Kapitel 7

Ray ließ sich neben Kharos’ Teufelsstatue nieder, zündete sich eine Zigarre an und sagte: »Deine Meerjungfrau hat gerade jemanden umgebracht.«

Kharos kochte vor Wut. Er hatte oft Anlass, vor Wut zu kochen, seit er in seiner Urne gefangen war, und diese neue Katastrophe heizte seinen Zorn noch an.

»Es ist nicht meine Schuld«, fuhr Ray fort. »Und die Guardia sind auch nicht glücklich darüber. Du hättest ihre Gesichter sehen sollen.«

Kharos hörte auf zu kochen. SIND SIE VERZWEIFELT?

»Sie sahen … müde aus, würde ich sagen. Na, sie sind ja auch schon alt. Gus wird bald achtzig, und Delpha ist schon über neunzig. Sogar Glenda ist schon über sechzig.«

Kharos dachte darüber nach. Sie waren alt, aber auch erfahren, und sie wussten, dass Fufluns und Tura frei waren. Nun waren sie auf der Hut. Aber nicht mehr kampfeswütig, sondern müde, hatte Ray gesagt. Das hieß, dass sie das Selbstvertrauen verloren, und das war der erste Schritt auf dem Wege zur Verzweiflung.

Ray zog an seiner Zigarre. »Ich konnte Fufluns bisher nicht finden. Ich habe so viele Leute wie möglich mit Eisen berührt, aber keiner hat reagiert. Er könnte überall und in jedem stecken. Wer weiß das schon.«

Wenn Tura die Guardia in Atem hielt, war das gut. Doch es könnte noch besser sein. Noch ein Alptraum mehr bedeutete noch mehr Erschöpfung, Verwirrung, Fehler.

BRING MINIONS HIERHER.

»Was? Ach, herrje.« Ray atmete Rauch aus. »Die mag ich nicht, gemeine kleine Biester; schnattern ständig vor sich hin und stürzen sich in Horden auf alles, was kleiner ist als sie.« Wieder seufzte er. »Woher soll ich sie denn diesmal holen?«

ICH WERDE SIE RUFEN, UND SIE WERDEN ZU DIR KOMMEN. BRING SIE MIT EINEM BOOT ÜBER DEN FLUSS. LASS SIE NICHT INS FLIESSENDE WASSER FASSEN.

Ray nickte. »Weißt du, wenn wir uns etwas mehr Zeit lassen würden, nur ein paar Jahre vielleicht, dann könnten wir …«

NEIN.

Ray seufzte. »Na gut.« Er erhob sich und ging davon, marschierte über den Hauptweg, als gehörte er ihm allein oder würde ihm zumindest bald gehören.

Kharos vergaß ihn und konzentrierte seine Gedanken auf die alten Guardia, die nun bis zur Erschöpfung mit Tura und einer Invasion von Minion-Dämonen zu kämpfen hatten und dadurch in Hoffnungslosigkeit verfallen würden, und dann würde er entkommen und sie töten. Er konnte ihre Verzweiflung fast schon fühlen. So lange schon, viel zu lange, hatte er keine Nahrung mehr bekommen, viel zu lange hatte er nichts mehr gefühlt.

ABER BALD, sagte er sich selbst und wandte sich wieder seinem Plan zu, die Guardia zu vernichten und seinen Platz auf der Erde einzunehmen.

Als Mab zum Frühstück herunterkam, erwartete Cindy sie bereits, die Hände in die Hüften gestemmt. »Gestern Abend war die Ambulanz im Park«, begann sie, als Mab am Tresen Platz nahm.

»Ich weiß.« Mab legte ihren Helm auf der Platte und ihre Tasche auf dem Boden ab und versuchte, trotz einer fast schlaflosen Nacht einigermaßen normal auszusehen.

»Du siehst schrecklich aus«, meinte Cindy. »Was ist denn passiert

»Ein Kerl namens Karl hatte direkt vor dem Karussell einen Herzanfall und starb.«

»Carl Whack-a-Mole?«, fragte Cindy entsetzt.

»Nein«, erwiderte Mab. »Ein fetter Kerl. Mit Glatze. Verheiratet. Hat gestern mit Ashley herumgefummelt.«

»Ach, Karl der Treulose.« Cindy entspannte sich etwas. »Na ja, soll er in Frieden ruhen, der Drecksack. Carl Whack-a-Mole ist ein guter Kerl, aber Karl der Treulose ist kein Verlust für uns.«

»Was?« Mab fuhr zurück. Da war ein Mann gestorben, direkt vor ihrer Nase …

»Prügelt Frauen«, stieß Cindy hervor und blickte fast wütend drein. »Schläft mit allem, was Ja sagt, und geht dann nach Hause und verdrischt seine Frau. Der gemeine Schuft.«

»Oh.« Als Mab sich das überlegte, fühlte sie, wie das Gewicht, das auf ihr lastete und sie vom Schlafen abgehalten hatte, etwas leichter wurde. Sie wäre leichter darüber hinweggekommen, hätte sie Karls Leiche nicht vor sich gehabt, mit dem schlimmen Gefühl, versagt zu haben.

