drei Frauen wandten sich ihm zu und erklärten unisono: »Natürlich tun wir das.«
»Gib es auf, Kamerad«, riet Oliver.
»Das ist diese Mutter-Tochter-Geschichte«, stimmte Young Fred zu. »Da sollte man sich nicht einmischen.«
»Und jetzt zu dir«, wandte Ethan sich zu ihm um, froh, jemanden zu haben, an dem er seinen Unmut auslassen konnte.
»Es tut mir leid, ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe«, rief Young Fred und wich einen Schritt zurück. »Ich bin eben noch jung und mache Fehler. Ich dachte, ich könnte helfen, aber ich lerne es schon noch. Und ihr braucht mich. Ich bin euer Trickspieler!« Er grinste Ethan schief an.
»Du bist Fufluns«, erwiderte Ethan. »Und ich packe dich gleich am Arsch.«
»Schon gut«, rief Fun. »Du bist zwar nicht mein Typ, aber ich bin da offen …«
»Warte mal«, mischte Cindy sich ein und betrachtete Young Fred zum ersten Mal genauer bei Licht. »Ach du lieber Gott, du bist ja wirklich Fufluns.«
»Mach dich bloß nicht lustig über Ethan«, riet Mab ihm. »Der wartet nur auf einen Grund, dich wieder in deine Kiste zu stecken …«
»Ich habe einen Grund«, betonte Ethan. »Er ist ein Dämon.«
Fun lächelte ihn an. »Und hier kommt der Clou: Ihr braucht mich. Ich bin euer Trickspieler. Und – ich habe euch vor Kharos gerettet. Ihr schuldet mir etwas.«
Ethan schüttelte den Kopf. »Kann dir nicht trauen. Kann’s einfach nicht. Tut mir leid.« Er hob die leere Urne hoch. »Du musst wieder da rein.«
»Das könnte schwieriger werden, als ihr denkt«, entgegnete Fufluns sorglos.
Ethan sah Mab an. »Kannst du ihn ohne einen Trickspieler fassen?«
»Ja«, erwiderte Mab. »Ich werde immer wissen, wo sein Geist ist. Ich liebe diesen vermaledeiten Kerl.«
Ethan wurde ungeduldig. »Tust du’s?«
Mab nickte und sprach: »Spec…«, der Rest blieb ihr in der Kehle stecken. Sie hustete und sagte wieder: »Spec…« und würgte dann.
»Was ist los?«, fragte Ethan.
»Ich kann nicht«, erwiderte Mab. »Das Wort will nicht raus.«
»Na, ich kann aber«, sagte Ethan und ging Fufluns an die Kehle. »Cap…«, begann er und musste ebenfalls husten, und seine Hand erstarrte wenige Zentimeter vor Fufluns’ Hals.
»Bevor ihr euch selbst wehtut«, meinte Fufluns, »darf ich euch daran erinnern, dass Young Fred ein Guardia ist.«
»Young Fred ist tot«, entgegnete Ethan.
»Tja, der Teil, der wirklich Young Fred war, ist von uns gegangen«, stimmte Fufluns zu. »Aber dieser Körper? Er atmet noch und ist noch immer ein Guardia, und keiner von euch kann ihm etwas antun. Also bin ich grundsätzlich sicher vor euch. Außerdem bin ich auch euer Trickspieler, und das ist eine ganz neue Perspektive für mich, aber ich komme schon klar damit. Ich finde, wir haben heute ganze Arbeit geleistet.«
»Aber wir können dir nicht trauen«, brachte Cindy etwas verwirrt vor und kam näher.
»Natürlich nicht.« Fufluns lächelte. »Aber ihr konntet auch Young Fred nicht trauen. Wir sind eben Trickspieler. So sind wir.«
»Du wirst diesen Körper irgendwann mal verlassen müssen«, meinte Ethan.
