Die Zehn Welten
Nun ist es aber endlich an der Zeit, die »Zehn Welten« oder »Zehn Lebenszustände« genauer unter die Lupe zu nehmen. Dazu eine kleine Geschichte.
Es ist ein herrlich klarer Wintermorgen. Der Himmel über Paris strahlt blitzeblau und die hellgrünen Dächer rekeln sich in der Sonne. Mein zukünftiger Ehemann hat Croissants geholt und sogar den Figaro mitgebracht (»Ist besser für dein Französisch als die Vogue!«). Er macht sich zur Arbeit auf und ich tauche meine heiß geliebten Croissants in den Kaffee und verschlinge sie wie ein Raubtier seine Beute. Soooo ungesund, aber sooooo gut! Nebenbei lese ich den Figaro. Das geht schon viel besser als noch vor ein paar Monaten, sogar den Politik- und Wirtschaftsseiten kann ich langsam ganz gut folgen. Stimmt schon: Es ist für mich weitaus sinnvoller, den Figaro zu lesen als Vogue und Marie Claire. Obwohl man beim Essen ja eigentlich gar nicht lesen sollte … Die Türklingel stört mein gemütliches Frühstück empfindlich. Merde! Schon wieder diese blöde Kuh von Vermieterin. Was gibt’s denn diesmal zu meckern? Mein Fahrrad steht heute garantiert nicht im Hausflur. Im Januar! Um Gottes willen, die will doch nicht schon wieder diese »charge commun« abkassieren, diesen völlig undurchsichtigen, ständig erneut zu zahlenden Nebenkostenbeitrag? Raubrittertum! Adieu, ihr schönen High Heels von Louboutin! Doch, oh Wunder, alles nicht so schlimm: Die Herrin des Hauses ist bloß erschienen, um mir mitzuteilen, dass in fünf Minuten für den Rest des Tages das Wasser abgestellt würde. Morgen geh ich die Louboutins kaufen! Aber das mit dem Wasser hat Madame Vermieterin bestimmt schon gestern gewusst. La salope – das Miststück! Ich knalle ihr die Tür vor der Nase zu und mache einen Hechtsprung unter die Dusche. Herrlich, dieses neue Duschgel von Monsieur. Wie ein Bad in einer Kokosnuss! Das Wasser reicht gerade noch aus, wenn auch ohne Haare waschen. Egal. Dann klingelt das Telefon. Splitternackt sprinte ich aus dem Bad ins Wohnzimmer. Es ist mein Freund L. aus Wien. Wir hatten ihn eingeladen und ich sollte ihn eigentlich gleich vom Flughafen abholen. Doch leider schlechte Nachrichten: die blöde Air France ist mal wieder im Streik. Ich bin stinksauer. Ich hatte mich so gefreut! Doch L. erinnert mich daran, dass seine Freundin ja bei Austrian Airlines arbeitet, und die könne für ihn bestimmt etwas deichseln. Na schön … Erst jetzt fällt mir auf, dass ich gar nichts anhabe. Ach so, deswegen ist mir so kalt. Brrr … schnell anziehen – den nigelnagelneuen wunderschönen Kaschmirpullover von Chanel. Jaaaa!
Also erst einmal abwarten. Ich setze mich vor unseren Gohonson und chante eine Weile. Dann fällt mir ein, dass ich für den Fall, dass wir heute Abend ausgehen, noch schnell mein »kleines Schwarzes« aufbügeln könnte. Ich schnappe mir auch noch das Lieblingshemd meines Gefährten (ehrlich gesagt: nicht sein, sondern mein Lieblingshemd) und unterziehe es dieser schrecklich öden Prozedur. Ich hasse Hemdenbügeln! Angeödet betrachte ich, während das Eisen hin und her gleitet, den Bezug des Bügelbretts und studiere die dort als Deko aufgedruckten Textilpflegesymbole. Interessant. Einige dieser Piktogramme fallen mir heute zum ersten Mal auf.
Erneut klingelt das Telefon, mein Freund L. kann tatsächlich mit Austrian Airlines fliegen. Problem gelöst! Also auf zum Flughafen. Doch wo ist mein Auto? Das glaube ich jetzt nicht. Das glaube ich einfach nicht! Putain de merde! Ich renne im Zickzack die ganze Straße auf und ab. Dann nehme ich mir die Nebenstraßen vor. Absolut nichts. Na bravo! Da hat mir also wirklich jemand das Auto geklaut! Also wieder nach oben in die Wohnung. Papiere holen, für die Polizei. Und meinen Mann anrufen. Ich drehe fast durch, als er zu lachen anfängt. »Ist dir klar, chérie«, so nennt er mich sonst nie, ich hasse dieses Wort, »dass wir gestern bei meinen Eltern waren und du das Auto dort stehen gelassen hast? War wohl doch ein bisschen zu viel von dem guten Rotwein. Wir sind mit dem Taxi gefahren, tu te souviens?« Er lacht sich kaputt und mir fällt ein Stein vom Herzen. »Je vous aimes, Monsieur. Merci«, und damit rase ich los, springe in die Métro, erstehe bei Fauchon noch schnell eine Flasche Rosé-Champagner und finde mein Auto unversehrt vor dem Haus meiner zukünftigen Schwiegereltern. Ich gebe den Champagner ab – ich weiß, der ist für sie das Größte! – trinke kurz noch einen Kaffee, dann ein bisous und ab zum Flughafen …
L. ist gerade angekommen. Ich sehe ihn schon hinter der Glastür. Die Glastür … An genau dieser Stelle hatte alles begonnen vor etwas mehr als drei Jahren. Eine Liebe auf den ersten Blick … »Hallo, in welchem Universum bist du gerade?«, reißt mich L. aus meiner Träumerei. »Entschuldigung … Ähmmm … Ich freue mich total, dass du da bist.«
Inzwischen ist es später Nachmittag. Wir geraten in die Rushhour, aber wir haben uns so viel zu erzählen, dass die Zeit im Stop-and-go auf den Boulevards périphériques wie im Fluge vergeht. Ich bin gespannt, was die beiden Männer voneinander halten, schließlich haben sie sich noch nie gesehen. Aber sie haben eines gemeinsam: den Buddhismus, den sie in mein Leben gebracht haben …
Diese Geschichte ist relativ unspektakulär. Ein Tag, wie er bei jedem von uns – so oder so ähnlich – ablaufen könnte.
Die »Zehn Welten« sind gewissermaßen die Grundbausteine und neben dem Prinzip von Ursache und Wirkung das Fundament des Buddhismus.
Sie bestehen aus:
- 1. Hölle (Zustand des Leidens)
- 2. Hunger (Welt der Begierden)
- 3. Animalität (wir werden von Trieben beherrscht)
- 4. Ärger (Zustand von Arroganz und Konkurrenzdenken; Welt der Konflikte) Diese Zustände werden die »Vier bösen Pfade« genannt. Sie bedeuten schlicht und einfach Unglück und Unruhe.
- 5. Ruhe (ein neutraler Zustand der Ausgeglichenheit)
- 6. Vorübergehende Freude (ein Zustand, in dem wir überglücklich sind, weil ein Wunsch oder eine Begierde erfüllt wurde; doch dieser Zustand ist temporär und dauert nur so lange an, wie es die Umstände zulassen). Diese »Sechs Pfade« werden durch äußere Ursachen ausgelöst.
- 7. Lernen (wir lernen etwas von anderen)
- 8. Teilerleuchtung (wir begreifen das Leben durch eigene Beobachtung)
- 9. Bodhisattva (Zustand von Mitgefühl und Selbstlosigkeit; die Freude darüber, anderen zu helfen)
- 10. Buddhaschaft (Zustand undefinierbaren Glücks, das nicht mehr von äußeren Umständen abhängt; wenn wir als Bodhisattva handeln, ebnen wir den Weg zu unserer Buddhaschaft)
Die letztgenannten Welten werden die »Vier edlen Pfade« genannt, die nur durch eigenes Bemühen und innere Anstrengung erreicht werden können.
Die kleine Geschichte zeigt, dass all diese Lebenszustände permanent und gleichzeitig in unserem Leben präsent sind. Wir können sie innerhalb kürzester Zeit durchlaufen und in Sekundenschnelle von einem Zustand zum anderen wechseln. Die ersten neun Welten sind ganz klar erfassbar, nur der Buddhazustand nicht. Das bedeutet aber nicht, dass es ihn nicht gibt. Es ist der höchste Lebenszustand und daher sehr schwer zu begreifen.
Also nehmen wir die kleine Geschichte eines ganz normalen Tages in Paris im Januar 1995 einmal anhand der Zehn Welten auseinander:
Der herrliche Wintermorgen – eine beschauliche Welt der Ruhe, friedlich, kontemplativ. Es ist zwar kalt (Hölle für mich), aber die winterliche Stadtlandschaft sieht wunderschön aus.
Das Croissant, das ich verschlinge, gehört nicht primär der Welt des Hungers an (so lange ist das Abendessen noch nicht her). Jedoch die Geschmacksexplosion à la française verdeutlicht die Animalität, da ich das Ding wie ein Tier verschlinge. Mein Verstand signalisiert mir, dass die Teile ungesund sind, also erlebe ich eine kurze Teilerleuchtung, die auf zurückliegenden Studien im Bereich Ernährung basiert. Die Lektüre des Figaro, die mich nicht nur dazu zwingt, mein Französisch zu verbessern, sondern auch noch was vom Weltgeschehen mitzukriegen, steht für die Welt des Lernens. Hinzu kommt die Teilerleuchtung, dass der Figaro in Bezug auf Wissenserweiterung tatsächlich sinnbringender ist als ein Modemagazin.
Der Auftritt der Vermieterin beschert mir ein Wechselbad mehrerer Zustände. Da ist zunächst einmal die Hölle, bedingt durch die Störung bei meinem gemütlichen Frühstück, die Erwartung einer unliebsamen Rechnung und den damit verbundenen Verzicht auf die ersehnten Schuhe. Dann wird Ärger (Arroganz) manifest, weil ich die Dame, ohne sie zu kennen, als »blöde Kuh« bezeichne und ich mich, nur weil ich gestört wurde, im Recht fühle. Ich lehne die Vermieterin grundlos ab, obwohl ich natürlich wissen sollte, dass auch sie die Buddhaschaft besitzt. Gleich darauf stellt sich vorübergehende Freude ein: Ich muss heute nichts bezahlen. Damit sind die Schuhe gerettet, der »Hunger« wird gestillt. Die Freude ist stark genug, um »bloße Katzenwäsche«, ohne die Haare zu waschen, für mich nicht zum Problem werden zu lassen. Den Bereich der Animalität befriedigt anschließend das besonders leckere Duschgel. Der Tag ist für mich wieder im Lot, sprich: Die Welt der Ruhe stellt sich ein. Aber nicht lange, denn die Nachricht am Telefon löst erst einmal den Zustand der Hölle aus. Aber dann setzt die Erkenntnis (das Lernen) ein: Alles nicht so schlimm, es gibt bestimmt einen Ausweg.
