22


Gut eine Stunde später betrat Theresa Snow Clevengers Büro bei Boston Forensics. Clevenger hatte sie erreicht, als sie gerade nach Hause gekommen war, und hatte ihr gesagt, dass er sie umgehend unter vier Augen sprechen müsse.

Er zog einen Sessel dichter an seinen Schreibtisch und bat sie mit einer Geste, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich in seinen Schreibtischsessel.

»Worüber wollten Sie mit mir reden?«, kam sie ohne Umschweife zur Sache.

»Über die Wahrheit.«

Ihre Blicke trafen sich, und sie hielt dem seinen stand. »Die Wahrheit worüber?«

»Über John.«

»Sagen Sie mir, was Sie meinen.«

»Ich weiß, was tatsächlich passiert ist, Theresa. Und ich weiß, warum.« Er wandte den Blick ab. »Ich bin nicht stolz auf das, was ich im Vernehmungszimmer getan habe. Aber ich würde es wieder tun.«

Sie erwiderte nichts.

Er sah sie wieder an und senkte die Stimme. »Ich weiß, warum Sie John umgebracht haben. Und ich nehme es Ihnen nicht übel.«

»Sie sind verrückt«, sagte sie zaudernd.

»Ihr Verstand liebte Johns Verstand. Aber der Rest von Ihnen war all diese Jahre über, die Sie mit ihm verheiratet waren, tot.«

Keine Reaktion.

»Sie haben zu ihm gestanden, als jeder andere ihn verlassen hätte. Sie sind bei ihm geblieben, obgleich er grausam zu Ihrem Sohn war. Sie sind bei ihm geblieben, während er Ihre Tochter mit all seiner Zuneigung überschüttete. Sie haben sich selbst hintangestellt. Und ihn an erste Stelle. Weil er etwas Besonderes war.«

»Ehen bestehen aus vielerlei Gründen«, sagte sie. »Unsere bestand für Johns Arbeit.«

»Was der Grund dafür ist, warum Sie bei Coroways und Reeses Plan mitgemacht haben. Sie haben sie eine Romanze für John inszenieren lassen. Weil Sie wussten, wie sehr John litt, wenn er eine Blockade hatte, wenn er nicht erfinden konnte. Vortek quälte ihn. Und dann traf er auf jemanden, der ihm eine neue Art von Energie gab, Energie, die Sie beide zusammen nie hatten, Energie, die seine Kreativität potenziell in ungeahnte Höhen katapultieren konnte. Also haben Sie Ihre Gefühle geopfert – wieder einmal. Für ihn.«

»Es war nicht geplant, dass sie tatsächlich … Sie wissen schon.«

»Mit ihm schlafen würde.«

Diese Worte trafen sie offensichtlich. »Sie sollte ihm sagen, wie viel ihr an ihm lag, aber dass sie sich erst über ihre Ehe klar werden müsse. Sie sollte seine Energie wieder zurück auf seine Arbeit lenken.«

»Bis er die Arbeit an Vortek abgeschlossen hatte. Dann wäre es zwischen ihnen aus gewesen.«

Sie nickte.

»Aber es war nicht zu Ende. Nicht für sie. Nicht für ihn. All die Jahre, die Sie zu ihm gestanden hatten, all der Schmerz, den er Kyle zugefügt hatte, das alles schien nicht mehr zu zählen. John wollte ebenso wenig ohne Grace Baxter leben, wie sie ohne ihn leben wollte. Also haben Sie – nicht Collin – John erzählt, dass Grace darauf angesetzt worden war, ihn zu verführen. Sie haben sein Vertrauen in sie zerstört. Und da hat er Ihnen erzählt, dass er im Begriff stand, Sie alle zu verlassen. Er hat Ihnen erzählt, dass die Operation Sie und ihn zu Fremden machen würde.«

»Er hätte sich nicht einmal daran erinnert, was er mir angetan hatte.«

»Sie hätten nicht mehr für ihn existiert«, sagte Clevenger. »Er war derjenige, der Ihnen mit Auslöschung drohte. Niemand konnte von Ihnen erwarten, dass Sie das zulassen würden.« Er schob die Hand ein paar Zentimeter dichter an die ihre.

Sie sah sehnsüchtig darauf.

Clevenger sah das Verlangen in ihren Augen, Verlangen nach der Art von Vereinigung, die ihr Mann mit einer anderen Frau gefunden hatte. »Es gibt einen Grund, weshalb nichts so gekommen ist, wie Coroway und Reese es Ihnen versprochen hatten«, sagte er. »Manchmal, wenn Menschen einander begegnen, fühlen sie etwas, was sie nie zuvor empfunden haben. Es ist die perfekte Übereinstimmung. Ein ehemaliger Professor von mir sagte immer, es wäre so, als würde man seineLovemap finden. Grace Baxter war Johns. Und er ihre.«

»Werde ich je …?« Sie sah ihm in die Augen.

