8. Kapitel

Wenn ihr euch erst einmal entschlossen habt, etwas zu tun, ist es besser, über den kleinen Hügel der Eile zu stolpern, als eure Köpfe an den schroffen Felsen der Tatenlosigkeit zu stoßen.

So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei Enkelinnen.

Eine Stunde später kam Dougal zu dem Schluss, das Sophia MacFarlane tatsächlich eine halbe Zigeunerin war. Obwohl Poseidon Sophias Braunem zweifellos überlegen war, konnte Dougal gerade so eben mit ihr mithalten. Es gelang ihr sogar, manchmal die Führung zu übernehmen, was ihn verdammt ärgerte.

Hätte er sich in der Gegend besser ausgekannt, hätte er diesem Unsinn natürlich sofort ein Ende gesetzt. Doch so verlockend es auch war, der kleinen Hexe zu demonstrieren, wer besser reiten konnte, wollte er Poseidon nicht der Gefahr einer Verletzung aussetzen.

Der Anblick von Sophias biegsamem Körper auf dem vor ihm galoppierenden Pferd hatte ihn so verwirrt, dass sich über ihnen am Himmel dunkle Wolken zusammengeballt hatten. Doch dann wurde Dougal klar, dass es gewisse Vorteile hatte, wenn die kecke Miss MacFarlane vor ihm ritt. Auf diese Weise bot sich ihm die Gelegenheit, den erfreulichen Anblick ihrer schmalen Taille und ihrer kurvigen Hüften von hinten zu bewundern.

Genüsslich ließ Dougal seinen Blick dort verweilen. Seine Irritation ließ weiter nach, als er ihr dunkelblaues Reitkostüm bewunderte, dessen strenge Linien ihre Figur nachzeichneten und ihre herrlichen Hüften noch unterstrichen, während sie mit flatternden Röcken vor ihm im Damensattel dahingaloppierte. Ein modischer Hut mit einem langen, wehenden Schleier, den sie auf gekonnte Weise ein wenig schief trug, vervollständigte das Bild.

Noch nie war Dougal einer Frau begegnet, die sich ihrer Schönheit so wenig bewusst war. Sophia leuchtete von innen heraus, ebenso wie ihr Äußeres funkelte und schimmerte. Es fiel ihm äußerst schwer, sich immer wieder daran zu erinnern, dass sie ihn mit allen Mitteln aus MacFarlane House vertreiben wollte.

Als sie aus dem kleinen Wäldchen hinausritten, zügelte sie ihr Pferd und wartete, bis Dougal neben ihr war. Nun bewegten sich beide Tier nebeneinander im Schritt. Sophia schaute hinauf zu den Wolken, die sich am Himmel aufgetürmt hatten, jetzt aber langsam weiterzogen. „Kurz habe ich gedacht, es würde anfangen zu regnen.“

Er betrachtete die weiße Seide, die den tiefen V-Ausschnitt ihrer Jacke einfasste und ihr Dekollete höchst verführerisch umrahmte. „Ich glaube nicht, dass dies passieren wird.“

Als sie ihn anschaute, erschienen ihm ihre Augen noch türkisfarbener und leuchtender als sonst, weil sie die Farbe ihres Kostüms widerspiegelten. „Aber der Himmel...“ Sie blickte nach oben und runzelte die Stirn. „Wie seltsam, plötzlich ist es wieder ganz hell und klar! Noch vor zehn Minuten sah es aus, als würden wir gleich ein Gewitter bekommen.“

„Der Wind hat sämtliche Wolken fortgeblasen.“

„Ja, aber ... “ Ihr Blick ruhte auf ihm, und in seinen grünblauen Tiefen war Misstrauen zu erkennen.

„Aber was?“, erkundigte er sich freundlich.

Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. „Nichts“, murmelte sie. „Wir sollten umkehren, es wird langsam zu heiß.“

Die reizende Sophia hatte also vom Fluch der MacLeans gehört. An diesen Aspekt seines Lebens dachte Dougal nur, wenn er dazu gezwungen war. Daher ignorierte er ihre offensichtlich Neugierde und sagte nur: „Es wird tatsächlich immer wärmer.“

„Wir sollten die Pferde auf dem Rückweg im Schritt gehen lassen.“ Sie beugte sich vor und tätschelte den Hals ihrer Stute.

