Kapitel 3
Seit unserer Heirat war mehr als ein Monat ins Land gegangen. Der März wollte schon scheiden, und die Osterglocken schoben die ersten grünen Spitzen durch den Morast. Und doch war ich mit Gregory weniger allein gewesen, als zu der Zeit, ehe uns der Priester gesegnet hatte. Das warf natürlich die Frage auf, ob er mich überhaupt noch gern hatte; für ihn war ich so selbstverständlich wie ein neues Möbelstück, an das man sich gewöhnt hat. Aber es war nicht nur das; es ärgerte mich einfach, daß ich mich unter Fremden zum Gespött machte. Ich war der letzte Schrei, weil es sonst keinerlei Lustbarkeiten gab. Schlimmer kann es einem kaum ergehen.
»Wollt Ihr jetzt Euer Unterkleid gereinigt haben, Mistress, und das Überkleid auch?« Cis hielt meine verdreckten Kleider ans Licht und grinste. »Mmm. Eine hübsche Stickerei.«
»Bürste erst den Dreck aus, dann weichst du sie in kaltem Wasser ein. Ich möchte nicht, daß die Farben verlaufen. Und denk daran, wenn ich nach unten komme, möchte ich nicht erleben, daß du sie zusammen mit der schmutzigen Wäsche auskochst.«
»Oh, damit kenne ich mich jetzt aus. Ich krieg' sie hin wie neu – wollt Ihr einen neuen Umschlag haben? Das ist aber ein böser blauer Fleck, den Ihr da habt.«
»Das ist der einzige, den du sehen kannst«, sagte ich, verdrießlich auf der Bettkante sitzend, und wickelte mich fester in die warme robe de chambre, in die ich meinen armen, zusammengekauerten, wunden und bloßen Leib gehüllt hatte.
»Ei, wie arg. Wollt Ihr das hier zum Essen tragen?« erkundigte sie sich und nahm ein Kleidungsstück vom Haken. Sie fuhr mit ihrer rissigen, roten, verarbeiteten Hand über den Ärmel. »Ei – wie nennt man diese Art Stoff?«
»Sarzinett. Halt ihn seitlich gegen das Licht, dann kannst du die Webart erkennen. Nein, anders herum. Merkst du, wie er schimmert? Daran erkennt man, ob er echt ist.« Schließlich war ich mit einem Tuchhändler verheiratet gewesen.
»Ei, wär' das schön, wenn man immer so weiche Sachen wie die hier anfassen dürfte. Sarzinett. Das merk' ich mir.« Ihre träumerische Stimmung verflog so rasch, wie sie gekommen war. »Meiner Treu, ich lerne die ganze Zeit über«, verkündete sie fröhlich und kniete sich vor eine Truhe, um eine anständige Bruch für mich aufzutreiben, da die andere, die ich gerade von meinen Beinen gepellt hatte, dreckig und nicht mehr zu gebrauchen war. Sie hielt sie hoch, ob sie meinen Beifall fände, und sagte:
»Haltet mich nicht für dreist, Mistress, aber Ihr würdet weniger Zeit im Matsch und mehr auf Blanchette zubringen, wenn Ihr die Steigbügel ein bißchen länger nehmen und Euch beim Springen gegen den Hinterzwiesel stemmen würdet. Der alte John gibt mir recht, und Wat und Simkin auch.«
Gespött für das ganze Haus, ja, dazu war ich geworden. Und das ist der Unterschied zwischen Schreiben- und Reitenlernen: Vom Blatt Papier kann man nicht herunterfallen, wenn man etwas falsch macht. Ich spürte, daß mein Gesicht immer noch brannte.
»Woher kennst denn du dich mit Pferden aus?« Meine blauen Flecke waren wohl der Grund, daß mein Ton ironischer klang als angebracht.
»Ich? Ach, ich habe hier fast alles geritten. Ich habe keine Brüder, also hat mich mein Vater, als ich klein war, auf die Fohlen gesetzt. Die haben nämlich noch nie einen Reiter gespürt, und deshalb gefällt ihnen so was nicht immer. Die hat er dann herumgeführt, hat sie am langen Zügel gehen lassen, und ich habe im Sattel gesessen. Er war hier ein wichtiger Mann – der oberste Pferdeknecht in den Ställen unseres Herrn, und einen besseren habt Ihr nie gesehen –, aber das war vor Eurer Zeit. Und bevor ihm das große, häßliche, schwarze Untier den Hals gebrochen hat.«
Ich fuhr zusammen, doch ehe ich sie weiter über ihren Vater ausfragen konnte, machte sie sich mein Erschrecken zunutze und setzte hinzu: »Und das könnt Ihr mir glauben, Mistress, über Eure kleinen Mädchen, da haben Engel ihre Hand gehalten – das meinen Mam und Simkin auch. Obwohl der nun wieder sagt, er weiß gar nicht, wieso.«
Eine Kurzweil für kecke Wäscherinnen und Küchenjungen, sagte ich bei mir, als ihre Holzpantinen die Stiege hinunterklapperten. So tief war ich in diesem Hause gesunken.
