20
Mike Coady holte Kyle Snow im Haus an der Brattle Street ab und lieferte ihn bei Clevenger auf dem Polizeipräsidium ab. Kyle kam freiwillig mit, zweifelsohne, um einem weiteren Drogentest zu entgehen, der ihn nur wieder wegen Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen in den Knast hätte wandern lassen.
Clevenger und er saßen einander gegenüber, diesmal in demselben Vernehmungszimmer, in dem Clevenger mit George Reese kollidiert war. Coady sah hinter dem Einwegspiegel zu.
»Erzähl mir von der Pistole deines Dad«, sagte Clevenger.
»Was soll damit sein?«
Clevenger schwieg. Er bemerkte, dass Kyles Pupillen auf Stecknadelkopfgröße geschrumpft waren, obgleich es im Vernehmungszimmer schummrig war. Er war high, wahrscheinlich von Percocet oder Oxycontin.
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, sagte Kyle. »Ich weiß nichts über …«
»Er hat sie in seinem Kleiderschrank aufbewahrt, stimmt’s? Auf dem obersten Bord im Hemdenregal.«
Kyle zuckte mit den Achseln.
»Ich kann verstehen, was passiert ist, Kyle. Er hat dich zum ersten Mal in deinem Leben beachtet, und dann hat er sich wieder zurückgezogen. Er hatte die alten Wunden wieder aufgerissen. Sehr tiefe Wunden.«
»Wie ich schon gesagt habe, er konnte mir nicht wehtun. Ich habe nie etwas von ihm erwartet.«
»Niemand betäubt sich mit Opiaten, wenn er sich nicht wund und leer im Innern fühlt. Und du hast eine Chance gesehen, dich von diesem Schmerz zu befreien. Du konntest nicht widerstehen. Nicht mit deinen sechzehn Jahren.«
Kyle strich sich sein schwarzes Haar aus der Stirn und beugte sich zu Clevenger vor. »Sie wissen einen Scheißdreck über mich.«
»Also hast du dir seine Pistole genommen – aus seinem Kleiderschrank.«
»Wer sagt das?«
»Du hast gesagt, du hättest sie ihm an dem Abend, bevor er erschossen wurde, zurückgegeben.« Clevenger beobachtete Kyles Gesicht, sah, wie sich seine Züge anspannten. »Aber das hast du nicht getan.«
»Hat meine Schwester Ihnen das erzählt?«
»Es spielt keine Rolle.«
Kyle sah jetzt sehr wütend aus. »Dieses Miststück.«
»An der Waffe waren keine Fingerabdrücke deines Dad«, fuhr Clevenger fort. »Wenn du sie ihm zurückgegeben hättest und er sich selbst erschossen hätte, wären welche da gewesen. Jemand hat die Waffe abgewischt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dein Dad das getan haben soll.« Er hob leicht die Stimme. »Warum hätte dein Vater seine eigene Pistole abwischen sollen, bevor er sich selbst damit erschoss?«
Kyles Kiefer fingen an zu mahlen.
»Wir wissen, dass du der Letzte warst, der die Pistole deines Vaters hatte. Wir wissen, dass du an dem Morgen, an dem er erschossen wurde, um die Ecke vom Mass General warst. Wir wissen, dass du ihn gehasst hast. Es passt alles zusammen. Deshalb hat deine Mutter nein gesagt, als ich mit dir sprechen wollte.«
»Ich habe ihn nicht ermordet«, sagte Kyle, und Tränen schossen ihm in die Augen.
»Ach nein?«, hakte Clevenger nach. »Du hast mir selbst gesagt, dass du ihm den Tod gewünscht hast. Dass du ihm gerne beim Sterben zugesehen hättest. Und jetzt soll ich dir glauben, dass du die Waffe genommen hast, aber nicht …«
»Ich habe sie genommen, damit er sich nicht selbst umbringen konnte. Aber ich konnte sie nicht behalten.«
»Warum nicht?«
»Weil ich sie benutzen wollte.«
»Hilf mir, dass ich das richtig verstehe. Du hast dir große Sorgen gemacht, dass er Selbstmord begehen könnte, aber du konntest die Waffe nicht behalten, weil du Angst hattest, dassdu ihn töten würdest?« Clevenger hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, als ihm aufging, dass es sehr wohl die Wahrheit sein konnte. Kyle brauchte seinen Vater und hasste ihn gleichzeitig. Aber er ließ nicht locker, überzeugt, dass er kurz davor stand, die Wahrheit ans Licht zu bringen. »Nein«, sagte er. »Du wolltest sie benutzen, und du hast sie benutzt. Du hast ihn umgebracht. Du hast deinen Vater umgebracht.«
»Nein«, schrie Kyle. Tränen liefen ihm über das Gesicht. »Ich wollte es tun, deshalb habe ich sie weggegeben.«
»Du hast sie weggegeben«, wiederholte Clevenger gespielt spöttisch. »Was hast du getan, bist du einfach zum Harvard Square spaziert und hast sie irgendeinem Studenten in die Hand gedrückt? Wer, zum Teufel, soll sie dir denn abgenommen haben?«
»Collin«, platzte Kyle heraus. Er vergrub das Gesicht in den Händen. »Ich habe sie Collin gegeben.«
»Du hast sie Collin gegeben.« Clevenger überlegte kurz. »Warum?«, fragte er sanfter. »Warum Collin?«
»Keine Ahnung.« Kyle schluchzte jetzt hemmungslos. »Warum lassen Sie uns nicht in Ruhe? Lassen Sie uns endlich in Ruhe.«
Clevenger nickte. Er starrte Kyle an, während der Junge weinte, das Gesicht noch immer in den Händen vergraben, und seine flehentliche Bitte hallte weiter in Clevengers Ohren.Warum lassen Sie uns nicht in Ruhe? Uns. Und mit einem Mal war ihm alles klar. So kommt die Wahrheit manchmal an die Oberfläche. Wie ein auftauchendes U-Boot oder eine plötzlich auf dem Radarbildschirm erscheinende Rakete. Die Wurzeln der Zerstörung, die Methode eines speziellen Wahnsinns, kamen unvermittelt ans Licht. »Ich verstehe«, sagte er.
