19
Clevenger wusste, dass Whitney McCormick noch bis zum Ende des Tages in Boston sein und dann nach Washington zurückkehren würde. Er wählte die Nummer ihres Handys.
»Wie geht es meinem Lieblingspatienten?«, meldete sie sich.
»Ich bin noch nicht geheilt.«
»Gut.«
»Wo bist du?«, fragte er.
»Ich erledige vom Hotel aus Anrufe.«
»Hast du Lust auf einen Kaffee?«
»Soll ich einen beim Zimmerservice bestellen?«
Chestnut Street war eine Meile vom Four Seasons entfernt. »Ich bin um die Ecke.«
»Beeil dich.«
Zehn Minuten später klopfte er an ihrer Tür.
Sie öffnete ihm in einer am Knie durchgewetzten Jeans und einem übergroßen weißen Männerhemd, und sie sah noch ebenso wunderschön aus wie am Abend zuvor.
Clevenger schüttelte den Kopf. »Gibt es je Tage, an denen dein Haar einfach nicht sitzen will oder du einen Pickel hast, irgendetwas, das einem Mann zeigt, dass es Hoffnung für ihn gibt?«
»Wir sehen einander nicht häufig genug. Zwei gute Tage hintereinander sind ungewöhnlich für mich.«
»Warum kann ich das nicht ganz glauben?«
Er zog sie an sich. Sie küssten sich. Seine Lippen wanderten zu ihrem Hals hinab.
Sie stieß die Tür zu und zog ihn zum Bett.
Sie liebten sich ohne Hast, sahen einander in die Augen, während Clevenger sich in ihr bewegte, feierten die Befreiung von ihren jeweiligen Existenzen und das Gefühl, von einer Kraft mitgerissen zu werden, die größer war als die bloße Summe ihrer Energien.
Anschließend lagen sie erschöpft nebeneinander und genossen den Moment, wenn Liebende kaum zu erkennen vermögen, welcher Arm und welches Bein zu wem gehört.
Sie wandte den Kopf zu ihm, so dass ihre Lippen ganz dicht an seinem Ohr waren. »Mir gefällt es hier. Wir sollten das öfter tun.«
»Werden wir.« Er schloss die Augen und seufzte tief. Er überlegte, wie seltsam es war, dass Whitney und er sich im Four Seasons trafen, dass sie verabredeten, sich weiter dort zu treffen. Es war beinahe so, als ob sie beide sich in einer Art Gegenübertragung des Falles verloren hatten, ihn nachspielten. Er schlug die Augen auf. »Ich muss dich noch eine Sache fragen …«
Sie lächelte. »Du brauchst nicht zu fragen.«
»Es geht um den Fall«, sagte er und stützte sich auf den Ellbogen.
»Okay. Was möchtest du wissen?«
»Die Patente …«
Sie sah ihn an, und ganz langsam erlosch die Wärme in ihrem Blick, wurde ersetzt durch eine schreckliche Mischung aus Verletztheit, Zorn und eisiger Resignation angesichts der Realität ihrer beider Berufe und der Tatsache, dass sie sich nicht zuerst als Liebende begegnet waren, dass sie vielleicht nie bloß Liebende sein würden. »Was ist damit?«, fragte sie.