Zuweilen hatte ich solche Sehnsucht, mit Gregory allein zu sein, daß mir schier das Herz barst. Ich wußte, er würde mich lieber mögen, wenn wir nicht mehr mit seinen herumschnüffelnden, lärmenden Verwandten zusammenlebten. So wie die Dinge lagen, ärgerte er lieber sie, als daß er es mir recht machte. Vor seinem Vater tat er immer noch so, als ob ich ihm völlig gleichgültig wäre, nur damit der alte Mann sich über geweihte Mondkälber und sein Recht auf Nachkommenschaft aufregen konnte. Weil Gregory der zweite Sohn ist, hat er wohl noch nie im Leben soviel Aufmerksamkeit genossen. Aber wir wußten beide, daß er eigentlich ganz anders war, und ich wollte den wirklichen Gregory wiederhaben.
Ich malte mir aus, wie wir ganz für uns allein wären, irgendwo, vielleicht in einer Rosenlaube oder im Gebirge an einem Wasserfall, und die ganze Welt stünde uns offen. Was hatten wir statt dessen? Einen kalten, dunklen Söller mit einem Fußbodenbelag aus stinkenden, alten Binsen und zum Brechen voll von Gefolgsleuten, die alle den Auftrag hatten, sofort Bescheid zu geben, wenn sich zwischen uns etwas tat. Aber immer, wenn die Familie in Geschäften unterwegs war, mußte Gregory mitreiten. Und wenn er zurückkehrte, war er stets so ungenießbar wie schlecht gewordenes Ale. Hatte sich was mit einer Rosenlaube.
Ich erinnere mich noch an das Nieselwetter eines grauen Märznachmittages, als ich endlich einen Augenblick für mich allein hatte und auf der Fensterbank hinten im Söller Alisons Bruch ausbesserte. Die Wittib Sarah war mit den Mädchen in den Stall gegangen, um sich die neuen Kätzchen anzusehen, die Wäscherinnen waren gekommen und wieder gegangen und hatten zusammen einen schweren Korb voller Schmutzwäsche abgeschleppt, und Hugo und die Knappen und Knechte waren mit auf der Jagd, denn wenn Sir Hubert daheim war, verging kein Tag ohne Jagdausflug. Drinnen war es dunkel und feucht, und ich grübelte über den Unterschied zwischen einer Ehe des Herzens und einer des Fleisches nach. Wie der Regen trübselig auf die Steine pladderte, hörte er sich wie Tränen an. Meine eigenen, vielleicht, nur daß ich heimlich weinte.
Wer hätte an solch einem Tag wohl nicht an Master Kendall gedacht und wie er mich immer mit ein paar klugen und lustigen Bemerkungen abgelenkt hatte, wenn ich Trübsal blies. Wie mir diese hochherzige Seele fehlte und ebenso die Güte, die uns verband! Ach, wärst du doch hier, sagte ich bei mir. Als Antwort hörte ich ein leises Schnaufen, ein Atemholen gleichsam, und spürte einen kalten Luftzug im Nacken. Schon wieder das Kalte Ding. Langsam gewöhnte ich mich daran. Ich bekreuzigte mich, und da zog es irgendwie raschelnd an mir vorbei.
Als ich in Richtung des verwehenden Lautes blickte, zeichnete sich eine hochgewachsene Gestalt auf der Schwelle ab, und mein Herz machte einen Satz. Gregory! Doch mir wurde bang ums Herz, als ich seine Miene sah. Schon wieder schlechte Nachrichten.
»Gregory? Möchtest du dich zu mir setzen? Ich bekomme dich überhaupt nicht mehr zu Gesicht.«
»O Margaret«, sagte er, immer noch im Stehen. »Ich weiß gar nicht, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht, daß du mich immer noch so nennst.« Er sah müde aus, aber sein Herz strahlte aus seinen Augen.
»Wäre dir Master de Vilers lieber? Das ist die richtige Anrede. Ich habe Master Kendall immer nur ›Master Kendall‹ genannt, so wie es sich für eine Ehefrau geziemt.«
Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Jetzt würde ich liebend gern sagen, daß du immer noch das alte Dummerchen bist, aber ich weiß, du weißt, was ich meine.« Er kam näher. Ach, wenn er doch nur nicht so gut aussehen würde. Nicht nur, daß er eine so gute Figur machte, seitdem er das schäbige, graue Gewand, in dem er sich früher herumtrieb, abgelegt hatte. Nein, er ging auch so elegant, so geschmeidig und elastisch, ohne daß er sich dessen bewußt war. Und wie er alles in sich aufnahm und wie sein Gesicht vor Intelligenz strahlte und deutlich machte, daß er auch richtig hinsah und alles verstand, was vor sich ging. Manche Frauen bewundern am Mann die Kleidung, das Geschmeide oder daß er hübsche Komplimente zu machen weiß, aber davon habe ich nie viel gehalten. Das wird mit der Zeit alles langweilig, ein wunderbarer Verstand jedoch nie.
