Kapitel 8

Später am Nachmittag, nachdem er sich im Wald ausgiebig seinem Flachmann gewidmet hatte, ging Ethan auf die Suche nach Gus, um ihm zu versichern, dass er ihn bei der Abendkontrolle begleiten würde. Er fand den alten Mann hinter der Meerjungfraustatue.

»Wasmachsu da?«, fragte Ethan. Er merkte, dass er lallte, aber es war ihm egal.

Gus fuhr zurück und stieß mit dem Kopf gegen den Riegel an der Rückseite der Statue. Er ließ eine Serie von Flüchen los, die einem Feldwebel alle Ehre gemacht hätten.

Ethan blickte Gus über die Schulter. Im Inneren der Meerjungfrau stand ein geschnitztes Holzgefäß ähnlich dem in der FunFun-Statue. »Was is’n das für Holszeug?«

»Urnen.« Gus holte vorsichtig die Urne und den Deckel heraus. »Die hier ist heil. Das heißt, wir können Tura wieder reinsperren. Aber Fufluns« – er schüttelte den Kopf – »die muss Mab wieder reparieren.«

»Wills’ du Mab wirklich sagen, sie soll ’n Dämonengefängnis reparieren?«

Gus sah ihn kopfschüttelnd an. »Dreamland ist das Gefängnis. Die Urnen sind nur die Einzelzellen.«

»Ach ja, richtig.« Ethan zog seinen Flachmann hervor und setzte ihn an. Dann setzte er ihn wieder ab.

Denn Ashley ging vorbei.

Sie wirkte so scharf und feurig, als gehörte ihr hier alles. Sie verströmte eine solche Aura von Sex, dass die Männer, die gerade die Buden und Stände vorbereiteten, innehielten und ihr nachblickten. Auch sie gehörten ihr. Zum Teufel, auch Ethan gehörte ihr. Er hörte nicht einmal mehr, was Gus sagte.

Gus schlug Ethan mit der Hand auf die Brust, und seine Kugel brannte, obwohl er es diesmal weniger stark fühlte, vielleicht wegen all des Alkohols …

Gus stellte sich dicht vor Ethan hin. »Du hörst mir gar nicht zu …«

»Nich-t auf die Brus-t«, protestierte Ethan und bemühte sich, jedes Wort sorgfältig und deutlich auszusprechen. »Und diesen Dämonenquatsch hab’ ich satt-tt.«

Er ging davon, leicht stolpernd, und folgte Ashley, obwohl er merkte, dass er schwankte. Ashley war an der Wurmbahn angelangt, als sie plötzlich stehen blieb und sich umdrehte. Ihre Augen bohrten sich in Ethans, und ihr Lächeln ließ ihn innerlich heißlaufen.

»Oh, hallo du da«, sagte sie sanft. Irgendetwas war da mit Ashley gewesen – Ethan zermarterte sich das alkoholbenebelte Gehirn, um sich zu erinnern.

»Hall-llo«, brachte Ethan heraus.

»Du warst schrecklich nett zu dieser Frau im Bier-Pavillon«, meinte sie und kam näher. »Ich habe gesehen, wie sie neben dir saß. Ihr seid eng zusammengesessen.«

»Weaver?« Ethan schüttelte den Kopf, wobei ihm schwindlig wurde.

»Sie hatte ihre Hand auf deinem Bein. Ich hab’s gesehen. Du bist mit ihr zusammen, oder? Ich habe gesehen, dass ihr zusammen seid. Sie ist DIE Frau für dich.«

Ethan schüttelte wieder den Kopf. Autsch, hör auf damit. »Sie bedeutet mir nichts.« Sein Verstand funktionierte nicht. Kein Blut im Gehirn, zu viel Alkohol, zu viel Ashley.

Ashley lächelte träge und drückte ihn an sich. »Dann lass uns in den Liebestunnel gehen.«

Ethan folgte ihr zu dem Tunnel, wobei er einmal gegen den Zaun torkelte und mühsam einen Fluch unterdrückte, als ihm ein Geist ins Gesicht flog – verfluchte Geister, die waren überall –, und dann zog Ashley ihn zur Einstiegsrampe und stieg in das vorderste Schwanenboot. Er bemühte sich, ebenfalls einzusteigen, stolperte aber und landete mit dem Gesicht in ihrem Schoß. Langsam, dachte er und stemmte sich in die Höhe und auf seinen Sitzplatz, wobei die Enge des Boots ihn dicht neben sie zwang.

»Ich glaub nich-t, dass die schon läuft«, meinte er und blickte mit zusammengekniffenen Augen zu dem unbesetzten Kassenhäuschen hinüber, doch dann griff mit einem Klicken der Haken des Unterwasser-Zugkabels, und sie wurden mit einem Ruck vorwärts in das dunkel gähnende Maul des Tunnels gerissen.

Ashleys Arm glitt um Ethans Schulter, und er wünschte sich, in ihr zu versinken, in all der Weichheit, dem Tröstlichen, sich dieser normalen, menschlichen Biologie zu überlassen. Sie erreichten das erste Schaubild, und er sah Adam auf Eva hinabblicken, die ihm einen Apfel anbot.

Nimm ihn nicht, dachte Ethan, aber Ashley drängte sich an ihn und küsste ihn, und da dachte er: Nimm ihn. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und zog ihn zu sich, sodass er ihr direkt in die Augen blickte, während sie an dem Schaubild vorbei in die Schwärze glitten. Wieder küsste sie ihn, diesmal mit leidenschaftlicher Zunge, und er legte eine Hand auf ihre Brust und drückte die volle Rundung, während sie ihre Hand gegen seinen Brustkorb presste. Er zuckte zusammen, aber da glitt ihre Hand bereits tiefer, und er vergaß den Schmerz und überließ sich ihren Händen. Das zweite Schaubild glitt vorüber und dann ein weiteres, und dann sah er aus den Augenwinkeln Antonius und Cleopatra, während Ashleys Hand zwischen seine Schenkel glitt.

