13. Kapitel
Sobald sie aus dem Ei geschlüpft sind, fangt ihr an, euch um eure Jungen Sorgen zu machen. Wirklich schwierig ist aber, zu erkennen, wann ihr die kleinen Vögelchen aus dem Nest stoßen und wann ihr sie drinnen behalten und euch auf sie setzen müsst.
So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei Enkelinnen.
Dougal lehnte an der Stallwand. Der Abendwind strich ihm durchs Haar, sein Blick hing am Haus direkt vor ihm. Geistesabwesend betrachtete er die Qualität des Gemäuers, die hübsche Einlegearbeit aus Marmor, die die Stufen vor der Eingangstür zierte, und das Spiegelbild der untergehenden Sonne in den Fensterscheiben.
Im schwindenden Tageslicht hob Shelton einen der Sättel auf und trug ihn zu einem Sattelhalter. Er nahm eine Bürste aus einem in der Nähe stehenden Eimer, öffnete eine kleine Flasche und war schon bald damit beschäftigt, mit rhythmischen Bewegungen das Leder zu polieren.
Dougal ignorierte seinen Knecht, er war mit seinen Gedanken bei den Bewohnern des Hauses. In Wirklichkeit dachte er nur an eine bestimmte Bewohnerin. Eine goldhaarige, schelmische, verführerische, kämpferische Frau.
Nachdem Sophia ihn davon überzeugt hatte zu bleiben, war er auf Poseidon ausgeritten - hauptsächlich um seinen eigenen Körper abzukühlen. Auf dem Pferderücken hatte er auch über die Gründe nachgedacht, aus denen er in diesem verdammten Haus blieb.
Zuerst war es die Neugier gewesen, herauszufinden, was Sophia und ihre Dienstboten vorhatten. Dann hatte ihn die Herausforderung hier festgehalten, die eine schöne Frau ihm bot, und der er noch nie hatte widerstehen können. Doch nun, am Ende, war es Sophia selbst. Er war fasziniert von ihr und bewunderte ihr Temperament und ihre Entschlossenheit.
Ein kluger Mann hätte auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre gegangen. Ein wirklich kluger Mann wäre nicht das Risiko eingegangen, Sophia so anzuschauen, wie er es tat. Doch Dougal genoss den Anblick weiblicher Schönheit mehr als alles andere, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.
Er liebte ihr goldenes Haar und träumte davon, wie es sie beide bedeckte, wenn sie mit gespreizten Schenkeln auf ihm saß und ihn bis zur höchsten Ekstase ritt. Er stellte sich vor, dass er sich die langen, seidigen Strähnen um seine Hände schlang, wenn er sie zu dem riesigen Bett in seinem Londoner Stadthaus führte. Er malte sich aus, wie sich die glänzenden Locken auf den glatten Laken des Betts in seinem Landsitz in der Nähe von Stirling ausbreiteten.
Seit er Sophia MacFarlane zum ersten Mal gesehen hatte, konnte er kaum noch an etwas anderes denken. Doch heute Abend würde sich das ändern. Endlich konnte er sich von all den Fantasien, wie es wohl sein mochte, befreien. Denn er würde erfahren, wie es wirklich war.
„Sieht aus, als würd’s heut Nacht heiß werden“, bemerkte Shelton, während er den Sattelknauf abrieb.
Dougal warf ihm einen kurzen Blick zu. „Du ahnst nicht einmal annähernd, wie heiß es werden wird.“
Ohne seinen Herrn anzusehen, spuckte Shelton auf seinen Lappen und rubbelte heftig an einem der Ledergurte herum. „Vielleicht nicht. Aber ich weiß, dass Sie die letzten Tage ein bisschen durcheinander war’n. Mehr, als ich’s jemals vorher erlebt hab.“
Dougal zuckte mit den Schultern. „Ich habe eben viele Dinge im Kopf, über die ich nachdenken muss.“ Selbst während seines Ausritts heute Morgen hatte er an nichts anderes denken können, als daran, wie sich Sophias Lippen auf seinem Mund angefühlt hatten, ihre Brüste unter seinen Fingern, ihre Hüften ...