Nun greift die Welt der Animalität wieder: Ich muss mir etwas anziehen, damit ich nicht erfriere – letztendlich pure Arterhaltung! Doch der Pullover, den ich anziehe, ist nicht nur warm, sondern auch weich, edel und teuer – das katapultiert mich in vorübergehende Freude.
Indem ich chante, versuche ich meinen Buddhazustand zu manifestieren – und manchmal erwischt man auch ein kleines Zipfelchen davon.
Der Akt des Bügelns bringt meine Bodhisattvanatur hervor. Ehrlich! Da Hemdenbügeln für mich mit Abstand die schlimmste Tätigkeit im Haushalt ist, ist es ein Akt altruistischer Liebe und Zuwendung, dies für jemand anderen zu tun. Indem ich das Dekor des Bügelbretts studiere, befinde ich mich dann wiederum in der Welt des Lernens.
Direkt aus der Welt der Freude – mein Freund aus Wien wird bald in Paris landen – falle ich geradewegs mitten in die Hölle – wegen des vermeintlich gestohlenen Autos. Aber nur kurz, denn da sich der Irrtum aufklärt, bin ich sofort wieder in der Freude. Ich freue mich so sehr, dass ich instinktiv das Bedürfnis habe, andere daran teilhaben zu lassen. Ich kaufe also den Lieblingschampagner meiner Schwiegereltern, um ihnen eine Freude zu machen. In diesem Verhalten zeigt sich meine (mitfühlende) Bodhisattvanatur.
Die kleine Szene am Flughafen zeigt ganz klar die Welt der vorübergehenden Freude und danach den Lebenszustand der Ruhe: Alles hat bestens geklappt, die Fahrt ist entspannt und sogar der dichte Verkehr präsentiert uns seine positive Seite: Wir haben viel Zeit zum Quatschen.
Am Schluss erlebe ich noch einmal eine Teilerleuchtung durch die Erkenntnis, dass ich zwei Menschen in meiner Nähe habe, die mich zu dieser buddhistischen Praxis gebracht haben und mich immer noch sehr unterstützen.
Man sieht also: Alle Zehn Welten sind in einer solch kurzen Zeitspanne präsent! Das heißt: Jeder Lebenszustand ist permanent latent vorhanden und wartet nur auf einen kleinen Schubs von außen oder durch die eigene innere Befindlichkeit, um sich zu manifestieren.
So, und nun zum tieferen Verständnis die Zehn Welten en détail.
Hölle
Im Buddhismus ist Hölle nicht wie im christlichen Glauben als besonderer Ort zu verstehen, der außerhalb von uns selbst liegt und an den wir nach unserem Tod gelangen. Eine Assoziation mit Sartres »Die Hölle, das sind die anderen!« liegt viel näher. Hölle bezeichnet in der buddhistischen Terminologie einen Zustand im Hier und Jetzt, der treffend mit »fundamentaler Dunkelheit« beschrieben wird. Das kann sich vermutlich jeder bildlich vorstellen: Wenn es dunkel ist (und ich meine damit wirklich stockfinster!), turnen wir im Kreis herum. Nach einer Weile bekommen die meisten von uns Angst, erleben ein Gefühl von Klaustrophobie und sind unfähig, sich frei zu bewegen und zu frei zu handeln. Alles klar?
Im übertragenen Sinne bedeutet das: Wir sind gelähmt. Die Situation, in der wir stecken, ist absolut grauenvoll. Wir sind wütend, traurig und hilflos. Unser Zorn und unsere Aggression gegen andere und auch oft gegen uns selbst vergiften unser Leben. Die Negativität hält uns gefangen und nirgendwo am düsteren Himmel unseres Leidens ist ein Lichtstrahl der Hoffnung zu sehen. Wir stecken fest in dieser Hoffnungslosigkeit, die uns immer wieder zuflüstert: »Gib’s auf, das wird sowieso wieder nichts!«, und können ihr nicht entfliehen.
Ein Teufelskreis – egal ob physisch oder psychisch. Unsere Lebenskraft ist auf dem Nullpunkt. Im schlimmsten Fall kann dieser Zustand ein Leben lang andauern, beispielsweise aufgrund einer schweren Krankheit oder einer Existenz in tiefster Armut. Er kann aber auch nur für wenige Sekunden auftreten, zum Beispiel wenn einem eine eklige Spinne über den Arm krabbelt.
Der Zustand der Hölle ist eindeutig der niedrigste von allen Zehn Lebenszuständen oder Welten. Jeder von uns würde ihn gerne vermeiden, das ist aber nicht möglich! Wenn es in meinem Leben so richtig ganz dicke kam – auch ich bin jemand, der sich von der Negativität oft einmal nach unten ziehen lässt –, habe ich es nur mit der buddhistischen Praxis geschafft, wieder mit der Nase an die Oberfläche zu kommen.
Ein Gedicht, das ich in einem solch unterirdischen Lebenszustand geschrieben habe, verdeutlicht mein ganz persönliches Erleben der Welt der Hölle:
depression
bleierner morgen ein
koloss von sorgen
zieht dich träge
durch einen neuen müden tag
herz so schwer
glaubt nicht mehr
an das heute voll neuem licht
der dunkelheit beute
fenster und türen dicht
zwischen immer und nie
lebst du in apathie
betäubt und verloren
als wärest du nie geboren
und draußen vor der tür
wartet ein anderes leben
bereit sich dir hinzugeben
doch du bleibst hier
Bei alledem ist es wichtig, zu verstehen, dass jede der Zehn Welten einen negativen, aber auch einen positiven Aspekt hat. Wenn wir nicht selbst erfahren würden, was Leid ist, würden wir nicht begreifen, was Glück ist, oder wir wüssten es zumindest nicht zu schätzen. Und da niemand gern in der Welt der Hölle weilt, ist sie ein gewaltiger Motor, der uns dazu antreibt, in unserem Leben nach vorn zu gehen. Wir lernen durch unsere oft qualvollen Erfahrungen, Dinge nicht mehr zu tun oder zuzulassen, die wehtun: wie ein Kind, das eine heiße Herdplatte anfasst. Es wird das einmal und nie wieder tun. Es wäre natürlich schön, wenn diese Erkenntnis immer so simpel wäre und frau sich zum Beispiel nicht immer wieder in die falschen Kerle verlieben würde …
Das Wissen, dass das Leben mitunter grauenvoll sein kann, ist – und das ist enorm wichtig – auch die Voraussetzung dafür, für Andere Mitgefühl zu empfinden, verbunden mit dem Wunsch, demjenigen zu helfen und ihn zu unterstützen. Wir reden hier nicht von Mitleid oder Sympathie. Das ist etwas ganz anderes. Denn dafür braucht es keine tief greifenden Erfahrungen in der Welt der Hölle. Was ich meine, ist Empathie – das Einfühlen aus dem Wissen und der Kraft des Erlebten. Eine Frau wie die Philosophin und Nonne Edith Stein9, die in Auschwitz ermordet wurde, hat uns das in wunderbarer Weise vorgelebt und übermittelt.
Hunger
Hier geht es ganz konkret um das Thema Begierden. Der negative Aspekt dieses Lebenszustands ist, dass die Begierden uns beherrschen. Wir werden zu Sklaven unserer Wünsche, die nie aufhören: mehr, besser, neuer, schneller, höher, größer, weiter, teurer, schicker – das hört nie auf! Ist ein Wunsch erfüllt, kommt gleich der nächste nach. Wir sind dauerunzufrieden und ständig auf der Jagd, getrieben von der inneren Unruhe des Unbedingt-haben-Wollens, egal ob materiell oder nicht materiell. Diese Hatz ist ganz schön erschöpfend – und frustrierend, weil wir uns in diesem Zustand ständig unerfüllt fühlen.
Die Zeit, in der wir leben, trägt wesentlich zu diesem Dilemma bei: Durch das Fernsehen, die Werbung, das Internet, überall, wo unser Auge hinfällt, werden uns Wünsche suggeriert, die wir ursprünglich vielleicht gar nicht hatten. Manch einer kommt durch diese Impulse erst auf die Idee, sein Glück darin zu finden, etwas zu bekommen oder zu erleben, was bisher für ihn in den Sternen lag: Reichtum (kriegen wir ja jede Woche via Lotteriewerbung »Reicher als reich« um die Ohren gehauen), und natürlich Ruhm (der rote Teppich als Ziel aller Wünsche, zu erreichen via Deutschland-sucht-den-Superstar-Germany’s-next-Topmodel-X-Factor-Das-Supertalent et cetera. oder für die weibliche Spezies als Spesenbraut eines Multimilliardärs oder Super-Promis, am besten eines Fußballers).
Apropos Beziehungen: Es ist auch ein Ausdruck des »Hungers«, in welchem Affentempo manche Menschen ihre Partner wechseln, gierig nach dem nächsten neuen Kick. Alkohol und Drogen fallen ebenfalls in diese Kategorie, vor allem Koks, weil es als »schick« empfunden wird in gewissen Kreisen der Lifestyle- und Partyszene – oder, wie sie in Wien heißen, den »Adabeis«10 – und man ja natürlich dazuzugehören möchte.
Ich kenne das alles sehr, sehr gut. Ich habe da auch eine Zeit lang ziemlich unreflektiert mitgemischt – Drogen ausgenommen! Die waren und sind mir ein Gräuel! Den roten Teppich muss ich persönlich als Bestandteil meines Berufs aus dem Bereich des hungrigen Strebens mal ausklammern. Und doch fällt es ganz schön schwer, sich von den oberflächlichen Eitelkeiten in dieser Branche nicht anstecken zu lassen.
Es ist natürlich unsinnig anzunehmen, dass es für das Streben nach der Erfüllung unserer Begierden und Wünsche einen Rückwärtsgang gäbe. Die »Unschuld« der Unwissenheit haben wir verloren. Ich erinnere mich oft an eine Textpassage der Luise in Schillers Kabale und Liebe, die ich am Theater in Münster spielen durfte. Dieses Mädchen aus einfachsten Verhältnissen begegnet der gegensätzlichen Welt der Oberklasse in Gestalt der Mätresse des Fürsten: Lady Milford. Auf das Angebot, in deren Dienste zu treten, antwortet Luise folgendermaßen: »Sie wollen mich aus dem Staub meiner Herkunft reißen. Ich will sie nicht zergliedern, diese verdächtige Gnade. Ich will nur fragen, was Mylady bewegen konnte, mich für die Törin zu halten, die über ihre Herkunft errötet? Was sie berechtigen konnte, sich zur Schöpferin meines Glücks aufzuwerfen, ehe sie noch wusste, ob ich mein Glück auch von ihren Händen empfangen wolle. (…) So gönnen Sie mir doch eine Blindheit, die mich allein noch mit meinem barbarischen Los versöhnt – fühlt sich doch das Insekt in einem Tropfen Wasser so selig, als wär’ es ein Himmelreich, so froh und selig, bis man ihm von einem Weltmeer zählt, worin Flotten und Walfische spielen.«11 Luise ist frei von dieser Welt der Begierden, fürchtet aber, einmal in Kontakt gekommen, um ihren Seelenfrieden. Eine wunderbare Stelle in diesem wunderbaren Stück! Eine Aussage, die ich erst zehn Jahre später wirklich verstand. Denn diesmal befand ich mich auf der »anderen Seite« – in der Rolle der Lady Milford. Die große Klarheit von Luises Worten an mich, die Milford, haben mich noch tiefer berührt als damals, als ich selber, jung und unerfahren, die Luise spielte.