»Margaret«, sagte er und sah dabei aus, als könnte er meine Gedanken lesen, und seine Stimme klang auf einmal ein klein wenig anders. »Übermorgen müssen wir leider fort. Der Herzog hält Hof zu Kenilworth, und Vater muß ihn aufsuchen.«
»Den Herzog aufsuchen? Warum nur? Kannst du nicht einfach hierbleiben und die anderen allein reiten lassen?«
»Leider nicht, Margaret, es geht nämlich um deine Ländereien. Die Sache muß geregelt sein, ehe Vater ins Feld zieht, und das kann nur der Herzog. Irgendein Mönch hat einen Prozeß um das Herrenhaus von Thorpe angestrengt, er behauptet, der rechtmäßige Erbe zu sein, und daß es Master Kendall unrechtmäßig verkauft wurde. Er hat seinen Orden verlassen und will sich dort einnisten, und dein Hausverwalter hat ihn schon zweimal vertreiben müssen. Doch am schlimmsten steht es um Withill. Der Graf hatte kaum von Master Kendalls Tod gehört, da hat er noch am selben Tage dein Vieh fortgetrieben und versucht, deine Pacht einzutreiben. Als wir gerichtlich gegen ihn vorgegangen sind, haben seine Männer das Herrenhaus besetzt. Leider ist er nicht nur in der Gegend so mächtig, daß sich ihm niemand widersetzt, nein, er hat zudem den einheimischen Friedensrichter bestochen, daß er ihn dabei unterstützt. Du siehst also, nur der Herzog kann uns noch helfen, und dazu braucht man wahrscheinlich mehr als das Gesetz auf seiner Seite. Wir haben hier nicht genug Männer, um den Grafen auszuräuchern, selbst wenn wir den Richtern höhere Bestechungssummen als er anbieten.«
»Aber könntest du nicht wenigstens einen Tag bleiben – einen halben Tag – nur eine Stunde – und später zu ihnen stoßen? Es wäre so schön hier mit dir allein, ohne sie.«
»Also wirklich, Margaret, für eine Frau, die es besser wissen sollte, führst du dich zuweilen dumm auf. Der Karren sitzt im Dreck, und mit jedem Tag sinken wir tiefer ein. Auf das Gut haben wir Geld aufgenommen, damit wir die Anwälte bezahlen können, und wenn ich deine Ländereien nicht halten kann, dann ziehen sie uns eines Tages das Fell über die Ohren, und uns bleibt nichts als ein Haufen Schulden. Oder möchtest du hier ewig leben?«
Stumm schüttelte ich den Kopf, und er fuhr fort: »Ich bin nämlich kein reicher Kaufmann wie Master Kendall, und es besteht keinerlei Hoffnung, daß wir das Haus in London, das dir so am Herzen liegt, halten können, außer es kommt von irgendwo Geld herein. Nur im Krieg kann ich soviel zusammenkratzen – oder wenn ich seine Herrenhäuser verpachte, falls wir sie der Familie erhalten können. Aber ich weiß, du hängst sehr an dem Haus, und so will ich es dir zuliebe versuchen. Wenn du wüßtest, was Vater von Stadthäusern hält. Noch weniger als von Männern, die ihr Erbe nicht festhalten können. Er hätte es schon ein Dutzend Mal verkauft, wenn ich nicht um jeden Fußbreit mit ihm gerungen hätte.«
»Ach, wer hätte das gedacht. Master Kendall hatte mit seinen Ländereien nie solche Scherereien. Er hat sie einfach gekauft, und das war's. Ich hatte keine Ahnung, daß du damit solche Last hast.«
Gregory saß auf der gegenüberliegenden Fensterbank. »Hu. Das ist aber eine kalte Stelle hier«, sagte er, stand rasch auf und setzte sich neben mich. »Ist dir das auch schon aufgefallen?« fügte er hinzu. »Sehr sonderbar. Mir ist es ganz kalt den Rücken hinuntergelaufen.« Wer hätte gedacht, daß das Kalte Ding immer noch herumlungerte? Doch es war nicht der richtige Zeitpunkt, ihm davon zu erzählen, er hatte ohnedies genug Sorgen.
»Margaret«, sagte er und nahm meine Hand. »Es tut mir leid, daß ich es nicht geschafft habe, dir ein so schönes Leben zu bieten wie Master Kendall. Aber der hatte Einfluß bei Hofe und der halben Welt, und zweifellos hat er dem Hof auch Geld geliehen. Aber der Graf denkt, daß deine Ländereien an eine kleine Familie ohne Einfluß gefallen sind und er uns unter Druck setzen und uns wegnehmen kann, was rechtens uns gehört. Du glaubst gar nicht, wie sehr sich Vater darüber erbost! Der Graf hat sogar Vaters Boten mit einem groben Brief zurückgeschickt und obendrein noch dessen Pferd behalten. Ich kann dir sagen, so aufgebracht habe ich Vater noch nie gesehen. Der gibt keine Ruhe, bis er wieder hat, was ihm gehört.«
»Warum hat er mir das nicht gesagt, anstatt so unleidlich zu sein?«
»Einer Frau etwas sagen? Das ist nicht seine Art. Der wird sogar noch wütend, wenn er herausfindet, daß ich es dir erzählt habe. ›Je mehr Frauen wissen, desto mehr machen sie einem das Leben zur Hölle‹, sagt er immer.«
»Zur Hölle? Wann hätte ich ihm das Leben zur Hölle gemacht? Er macht mir das Leben zur Hölle. Er tobt herum, wirft mir Grobheiten an den Kopf und verprügelt meine Kinder! Wenn einer dem anderen das Leben zur Hölle macht, dann er!«
»Margaret«, sagte Gregory bestimmt, »du solltest dankbar für alles sein, was Vater für dich getan hat.«
»Dankbar? Ich habe vom ersten Augenblick an gewußt, daß er abscheulich ist!« Ich spürte, wie sich das Kalte Ding wieder rührte.