Dougal war höchst erfreut über den noch besseren Blick auf ihr Dekollete, der sich ihm nun bot. „Ich wäre bereit gewesen, den ganzen Weg im Schritt zu reiten.“ Er ließ Poseidon ein kleines Stück nach vorn gehen, bis die Köpfe der beiden Tiere auf gleicher Höhe waren. „Sie waren diejenige, die unbedingt in wildem Galopp durch die Gegend reiten wollte.“

Sophia straffte ihren Körper und verzog die Lippen zu einem zufriedenen Lächeln. „Sie sind es nicht gewohnt, dass jemand etwas besser kann als Sie, stimmt’s?“

„Nein“, erklärte er unverblümt. „Poseidon könnte Ihrer Stute problemlos davonlaufen, und das wissen Sie auch. Aber ich riskiere keinen Galopp über Felder, die ich nicht kenne. Es könnte Kaninchenbauten geben.“

„Natürlich. Kaninchenbauten. Ich verstehe.“

Er runzelte die Stirn und wollte gerade seine Bedenken noch weiter ausführen, als er das Funkeln in ihren Augen bemerkte. Das kleine Luder verspottete ihn. Aus irgendeinem Grund hob das seine Laune, und er musste lächeln. „Meine liebste Sophia, führen Sie einen Sünder nicht in Versuchung. Ich habe weder Angst vor Ihnen noch vor Ihrem Pferd, und das wissen Sie verdammt genau.“

„Mir ist klar, dass Sie eine gute Begründung dafür haben, dass Sie sich nicht auf ein Rennen einlassen wollen“, erwiderte sie mit ernster Stimme, während in ihren Augen ein Lachen zu erkennen war. „Ich bin nur nicht sicher, was der wahre Grund ist. “

„Nun, die Begründung, weshalb ich nicht mit Ihnen um die Wette reiten will, ist die Möglichkeit, dass den Tieren etwas passieren könnte. Und der wahre Grund ist, dass ich so lange wie möglich die Finger von Ihnen lassen will. Und das wird sehr viel schwieriger, wenn wir erst einmal wieder im Haus sind.“

Sie zog die Brauen hoch, ihre Wangen röteten sich leicht. „Oh.“

Douglas kräuselte die Lippen. „Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein? Nachdem Sie sich so aufgeplustert haben? Sie sind eine echte Landplage, meine Dame.“

„Das bin ich nun wirklich nicht.“

„Keine Frau sieht sich so, und doch sind die meisten eine wahre Plage.“ Er deutete auf eine Baumgruppe auf der anderen Seite des Tals. „Sagen Sie mir, gibt es viele Bäume auf dem Anwesen?“

„Es gibt einige kleine Wäldchen, doch das restliche Land wird von Pächtern genutzt. Unsere Pächter bringen gute Ernten ein. Während der vergangenen Jahre haben wir einige Verbesserungen vorgenommen, und das neue Bewässerungssystem war während der regenarmen Zeit sehr hilfreich.“

In ihrer Stimme schwang Stolz mit, jene Sorte von Zufriedenheit, die sich nach einigen Jahren einstellte, wenn man einen Besitz erfolgreich verwaltet hatte. Dougal kannte diesen Ton, weil sein Bruder Hugh fast vor Besitzerstolz platzte. Man konnte mit diesem Mann kaum sprechen, ohne ständig zu hören zu bekommen, wie viele Scheffel von diesem oder jenem er produzieren konnte, wie viele Kälber das Licht der Welt erblickt hatten, und was der unerwünschten Informationen mehr waren. Wie kam es, dass die Tochter eines Spielers eine Leidenschaft für solche Dinge entwickelt hatte?

„Wir haben fast zwei Jahre gebraucht, um das Bewässerungssystem fertigzustellen, weil die ... “ Sie fing Dougals amüsierten Blick auf und fügte hastig hinzu: „Jedenfalls habe ich gehört, dass es so war.“

„Ich verstehe.“ Er begriff, dass Miss Sophia MacFarlane eine überdurchschnittlich große Leidenschaft für die Landwirtschaft besaß.

Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf eine kleine strohgedeckte Hütte, die sich in ein Tal schmiegte. „Ist das eines der Häuser, in denen Pächter leben? Es scheint in einem sehr guten Zustand zu sein. “

Sie sah flüchtig zu der Hütte hinüber und zuckte mit den Schultern. „Möglich. Darum habe ich mich noch nie sonderlich gekümmert.“

Aha, plötzlich war sie die Gleichgültigkeit selbst und verbarg ihren Enthusiasmus hinter einer Mauer blasierter Schicklichkeit.

Er spürte, wie Enttäuschung sich in ihm breitmachte, und so beschloss er, ihre Fassade ins Wanken zu bringen. „Wie viele Pächter gibt es?“

„Vierzehn Familien. Einige von ihnen in der dritten Generation.“

„Interessant. Da ja nun das Land mir gehört, sollte ich all diese Einzelheiten wissen. “

Sophias hübsches Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos. Sie wandte sich ab, um die Aussicht zu betrachten, die sich ihnen von ihrem Standpunkt aus bot - die roten felsigen Berge in der Ferne, das vom Dunst verschleierte Tal direkt unter ihnen und die grünen Felder, die sich dazwischen erstreckten.

Sie deutete auf einen steilen Abhang, auf dem zahlreiche Felsbrocken verteilt waren. „Ein großer Teil des Landes ist für den Ackerbau nicht geeignet. Es ist steinig und trocken.“

„Es sieht so aus, als könnte es dennoch genutzt werden. “ „Nein, das kann es nicht“, widersprach sie in scharfem Ton. „Hinzu kommt das Marschland jenseits der Berge. Dort kann niemand leben, weil der ständige Nebel schlechte Laune macht. “

„Schlechte Laune?“

„Ja. Das ganz Gebiet ist außerdem von dichten Wäldern umgeben.“ Sie senkte die Stimme. „Man sagt, es gibt dort Wölfe, die so groß wie Menschen sind.“

„Ich mag Wölfe“, erklärte Dougal in sanftem Ton. „Je größer, desto besser. “

Sie blinzelte verwirrt.

„Die Wolfsjagd gehört zu den spannendsten Dingen, mit denen man sich vergnügen kann. Ich bin ein begeisterter Jäger. “ Er ließ seinen Blick über ihren Körper wandern und verharrte an bestimmten Stellen besonders lange. „Wie Sie sich wahrscheinlich schon gedacht haben.“

Ihr Gesicht begann zu glühen, und das leuchtende Rot breitete sich rasch auf der zuvor cremefarbenen Haut ihrer Wangen aus. Sie drehte sich zur Seite und bot ihm einen herrlichen Blick auf ihr Profil und ihre wunderbar geformte Unterlippe. Ihr Mund bettelte geradezu darum, von zärtlichen Lippen berührt zu werden, und er war mehr als bereit, dieser stummen Bitte nachzukommen.

Dougal war es nicht gewohnt, sich selbst die Erfüllung eines Wunsches zu verweigern. Wenn er etwas wollte, bekam er es. So einfach war das, und es gab keinen Grund, zu denken, dass sie eine Ausnahme darstellte. Sie mochte mehr Temperament besitzen und geheimnisvoller sein als die meisten anderen Frauen, aber am Ende würde er siegen. Das wusste er mit einer Gewissheit, die ihn lächeln ließ.

Als sie unter einer großen Eiche hindurchgingen, warf die Krempe ihres Huts Schatten über ihre Augen. „Ich stelle mir gerade eine Frage“, verkündete sie.

„Und welche wäre das?“

„Was will ein Mann wie Sie mit einem Anwesen wie MacFarlane House?“ Beim Anblick seiner hochgezogenen Augenbrauen zuckte sie mit den Schultern. „Es liegt hier draußen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.“ „Meine Brüder und ich wurden auf dem Land großgezogen. Meine Mutter starb, als wir noch klein waren, und mein Vater war der Ansicht, dass Jungen viel frische Luft brauchen. Außerdem meinte er, je länger wir uns draußen im Freien aufhielten, desto unwahrscheinlicher sei es, dass wir drinnen im Haus etwas kaputt machten. “

In ihren Augenwinkeln bildeten sich Fältchen der Erheiterung.

„Also verbrachten meine Brüder und ich einen großen Teil unserer Freizeit damit, im Fluss zu angeln, zu reiten und uns in Schwierigkeiten zu bringen, so oft wir nur konnten.