Er zögerte weiterzusprechen, fühlte, wie er ungelenk von der einen Rolle in die andere wechselte. Doch das, was er wissen musste, war einfach zu wichtig. »Wenn Snow-Coroway Patente für Vortek angemeldet hätte, dann wüsste ich mit Gewissheit, dass Collin Coroway und George Reese alles von John Snow bekommen hatten, was sie brauchten. Sie hatten die Erfindung, die nötig war, um mit dem Unternehmen an die Börse zu gehen. Damit wäre Snow entbehrlich geworden.«
»Aber ich komme an diese Information nicht heran.«
Er konnte sich nicht damit begnügen, konnte nicht seinem Beruf, seiner Berufung den Rücken kehren – nicht einmal ihr zuliebe, obwohl er sich gleich bei ihrer ersten Begegnung in sie verliebt hatte. »Ich möchte wirklich nicht noch einmal deinen Vater erwähnen. Aber als ehemaliger Senator, der dem Unterausschuss für die Nachrichtendienste angehört hat, muss er immer noch Kontakte haben …« Er sah, dass er zu weit gegangen war. »Ich möchte in keiner Weise andeuten, das hier wäre eine Wahl zwischen …«
»Warum hältst du es dann für nötig, es abzustreiten?« Sie stand auf und suchte ihre Kleidung zusammen. »Ich bin auch Psychiater, Frank.«
Er stand auf »Was ich sagen wollte …«
»Ich weiß, was du wollest.«
»Hör zu«, seufzte er, »es war falsch von mir, es zu erwähnen.«
»Du kannst eben nicht anders. Arbeit ist dein Schutzschild. Sie hilft dir, allem anderen aus dem Weg zu gehen. So war es schon immer. So wird es immer sein.«
»Zum Beispiel …?«
»Einer ernsthaften Beziehung, zum Beispiel.« Sie zog ihre Jeans an. »Siehst du denn nicht, warum du diesen Fall überhaupt übernommen hast, Frank? Erkennst du nicht ein bisschen was von John Snow in dir, wenn du in den Spiegel blickst? Süchtig danach, Rätsel zu lösen? Alle auf Abstand halten? Wahre Intimität vermeiden? Kommt dir das nicht bekannt vor?«
Ihm blieb nichts anderes übrig als zuzuhören.
Sie zog den Reißverschluss der Jeans zu und streifte das Hemd über. »Eins kann ich über meinen Vater sagen«, erklärte sie, während sie das Hemd zuknöpfte. »Er hat mich nie benutzt.«
Er schüttelte den Kopf, während ihm durch den Sinn ging, wie taktlos und gleichzeitig missverstanden er gewesen war. »Ich habe nicht mit dir geschlafen, damit du etwas für mich tust«, verteidigte er sich.
»Dann kommt es mir wohl nur so vor.« Sie zog die Schuhe an und griff sich ihren Blazer von der Rückenlehne des Schreibtischsessels.
»Whitney, warte.«
»Worauf?« Sie stürmte hinaus.
Er ging zum Fenster und schaute hinaus, sah, wie sie die Straße überquerte und im Public Garden verschwand, dessen vereiste Zweige sich in der sanften Brise wiegten.
Kim Moffett hielt Clevenger einen kleinen Stapel Nachrichten hin, als er durch die Eingangstür von Boston Forensics trat. »John Haggerty hat dreimal wegen des neuen Falls angerufen«, sagte sie. »Lindsey Snow hat zweimal angerufen. Und North lässt Ihnen ausrichten, dass er auf dem Weg hierher ist. Er hat zweimal versucht, Sie über Ihr Handy zu erreichen.«
Clevenger nickte und wollte in sein Büro gehen.
»Eins noch«, rief Moffett ihm hinterher.
Er drehte sich um.
»Sie haben da einen rosa Lippenstiftfleck an der Jacke.«
Er sah an sich hinunter und entdeckte eine sanfte Spur von Whitneys blassrosa Lippenstift auf dem schwarzen Leder. »Wie kommen Sie darauf, dass das Lippenstift ist?«
Kim wandte sich um und fing an zu tippen.
Er ging in sein Büro, zog die Jacke aus und wischte den Fleck weg. Dann warf er die Jacke auf einen Stuhl, setzte sich an den Schreibtisch und rief Lindsey Snows Handy an.
Sie meldete sich.
»Dr. Clevenger hier.«
»Können wir uns treffen? Es geht um meinen Dad. Darum, dass er erschossen wurde.«
Dass er erschossen wurde. Das war neu. Lindseys Theorie war gewesen, dass sie ihren Vater zum Selbstmord getrieben hatte. Glaubte sie jetzt, dass er ermordet worden war? »Wann können Sie hier sein?«, fragte Clevenger.
»Ich brauche weniger als eine Stunde.«
»Das passt mir gut.«
»Danke.« Sie legte auf.