War es das, was die Menschen, die mir in Asien begegnet waren, so glücklich und entspannt erscheinen ließ? Das »Freisein« von Wünschen, weil sie diese nicht kannten oder weil sie nicht gewillt waren, ihnen die hohe Priorität einzuräumen, die wir ihnen hier im Westen zugestehen?
An dieser Stelle etwas ganz Wichtiges, damit Sie mich nicht für eine esoterische Spinnerin halten! Ich habe es bereits in den vorangegangenen Kapiteln erwähnt: Im Gegensatz zu einigen früheren buddhistischen Schulen geht es bei der Lehre, die ich mich in meinem Leben umzusetzen bemühe, nicht darum, Begierden auszurotten, zu verleugnen oder zu unterdrücken! Solche Aktionen enden nur in Neurosen und in starken Schuldgefühlen. Womit wir wieder bei der christlichen Kirche wären, speziell denke ich dabei an den Papst … Ein solches Vorhaben funktioniert einfach nicht.
»Begierden sind Erleuchtung«, schreibt Nichiren Daishonin. Ich weiß, das klingt krass. Dieser Satz ist jedoch als Aufforderung gemeint, sich der Herausforderung zu stellen, Wünsche und Begierden zur Triebfeder der positiven Seite der Welt des Hungers zu machen. Unzufriedenheit und Rastlosigkeit können recht nützlich sein, wenn wir große Ziele erreichen wollen: ein Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland, der Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit in der Dritten Welt oder unser Einsatz für atomare Abrüstung und Weltfrieden. Nutzen wir diese Energie, um etwas Großartiges, Wertvolles zu schaffen, und sei es auch nur in unserem kleinen Bereich von Familie und Job.
Ich spüre zum Beispiel genau, dass meine Unzufriedenheit und Rastlosigkeit der vergangenen Jahre mich antreibt und beflügelt, dieses Buch zu schreiben. Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, ein solches Projekt jemals in Angriff zu nehmen – ich, die immer lieber Texte von anderen sprach, las oder interpretierte … »Werte zu schaffen« ist die Basis meines Lebens geworden, vermittelt durch diese Form des Buddhismus und den Geist der Organisation Soka Gakkai. Ich bemühe mich darum.
Animalität
Wir befinden uns im Lebenszustand der Animalität, wenn wir primär instinktgesteuert handeln, und zwar ohne auf die Konsequenzen unserer Handlung zu achten. Wir leben dann ohne Rücksicht auf Verluste das Darwin’sche Gesetz von »Fressen oder gefressen werden«, das Gesetz des Dschungels. Eine gewisse »Hackordnung« in der Gesellschaft trägt dazu bei, von der Clique, der man angehört, über die in Firmen etablierten Strukturen bis hinauf in politische Ebenen. Wir legen eine Aggressivität und ein Revierverhalten an den Tag, die vielleicht im Tierreich sinnvoll sind, um die eigene Art zu erhalten und zu stärken, die aber im wirklichen Mensch-Sein nichts verloren haben. Die Ausübung und der Missbrauch von Macht allein zur Verwirklichung persönlicher Ziele sind die deutlichsten Beweise von Animalität als Lebenszustand bestimmter Personen oder Gruppen. Ein paar Namen aus der heutigen Zeit drängen sich förmlich auf: Putin in Russland oder – in der krassesten Form – Gaddafi in Libyen und Assad in Syrien. Instinkte sind eine nützliche Sache. Wir haben Hunger, also müssen wir essen, und zwar um zu leben, nichts weiter. Angst bewahrt uns vor Gefahren. Wir haben Sex, damit die Menschheit fortbesteht. Ansonsten wären wir wohl schon längst ausgestorben. Doch über unsere Instinkte hinaus sind wir hoch entwickelte Wesen, das dürfen wir nicht vergessen. Wir wissen um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und können mit unserem Verstand Schlüsse daraus ziehen und somit Konsequenzen überblicken. Diese Fähigkeit ist uns eigen, auch wenn wir vom Affen abstammen. Leider sind dennoch eine ganze Menge Primaten unter uns, kaum erkennbar, in oscarreifem Kostüm und in der Maske eines richtigen Menschen. Die machen das gut. Man lässt sich blenden, bis man dann doch eines Tages die Fassade durchschaut, weil das Maß an Rücksichts- und Gedankenlosigkeit, das diese Gestalten an den Tag legen, nur der, wie Nichiren Daishonin es nennt, »Torheit« instinktgesteuerter Menschen entspringen kann. Dieser Lebenszustand kann sich im großen Stil, beim Ringen um politische Macht, beim Wettrüsten oder bei halsbrecherischen Finanzmanövern zeigen, aber auch im Kleinen, zum Beispiel bei dem beliebten Thema Casting-Couch. Ja, meine Lieben, auch wenn die Herren Produzenten und Redakteure es vehement verneinen – es gibt ihn wirklich, diesen Tummelplatz animalischer Machtpolitik!
Apropos Sex: Sie kennen sicher den Unterschied zwischen der »schnellen Nummer« oder »der Runde Sex« und »faire l’amour« beziehungsweise »making love«? Ich hoffe doch sehr! Wer es erlebt hat: kein Vergleich! Ersteres ist die Welt der Animalität und damit mehr Nehmen als Geben. Letzteres ist symbiotische Hingabe, ein Miteinander und Füreinander, eine ganz andere Welt. Es ist schon merkwürdig, dass die deutsche Sprache keine treffende Bezeichnung dafür hat. »Liebe machen« … wie klingt das denn? Irgendwie hölzern. Ich überlasse es den Soziologen, Psychologen und Sprachwissenschaftlern herauszufinden, warum es an dieser Begrifflichkeit mangelt und in erster Linie diese hübschen Worte mit »f«, »v« oder »b« gebräuchlich sind. Da halte ich mich lieber raus …
Und damit verlassen wir die »Drei bösen Pfade«, bei denen wir Menschen fremdbestimmt vor uns hin leiden.
Ärger
Die Welt des Ärgers gehört eigentlich auch noch zu den »bösen Pfaden«, mit dem Unterschied, dass hier das Ego des Menschen auf den Plan tritt, sich getrennt vom Universum als Individuum wahrnimmt und sich aufgrund seiner Einzigartigkeit gaaaanz toll findet. Ich bin der stolze Löwe, der König der Tiere und der Sternzeichen. Ich bin der Mittelpunkt des Universums, weil es mir zusteht. Klingelt da bei Ihnen etwas? Also bei mir schon … Es betrifft ja nicht dieses Sternzeichen allein, deshalb Hand aufs Herz: Wer war nicht schon mindestens einmal der festen Überzeugung, besser, nein, um Lichtjahre besser, klüger, erfolgreicher, schöner, reicher, toller und was weiß ich nicht noch alles mehr als seine Mitmenschen zu sein? Egozentrik vom Feinsten, die, nebenbei bemerkt, geschlechts- und berufsunabhängig ist. Niederlagen sind schwer zu ertragen, Kritik schon gar nicht.
Vielleicht haben Sie es schon erraten: In dieser Welt des Ärgers versteckt sich auch eines meiner persönlichen karmischen Themen. Wenn Sie wollen, können Sie zum Anfang dieses Buches zurückblättern, um der Sache noch einmal genauer auf den Grund zu gehen … Das Spannende an dem Weg mit Buddha ist, dass man, um zu begreifen, wo die eigenen Schwächen liegen, oft Menschen mit genau diesen Eigenschaften, denselben Schwächen und genau dem gleichen karmischen Thema vor die Nase gesetzt bekommt. Man sucht sie sich gewissermaßen aus und zieht sie in sein Leben, um zu verstehen, wo man selbst steht und welche Welt immer mal wieder die Oberhand erhält und von einem Besitz ergreift.
Ich habe bereits einen großen Teil meines Lebens »poliert« und meine Einstellung geändert. In der Folge nahmen andere Menschen – in einem ganz speziellen Fall Journalisten, denen ich Jahre meines Lebens nur Verachtung entgegenbrachte – mich irgendwann einmal anders wahr. Ich bin mit einem Supertalent für Verachtung auf die Welt gekommen, die all jene Bereiche betraf, in denen sich mir Menschlichkeit nicht sofort erschloss. Die Mühe zu hinterfragen machte ich mir damals nicht. Da steckte ich wohl ganz tief in der Welt des Ärgers und hatte dementsprechend einen Ruf als »Zicke«. Wird wohl etwas Wahres daran gewesen sein …
Das Chanten hat meinen Lebenszustand verändert und damit auch mein Umfeld (Sie erinnern sich an die Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung?). Inzwischen bringt man mir mehr Achtung entgegen, weil ich mich – jedenfalls größtenteils – aus der Welt des Ärgers verabschiedet habe und anders auf Menschen zugehe.
Die Arroganz in der Welt des Ärgers kommt oft daher, dass eine Person tief im Innern unsicher ist, Minderwertigkeitskomplexe hat und nicht weiß, wo sie im Leben steht. Ich habe diese Tatsache einmal auf einer Tournee ziemlich drastisch erlebt. Ein Kollege kritisierte akribisch jede Schwäche der anderen. Es war offensichtlich, dass er selbst nicht zurande kam und deshalb völlig frustriert war. Zudem hatte er nicht mit meiner Stärke gerechnet und sein Ego erlaubte es nicht, die »zweite Geige« zu spielen. Dies ließ sich in dem Stück jedoch nun einmal nicht vermeiden. Denn das war Teil der Handlung.
Das Spiel des Kollegen war beliebig und langweilig geworden – und da kenne ich keine Gnade: Für mich steht bei einer Produktion immer die Qualität im Vordergrund, erst dann kommt die Freundschaft. Schließlich bezahlen die Menschen Geld, um eine Vorstellung zu sehen. Es ist verdammt noch mal unser Job, ihnen etwas zu bieten. Und diese Aufgabe nehme ich sehr ernst. 1000-prozentig. Mein Kollege verschanzte sich hinter seiner Arroganz und katapultierte sich damit selbst ins Aus. Leider war ich zu jener Zeit in meiner Praxis noch nicht weit genug fortgeschritten, um zu begreifen, wie ich ihm hätte helfen können.