»Erzählen Sie mir, wie es sich angefühlt hat«, forderte Clevenger sie auf.

»Was?«

»Ihn zu erschießen.«

Sie zögerte.

»Sie können mir alles erzählen. Es ist jetzt vorbei. Reese wird für den Mord an Grace verurteilt werden. Coroway für den Mord an John.« Er hielt kurz inne. »Hat es sich gut angefühlt?«

Sie schloss kurz die Augen und öffnete sie dann wieder, wie ein Katze. »Ich habe mich zum ersten Mal wie ein Mensch gefühlt.«

»Sie haben zum ersten Mal Ihre Gefühle über die seinen gestellt.«

»Ich dachte ehrlich nicht, dass ich den Abzug drücken könnte. Aber dann hatte er die Nerven, mir zu sagen, ich solle mich von der Vergangenheit lösen, mich neu erschaffen. Nachdem ich mein ganzes Leben für ihn aufgegeben hatte.« Sie legte die Hand so hin, dass sie fast Clevengers Finger berührte. »Das Seltsamste ist, dass ich glaube, dass ich mich dadurch, dass ich ihn erschossen habe, tatsächlich neu erschaffen habe. Ich glaube, ich habe die gesamte Architektur meines Lebens geändert.«

»Denken Sie, dass Kyle Ihnen deshalb Johns Pistole gegeben hat? Damit Sie entfliehen konnten?«

»Wir beide mussten entfliehen.«

Clevenger holte tief Luft und schüttelte den Kopf. »Coroway wandert lebenslänglich ins Gefängnis. Ich weiß nicht, ob er das verdient.«

»Collin, George und ich wussten, dass wir mit dem Feuer spielten«, erklärte Theresa. »Jeder von uns hätte sich jederzeit die Finger verbrennen können.«

»Das stimmt«, pflichtete Clevenger bei. »Man weiß bloß nie, wann oder wie es passieren wird.« Er drehte sich mit seinem Sessel zu dem großen, reich verzierten Spiegel um, der an der gegenüberliegenden Wand hing.

Theresa drehte sich ebenfalls um und sah in den Spiegel. Sie betrachtete lächelnd ihrer beider Spiegelbild.

Clevenger griff nach einem Knopf, der an der Unterseite des Schreibtisches angebracht war.

Ihr Spiegelbild verschwand ganz langsam, während die Lampen im Büro gedimmt wurden und den Spiegel durchsichtig machten, so dass dahinter Collin Coroway, Mike Coady, Billy Bishop und Jet Heller zum Vorschein kamen.

»Frank?«, fragte Theresa verwirrt und panisch.

»Verzeihen Sie mir, dass ich ein weiteres Drama auf Ihre Kosten inszeniert habe.«

»Niemand kann irgendetwas von dem, was ich gesagt habe, vor Gericht bezeugen«, protestierte sie. »Sie sind Psychiater. Das hier ist Ihre Praxis.«

»Aber ich bin nicht Ihr Psychiater. Und das hier ist keine Therapiesitzung. Es ist eine Mordermittlung.«

Tränen sprangen ihr in die Augen. »War es Kyle? Hat er es Ihnen erzählt?«

»Er würde Sie niemals verraten. Sie waren all diese Jahre über sein Ein und Alles«, sagte Clevenger. »Es ergab nur einfach keinen Sinn für mich, dass er Collin Johns Pistole gegeben haben wollte. Ihr Sohn ist viel zu scharfsichtig dafür. Er wünschte Ihrem Mann den Tod. Collins einziges wahres Mordmotiv wäre Geld gewesen – Sie hingegen hätten aus Leidenschaft getötet, aus Eifersucht, aus Wut. Sie hätten aus den gleichen Gründen getötet, aus denen George Reese Grace ermordet hat. Weil Sie den Gedanken nicht ertragen konnten, dass Ihr Partner wiedergeboren wurde. Nicht, nachdem Sie so lange in einer Ehe gelebt hatten, die tot war.«

Die Tür zum Büro ging auf. Coady kam herein, in der Hand ein Paar Handschellen.

»Ich dachte, Sie würden mich verstehen«, sagte Theresa und klang dabei unendlich verletzlich. »Ich dachte … Empfinden Sie nichts für mich?«

»Doch, das tue ich«, sagte Clevenger. »Es tut mir Leid, dass wir uns nicht tatsächlich als Arzt und Patientin begegnet sind, bevor das alles hier passiert ist. Vielleicht hätten Sie dann eine Chance auf wahre Freiheit gehabt, statt eines Lebens hinter Gittern.«

Billy Bishop saß auf der Fensterbank, schräg zu Clevengers Schreibtisch. Er hatte im Voraus gewusst, wie sich das Drama im Bostoner Polizeipräsidium entwickeln würde.

»Also, was glaubst du, wer deinen Pick-up in die Luft gesprengt hat?«, fragte er Clevenger.