»Wehe, du sagst etwas gegen meinen Vater!« Gregory stand jäh auf. »Nur weil ich ihn nicht ausstehen kann, darfst du noch lange nicht über ihn herziehen! Ohnedies ist das Ganze deine Schuld!«
Allmählich wurde es mir zu bunt. Was hatte ich mir nicht alles gefallen lassen, was nicht alles getan, wie hatte ich gewartet, und dann dieses.
»Meine Schuld? Meine Schuld? Jetzt ist es also meine Schuld, wie? Und warum ist es meine Schuld, mit Verlaub?« Ich sah, wie er fröstelte und den Platz wechselte – er hatte sich bewegt und war mitten in das Kalte Ding getreten.
Er fuchtelte mit den Händen und sagte: »Hatte ich, mit Verlaub, vor unserer Heirat solche Scherereien? Blöde Landgüter! Blöde Häuser! Blöde Möbel! Meine Habe paßte in ein Bündel, und ich war frei! Nichts am Hals, keinen Vater, keinen ewig neidischen Hugo, keine Anwälte, keine Bittschriften und Zeugenaussagen, keine Hausverwalter und Landvögte und keine Bälger! Das kann nur eine Frau einem Mann antun, und darum ist alles deine Schuld!« Gregory war ganz rot angelaufen, und je mehr er sich in sein Selbstmitleid hineinsteigerte, desto beleidigter sah er aus. »Das sage ich dir, als ich mich noch der Kontemplation widmete, da war ich viel glücklicher! Gott macht keinem Menschen das Leben derart zur Hölle!«
Ich war so zornig, daß ich nicht einmal wußte, wo ich mit Schimpfen anfangen sollte. Ich wollte sagen, wenn du so eifrig über Gott nachgedacht hast, wieso bist du dann nicht einfach in deinem Orden geblieben? Oder wieso gibst du nicht Vater die Schuld? Von ihm stammte doch die vortreffliche Idee, sich mein Erbe unter den Nagel zu reißen und mich zu entführen. Aber die ganzen Gemeinheiten, die ich ihm an den Kopf werfen wollte, verhedderten sich und wollten allesamt auf einmal heraus, und da stand ich nun und wollte mit erhitztem Gesicht auf ihn los, und ich machte den Mund auf, doch ich brachte keinen Ton heraus. So weit können einen die Männer jedes Mal treiben! Die Hölle! Was wußte er denn schon von der Hölle. Es tat ihm kein bißchen leid! Und während ich ihn mit hochrotem Gesicht anstarrte und mir die Worte im Hals steckenblieben, stand er vor mir und zählte seine Kränkungen auf, als ob ich selber keine vorzuweisen hätte. Mir war nach Ersticken oder eher Schluchzen zumute, was, das wußte ich nicht.
»– dann wird es aber langsam Zeit, daß dir jemand sagt, was für eine selbstsüchtige Frau du bist, Margaret –«
»– also, wer ist hier selbstsüchtig? Wer wüßte das wohl besser als du, so selbstsüchtig wie du immer bist! Du denkst nur an eines – an dich, dich, dich – dich und deinen blöden Vater, und wer muß hier die ganzen Opfer bringen, ich – glaubst du etwa, ich mag dieses gräßliche Haus? Weise mir nur ein einziges Mal nach, wo ich selbstsüchtig gewesen bin – ein Mal, ja, das hättest du wohl gern!«
»Selbstsüchtig? Du bist so selbstsüchtig, daß du sogar noch im Schlaf selbstsüchtig bist – also, wie du dich nachts in die ganzen Decken wickelst – und für mich bleibt nicht einmal ein Bettzipfel übrig. Ich kann dir sagen, der Mann, der mit Margaret schläft, der kann glatt erfrieren, so ist das!«
»Du – du –« Mir fehlten die Worte. Wie hatte ich mich nur auf etwas so Albernes einlassen können? Mein Gott, war ich dumm! Und dieser Mann war noch dümmer! Ich spürte, wie etwas in mir hochkam, bitter und ungestüm. Lachen. Lachen über Margaret, die Närrin. Das war das Ende – so geht es mit all den albernen Hoffnungen und Plänen. Ich mußte mich vornüberbeugen, denn ich hatte solche Krämpfe, daß mir vor Schmerzen übel wurde.
Gregory hielt mitten in der Aufzählung seiner Leiden inne, und sein Gesicht war ganz rot vor Entrüstung. »Das ist der Beweis, der schlüssige Beweis – für alles, was ich gesagt habe! Begreifst du? Du weißt, daß alles stimmt, und jetzt lachst du mich aus – nach allem, was ich durchgemacht habe! Wie kannst du nur?«
»Ich – ich – ich lache – doch –« brachte ich stoßweise heraus, hickste und hielt mir die Seiten.
»Und was soll das sonst sein, was du da machst?« Beim Anblick seiner Miene, die zugleich ratlos und überheblich war, ging es schon wieder los, ich konnte es mir selbst nicht erklären.
»Du bist ja überdreht. Ich habe immer gewußt, daß du nicht ganz bei Trost bist. Das habe ich schon bei unserer ersten Begegnung gemerkt. Alle Frauen sind überdreht. Ich sollte dir einen Eimer Wasser über den Kopf schütten.«
»Noch – nicht«, brachte ich heraus. Die Krämpfe ließen etwas nach. Ich mußte mir die Augen wischen.
