3
Freundinnen wie Sureya kommen immer wie gerufen.
Allerdings habe ich sie heute direkt nach dem Aufstehen angerufen. Um sie zu bitten, die Kinder in die Schule zu bringen. Ich wollte mich nicht den hämischen Blicken von Cassies Hexenklub aussetzen.
Als Sureya kam, stopfte ich mir ein paar gebrauchte Taschentücher in die Hand, um meine Lüge, ich sei zu erkältet, um die Kinder in die Schule zu bringen, glaubhaft zu machen. Aber Sureya kennt mich viel zu gut und fiel keine Sekunde lang darauf herein. Und bei mir dauerte es ebenfalls keine Sekunde, bis die Tränen kullerten. »Es tut mir furchtbar leid. Dass ich neulich am Telefon so hässlich zu dir war und ... alles.«
»Schon vergessen. Du gehst jetzt zu mir«, befahl Sureya. »Dort wartest du auf mich ... Und setz schon mal Wasser auf.« Sureya hätte ein Nein nicht gelten lassen. Sie warf mir ihren Haustürschlüssel zu, schnappte sich die Kinder und sauste los.
Ich sah ihnen nach, zog dann meine Jacke an und machte mich auf den Weg zu Sureyas Haus.
Als sie kam, erzählte ich ihr von Richard. Alles. Jetzt, nachdem ich fertig bin, sieht sie aus, als würde sie jeden Moment explodieren ... oder so. Ich habe sie noch nie so schockiert und wütend erlebt. Schockierend wütend.
»Ich könnte mich selbst in den Hintern treten. Ich habe dich mit meinem ganzen Optimismus voll gesülzt, als du mir diese Rechnung gezeigt hast. Du darfst nie wieder auf mich hören, verstanden? Mensch, dass ich auf der Feier nichts bemerkt habe! Sonst habe ich immer ein gutes Gespür für versteckte Anzeichen.«
»Sureya, vergiss es einfach. Ich habe die Anzeichen auch ignoriert, obwohl ich sie direkt vor der Nase hatte, schriftlich, mit dem Briefkopf vom Langham Hilton Hotel.«
»Ich begreife das nicht, Fran«, sagt Sureya, über den Tisch gebeugt, den Kopf in die Hände gestützt. Man könnte meinen, sie wäre von ihrem Ehemann verlassen worden. »Richard hat für dich so eine tolle Geburtstagsparty ausgerichtet. Das ergibt einfach keinen Sinn. Liebt er diese andere Frau?«
Ich gehe über den Umstand hinweg, dass Richard und ich nicht über diese andere Frau gesprochen haben, indem ich das Thema wechsle. Ich berichte Sureya von der jungen Frau im Park.
Danach ist sie außer sich, wie ich erwartet hatte. »Diese widerlichen, bösen Weiber haben einen langsamen und qualvollen Tod verdient für das, was sie dir angetan haben. Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil ich nur meine Schwangerschaft im Kopf hatte und dich dabei sträflich vernachlässigt habe.«
»Blödsinn. Schließlich ist es nicht deine Aufgabe, mich vor den AREI-Hexen und Richard vor seinem herumwildernden Schwanz zu beschützen. Du kannst überhaupt nichts dafür. Verstanden?«
Sureya reagiert oft sehr emotional. Im Moment gewinnen ihre Hormone wieder die Oberhand, und sie fängt an zu weinen, was mich ebenfalls dazu animiert. Würden uns Außerirdische durch die Jalousien beobachten, würden sie uns sicher für bescheuert halten. Während sie unzählige Gefäße mit einer heißen braunen Flüssigkeit in sich hineinschütten, führen sie über mehrere Erdstunden ein Gespräch, in dessen Verlauf sie manchmal die Gesichter verziehen und kleine Tropfen aus ihren Augen treten. Offenbar haben sie keine Kontrolle über diese Flüssigkeitsproduktion.
»Bitte, lass uns jetzt über dich reden«, sage ich zu Sureya, nachdem wir unsere Tränen abgewischt haben. »Ich habe dir noch gar nicht gesagt, wie sehr ich mich für dich freue. Ich finde es wirklich toll, dass du schwanger bist.«
»Ich weiß.« Sureya lächelt und sieht großzügig darüber hinweg, dass ich das Thema wechsle. »Weißt du, ich kann selbst nicht glauben, dass ich bereits in der vierundzwanzigsten Woche bin.«
»Du machst Witze. Letzte Woche warst du doch noch in der einundzwanzigsten Woche, oder?«
»Ach, du kennst doch die Ärzte«, entgegnet Sureya in unbekümmertem Ton. »Man gibt ihnen die Daten, und dann heißt es, man hat sich verrechnet. Als würde ich meinen eigenen Zyklus nicht kennen. Ganz schön beknackt«, beendet sie das Thema mit einer wegwerfenden Geste. »Es ist einfach so: Das Baby kommt, wenn es kommt. Was sind schon ein paar Wochen? Wen interessiert das?« Sie stößt ein fröhliches Lachen aus, um ihren Standpunkt zu unterstreichen. Der überhaupt keinen Sinn ergibt, wenn ich ehrlich bin.