»Zehn zu eins, dass es Kyle Snow war«, antwortete Clevenger. »Er hatte ein Motiv. Er weiß ein bisschen über Sprengstoffe Bescheid. Aber ich kann es nicht beweisen.«

»Genauso schätze ich die Sache auch ein«, sagte Billy. »Er hat mitgeholfen, Grace Baxter und seinen Vater zu töten – und er hätte beinahe auch dich umgebracht. Und alles nur, weil er sich selbst hasst. Ich kann es in seinen Augen sehen. Er wird mehr Oxycontin denn je brauchen.«

»Du wirst langsam richtig gut.«

»Dr. Heller war ziemlich überzeugend da drin. Er ist ein guter Schauspieler.«

»Er hat bislang allerdings nicht die Absicht, den OP gegen eine Bühne einzutauschen. Er hat mir erzählt, dass er sich eine Woche frei nimmt, dann ist eine sehr große Operation angesetzt. Wieder ein kleines Mädchen – diesmal mit einem Tumor.«

Billy schnitt eine Grimasse. »Meinst du, dass er gefasst genug dafür ist?«

»Er wird sich wieder in den Griff kriegen«, versicherte Clevenger. »John Snows Fall ist abgeschlossen, zum Teil dank seiner Mithilfe – und deiner.«

Billy sah aus, als wollte er etwas Wichtiges sagen, fände jedoch nicht ganz die richtigen Worte.

»Ich bin sicher, dass du ihm zuschauen darfst, wenn du möchtest«, sagte Clevenger. »Er hat dich wirklich gern im OP dabei. Und ich habe ganz sicher nichts dagegen.«

»Es geht nicht um Dr. Heller.«

Clevenger wartete.

»Ich habe mit Casey über das Baby gesprochen«, sagte Billy. »Gestern Abend spät.«

Das nannte man wohl einen abrupten Themenwechsel. Clevenger wollte ihm helfen, einen klaren Blick zu wahren. »Wie ich dir schon gesagt habe, es ist noch zu früh, um sicher zu sein, ob sie es wirklich behalten will«, sagte er.

»Das weiß ich«, erwiderte Billy. »Aber ich hab ihr gesagt, dass es in Ordnung geht, wenn sie es behalten will.«

Clevenger wollte so schnell keine Antwort darauf einfallen.

»Ich meine, es ist ein Mensch, stimmt’s?«, fuhr Billy fort. »Oder es hat zumindest das Potenzial, einer zu werden. Und wenn sie es jetzt schon liebt, dann werde ich nicht derjenige sein, der sie zwingt, etwas zu tun, was sie nicht tun will, etwas, das sie vielleicht für den Rest ihres Lebens bereut.«

Das klang sehr nobel. Es klang auch wie der erste Schritt auf einem sehr langen, sehr steinigen Weg. »Klingt so, als würdest du das Mädel lieben«, sagte Clevenger.

Billy wurde tatsächlich rot. Er starrte einen Moment auf seine Füße, dann sah er wieder Clevenger an. »Hast du Whitney angerufen?«

»Noch nicht.«

Billy nickte. »Ich seh dich dann im Loft.« Er stand auf.

Clevenger stand ebenfalls auf.

Sie umarmten einander, hielten sich einen Moment länger fest, als es sonst bei ihrem gegenseitigen männlichen Rückenklopfen üblich war.

Billy ging hinaus.

Clevenger setzte sich wieder. Er starrte einen Moment lang auf das Telefon, bevor er den Hörer abnahm. Er wählte Whitney McCormicks Washingtoner Nummer. Und lauschte, während ihr Telefon einmal, zweimal, dreimal klingelte.

»Hallo?«, meldete sie sich.

»Frank hier.«

Schweigen.

Er blickte durch das Fenster auf den Hafen von Chelsea, dunkelblau und gischterfüllt vom kräftigen Winterwind. »Ich will nicht, dass es zu Ende ist – dass das mit uns zu Ende ist.« Er konnte sie atmen hören, aber sie antwortete nicht. »Ich glaube, wir sollten mehr Zeit miteinander verbringen, nicht weniger. Denn wenn man jemandem begegnet, der einem das Gefühl gibt, man könnte mehr sein als man ist, dann ist das etwas sehr Seltenes und Kostbares. Ich glaube das jetzt von ganzem Herzen. Die Chancen dafür stehen eins zu einer Million. Aber ich denke, wir haben die Chance.« Noch immer keine Antwort. Er seufzte, »Oder zumindest hatten wir sie.«

»Wir haben sie«, sagte Whitney.

Clevenger schloss die Augen. »Ich möchte dich sehen.«

»Gibst du mir ein wenig Zeit?«

»Selbstverständlich gebe ich dir Zeit.« Er öffnete die Augen.

»Und ich finde, wir sollten von jetzt an lieber das Ritz nehmen«, sagte sie. »Um unsere eigene Tradition zu begründen.«