Er versuchte, bei John Haggerty zurückzurufen, doch es ging nur der Anrufbeantworter ran. »Ich übernehme keine neuen Fälle, bis der Snow-Fall abgeschlossen ist«, erklärte er. »Ich rufe Sie an, sobald das geschehen ist.«
Er legte die Füße auf den Schreibtisch, lehnte sich im Sessel zurück und schloss die Augen. Im Geiste sah er Whitney McCormick abermals im Public Garden verschwinden. Er fürchtete, dass er sie unwiderruflich verloren hatte, weil er Beruf und Vergnügen nicht hatte auseinander halten können. Und dann riss er plötzlich die Augen auf, denn er hatte die Antwort auf eine der Fragen, die ihn die ganze Zeit gemartert hatten: Warum hätte John Snow sich der Operation unterziehen und sein Leben hinter sich lassen sollen, wenn er die Liebe seines Lebens gefunden hatte? Die Antwort war einfach, so einfach, dass sie nur schwer zu erkennen gewesen war, bis er das Drama zusammen mit Whitney nachgespielt hatte: Entweder Snow oder Grace hatten den jeweils anderen in irgendeiner Weise hintergangen. Ihre Liebe war nicht mehr so rein gewesen wie zuvor. Irgendetwas war schief gegangen.
»He, Fremder«, sagte Anderson von der Tür aus.
Clevenger nahm die Füße vom Schreibtisch und drehte sich zu ihm um. »Was gibt’s Neues?«
»Noch vor Ende des Tages werde ich die Auszüge für George Reeses persönliche Bank- und Börsenmaklerkonten zu lesen bekommen. Vania leistet gute Arbeit.«
»Arbeitet er immer noch von zu Hause aus? Ich mache mir Sorgen um ihn.«
Anderson schüttelte den Kopf. »Er ist bei mir zu Hause. Da findet ihn niemand, es sei denn, sie entdecken den Berg von Pappkaffeebechern in meiner Mülltonne. Ich liefere ihm alle zwei Stunden Nachschub. Groß, mit Sahne …«
»Vier Stück Zucker.«
»Er hat wirklich alle gut trainiert.«
»Gibt es sonst noch was Neues?«
»Ich habe im MGH niemanden finden können, der bezeugen kann, dass Heller im Krankenhaus war, als Snow erschossen wurde. Noch nicht, jedenfalls. Nicht dass das irgendetwas beweist.«
»Nein, tut es nicht.«
»Nebenbei gefragt, wie geht es Billy?«
Clevenger sah auf die Uhr. 14 Uhr 15. Billy war noch immer in der Schule – oder sollte es zumindest sein. »Er schlägt sich im Moment mit ein, zwei Problemen herum«, sagte er und beließ es dabei.
»Kann ich irgendetwas tun?«
»Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand etwas tun kann, ich selbst eingeschlossen. Aber ich gebe dir Bescheid.«
»Gut.«
»Lindsey Snow ist auf dem Weg hierher.«
»Und die Show muss weitergehen.«
Lindsey saß in demselben Sessel wie bei ihrem letzten Besuch in Clevengers Büro. Sie trug einen kurzen limonengrünen Rock und einen gerippten eierschalenfarbenen Rollkragenpullover. Als sie die Beine übereinander schlug, konnte Clevenger sehen, dass sie einen winzigen schwarzen Satin-Tanga trug. »Wenn ich Ihnen etwas erzähle«, sagte sie, »dann müssen Sie mir versprechen, dass Sie niemandem sagen, dass Sie es von mir gehört haben.«
»Ich kann ein Geheimnis wahren«, sagte Clevenger und sah ihr dabei eindringlich in die Augen.
»Ich erzähle es Ihnen, weil ich mich Ihnen nah fühle.«
Wenn sie sich ihm nah fühlte, dann hatte es nichts mit ihm zu tun, sondern nur damit, dass John Snow ihr fehlte, das wusste Clevenger inzwischen. Lindsey war wie ein Sauerstoffatom, unendlich instabil, verzweifelt auf der Suche nach einer Bindung. Clevenger wollte ihr das sagen, wollte ihr erklären, dass sie sich nur zu ihm hingezogen fühlte, weil der Verlust ihres Vaters sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Aber sie war nicht seine Patientin. Sie war eine Verdächtige. Er war ihr keine psychotherapeutische Beratung oder sonst etwas schuldig. Es stand ihm frei, sich ihre Bedürfnisse zunutze zu machen, um sie dazu zu bringen, sich ihm zu öffnen. Möglicherweise war genau das nötig, um diesen Mordfall aufzuklären. Notlügen des Herzens, im Dienste der Wahrheit. Es war nicht schön, aber es gehörte zu seiner Arbeit. Er ließ den Blick zu ihren Schenkeln wandern, gerade so lang, dass sie es bemerkte. »Bitte erzählen Sie mir alles«, sagte er. »Ich will Sie trösten.« Er wusste, dass sie nur die ersten drei Worte hören würde:Ich will Sie.