»Tja, aber Young Fred ist ungefähr zwanzig Jahre jünger als ihr«, erwiderte Fufluns. »Wollen wir wetten, wer von uns seine irdische Hülle zuerst aufgibt?« Er betrachtete Ethan von oben bis unten. »Vor allem du siehst jetzt schon aus wie ausgekotzt.«
Ethan wollte ihn wieder packen, fühlte, wie seine Bewegung blockiert wurde, und gab es auf. »Mir reicht’s«, knurrte er und hob Vanths Urne auf. »Wir schließen die jetzt alle in den Schrank und machen den Wachturm dicht, und dann sehen wir zu, dass wir ins Bett kommen. Halloween ist nämlich vorbei. Wir haben gesiegt.«
Das Letzte, was er auf dem Weg zur Treppe hörte, war Fun, der zu Mab sagte: »So, und jetzt zu uns«, und Mab, die erwiderte: »Nicht in diesem Leben.«
Das heiterte Ethan ein wenig auf. Er mochte vielleicht nicht in der Lage sein, Fun-den-Guardia zu erwürgen, aber Mab konnte diesem Clown in die Parade fahren, indem sie ihn abblitzen ließ. Und wenn sie das nicht besorgte, dann würde ihm sicherlich der gute alte Nicht-Guardia Oliver einen Tritt in den Arsch verpassen.
Die Zukunft sah schon viel rosiger aus.
Eine Woche später saß Mab auf dem Karusselldach zwischen zwei Clowns und betrachtete im morgendlichen Sonnenlicht ihr Werk. Vieles war zerstört.
Das Piratenschiff besaß keine Piraten mehr, und nun war es halb piraten-schwarz und halb arche-rot gestrichen. Es sah schrecklich aus, aber wenn der Frühling kam, würde es eine wunderschöne Arche Noah werden, voller Farbe und Leben, nicht nur mit Elefanten und Pferden, sondern auch mit Affen und Lamas und Drachen, herrlich wundersame Tiere, die Delphie gefallen würden. Der Liebestunnel hatte seine Tauben und Blumen und Liebespaare verloren und hockte wie ein unförmiger pinkfarbener Klumpen neben der Wurmbahn, die nun wurmlos war, aber auch die würde sie wieder hinkriegen. Sie stellte sich den Tunnel mit Schmetterlingen und vielen grünen Weinreben vor. Delphie Vanth würden die Schmetterlinge gefallen. Und das Grün. Die Meerjungfrau-Kreuzfahrt war im Trockendock, das Wasser abgelassen, sodass die Reste des Dämonenschlamms neutralisiert werden konnten. Die Schießbuden waren ausgeräumt, und die Gewehre zeigten auf eine frisch geweißte Wand, die später einmal mit Pappdämonen als Zielscheiben versehen würden, an Stelle der OK-Corral-Schießwütigen, die versucht hatten, Glenda umzubringen.
»Ich bin einverstanden mit Dämonen als Zielscheiben«, hatte Mab zu ihr gesagt.
»Ich auch«, erwiderte Glenda, die wieder zu ihrem alten Ich zurückgefunden hatte. Und so waren nun Sam und ein paar frisch angeheuerte Schüler-Hilfskräfte damit beschäftigt, das Dämonen-Schießstand-Schild »Schieße einen Dämon ab – Rette eine Seele« an Stelle des alten OK-Corral-Schildes aufzuhängen.
Im hinteren Teil des Parks arbeiteten sich mit Seilen gesicherte Anstreicher am Teufelsflug in die Höhe, strichen die fünfseitige Turmkonstruktion blau an und befestigten große, weiße, hölzerne Wolken daran. Die neue Tafel »Fallschirmflug« hing bereits an der Vorderseite, und kein Teufel war weit und breit zu sehen.
Sämtliche Skelette, Geister und Riesenspinnen waren verschwunden, alle orangefarbenen Zellophantüten waren von den Straßenlaternen abgenommen, und vor allem: Das Riesenrad, die Drachenbahn, das Kettenkarussell und das Karussell, auf dessen Dach sie saßen, waren, so schön wie immer, unversehrt aus dem Dämonenkrieg hervorgegangen.