»Als ich herausfand, was für Abschaum er war, habe ich ihm keine Eiscreme mehr verkauft«, fuhr Cindy fort. »Da wurde er gemein und versuchte, mich mit Gewalt zu packen.«

»Was?«, rief Mab empört.

»Ich habe ihn mir mit einer Gabel vom Leib gehalten, und Gus hat ihn dann rausgeworfen.«

»Gus?«

»Manchmal ist Gus wirklich auf Zack.« Cindy blickte sie mitfühlend an. »Das muss schrecklich für dich gewesen sein, ihn da tot liegen zu sehen.«

»Das war es«, stimmte Mab zu. »Als ich danach hierherging, war ich so müde, dass ich kaum noch laufen konnte, aber trotzdem konnte ich nicht einschlafen. Ich hätte gleich mit dir reden sollen.«

Sie brach überrascht ab. Sie hatte nie mit jemandem über irgendetwas reden müssen. Sie war immer vollkommen selbstständig und unabhängig …

Cindy nickte. »Ja, natürlich, du kannst mit mir über alles sprechen. Aber du warst doch hoffentlich nicht allein, als du ihn fandest?«

»Nein, ich war mit …«

Die Tür ging auf, das Glöckchen bimmelte, und Cindy strahlte an Mab vorbei den Neuankömmling an. »Oh, hallo, und herzlich willkommen.«

Mab wandte sich um, und da war Joe und glitt auf den Barhocker neben ihr, was ihr Herz schneller schlagen ließ. Das schien ihr irgendwie dumm, aber dann beugte er sich zu ihr und küsste sie, und sie erwiderte den Kuss. Wer hätte das nicht getan?

Schließlich löste sie sich aus dem Kuss, um Luft zu holen, und drückte ihre Stirn gegen seine. Besorgt stellte sie fest, wie glücklich sie über sein Erscheinen war, aber als er dann mit einem Finger ihr Haar zurückstrich und sanft fragte: »Geht’s dir gut?«, da fühlte sie sich um so vieles besser, dass sie wieder lächelte.

»Es hat sich herausgestellt, dass Karl ein Drecksack war, einer, der seine Frau betrog und verprügelte. Nicht Carl Whack-a-Mole. Also ist er für uns kein Verlust.« Küss mich.

»Gut zu wissen«, meinte Joe und küsste sie.

Es war das beste Frühstück, das sie seit Jahren bekommen hatte.

Als sie das nächste Mal tief Luft holte, sagte er: »Ich kann nicht bleiben. Ich wollte nur sehen, ob du in Ordnung bist. Als ich gestern zurückkam, war das Tor schon verriegelt. Dabei wollte ich nicht, dass du allein bist.« Er grinste Cindy an. »Aber dann habe ich mich erinnert, mit wem du zusammenwohnst.«

Cindy erwiderte das Grinsen und errötete.

»Mir geht’s gut«, erklärte Mab, gerührt darüber, dass er versucht hatte zurückzukommen.

Er wandte seinen Blick von Cindy wieder Mab zu, als hätte er für einen Augenblick vergessen, dass sie da war, dann legte er eine Hand auf ihren Rücken und rieb ein wenig. Freundlich. Herzlich. »Also, kann ich dich dann für heute Abend zu Hotdogs und Bier überreden?«

Er lächelte sie an, mit diesem wunderbaren schiefen, warmherzigen Lächeln, das sie dahinschmelzen ließ, und hilflos lächelte sie zurück.

»Ja. Ich arbeite an dem Wahrsager-Automaten.«

»Dann werde ich dich dort abholen.« Er küsste sie wieder, und etwas Ungewohntes wallte in ihr auf, schäumte in ihr auf, und sie begriff, dass es Glücksgefühl war, nicht Zufriedenheit oder Befriedigung, sondern reines Glück. Sie erwiderte seinen Kuss, dann erhob er sich, winkte Cindy zu, holte sich rasch einen letzten Kuss und verschwand.

Mab blinzelte ein paarmal, um die Fassung wiederzuerlangen, und wandte sich dann zu Cindy um, die begeistert dreinblickte. Und neugierig.

»Ich möchte es ganz genau erfahren«, bat sie und beugte sich über den Tresen. »Das tut dir so gut

Mab atmete tief durch, um ihre Eingeweide wieder in Reih und Glied zu bringen. »Er hat mich in den Bier-Pavillon zum Abendessen eingeladen, dann sind wir auf dem Karussell in den Clinch gegangen, und dann bin ich über Karl gestolpert. Karl den Toten, nicht Whack-a-Mole-Carl.«

»Hui«, sagte Cindy, »das war vielleicht ’n erstes Date!«

»Ich glaube eigentlich nicht, dass man es ein Date nennen kann«, meinte Mab bemüht gelassen.

»Du bist auf einem Karussell abgeknutscht worden. Das ist ein Date.«

»Aber es hat mit einer toten Leiche geendet«, gab Mab zu bedenken.