Dass manchen Menschen allerdings überhaupt nicht zu helfen ist, erlebte ich viele Jahre später in einer ähnlichen Konstellation. Ich begegnete der personifizierten Intoleranz im Lebenszustand des Ärgers, der auf einer äußerst individuell ausgeprägten Weltsicht basierte. In solchen Fällen macht man sich am besten so schnell wie möglich aus dem Staub. Gegen die Intoleranz gewisser religiöser Gruppen oder Menschen besitzt man sowieso keine Handhabe. Diese Menschen sind Gefangene ihrer kleinen arroganten, intoleranten, fundamentalistischen Welt des Ärgers. Man kann nur beten, dass sie ihren Lebenszustand ändern mögen und etwas begreifen. Ich erinnere mich gut an die Fernsehberichte über diesen Salafisten, der zwei Polizisten niedergestochen hatte. Er zeigte nicht den geringsten Anflug von Reue. Nichiren Daishonin bezeichnet diesen Zustand als »Verdrehtheit« und fügt noch hinzu: »Ein arroganter Mensch wird von Angst überwältigt, wenn er auf einen starken Gegner trifft. Das Ego muss um jeden Preis geschützt werden.« So viel zum Handlungsmotiv und zur Uneinsichtigkeit jenes Menschen.
Dennoch besitzt auch der Ärger, der letzte der »bösen Pfade«, einen positiven Aspekt:
Unser Ego schützt unsere Würde und befähigt uns damit, gegen diejenigen zu Felde zu ziehen, die die Würde des Menschen mit Füßen treten. In diesem Sinne kann man »Ärger« auch als gewaltige, konstruktive Antriebskraft verstehen, die gesellschaftliche und persönliche Reformen ermöglicht. »Ärger« verleiht uns den Mut aufzustehen, unsere Stimme zu erheben und uns für andere Menschen einzusetzen, sei es in einer großen Organisation wie Amnesty International oder in der Rolle des Schlichters bei einer kleinen privaten Familienfehde.
Ruhe
Ein kleines Beispiel eines Menschen in der Welt der Ruhe: Ich bin bei mir zu Hause in Südfrankreich. Genauer gesagt: Ich sitze in einem Café an der Strandpromenade. Der Sommer geht zu Ende. Die Touristen sind fort, in dem kleinen Ort kehrt wieder Frieden ein. Ich habe es wirklich schön hier, blicke aufs Meer und bin zufrieden. Ich denke nichts und bin ganz ruhig. Bald werde ich anfangen, dieses Buch zu schreiben. Meine Ausgeglichenheit ist sicher die beste Voraussetzung dafür – kein schlechter Zustand nach der Achterbahnfahrt durch Höhen und Tiefen der letzten Jahre. Ich bin weder unglücklich, da momentan Frieden herrscht in meinem Leben, noch bin ich besonders glücklich, das heißt randvoll mit vorübergehender Freude aufgrund einer neuen Liebe oder einer Traumrolle. Alles ist ruhig, es ist gut so, wie es ist.
Die Welt der Ruhe oder der Humanität, also des völligen Menschseins, so, wie wir gemeint sind, ist ein neutraler Zustand. Man lebt im Frieden mit sich und seiner Umgebung, »ruht in sich selbst«.
In diesem Lebenszustand sind wir in der Lage, unsere angeborene Intelligenz anzuwenden und nach dem Motto zu handeln »Erst denken, dann reden« und vor allem »Erst reden und nicht gleich zuschlagen«. Wir praktizieren den friedlichen Dialog mit Toleranz (Jaaaa!) und Güte. Das bedeutet, dass es uns in dieser Welt der Ausgeglichenheit auch mal egal ist, ob wir recht behalten oder andere etwas tun, was uns nicht so zusagt. Man ist achtsam, beurteilt die Dinge mit dem Verstand und lässt sich nicht von Emotionen hinreißen. Spätestens in diesem Lebenszustand ist Wahrheit auch kein relativer Begriff mehr! Wir wollen Frieden und keine Spielchen spielen. Anstatt den Konflikt zu suchen, gehen wir ihm lieber aus dem Weg. Weil uns nämlich bewusst ist, dass uns ein anderes Verhalten sofort wieder in die Welt des Ärgers, der Hölle oder der Animalität zurückkatapultiert.
Doch da genau zeigt sich auch die Problematik der Welt der Ruhe. Konfliktvermeidung ist zum Beispiel in einer Partnerschaft auch keine Lösung. Im Gegenteil: Viele Beziehungen zerbrechen daran. Es gab Situationen in meinem Leben, in denen ich das Gefühl hatte, gegen Gummiwände zu laufen. In diesen Momenten war mein ausgeglichener Lebenszustand wortwörtlich »beim Teufel«. Die Welt der Humanität ist nicht stabil genug, hat per se nicht genügend Lebenskraft, um nicht mitunter von den niederen Welten einfach weggespült zu werden. Also betrachten wir diese Welt am besten als eine »Zwischenphase« zum Ausruhen.
Genau betrachtet sind die negativen Aspekte der Welt der Ruhe gar nicht so ohne: Sie präsentieren sich in Form von Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit und Apathie – in stundenlangem faulen Herumdümpeln vor dem Fernseher ohne konkretem Interesse am Programm (wie wäre es stattdessen zur Abwechslung mal mit einem Buch zum Eintauchen in die Welt des Lernens?). Ebenso herrscht bei den Jugendlichen diese gewisse Null-Bock-Stimmung vor, eine allgemeine Lustlosigkeit verbunden mit dem fehlenden Elan, ihr Leben kreativ zu gestalten und an sich selbst zu arbeiten. Die bereits erwähnte Konfliktvermeidung ist nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich ein Problem, sie beinhaltet auch den weitverbreiteten Wunsch nach Nicht-Veränderung. Da wir Angst davor haben, dass unser Leben durcheinandergerät, weigern wir uns oft, Probleme und Hindernisse an uns heranzulassen. Im Lebenszustand der Ruhe verlangt es unsere Bequemlichkeit, dass alles so bleibt, wie es ist. Schließlich haben wir uns ja bislang auch ohne große Aufregung durchs Leben laviert.
Wenn ich jetzt manchen von Ihnen mit dieser Diagnose ein blaues Auge verpasst habe, nehmen Sie’s mir nicht übel. Es ist einfach wahr. Ich habe es ganz genauso erlebt. Im Fach »Ruhe« habe ich ein Hochschuldiplom.
Zum versöhnlichen Abschluss ein Gedicht, das ich in einem typischen Lebenszustand der Ruhe verfasst habe:
heimweg
apfelbäume
säumen wegesrand
fachwerk und spalierobst gleiten sanft
an mir vorüber
nebelgrüne
herbstvisionen mischwaldfarben
zwischen gelben feldern sonnenstrahlentanz
treibt mich zur eile
ferne kindertage
einzuholen
dem duft von pflaumenkuchen folge ich
nach haus
Vorübergehende Freude
»Das kann ich mir gut vorstellen«, bemerkt die beste Freundin von allen, nachdem ich ihr die letzten Seiten zu lesen gegeben und ihr die Welt der vorübergehenden Freude erklärt habe. »So ist es doch in jeder Partnerschaft. Erst ist man total verliebt, schwebt auf Wolke sieben und hat jeden Tag Sex. Aber das hört irgendwann auf – spätestens nach ein paar Jahren. Meine Hochzeit war ein Freudentag, aber dann ging’s eben vorüber.«
»Du meinst«, grinse ich, »die Ehe ist ›ein Jahr Feuer und Flamme, 30 Jahre Asche‹?«
So kann man »vorübergehende Freude« natürlich auch beschreiben. Aber mal im Ernst: Wer von uns kann wirklich behaupten, dass Glück und Freude in seinem Leben dauerhaft angehalten haben? Zumindest schießen die anderen, niederen Welten doch immer wieder einmal quer.
Also, wie ist das? Wir sind glücklich, wenn sich unsere Wünsche erfüllt haben. Es geht demnach primär um die Befriedigung von Begierden. Oder wenn Dinge passieren, die wir uns zwar nicht gewünscht haben, weil sie (noch) nicht auf dem Merkzettel standen, die für uns aber der absolute Wahnsinn sind. Wir erleben einen Zustand voller Lebensfreude, übergossen mit dem goldenen, warmen Schein der Glückseligkeit. Es geht uns suuuuuuuuupergut! Unsere Lebenskraft saust wie beim »Hau den Lukas« auf dem Jahrmarkt bis zur Spitze der Stange hinauf: »Dzing!!«
Sie möchten sicher erfahren, welche Momente des Glücks respektive der »vorübergehenden Freude« es im Leben der Anja Kruse bisher gab. Also dann, hier ein paar persönliche »Highlights«:
Der Tag der bestandenen Aufnahmeprüfung an der Folkwangschule in Essen: Mein größter Wunsch im Hinblick auf meinen Beruf als Schauspielerin war in Erfüllung gegangen. Es war ein Rosenmontag und am Abend traf ich mich mit meiner Essen-Heisinger Clique zur Karnevalsfeier. Vor lauter Glück habe ich mich mit der Kombi Pils und einem damals angesagten grauenvollen Gesöff namens »Persico« selbst unter den Tisch getrunken und nicht mehr gewusst, wo ich aufgewacht bin. Wochenlang schwebte ich auf Wolke sieben. Das Abi machte ich im Flug so »nebenbei«, denn ich war ja schon längst auf der Schauspielschule.
Einige Jahre später stand ich im Theater in Münster in dem Musical Anatevka auf der Bühne. Mein damaliger Freund spielte den Schneider Mottel, ich Tevjes älteste Tochter Zeitel. Eines Abends schob mir mein Schneider Mottel bei der Trauungsszene einen Ring über den Finger und flüsterte die privaten, nicht im Textbuch stehenden Worte: »Das ist kein Requisit!« Was für eine Liebeserklärung! Auf einer Bühne!
Ja, Sie haben es sicher richtig erraten, Die schöne Wilhelmine gehört zu den großartigsten Momenten meines Lebens. Trotz des damals in der Tschechoslowakei herrschenden »realen Sozialismus«, sprich der extrem schwierigen Lebensbedingungen im ganzen Land, war der Film für mich Glück pur! Es war die Rolle meines Lebens und ich schwebte wieder einmal auf Wolke sieben. Der Moment, in dem ich für diese Rolle mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde, sprengte jede Definition von Freude. Ich war so glücklich, dass es mir im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlug: Tränen und eine Dankesrede, die aus beliebig zusammengewürfelten Wort-Dominosteinen bestand. Das ZDF übertrug die Preisverleihung auch noch live! Du lieber Himmel!