Ashley löste ihren Mund von seinem. »Willst du mich?«

»Ja. Oh jaa

Sie lächelte, und trotz des Nebels von Alkohol und Lust fühlte Ethan, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Im nächsten Augenblick hatte sie seinen Kopf mit überraschender Kraft gepackt, und ihre Augen blitzten blaugrün, sie glühten blaugrün.

Ethan erstarrte. Er konnte sich nicht bewegen, er konnte sich nicht aus dem Bann dieser glühenden Augen befreien.

»Du Betrüger«, flüsterte Ashley und legte ihm die Hand auf die Brust. »Stirb, du Treuloser.«

Ein blaugrünes Licht floss von ihr in ihn hinein, blaugrüner Nebel erfüllte seine Brust, presste sein Herz zusammen, und der Schmerz von der alten Kugel schnitt mitten durch seine Brust, als sie in ihn fuhr, ihm die Luft nahm, ihr Gelächter in ihm widerhallte.

»Nein«, ächzte er und warf sich zurück, und da erhob sich hinter Cleopatra eine Gestalt in Schwarz und feuerte auf Ashley, die zurückzuckte, kreischend, überallhin blaugrünen Rauch versprühend, in die Höhe schnellte und dabei Ethan freigab und in der Dunkelheit des Tunnels verschwand.

Verfluchte Dämonen, schoss es Ethan durch den Kopf, dann wurde es dunkel um ihn.

Eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit war Mab der Pinselreiniger ausgegangen, und sie eilte zum Dream Cream, um Nachschub zu holen. Unterwegs warf sie einen Blick zum Eingangstor und entdeckte, dass die FunFun-Statue wieder da war.

Mehr oder weniger.

Sie lief hin, und ihr Entsetzen wurde immer größer, als sie vor der Statue stand. »Um Gottes willen«, rief sie verzweifelt, »was ist denn mit dir passiert?«

Er war so strahlend und wunderschön gewesen, die orange-gold karierte Weste hatte geleuchtet, und wie er mit einer Hand die Flöte begeistert in die Höhe gehoben und mit der anderen einladend auf Dreamland gewiesen hatte, sein großer gelber Handschuh wie ein Leitstern …

Nun hingen ihm beide Arme seitlich herab, an den Schultern war das Metall verformt und aufgerissen und entblößte gesplittertes Holz. Die vielfachen Farb- und Lackschichten, die sie aufgetragen hatte, waren an manchen Stellen bis auf das Metall abgeplatzt, Teile seines Mantels waren abgebrochen. Es fehlte ihm ein Finger. Und das Schlimmste war sein einst so schönes Gesicht: Es war verzerrt, zerkratzt, zerstört …

»O nein«, rief sie, den Tränen nahe. »Das kann ich nicht wieder reparieren. Niemand kann das reparieren.«

»Sieht ja ziemlich schlimm aus«, erklang eine Stimme hinter ihr, und als sie sich umdrehte, begegnete sie dem mitfühlenden Blick eines der Collegeschüler, die den Park instand hielten – das türkis-blau gestreifte Hemd verriet es.

»Ziemlich schlimm?«, gab sie zurück. »Jemand hat ihn dahingemetzelt

Er kam näher, und sie sah seinen Namen auf der Brusttasche aufgestickt: Sam. »Vielleicht könnten Sie …«, begann er und schüttelte dann den Kopf. »Nein. Der ist am Ende. Haben Sie einen in Reserve?«

»Na klar«, sagte Mab. »Wir haben immer ein Reservelager von hundert Jahre alten, speziell eisenbeschichteten Statuen. In Reserve? Sind Sie verrückt?«

»Entschuldigung«, stieß Sam hastig hervor. »Hab nicht nachgedacht.«

Mab fühlte sich elend. »Nein, nein, ich muss mich entschuldigen. Es war ja nicht Ihr Fehler.«

»Na ja, verständlich, dass Sie auf hundertachtzig sind. Sie haben sich so viel Mühe mit ihm gegeben.«

»Woher wissen Sie das?«

»Na, jeder weiß das.« Sam blickte ihr in die Augen und lächelte schief zu ihr hinunter. »Sie haben den Park gerettet.«

Er hatte braune Augen, nichts Besonderes, aber Mab fühlte Schmetterlinge …

Schmetterlinge? War sie verrückt geworden? Sie liebte doch Joe …

Nein, das stimmte nicht.

»Kenne ich Sie?«, fragte sie. »Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.«

»Ich habe hier das ganze Jahr über gearbeitet«, erwiderte er und traf sie mit seinem schiefen Grinsen wieder mitten ins Herz.

»Und ich war wohl blind«, seufzte Mab. »Nun ja, schön, Sie endlich doch noch kennenzulernen, Sam.« Sie streckte ihm ihre Hand hin, und er ergriff sie und hielt sie einen Augenblick zu lange fest.

»Nun ja«, sagte sie noch einmal, ein wenig durcheinander. »Wir müssen die Statue von hier wegbringen. Holen Sie bitte Gus oder Young Fred oder Ethan oder« – zweifelnd blickte sie die über zwei Meter hohe Statue an – »am besten alle drei, um sie in den Keller des Wachturms zu bringen.«

»Ich könnte mit anfassen«, erbot sich Sam. »Wir könnten es zusammen machen.«

Er lächelte auf sie hinunter, ein seltsam vertrautes Lächeln, und sie dachte: Er meint nicht die Statue, und die Schmetterlinge waren wieder da.

Herrgott, jetzt ließ sie sich schon von Collegeschülern anmachen.

»Ich muss mich um meine Arbeit kümmern«, erklärte sie. »Holen Sie einfach Gus.«

»Na sicher«, meinte Sam. »Ich mach mich sofort auf den Weg. Schönen Tag noch.«

»Danke«, erwiderte Mab und empfand eine leise Enttäuschung, als er davonging.