»Da hast du es. Genau das brauchst du. Allein schon die Androhung von kaltem Wasser wirkt Wunder.« Bei dem Gedanken, wie klug er doch war, beruhigte er sich allmählich.
»Nein, nein«, rang ich nach Luft. »Das ist es doch gar nicht. Meine Seite – meine Seite tut so weh. Hilf mir, reibe sie – hier, wo es wehtut.« Mein Gott, wie ich ihn brauchte.
»Du bist blöde«, sagte er und legte seine große Hand auf die Prellung unter meinen Rippen, die ich ihm gezeigt hatte, und rieb sie.
»Du etwa nicht?« Die Frage ließ sich nicht unterdrücken. Mir war so ganz und gar kraftlos zumute, so als hätte ich gerade eine Krankheit überstanden.
»Natürlich nicht. Ich bin nie blöde.«
»Hast du aber ein Glück, daß du immer recht hast.« Ich setzte mich auf die Fensterbank, denn die Luft war mir immer noch knapp.
»Das ist eine Bürde, an die ich mich nur schwer gewöhnen konnte«, lächelte er still. Mir taten die Rippen zwar immer noch weh, aber als ich seine Miene sah, ging es mir gleich besser.
»Setz dich zu mir«, bat ich, »mir ist es ganz furchtbar ergangen. Ich brauche dich. Ich brauche dich, daß du meine Hand hältst.«
»Weißt du, das Eheleben«, sagte er und ließ sich neben mir nieder, »dieses Eheleben ist schwieriger, als man gemeinhin denkt.«
»So ist es immer«, sagte ich. »Wenn es nicht das Geld ist, dann die Familie oder tausenderlei andere Dinge.«
»Darum heiraten vollkommen Liebende wohl auch nicht«, seufzte Gregory.
»Glaubst du, man kann seine Ehefrau nicht lieben?«
»Natürlich nicht; das gehört sich nicht.« Gregory sah überaus schulmeisterlich aus.
»Gehört sich nicht?«
»Das sagen alle gelehrten Autoritäten.«
»Woher wollen die das wissen? Waren sie etwa verheiratet, deine Gelehrten?«
»Natürlich nicht; für Gelehrte gehört es sich nicht zu heiraten.« Auf einmal sah Gregory betrübt aus; er konnte einem richtig leid tun. Ich legte ihm die Hand auf den Arm. Irgendwie war die rauhe Wolle seines Ärmels tröstlich, auch wenn es sich um den alten Jagdrock seines Vaters handelte und die Ärmel Gregory zu kurz waren. Er zuckte zusammen wie schon einmal, vor langer Zeit, als ich aus Versehen seine Hand berührt hatte. Doch dann blickte er mich an und war dankbar für den Trost.
»Du bleibst doch ein Gelehrter, auch als Ehemann. Die Gelehrsamkeit ist immer noch in deinem Kopf – die verschwindet doch nicht einfach.«
»Ach, Margaret, wenn es nur so einfach wäre. Man kann nicht verheiratet und gleichzeitig Gelehrter sein; das stiftet Verwirrung im Kopf.«
»Dann tut es dir also doch leid, daß du mich geheiratet hast?«
»Nein, ganz und gar nicht«, sagte er und sah mich dabei so sonderbar an. »Das macht mir ja so zu schaffen. Es tut mir überhaupt nicht leid. So etwas wie dich habe ich noch nie kennengelernt.« Mein Gott, wie schön sein Gesicht dabei aussah. Ich wartete, daß er sagte, was ich mir so sehnlichst wünschte.
»Du – siehst so hübsch aus. Und man kann mit dir so gut reden. Und – und –« er sah aus, als ob er nach einem Wort suchte, das ihm auf der Zunge lag, und dann lief er rot an und stieß hervor, »– keine backt so leckere Wecken wie du!« Grundgütiger Himmel, wie können Männer nur behaupten, daß Frauen nichts als belangloses Zeug im Kopf haben, wenn ihrer so arbeitet wie der hier!
»Wenn wir also keine vollkommen Liebenden sein können, dann vielleicht unvollkommen Liebende?« sagte ich lächelnd.
»Offen gestanden, Margaret, Ähnliches ist mir auch schon durch den Kopf gegangen«, sagte er und vergewisserte sich, ob wir immer noch allein waren.
»Die kommen so schnell nicht wieder, falls du denkst, was ich denke…«, sagte ich.
»Ich glaube schon«, sagte er, und auf einmal strahlte sein Gesicht vor Freude, und er hob mich so rasch hoch, daß ich nicht einmal mehr Zeit hatte, überrascht zu sein.
»Gilbert! … GILbert! Wo steckt dieses Mondkalb?« Das heisere Gebrüll schallte die Stiege hoch und störte die Stille im Söller. Ein lärmendes Knäuel von Hunden und Menschen tobte um Sir Hubert herum, als er durch die Tür polterte, am Himmelbett vorbei – und in sein eigenes Zimmer ging, damit die Knechte seinen verdreckten Jagdrock gegen Reisekleidung wechseln konnten.