Meinen 30. Geburtstag verbrachte ich im Schwarzwald. Wieder mal an einem Set. Ich hatte gerade eine sehr schwierige und emotionale Szene abgedreht – ohne an so etwas Banales wie Geburtstag zu denken. Als dann das gesamte Team »Happy Birthday« sang und Produzent Wolfgang Rademann mir mit 30 Rosen zum Geburtstag gratulierte, hat mich das unendlich berührt und glücklich gemacht. Ich war soeben gerade als Claudia in der Schwarzwaldklinik gestorben …
Können Sie sich vorstellen, was für ein Glücksgefühl Standing Ovations auslösen? Dieser Moment auf der Bühne, wenn der Applaus tost wie eine stürmische Brandung und die Zuschauer nicht nur klatschen, sondern auch mit den Füßen auf den Boden trampeln. Der absolute Wahnsinn und einer der größten Glücksmomente für jeden Künstler. Ein absolutes Highlight war in dieser Hinsicht die Silvestervorstellung von My Fair Lady. Eliza ist in Higgins’ Bibliothek allein. Nachdem sie vorher reichlich schikaniert wurde und sie sehr wütend war (»Wart’s nur ab, Henry Higgins …«), lernt sie zur Begeisterung aller wie durch ein Wunder doch noch ordentlich sprechen (»Es grünt so grün«). Dann singt sie, ganz offensichtlich in ihren Professor verliebt, das berühmte Lied »Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht«. Ich war ganz allein auf der Bühne, ein Sofa, ein Spot, ein Lied … dunkel … Applaus von 6000 (sechstausend!) Menschen. Und Pause. Das werde ich niemals vergessen …
Ist es nicht der Traum eines jeden Mädchens? Der Märchenprinz steigt von seinem Pferd, kniet nieder, legt der jungen Dame sein Schwert zu Füßen und hält um ihre Hand an. Nun, fast genau so hat es sich bei mir zugetragen: Der Prinz hatte seine »Cinderella« unter dem Vorwand einer Besichtigungstour durch halb Südfrankreich gejagt, bis die beiden den ultimativ romantischsten Ort an der Côte d’Azur erreichen: Èze Village. Dort kniet der Held wie ein edler Ritter vor seiner Geliebten nieder und fragt sie, ob sie seine Frau werden wolle. Also wenn Sie das nicht »Glück pur« nennen, dann weiß ich auch nicht …
Das nächste Highlight meines Lebens, und da werden mir bestimmt viele Leserinnen folgen können, war meine Hochzeit. Ich war glücklich, glücklich, glücklich. Und es gibt eine Menge Filmmaterial, das dies dokumentiert. Jaaaa, man sieht es! Ich habe mit mir selbst um die Wette gestrahlt und in keinem der vielen Filme, die ich bis zu diesem Tag gedreht hatte – trotz bester Kameramänner –, so schön ausgesehen! Dieser Tag war der Tag aller Tage. Die Stadt Salzburg spricht noch heute davon …
Dann gab es einen Film, der alle meine Wünsche erfüllte: Mein Wunschautor verwandelte die Geschichte, die ich entwickelt hatte, in ein Drehbuch, der Produzent setzte meine Wunschbesetzung beim Sender locker durch. Das Team respektierte mich als »Expertin« und fragte mich, wenn nötig, um Rat. Die fünf Drehwochen von Johanna – Köchin aus Leidenschaft waren der Himmel auf Erden für mich. Eine Traumrolle in einer Traumlocation, meiner heiß geliebten Südsteiermark und mit einem Traumthema: Kochen (etwas, das ich auch im wirklichen Leben mit Leidenschaft betreibe).
Dass es dem Herrn Produzenten, wie ich heute weiß, um eher recht banale Dinge wie die Sanierung seiner maroden Firma ging und weniger um »unser Baby«, den Film, und dass ich – welch Ironie – als Einzige in dieser Produktion niemals von ihm bezahlt wurde, weder für meine Arbeit als Schauspielerin noch als Urheberin der Geschichte, machte das Ganze für mich zu einer extrem »vorübergehenden Freude« …
Ein weniger dramatisches Beispiel vorübergehenden Glücks entstammt dem Bereich sportlicher Aktivitäten: Schauplatz Eugendorf bei Salzburg. Ich spiele »Hausfrauengolf« – ohne größere Ambitionen und stressige Scorekarte. Es gibt auf diesem wunderschönen Platz ein riesiges »Wasserloch« mit einem Steilhang dahinter. Bevor ich abschlage, verabschiede ich mich von meinem Ball: »Tschüss. Mach’s gut, mein Kleiner! War, nett, dass wir eine Weile Spaß miteinander hatten.« Unerklärlicherweise landet mein Ball jedoch oben auf dem Steilhang, mehr als 150 Meter weiter als gewohnt. Er ist nicht wie üblich im Wasser ertrunken oder auf Nimmerwiedersehen in den ewigen Jagdgründen des Rough verschwunden. Ich kann ohne Strafpunkte weiterspielen. Beim Golf gibt’s zwar, wie man leicht nachvollziehen kann, jede Menge Ursache und Wirkung, trotzdem existiert das Prinzip der »Strafe«. Wie unbuddhistisch! Wie auch immer. Das ist jetzt sicher nicht wahnsinnig wichtig fürs Leben, aber dieser eine geglückte Schlag hat mich für den Rest des Tages (also vorübergehend) sehr glücklich gemacht. Ich hatte etwas geschafft, was ich noch nie zuvor erreicht hatte. Juppdiduuuu … Tolles Gefühl!
Na gut. Jetzt aber mal ernsthaft: Unsere Wünsche haben sich erfüllt. Wir erleben einen intensiven glückseligen Zustand voller Lebensfreude, der aber sofort wieder vorüber sein kann, wenn die Dinge sich auch nur ein klein wenig ändern – oder man sich daran gewöhnt hat. Darüber muss man sich im Klaren sein, denn unzerstörbares Glück erhält man nicht durch die Befriedigung von Instinkten oder Begierden.
Die vorübergehende Freude fungiert jedoch als Benzin für den Motor unserer Lebenskraft. Das dauerhafteste »vorübergehende« Glück ist die Freude über ein erfülltes, kreatives Leben und darüber, dass man lernt, wächst und sich entwickelt.
Das, was uns primär glücklich macht, ist nicht unbedingt das, was unserem wahren Glück entspricht. Das zu verinnerlichen ist aber meiner Meinung nach eine Lebensaufgabe, denn wir Menschen sind nun einmal so gestrickt, dass wir nur das als Glück erachten, was manifest erscheint, wenn bestimmte Umstände erfüllt sind. Das können ein guter Job, ein toller Partner, Geld, ein Haus, ein Auto oder was auch immer sein.
Verschwinden diese Dinge, ist auch das Glück nicht mehr da. Es ist also »vorübergehend«. Beginnt man jedoch mit der buddhistischen Praxis, fängt man an, seine Buddhanatur zu erwecken – und darin liegt das unzerstörbare Glück: Zufrieden und glücklich zu sein, und zwar grund- und bedingungslos, sich wirklich im Einklang mit dem Universum zu befinden, eins zu sein mit seiner Umgebung, ohne dass irgendwelche speziellen Wünsche erfüllt worden sind. Dieses Glück kann einem niemand nehmen. Es zu erlangen, ist nicht leicht, noch dazu, weil der Weg manchmal widersinnig erscheint, wenn die Dinge sich so entwickeln, wie es im eigenen Lebensplan nicht vorgesehen war. Und trotzdem muss man sich rückblickend eingestehen, dass die Entwicklungen genau richtig waren und uns zu den Menschen gemacht haben, die wir wirklich sind.
Ich erinnere mich an die Erfahrung eines gewissen Alain, ich glaube, so hieß er, die ich bei einer der ersten Versammlungen in Paris hörte. Alain war ein spießiger kleiner Banker mit gutem Auskommen gewesen. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder, seine Frau stammte aus einer der angesehensten Familien der Stadt. Alains Alltag war geregelt, beruflich wie privat. So ein bisschen wie bei Mary Poppins, fällt mir gerade ein. Der überkorrekte Banker-Vater macht in dem Film ja auch eine beträchtliche Wandlung durch. Alains wahre Geschichte ist weit weniger lustig. Trotz seines sorgenfreien Lebens fühlte sich Alain unzufrieden, unerfüllt und gelangweilt. Vermutlich begann er deshalb mit dem Chanten. Kurz darauf gab es Umstrukturierungen in der Bank und er wurde trotz guter Beziehungen zu den oberen Kreisen wegrationalisiert. Er verlor den Boden unter den Füßen und begann zu trinken. Das Geld wurde knapp und wie zu erwarten war, verließ ihn seine Frau mitsamt den Kindern. Alain hielt dennoch an der buddhistischen Praxis fest. Er verbrachte einige Jahre seines Lebens unter den Seine-Brücken und im Winter in den Métro-Stationen. In dieser Zeit fing er an zu malen. Kreide auf Pflaster, Farbe auf Papier, wozu das erbettelte Geld gerade reichte. Dann verkaufte er seine Arbeiten an Touristen am Montmartre. Ein Anfang. Irgendwann war er in der Lage, sich ein kleines Atelier einzurichten. Er fand einen Galeristen, der ihn vermarktete, und er fand eine neue Frau, übrigens ebenfalls Mitglied der Soka Gakkai. Alain kann seit Langem von seiner Kunst leben, und das gar nicht mal schlecht. Den Touristen ist er inzwischen zu teuer – ich könnte mir seine Bilder gerade noch leisten. Ich erinnere mich an Alain als einen durch und durch glücklichen Menschen. Er war jemand, der in seinem Leben angekommen war und das tat, was er immer tun wollte: kreativ sein. Er hatte es nur nicht gewusst. Erst mit der buddhistischen Praxis hatte er seine Lebensumstände so verändert, dass dieses Leben möglich wurde.
Eine unglaublich ermutigende Geschichte! Auch wenn ich persönlich die Aussicht nicht wirklich verlockend fand, einige Jahre unter den Brücken von Paris zu schlafen, obwohl es dort – zumindest im Sommer – sehr romantische Plätze gibt.
Die vorübergehende Freude wird also bestimmt von unserer Sehnsucht nach Unvergänglichkeit, vom »Festhalten-Wollen« um jeden Preis. In jener Zeit in Paris wurde mir das Prinzip des »Lâcher prise«, des Loslassens dessen, was man festhält, eingeschärft. Ich konnte nichts damit anfangen – bis zu dem Zeitpunkt, an dem es für mich überlebensnotwendig wurde. Das war viele, viele Jahre später. Offenbar hat alles seine Zeit.