»Ja, aber das war nur Karl der Treulose«, meinte Cindy. »Herzanfall, hast du gesagt?«

»Ich glaube ja, aber …« Sie zögerte, wusste, was kommen würde. »… er hatte dieses wellenförmige Zeichen auf seiner Brust …«

Cindy richtete sich abrupt auf. »Er hatte das Zeichen?« Sie schüttelte staunend den Kopf. »Mein Gott, was hast du für ein fantastisches, spannendes Leben.«

»Weil ich über Karl den Toten gefallen bin?«

»Du hast einen Roboterclown erlebt, du hast einen ganz heißen Kerl an der Angel, und jetzt bist du auch noch Teil der Parklegende. Mary Alice Brannigan, das ist die Woche deines Lebens.« Cindy strahlte sie an. »Ich würde dir ja ab sofort Eiscreme umsonst geben, aber das kriegst du ja sowieso schon.« Dann wurde sie ernst. »Hm, und wie sieht dieses Zeichen aus?«

»Einfach eine schwarze, wellige Linie.«

»Oh.« Cindy machte ein enttäuschtes Gesicht. »Ich dachte, vielleicht ein Totenkopf oder wenigstens ein großes schwarzes X. Nur eine Wellenlinie …« Sie zuckte die Schultern.

»An einem toten Kerl«, betonte Mab.

»Okay, dafür gibt’s Punkte. Möchtest du Waffeln? Ich habe ein neues Aroma, aber es ist ein Aphrodisiakum, und darüber bist du ja weit hinaus.«

»Worüber hinaus?«, fragte Mab. »Meinst du Joe? Ach, der ist nur …«

»Versuch’s gar nicht erst runterzuspielen«, fiel Cindy ihr ins Wort. »Der schnitzt wahrscheinlich gerade ein Herz mit deinen Initialen in irgendetwas hinein. Ich hoffe für ihn, dass es nichts ist, was du frisch gestrichen hast.«

Mab lachte, und Cindy blickte sie überrascht an.

»Was ist jetzt wieder?«, erkundigte sich Mab.

»Ich habe dich noch nie lachen hören.« Cindy blickte begeistert drein. »Hui. Ich habe Mab Brannigan zum Lachen gebracht.«

»Ich lache schon manchmal«, meinte Mab entrüstet, dann wurde ihr bewusst, dass sie sich nicht mehr an das letzte Mal erinnern konnte. Aber natürlich hatte sie schon gelacht. Manchmal eben. Selten. »Ich bin nicht der … emotionale Typ. Meine Mutter hat sich immer aufgeregt, wenn ich weinen musste oder wütend wurde, und da habe ich es mir abgewöhnt. Es macht das Leben um vieles einfacher, wenn man nicht auf alles gefühlsmäßig reagiert.«

»Wie, zum Beispiel, auf Joe«, sagte Cindy.

»Na ja.« Mab merkte, dass sie wieder lächelte.

»Ich finde, Dreamland tut dir sehr gut«, meinte Cindy selbstgefällig. »Also, Waffeln? Mit What-Love-Can-Do-Erdbeereis gefüllt?«

»Was ist denn in …«, begann Mab und dachte dann: Ach, was, zum Henker, und fuhr fort: »Ja. Genau das will ich.«

Cindy ging nach hinten, um die Waffeln vorzubereiten, und Mab zwang ihre Gedanken wieder dorthin, wo sie hingehörten, zurück zum Wahrsager-Automaten. Doch anstatt über Farben nachzudenken, dachte sie jetzt über Vanth nach. Vanth, das war eine neue Information, ein Name, den sie im Internet nachsehen konnte. Vielleicht gab es da sogar Bilder …

Cindy kam wieder nach vorn, und Mab fragte: »Hast du noch deinen Laptop unter der Theke?«

»Klar.« Cindy zog ihn hervor und reichte ihn hinüber.

Mab öffnete Cindys Browser und gab Vanth ein, klickte auf »Suche« in Wikipedia und las dann laut: »Vanth ist ein weiblicher Dämon der etruskischen Unterwelt.«

»Gut zu wissen«, meinte Cindy verständnislos.

»Vanth ist der Name auf dem Wahrsager-Automaten«, erklärte Mab und las dann den Rest des Eintrags, während Cindy ihre Waffeln und ihr Aphrodisiakum aufeinanderklatschte. Dann drehte Mab den Laptop herum, sodass Cindy selbst lesen konnte, ergriff den Löffel und kostete von der rosafarbenen Eiscreme, die sie kurzzeitig von Dämonengeschichten ablenkte. »Erdbeeren, Passionsfrucht und …?«

»Honig, Vanille und Zimt«, ergänzte Cindy, während sie mit halb zusammengekniffenen Augen den Artikel überflog. »Vielleicht ist sie ein Orakel. Ach, nein, ist sie nicht. Aber hier steht, sie ist freundlich. Sie hat sogar einen festen Freund. Einen Dämon namens Kharos.« Sie verzog das Gesicht.