Sie errötete und kaute an ihrer Unterlippe. »In der letzten Woche, als mein Dad noch lebte, war er sehr niedergeschlagen. Es war so, als ob er all die Energie, die ihn angetrieben hatte, plötzlich verloren hätte. Er sprach mit niemandem mehr. Selbst mit mir nicht.«
Clevenger nickte. Er fragte sich, ob Lindsey doch noch immer an der Selbstmordhypothese festhielt.
»Also hat Kyle beschlossen, Dads Pistole zu nehmen. Damit er sich nichts antun konnte. Zumindest hat er das behauptet.«
Clevenger versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er das Gefühl hatte, der Fall komme nach langen verschlungenen Umwegen endlich zur Lösung.
»Wie ist er an die Waffe gekommen?«
»Dad hat sie immer am selben Platz aufbewahrt – ganz oben im Hemdenfach seines Kleiderschranks. Wir haben beide oft gesehen, wie er sie morgens von dort mit in die Arbeit nahm und abends wieder zurücklegte. Die Patronen hat er woanders aufbewahrt.«
»Hat Ihr Vater sich nicht gefragt, wo die Waffe hingekommen ist?«
»Kyle hat es ihm gesagt. Er hat ihm gesagt, dass er sie genommen hat – und auch warum.«
»Und Ihre Mutter wusste Bescheid?«
Lindsey nickte.
Das könnte erklären, warum Theresa Snow versucht hatte, Clevenger davon abzuhalten, mit Kyle zu reden. »Wie erklärt Kyle, dass Ihr Vater mit eben dieser Waffe erschossen wurde?«
»Er sagt, er hätte sie nur bis zum Abend davor gehabt. Er hat mir erzählt, dass Dad sie zurückgefordert hätte, dass er damit gedroht hätte, ihn wegen Verstoß gegen seine Bewährungsauflagen anzuzeigen. Also ist Kyle sauer geworden und hat sie ihm gegeben.« Tränen sprangen ihr in die Augen. »Er sagt, er hätte ihn angeschrien, er solle sich ruhig erschießen, wenn er denn unbedingt wolle.«
»Glauben Sie ihm? Glauben Sie, dass er ihm die Pistole zurückgegeben hat?«
Sie schlug ihr anderes Bein über, so, dass sie wieder Clevengers Blick auf sich zog. »Ich weiß nur, dass er die letzten Tage über glücklicher ist, als ich ihn je gesehen habe«, antwortete sie. »Und er sagt, er könne nicht zu Dads Beerdigung gehen. Er sagt, es wäre nicht ›ehrlich‹.«
Sagte Lindsey die Wahrheit, oder versuchte sie, ihrem Bruder endgültig den Todesstoß zu versetzen, als Strafe dafür, dass er ihr etwas von der Zuneigung ihres Vaters gestohlen hatte? Wenn Clevenger ein bloßer Ersatz für Snow war, dann wünschte sich Lindsey vielleicht, dass er Kyle ins Gefängnis steckte, so wie Snow ihn einst in einen anderen Bundesstaat verbannt hatte. »Glauben Sie, dass Ihr Bruder Ihren Vater erschossen hat?«, fragte Clevenger.
»Ich will es nicht glauben, aber …« Sie wandte den Blick ab.
Er ließ einen Moment verstreichen. »Danke, dass Sie es mir erzählt haben, Lindsey«, sagte er.
Sie sah ihn wieder an, neigte den Kopf zur Seite, so dass ihr seidiges Haar über eine Hälfte ihres Gesichts fiel. »Also, was geschieht jetzt?«
»Ich werde der Sache mit Ihrem Bruder nachgehen, und dann sehen wir mal, wie es weitergeht.«
»Und wie geht es mituns weiter?«, fragte sie flehentlich.