„Sie erwähnten Ihre Brüder schon einige Male. Wie viele haben Sie?“

„V...“ Er presste die Lippen aufeinander. „Drei.“ Neugierig musterte sie ihn. „Drei? Sie scheinen sich nicht ganz sicher zu sein.“

Poseidon wich zur Seite aus, und Dougal bemerkte erst jetzt, dass er sich an den Zügeln festklammerte, als hinge sein Leben davon ab. Sein jüngster Bruder war vor zwei Jahren gestorben, doch es fiel ihm immer noch schwer, darüber zu reden. Er zwang sich, mit ruhiger Stimme zu erklären: „Ich habe drei Brüder.“

„Aha.“ In ihrer Stimme war nichts anderes als Anteilnahme und Interesse zu hören.

Er zögerte. Er hatte nicht vor, sich ihr anzuvertrauen, aber andererseits ... Warum nicht? Vielleicht würde sie sich ihm ein wenig öffnen, wenn er ebenfalls einen kleinen Schritt auf sie zu machte. Einen sehr kleinen Schritt.

Nachdem er sich kurz seelisch auf das vorbereitet hatte, was er gleich tun würde, gelang es ihm hervorzustoßen: „Ich hatte einen weiteren Bruder. Callum. Er war der Jüngste von uns.“

Sie wartete, dass er fortfuhr.

„Er ...“ Starb. Das Wort blieb ihm in der Kehle stecken, hing dort fest, bis er glaubte, daran zu ersticken. Die Gefühle, die auf ihn einstürmten, jagten ihm Angst ein. Er hatte geglaubt, er sei über die Sache hinweg. Aber so war es nicht. Manchmal war es ihm gelungen, Callums Namen auszusprechen, ohne dabei Schwierigkeiten zu haben - um dann bei der nächsten Gelegenheit festzustellen, dass es ihn wie mit einem Messer durchschnitt, wenn der Name über seine Lippen kam.

Verdammt noch mal, Gefühle waren der Grund für Callums Tod gewesen, und er wollte verflucht sein, wenn er sich ebenfalls von ihnen unterkriegen ließ. Barsch erklärte er: „Meine Familie geht Sie nichts an.“

Sophia zuckte im ersten Moment zusammen, dann fauchte sie: „Entschuldigen Sie, dass ich versucht habe, Konversation zu machen. Ich nehme an, Sie sind müde von unserem langen Ritt. “ Sie beugte sich vor, und ihre Wangen erröteten. „Was die Erklärung für Ihr launisches und reizbares Verhalten sein dürfte. “

Noch nie hatte jemand gewagt, Dougal als launisch und reizbar zu bezeichnen, jedenfalls nicht, seit er erwachsen war! Eine heftige, warme Böe umwehte sie. „Es tut mir leid, dass mein Wunsch, nicht mit Ihnen über meine Familie zu reden, Sie aufgebracht hat. Aber ich denke nicht, dass die Notwendigkeit besteht, derlei Dinge zu besprechen. “

Ihre Lippen wurden schmal, und sie wandte sich ab. „Es ist überhaupt nicht nötig, zu reden, Mylord. Wir können auch schweigend weiterreiten.“

Er runzelte die Stirn. „Sophia, ich ...“

„Da Sie ein förmlicheres Verhältnis wünschen, heißt es für Sie Miss MacFarlane. “

Aus jeder Pore verströmte sie eisige Höflichkeit, und Dougals Verwirrung wuchs. Über ihnen begannen sich erneut Wolken aufzutürmen. „Seien Sie nicht kindisch“, blaffte er. „Nur weil ich keine Lust habe, über ...“

Sie wartete nicht, bis er seinen Satz beendet hatte, sondern galoppierte im nächsten Augenblick den Weg entlang. Sie war so rasch verschwunden, dass Dougal keine Zeit blieb, zu reagieren.

Diese verdammte Frau! Wie konnte sie es wagen? Schwarze drohende Wolken tauchten im Norden auf und huschten über den Himmel. Dougal grub Poseidon die Absätze in die Flanken und galoppierte hinter Sophia her.