»Glauben Sie ihm?«, fragte Coady, als Clevenger den Beobachtungsraum betrat.
Er sah durch den Einwegspiegel zu Kyle. »Ich glaube nicht, dass er unser Schütze ist.«
»Das Gefühl habe ich auch. Was uns wieder zu Coroway bringt. Wenn Kyle bereit ist, vor Gericht auszusagen, und wenn die Geschworenen ihn für glaubwürdig halten, dann haben wir Coroway am Mass General, mit John Snows Pistole. Und wir haben ein Motiv: Coroways Carte blanche, Vortek zu vermarkten und mit Snow-Coroway an die Börse zu gehen – wogegen Snow sich gesträubt hätte. Zufällig meldet er Vortek einen Tag, nachdem Snow erschossen wird, zum Patent an. Das Einzige, was wir nicht haben, ist ein Augenzeuge. Wir können nicht beweisen, dass er in der Gasse war. Ich habe die Gesprächsauflistung für Snows Handy durchgesehen. Er hat an dem Morgen, an dem er ermordet wurde, keinen Anruf von Coroway erhalten. Und es gibt noch ein Problem: Wir haben kein Motiv, warum Coroway Grace Baxter umgebracht haben sollte.«
»Wir sollten ihn trotzdem zum Verhör herholen«, sagte Clevenger.
»Sie denken, Sie können ihn dazu bringen zu gestehen?«
»Ich denke, ich kann uns besorgen, was wir brauchen.«
Coady musterte ihn forschend.
Clevenger warf abermals einen Blick durch den Einwegspiegel. »Ich habe da einen Verdacht und würde gern herausfinden, ob er sich bestätigt. Aber dafür muss ich alle in einem Raum haben. Die Snows, Coroway, Reese – und Jet Heller.«
»Hören Sie. Wenn ich Reese aufs Präsidium hole, dann kommt Jack LeGrand gleich mit. Reese wird kein Wort sagen, solange er seinen Anwalt dabeihat. Und wir befinden uns bereits auf sehr dünnem Eis, was den Polizeichef angeht.«
»Letztes Mal hat er eine Menge gesagt. Und da war LeGrand auch dabei.«
»Ich sage ja nur: Das ist Ihr letzter Versuch mit ihm. Sind Sie sicher, dass Sie den jetzt verpulvern wollen?«
»Ich bin sicher.«
»Was haben Sie denn vor? Eine kleine Gruppentherapie?«
»Sie haben’s erraten. Und Sie können sich die ganze Show durch den Einwegspiegel anschauen.«
Coady antwortete nicht sofort. »Beten Sie, dass es funktioniert«, sagte er schließlich.
Clevenger saß am Schreibtisch in seinem Büro und las noch einmal Snows Tagebuch, während er darauf wartete, dass Billy vom Boxtraining nach Hause kam. Er hatte entschieden, ihn bei der Vernehmung zusehen zu lassen, ihn endlich ganz ins Vertrauen zu ziehen.
Das Telefon klingelte. Er ging dran.
»Ich habe North für Sie in der Leitung«, verkündete Kim Moffett.
»Stellen Sie ihn durch.« Er wartete einen Moment. »Was gibt’s?«
»Ich weiß nicht ganz, was ich davon halten soll«, sagte Anderson, »aber wir sind da bei einem von George Reeses Aktienkonten auf eine sehr große, sehr sonderbare Transaktion vor rund zwei Wochen gestoßen. Und es ist keine Einzahlung, die sich mit einer Rückzahlung seiner Investition in Vortek erklären ließe. Es ist eine Überweisung von seinem Konto auf ein anderes.«
»Wie viel?«
»Fünf Millionen Dollar.«
»An wen?«
»Grace Baxter.«
Clevenger erschauderte, als hätte ihm jemand kaltes Wasser über den Rücken gegossen. Er schloss die Augen und stellte sich Grace vor, wie sie an ihren Diamantarmbändern zupfte. Ihren Handschellen.Ich bin ein schlechter Mensch. Ein abscheulicher, abscheulicher Mensch.
»Was meinst du?«, fragte Anderson. »Eine Art Abfindung, im Vorfeld der Scheidung?«
Clevenger öffnete die Augen. Eine tiefe Traurigkeit ergriff von ihm Besitz – wegen Grace, wegen Snow, wegen der zahllosen anderen, die versuchen, sich von dem zu befreien, was sie sind, nur um festzustellen, dass sie im Treibsand eben jenes Lebens versinken, das sie so verzweifelt hinter sich lassen wollen. »Jetzt passen alle Puzzleteile zusammen«, verkündete er Anderson.