Clevenger wollte sie nicht verletzen. Das war kein notwendiger Bestandteil seiner Arbeit und sollte es auch nicht sein. »So hübsch Sie auch sind, Lindsey«, sagte er, so sanft er konnte, »und so sehr ich mir vielleicht auch wünsche, außerhalb meiner Praxis Zeit mit Ihnen zu verbringen, ich kann es nicht tun.«
»Niemals?«
Diese Frage machte deutlich, dass Lindsey bereit war, sehr, sehr lange auf ihn zu warten. Vielleicht sogar ewig. Und das verriet Clevenger von neuem, dass es bei ihrer Sucht, ihrem Verlangen nicht um Sex mit ihrem Vater ging, sondern um dasPotenzial einer sexuellen Vereinigung mit ihm. Snow hatte sie an sich gekettet, indem er sie mehr als alle anderen verehrte, ohne sie je tatsächlich zu berühren. Sie suchte nach dem nächsten Anbieter jener Verehrung, nicht nach ihrem nächsten Liebhaber. »Sie sind viel zu schön, als dass ich jemals nie sagen könnte«, erklärte er ihr.
Sie strahlte. »Sie sind nicht mit …« Sie deutete mit einem Nicken in Richtung von Kim Moffetts Schreibtisch.
Er schüttelte den Kopf.
Sie atmete tief durch. »Gut. Dann gebe ich Ihnen einfach Zeit, ja?«
»Geben Sie mir Zeit.«
»Ich verstehe das.« Sie stand auf und zog ihre Jacke an.
Er stand ebenfalls auf und betrachtete sie. Sie war eine wunderschöne junge Frau. Das war keine Notlüge gewesen. »Sie sind wirklich außergewöhnlich, wissen Sie«, sagte er.
Zum ersten Mal schien sie verwirrt.
»Und nicht nur, weil Ihr Vater das fand oder weil ich das finde.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine …« Er erkannte, dass er eine Sprache sprach, die sie nicht verstehen konnte. Ihr zu sagen, dass andere Männer sie nicht nur begehrenswert finden, sondern dementsprechend handeln würden, dass sie in jeder Hinsichtehrlich mit ihr sein würden, würde ihr nichts bedeuten. Sie hatte ihr Selbstwertgefühl immer von ihrem Spiegelbild in John Snows Augen bezogen. »Das ist im Moment nicht wichtig«, sagte er schließlich.
Es schien ihr recht zu sein, es dabei zu belassen. »Bis dann.«
»Geben Sie auf sich Acht.«
Sie ging hinaus.
Gleich darauf kam Kim Moffett herein. »Ich habe Whitney McCormick für Sie in der Leitung«, sagte sie.
Ihren Namen zu hören reichte aus, dass Clevenger ihr Parfüm zu riechen und zu fühlen glaubte, wie ihre Finger durch sein Haar strichen. Amouröse Halluzinationen. »Danke.« Er wartete, bis Kim gegangen war. Dann nahm er den Hörer ab. »Whitney.«
»Ich habe mit meinem Dad gesprochen«, sagte sie.
Er schwieg.
»Es wurden zwei Patente für ein Flugstabilisierungssystem angemeldet, gemeinschaftlich im Namen von Snow-Coroway, InterState Commerce und Lockheed Martin.«
»Coroway hat mich in Washington belogen«, sagte Clevenger. »Er und Reese haben Vortek. Snow hat seine Erfindung vollendet. Sie brauchten ihn nicht mehr.«
»Das Gefühl kenne ich. Muss wohl ansteckend sein.«
»Hör zu«, sagte Clevenger, »es war falsch von mir, die Sache so anzusprechen, wie ich es getan habe. Ich …«
»Du könntest einfach nur sagen: ›Nett, mit Ihnen zusammengearbeitet zu haben‹«, fiel sie ihm kühl ins Wort.
»Wann sehe ich dich wieder?«
Sie legte auf.
