Sicher eingebracht
Westminster Bridge in der Morgendämmerung. Es gab da ein Gedicht, und er war erleichtert, dass er sich nicht daran erinnern konnte. Es war eiskalt. Die Stadt war leer auf eine Weise, wie man es normalerweise nicht erlebte. Er hatte nicht erwartet, Weihnachten so zu verbringen. Allein, am Hungertuch nagend, im Großen Moloch. Sie hatten vorgehabt, in letzter Minute irgendwohin zu fliegen, wo es heiß war und relativ unweihnachtlich zuging. »Ich mag Weihnachten nicht besonders«, sagte Tessa zu ihm. »Du?«
»Hab nie darüber nachgedacht«, sagte Jackson.
»Nordafrika«, schlug sie vor und fuhr mit dem Finger sein Rückgrat hinunter, dass er schauderte wie eine Katze. »Nach Ägypten. Ich könnte dir ein bisschen Bildung beibringen. Antike und so weiter.«
»Das könntest du wahrscheinlich«, sagte er. »Antike und so weiter.«
Zwei junge Männer, noch immer betrunken von den Exzessen am Heiligen Abend, gingen an ihm vorbei und schauten ihn komisch an, vielleicht weil er die Themse mit einer Intensität betrachtete, die den Schluss nahelegte, dass er daran dachte, sich mit den eisigen Wassern zu vereinigen. Er tat es nicht. Sein Bruder hatte ihm das angetan, er würde es seiner Tochter nicht antun. Die zwei jungen Kerle hielten ihn wahrscheinlich für einen armen Schlucker, der kein Zuhause hatte, keine Familie, die ihn an den Festtagen an ihrem Busen willkommen hieß. Sie hatten recht.
Er hielt es in der Hand. Ich habe das in Ihrer Jackentasche gefunden, sagte sie. Die Plastiktüte mit Nathans Haar. Reggie hatte ihm auch die Postkarte zurückgegeben, die ihm Marlee aus Brügge geschickt hatte. Vermisse Dich! Liebe Dich! Die Postkarte sah aus, als hätte sie einen Krieg mitgemacht.
Das Komische war, dass er Reggie mehr vermisste als Marlee. Marlee hatte viele Menschen, die sie liebten, aber bei Reggie musste man sie mit der Lupe suchen. Wir sind alle allein, Mr. B., deswegen müssen wir füreinander da sein. Er vermutete, dass ihr Weihnachten zu Kopf gestiegen war. Er hatte ihr nicht das Leben gerettet (»Noch nicht«, sagte sie) und die Schuld nicht zurückgezahlt, die seinem Blut eingeschrieben war.
Er dachte auch an die schlendernde Frau. Erwachte sie in einem Bett, in einem Haus zu Weihnachtsliedern im Radio und dem Geruch eines Truthahns im Backofen, oder ging sie immer noch auf den leeren Wegen über die Hügel in Schnee und Wind und Regen?
Wohin er blickte, waren unerledigte Aufgaben und unbeantwortete Fragen. Er hatte immer gedacht, dass es einen letzten Moment gab, wenn man starb, in dem alles geklärt wurde – die Aufgaben erledigt, die Fragen beantwortet, die verlorenen Dinge gefunden – und man dachte, »Ach, richtig, ich verstehe«, und dann war man frei, um in die Dunkelheit zu gehen oder ins Licht. Aber das war nicht passiert, als er starb (Kurz, hörte er Dr. Foster sagen), und es würde vielleicht auch nie passieren. Alles bliebe ein Rätsel. Wenn man darüber nachdachte, hieß das, dass man versuchen sollte, alles so gut wie möglich zu klären, solange man lebte. Finde die Antworten, löse die Rätsel, sei ein guter Detektiv. Sei ein Kreuzritter.
Er hatte ursprünglich beabsichtigt, Nathans Haar einer DNS-Analyse unterziehen zu lassen. Nathan, der am Morgen erwachen würde, um Weihnachten auf dem Land mit Julia und Mr. Arty-Farty zu feiern. Jackson hielt die schmutzige Plastiktüte noch immer in der Hand. Edel wäre es vermutlich, wenn er sie in den Fluss würfe, sie losließe, Nathan losließe. Aber er fühlte sich nicht sehr edel an diesem kalten grauen englischen Weihnachtstag. Er hatte alles verloren. Seine neue Frau, seine alte Frau, sein Geld, sein Zuhause. Er steckte die Tüte zurück in die Tasche.
Tessa bekam nicht alles. Der Verkauf seines Hauses in Frankreich hatte sich verzögert, und das Geld wurde seinem Konto erst kurz vor Weihnachten gutgeschrieben. Es war keine Summe, über die man die Nase rümpfte. »Du bist also wieder einmal auf die Füße gefallen«, sagte Josie.
Zeit, weiterzuziehen, neu anzufangen. Es kam ihm spät vor für einen Neuanfang. Jackson fragte sich, ob er zu alt war, um seine Gewohnheiten noch einmal zu ändern.
Er fühlte sich so schlecht, wie man sich nur fühlen konnte, doch dann dachte er daran, wie er Joanna gefunden hatte, es war ein warmer Sonnenstrahl-Gedanke, der einen Mann auch in düstersten Zeiten aufheitern konnte.
Nicht das zweite, blutige Mal, sondern das erste Mal, in jener lauen Nacht in Devon. Er erinnerte sich, dass er den Lichtschein der Taschenlampe in einem großen Bogen über den Weizen schweifen ließ und sie erst sah, kurz bevor er über ihren kleinen, reglosen Körper gestolpert wäre. Er dachte, sie sei tot. Als er zwölf war, hatte er innerhalb eines Jahres zugesehen, wie seine Mutter im Krankenhaus starb, wie die Leiche seiner Schwester aus einem Kanal gezogen wurde, und er hatte seinen Bruder gefunden, der sich erhängt hatte. Er war erst neunzehn und wusste, dass er es nicht ertragen würde, wenn das Mädchen tot wäre, dass es das, was von seinem Herzen übrig war, aus den Angeln reißen würde und er nicht mehr Gefreiter im Yorkshire-Regiment des Prinzen von Wales wäre, sondern selbst zu einem kleinen Kind würde, für immer allein in der Dunkelheit.
Doch dann bewegte sie sich im Schlaf, und einen Augenblick lang war seine Kehle so zugeschnürt, dass er nicht sprechen konnte. Als er seine Stimme wiederfand, hob er die Hand und schrie lauter, als er je im Leben geschrien hatte oder je wieder schreien würde: »Hierher, ich habe sie gefunden, sie ist hier!«
Und er hob sie hoch und hielt sie, als wäre sie zerbrechlich, als wäre sie das kostbarste, wunderbarste, erstaunlichste Kind, das je auf Gottes Erdboden gewandelt war, und zu der ersten Person, die bei ihm war, einem Polizeiwachtmeister sagte er: »Schauen Sie, sie hat keinen Kratzer.«