Die christliche Theorie vom »Himmelreich«, mit der die meisten von uns aufgewachsen sind, sowie die Paradiesvorstellung im Islam wollen uns weismachen, dass wir eines Tages, nach unserem Tod, alles haben werden, was uns Freude macht. Das bedeutet, dass all jene Dinge, die bislang ziemlich vergänglich waren, dann als dauerhaftes, »ewiges Glück« erscheinen. Finden Sie das logisch? Ich nicht. Der Buddhismus will uns sicher nicht den Spaß hier auf Erden verderben, schon gar nicht mit der Vision, dass Freude erst in irgendeinem fernen »Jenseits« zu finden ist. Er lehrt uns jedoch, das gegenwärtige Glück als eine vorübergehende Tatsache des Lebens zu betrachten. Ganz einfach. Nein, für uns »Normalo«-Menschen ist das eigentlich richtig schwer. Wir wollen immer an allem festhalten. »Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön!«, hat Goethe es in seinem Faust genau auf den Punkt gebracht. Wir wollen uns unser Paradies auf Erden schaffen und nehmen an, dass wir ein Recht darauf haben, dass es nie verschwindet. Das betrifft ganz besonders das Thema Liebe und Partnerschaft, in dem die Denkweise vorherrscht: Ich bin verliebt, also bin ich »im Himmel« – die Liebe erlöst mich, ja, sie wird sozusagen zu meiner Religion – und mein Partner ist dazu da, mich glücklich zu machen. Der Arme! Kommt wie die Jungfrau zum Kind zu dieser immensen Verantwortung. Das kann ja nicht gut gehen. Ich kann ein Lied davon singen: Seit 18 Jahren schraube ich nun an diesem meinem ganz speziellen Lieblingskarma-Thema herum. Ich passe in jedes Klischee, habe alle Fehler gemacht, die man machen kann, und bin in jede Falle gerast. Das Schicksal ist so lange gnädig mit mir umgegangen, bis es ihm zu bunt wurde und mir mit Brachialgewalt gezeigt hat, was ich in meinem Leben dringend ändern muss. Aber davon später …
Zum Abschluss dieser Erläuterungen zu der äußerst komplizierten und komplexen Welt der vorübergehenden Freude ein keines Gedicht von mir, das sich, wie sollte es anders sein, dem Thema Liebe widmet:
schmetterlinge
wider jede vernunft versinke ich
in deinem lächeln
lasse mich von deinem blick bezaubern
hülle mich
in den zärtlichen mantel deiner worte
begebe mich
freiwillig
in die gefangenschaft deiner umarmung
um die schmetterlinge in meinem herzen wieder zu spür’n.
So, liebe Leser, nun haben wir also die sogenannten Sechs Pfade erkundet, in denen wir Menschen uns abhängig von unseren Wünschen und Begierden und den Situationen in unserer Umgebung um unsere eigene Achse drehen. Nun also Vorhang auf für die »Vier edlen Pfade«.
Lernen
Meine Jahre in Paris waren für mich eine Zeit des Lernens – und der einen oder anderen kleinen Teilerleuchtung. Unter das Lernen fiel zum einen mein Französisch, das innerhalb von drei Jahren nahezu perfekt wurde. Haushalt, Strom, Wasser, Telefon und Handwerksarbeiten gehörten in mein Ressort, beinhalteten also Besuche von Ämtern, Supermärkten und Baumärkten. Das trainiert. Mein Mann (eher der Typ zwei linke Hände und Füße) kümmerte sich um den Rest. Vor Kurzem begegnete ich einem deutschen Ehepaar in einem Baumarkt in Cannes. Ich übersetzte und beriet. Die beiden waren ganz schön perplex, vor allem als sie realisierten, mit wem sie da sprachen. Das war superlustig!
Auch die monatlichen buddhistischen Versammlungen waren ein Lerntraining. Nach einiger Zeit konnte ich sogar die Japaner einigermaßen verstehen und mich aktiv an den Diskussionen beteiligen.
Es war ziemlich aufregend, als ich im Winter 1995 zum ersten Mal von einer Talkshow, Willemsens Woche, aufgefordert wurde, mit dem Thema Buddhismus an die Öffentlichkeit zu treten, mich sozusagen als Praktizierende des Buddhismus des Nichiren Daishonin und als Mitglied der Soka Gakkai zu »outen«. Dabei hatte ich doch noch so wenig Erfahrung und gerade einmal für mich selbst ein kleines bisschen verstanden, worum es bei dieser Lehre ging. Wie sollte ich das also einer ganzen Nation von Laien verständlich machen, geschweige denn näherbringen? Ich begab mich also ganz tief in die Welt des Lernens und wandte mich an den damaligen Hauptverantwortlichen der Soka Gakkai in Frankreich, den inzwischen leider verstorbenen wunderbaren Dr. Yamasaki.
Ein ganz wichtiger Grundpfeiler der buddhistischen Lehre ist das Prinzip von Meister und Schüler. Deren Verbundenheit entspricht der Maxime von Ursache und Wirkung des Mystischen Gesetzes. Die innere Haltung des Schülers, also sein Wissensdurst, sein Verantwortungsgefühl und sein Respekt dem Lehrer gegenüber bildet die Ursache, die alles in Gang setzt. Der Meister hingegen verkörpert die Wirkung, indem er zum Beispiel die Fragen des Schülers beantwortet. Unter dem Aspekt der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung ist der Erfolg des Lehrers oder Meisters auch der Erfolg des Schülers. Es heißt: »Die geistige Grundlage des Meisters ist der fruchtbare Boden für den Schüler, der aus dieser Erde die Blumen seiner Erfolge hervorbringt.« Doch ebenso im umgekehrten Fall profitiert der Meister von seinem Schüler. Ohne Schüler ist der Meister nichts. Und ziemlich einsam mit seinem Wissen.
Mit Dr. Yamasaki als Meister erhielt ich also als Schülerin in einem zweistündigen Gespräch (wir nennen das in der Organisation passenderweise »Führung«) tatkräftige Hilfe und liebevolle Unterstützung. Dr. Yamasaki beantwortete mir – zumindest mit einer beredten Gegenfrage – auch endlich meine brennende Frage, warum man nicht in seiner Muttersprache chanten kann. Schließlich wäre das doch viel einfacher. Er lächelte und sagte: »Denken Sie an Musik! Die Noten sind immer gleich, aber sie sind nicht das Wesentliche. Jemand muss sie mit seiner Stimme singen oder mit einem Instrument spielen. Dann kann jeder sie hören. Nam Myoho Renge Kyo ist die Musik und die Sprache des Universums. Es geht um den Klang, nicht um das, was auf dem Papier steht. Und Sie als Schauspielerin können mir doch sicher sagen, in welcher Sprache sich die emotionale und literarische Kraft Shakespeares und die Musik seiner Worte am besten entfaltet – sicherlich nicht in Japanisch, Russisch oder Deutsch. Oder?« Seine schmalen Augen hinter der randlosen Brille sahen mich verschmitzt an. Mir war klar, dass er wusste, dass ich die Antwort natürlich kannte: Shakespeares Stücke besitzen die größte Kraft in der Sprache, in der sie geschrieben wurden, also auf Englisch. Bingo, das war überzeugend!
Das zweite wichtige Thema in meinem Gespräch mit Dr. Yamasaki war der Umgang mit dem Thema Negativität, genauer gesagt mit unserer persönlichen negativen Einstellung zu den Dingen des Lebens. Mir war dieses Thema sehr wichtig, da es vielen Menschen vertraut ist, unabhängig davon, ob sie sich im Buddhismus auskennen oder irgendeinen anderen Glauben praktizieren.
Dr. Yamasaki sagte: »Sie müssen den Menschen in Deutschland, die zu Hause vor ihren Fernsehern sitzen, zeigen, dass Sie glücklich sind und dass Sie sich niemals besiegen lassen. Buddhismus ist Sieg oder Niederlage, ohne Kompromisse. Kompromisse haben wir unser Leben lang gemacht. Und darum chanten wir Nam Myoho Renge Kyo, um uns gegen die negativen Stimmen zu verteidigen, die in uns eindringen und uns zuflüstern: ›Nichts wird sich jemals ändern, es klappt sowieso nicht, ich werde niemals Glück haben‹ und so weiter.«
»Dann wird man mir entgegnen: Das ist doch nichts anderes als ›positives Denken‹. Das kann man sich aneignen, viele Menschen praktizieren es und kommen gut damit klar – ohne Buddhismus«, wagte ich einzuwenden.
»Eine sehr intelligente Bemerkung«, entgegnete mein »Meister« und ein feines Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. »Dieser Ansatz ist gut, es ist gut, das Leben positiv zu betrachten. Aber zum einen nützt man mit dem reinen positiven Denken nur sich selbst …«
»Somit ist es ein rein egoistischer Akt?«, wagte ich dazwischenzufragen.
»Ganz richtig. Denn das ›positive Denken‹ richtet sich ausschließlich auf Ihr eigenes Leben beziehungsweise ein persönliches Problem darin. Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie mit all den anderen Menschen, ja, mit dem ganzen Universum verbunden sind, deswegen müssen Sie Ihre Negativität von Grund auf bekämpfen. Für sich und für andere. Wenn Sie dafür chanten, ändern Sie ihr gesamtes Umfeld, und das geht viel tiefer. Zum anderen darf man auch nicht vergessen, dass das ›positive Denken‹ das Problem nur äußerlich beiseiteschafft, indem man es nicht zur Kenntnis nimmt oder hofft, dass es von selbst wieder verschwindet. Man legt in gewisser Weise einen Deckel darauf, doch in der Tiefe ändert sich nichts, weil wir uns nicht verändern. Wir können ein Problem oder ein Hindernis nicht ›wegdenken‹. Wir müssen erkennen, dass eine Schwierigkeit Teil unseres Karmas und damit wichtig für uns ist, weil sie uns befähigt, uns zu entwickeln. Ansonsten leben wir weiterhin in der Welt der Illusion und es ändert sich gar nichts. Ich hoffe, Sie haben diesen Unterschied verstanden?«
»Ich glaube schon«, antwortete ich etwas zögerlich, »doch könnte es nicht sein, dass eine gewisse ›Zwecknegativität‹ uns davor beschützt, Enttäuschungen zu erleben? Ich will einfach nicht so traurig sein, wenn das, was ich mir vorgenommen habe, dann doch nicht klappt.« Kleinlaut, weil ich das Gefühl hatte, Dr. Yamasaki würde mich gleich auseinanderpflücken, fügte ich hinzu: »Ich schraube meine Erwartungen eben nicht so hoch.«
»Dann werden Sie nie ein großartiger Mensch werden!« Peng. Das saß. »Nur wer das Höchste anstrebt, kann auch das Höchste erreichen. Denken Sie an Mozart oder Einstein. Oder an – wie heißt dieser deutsche Fußballer gleich noch? Die Zielsetzung ist wichtig, egal ob Sie eine Oper schreiben, ein Bild malen, einen Marathon laufen oder zum Mond fliegen. Ich weiß«, führte Dr. Yamasaki fort, »wir Menschen sind für diese Stimmen des Zweifels anfällig. Wir hören ihnen gerne zu, lassen uns einlullen und abbringen von unserem Weg, Großartiges zu schaffen und unser höchstes Potenzial zu entfalten. Je mehr wir diesen Stimmen zuhören, desto stärker untergraben sie unsere Gebete (das gilt auch für die christlichen Gebete!). Wir beginnen unbewusst, falsch zu beten. Und wenn wir einen gewissen Punkt überschritten haben, geben wir uns den negativen Stimmen hin, wie wir es die meiste Zeit unseres Lebens getan haben. Dort angelangt, haben unsere Gebete kaum noch Chancen, sich zu erfüllen. Wenn wir chanten, projizieren sich unsere Gedanken und Empfindungen ins Universum. Das ist wie ein Spiegel. Also wenn wir unbewusst unsere Gebete verändern, akzeptiert das Gesetz des Universums (Myoho) diese unsere Gedanken, als seien es tatsächlich unsere Wünsche. Es liegt also in unserer Verantwortung, an unseren Wünschen festzuhalten, ohne uns durch die negativen Stimmen entmutigen zu lassen. Wie ich schon sagte: Es gibt keine Kompromisse, sonst haben wir von Anfang an verloren. Und vergessen Sie nie«, fügte Dr. Yamasaki noch hinzu, »Sie sind ein Bodhisattva aus der Erde und ein Botschafter für Kosen-rufu12. Sie haben diesen wundervollen Beruf und diesen Platz in der Öffentlichkeit gewählt, weil Sie eine Aufgabe haben. Diese Aufgabe beginnt jetzt. Seien Sie mutig und ein stolzer Sieger, pardon, eine stolze Siegerin. Dann werden Sie alle Schwierigkeiten meistern und ganz sicher die Herausforderung dieser Talkshow bewältigen. Ich danke Ihnen, dass Sie mir mit Ihren Fragen Anregungen gegeben haben. Sie sehen, der Meister profitiert immer von seinem Schüler.« Und damit war ich entlassen.