»Bist du sicher, dass mit dir alles okay ist?«, frage ich.
»Natürlich.« Wieder dieses Lachen.
Ich habe das Gefühl, dass Sureya eine Spur zu fröhlich wirkt, wenn Sie verstehen, was ich meine, aber ich werde aus ihr nicht schlau. Ich ärgere mich über mich selbst. Hätte ich vorhin mal einen richtigen Blick auf sie geworfen, wäre mir bestimmt aufgefallen, dass sie trotz ihrer dunklen Gesichtsfarbe blass wirkt und dass unter ihren normalerweise strahlenden Augen dunkle Schatten liegen.
»Willst du denn gar nichts erzählen? Was ist mit Büchern zum Thema Schwangerschaft und so?« Sureya liebt Sachbücher. Sie hat ein ganzes Zimmer voller Regale mit Sachbüchern.
»Wird schon alles gut gehen.« Sie lenkt erneut von sich ab. »Ich möchte dich was fragen, Fran. Das, was diese Weiber gesagt haben, ist es wahr?«
»Was, dass Richard mich verlassen hat? Natürlich ist es wahr.«
»Nein, ich meine, dass du ... ab und zu gerne mal zu tief ins Glas schaust.«
Ich habe natürlich gewusst, wie Sureyas Frage gemeint war. Und ich habe vorhin die Ereignisse am Wochenende in leicht verkürzter Form wiedergegeben – ich habe zum Beispiel ausgelassen, in welchem Zustand Richard mich am Samstag vorfand.
»Natürlich ist das nicht wahr«, widerspreche ich entrüstet, als hätte ich Cassie vor mir, die mich fragt, ob es wahr sei, dass ich Fertigsaucen verwende. »Sehe ich etwa aus wie eine Alkoholikerin?«
»Tut mir leid, tut mir leid, natürlich nicht. Jedenfalls nicht mehr als ich. Obwohl, ich bin zurzeit abstinent.« Sureya tätschelt ihren Bauch, der noch ziemlich winzig ist. Sie sieht noch längst nicht schwanger genug aus, dass ihr automatisch ein Sitzplatz in der Bahn angeboten wird.
»Gott, Sureya, das macht mich noch ganz verrückt«, bricht es plötzlich aus mir heraus, und ich schlage damit eine völlig ungeplante Richtung ein.
»Was denn?«, erwidert sie.
»Die Vorstellung, dass ich vielleicht ein Alkie bin. Seit dem Gespräch mit Natasha letzte Woche –«
»Dieses Miststück«, zischt Sureya.
»Ich habe ihr ein bisschen anvertraut, und sie hat daraus diese Diagnose erstellt und, nun ja, das hat mir zu denken gegeben – es hat mir keine Ruhe mehr gelassen, wenn du es wissen willst. Ich habe ein Alkoholproblem, nicht wahr? Ich bin reif für die Entzugsklinik.«
Und nun, nachdem ich es gesagt habe – nachdem ich es endlich offen gesagt habe –, spüre ich nichts als eine große Erleichterung. Wie wenn man einen fetten, überreifen Pickel ausgedrückt hat. Ein krasser Vergleich, aber das Gefühl ist das Gleiche.
»Du hast dieser Gans von deinem Vater erzählt, nicht wahr?«, fragt Sureya mit ruhiger Stimme und legt dabei den Arm um meine Schulter. In all den Jahren, die wir uns kennen, habe ich mit ihr nur einmal über meinen Vater gesprochen, aber so etwas vergisst Sureya nicht.
Und nachdem sie ihn nun erwähnt hat, muss ich so sehr weinen, dass ich nicht mehr sprechen kann. Ich nicke und schlage die Hände vors Gesicht.
»Und jetzt hast du Angst, dass es dir genauso ergehen könnte?«
Sie bringt es auf den Punkt.
»Sprich mit mir darüber, Fran. Offen und ehrlich.«
Ich sammle mich kurz und beginne dann zu erzählen. Offen und ehrlich. Dass in den Wochen vor meiner Party mein Alkoholkonsum immer mehr gestiegen ist – wie aus dem einen Glas Wein am Abend zwei oder drei wurden. Dass ich versäumt habe, die Kinder von der Schule abzuholen, weil ich meinen Rausch ausschlief. Und wie Richard mich nach unserem Ausflug in den Park vorfand.
»Der Gedanke ist mir unerträglich, Sureya«, sage ich, ohne mit dem Weinen aufhören zu können. »Also habe ich nicht darüber nachgedacht, sondern mir stattdessen einen Drink genehmigt. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was mit mir los ist.«
Sureya gibt keine Antwort, sondern holt tief Luft und weicht einen Schritt vor mir zurück. Himmel, ist sie jetzt auch gegen mich?
»Okay, Fran, ich möchte dir jetzt ein paar Fragen stellen, und ich möchte, dass du ehrlich antwortest«, sagt sie schließlich mit entschlossener Stimme.
Ich nicke kurz.