»Aha! Da bist du ja, Gilbert, treibst dich drinnen herum wie eine Frau – oder –« und hier bekam seine Miene etwas Wissendes, Verschwörerisches »etwa mit einer Frau?« Er merkte, daß sein Sohn zu Stein wurde. Gregory sah, wie sein Vater das ganze Zimmer mit schlauem Blick erfaßte; das vergessene Nähzeug auf der Fensterbank, das hastig gemachte Bett. Der alte Mann sah einen Augenblick aus, als rechnete er nach. Dann musterte er das Gesicht seines unbequemen Sohnes. Der wußte zwar seine zufriedene Miene gut zu verbergen, doch nicht gut genug für das geübte Auge seines Vaters.
Sein Gesicht wirkte einen Augenblick lang gelöst, doch dann knurrte er: »Und wo steckt überhaupt deine Frau? Wozu ist eine Frau nutze, die nicht zu Stelle ist, wenn man sie braucht? Ich habe etwas mit ihr zu bereden.«
Gregory richtete sich zu voller Größe auf, blickte seinen Vater von oben herab an und erwiderte würdevoll und unnahbar: »Falls du nach Margaret suchst, die ist in der Kapelle und betet. Das tut sie immer um diese Zeit.«
»In der Kapelle? Schon wieder so ein weinendes, betendes Frauenzimmer im Haus? Pa, sie sind doch alle gleich.«
»Sie betet für die Seele von Roger Kendall.«
»Für diesen alten Krämer? Für den werden doch andauernd Seelenmessen gelesen. Was braucht der noch zusätzliche Gebete?«
»Sie sagt, er braucht sie noch. Sie sagt, daß er ohne Absolution gestorben ist, und sie hört erst auf mit Beten, wenn sie weiß, daß er im Himmel ist.«
»Ohne Absolution?« Der alte Mann klang ernst. »Dann ist das völlig in Ordnung. Lassen wir sie in Ruhe.« Sir Hubert gab sich einen Augenblick unangenehmen Überlegungen hin, dann hielt er inne, als ob ihm jäh etwas eingefallen wäre, und fragte: »Aber woher will sie wissen, wann sie aufhören kann? Erwartet sie etwa, daß Gott es ihr höchstpersönlich mitteilt, wenn er ihn erlöst hat?«
»So sagt sie.«
Der alte Mann hob die Schultern und schüttelte den Kopf. Städterinnen, sowieso alle nicht richtig im Kopf. Kommt von der schlechten Luft – macht das Hirn zu Mus. Na ja, ihr Hirn war auch nicht musiger als Gilberts – in dieser Hinsicht gaben sie ein prächtiges Paar ab. Und da hatte er sich alle Mühe gegeben, und doch war Gilbert immer noch so gefühlsduselig und zu nichts zu gebrauchen wie eh und je. Rückgrat! Disziplin! Führte sich auf, als hätte er die Worte noch nie gehört. Es reichte, um jeden Vater in den Wahnsinn zu treiben.
Der alte Mann durchmaß den Raum mit großen Schritten und gesenktem Kopf und strich sich mit einer Hand den Bart. Es mußte an dem schlechten Blut liegen – zweifellos von der Seite seiner Frau. Eine undankbare Aufgabe, wenn man es mit schlechtem Blut zu tun hatte. Doch wenn nicht einmal die Ehe ihn ausgeglichener machen konnte, dann war der Fall hoffnungslos. Zuweilen mußte man den Tatsachen ins Auge blicken. Gott sei Dank war Hugo normal. Und er würde aufpassen wie ein Luchs, wenn es um die Blutlinien der Frau ging, die er für ihn aussuchen würde. Was sollte aus ihnen werden, wenn Hugo einen Erben mit schlechtem Blut zeugte? »Eine Linie bereits versaut«, knurrte er bei sich und musterte dabei seinen zweiten Sohn, der in Habachtstellung vor ihm stand und darauf wartete, entlassen zu werden. Er hatte eine große Vorliebe: Söhne, die jedes Mal Habachtstellung einnahmen, wenn er ein Zimmer betrat. Eine der wenigen guten Manieren, die er in diesen übellaunigen Bengel hatte hineinprügeln können, bevor er zu groß wurde und ihm trotzte.
»Du kannst jetzt gehen«, sagte er. Als Gilbert dann ging, dachte er, sobald die Sache geregelt ist, verhandle ich wegen einer passenden Braut für Hugo. Höchste Zeit, daß diese Familie ein Haus voller Enkelsöhne bekommt. Auf einmal standen vor seinem inneren Auge Enkelsöhne in Reih und Glied, lauter gehorsame, kleine Soldaten, alle in Habachtstellung vor ihrem Großvater zur Musterung angetreten. Bei dem Gedanken überflutete ihn eine seltene Welle der Befriedigung. Fast zu schön, um wahr zu sein.