Mit ihr ging es wirklich steil bergab.

Sie blickte noch einmal den FunFun an, der da zerbrochen und irgendwie gar nicht da war, nicht so, wie er gewesen war, als sie ihn restaurierte, als allein das Arbeiten an ihm sie schon glücklich gemacht hatte. Vielleicht hatten sie ihn, als sie ihn durch die Mangel drehten, tatsächlich getötet.

»Es tut mir so leid«, murmelte sie und tätschelte ihn ein letztes Mal, bevor sie ihren Weg zum Dream Cream fortsetzte.

Zuerst nahm Ethan bewusst die Schmerzen wahr. Überall Schmerzen. Dann kehrte die Erinnerung zurück: Ashleys Augen, aus denen blaugrüne Blitze schossen. Der erstickende blaugrüne Druck in seiner Brust. Der Mann-in-Schwarz, der auf sie schoss. Dämonen.

Er befühlte seine Brust, tastete über die Narbe und wunderte sich, dass er noch am Leben war, da Tura sein Herz so gewaltig zusammengepresst hatte. Noch seltsamer war es, dass der Schmerz nicht so schlimm war wie sonst. Er hörte Stimmengemurmel, fühlte, dass er weich lag, glänzendes Metall über sich, und wusste, dass er wieder in Glendas Wohnwagen auf der Sitzbank gelandet war. Er öffnete die Augen und wartete, dass die Welt aufhörte, sich um ihn zu drehen. Vergeblich. Er streckte einen Fuß aus, stellte ihn Halt suchend auf den Boden und setzte sich dann langsam auf. Das Gemurmel erstarb.

Glenda, Gus, Delpha und Frankie starrten ihn über den Tisch hinweg an. Young Fred, der neben dem Kühlschrank an der Wand lehnte, prostete ihm mit einer Bierflasche zu.

Glenda beugte sich vor. »Wie geht’s dir?«

»Wo ist der Mann-in-Schwarz?«

»Wer?«

Ethan schüttelte den Kopf, was ein Fehler war, denn der Schmerz ließ ihn aufstöhnen. »Der Mann-in-Schwarz, mein Retter. Ashley griff mich an, sie ist ein Dämon. Sie hat versucht, in mich zu fahren …«

»Ach wirklich?«, schnappte Glenda. »Und wer hat dir das alles schon gesagt?«

»Was?« Ethan zuckte zusammen.

»Ich habe versucht, es dir zu sagen, aber du wolltest ja nicht zuhören, und jetzt bist du fast ums Leben gekommen! Ach, ich könnte dich über’s Knie legen!« Glenda erhob sich und ging zum Kühlschrank.

»Welcher Mann-in-Schwarz?«, fragte Young Fred.

»Dieser Kerl, der sich im Park rumtreibt«, erwiderte Ethan und beobachtete Glenda, die die Kühlschranktür zuknallte. »Er hat auf sie geschossen, und dann war da überall dieser blaugrüne Nebel …«

»Tura«, sagte Delpha. »Wenn Turas Geist wirklich aus Ashley entwich, dann wurde sie von Eisen getroffen. Dein Mann-in-Schwarz schießt mit Eisenkugeln.« Sie nickte. »Das gefällt mir.«

Ethan musste an das runde Eisengeschoss in seiner kugelsicheren Weste denken, und da fiel bei ihm plötzlich der Groschen: In jener ersten Nacht hatte der Mann-in-Schwarz ihn für einen Dämon gehalten und deswegen auf ihn geschossen. Und jetzt hatte er auf Ashley geschossen, als … »Wo ist Ashley?«

»Sie war nicht da.« Glenda schien noch immer fuchsteufelswild. »Tura ist noch immer in ihr. Und wir müssen sie sofort suchen und wieder hinter Schloss und Riegel setzen, bevor sie noch jemanden tötet. Ich weiß, du bist verletzt, und du bist betrunken …«

Ethan zuckte zusammen.

»… aber der Park ist voller Menschen, die in Gefahr sind. Wir müssen jetzt sofort los.«

»Ich habe ihre Urne«, verkündete Gus und zog das geschnitzte Holzgefäß aus seiner Manteltasche. »Wir können sie wieder einsperren.«

Ethan sah, dass die Augen des alten Mannes klar blickten, ja sogar vor Kampflust blitzten. »Wie denn das?«

»Aha, na endlich hörst du mal zu.« Glenda beugte sich vor. »Dämonen sind flink, aber wenn wir ihnen Gefühle aufzwingen, glühen ihre Augen. Wenn Young Fred seine Gestalt oder seine Stimme verwandelt, regt das den Dämon auf, er wird unachtsam, und seine Augen glühen, und Delpha kann das sehen. Young Fred sagt: Frustro, sobald der Dämon reagiert, und Delpha sieht seinen Geist und sagt: Specto, was ihn auf der Stelle bannt, und du sagst: Capio und übernimmst das Miststück, und ich sage: Redimio und fessele ihn, und Gus sagt: Servo und steckt ihn wieder in seine Urne, und Deckel drauf, und da kann er dann bis ans Ende aller Tage verrotten.«

»Capio«, wiederholte Ethan. »Und was geschieht, wenn ich das sage?«

»Es zwingt den Dämon, in dich zu fahren«, erklärte Glenda. »Aber du hast die Kraft, ihn in dir festzuhalten, ohne zu sterben. Du hast ein starkes Herz, und du kannst den Dämon lange genug festhalten, damit wir ihn wieder einsperren können.«

Lange genug, dass er mir diese Kugel ins Herz treibt.

»Wir schaffen es ohne dich nicht, Ethan.«

Ihre Stimme klang ernst, und Ethan wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Da trieb sich ein Dämon herum, der Menschen umbrachte, und wenn er, Ethan, bei dessen Gefangennahme starb, dann würde er wenigstens im Kampf sterben, anstatt herumzusitzen und darauf zu warten, dass das Stückchen Blei ein paar Millimeter weiterwanderte.