Nervös verlagerte er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, während er voller Unruhe darauf wartete, dass der offizielle Teil des Abends begann. Er zog seine Taschenuhr hervor und schnippte den Deckel auf. Viertel nach fünf. Bis zum Dinner musste er noch eine Stunde und fünfzehn Minuten herumbringen.
Er hatte den Nachmittag mit Sophia verbracht, die ihm die Führung durch das „echte“ Haus zuteilwerden ließ. Dougal war über die Qualität der Tapeten erstaunt gewesen, die sich unter der Schicht aus Wachs und Asche verbargen, über die eleganten Möbel auf dem Dachboden, über die Vertäfelungen, die gestrichen worden waren, um die feine Maserung zu verbergen, über einen Marmorfußboden, auf den man hässliche Teppiche gelegt hatte, über Türen, die mit Tricks dazu gebracht worden waren, schrill zu quietschen, und über Dielenbretter, die man mit dem Brecheisen bearbeitet hatte, bis sie knarrten.
Sophia hatte kaum etwas gesagt, während sie ihm den wahren Zustand von MacFarlane House zeigte. In gewisser Weise war es traurig, ein so elegantes, prächtiges Haus seinem Neffen zu schenken, der noch fast ein Kind war. Es war ein Haus, geschaffen, um darin zu leben, darin zu lachen und darin zu lieben.
Daran hatte Dougal denken müssen, während er Sophia durch die Räume gefolgt war. Angus wiederum war hinter ihm hergetappt. Deshalb hatte Dougal sich darauf beschränken müssen, Sophia anzusehen. Er konnte sie kaum in der Gegenwart des Dieners berühren. Besonders ihr wohlgeformtes Hinterteil fesselte seinen Blick, während er ihr aufwärts und abwärts durch Flure und über Treppen folgte.
Bei der Erinnerung an diese Momente wurde seine Hose eng, und wieder öffnete er den Deckel seiner Uhr.
Shelton schnalzte mit der Zunge. „Sie seh’n zu oft auf die Uhr. Das bringt Unglück. Ham Sie Angst, zu spät zum Dinner zu kommen?“
„Nein. Ich habe vor, mit Miss MacFarlane Karten zu spielen. Mein Einsatz wird das Haus sein.“
Shelton ließ seinen Lappen fallen. „Sie spiel’n um das Haus? Aber Sie ham es vor nicht mal ’nem Monat gewonnen! Warum denn bloß? Dies Land is mehr wert als Ihr Anwesen bei Stirling! “
Nachdem er sich die Ländereien angeschaut hatte und den wahren Zustand des Hauses kannte, war Dougal geneigt, ihm zuzustimmen. Die Besitzurkunde für MacFarlane House war tatsächlich weitaus mehr wert, als er ursprünglich angenommen hatte.
Fassungslos schüttelte Shelton den Kopf. „Sie sind mondsüchtig, Mylord. Mondsüchtig und von allen guten Geistern verlassen.“
Dougal schnaubte. „Ich habe meine Gründe, um das Anwesen zu spielen.“ Er blickte zum Haus hinüber und bemerkte eine Gestalt hinter einem der Fenster im ersten Stock. „Wenn wir morgen abreisen, werde ich die Besitzurkunde immer noch in der Tasche haben. Darauf kannst du dich verlassen.“
Kopfschüttelnd hob Shelton seinen Lappen vom Boden auf und schüttelte ihn aus. „Ich hätt Sie heut Morgen nicht mit der Miss im Garten sprechen lassen dürfen. Ich wusste, dass das so endet, dass wir noch ’nen Tag bleiben. Mindestens.“
„Sie ist wunderschön“, bemerkte Dougal grinsend.