»Was?«, fragte Mab mit vollem Mund.

»Er ist ein mieser Kerl. Der etruskische Teufel.«

»Ich werde ihr sagen, dass er nichts für sie ist.« Mab schnitt den nächsten Happen ab.

»Du sprichst mit ihr?«

Mab nickte, zog den Laptop mit einer Hand wieder zu sich her und löffelte dabei mit der anderen das Eis. »Sie antwortet. Mit Karten.«

»Mit Karten«, wiederholte Cindy. »Der Automat spricht mit Karten zu dir.«

»Mit alten Weissagungskarten. Wie die hier.« Mab griff in das Seitenfach ihrer Arbeitstasche, wo sie die Karten verstaut hatte, aber sie waren nicht dort. »Ich hatte die Karten hier.« Sie legte die Gabel beiseite und durchsuchte die anderen Fächer, aber es kamen keine Karten zum Vorschein. »Wer hat meine Karten geklaut?«

»Ich habe keine Karten gesehen«, meinte Cindy und versuchte zu verstehen.

Mab ließ die Tasche zu Boden fallen. »Bin ich denn verrückt?«

»Nein, aber hier geht etwas vor.« Cindy lehnte sich gegen die hintere Arbeitsfläche. »Karten, Herzanfälle, Roboterclowns. Vielleicht spuken etruskische Dämonen um uns herum.«

»In der Pampa von Ohio«, erwiderte Mab. »Das glaube ich nicht.« Sie spießte den nächsten Bissen auf und hielt dann inne. »Warte mal. Glendas Sohn hat da was erwähnt …«

Sie zog den Laptop näher heran und gab Fufluns ein, klickte auf »Suche« und las: »In der etruskischen Mythologie war Fufluns ein Gott des Glücks und des Wachstums aller Dinge. Später taucht er als Unterweltdämon auf und wurde im Pantheon durch Bacchus ersetzt. Spaßvogel. Abgesehen von der Dämonengeschichte.«

»FunFun?«

»Fufluns.«

Cindy runzelte die Stirn. »Er ist zuerst ein Gott und endet dann als Dämon?«

Mab zuckte die Schultern. »Hier steht: ›durch Bacchus ersetzt‹. Das ist bei den Römern der Gott des Weines und des Rausches und überhaupt des Genusses. Vielleicht waren zwei schon zu viele, weswegen Fufluns dann in den Keller verbannt wurde.«

»Abgeschoben in die Hölle.« Cindy schüttelte den Kopf. »Armer Kerl.«

Mab schloss den Laptop. »Gräme dich nicht. Es gibt ihn ja nicht in Wirklichkeit. Aber diese ganze etruskische Kiste …« Sie schüttelte den Kopf. »Das macht mich kirre.«

»Du solltest zu Delpha gehen«, meinte Cindy. »Die weiß alles. Und hat nie unrecht.«

Mab fühlte sich in Versuchung, was verrückt war. Forschend sah sie sich im Gastraum nach Anzeichen von Normalität um. Drüben saßen zwei Mütter mit kleinen Kindern und ein Rentnerpaar, das sich in Aahs und Mmms über ihre Eiscreme erging. Am Tresen hockte, zwei Stühle von ihr entfernt, der Blonde mit der schwarz gerahmten Brille mit den Coke-Flaschen-dicken Brillengläsern, den grünen Filzhut neben sich, und aß Waffeln mit Eis. Wie es wohl wäre, einer von ihnen zu sein, sich nicht mit Karl dem Toten oder etruskischen Dämonen herumschlagen zu müssen?

Abwehrend schüttelte sie den Kopf. »Ich sollte an meine Arbeit gehen.«

»Na, das wird dich wenigstens beruhigen«, meinte Cindy.

»Auf alle Fälle«, stimmte Mab zu und nahm ihre Arbeitstasche.

»Und dann holt Joe dich ab«, fuhr Cindy froh fort. »Du bist eine Frau im Glück.«

»Ja«, stimmte Mab zu und erkannte überrascht, dass sie das wirklich war.

Und wenn jemand ihr all die verrückten Erlebnisse erklären würde, sodass sie sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen müsste, dann wäre ihr Leben einfach perfekt.

»Delpha, hm?«, meinte sie, an Cindy gewandt.

»Ja, ja«, bekräftigte Cindy. »Genau, Delpha.«

»Also, na gut«, sagte Mab abschließend und eilte zur Tür hinaus.

Sie war schon auf halbem Wege zum Wahrsager-Automaten und zu Delphas Orakelbude, als sie hörte, wie hinter ihr jemand »Miss?« rief.

Sie wandte sich um.

Es war der blonde Typ mit der dicken Brille aus dem Dream Cream, der ihr, den Filzhut auf dem Kopf, nachgelaufen kam.

»Sie haben das hier vergessen«, rief er und reichte ihr den gelben Schutzhelm, wobei seine grauen Augen sie durch diese lächerlichen Brillengläser ruhig anblickten.