»Gut, ich bin dabei«, erklärte Ethan. »Zumindest erfahre ich auf diese Weise, ob ich auch verrückt bin.«

»Du bist nicht verrückt«, fuhr Glenda auf. »Du hast eine besondere Gabe

Ich Glücklicher, dachte Ethan und erhob sich, um auf Dämonenjagd zu gehen.

Oben im Bier-Pavillon saß Mab vor ihrem zweiten Bier und sagte traurig zu Joe: »Heute war wirklich ein schlimmer Tag.«

»Wie schlimm?«, fragte er, den Mund voller Hotdog.

»Der FunFun vom Eingangstor ist ganz kaputt. Dann habe ich mit Delpha gesprochen, und danach bin ich mit meiner Arbeit kein Stückchen vorangekommen.« Mab rieb sich die Stirn. »Nichts. Ich konnte nichts vor mir sehen, nichts denken, ich habe nicht mal Karten von dem Automaten gekriegt. Ich konnte nur noch an den FunFun denken und daran, was Delpha sagte. Siehst du, deswegen sind Gefühle schlecht. Sie hindern einen am Arbeiten

»Was hat Delpha denn gesagt?«, fragte Joe, offensichtlich bemüht zu helfen, und ebenso offensichtlich vergeblich.

»Dass da Dämonen im Park wären.«

»Du brauchst noch ein Bier«, meinte Joe und ging, um ihr eines zu holen.

Während er fort war, trank sie den Rest ihres zweiten Biers, in einem Versuch, sich zu betäuben, aber es funktionierte nicht. Sie blickte sich nach Joe um und sah ihn mit Ashley sprechen, wobei er sie anlächelte und sie sich zu ihm neigte. Dann kam er zurück an den Tisch.

Er stellte das Bier vor sie hin, und sie fuhr fort: »Hör mal, ich weiß, dass es verrückt ist, ich glaube auch nicht, dass es Dämonen gibt, aber trotzdem kommt es meiner Arbeit in die Quere. Ich bin unaufmerksam. Als du mich abgeholt hast, habe ich sogar vergessen, meinen Helm mitzunehmen.« Sie berührte ihren unbedeckten Kopf und kam sich nackt vor. »Ich habe ihn heute schon zum zweiten Mal vergessen. Und ohne Helm habe ich kein Licht

»Trink«, befahl Joe, und sie gehorchte und erreichte diesen Zen-Zustand, für den sie anscheinend drei Biere brauchte. »Und jetzt hör mir zu«, fuhr er fort. »Du bist so fixiert auf all die Probleme, dass du die Antworten nicht mehr siehst. Sieh das Ganze mit etwas Abstand, dann werden sich die Lösungen schon zeigen.«

»Wenn du mich jetzt noch Dummchen nennst, zieh ich dir mein viertes Bier über den Schädel«, warnte Mab.

»Du hast kein viertes Bier«, erwiderte Joe.

»Ich weiß«, gab Mab zu. »Und das ist traurig.«

Joe ging noch ein Bier holen, während sie das dritte kippte, sich dabei im Pavillon umblickte und überall vertraute Gesichter sah, Leute wie Ray, der den Umstehenden eine Art Münze zeigte, und Carl Whack-a-Mole, der sich ernsthaft mit Harold Riesenrad unterhielt, und Dick und Doof, die wieder Hotdogs mampften, wobei der Dürre sich erneut über Würze und Zutaten ereiferte – »Is’ mir doch wurscht, ob Salsa sich besser verkauft als Ketchup, jedenfalls is’ Ketchup der König aller Würzen, das is’ meine Meinung« –, und zwei Tische weiter der Kerl mit der Coke-Flaschen-dicken Brille, der vollkommen konzentriert in seinem Notizbuch schrieb.

Leute, dachte Mab und fand sie irgendwie weniger lästig als gewöhnlich.

Joe kam mit ihrem Bier zurück, und als sie einige Zentimeter davon abgetragen hatte, wiederholte er: »Du musst Abstand zu deinem Problem gewinnen, dich entspannen.«

»Entspannen«, wiederholte Mab. »Ich soll mich entspannen, meinst du.«

»Jawohl«, erwiderte Joe. »Lass uns eine Fahrt durch den Liebestunnel machen.«

Er lächelte sie an, und ihr blieb wieder die Luft weg. Was immer es auch war – Charme, die richtige Chemie, Charisma –, er besaß es haufenweise.

Und sie wollte es, sie wollte sich genauso fühlen, wie er es immer wieder zuwege brachte, wollte Teil dieses warmen Leuchtens sein …

»Okay«, stimmte Mab zu, kippte den Rest ihres Biers und folgte ihm aus dem Pavillon.

Beim Tunnel angekommen warf Ethan einen Blick auf seine Gefährten und fühlte sich nicht besonders zuversichtlich. Eine alte Wahrsagerin, ein junger Komödiant, ein nahezu tauber Achterbahnbetreiber und seine Mutter. Nicht gerade eine »Speerspitze«, wie seine Teams bei Spezialeinsätzen genannt worden waren.

»Da ist Ashley«, erklärte Young Fred, und er klang zum ersten Mal erregt, als er sie draußen in der Warteschlange vor dem Liebestunnel entdeckte.

Action. Ethan fühlte sein eigenes Blut aufwallen. Er spähte zu Ashley hinüber. Sie trug einen Mantel, den sie vorher nicht getragen hatte. Versteckt ihre Wunde, dachte er.

»Und ihr Kerl trägt natürlich einen Ehering«, fügte Glenda mit einem Blick auf den Mann hinzu, der eine Hand auf Ashleys Hintern gelegt hatte.