Sophia hörte das Donnern von Poseidons Hufen, als das Pferd und sein wilder Reiter ihr folgten. Sie beugte sich tief über den Hals ihrer Stute und trieb sie an. Der Wind, der plötzlich aufgekommen war, jagte heruntergefallene Blätter umher, und die Bäume über ihr rauschten heftig.

Sophia flog der Hut vom Kopf. Mit flatterndem Schleier segelte er hoch hinauf in den Himmel und nahm eine Handvoll Haarnadeln mit sich.

Sophias Haare lösten sich und fielen hinunter auf ihre Schultern. Sie warf ihre Locken zurück und galoppierte weiter. Als das Haus in Sicht kam, schlug ihr das Herz bis in die Kehle. Obwohl Dougal aufholte, konnte sie immer noch dorthin flüchten. Sie musste es schaffen, denn wenn er sie einfing ...

Ein Blitz zuckte vom Himmel, und ein Baum auf einer nahe gelegenen Weide wurde in zwei Teile gespalten. Brennende Holzsplitter wirbelten durch die Luft. Sophias kleine Stute rannte noch schneller, die Angst trieb sie an.

Gütiger Himmel, war es möglich, dass die Geschichten über den Fluch wahr waren? Noch vor wenigen Minuten hatte sich der Himmel klar und wolkenlos über ihnen gespannt. Doch als Dougal wütend geworden war ...

In Sophias Augenwinkel tauchte Poseidon auf. Er hatte sie eingeholt!

In rasendem Tempo galoppierte Sophia durch das Tor. Im selben Moment, in dem sie den Stall sah, griff eine behandschuhte Hand an ihr vorbei und bemächtigte sich der Zügel. Mit einem Ruck brachte Dougal gleichzeitig ihre Stute und Poseidon zum Stehen.

Die kleine Stute warf bockig den Kopf in den Nacken, aber Dougal gab nicht nach, und schon bald hielt sie brav an und unterwarf sich seiner Kraft. Das braune Pferd atmete schwer, seine Flanken zitterten.

Seine Herrin funkelte Dougal wütend an. „Wie können Sie es wagen, mein Pferd auf so brutale Weise anzuhalten?“

„Und wie können Sie es wagen, mich zu verspotten?“ Er schwang sich aus dem Sattel und beherrschte sich nur mühsam. Das Unwetter, das sich über ihnen zusammenballte, schien geradezu darum zu flehen, endlich sein Unwesen treiben zu können. Er fühlte den Druck, der von ihr ausging, aber er weigerte sich, nachzugeben.

Shelton kam ihnen über den Hof entgegengelaufen. „Da sind Sie ja, Mylord! Ich habe den aufkommenden Sturm beobachtet und dachte ... “ Der Knecht bemerkte offenbar die Spannung zwischen Sophia und Douglas, denn er schloss den Mund und wich zurück, während er hinauf zum immer dunkler werdenden Himmel schaute.

Dougal warf seinem Diener die Zügel beider Pferde zu. „Auf einer der Weiden steht ein Baum in Flammen. Sorge dafür, dass jemand dorthin geht und das Feuer löscht, falls es noch brennt.“

Shelton seufzte. „Nicht schon wieder ... “ Er warf Sophia einen nervösen Blick zu. „Ich werde selbst nachschauen.“ „Vielen Dank. Die Pferde sind sehr schnell gelaufen. Bitte kümmere dich auch darum, dass man sie gut versorgt. “

„Ja, Mylord.“

Dougal streckte die Arme nach oben, um Sophia aus dem Sattel zu helfen. Sie hielt sich am Sattelknauf fest und warf ihm einen wütenden Blick zu. Eine Warnung, sie anzufassen.

„Kommen Sie“, drängte er ungeduldig. „Es könnte gleich anfangen wie aus Eimern zu schütten.“ Obwohl es ganz sicher kein Unwetter geben würde, wenn sie endlich aufhörte, so verdammt bockig zu sein.

Sie umklammerte den Sattelknauf so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. „Nein!“

Hinter dem Haus zuckte ein Blitz auf und tauchte die ganze Umgebung für Sekunden in grelles weißes Licht. Die Pferde scheuten, aber der Knecht hielt die Zügel fest.