»Vielen Dank«, erwiderte sie, und er nickte und wandte sich wieder dem Dream Cream zu.

Mit gerunzelter Stirn sah sie ihm nach. Aus irgendeinem Grund hatte sie ihn für älter gehalten, vielleicht wegen des altmodischen Huts oder wegen der dicken Brillengläser, aber er bewegte sich wie ein junger Mann, kraftvoll und elastisch, und seine Gesichtshaut war nicht faltig, seine Augen blickten scharf.

Wie kam er dazu, seine Tage hier im Dream Cream zu verbringen?

»Ach, was«, stieß sie dann hervor und ging, um Delpha nach etruskischen Dämonen zu fragen.

Als Mab den Wahrsager-Automaten erreichte, zögerte sie. Delphas Orakelbude war gleich nebenan, aber die Chancen, Delpha an einem Wochentag dort zu finden, waren gering, und …

Sie vernahm ein Krächzen, blickte auf und erspähte Frankie auf der obersten Spitze der zeltförmigen Holzbude.

Offensichtlich war das Orakel tatsächlich zu Hause.

Sie ging hinüber und durch die Öffnung in der schmiedeeisernen Umzäunung. Vor den hölzernen Schiebetüren, die sie angemalt hatte, dass sie wie Falten einer Zeltbahn wirkten, zögerte sie und hob dann die Hand, um anzuklopfen.

»Kommen Sie rein, Mab«, rief Delpha, und Mab blickte ihre erhobene Hand an, zuckte dann die Achseln, öffnete die Schiebetüren und trat ein, wobei Frankie hinter ihr hereinflatterte.

Delpha saß an einem alten Tisch, auf dem ein Haufen Zeug gestapelt war. Frankie landete auf dem Tisch und begann, mit dem Schnabel und mit einer Klaue den Kram durcheinanderzuwerfen. Wahrscheinlich suchte er nach einem Augapfel.

»Tut mir leid«, begann Mab. »Sind Sie beschäftigt? Ich kann später wiederkommen.«

»Nein.« Delpha nahm einen Fächer aus Papier in ihre klauenförmige Hand und ließ ihn dann in den Abfalleimer neben dem Tisch fallen. »Setzen Sie sich.« Sie nahm ihren dunkelblauen Schal, faltete ihn zusammen und legte ihn auf eine Kiste auf der anderen Seite des Tisches. »Sind Sie endlich doch noch gekommen, um mich für Sie die Karten lesen zu lassen?« Sie nahm etwas anderes von dem Haufen und warf es ebenfalls in den Abfalleimer.

»Nein. Ich habe eine Frage.« Mab blickte mit gerunzelter Stirn die Kiste an. »Packen Sie zusammen? Ich dachte, Sie würden nächste Woche auch noch arbeiten.«

»Nächstes Wochenende wird jemand anderer hier sein.« Delpha wies mit dem Kinn auf einen blauen Stuhl, der von Mab passend zum Tisch angestrichen worden war. »Setzen Sie sich.« Sie krümmte einen Finger, und Frankie hörte auf, auf dem Tisch herumzuwüten, und flog stattdessen auf ihre Schulter.

»Jemand anderer?«

Delpha machte eine Geste zu dem Stuhl hin. »Setzen Sie sich. Was für eine Frage haben Sie?«

Mab zögerte und setzte sich dann. »Gestern Abend ist jemand gestorben. Cindy meinte, dass es da eine Legende gäbe, und dann hörte ich …« Sie würde nicht »Dämonen« sagen. Sie beugte sich vor. »Haben wir hier einen Killer im Park? Einen Serienmörder, der nach vierzig Jahren wieder zuschlägt?«

»Nein«, antwortete Delpha.

»Einfach nein? Ist das alles?«

Delpha betrachtete sie einen Augenblick, dann wies sie auf eine geschnitzte Holztruhe, die neben dem Tisch auf dem Boden stand.

Mab wartete ab, und als Delpha weiter nichts sagte, beugte sie sich hinüber und öffnete die Truhe. Darin lagen seidene Beutel in leuchtenden Farben, mit Schnüren verschlossen. Sie nahm einen blau-grünen Beutel heraus und leerte seinen Inhalt auf den Tisch. »Tarotkarten. Delpha, ich möchte wirklich nicht …«

»Sie decken eine Karte auf, ich beantworte eine Frage. Zehn Karten, zehn Fragen.«

»Seit ich im Park arbeite, haben Sie versucht, mich hierherzulocken. Geben Sie’s zu.«

»Ja.« Delpha lächelte, und Mab sah überrascht, wie sich ihr Gesicht verwandelte. »Und jetzt sind Sie hier. Mischen Sie die Karten.«

»Na gut.« Mab mischte und wollte Delpha das Päckchen reichen, aber die alte Dame schüttelte den Kopf. »Heben Sie ab«, befahl sie, und Mab gehorchte. »Jetzt drehen Sie die oberste Karte um.«

Mab tat es, und auf der Karte war eine schwarz gekleidete Frau mit blassem Gesicht, die ein Schwert hielt, das fast ebenso groß war wie sie, und über ihrem Kopf schwebte eine Krone. Am unteren Rand stand: Regina di Spade, und oben übersetzt: »Pik-Dame«.