Ich glaube, ich habe die Kapelle im Hause meines Schwiegervaters noch nicht beschrieben. Sie ist kalt und feucht, und die grauen Steine weisen nicht einmal eine anständige, weiße Tünche auf, ganz zu schweigen von bunten Heiligenbildern. Der Grund dafür: Gregorys Vater ist knauserig und hat noch nie einen dieser fahrenden Maler bezahlen wollen, die zur Sommerszeit durchs Land ziehen und in Kirchen und Kapellen hübsche Bilder von der Jungfrau Maria und den Heiligen, oder was man sonst haben möchte, malen. In der Kapelle von Brokesford gab es kaum mehr als einen kleinen Altar, einige ausnehmend billige Kerzenhalter und ein altes Altartuch, das einst von jemand wunderschön bestickt worden, jetzt jedoch vergilbt und an den Kanten ausgefranst war. Und einen Geist gab es auch, obschon der wirklich nicht lästig fiel, außer daß er abends schluchzte und weinte. Meiner Erfahrung nach werden Geister immer von feuchten, trübseligen, steinernen Orten angezogen. Wo es warm, hübsch bemalt und voller Kinder und Musik ist, da haben Geister keinen Platz.
Eine gemütliche, gut ausgestattete Kapelle ist, das muß ich schon sagen, eine wunderbare Annehmlichkeit, wenn sie sich direkt im Haus befindet. Master Wengrave, unser Nachbar in London, Cecilys und Alisons Pate, hat eine kleine Kapelle gleich unten im Haus, wo die Familie jeden Morgen die Messe hören kann, ohne daß sie bei Wind und Wetter den ganzen Weg nach St. Botolphe machen muß. Das Dumme daran ist aber, daß man einen Kaplan im Haushalt hat, wobei die Kosten gar nicht das Schlimmste sind, schlimmer ist die Tatsache, daß er nichts tut, als essen und trinken und tratschen. Es reicht schon, daß er der Schwiegermutter alle Mängel der Kindererziehung zuträgt. Doch zuweilen richtet er mehr Unheil an, und plötzlich ist die Küchenmagd schwanger, und dann hat man den Salat. Und er kann gemein werden, wenn man ihn reizt, und Kleinigkeiten kränken ihn, wie der falsche Platz bei Tisch, wenn man Gäste hat, und dann ist er zu Gott weiß was fähig.
Also hatten wir in unserem Haus in London keine Kapelle, obwohl niemand verstand, wie wir ohne etwas auskommen konnten, das einem Haus soviel Pracht und Bequemlichkeit verlieh. Master Kendall hatte oftmals Gäste von fernen Orten zu Besuch, und mich hatte er auch noch, da wollte er nicht riskieren, daß uns eine lose Zunge die Beamten des Bischofs auf den Hals hetzte.
Aber auf dem Lande, wo der Bischof fern ist, gibt es andere Mittel und Wege, da kann man eine Kapelle haben. Und die Mittel und Wege meines Schwiegervaters waren schlicht: Er hatte einen Priester aufgetrieben, der auch nicht eine Minute am Tag nüchtern war. Natürlich wußte niemand, ob er die Messe richtig las, doch wer weiß das schon, da alles Latein ist. Aber man konnte während des Gottesdienstes häufig ein Deus und Pater noster und benedictus hören, und er verstand, die kleine Glocke nett zu läuten. Für Ale tat Vater Simeon so manches – er taufte heimlich, er verkaufte die Hostie, daß man sie für eine gute Ernte in die erste Furche legen konnte, und er vermählte sogar ohne Aufgebot. Bei der Beichte war er auch von Nutzen, und daher rührte auch sein Spitzname ›Vater Drei Ave‹. Für gewöhnlich war er nämlich nicht in der Lage, sich an das Gesagte zu erinnern, und so legte er nur federleichte Bußen auf, und das kam meiner neuen Verwandtschaft vortrefflich zupaß.
»Gestern abend zwei Kerls umgebracht«, keuchte und knurrte mein Schwiegervater dann wohl und kniete nieder.
»Bereut Ihr?«
»Natürlich, ich hätte ihnen gar nichts getan, wenn sie nicht angefangen hätten.«
»Ego te absolvo. Drei Ave.«
Und diese Methode funktionierte weitaus besser als Master Kendalls, denn nicht einmal der konnte mich ganz vor meinem strengen Beichtvater schützen. Der wußte selbstverständlich, daß ich eine Ketzerin war und ein Geständnis und einen Widerruf unterzeichnet hatte und unter Aufsicht des Bischofs stand, damit ich nicht rückfällig wurde. Und alles, weil ich die Gesundbeterei betrieben hatte – dabei lernte ich übrigens auch Master Kendall kennen –, ich behandelte seine Gicht, und nach meinen ganzen Scherereien beschloß er, mich zu heiraten, damit ich seine Gicht auch weiterhin behandeln konnte. Sie behaupteten, ich wäre eine Hexe und eine Ketzerin und eine Sünderin und noch vieles mehr an Gemeinheiten, und dann steckte ich so tief in der Tinte, daß ich fast nicht mehr herausgekommen wäre. Ich konnte von Glück sagen, daß ich mit einem Geständnis davonkam, sonst hätten sie mich nämlich verbrannt, und das wäre noch schmerzhafter gewesen.