Ethan erspähte Mab und Joe in der Warteschlange vor Ashley und ihrem Kerl, und sie warteten auf das nächste Boot, das gerade den Einstiegssteg entlangfuhr. Genau das, was er brauchte: Zuschauer. »Was jetzt?«

Glenda nickte Young Fred zu. »Du bist dran.«

»Cool, die ist ganz schön heiß.« Young Fred trat in Aktion und schritt an der Warteschlange entlang nach vorn, als wäre er unsichtbar.

Offensichtlich war er das für die Wartenden wirklich.

»Wenn du dran bist, Ethan«, fuhr Glenda fort, »das ist dann, wenn Delpha dir das Glühen des Dämons zeigt, dann sagst du: Capio!. Kannst du dir das merken?«

»Capio«, wiederholte Ethan, die Augen auf Young Fred gerichtet. »Verstanden.«

Delpha richtete sich auf, und Frankie trippelte auf ihrer Schulter hin und her. »Wenn der Dämon entweichen will, verändern sich seine Augen. Falls es Tura ist, glühen sie blau-grün.«

Ethan nickte, noch immer leicht benebelt vom Alkohol. Wäre da nicht dieses blaugrüne Glühen in Ashleys Augen gewesen, bevor er bewusstlos wurde, und gestern der tote Kerl mit dem mysteriösen Zeichen auf der Brust, dann hätte er ihnen einfach gesagt, sie wären alle nicht ganz bei Trost, und hätte sich in den Bier-Pavillon zurückgezogen. Nun holte er den Flachmann heraus und schraubte die Kappe ab, erstarrte aber, als Glenda so leise, dass nur er es hören konnte, mahnte: »Ethan, wir sind auf Dämonenjagd.«

Mit einem Seufzer schob Ethan den Flachmann wieder in die Innentasche seiner Kampfweste. Er bemerkte, dass Ashley und ihr Kerl als Nächste einsteigen würden und dass Young Fred direkt hinter ihnen war. »Wir sollten lieber anfangen.«

»Warte noch«, sagte Glenda und sah zu, wie Young Fred aktiv wurde, sich äußerlich in das Bild des Ashley-Kerls verwandelte und diesen gleichzeitig beiseiteschob. Es geschah so schnell, dass Ethan seinen Augen kaum traute, und dem Kerl ging es ebenso, als er sich protestierend umwandte und sich selbst gegenüberstand, oder was immer er auch wahrnahm, wovor er entsetzt zurücktaumelte. Young Fred kann sich in alles und jeden verwandeln, erinnerte sich Ethan.

Ashley und Young-Fred-als-ihr-Kerl nahmen in dem auf Mab und Joe folgenden Boot Platz und verschwanden im Liebestunnel.

»Jetzt«, gab Glenda das Kommando und führte sie hinter den Tunnel und durch die Tür des Wartungspersonals.

Hinter den Schaubildern befanden sich leichte Baumwollnetze, die frisch als Hintergrund angemalt waren und durch die man, zwischen den hell beleuchteten Figuren der Schaubilder hindurch, auf die Fahrstrecke sehen konnte. Als sie hinter Adam und Eva waren, kam der Bug des nächsten Bootes in Sicht, und Ethan erspähte Ashley und Young Fred in enger Umarmung. Sie klebte an ihm, eine Hand hinter seinem Kopf, die andere auf seiner Brust. Wie, zum Teufel, soll er erkennen, dass sich ihre Augen verändern?, fragte sich Ethan. Er eilte weiter, rascher als die Boote, und die anderen folgten, bis sie Antonius und Cleopatra erreichten. Dort schlüpfte Ethan durch einen Spalt im Netz und duckte sich hinter der Figur des Antonius, als das nächste Boot um die Kurve kam. Er erkannte Mab und Joe, sie endlich einmal ohne ihren Schutzhelm und er mit dem Mund an ihrem Ohr, sie eng umschlungen haltend und ihr etwas ins Ohr flüsternd. Sie lachte, die Hand an seiner Wange, und küsste ihn, und Ethan dachte: Das muss Liebe sein. Er streckte den Kopf weiter vor, um besser zu sehen, wobei er gegen Antonius stieß und ihn gefährlich zum Wackeln brachte. Mab drehte sich bei dem Geräusch um, dann riss sie die Augen auf, als sie ihn erkannte, und Ethan machte ihr ein beruhigendes Zeichen mit erhobenem Daumen. Erschrocken löste sie sich von Joe und reckte den Hals, um zurückzublicken, aber dann umrundete das Boot die nächste Kurve, und sie waren außer Sicht.

Ethan blickte zurück. Das nächste Schwanenboot erschien. Es war Ashley, eine Hand um Young Freds Hinterkopf, die andere an seinem Schritt. Sie küsste ihn, und es war gut, dass sie die Augen geschlossen hielt, denn Freds Äußeres flackerte ständig zwischen seinem wirklichen Gesicht und dem des alten Kerls hin und her. Nun erblickte er Ethan in dem Schaubild und sah enttäuscht drein. Dann sagte er: »Hey«, und Ashley öffnete überrascht die Augen und fuhr erschreckt zurück, denn er hatte sich in Young Fred zurückverwandelt, und ihre Augen begannen blaugrün zu glimmen.

»Frustro«, sprach Young Fred traurig, und da blitzten ihre Augen wirklich auf, dämonisch glühend, und Delpha betrat die Szene.

»Specto!«, rief Delpha und schleuderte ihre Faust Ashley entgegen, und Turas Geist sprang in die Luft, eine blaugrüne Meerjungfrau; da trat Ethan in das Boot und sagte: »Äh, capio

Bei dem nächsten Schaubild zog Joe Mab mit sich aus dem Boot auf den schmalen Servicepfad neben der Wasserstraße.