»Das ist Ihre Karte«, stellte Delpha fest und blickte sehr zufrieden drein. »Sie sind die Pik-Dame, eine selbstständige, sehr intelligente und starke Frau.« Sie sah Mab eindringlich an. »Ethan ist der Pik-König.«

»Fangen Sie bloß nicht an, uns zu verkuppeln«, warnte Mab.

»Nein, er ist nicht Ihr zukünftiger Lebensgefährte und Gatte. Er ist Ihr Bruder in einem großen und nie endenden Kampf.«

»Bruder, na gut. Das andere, nein. Was geht in diesem Park vor sich?«

»Vieles«, antwortete Delpha. »Nächste Karte.«

»Ach, kommen Sie schon«, protestierte Mab. »Das war nicht fair.«

»Dann stellen Sie genauere Fragen«, meinte Delpha.

Mab dachte nach. »Gut. Fangen wir mit dem Anfang an: Hat mich die FunFun-Statue vom Parkeingang vorgestern wirklich umgerannt?«

»Ja«, antwortete Delpha.

Mab nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis. »Und wie ist das möglich?«

»Legen Sie die nächste Karte auf Ihre Karte«, verlangte Delpha, und Mab tat es.

Auf dieser Karte war so etwas wie der Wachturm zu sehen, ein großer Turm aus Stein, der gerade zu explodieren schien. Mab sah näher hin. Körper stürzten vom Turm herab.

»Das steht Ihnen bevor«, erklärte Delpha. »Veränderung. Sie wird schwer, aber sie ist gut.«

»Tja, sieht wirklich gut aus. Wie ist es möglich, dass die Statue mich umgerannt hat?«

»Sie war von einem Dämon besessen. Legen Sie die nächste Karte links neben die beiden ersten.«

»Von einem Dämon«, wiederholte Mab, irgendwie nicht überrascht.

»Die nächste Karte«, wiederholte Delpha und legte den Zeigefinger links neben die beiden ersten Karten.

Mab legte die nächste Karte ab, während sie scharf nachdachte. Die Karte zeigte einen Kerl auf einem Pferd im Schnee mit drei Schwertern im Banner, und er sah höllisch deprimiert aus.

»Sie müssen sehr einsam gewesen sein«, meinte Delpha, die die Karte ansah.

»Wann denn? Nein, halt, das ist nicht meine Frage. Also, ein Dämon hat mich mit der Statue niedergeschlagen. Ist das so was wie eine Redensart, ein Kerl, der sozusagen dämonisch böse ist …«

»Fufluns«, sagte Delpha. »Er ist ein Dämon. Die nächste Karte muss unter die anderen.«

Mab drehte die nächste Karte um: ein Mann, der zu einer fernen Stadt hinblickte, fünf Becher zu seinen Füßen. »Also Fufluns. Ist er gefährlich?«

»Manchmal«, erwiderte Delpha, die die Karten prüfend betrachtete. »Er trickst, er verführt, lügt und betrügt. Das kann gefährlich sein. Die nächste Karte muss obenauf liegen.«

Mab drehte die nächste Karte um. Sie legte sie auf die ersten beiden Karten, dorthin, wo Delpha mit dem Finger wies. Das Bild zeigte jemanden mit Brille und Hut, in der Hand eine Malerpalette, flankiert von Gemälden zweier nackter Frauen, die Münzen emporhielten. »Aber er tötet nicht, oder? Tricks und Verführung und Lügen, aber kein Tod? Er hat Karl nicht getötet?«

»Sie haben in Ihrer Vergangenheit viel Isolation und Lügen erlebt …« Delpha tippte auf die Karte unter den anderen. »Und jetzt tragen Sie die Einsamkeit mit sich herum, verschließen sich, sind von Ihrem eigenen Däm…«

»Eigentlich«, fiel Mab ihr ins Wort, »geht’s mir gut, abgesehen von der Sache mit dem Toten und mit dem Roboterclown.«

»Erfolg«, sprach Delpha und tippte auf die oben liegende Karte. »Sie sehen den Sinn Ihres Lebens in künstlerischer Betätigung. Sie verstecken sich hinter Ihrer Arbeit wie ein kleines Mädchen.«

»Hey«, protestierte Mab.

Delpha machte eine Geste zu den Karten hin, und Mab drehte die nächste um und hielt inne. Es war ein obszönes Bild, ein riesiger, lüstern blickender, nackter Teufel, der drohend über zwei ebenfalls nackten, blauen Menschen schwebte.