„Ich hab nie ’ne schönere Frau geseh’n“, stimmte Shelton ihm im Brustton der Überzeugung zu. „Und das is der Grund, weshalb Sie vorsichtig sein müssen. Sie wird Sie völlig verrückt machen, und eh Sie sichs verseh’n, könn Sie ’ne Drei nicht mehr von ’nem Buben unterscheiden, Sie verlier’n und spiel’n auch noch um Ihr Haus in London.“ „Ich werde vorsichtig sein. Und jetzt muss ich mich umziehen. “
„Sehr wohl, Mylord. Aber wenn Sie das Haus verlier’n ...“
Dougal warf ihm einen strengen Blick zu und zog die Augenbrauen hoch.
„Is schon gut“, seufzte Shelton. „Sie ham so viele Häuser, da kommt’s auf eins mehr oder weniger nicht an.“
Dougals Stolz würde es allerdings treffen, wenn er das Haus verlor. Was nur ein weiterer Grund war, weshalb er unbedingt gewinnen musste - und zwar auf eine Weise, die das Verhältnis zwischen Sophia und ihm ein für alle Mal klärte.
Zur selben Zeit hatte Sophia in ihrem Zimmer ihr Bad beendet und damit begonnen, sich für das Dinner anzuziehen.
Ihr Kleid war aus schwerer rosafarbener Seide, die ihrer Haut im goldenen Kerzenlicht genau den richtigen Schimmer verlieh. Die einzige Verzierung war ein breites blassblaues Band, das den Stoff unter ihren Brüsten zusammenhielt. Dazu trug sie mit funkelnden Steinen geschmückte Schuhe, die wunderbar zu dem Kleid passten.
Hätte sie irgendwelche Zweifel wegen des Kleides gehegt, hätte Marys Reaktion sie sofort zerstreut. Die Dienerin hatte sie mit offenem Mund angestarrt, dann ihre Hände zusammengeschlagen und mit andächtiger Stimme verkündet, Sophia sehe aus wie ein Engel. Das war zwar nicht unbedingt der Eindruck, den Sophia erwecken wollte, aber sie bedankte sich dennoch bei Mary für das Kompliment.
Die Bedienstete steckte Sophias Haare zu einem wilden Durcheinander aus Locken auf, die wie ein Wasserfall über eine Schulter fielen. Dann trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. „Himmel“, hauchte sie. „Sie seh’n zum Niederknien aus, das is wirklich wahr!“
„Vielen Dank“, sagte Sophia. „Soll ich meine Perlen dazu tragen? Die falschen Diamanten sind zu auffällig. “ „Ich würd nix dazu tragen als das, was Gott Ihnen mitgegeben hat. Vertrau’n Sie mir, Miss. Sie seh’n wunderschön aus.“
„Vielen Dank, Mary“, wiederholte Sophia. „Ich muss gestehen, ich bin wegen heute Abend ein bisschen nervös.“ „Das kann ich gut versteh’n. Ich wette, Seiner Lordschaft geht’s genauso. Er kann schließlich sein Haus verlier’n, während Sie Mary stockte, und zwischen ihren Brauen tauchte eine tiefe Falte auf. „Was is denn Ihr Einsatz, Miss? Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht.“ Sophia wandte sich ab und schaute in den Spiegel. „Red sagte, ich könne Wechsel ausstellen.“ Natürlich hatte Dougal sich geweigert, Schuldscheine als Einsatz zu akzeptieren, aber das ging niemanden außer ihr etwas an.
Marys Stirn wurde wieder glatt. „Nun, wenn er damit einverstanden is. Sie werd’n Seiner Lordschaft ein ziemliches Sümmchen versprechen müssen. “
„Das kann man wohl sagen.“
Bedenklich schüttelte Mary den Kopf. „Einer von Ihnen beiden wird vom Spieltisch aufsteh’n und so wütend sein, dass er Feuer spuckt.“
„Und das werde nicht ich sein“, erklärte Sophia lächelnd.