»Was machst du denn?«, rief sie, erhitzt von den leidenschaftlichen Umarmungen. »Und was macht Ethan da …«

»Komm, weiter.« Er zog sie durch den Tunnel, und sie klappte den Mund zu und konzentrierte sich darauf, ihm rasch zu folgen, ohne ins Wasser zu fallen – Fahrt durch die Dunkelheit, dachte sie, da haben sie nicht übertrieben –, und dann waren sie wieder im Freien, in der orange beleuchteten Nacht, wobei der Hauptweg jetzt von Nebelautomaten in orangefarbene Wolken gehüllt wurde und voller Einheimischer war, die als Untote verkleidet kreischenden Teenagern Plastikgehirne auf Silberplatten anboten. Vom Karussell her klimperte die Musik, und die vielen Lichter der Karussells und Achterbahnen glitzerten grün und gelb gegen den blauschwarzen Nachthimmel. Mab blickte zum Tunnel zurück und stieß hervor: »Was war denn das da drinnen?«

Joe führte sie um die Biegung des Hauptweges bis vor das große Karussell und blieb bei einer der Feuertonnen stehen, die aufgestellt worden waren, um ein wenig Wärme in die herbstliche Abendluft zu bringen. »Ich will dich«, erklärte Joe, und seine Augen glänzten im Widerschein des Feuers.

»Da war Ethan«, beharrte Mab und trat näher. »Ich glaube, da passiert etwas Schlimmes …«

»Überall passiert immer etwas Schlimmes«, entgegnete Joe. »Deswegen sollten wir diese Gelegenheit nutzen. Möchtest du heute Nacht mit mir zusammen sein?« Er sah sie eindringlich an, und sie erkannte, wie sehr es ihn nach ihr verlangte. Ihr stockte der Atem.

»Ja«, antwortete Mab.

»Dann nimm mich mit zu dir«, bat Joe.

Sie führte ihn den Hauptweg hinunter bis zur Rückseite des Dream Cream, an Rays Wohnmobilbüro vorbei und die Hintertreppe hinauf bis in ihr Schlafzimmer, mit einem schnellen Abstecher ins Badezimmer, um sich Cindys Kondomschachtel zu schnappen. Als sie die Schlafzimmertür von innen verschloss, stieß Joe einen tiefen Seufzer aus, als hätte er befürchtet, dass ihnen noch jemand in die Quere kommen würde.

Sie schlüpfte aus ihrem Malerkittel, und er nahm sie in die Arme und sagte: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich jemals ganz für mich allein haben würde.« Da musste sie lachen und erwiderte: »Du hast nur zwei Tage darauf warten müssen«, woraufhin er sagte: »Für mich war es wie zwei Monate«, und sie küsste. Ihr Herz hüpfte wie immer, wenn sie mit ihm zusammen war, und wieder lachte sie vor Glück, weil er bei ihr war.

»Komm her«, forderte er und zog sie mit sich auf das Bett hinunter, und sie rollte sich dicht an ihn heran, wollte ein Teil von ihm sein, und doch …

»Was ist?« Er küsste sie, während er ihr das T-Shirt hochschob, kitzelte ihr dabei den Bauch und brachte sie wieder zum Lachen, dann streifte er ihr die Kleidung ab – sie wollte dabei helfen, aber er bat: »Überlass mir das« – und schlüpfte danach aus seiner. Als er wieder nahe bei ihr war, schob er ihr Haar zurück und küsste sie, und sie schlang ihre Arme um ihn und fühlte sich vollkommen glücklich, und doch irgendwie … nicht scharf.

»Lache für mich«, bat er und küsste ihren Hals, was sie erschauern ließ, dann ihre Schulter, wanderte dann mit vielen kitzelnden Küssen über ihren ganzen Körper hinunter, sodass sie wieder lachen musste, und sie überließ sich seinen leichten Händen und Lippen auf ihrem Körper, die routiniert die fehlende Hitze in ihr erzeugten. Sie versuchte, ihn auch zu küssen, ihn zu streicheln, aber er bat: »Nein, überlass alles mir, ich möchte dich glücklich machen«, und da legte sie sich zurück, fühlte sich ein wenig zurückgewiesen, verlor sich aber dann in ihm, bis er wieder zu ihr hinaufkam.

Als sie dann, ganz von Hitze erfüllt, die Augen öffnete, fuhr er ein wenig zurück und starrte sie überrascht an.

»Was?«, fragte sie und versuchte, sich aufzusetzen, schwindlig vor Verlangen nach ihm. »Was ist?«

Er lachte und meinte: »Du bist eine faszinierende Frau, Mary Alice Brannigan«, und drückte sie wieder aufs Bett hinab. »Was ist denn los?«, fragte sie nochmals, aber er erwiderte nur »Nichts« und spreizte ihre Oberschenkel mit den seinen auseinander, sie wölbte sich ihm entgegen, und als er in sie eindrang, ließ sie den Kopf zurückfallen, glücklich lächelnd, denn er fühlte sich so gut an … Und er flüsterte ihr ins Ohr: »Sag mir, dass du glücklich bist, sag’s mir«, und sie antwortete: »Ich bin glücklich.« Da bewegte er sich in ihr, bis sie schließlich zum Höhepunkt kam und ihn danach japsend vor Befriedigung und lachend vor Glück an sich gedrückt hielt.

Der blaugrüne Geist zischte wie ein Blitz in Ethan hinein. Das gleiche blaugrüne Licht in seinem Kopf wie vorher, die gleichen Tentakel um sein Herz, doch diesmal kämpfte er nicht dagegen an, sondern packte den Dämon in seinem Inneren. Ashley brach in dem Boot zusammen, von der Besessenheit befreit und bewusstlos, und Ethan hielt einen gewissen Abstand von ihr, hielt das kämpfend sich windende, gallertartige türkise Wesen in seiner Brust wie im Kampfgriff umklammert, wobei dessen wütende Schreie an seinem Verstand zerrten.