Frankie krächzte, und Delpha sagte: »Und hier steht Ihnen ein großes Unglück bevor.«

»Das wusste ich, als ich Karl den Toten sah«, meinte Mab. »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Hat Fufluns Karl umgebracht?«

»Nein. Legen Sie die letzten vier Karten rechts in einer Reihe von unten nach oben.«

»Wer war es dann?«

»Eine Karte.«

Mab enthüllte eine in einer grauen, öden Landschaft kauernde Frau, um die herum acht Schwerter in den Boden gerammt waren. »Wer hat Karl den Toten umgebracht?«

»Tura.«

Mab drehte die nächste Karte um und legte sie über die letzte: ein Mann vor einem Hochofen, der offensichtlich Geld machte, denn unten waren acht Münzen aufgereiht. »Wer ist Tura? Und sagen Sie bloß nicht, dass sie ein etruskischer Dämon ist.«

»Sie ist ein etruskischer Dämon«, antwortete Delpha fast abwesend, da sie die Karten prüfend betrachtete.

Mab drehte die nächste um und hielt wieder inne. Es war das Bild eines Paares, er mit einem lächerlichen Hut, sie mit glattem rötlichem Haar, die sich in die Augen blickten, während hinter ihnen ein Kind mit einem Stöckchen eine Schildkröte anstupste, und über ihnen in der Luft schwebend zehn goldene Becher.

Das bin definitiv nicht ich, dachte sie und fragte: »Wer ist Vanth

»Ein etruskischer Dämon«, antwortete Delpha. »Drehen Sie die letzte Karte um.«

Mab drehte sie um.

Da saß eine nackte Frau auf einem Felsen und goss Wasser aus einem Krug in einen Fluss. Sie hatte dunkelrotes Haar und wirkte abweisend, aber nicht unglücklich.

»Das ist Ihre Zukunft«, stellte Delpha fest und lehnte sich zufrieden zurück.

»Nackt dasitzen und Wasser in einen Bach gießen?«, wunderte sich Mab. »Na ja, das liegt zumindest im Bereich meiner Fähigkeiten. Aber jetzt genug mit diesem Dämonenzeug. Was, zum Teufel, geht eigentlich in diesem Park vor?«

Delpha blickte sie einen Augenblick ruhig an und nickte dann. »Sie haben mir gezeigt, was ich sehen wollte und musste. Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen: Als Sie die Panflöte in die Hand des FunFun auf dem Karussell steckten, wurde dadurch die eiserne FunFun-Statue am Eingangstor geöffnet, und Fufluns entwich. Karl wurde von einem zweiten Dämon getötet, von Tura, die in der Meerjungfraustatue gefangen saß. Sie bestraft Untreue.«

»Untreue? Und deswegen hat sie Karl gestern Abend umgebracht?«

Delpha nickte.

»Die Meerjungfrau hat Karl den Toten umgebracht.« Mab rieb sich die Stirn. »Hören Sie, ich glaube nicht an Dämonen. Wäre es möglich, dass irgendein Mensch das alles veranstaltet und die Dämonenlegenden zur Deckung benutzt? Könnte Karl der Tote nicht auch einfach einen Herzanfall gehabt haben? Könnte vielleicht …«

»Nein«, erwiderte Delpha. »Es sind die Dämonen. Sie fahren in Menschen, verbreiten Hoffnungslosigkeit und Schmerz, brechen ihnen das Herz, vergiften ihre Gedanken und töten sie von innen. Sie …«

»Nein«, wehrte Mab ab, die die Geduld verlor, »Schluss mit den Fantastereien, das hier ist wirklich geschehen. Wir müssen dem ein Ende setzen, diesen …«

»Wir tun unser Bestes.« Delpha lehnte sich zurück und sah noch erschöpfter aus als sonst. »Die Guardia bekämpft den Dämon. Aber wir sind nur wenige, und wir werden alt. Es müssen neue, junge Guardia berufen werden, wenn wir dieses Mal siegen sollen.« Sie blickte Mab fest an. »Junge, starke Guardia

»Sie haben also eine geheime Dämonenbekämpfungsgesellschaft.« Mab gab es auf. »Großartig. Hören Sie, ich muss die Polizei anrufen oder so.«

»Sie wären eine gute Guardia«, meinte Delpha.

»Ich bin überhaupt kein Vereinsmeier«, wehrte Mab ab und überlegte, was sie tun sollte.

Delpha nahm die Karte mit dem Teufel in die Hand. »Es steht Ihnen großes Unglück bevor, und Sie werden Veränderungen hinnehmen und kämpfen müssen. Es wird Dunkelheit herrschen. Der Teufel wird versuchen, Sie zu vernichten, Sie müssen kämpfen, um zu sehen …«

»Ich muss jetzt gehen.« Mab schob ihren Stuhl zurück, aber Delphas Hand schoss vor und packte ihren Arm, während Frankie seinen Kopf senkte und ihr in die Augen starrte.