„Ich könnt mir denken, dass MacLean dasselbe sagt“, erwiderte Mary trocken. „Schau’n Sie noch bei Ihrem Vater rein, bevor Sie nach unten geh’n?“
„Ja. Inzwischen wird er wohl wieder wach sein.“
„Das is er, aber nur halb. Der Doktor lässt ihn ziemlich viel Arznei schlucken.“ Mary strich ihre Schürze glatt. „Während Sie nach Mr MacFarlane seh’n, werd ich mich um das Dinner kümmern. Ein gutes Dinner. “
Sophia stieß einen erleichterten Seufzer aus. Heute Abend wollte sie auf keinen Fall wieder Sherry auf nüchternen Magen trinken. „Vielen Dank, Mary.“
Die Dienerin schnaubte. „Es wird Spaß mach’n, mal wieder ein anständiges Essen zu servieren. Der erste Gang kommt in fünfzehn Minuten auf den Tisch. “
Nachdem Sophia sich einen dünnen Seidenschal um die Schultern gelegt hatte, machte sie sich auf den Weg zu Reds Zimmer.
„Da bist du ja“, begrüßte er sie mit schläfriger Stimme. „Ich seh, dass du schon zum Abendmahl umgezogen bist. Komm und lass dich anschauen.“
Gehorsam durchquerte sie den Raum und stellte sich neben sein Bett.
Er ließ seinen Blick über sie wandern, doch ihm fielen immer wieder die Augen zu. Schwach tätschelte er ihre Hand. „Tut mir leid, mein Mädchen. Von dem verdammten Laudanum sind meine Lider ganz schwer. “
„Dann schlaf.“ Die Schmetterlinge in ihrem Bauch flatterten unruhig herum, aber sie ignorierte sie. Sie konnte die Sache regeln, denn sie wusste genau, was sie zu tun hatte. „Ich werde schon mit MacLean fertig.“
Red lachte leise in sich hinein. „Du bist genau wie ich. Wir lieben das Abenteuer. “
„Ich werde das Haus zurückgewinnen, das verspreche ich“, beteuerte Sophia und umklammerte Reds Hand ein wenig fester.
„Gutes Mädchen.“ Wieder senkten seine Lider sich zuckend über die Augen. „Besuche mich, bevor du nachher zu Bett gehst. Ich will wissen, wie es ausgegangen ist.“
„Das mache ich.“ Sie legte ihre Hand auf seine Stirn. „Und jetzt schlaf, Red. Mamas Haus ist uns sicher.“
Er lächelte ihr schlaftrunken zu, dann wurden seine Atemzüge ruhiger, und im nächsten Moment schlief er tief und fest.
Leise schloss Sophia die Tür hinter sich und lehnte sich von außen dagegen. Sie würde das Spiel gewinnen, weil sie es einfach musste. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.
An diesem Gedanken hielt sie sich fest, während sie nach unten ging, wo MacLean auf sie wartete.
Dougal stellte sein Glas neben der Brandykaraffe ab. Der Brandy stand auf dem Tablett, auf dem noch gestern der Sherry seinen Platz gehabt hatte. Nachdem er von diesem Getränk gekostet hatte, nahm Dougal sich vor, Sophia nach dem Inhalt des Weinkellers zu befragen. Wenn dort noch mehr Köstlichkeiten wie diese lagerten, würde er darüber nachdenken, den gesamten Vorrat aufzukaufen.
Er warf einen Blick auf die Uhr, welche über dem Kamin hing. Sophia verspätete sich. Mit gerunzelter Stirn schaute er aus dem Fenster. In der Scheibe spiegelten sich die Kerzenflammen, der Umriss seiner Gestalt und das Zimmer hinter ihm. Wenn er sich leicht dem Licht zuwandte, konnte er sich selbst in seinem besten Jackett bewundern, über dem die aufwendig gebundene Krawatte hell schimmerte. Seine Haare waren vom Bad noch feucht, sein Gesicht wirkte angespannt. Dougal rieb sich mit der Rechten über das Kinn und erinnerte sich plötzlich daran, wie sich Sophias Wange unter seinen Fingerspitzen angefühlt hatte. Sofort versteifte sich sein Körper. Er drehte sich vom Fenster weg, griff erneut nach seinem Glas und nahm einen großen Schluck Brandy.