„Entschuldigen Sie, Miss“, mischte Shelton sich nervös ein. „Es wär wahrscheinlich besser, wenn Sie tun, was Seine Lordschaft sagt.“

„Ich komme hier ohne Hilfe runter.“ Sie suchte Dougals Blick. „Ich lasse nicht zu, dass jemand so mit mir umgeht. Außerdem lasse ich mich von diesen billigen Theatereffekten ganz sicher nicht beeindrucken!“ Sie deutete auf den dunklen Himmel.

„Verdammt!“ Shelton bedeckte seine Augen mit einer Hand.

Von einer Sekunde auf die andere wechselte Dougals Stimmung. Vorher war er böse gewesen, jetzt wurde er richtig zornig, und hinter den Wolken grollte es laut. Doch im selben Moment wurde ihm bewusst, dass diese Frau soeben einen jahrhundertealten, dramatischen und geheimnisvollen Fluch als „billigen Theatereffekt“ bezeichnet hatte. Er wusste nicht, ob er wütend sein oder lachen sollte, doch er sah in ihre unglaublich grün-blauen Augen, und aus irgendeinem Grund schien das Lachen zu siegen.

„Außerdem“, fuhr sie in empörtem Ton fort, „lasse ich mich nicht von ein paar Regentropfen ins Bockshorn jagen! “ Shelton stöhnte laut. „Himmel, jetzt geht es los.“

Doch das tat es nicht. Stattdessen stieg das Gelächter in Dougals Kehle hoch.

Sophia schien äußerst empört zu sein. „Lachen Sie etwa über mich?“

„Nein, meine Süße. Ich lache über uns. Wir können noch nicht einmal vom Feld bis zum Haus reiten, ohne daraus ein Wettrennen zu veranstalten. Wir sind verflucht, aus allem einen Wettbewerb zu machen. Und wenn wir nicht aufpassen, wird mein etwas ungezügeltes Temperament dafür sorgen, dass wir beide wie Würstchen auf dem Rost gegrillt werden.“

Als sie seine Worte hörte, begannen ihre Lippen zu zucken. „Ich finde diese Vorstellung nicht sonderlich erbaulich.“

„Und ich habe keine Zeit, mir eine elegantere Formulierung auszudenken, meine Liebe. Es wird sehr bald unaufhörlich vom Himmel schütten, also bleibt es bei den Würstchen. Denn ich lasse mich ganz sicher nicht nass regnen, weil Ihnen mein Vergleich nicht gefällt.“

Da begann sie zu lachen, und der perlende Ton aus ihrer Kehle löschte in ihm jede Spur von Zorn. Dougal lachte ebenfalls, und Shelton stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Immer noch schmunzelnd hob Dougal sie aus dem Sattel und stellte sie auf den Boden. Als er seine Hände um ihre Taille spannte, fühlte sie sich wunderbar kurvig an. Sie war eine Miniatur. Eine kleine, perfekt geformte, äußerst lebendige Statue. Als sie im Sattel gesessen hatte, war ihm ihre zierliche Statur nicht bewusst gewesen, denn sie war eine kühne und unglaublich gute Reiterin.

Dieser Gedanke weckte wieder die Vorstellung in ihm, dass sie ihn ritt. Dass ihre festen Schenkel sich über seinen Hüften spreizten und ihre nackten Brüste auf und nieder wippten, so dicht bei seinen Händen, dass er ...

Unglaublich erregt, ließ Dougal die Frau, die diese heftigen Gefühle in ihm auslöste, abrupt los, nachdem er sie auf den Boden gestellt hatte. Nur sehr verschwommen nahm er wahr, dass Shelton die Pferde in Richtung Stall wegführte.

Sophia legte den Kopf in den Nacken und schaute ihn von unten an. Ihre Haare wallten um ihre Schultern. „Sie sind ein schrecklich launischer Mensch. “

„Das ist der Fluch meiner Familie.“

Sie sah an ihm vorbei und betrachtete die Wolken am Himmel. „Dann ist die Geschichte mit dem Fluch also wahr?“

Dougal zuckte innerlich zusammen. Der Fluch der MacLeans war kein Thema, über das man mal eben zwischen Tür und Angel sprechen konnte. Frauen wollten immer sämtliche Einzelheiten wissen, und Sophia stand so quälend dicht vor ihm, dass reden so ungefähr das Letzte war, was er tun wollte.