»Ihre Stärke liegt darin, wie Sie die Dinge sehen. Sie müssen alle Dinge immer mit offenem Herzen und offenem Verstand ansehen. Lassen Sie sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen. Sehen Sie die Wahrheit

»Das tue ich sowieso«, erwiderte Mab. »Bei meiner Arbeit muss man das.«

»In den letzten vier Karten steht die Wahrheit«, fuhr Delpha fort, als hätte Mab nichts gesagt. »Die erste zeigt, wie Sie sich selbst sehen, einsam und in der Falle sitzend.«

»Ich finde nicht …«

»Die zweite zeigt, wie die Leute Sie sehen, wie stolz und erfolgreich Sie mit Ihrer Arbeit sind. Die dritte zeigt Ihre Hoffnungen und Träume …«

Mab blickte auf das glückliche Paar hinab. Ich kenne Joe doch noch gar nicht.

»… in eine Familie eingebunden, nicht mehr allein. Und die letzte …« Delpha ließ Mabs Arm los und griff nach der Karte. »Die letzte ist Ihre Zukunft, Mary Alice Brannigan. Hoffnung. Ausgeglichenheit. Harmonie und Ruhe nach dem Sturm.«

»Ach.« Mab atmete tief durch. »Na, das hört sich gut an. Keine Dämonen.«

»Aber nur, wenn Sie den Teufel besiegen«, schloss Delpha und ließ die Karte wieder auf den Tisch fallen.

»Na klar, den Teufel besiegen und die Welt retten.« Mab erhob sich.

»Sie haben noch eine Frage«, sagte Delpha. »Eine persönliche Frage. Es geht um einen Mann.«

Joe. »Nein …«

Delpha nahm die Karte mit dem Paar in die Hand. »Sie möchten wissen, ob er Ihre wahre Liebe ist. Geben Sie mir Ihre Hand.«

Mab zögerte, setzte sich dann wieder und legte ihre rechte Hand in Delphas.

»Die andere«, sagte Delpha, und Mab legte ihre linke Hand in Delphas.

Delpha fuhr mit einem Finger mit perfekt manikürtem Fingernagel, in Königsblau lackiert und mit winzigen goldenen Sternchen besetzt, über Mabs Handfläche. Dann blickte sie Mab in die Augen, bis sich ihr Blick verlor. Nach einer Minute ließ sie Mabs Hand los und lehnte sich zurück. »Ihre wahre Liebe ist hier. Der, den Sie immer lieben werden. Sie haben ihn schon kennengelernt.«

»Aha, so ein Glück«, meinte Mab und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Sonst noch etwas, was ich wissen sollte? Denn ich muss jetzt wirklich …«

»Sein Name ist Joe.«

Mab versuchte, den Sprung, den ihr Herz tat, zu ignorieren. »Sie machen wohl Witze. Sie können Namen sehen?«

»Nein, ich habe Sie den Namen in der Zukunft sagen hören«, erwiderte Delpha. »Sie werden im Sonnenschein vor dem Dream Cream stehen und lachen und seinen Namen sagen. Aber er ist nicht das, was Sie glauben.«

»Das sind sie doch nie«, erwiderte Mab und erhob sich wieder. »Also dann vielen Dank …«

»Sie sind sehr stark«, unterbrach Delpha sie. »Die Guardia wird Sie brauchen, um die Dämonen zu besiegen.«

»Ich glaube nicht an Dämonen«, entgegnete Mab.

»Sie werden noch an sie glauben.« Delpha überlegte. »Da war noch was. Ich glaube …«

Frankie hüpfte von ihrer Schulter auf den Tisch, und sie wühlte in dem Durcheinander von Dingen auf dem Tisch.

»Ich brauche eigentlich nichts«, meinte Mab, und dann hielt Delpha die große Schlaufe eines blau-grünen Bandes mit einem kleinen grünen Stein daran in die Höhe.

»Das werden Sie brauchen«, verkündete Delpha und reichte es ihr.

Mab betrachtete den Stein. Ein gut zwei Zentimeter langes, dunkelgrünes Stück, das vage in der Form eines Kaninchens geschnitten war.

»Das ist ein Häschen aus Malachit«, sagte Delpha.

»Ein Häschen«, wiederholte Mab und bemühte sich um einen fröhlichen Ton.

»Malachit hält das Böse fern.« Delpha nickte. »Das werden Sie noch brauchen. Wenn sie kommt.«

»Sie«, wiederholte Mab verständnislos.

Delpha nickte und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Mab schob die Schiebetüren zur Seite und ging hinaus.

Die Sonne schien, und diese ganze Die-Dämonen-sind-los-Wahrsagerei sollte ihr eigentlich im hellen Licht betrachtet noch viel lächerlicher vorkommen, vor allem dieser seltsame Malachit-Hase in ihren Händen, mit dem sie angeblich irgendeinen weiblichen Dämon abschrecken sollte, aber …

Sein Name ist Joe, hatte Delpha gesagt, und das hatte sie so erschreckend glücklich gemacht. Nein verdammt, Joe machte sie glücklich. Nun ja, Joe machte jeden Menschen glücklich, das war einfach seine Art, aber …

Dämonen.

»Das war vollkommene Zeitverschwendung«, sagte sie streng zu sich selbst und ging wieder an ihre Arbeit.