»Wie viel trinkst du am Tag?«
»Keine Ahnung. Das ist unterschiedlich. Ich zähle nicht mit.«
»Zählst du nicht mit oder hast du den Überblick verloren?«
»Nein, so schlimm ist es nun auch wieder nicht«, entgegne ich. »Nun ja, mal abgesehen von Samstag. Das war einfach ...«
»Die Hölle?«, ergänzt Sureya fragend, als ich nicht weiterrede. »Das kann ich mir vorstellen. Aber trotzdem, Fran, sag mir, wie viel hast du heute schon getrunken?«, bleibt sie hartnäckig.
Plötzlich habe ich ein bisschen Angst. Ausgerechnet vor Sureya! Verrückt, aber es ist so.
»Noch gar nichts. Bis jetzt jedenfalls«, füge ich unheilvoll hinzu.
»Wie fühlst du dich morgens? Woran denkst du, wenn du aufstehst?«
»Daran, dass ich die Kinder zur Schule bringen muss, was ich ihnen in die Lunchbox packe, das Übliche eben. Warum?«
»Zitterst du oder hast du Schweißausbrüche? Hast du das Bedürfnis nach einem Drink?«
»Direkt nach dem Aufstehen? Hast du einen Knall? Ich bekomme morgens nicht einmal einen Kaffee herunter«, erwidere ich und wische mir die Tränen aus dem Gesicht.
»Okay, wann trinkst du normalerweise dein erstes Glas, und ist es dann so, dass du anschließend nicht mehr aufhören kannst und immer weitertrinken musst?«
»Nun ja, Samstag schon ...« Ich schäme mich bei der bloßen Erinnerung daran.
»Aber das war kein normaler Tag, nicht wahr? Oder ist das schon mal vorgekommen?«
»Nein, noch nie.«
Sureya macht eine Pause und schüttelt den Kopf. »Diese verfluchte Natasha«, sagt sie nach einer Weile. »Was denkt die sich eigentlich?«
»Was meinst du?«
»Was gibt dieser blöden Kuh das Recht, solche Schlüsse zu ziehen – und dann auch noch in die ganze verdammte Welt hinauszuposaunen? Die hat doch keine Ahnung, wovon sie redet. Alkoholismus ist – wie jede Sucht – eine sehr komplexe Angelegenheit. Und Natasha ist keine Ärztin, die sich damit auskennt.«
»Du aber auch nicht, Sureya«, entgegne ich. Sie gibt Theaterkurse, aber im Moment hört sie sich an, als wäre sie ein Gründungsmitglied der Anonymen Alkoholiker. Am liebsten würde ich lachen, aber ich traue mich nicht.
»Entschuldige, aber ich weiß durchaus, wovon ich rede«, widerspricht Sureya empört.
»Du hast Theaterwissenschaft studiert, und nicht Medizin«, sage ich zögernd.
»Ja, aber ich habe in meinem Studium ein Praktikum in einer Suchtklinik gemacht.«
Jetzt – während ich mir ausmale, wie Sureya Junkies beizubringen versucht, mit der Nadel eins zu werden – muss ich mich doch sehr beherrschen, um nicht loszuprusten. Vielleicht sind es die Nerven, vielleicht ist es auch einfach nur witzig. Ich kann es nicht sagen.
»Du kannst ruhig lachen ...«
Ja, ich befürchte, das könnte passieren.
»... aber ich habe damals viel mitbekommen. Und ich habe viel gelernt. Ich weiß jedenfalls mehr darüber als die doofe Natasha. Jeder Experte wird dir sagen, dass regelmäßiger Alkoholkonsum eine Abhängigkeit darstellt. Demnach wären die meisten Erwachsenen alkoholsüchtig. Aber richtiger Alkoholismus – also das Unvermögen, ohne Alkohol zu funktionieren – ist etwas ganz anderes. Und glaube mir, du bist keine Alkoholikerin.«
»Nicht?«
»Nein. Und du darfst nicht denken, dass du automatisch so enden wirst wie dein Vater. Alkohol ist ein Trostpflaster, zu dem wir greifen, wenn wir unter Stress stehen. Und sag mir, wann hattest du jemals so viel Stress wie im Moment?«
Ich zucke die Achseln.
»Siehst du? Es hätte mich gewundert, wenn du in letzter Zeit nicht öfter zur Flasche gegriffen hättest. Ich wette, du qualmst auch mehr als sonst.«
Sie hat recht, ich rauche wirklich mehr. Ich verspüre Erleichterung, weil diese Worte von Sureya kommen. Das, was sie sagt, hat nämlich Hand und Fuß. Und sie ist die Therapiekönigin. Wenn es nach Sureya ginge, müssten wir alle in Therapie, weil wir Schuhe und Strümpfe tragen. (»Aber warum verstecken Sie Ihre Füße? Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie ohne Socken frieren. Das ist eine klassische Jungsche Verdrängung.«) Aber im Moment erspart sie mir ihre Ich-glaube-du-brauchst-eine-Therapie-Rede.