Begegnungen
Nur zwanzig Tage zuvor
13 Uhr 45
Er konnte es kaum abwarten, sie zu sehen, es ihr zu erzählen. Er trug ein hellblaues Armani-Hemd und einen dunkelblauen Armani-Anzug, die er am Vortag in der Newbury Street gekauft hatte. Einen schwarzen Krokoledergürtel. Blank gewienerte schwarze Slipper. Er war frisch rasiert, und sein Haar war sorgfältig gestutzt. Er stand an dem Fenster, das Ausblick über den Public Garden bot, und beobachtete, wie sie am Bordstein aus einem Taxi stieg und der kalte Wind ihr kastanienbraunes Haar flattern ließ.
Sie ging auf den Hoteleingang zu.
Zwei Wochen hatten alles verwandelt. Vor zwei Wochen hatte er ihr gesagt, dass sie einander nicht mehr sehen könnten, dass die magische Kraft, die sie auf ihn ausgeübt hatte, als sie ihn nach seinem Anfall in ihren Armen gehalten hatte, wirkungslos geblieben sei. Er hatte den Tiefpunkt seiner Existenz erreicht, außerstande, den letzten Schritt zu machen, um die Erfindung zu vollenden, mit der er sich so lange herumgequält hatte. Vortek war tatsächlich nur eine Illusion. Er war ein Betrüger.
Seine Tochter hatte von seiner Affäre erfahren und verachtete ihn.
Sein Sohn hatte sich von ihm abgewendet.
Selbst seine Kreativität hatte ihn im Stich gelassen.
Er hatte sich nie einsamer, nie der Liebe unwerter gefühlt.
Aber dann hatte Grace ihm gesagt, dass sie lieber sterben wolle, als ohne ihn weiterzuleben, und dass sie ein Kind von ihm unter ihrem Herzen trug.
Sie liebte ihn. Mehr als das Leben. Und das brachte die Wende. Ihre Liebe drehte einen Schlüssel in seinem Innern um – abermals.
Das Eis begann zu schmelzen. Das Räderwerk seines Verstands setzte sich in Bewegung. Er hatte Träume, in denen sich ganze Gleichungen wie von selbst lösten, in denen sich mehr und mehr Teile des Puzzles, an dem er knackte, zusammenfügten.
Es klopfte an der Tür der Suite. Er öffnete.
Im ersten Moment sah sie erschöpft und besorgt aus. Doch dann sah sie ihn, und ihr Gesicht strahlte. »Du siehst wie neugeboren aus«, bemerkte sie.
»Ich fühle mich wie neugeboren.«
Sie betrat die Suite und wandte sich zu ihm um.
Er schloss die Tür und hielt ihr sein Tagebuch hin, aufgeschlagen auf der Seite mit ihrem aus Zahlen, Buchstaben und mathematischen Symbolen zusammengesetzten Porträt.
»Was ist das?«, fragte sie lächelnd. Sie nahm das Tagebuch.
»Vortek«, verkündete er.
Sie sah ihn fragend an.
»Wann immer ich in einer Sackgasse steckte, habe ich an dich gedacht. Ich habe mir dein Gesicht vorgestellt.« Er streckte die Hand aus und berührte zärtlich ihre Wange. »Das funktionierte, jedes Mal. Als es also an der Zeit war, den letzten Schritt zu machen und die vollständige Lösung niederzuschreiben, habe ich beschlossen, es mit dem Gedanken an dich zu tun. Und dann folgte alles andere wie eine Reihe von umfallenden Dominosteinen.« Er deutete mit einem Nicken auf die Zeichnung. »Man muss nur die Kurven begradigen und die Zeilen trennen, und man hat neunundzwanzig Gleichungen, die Blaupause dafür, um unbemerkt jeden Radar zu durchfliegen – wie ein Gespenst.«
»Du hast es geschafft«, staunte sie.
»Wir haben es geschafft.«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf.
»Das hier war eine Gemeinschaftsleistung.«
Ihre Miene wurde abermals besorgt.
»Was ist?«, fragte er. »Jetzt steht uns nichts mehr im Wege.«
Sie ließ sich von seinen Armen umfangen, vergrub ihr Gesicht in seiner Nackenbeuge. »Ich liebe dich«, flüsterte sie. »Ich bin stolz auf dich. Aber es hätte uns von Anfang an nichts im Wege stehen dürfen.«