Er behielt das Wesen fest im Griff, bis das Kreischen fast unerträglich wurde und er aus dem Boot in Richtung des Notausgangs kroch. Da blickte er auf und sah seine Mutter über sich, und er fühlte ihre Stimme wie Donnerhall in seinem Kopf: »Redimio!«

Das Blaugrün explodierte aus ihm heraus, und Glenda fing es auf, fesselte es und steckte es mit Gewalt in die Urne … und Ethans Kopf war wieder ruhig, und sein Herz war frei.

Gus aber war nicht zur Stelle, denn er kniete neben Delpha, die auf dem Pfad zusammengebrochen war.

»Gus!«, schrie Glenda, aber Ethan erkannte, dass Gus nichts hören konnte.

Glenda knallte den Deckel auf die Urne, aber er versiegelte sich nicht, und als Gus sich schließlich umdrehte und versuchte, ihn zu erreichen, war es schon zu spät: das Blaugrün schlüpfte unter dem Deckelrand hervor, entwich spiralenförmig durch den Tunnel und verschwand in der Finsternis.

»Delpha«, stieß Glenda hervor und fiel neben ihr auf die Knie.

»Ich dachte, meine Zeit wäre gekommen«, sagte Delpha mit schwacher Stimme.

»Nein, es ist noch lange nicht so weit«, beschwor Glenda sie und legte einen Arm um sie. »Wir dürfen dich doch nicht verlieren.« Sie blickte mit grimmigem Gesicht den Tunnel entlang hinter Tura her.

»Tura«

»Das nächste Mal kriegen wir sie.« Glenda erhob sich. »Ethan, du wirst Delpha nach Hause tragen müssen.«

»Sicher«, erwiderte Ethan und sah nach Gus, der ebenfalls den Tunnel entlang starrte.

»Es tut mir so leid«, erklärte Gus und wandte sich Glenda zu. »Ich …«

»Wir kriegen sie beim nächsten Mal«, wiederholte Glenda und sah ihn beschwörend an. »Ist schon in Ordnung. Wir werden siegen. Wir sind die Guardia

Gus schien einen Augenblick wie benommen, dann erwiderte er erleichtert ihr Nicken.

Wir sitzen absolut in der Patsche, dachte Ethan und erhob sich, um Delpha nach Hause zu tragen.

»Das war nicht meine Schuld!« Ray, der vor Kharos’ Teufelsstatue stand, sprach hastig, als würde das helfen. »Die Guardia hat gerade versucht, Tura wieder einzufangen, aber sie haben sie nicht gekriegt. Ethan war bei ihnen, und ich glaube, Ethan gehört zu der Guardia. Ich glaube, mit ihm ist ihr Jäger endlich aufgetaucht.«

Kharos stieß sämtliche etruskischen Flüche aus, die er kannte. Es dauerte eine Weile, aber danach hatte er sich so weit beruhigt, dass er nachdenken konnte.

Also besaß die Guardia nun einen starken Jäger. Aber keinen besonders guten, wenn Tura entkommen war.

»Er hat lange gebraucht, um hierherzukommen«, sagte Ray. »Der letzte ist Ende Juli gestorben. Drei Monate. Der ist wohl zu Fuß von …«

SIND DIE MINIONS ANGEKOMMEN?

»Ja«, antwortete Ray ohne Begeisterung.

SCHICKE SIE AUS, DELPHA UND GUS ZU TÖTEN.

»Gus? Warum?«

SIE SIND DIE GUARDIA MIT DER GRÖSSTEN ERFAHRUNG. UND IHR TOD WIRD DIE ÜBRIGEN DEMORALISIEREN. Kharos lächelte bei dem Gedanken an den Kummer der Guardia, an den Geschmack dieses Kummers, der noch viel köstlicher war als bei gewöhnlichem menschlichem Vieh.

»Soll ich sie auch auf Glenda hetzen?«

GLENDA. In seiner Urne wurde es Kharos wärmer. Glenda war einst …

»Wäre doch praktisch«, meinte Ray. »Alle gleich in einem Aufwasch erledigen.«

NEIN, entgegnete Kharos. SIESCHWÄCHT DIE ANDEREN MIT IHREM ALTER.

Ray warf ihm einen seltsamen Blick zu, widersprach aber nicht. »Na gut«, sagte er nur. »Ich hetze die Minions auf Delpha und Gus. Aber es werden neue Guardia kommen, um ihre Plätze einzunehmen.«

DAS IST BEDEUTUNGSLOS. SIE WERDEN NICHT RECHTZEITIG KOMMEN.

»Außer, die Guardia organisieren sich und halten Ausschau nach ihnen.«

DAS TUN SIE NICHT. SIE WERDEN TRAUERN, VOR ALLEM GLENDA. UND HERRLICH LEIDEN. In seinem Gefängnis lächelte Kharos. Glendas Kummer war etwas Wunderbares, tief und kraftvoll. Selbst nach vierzig Jahren konnte er sich noch an diesen Geschmack erinnern …

»Also ein Ablenkungsmanöver«, sagte Ray. »Okay. Ich werde ihnen die Minions heute Nacht auf den Hals hetzen.«

DANACH KOMMST DU HER UND ERZÄHLST MIR, WIE SIE LEIDEN.

»Äh, klar«, versicherte Ray.

Kharos erwog die Tatsache, dass die Guardia nun wieder einen Jäger hatte. LASS DIE MINIONS DEN ALTEN MANN ANGREIFEN, WENN ER DIE DRACHENBAHN KONTROLLIERT. UND DANACH BEFREIE SELVANS.

»Hör mal, ich habe heute schon fast den ganzen Tag drangegeben, um die Minions herzuholen, und ich kann mir im Moment nicht noch einen vergeudeten Tag leisten. Ich hab was zu tun. Schließlich bin ich der Bürgermeister

Kharos sandte Bilder in Rays Kopf, wie seine Investitionen und damit sein Vermögen schrumpften, wie er sein Bürgermeisteramt wegen Amtsmissbrauchs verlor, wie sein Körper sich in die alte hohlbrüstige Jammergestalt zurückverwandelte, ihm das Haar ausfiel …

»Nein«, ächzte Ray, aschfahl im Gesicht. »Nimm mir das nicht weg.«

DANN VERGISS NICHT, WER HIER DER HERR IST.