»Außerdem warst du schon einmal in so einem Zustand«, sagt sie stattdessen. »Weißt du noch, nach Thomas’ Geburt ...?«
Wie könnte ich das je vergessen?
»Deine postnatale Depression –«
»Falls das überhaupt eine war«, bemerke ich, da mein Zynismus instinktiv wach wird.
»Deine postnatale Depression hat Monate gedauert. Wir saßen damals oft zusammen, und dabei tranken wir immer ein, zwei Gläser Wein. Hättest du die Veranlagung zur Alkoholikerin, wärst du es bereits damals geworden. Dann wäre deine Trinkerei so schlimm geworden, dass wir dich jetzt für eine Lebertransplantation anmelden müssten.«
Sureya deutet mein Schweigen richtigerweise als Skepsis und redet weiter, im Bestreben, mich zu überzeugen.
»Du hast eine Depression, meine Liebe. Du bist gestresst und hast ein ernsthaftes Defizit an Selbstachtung, aber du bist keine Alkoholikerin. Bis dahin ist es noch ein weiter Schritt. Oh Mann, je mehr ich darüber nachdenke, umso wütender macht mich das. Natasha kennt dich gerade mal zehn Minuten. Wie kommt sie dazu, so eine Aussage zu treffen? Sie soll sich um ihr eigenes Leben kümmern, statt das anderer zu zerpflücken. Man müsste mit ihr Mitleid haben, wenn sie nicht so eine Schlange wäre.«
Sureyas Worte machen mir meine Dummheit wieder schmerzhaft deutlich bewusst. Was habe ich mir nur dabei gedacht, mein Herz einer Fremden auszuschütten, statt einer wahren Freundin wie Sureya?
»Es tut mir leid, Sureya«, sage ich.
»Was denn?«
»Ich hätte schon früher mit dir reden sollen.«
»Ja, allerdings. Aber wir reden ja jetzt. Sag mal, du warst doch ehrlich zu mir, oder? Was das Trinken betrifft, meine ich.«
»Ich schwöre.«
»Gut. Aber ich werde in Zukunft ein Auge auf dich haben. Beim ersten Anzeichen von Stress suchen wir Dallas auf, meinen guten, alten Therapeuten.«
Ich verschlucke mich beinahe. »Ich werde sicher zu keinem Therapeuten gehen, der Dallas heißt!«
»Na schön, dann finden wir eben einen John für dich«, erwidert Sureya lachend und umarmt mich fest. »Du weißt, ich bin immer für dich da, Fran, ja?«
Ja, das weiß ich.
»Ich werde ab sofort meine gesamte Energie auf dich konzentrieren. Das ist ohnehin besser, als mir wegen Michael Gedanken zu machen.«
»Was meinst du damit? Ich dachte, ihr beide seid ein glückliches Paar?«
»Das sind wir auch ... Aber man weiß ja nie, was Männern so alles einfällt, nicht wahr? ... Michael ist in New York. Er hat den ersten Flieger heute Morgen genommen. Woher will ich wissen, dass er sich nicht ein junges Ding aus Manhattan anlacht?«
»Das ist völlig abwegig. Nicht Michael.«
»Wie kannst du dir so sicher sein? Es ist noch nicht lange her, da habe ich genau dasselbe von Richard behauptet. Sag also niemals nie.«
»Hör zu, Michael würde so etwas niemals tun. Er ist verrückt nach dir«, sage ich mit überzeugter Stimme.
Ich bitte Sie, schließlich reden wir hier von Sureya. Welcher Mann wäre nicht verrückt nach ihr?
Es ist Mittag, und Sureya hat für uns Sandwiches gemacht. Ich trinke ein Glas Weißwein dazu – allerdings nur ein kleines. Sureya trinkt Kräutertee. Was sonst.
Während des Essens überkommt mich eine große Rührung. Meine zwei besten Freundinnen sind schwanger – und beide haben ihre eigenen Gründe, deswegen gestresst zu sein –, und dennoch kümmern sie sich um mich. Ich beschließe, mich von nun an zusammenzureißen. Ich werde für die beiden da sein. Das sage ich auch Sureya.
»Das ist mein Ernst«, füge ich hinzu. »Wenn du Hilfe brauchst, ich bin für dich da. Das verspreche ich dir.«
»Das weiß ich, Fran.« Sureya lächelt, und obwohl sie erschöpft wirkt, sehe ich in ihren Augen Liebe.
Was mich natürlich erneut zum Weinen bringt.
»Lass es einfach heraus«, tröstet sie mich. »Ich habe dir gesagt, dass Reden gut tut. Du solltest das öfter beherzigen.«
Hängt ganz davon ab, mit wem man redet. Am Beispiel von Natasha sieht man ja, was es mir gebracht hat.
Im Gegensatz zu Natasha ist Sureya eine Freundin, die diese Bezeichnung verdient. Es ist eine Freundschaft, die sich im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt, ohne dass man merkt, wie eng man zusammenwächst. Nicht eine Freundschaft, die über wenige Tage hinweg mit gefüllten Oliven und Pimm’s zwangsernährt wird.