Dreamland wurde wieder schön.
»Es gefällt mir«, sagte sie zu dem Clown zu ihrer Rechten, der wie Young Fred aussah und immer wieder versuchte, seinen Arm um sie zu legen.
»Ein Großteil deiner Arbeit ist zerstört«, meinte Fun.
»Das wirklich gute Zeug ist noch da«, stellte Mab fest und tätschelte den erhobenen Arm des Clowns zu ihrer Linken. »Und das Unnötige hat sich geändert. Manche Veränderungen sind eben gut. Diese kleinen Monster von der Kreuzfahrt wollte ich sowieso nie wiedersehen. Die fand ich schon immer gruselig, sogar schon bevor sie versucht haben, mich umzubringen.«
»Woher kommt eigentlich das Geld für das alles?«, wollte Fun wissen.
»Machst du dir um Geld Sorgen?«, fragte Mab. »Das sieht dir gar nicht ähnlich.«
»Hier wird meine Kleine einmal aufwachsen«, erklärte Fun. »Ich will, dass ihr Zuhause gesichert ist.«
»Das Geld kommt von Ray«, sagte Mab. »Er hat mir alles hinterlassen, und sein Anwalt wickelt alles problemlos ab, nachdem Oliver als behandelnder Arzt einen … äh … Herzinfarkt bescheinigt hat. Niemand kam, um die Leiche sehen zu wollen. Und das Gute daran ist: Ray war ein wirklich reicher Drecksack. Wir werden keine finanziellen Probleme mehr haben.«
Sie wandte sich ihm zu und betrachtete ihn im hellen Sonnenlicht, noch immer ein wenig aus der Fassung, da er jetzt Young Fred war, obwohl der echte Fun bereits ein wenig sichtbar wurde, die Nase wurde schmaler und neigte ein wenig zur Hakennase, das Haar wurde lockiger, das Grinsen schiefer. Irgendwann würde aus Young Fred … nun ja, ein Fun Young Fred geworden sein. Das hätte ihm vielleicht sogar gefallen.
Drunten hievte Glenda die letzte Reisetasche in Rays Wohnmobil, stieg ein und drückte auf die Hupe.
»Ich muss mich verabschieden«, stellte Mab fest und erhob sich. »Vor mir liegen viele neue Abenteuer.«
»Bist du auch in Ordnung?«, erkundigte sich Fun. »Ich meine, du weißt schon, das Baby?«
»Delphie Vanth ist ganz in Ordnung. Obwohl Gott allein weiß, wie sie einmal wird.«
»Sie wird immer für eine Überraschung gut und fleißig sein, für Scherze zu haben und sehr intelligent«, versicherte Fun. »Womöglich wird die Welt noch nicht auf sie vorbereitet sein.« Er klang wie ein stolzer Vater.
»Na ja, die Welt hat noch achteinhalb Monate Zeit, um sich zu wappnen.«
»Aber ich bin der Vater der Kleinen, stimmt’s?«, fragte Fun. »Ich meine, du wirst ihr doch sagen, dass ich es bin.«
»Ja«, erwiderte Mab, »ich werde es ihr sagen.« Und dann werde ich ihr sagen, sie soll auf Ethan und Oliver zählen, nicht auf dich. Du wirst sie so sehr lieben, wie du kannst, aber …
»Ich werde für sie da sein«, versprach er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Ich mag Dreamland.« Er lehnte sich ein wenig zurück, um sie anzulächeln. »Bist du sicher, dass du uns nicht noch eine Chance geben willst? Ich kann diesen Körper nicht verlassen, ohne dass er stirbt, also …«
»Ganz sicher«, erwiderte Mab. »Du bist ein Lügner, und du wirst immer einer sein. Das ist deine Natur. Aber Lügen töten die Liebe ab, fressen sie auf wie Säure.« Sie blickte ihm ins Gesicht, und sie liebte ihn so sehr, dass sie nur eines für ihn tun konnte: nicht die Hände nach ihm ausstrecken. »Wenn ich mit dir zusammenbleibe, dann wirst du mir alles wieder nehmen, was du mir gegeben hast, das Glück, das Vertrauen, die Freude. Deswegen ziehe ich einen Schlussstrich.«
Sein Lächeln verschwand. »Ich kann mich ändern.«
»Nein, das kannst du nicht«, entgegnete Mab. »Und das willst du auch nicht. Und ich will nicht, dass du anfängst, mich zu hassen, genauso wenig wie ich will, dass ich anfange, dich zu hassen. Lass es sein, Fun. Die Welt ist voller schöner Frauen, die begeistert wären, ein Wochenende lang mit dir zusammen zu sein.«
»Aber die sind nicht wie du«, entgegnete Fun.