Ich hatte in diesen zwei Stunden sehr viel gelernt und war ein großes Stück weitergekommen. Ich hatte meinen Verstand und mein Herz wirklich »erweitert«, hatte mich angestrengt, zu begreifen, und war bemüht, das, was man mir beibrachte, in meinem Leben umzusetzen.
Das war also in angewandter Form die Welt des Lernens. Dieser Lebenszustand beinhaltet aber jede Art des Lernens, egal ob mit einem »Lehrer« (meist übernimmt das Leben selbst diese Rolle) oder durch eigene Anstrengung. Einige Wochen nach meiner »Führung« durch Dr. Yamasaki befand sich dann ein bezaubernder Roger Willemsen in der Welt des Lernens. Er war zum Vorgespräch für seine Talkshow extra nach Paris gereist. Wir hatten ein wunderbares Gespräch im »Café de Flore« mitten in Saint-Germain, und diesmal hatte ich die Rolle des »Meisters« inne.
Teilerleuchtung
Die Welt der Teilerleuchtung ist quasi die »Schwester« der Welt des Lernens. In diesem Lebenszustand haben wir nicht nur etwas gelernt, sondern es auch durch eigenes Bemühen verstanden. Jawohl! Zum Beispiel eine mathematische Formel wie (a + b)² = a² + 2 ab + b² – obwohl ich selbst da passen muss. Mathe war für mich immer ein böhmisches Horrordorf. Oder wir haben begriffen, wie eine Uhr funktioniert, wie eine Soße besonders gut gelingt (das kann ich weitaus besser als Mathe!) oder – im simpelsten Fall – wie man das Licht anschaltet.
Aber Achtung: Die Gefahr der Teilerleuchtung besteht darin, sich in eine Art »Versenkung« fallen zu lassen oder sich im umgekehrten Fall als »Überflieger« zu fühlen, sprich in einen Zustand zu geraten, in dem man vor lauter Intelligenz, Begeisterung und Wissensdurst seine Umwelt nicht mehr wahrnimmt. Wir werden dann zum Sklaven unseres eigenen Intellekts, der uns suggeriert, niemand könne uns jemals das Wasser reichen, alle anderen Menschen lägen unter unserem geistigen Niveau. Diese Haltung führt uns schwups zurück in die niedere Welt des Ärgers, sprich der Arroganz. Bei Ärzten lässt sich dies zuweilen beobachten – die Bezeichnung »Halbgott in Weiß« kommt nicht von ungefähr. Auch der allseits bekannte »zerstreute Professor« ist ein Paradebeispiel für diesen fehlgelaufenen Zustand – eine Intelligenzbestie, ein »wandelndes Lexikon«, ein Mensch, der alles weiß und der sich selbst genügt. Nicht die beste Ursache für ein erfülltes Leben: Unser Herr Professor führt wahrscheinlich ein einsames Eremitendasein, abgeschottet in seinen vier Wänden. Wen wundert’s?
Ein wirklich weiser Mensch vertritt nicht nur seine Meinung, die er aus seiner Erfahrung heraus gebildet hat, sondern er ist offen für jede Situation, deren Wahrheit vielleicht ein kleines bisschen anders ist als seine eigene.
Ich selbst sollte einige Jahre später genau an diesem Punkt meiner persönlichen Entwicklung stecken bleiben. Ich besaß die ausgeprägte Zuversicht, dass mir nichts passieren könne, weil ich so viel über das Leben gelernt und so viel Weisheit angesammelt hatte, dass ich anderen spirituell weit voraus war. Ich war fest davon überzeugt, dass mich als praktizierende Buddhistin das universelle Gesetz beschützte. Was für eine Arroganz! Die Bauchlandung stellte sich wenig später als Auswirkung darauf ein. Aber so weit sind wir noch nicht. Noch befinden wir uns auf meinem Weg im Jahr 1995 und damit ganz am Anfang.
Die Teilerleuchtung, die ich durch das Gespräch mit Dr. Yamasaki erlangt hatte, die Erfahrung, dem Sinn und Hintergrund der buddhistischen Praxis ein bisschen nähergekommen zu sein, wollte ich nun mit vielen anderen Menschen in meiner Heimat teilen. Der wahre Sinn der beiden Welten »Lernen« und »Teilerleuchtung« liegt nämlich darin, das, was wir gelernt und verstanden haben, in den Dienst der Menschheit zu stellen, unsere Erkenntnisse weiterzugeben, um andere Menschen auf ihrem Weg zu ermutigen. In den Welten des Lernens und der Teilerleuchtung findet im Übrigen die ewige und allumfassende Frage »Was ist der Sinn des Lebens?« ihren perfekten Platz.
Hierzu möchte ich Daisaku Ikeda zitieren, der die Antwort mit folgenden Worten genau auf den Punkt bringt: »Der Sinn des Lebens aller Menschen besteht darin, die Erkenntnisse und Erfahrungen der Vergangenheit zum Wohle der Zukunft fassbar zu machen und zu nutzen.«
Bodhisattva
Am Abend des 17. Februar gab es für eine nach so viel Führung schon ziemlich »teilerleuchtete« Anja auf der Bühne des NDR-Fernsehstudios einen Auftritt der besonderen Art. Mit einer Lastwagenladung voll Hummeln im Magen und ordentlich zitternden Knien war mein Lampenfieber genauso groß wie bei meiner allerersten Theater-Premiere. In gewisser Weise war es ja auch eine Premiere …
Am Nachmittag hatte ich eine ganze Stunde lang gechantet und mir Klarheit in meinen Gedanken gewünscht. Meine Fähigkeiten im Bereich der »freien Rede« waren zu jener Zeit durchaus noch ausbaufähig. Als Schauspieler ist man es gewohnt, von anderen einen Text geschrieben zu bekommen, den man dann lernt und vorträgt. Aus dem Stegreif sprechen zu müssen, noch dazu über ein so komplexes Thema, das fühlte sich an wie ein Hochseilakt ohne Netz und doppelten Boden. Ich hatte den Moderator Roger Willemsen darum gebeten, mich nur dann zu unterbrechen, wenn ich feststecken sollte, hatte ich doch Angst, ansonsten den Faden zu verlieren. Er hielt sich daran und führte mich – kaum merklich – wunderbar durch diese für mich nicht einfache Aufgabe.
Wenn ich mir diese Sendung heute – viele, viele Jahre später – ansehe, bemerke ich zwar meine Unsicherheiten, spüre aber auch die ungeheure Entschlossenheit, die ich mitbrachte, und das Feuer, das vom Bildschirm direkt auf die Zuschauer übersprang.
Ich hatte nicht damit gerechnet, welchen Effekt diese Talkshow auslösen würde. Ich bekam waschkörbeweise Post und unglaublich viele Menschen sprachen mich in den Wochen nach der Sendung an. Die Sehbeteiligung muss offenbar astronomisch gewesen sein. Irgendwie muss ich eine ganz besondere Aufmerksamkeit erregt haben. Man teilte mir mit, ich hätte »wunderbar ausgesehen, ja, richtig geleuchtet«. Ich gab das Kompliment dankend an den Gohonson weiter, (den von meinem Mann, ich hatte ja (noch) keinen eigenen) und freute mich, über meine Worte hinaus auch optisch die Botschaft rübergebracht zu haben: Es passiert etwas in dir, wenn du dein Leben »polierst«, wenn du deine menschliche Revolution vorantreibst, wenn du chantest. Es ist sichtbar und damit beweisbar!
Auch meine französischen Freunde sind an jenem Abend alle vor ihrem Fernseher gesessen. Ohne ein Wort zu verstehen, haben sie doch meinen Lebenszustand wahrgenommen. »Du bist ein Bodhisattva, das weißt du«, sagte M. zu mir am Tag darauf mit einem breiten Lächeln, »und an diesem Abend warst du es ganz besonders. Wir haben es alle gespürt. Ganz deutlich. Vraiment.« Ein bisschen hatte sie da schon übertrieben. Aber ich freute mich trotzdem. Sehr sogar.
Ein Mensch im Lebenszustand des Bodhisattva ist geprägt durch den Wunsch, den Menschen Freude zu schenken und, wenn nötig, sein eigenes Glück dem Glück anderer unterzuordnen oder zu opfern. Wie alle anderen Lebenszustände auch ist dieser in jedem von uns latent vorhanden.
Ein solcher Mensch ist das personifizierte Mitgefühl mit dem selbstverständlichen Credo »Geben statt Nehmen«. Das ist »Liebe« in ihrer reinsten Bedeutung. Sie ist aufopfernd, altruistisch und voller Empathie, wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. »Gut«, werden Sie sagen, lieber Leser, »das ist ja wohl normal, oder?« – Sicher, in der Regel ja, und das beweist, dass es diesen Lebenszustand gibt. Doch das heißt nicht unbedingt, dass ebendiese Mutter sich nicht vielleicht auch in ihrem weiteren Umfeld um das Glück anderer Menschen sorgt, zum Beispiel in ihrem Beruf als Krankenschwester oder in der ehrenamtlichen Altenpflege.
Ich weiß, was Sie jetzt denken: »Alles schön und gut, aber es gibt so viele abscheuliche Kreaturen, Mörder, Kriminelle und Monster in dieser Welt, die können doch unmöglich die Welt des Bodhisattva, geschweige denn der Buddhaschaft besitzen.« Doch, das können sie, denn auch ein Mörder liebt höchstwahrscheinlich seine Kinder, seine Frau oder vielleicht seine Mutter. Oder seinen Hund. Hitler liebte Eva Braun, seine Schäferhündin Blondi wahrscheinlich auch. Das war aber auch schon alles, was ihm aus der Welt des Bodhisattva eigen war. Trotzdem, nur so als kleines Beispiel.