Dieses Sich-alles-von-der-Seele-Reden hat bewirkt, dass ich mich wieder gelöster, beinahe ausgelassen fühle, ein Zustand, der mir gefällt. Besser, als Frust zu schieben, wie das in letzter Zeit zu oft bei mir der Fall war. Vielleicht ist ja an diesem Blödsinn, dass Reden hilft, doch was dran.
Am liebsten würde ich Sureya um den Hals fallen. Diese schöne, selbstlose Frau, die mehr als genug eigene Probleme hat, war bereit, den ganzen Vormittag und einen halben Nachmittag zu opfern, um sich meinen Mist anzuhören.
Warum muss ich immer die fürchterlichste Person im Raum sein?
Warum kann ich das Grübeln nicht einmal kurz sein lassen und einen Blick um mich werfen und sehen, dass ich wunderbare Freundinnen habe? Und warum reicht das nicht, um mich glücklich zu stimmen?
Aber ich bin doch glücklich!
Nun ja, jedenfalls kann ich mich glücklich schätzen. Mein Leben könnte viel schlimmer sein. Ich habe ein wunderbares Haus, zwei hinreißende Kinder und zwei beste Freundinnen, um die mich jede Frau beneiden würde. Was kann ich mehr verlangen, ohne unverschämt zu werden ...? Nun, einen treuen, liebenden Ehemann vielleicht ...?
Aber, nein, ich werde mich glücklich schätzen, selbst wenn es mich umbringt. Sureyas Optimismus wirkt auf mich ansteckend, und ich beschließe, in Zukunft das Leben nach dem Motto zu betrachten, dass das Glas halb voll ist.
Und als ich den Blick darauf richte, ist es auch so. Ich habe kaum einen Tropfen angerührt.
»Denkst du, dein Glas wäre noch so voll, wenn du eine Alkoholikerin wärst?«, fragt Sureya, die meine Gedanken ahnt.
»Danke für die gründliche Diagnose, Frau Doktor«, scherze ich halb-voll-mäßig, »aber ich glaube, die Sprechstunde ist jetzt vorbei.«
Lachend stehen Sureya und ich auf. Es ist Zeit, die Kinder abzuholen.
Sureya schlingt die Arme um mich und drückt mich fest.
Meine fabelhafte Freundin. Und sie bekommt ein Baby! Ich kann es gar nicht erwarten, Summer davon zu erzählen. Sie wird begeistert sein. Dann können sie und Sureya gemeinsam einen dicken Bauch bekommen.
Es fällt mir schwer, den Schulhof zu betreten. Ich habe das Gefühl, als würden die Augen von vierhundert Müttern auf mir ruhen. Wie weit hat Natasha ihr Gift verspritzt? Doch das Gespräch mit Sureya hat mir geholfen. Es kommt mir vor, als hätte sie mir ein Stück Selbstachtung zurückgegeben. Und jetzt ist sie an meiner Seite, was mir die Kraft gibt, den Kopf aufrecht zu tragen. Na ja, eigentlich trage ich eine Baseballmütze, und mein Kopf ist leicht gesenkt, aber Sie wissen schon, wie ich das meine.
Nach zehn Metern trennt sich Sureya von mir und geht weiter in Richtung Kindergarten. Ich bin jetzt auf mich alleine gestellt. Mit eiligen Schritten nähere ich mich der Grundschule, ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen ...
Ich habe es fast geschafft. Der Flur vor Mollys Klassenzimmer ist leer. Ich bin heute die Erste. Ich werde mir Molly schnappen, bevor der Mob auftaucht ...
Doch der Umstand, dass ich weder einen Blick nach links noch nach rechts werfe, hat zur Folge, dass ich Mrs Gottfried erst wahrnehme, als sie vor mir steht. Sie versperrt mir den Weg.
»Mrs Clark«, sagt sie mit schnarrender Stimme. »Haben Sie über unser Gespräch letzte Woche nachgedacht?«
Wie aufs Stichwort platzt in diesem Augenblick eine Horde Mütter durch die Doppeltür hinter uns herein. Jetzt haben wir ein Publikum, was mir den Vorwand liefert, Mrs Gottfried mit Herablassung zu begegnen.
»Das ist jetzt weder die richtige Zeit noch der richtige Ort, oder, Mrs Gottfried?«
Ich kann nicht glauben, dass ich ihr Kontra gebe. Ich habe zwar immer noch einen Höllenrespekt vor ihr, aber es ist ein gutes Gefühl, mich ihr gegenüber zu behaupten. Sie sieht mich wütend an, als hätte sie mich gerade dabei erwischt, wie ich FUCK SHIT FOTZE WICHSER in riesigen Buchstaben an die Flurwand sprühe ...
Das wär doch mal eine Idee.
Das war ein Scherz. So etwas würde ich nie tun. Die Spraydosen sind viel zu teuer. Ich müsste Kreide verwenden.
»Bitte, rufen Sie mich an«, sagt Mrs Gottfried. Es ist keine Bitte, sondern ein Befehl. »Diese Angelegenheit ist noch nicht zur Zufriedenheit aller geregelt ... der Rektor teilt übrigens meine Bedenken.«
»Reis- und Bohnenfressääär!«, schreie ich, als sie auf dem Absatz kehrtmacht und davonmarschiert.