»Ich bin auch nicht mehr die, die du kennengelernt hast«, sagte Mab. »Ich verlange jetzt Liebe und Ehrlichkeit und Respekt und eine verlässliche Bindung. Das brauche ich. Und mit ein bisschen Glück werde ich das auch kriegen.«
»Oliver, stimmt’s?«
»Vielleicht«, antwortete Mab und lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie Cindy gefragt hatte: »Also ist Oliver ein Dämon im Bett?«, und welchen Gesichtsausdruck sie zeigte, als Mab geantwortet hatte: »Nein, er ist ein Drache.« Sie blickte Fun an und schüttelte den Kopf. »Das hat nichts mit Oliver zu tun. Ich liebe dich wirklich, aber du kannst mir nicht das geben, was ich brauche.« Sie holte tief Luft. »Und jetzt bin ich frei.«
Fun, in ihrem Schatten sitzend, lächelte zu ihr auf und wirkte nicht mehr so sicher wie einst. »Kann ich irgendetwas für dich tun, bevor du fährst?«
»Sag Ethan, dass wir fortgefahren sind«, bat Mab. »Wir haben uns gestern Abend spontan dazu entschlossen. Glendas Idee. Ich hab’s ihm noch nicht gesagt, denn du kennst ja Ethan. Muss immer den Beschützer spielen.«
»Ah ja, vielen Dank«, sagte Fun. »Hey, Ethan, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht lautet: Deine Schwester ist gerade mit deiner Mutter auf eine längere Fahrt ins Blaue abgedüst. Die gute Nachricht: Sie hat auch die Krähe mitgenommen.«
»Den Raben.« Mab tätschelte ihm den Arm. »Sag ihm einfach, er soll das Fledermaussignal setzen, wenn er Hilfe braucht. Und dir wünsche ich viel Spaß mit Ashley.«
Fun grinste. »Das lässt dich nicht mehr los, was? Natürlich nicht.« Er erhob sich ebenfalls. »Aber es wird nicht dasselbe sein.«
»Das hoffe ich doch, bei allen Höllenteufeln«, erwiderte Mab und versuchte, an ihm vorbeizukommen.
Da beugte er sich vor und küsste sie rasch, und sie erwiderte den Kuss für einen langen Augenblick, weil es gut war und weil sie ihn liebte, auch wenn er ein lügender, betrügender, trickreicher Dämonenclown war, aber sie hielt die Augen geschlossen, weil er noch viel zu sehr wie Young Fred aussah.
Dann tätschelte sie ihm nochmals den Arm und kletterte über die Leiter hinab zum Wohnmobil, froh, ihn hinter sich lassen zu können.