Er zuckte mit den Schultern und murmelte ein ablehnendes „Vielleicht“.

Es gelang ihm nicht, seinen Blick von ihren Lippen loszureißen, die üppig und feucht waren. Sie nicht mit seinem Mund zu erobern, kostete ihn all seine Beherrschung. Abermals versuchte er sich ihr zu nähern und ihre Taille zu umfassen.

Sie errötete, wich zurück, doch das ließ Dougal nicht zu.

Ihre Augen wurden schmal, und sie bemerkte in kühlem Ton: „Wenigstens ist es uns gelungen, eine Runde über das Anwesen zu machen. Ich fürchte, es wurde nicht gut bewirtschaftet. Das sollten Sie auf jeden Fall wissen, bevor Sie es übernehmen.“

Plötzlich hatte Dougal ihre Schauspielerei satt. Er wünschte sich, sie würde ihm einfach die Wahrheit sagen, nämlich dass sie ihm ihr Haus nicht überlassen wollte. Allerdings hatte er keine Ahnung, was er dann erwidern würde. Er war kein Romantiker, der kostbare Geschenke machte, nur weil die Augen einer Frau in einem bestimmten Licht von einem ungewöhnlich leuchtenden Türkis waren. Ebenso wenig war er ein Dummkopf, welcher sofort seine Pläne aufgab, weil eine Frau Tränen vergoss.

Er war ein Mann, für den Vernunft und der gesunde Menschenverstand an erster Stelle standen, und der nicht zuließ, dass Gefühle sein Handeln und Denken beeinflussten. Und dennoch - aus irgendwelchen Gründen, die er nicht verstand, wünschte er sich, sie würde einfach ehrlich zu ihm sein.

Sie stemmte ihre geballten Hände in die Hüften, und der Wind wehte ihr die goldenen Haarsträhnen ins Gesicht. „Jeder andere Mann würde mir für meine Offenheit danken.“

Das Wort „Offenheit“ aus ihrem Mund zu hören machte ihn erneut wütend, und er blaffte sie an: „Ich vermute, die Vernachlässigung dieses Anwesens ist die Schuld Ihres Vaters.“

Sie funkelte ihn zornig an. „Mein Vater ist ein guter Verwalter.“

„Tatsächlich? Warum ist dann aber das Haus in einem so schlechten Zustand?“

Sie öffnete den Mund, um zu protestieren, doch sie zögerte. Ihm war klar, dass seine Frage ihr nicht gefiel. Im Grunde konnte sie ihm nicht widersprechen. „Mein Vater war nur selten hier.“

„Irgendjemand hat die hübschen Blumen dort beim See gepflanzt. Und auch im Garten hinter dem Haus muss dieser Jemand eine Menge Zeit verbracht haben. “ Als er ihren erstaunten Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er trocken hinzu: „ Sie müssen wissen, ich bin nicht blind. “ Er ließ seinen Blick hinunter zu ihren Brüsten gleiten, die von ihrem engen Reitkostüm auf höchst interessante Weise umhüllt waren. „Meine Augen sehen sehr gut.“

Wieder begannen ihre Wangen zu glühen, und sie machte einen weiteren Versuch, sich aus seiner Nähe zu befreien. Wieder hatte er ihre Taille umfasst.

In diesem Moment knallte es hinter Dougals Rücken, als hätte jemand eine große Tür zugeschlagen, und Sophias Augen weiteten sich. „Nein, Angus!“, schrie sie.

„Sie abscheulicher Lump!“, brüllte Angus.

Dougal wandte gerade rechtzeitig den Kopf, um die große Faust auf sich zukommen zu sehen, bevor sie direkt in seinem Auge landete.

Weil Sophia hochgesprungen war und sich an Angus’ mächtigen Arm gehängt hatte, wurde der Schlag abgemildert. Hätte sie das nicht getan, wäre Dougal nicht nur zu Boden gegangen (was er tat) und in tiefer Finsternis versunken (was er ebenfalls tat), und er hätte nicht nur ein blaues Augen davongetragen (was der Fall war), sondern er hätte tot sein können. So aber krachte Angus’ gebremste Faust in Dougals Gesicht und sorgte dafür, dass er sich einmal um sich selbst drehte und dann umfiel wie ein gefällter Baum.