Natürlich tue ich das nicht. In Wahrheit schlottern meine Knie. Zum Glück habe ich eine weite Hose an. Gott, dass fünf Minuten in der Grundschule so anstrengend sein können.
Mrs Poulsen stößt die Tür zum Klassenzimmer auf. Ich drängle mich mit den anderen Müttern hinein und schnappe die Hand meiner Tochter. Wir gehen zum Sportplatz, um Thomas zu suchen. Die Freiheit ist ganz nah ...
Wie durch ein Wunder taucht mein Sohn plötzlich neben mir auf, und wir gehen gemeinsam zum Ausgang. Oder soll ich sagen rennen? Aus dem Augenwinkel habe ich nämlich soeben das Wohnzimmer auf Rädern erspäht. Die nymphenhafte Natasha schiebt es schwungvoll an, während sie sich beeilt, mich einzuholen, ein Kind im Buggy, die anderen zwei in ihrem Windschatten.
Sie gibt alles, das muss man ihr lassen. Ich werde sie nicht abhängen können, außer wir fangen wirklich an zu rennen, und wie würde das denn aussehen?
»Fran, ich habe Sie ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen!«, ruft Natasha fröhlich und leicht außer Atem.
Ich drehe den Kopf zu ihr und mustere sie. Heute trägt sie Manolo Blahniks. Und unfassbar, aber wahr: Ihr Haarband passt farblich zu ihrer schokoladenbraunen Handtasche. Diese Frau hat wirklich ein Händchen für Accessoires.
»Wie geht es Ihnen«, fragt Natasha mich.
Wo soll ich anfangen, du hinterhältiges, falsches Tratschweib ...?
»Meine Güte, wo soll ich anfangen? Es ist so viel passiert!«, plappere ich los, als wäre ich Unternehmerin des Jahres und der Aktienkurs meiner Firma hätte sich über Nacht verdreifacht, und ich hätte nebenbei nicht nur die menschliche Genetik entschlüsselt, sondern auch fünfzehn Zentimeter hohe Stilettos entworfen, in denen das Gehen ganz leicht fällt.
Mein Ton bringt Natasha vermutlich aus dem Konzept. Schließlich hat sie das ganze Wochenende damit verbracht, jedem, der es hören wollte, zu erzählen, dass ich das menschliche Äquivalent zu einem abbruchreifen Gebäude bin, und jetzt stehe ich hier und strahle pure Heiterkeit aus. Ich glaube nicht, dass sie erwartet hat, mich so fröhlich zu sehen.
Ich hätte Schauspielerin werden sollen.
Aber Natasha ebenfalls. »Oh, das ist super!«, flötet sie und gerät kurz ins Stolpern, während sie versucht, mit uns Schritt zu halten. »Sie müssen mich unbedingt besuchen kommen und mir alles ausführlich erzählen.«
»Mummy«, keucht Molly. »Warum läufst du so schnell?«
»Ich will Thomas einholen.«
Thomas ist ein gutes Stück vor uns. Wieder einmal danke ich Gott für die Erfindung der Playstation. Sie ist der Grund, weshalb Thomas es immer eilig hat, nach Hause zu kommen.
»Was meinen Sie?«, fragt Natasha. »Heute zum Tee bei mir? Das wird bestimmt lustig. Ich kann auch wieder Pimm’s besorgen!«
Sie bricht in ihr ansteckendes Lachen aus. Ansteckend wie das Ebola-Virus.
»Ein anderes Mal.« Ich lächle sie kurz an, während ich einen kleinen Vorsprung heraushole. »Wir haben heute ein volles Programm.«
»Und der Herbstbasar?«, ruft sie mir hinterher, während ich meinen Vorsprung immer weiter ausbauen kann. »Wir müssen uns zusammensetzen und uns darüber unterhalten.«
Oh ja, wir müssen uns allerdings unterhalten. Wir müssen ausführlich darüber sprechen, was für ein hinterhältiges Aas du bist. Wir müssen herausfinden, was die Worte »Vertrauen«, »Diskretion« und »Freundschaft« für dich bedeuten, denn ich glaube, wir benutzen unterschiedliche Wörterbücher.
Aber ich belasse es bei: »Ja, ich muss mich jetzt beeilen, tschüss.«
Als ich die Haustür hinter mir schließe, spüre ich süße Erleichterung durch meinen Körper rieseln. Aber die Freude hält nicht lange an. Der Anrufbeantworter blinkt mir entgegen. Ich höre ihn ab.
»Fran ... hier ist Isabel ...«
Oh, fuck!
»Wo zum Henker bleibst du? Ich sitze hier mit drei Verantwortlichen von Sony, die auf dich warten. Ich weiß nicht, wie lange wir sie noch hinhalten können. Ich bete zu Gott, dass der Umstand, dass du nicht zu Hause bist, bedeutet, dass du auf dem Weg hierher feststeckst oder so. Leider ist dein Handy ausgeschaltet. Komm, bitte ... so schnell wie möglich.«
Oh, fuck, fuck, fuck.