»Was passiert in Abteilung einundfünfzig?«, fragte Ethan, während er vom Dach des Wachturms aus über Dreamland hinwegblickte und ein Auge auf seine Schwester und ihren dämonischen Exlover hatte. »Warum ist Oliver nicht hier?«
»Steckt im Moment fest«, berichtete Weaver. »Er hat Ursulas Job gekriegt, weil sie verschwunden ist und niemand sonst in der Abteilung Bescheid weiß. Er wird uns decken. Er will noch immer Dämonenrecherche betreiben, aber er hält es für das Beste, keine Informationen die Kommandokette hinaufzuschicken, sonst kommt womöglich jemand wie Ursula auf dumme Gedanken.«
»Ausgezeichnet.« Er blickte über die Verwüstungen in seinem Park hinweg und dachte: Verdammt. Aber insgesamt war der Park noch glimpflich davongekommen, und Mab hatte schon große Pläne für seine Zukunft und wahrscheinlich auch für die ihre, wenn Oliver sich von Abteilung einundfünfzig freimachen und wieder zurückkommen würde. »Und was ist mit dir?«
»Was soll mit mir sein?«, fragte Weaver.
»Du arbeitest auch für die Regierung.«
»Nicht mehr«, erwiderte Weaver und wandte sich ihm zu. »Ich existiere gar nicht mehr. Oliver hat das für mich geregelt.«
»Aber deine Karriere …«
»Ich bin bei der Guardia.« Weaver legte die Arme um ihn. »Das ist mehr als genug.« Sie runzelte die Stirn und klopfte auf seine Brust. »Wo ist deine Weste?«
Ethan zog sie eng an sich. »Ich bin hier in Ohio, und die Dämonen sind alle fort. Wofür brauche ich also noch eine kugelsichere Weste?«
Er beugte sich vor und küsste sie, und im nächsten Augenblick flatterte Beemer herab, landete auf Weavers Schulter und machte sich dort breit, nach einer Woche Flugpraxis schon viel leichter geworden, aber noch immer ein aufgeplusterter Plüschdrachendämon.
»Na ja, nicht alle Dämonen sind fort«, erwiderte Weaver und tätschelte Beemers Goldlamee-Brust.
Ethan starrte Beemer an, und Beemer starrte zurück. Dann schlang der Drache seinen Schwanz um Weavers Nacken und duckte seinen Kopf zur Seite, wobei er Ethan Platz machte, um Weaver küssen zu können.
Dreamland, dachte Ethan. Hier ist alles möglich.
Und er küsste Weaver.
Die purpurne, plüschbesetzte Drachenklaue in seinem Ohr störte ihn dabei überhaupt nicht.
»Es gefällt mir gar nicht, wenn du Dämonen küsst«, rief Glenda durchs Fenster nach hinten, als Mab ihren Koffer in das Wohnmobil hievte. »Hast du Ethan gesagt, dass wir wegfahren?«
»Nein, ich habe dem Dämon aufgetragen, es ihm zu sagen.« Mab knallte die hintere Tür zu, ging nach vorn und blickte durch Glendas Fenster auf den Rücksitz. »Alles angeschnallt?«
Delphas Asche in der Messing-Drachenurne lag gesichert auf dem Rücksitz hinter dem Fahrer. Frankie hockte auf der Kopfstütze darüber und blickte vage interessiert um sich. Auf der anderen Seite, hinter Glenda, war Vanths Kasten festgeklemmt.
»Fertig, Mom?«, erkundigte sich Mab.
Es gab ein Surren, und eine Karte ploppte heraus.
Glenda nahm sie. »Sie findet, wir sollten deinen Vater auch mitnehmen.«
»Ich bin noch nicht darüber hinweg, dass er uns umbringen wollte«, rief Mab zu Vanth. »Da bin ich nachtragend. Aber du wirst sehen, dir wird die Freiheitsstatue auch ohne ihn gefallen.«
»Die Freiheitsstatue wird uns allen gefallen«, meinte Glenda und wies dann mit dem Kinn nach vorn. »Mab, da will dich jemand sprechen.«
Mab wandte sich nach vorn und sah Oliver vor dem Dream Cream stehen, die Hände in den Taschen, den Blick verwirrt auf das Wohnmobil gerichtet, und ging zu ihm hinüber. »Ah, hallo, Fremder«, begrüßte sie ihn. »Du rufst nie an, du schreibst nie …«
»Ich habe dich jeden Abend angerufen«, erwiderte er, beugte sich vor und küsste sie flüchtig, und sie lächelte an seinem Mund.