Die größte Herausforderung für uns Menschen besteht darin, den Bodhisattva in uns zum Leben zu erwecken, und zwar nicht nur in Bezug auf die in unserer Hierarchie des Mitgefühls ganz oben auf der Leiter stehenden Personen wie Angehörige und enge Freunde.
»Das ist doch nichts Neues«, sagen Sie jetzt sicher, »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Das hat Jesus schon gesagt und so steht es in der Bibel!« Das weiß ich auch. Und ich habe mir immer wieder über den Unterschied beziehungsweise die Gemeinsamkeit zwischen der christlichen Aussage und der buddhistischen Welt des Bodhisattva den Kopf zerbrochen. Ich glaube, dass Jesus ein hohes Ideal gelehrt hat, das man anstreben soll, dass der Buddhismus aber noch einen Schritt weiter geht, indem er postuliert: Diese großartigen Fähigkeiten habt ihr sowieso schon in euch. Ihr müsst sie nur rauslassen! Ehrlich gesagt finde ich diesen Ansatz für »Otto Normalverbraucher« ein bisschen einfacher. Irgendwie bin ich da näher dran. Doch das muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden.
Der Buddhismus lehrt, dass wir für uns selbst unzerstörbares Glück schaffen, wenn wir wie ein Bodhisattva handeln. Die Freude ist also nicht mehr bloß »vorübergehend«, sondern beständig. Das Glück ist dauerhaft und unzerstörbar und es begleitet uns ins nächste Leben. Dazu müssen wir nicht unbedingt zu einer Mutter Teresa werden. Jeder kann auf seine Weise seine speziellen und einzigartigen Fähigkeiten zum Wohle anderer einsetzen. Zum Beispiel in meinem klitzekleinen Fall durch einen öffentlichen Auftritt. Und es ist ein Erfolg, wenn ich mit meiner Botschaft auch nur einen einzigen Menschen erreiche …
Buddhaschaft
Die Buddhaschaft ist der höchste Lebenszustand. Ihn zu erklären wird jetzt ein bisschen komplizierter, weil mir die Beispiele in der Jetztzeit ausgehen.
Etwas Elementares vorab: Wenn Sie bislang geglaubt haben, ein Buddha sei eine Art »Gott« oder transzendentales Wesen, losgelöst von Zeit und Raum, eine Figur des Jenseits mit übernatürlichen Fähigkeiten, vergessen Sie’s! Bei Diskussionen über dieses Thema tauchen immer drei Fragen auf.
Erstens: Was ist die Buddhaschaft beziehungsweise ein Buddha?
Zweitens: Trägt jeder Mensch die Welt der Buddhaschaft in sich?
Drittens: Wie kann ich diesen Buddhazustand erkennen, wie fühlt sich das an?
Ein Buddha ist ein ganz normaler Mensch, der zur wahren Natur des Lebens »erweckt« (erleuchtet) wurde, eine Person, die sich von den »Illusionen« der anderen neun Welten befreit hat. Durch richtiges Handeln und so weiter (Sie erinnern sich?) setzt dieser Mensch die richtigen Ursachen, zum Beispiel, indem er – salopp formuliert – als Bodhisattva einen guten Job macht.
Ein Buddha ist ein lebendiger Mensch, der im Hier und Jetzt existiert, auf der Erde. Ein Buddha wird man nicht erst nach dem Tod, es ist kein Ehrentitel, den man als »Member of Paradise« verliehen bekommt. Auch wenn Sie sich das nur schwer vorstellen können, es ist einfach so. »Schön«, werden Sie jetzt sagen, »Sie können das jetzt einfach so behaupten! Doch wo ist der Beweis?« Nun, beweisen lässt sich das nicht, man muss es erfahren.
Haben Sie schon einmal eine Durian-Frucht gesehen? Oder gegessen? Nein? Das bedeutet aber nicht, dass es das Ding nicht gibt oder dass man es nicht essen kann. Googeln Sie’s doch mal. Es ist eine Frucht fast so groß wie eine Wassermelone. Ich habe einmal in Singapur auf der Straße so eine Durian gekauft. Dort sollte man sie am besten auch gleich essen, denn es ist verboten, sie mit ins Hotel zu nehmen. Wenn man die Frucht aufschneidet, verbreitet sie einen unerträglichen Gestank. Das Fruchtfleisch aber entschädigt die beleidigte Nase mit dem feinen Aroma von Vanillepudding.
Mit dieser Geschichte will ich sagen, dass man manche Dinge erst ausprobiert und erlebt haben muss, um den Beweis zu erhalten, dass sie wirklich existieren.
Daisaku Ikeda schreibt über den Buddhazustand: »Der Lebensraum des Buddha wird eins mit dem Universum und verschmilzt mit ihm. Das Ich wird zum Kosmos, und in einem einzigen Augenblick streckt sich der Fluss des Lebens aus, um alles, was vergangen ist, und alles, was in Zukunft sein wird, zu umfangen. In jedem Moment der Gegenwart ergießt sich die ewige Lebenskraft des Kosmos wie ein gigantischer Brunnen der Energie.«13 In einfachen Worten bedeutet das, dass der Buddhazustand nicht von allen anderen Lebenszuständen getrennt zu betrachten ist. Er umfasst die anderen neun Welten, ist damit also kein eigenständiger Lebenszustand, in dem man grundlos »dauerglücklich« ist. Im Lebenszustand der Buddhaschaft haben wir die Natur des Lebens verstanden und besitzen Weisheit, Mut, Mitgefühl und Lebenskraft. Das heißt, wir empfinden Freude, sind glücklich, weil das Problem nicht mehr das Problem ist, auch wenn es immer noch in unserem Leben existiert. Wir gehen nur anders damit um. Sagen wir mal so: im Zustand der Buddhaschaft ändert sich unser Blickwinkel, unsere Einstellung zu den Dingen des täglichen Lebens. Die Vier Leiden (Geburt, Alter, Krankheit und Tod) machen uns nichts mehr aus, denn wir erkennen sie schlichtweg als Tatsachen des Lebens an. In dem Moment, in dem wir unseren Buddhazustand manifestieren, sind wir in der Lage, die positiven Seiten aller anderen Welten, auch die der »Sechs bösen Pfade«, hervorzubringen, in unserem Leben anzuwenden und damit positiven Nutzen für uns selbst und für andere zu schaffen. Je mehr wir »Buddha« sind, desto selbstverständlicher geht das vonstatten und wir handeln in jedem Fall »moralisch richtig«. Das beantwortet auch die mir häufig gestellte Frage, welche Vorschriften und Regeln es denn in dieser Form des Buddhismus, den ich praktiziere, gibt. Es gibt nur eine: Entfalten Sie Ihre Buddhanatur, und Sie werden erkennen, welche Ihrer Handlungen gut und nutzbringend sind. Wie Sie mit dieser Erkenntnis umgehen, ist natürlich Ihre Sache, aber im Lebenszustand des Buddha werden Sie intuitiv richtig handeln.
Kants kategorischen Imperativ kann man auf jeden Fall der Welt der Buddhaschaft zuordnen. Wenn jeder Mensch nach dieser Maxime leben würde, gäbe es auf dieser Welt keinen Hunger und keine Kriege mehr.
Was für die Welt des Bodhisattva gilt, gilt natürlich auch für den Buddhazustand: Jeder, wirklich absolut jeder, trägt ihn in sich, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, Rasse, Intelligenzgrad und Bildung. Die Buddhaschaft wartet darauf, von der jeweiligen Person entfaltet zu werden. Sie ist nicht außerhalb von uns selbst zu suchen, in unseren Lebensumständen oder in anderen Wesen, sie liegt in uns und nur wir selbst können sie erwecken. Diese Aufgabe kann niemand für uns übernehmen, keine Kirche, kein Priester, keine Institution und auch kein Freund.
Nichiren Daishonin verwendet das Bild des Spiegels, das ich schon zu Beginn erwähnte: »Solange jemand in Illusionen lebt, nennt man ihn einen gewöhnlichen Sterblichen, doch erst erleuchtet nennt man ihn einen Buddha. Auch ein blinder Metallspiegel wird wie ein Juwel glänzen, wenn er poliert ist. Ein Herz, das gegenwärtig von Illusionen verdunkelt wird, die aus der unwissenden Dunkelheit des Lebens stammen, gleicht dem blinden Metallspiegel, aber ist er erst poliert, so wird er klar und zeigt die Erleuchtung der unveränderlichen Wahrheit. Rufen Sie tiefen Glauben in sich hervor und polieren Sie Ihren Spiegel Tag und Nacht.«14 Doch wie funktioniert das? Nichiren Daishonin schlägt vor, Nam Myoho Renge Kyo zu chanten. Seine Behauptung, dass damit die Tatsache bewiesen werden könne, dass der Zustand des Buddhas tatsächlich in uns vorhanden ist, konnte ich nur überprüfen, nachdem ich mich wirklich dazu entschlossen hatte, diesen Satz zu chanten.
Ich kenne Menschen, die mir, ohne sich zu einer religiösen oder spirituellen Zugehörigkeit zu bekennen, vermitteln, es käme doch »nur auf die Betrachtungsweise der Dinge« an. Man solle auf jeden Fall immer an das Gute glauben, der Rest würde dann schon werden. Mag sein, aber mein Weg ist das nicht. Ich habe es versucht, aber es ging nicht. Ehrlich. Ich bin irgendwie nicht weitergekommen. Inzwischen weiß ich ganz sicher, dass ich diese Buddhaschaft besitze, obwohl ich gestehen muss, dass der Weg bis hin zu dieser Erkenntnis nicht gerade einfach war. Jetzt und hier, da ich darüber schreibe, befinde ich mich natürlich in einem ganz anderen Lebenszustand als damals, als alles begann. Mit meiner heutigen Klarheit und dem Wissen um meine unzerstörbare Buddhanatur hätte ich mir einiges erspart. Aber es ist ein sehr gutes Gefühl zu wissen, dass es eine Form von Glück gibt, die von meinen Lebensumständen unabhängig und »bedingungslos« ist, für die also nicht vorher noch schnell ein paar Wünsche erfüllt werden müssen. Hin und wieder ist dieses Gefühl der Freude auch wirklich präsent. Und das treibt mich an, die nächste Seite zu schreiben, mich für Familie, Freunde oder eine karitative Sache einzusetzen, nicht zu verzweifeln, wenn einmal ein Filmprojekt platzt, Pläne zu machen für das nächste Jahr und so weiter und so weiter.
Das waren sie also, die »Zehn Welten« – ziemlich umfangreich … Doch verabschieden werde ich mich keinesfalls von ihnen. Ich werde ihnen nämlich immer wieder begegnen, ja, sie ziehen sich quasi als roter Faden von nun an durch mein gesamtes Leben, auch durch das berufliche …