Die zweite Nachricht:
»Fran ... Nein, ich mache das, Izzy ...«
Diesmal ist es Harvey.
»... Fran, schönen Dank, dass du uns vor unseren Geldgebern wie zwei absolute Vollidioten hast aussehen lassen. Bestimmt freut es dich zu hören, dass die Herren mittlerweile wieder gegangen sind. Das werde ich dir nie verzeihen, weißt du. Darauf kannst du Gift nehmen. Oh, und solltest du glauben, dass du jemals wieder auch nur einen verdammten Werbespot machen wirst, und sei es nur zehn Sekunden lang für Teebeutel ... Das kannst du dir abschminken. Und darauf kannst du ebenfalls Gift nehmen.«
»Wer war das, Mummy?«, fragt Molly mich.
Gevatter Tod, denke ich. »Niemand«, sage ich.
»Und warum hat der Mann so gebrüllt?«
Ich ignoriere ihre Frage. Ich umklammere das Treppengeländer, bis meine Knöchel weiß hervortreten. Am liebsten würde ich schreien ...
Wie konnte ich nur so dämlich sein? So dämlich und nur auf mich selbst fixiert. Von mir selbst besessen. Da verquatsche ich den halben Tag und rede über nichts anderes als mich, mich, mich. Reden hilft, was, Sureya? Sie muss geisteskrank sein, denn das Einzige, was Reden bewirkt, ist, dass man den Termin vergisst – VERGISST! –, der einem das Leben rettet.
Was für ein saublödes, sinnloses Durcheinander.
Harvey wird mir das nie verzeihen? Ich mir ebenfalls nicht.
Während des Abendessens konnte ich mich noch gerade so vor Molly und Thomas zusammenreißen. Ich kümmerte mich nicht darum, dass sie ihre Hausaufgaben machten. Deshalb saßen sie vor dem Fernseher, während ich in der Küche eine nach der anderen rauchte.
Was ist schon dabei, wenn die Kinder den ganzen Abend lang fernsehen dürfen? Das war bei meinen Freundinnen und mir früher nicht anders, als wir noch Kinder waren, und es hat uns nicht geschadet. Genau das sagte ich mir, während ich mir die nächste Zigarette anzündete. Doch als ich genauer darüber nachdachte – und mir vor Augen hielt, wie sehr ich mich gehen ließ –, kam mir kurz der Gedanke, dass ich vielleicht zu viel von meiner Jugend vor dem Fernseher verschwendet habe. Das gab den Ausschlag. Ich scheuchte die Kinder nach oben ins Bad und las ihnen anschließend eine Geschichte vor. Nun, jedenfalls hörte Molly mir zu, während Thomas sich in seinem Zimmer einschloss.
Die Kinder sind jetzt seit einer halben Stunde im Bett. Ich sitze unten im Wohnzimmer und hadere mit mir selbst.
Wie zum Teufel konnte ich nur so dämlich sein?
Schließlich war das kein Zahnarzttermin, sondern ein Treffen mit den Vertretern einer großen Filmgesellschaft. Ein Vorsprechtermin für eine Rolle in einem richtigen Kinofilm. Zugegeben, ein totaler Klamaukfilm, aber das ist nicht der Punkt. Außerdem hätte ich die Rolle ohnehin nie bekommen, weil meine Stimme völlig eingerostet ist, aber das ist ebenfalls nicht der Punkt.
Ich hätte wenigstens zu dem Termin erscheinen können.
Ich muss an Summer denken, die jetzt in LA ist und morgen ihre Probeaufnahmen hat. Sie wird sicher nicht vergessen, dort zu erscheinen.
Ich greife nach der Zigarettenschachtel und zünde mir die nächste an. Ich will mir gerade einen Wein einschenken, den ich jetzt dringend nötig habe, als das Telefon klingelt. Ich will nicht drangehen. Es ist bestimmt wieder Harvey, der mich noch einmal persönlich zur Schnecke machen möchte. Aber der Anrufer bleibt hartnäckig, und da ich nicht will, dass die Kinder aufwachen, nehme ich schließlich ab.
»Hallo, spreche ich mit Mrs Clark?«
Oh, verpiss dich, du blöder Telefonverkäufer. Siehst du nicht, dass ich vollauf damit beschäftigt bin, mich selbst zur Sau zu machen?
»Wer ist da?«, frage ich, bereit, loszulegen.
»Hier ist Ron. Ron Penfold. Von Crystal Palace.«
»Ron!«
Aber er hat bestimmt keine guten Neuigkeiten, oder? Er ruft bestimmt nur an, um mir zu sagen, dass ich als Mutter nichts tauge, weil ich die Fußballkarriere meines Sohnes vermasselt habe.
»Ich war ein wenig enttäuscht, weil Sie sich nicht rechtzeitig vor dem Auswahltraining bei mir gemeldet haben ...«
Sehen Sie? Was habe ich Ihnen gesagt?