»Das ist nicht genug«, murmelte sie.
»Jetzt bin ich hier, und ich habe das ganze Wochenende frei«, meinte er tröstend und wies dann zum Wohnmobil hinüber. »Warum verursacht mir das Bauchgrimmen?«
»Weil ich wegfahre, eine Fahrt ins Blaue«, erklärte sie. »Meine neuerworbenen Mütter sind in den letzten vierzig Jahren nicht aus Dreamland herausgekommen, deswegen zeige ich ihnen jetzt die Freiheitsstatue.«
Er nickte feierlich. »Gute Idee. Wie lange werdet ihr fort sein?«
»Ein paar Wochen«, antwortete sie, und er schloss die Augen. »Wir sind auf alle Fälle spätestens bis zum Erntedankfest wieder zurück. Glenda und Cindy planen eine große Erntedank-Party. Du wirst doch kommen, oder?«
Er nickte. »Natürlich komme ich. Bis dahin sollte ich auch in meinem Job alles so weit organisiert haben, dass ich dann wirklich hierbleiben und arbeiten kann. Keine Telefonanrufe mehr.«
»Deine Arbeit. Ich wette, sie werden dich alle lieben«, behauptete Mab, blickte zu seinem Gesicht auf und dachte: Delpha hat sich geirrt. Dieser Kerl war ihr bestimmt, er musste es einfach sein …
»Ich finde, Liebe könnte es fördern«, erwiderte Oliver. »Zumindest scheinen sie dankbar für ein wenig Vernunft zu sein.«
»Ich bin auch dankbar für ein wenig Vernunft.« Mab seufzte.
»Beeil dich, und komm schnell zurück, Mab«, bat er und blickte ihr tief in die Augen.
Fun hätte sie angelächelt. Oliver sah sie an, als würde er sie jetzt schon vermissen.
»Das tue ich«, versicherte Mab ihm. »Ich will dich doch viel besser kennenlernen.« Sie lachte auf. »Ich kenne noch nicht mal deinen Familiennamen.«
»Der ist Oliver.«
Sie blinzelte ihn verwirrt an. »Dann heißt du Oliver Oliver?«
»Nein, ich heiße Joe Oliver.«
»Also heißt du Joe«, ächzte Mab und hörte Delpha sagen »Sein Name ist Joe«, und der Park schwirrte einmal um sie herum.
»Ich mag den Namen Joe nicht besonders«, meinte Oliver. »Nenn mich einfach, wie du willst.«
Da lachte sie im Sonnenlicht vor dem Dream Cream und sagte betont: »Joe.«
»Habe ich da etwas verpasst?«, fragte er.
Sie lächelte ihn an. »Es freut mich sehr, dich kennenzulernen, Joe«, hauchte sie glücklich, und er beugte sich zu ihr vor und küsste sie, und sie stemmte ihre Hände gegen seine starken Arme, denn dieser Kuss war geeignet, ihren Entschluss ins Wanken zu bringen: stark und voller Gewissheit und leidenschaftlich, der Drache ihrer Träume, ihre einzige wahre Liebe.
Delpha hatte sich nicht geirrt.
»Komm schnell zurück«, murmelte er an ihrem Mund, und sie lachte leise, und dann ging sie um das Wohnmobil herum und kletterte auf den Fahrersitz.
»Es gefällt mir, wenn du diesen netten Jungen küsst«, meinte Glenda.
»Mir auch«, erwiderte Mab und hämmerte auf die Wiedergabetaste von Rays Kassettenrekorder, bis What Love Can Do ertönte. Dann winkte sie Oliver zum Abschied zu, setzte das Wohnmobil in Bewegung und verließ Dreamland über die Dammstraße, frei und unbeschwert von allen Sorgen.
Sie hatte gesehen, wohin sie gingen, und es war gut.