»Ja, gut, ist ja schon gut, aber … tu das bitte nicht wieder.«

Schwer erschüttert erhob sich Ray, machte sich auf den Weg zu den Minions und überließ Kharos seinen Träumen.

Von den Guardia, die die Agonie ihres ewigen Versagens erleiden sollten, als Strafe dafür, dass sie ihn eingesperrt hatten, bis er sie vernichten würde.

Von Glenda, wie sie einst so jung und so lieblich und so besessen gewesen war.

Und von Vanth, kraftvoll und warm und ihm vollkommen ergeben.

Wieder draußen und frei sein. Vanth berühren, Glenda nehmen, warmes Fleisch in seinen Krallen fühlen, sich davon nähren.

Kharos spannte sich gegen sein Gefängnis an, in dem dringenden Bedürfnis, den Narren an den Hals zu fahren, die ihn gefangen genommen hatten, den Narren, die er in zwei Wochen vernichten würde.

HALLOWEEN, dachte er, aber es befriedigte ihn nicht. Es war noch so lange bis dahin.

ZWEI WOCHEN, dachte er, ZWEI WOCHEN.

Mab lag wach und starrte an die Decke, während Joe neben ihr schnarchte. Sie fühlte sich seltsam. Der Sex war wunderbar gewesen, offensichtlich besaß Joe viel Erfahrung, und sie war sogar zum Höhepunkt gekommen, warum also war sie noch wach? Es schien wie chinesisches Essen, bei dem man eine Stunde später wieder Hunger bekam, aber das war es auch nicht, denn sie war gar nicht auf mehr Sex scharf, sie fühlte sich wirklich befriedigt, aber irgendetwas fehlte …

Jemand klopfte unten an die Haustür. Seufzend glitt Mab nackt aus dem Bett. Sie schlüpfte rasch in ihren Malerkittel und in die Jeans und ging nachsehen, was los war.

Ashley stand draußen vor der Tür des Dream Cream und sah schrecklich aus.

Mab schloss die Tür auf und fragte: »Was ist denn passiert?«, und Ashley drängte sich herein.

»Es war schrecklich. Jemand hat mich angeschossen.« Sie zog ihren Mantel auseinander und blickte auf ihren Magen. Dort war eine ringförmige, blutige Wunde zu sehen, als hätte jemand ihr eine Blechdose mit scharfem Rand in den Bauch gestoßen.

»O Gott, geht das tief?«, fragte Mab und versuchte, das Hemd beiseitezuziehen.

»Nicht sehr«, erwiderte Ashley. »Du hast gerade jemanden bei dir, nicht?«

»Was?«

»Du hattest gerade Sex. Du betrügst den Kerl mit der Brille.«

»Welchen Kerl mit der Brille?« Mab wich einen Schritt zurück. »Wovon redest du?«

»Ich habe dich mit ihm gesehen, er hat dir deine Tasche gebracht«, sagte Ashley und beugte sich vor. »Er beobachtet dich, er achtet auf dich, er ist DER Mann für dich.« Sie legte eine Hand auf Mabs Kittel, über ihrer Brust, und plötzlich war da ein blaugrünes Licht, und Mab fühlte, wie bitterer, überwältigender blaugrüner Nebel in ihr aufwallte. »Du Untreue, du Betrügerin

Mab taumelte rückwärts gegen einen Tisch, und Ashley stürzte bewusstlos zu Boden. Der blaugrüne Nebel schloss sich wie eine Faust um Mabs Herz und Lunge, presste das Leben aus ihr …

»Nein«, keuchte sie und nahm den Kampf auf, stemmte ihren Willen gegen den Nebel, bis sie wieder atmen konnte, drängte die Verzweiflung zurück, die ihr befahl aufzugeben, und zwang ihr Herz weiterzuschlagen, bis das bittere Blaugrün in wilde Wut geriet und in ihr zu toben begann. Sie versuchte stolpernd, die Tür zu erreichen, aber das Blaugrün zerrte sie hinab. »Nein«, flüsterte sie atemlos und sank auf die Knie. »Nein, nein, nein …« Sie kämpfte mit aller Kraft, bewahrte innerlich Raum, damit ihr Herz schlagen konnte, damit ihre Lunge atmen konnte …

Und dann war Joe da, brüllte: »Scher dich zum Teufel, raus aus ihr!«, und das Blaugrün krümmte sich und war im nächsten Augenblick fort. Und als Mab, nach Luft schnappend, auf dem Boden liegen blieb, ließ er sich neben ihr auf die Knie fallen und zog sie in seine Arme.

Auf der anderen Seite des Raums bewegte Ashley sich und setzte sich auf.

»Raus hier!«, herrschte Joe sie drohend an, und Ashley kam auf die Füße, schüttelte ihr Haar aus und lächelte ihn an.

»Bis später«, sagte sie und verließ das Dream Cream.

»Das war ein Dämon«, stieß Mab atemlos hervor. »Sie ist in mich gefahren.« Sie bemühte sich, auf die Beine zu kommen. »Und Ashley ist von ihr besessen.«

»Ich weiß«, murmelte Joe und hielt sie fest an sich gedrückt.

»Wir müssen Ashley retten«, drängte Mab und versuchte, sich von ihm zu lösen.

»Ashley wird das überstehen«, meinte Joe beruhigend und hielt sie weiter fest, bis sie sich erschöpft in seine Arme sinken ließ. »Der Dämon wird sie wieder verlassen, und sie wird sich an nichts erinnern.«

Mab blickte ihn ungläubig an. »Woher weißt du das?«

»Ich bin ein Dämonenjäger«, erklärte Joe.