»... aber Ihr Junge ist ein ganz besonderes Talent, und ich möchte, dass der Verein ihn sich genauer anschaut.«
»Tut mir leid«, sage ich kläglich, »ich habe dummerweise das Datum verwechselt.«
»So etwas kann passieren ...«
Ja, ich bin mir sicher, dass es landauf, landab Mütter gibt, die die Träume ihrer Kinder zerstören, weil sie keinen Kalender lesen können.
»... Ich hatte schon angenommen, Sie hätten kein Interesse. Wissen Sie, manche Eltern sind gar nicht begeistert, wenn ihr Sohn nur noch Fußball im Kopf hat. Die wollen lieber, dass die Jungs sich auf die Schule konzentrieren.«
»Nein, nein, keinesfalls. Ehrlich, ich habe mich nur im Datum –«
»Keine Panik«, unterbricht Ron mich lachend, da er meine Verzweiflung spürt. »Janice hat mir ausgerichtet, dass Sie angerufen haben, also bin ich davon ausgegangen, dass Sie und Thomas doch Interesse haben.«
»Ja, ja«, sage ich hektisch, wobei es mir egal ist, wie verzweifelt ich klinge.
»Okay, normalerweise läuft es nicht so, aber ich habe mit Terry Kember gesprochen – er ist der Leiter der hiesigen Fußballakademie. Er macht am Samstag ein Training mit der Jugendmannschaft, und er sagt, wenn Sie Thomas hinbringen, wird er ihn sich näher ansehen. Sind Sie damit einverstanden?«
Ob ich damit einverstanden bin? Hat der einen Knall? Nein, natürlich hat er keinen Knall. Ron ist ein Engel. Okay, ich übertreibe ein wenig, aber am liebsten würde ich Rons Heiligenschein küssen, denn ich bin mir sicher, er hat einen.
»Ja, ja, natürlich«, stammle ich begeistert. »Samstag. Wir sehen uns dann am Samstag.«
Ron lacht erneut. Ich liebe diesen Mann. »Gut, kommen Sie um zehn Uhr. Dann kann Thomas Terry zeigen, was er draufhat, und danach unterhalten wir uns weiter. Wie klingt das?«
»Das klingt großartig, einfach super –« L-a-n-g-s-a-m, Fran. »In Ordnung«, sage ich schließlich – mit fast normaler Stimme.
»Langsam verstehe ich, woher Thomas seine Energie hat, Mrs Clark.«
»Nennen Sie mich bitte Fran.« Ich liebe diesen Mann wahrhaftig!
Ron lacht erneut, und ich höre einen leichten Akzent heraus – ja, aus seinem Lachen. Vielleicht die Midlands ... oder Black Country ... Oh, wen kümmert das schon?
»Gut. Ich schicke Ihnen noch eine Wegbeschreibung per Post, aber es ist ganz leicht zu finden – der Sportplatz ist in Beckenham ...«
Beckenham? Wo zum Teufel ist das?
»... Falls es Probleme gibt, rufen Sie mich an. Ich gebe Ihnen meine Handynummer ...«
Ich schnappe mir einen Stift, und als ich Rons Nummer notiere, bemerke ich, dass meine Hand zittert. Aber es ist ein gutes Zittern. Ich platze fast vor Glück. Mein Herz schlägt schnell, und ich spüre, wie das Blut durch meinen Körper gepumpt wird, von einem Organ zum nächsten und zum übernächsten und zum überübernächsten. Reines Adrenalin. Die beste Droge, die der Menschheit bekannt ist. Ich brauche und will jetzt keinen Wein mehr. Während ich das Glas zurück in den Schrank stelle und den Wein wieder in den Kühlschrank, verspüre ich ein Triumphgefühl. Was sagst du dazu, Natasha? Erzähl das doch mal deinen Busenfreundinnen von der Schule.
Nach dem Telefonat mit Ron gehe ich leise nach oben und öffne Thomas’ Zimmertür. Ich spähe in die Dunkelheit hinein. Ich kann nichts erkennen, aber ich höre sein regelmäßiges Atmen von seinem Nachtlager unter der Zimmerdecke. Ich kann ihn jetzt nicht aufwecken.
Die beste Neuigkeit der Welt, und ich kann sie ihm nicht mitteilen.
Egal. Dann warte ich eben bis morgen früh. Das Frühstück wird der Knaller.
Mit einem Lächeln im Gesicht lasse ich mich auf die Couch sinken.
Ich schalte den DVD-Player an. Goodfellas. Der drittbeste Film aller Zeiten, wie Richard sagt, an der Spitze nur verdrängt von den ersten beiden Teilen von Der Pate. Ich werde so tun, als würden wir ihn uns gemeinsam anschauen. Ich werde so tun, als wäre das ebenfalls mein drittliebster Film. Vielleicht ist er das ja hinterher.
Alles in allem war der Tag nicht so übel, angesichts der Umstände.
Gut, es gab ein, zwei Tiefschläge, aber ...
Meine Devise lautet ja nun: Das Glas ist halb voll.
Und dabei steht nicht einmal eins vor mir.