Doch seit der Zeit habe ich die Gesundbeterei aufgegeben, nur noch ein kleines bißchen in der Familie, aber gut bin ich darin immer noch. Es klappt sogar bei Pferden, obwohl ich gestehen muß, ich hätte es nie gewagt, wenn es nicht um Cecily und Alison gegangen wäre. Und wenn die Gabe im Freien ihre Wirkung tut, kann man das Licht, welches dabei entsteht, nicht sehen, darum glaube ich auch nicht, daß jemand etwas gemerkt hat außer diesem scharfäugigen, alten Mann. Die Gabe ist mir in einer Vision geschenkt worden, die gewißlich geradewegs von Gott kam, und wenn Gott will, daß man etwas tut, dann muß man sich auch an die Arbeit machen. Zuweilen verläßt mich die Gabe natürlich, so wenn ich krank oder schwanger bin, doch was ist auf dieser Welt schon vollkommen? Nur sehe ich mich jetzt sehr vor, denn die Inquisitoren haben mir versichert, sie verbrennen mich zu Asche, wenn sie mich noch einmal dabei erwischen, und das hat mir die Sache arg verleidet, auch wenn Gott es anders gewollt hat.
Früher habe ich mir Sorgen gemacht, ich könnte unwissentlich etwas Böses getan haben, denn ich wollte mich wirklich gut mit Gott stellen. Aber heute weiß ich, daß es dabei nur um das Handelsmonopol geht. Das habe ich von Master Kendall gelernt, der ein vortrefflicher Händler war und obendrein sehr weltläufig. Ihm war stets an meiner Erziehung und Bildung gelegen, deswegen hat er mir viele wichtige Dinge erzählt und Lehrmeister für mich eingestellt, die mir höheres Gedankengut vermitteln sollten. Master Kendall war der Meinung, daß es im Grunde genommen immer nur um Geld geht. Und als ich endlich begriff, daß eine Frau, die sich für ein Dutzend Eier bei Margaret die Warzen wegbeten läßt, keinen Priester oder einen heiligen Schrein besucht, um dort für den gleichen Zweck zu beten, da bekam ich den Durchblick. Was für ein Segen ist doch ein kluger Ehemann, der einem derlei erklären kann. Männer mit einem hellen Kopf habe ich schon immer bewundert.
An jenem Tage hatte ich zwei Gründe, warum ich die Kapelle aufsuchen wollte – drei, wenn man Sichverstecken vor Gregorys Vater hinzurechnet. Zum einen wollte ich für Master Kendall beten, denn ich achte sehr darauf, daß ich das jeden Tag mache, selbst jetzt noch. Der zweite Grund war nicht gerade ehrbar, darum wollte ich erst nach dem Beten damit anfangen, sonst könnte mir mein Gewissen dabei in die Quere kommen. Ich hatte nämlich herausgefunden, wo Vater Simeon sein Papier und seine Tinte aufbewahrte. Und da ich beides brauchte und er es nie benutzte, außer ein-, zweimal im Jahr, wenn ein Brief geschrieben werden mußte, fand ich, es wäre Gott wohlgefälliger, wenn ich es bekäme.
Doch als ich die Kapelle betrat, war er auch da. Und wenn ich mehr an Gott und weniger an Papier und Tinte gedacht hätte, es wäre mir vermutlich einerlei gewesen, so aber machte mich seine Anwesenheit sehr ungehalten. Und er lärmte herum, daß sich kein Mensch sammeln konnte. Er hüpfte und sprang durch die Gegend und versuchte dabei, sein Gewand zu säubern.
»Ihr kommt zur Beichte, äh? – Weg da! Weg da, sag ich!«
»Vater…«
»Dürfte nicht schlimm sein. Ich spreche Euch los. Weg da. Drei Ave.« Dann klopfte er schon wieder an sich herum und machte einen Hopser. »Sie sind überall. Ich werde sie einfach nicht los.«
»Was ist es denn? Wanzen?«
»Nein – könnt Ihr sie denn nicht sehen? Scheußliche Viecher, weg da!«
»Nein, ich kann gar nichts sehen.«
»Teufel! Verfluchte kleine Teufel! Grün, wie große Spinnen, aber mit gräßlichen, kleinen Gesichtern. Weg, weg! Sie machen, daß meine Haut brennt, die Haare stehen mir zu Berge. Oh, Gott, meine Sünden – vergib hebt euch hinfort!«
»Ich kann die Wanzen, glaube ich, abklopfen – hört auf, soviel herumzuhüpfen und laßt mich machen.« Mir war sofort klar, woher diese Wanzen kamen. Das Dumme nur: Wenn man einen Säufer gesundbetet, fällt ihm wieder ein, warum er getrunken hat, und das verstört ihn dann noch mehr. Einmal habe ich das gemacht, und der Mann ist aus dem Fenster gesprungen, weil er sich umbringen wollte, hat sich aber nur beide Beine gebrochen – und ich bekam noch viel mehr gesundzubeten.
Nur ein klein wenig, nur gegen die Wanzen, damit er Ruhe gibt, aber nicht soviel, daß er nüchtern wird, dachte ich bei mir. Dann verzieht er sich ins Bett. Und ich versetzte mein Gemüt in einen ruhigen Zustand und rief nur ein klitzekleines Bißchen von dem heilenden Licht herbei, das Gott mir in meiner Vision gesandt hatte. Als ich es in meinen Händen spürte, kniete ich nieder und klopfte sein Gewand ringsum am Saum ab, bis er aufseufzte.
»Oh, endlich, endlich sind sie weg. Nein, diese kleinen Gesichter! Pfui. Sie verfolgen mich noch im Traum. Wie habt Ihr das geschafft?«
»Ihr habt sie nur nicht fest genug abgeklopft, Vater Simeon, und auf den Rücken, wo sie sich versteckt hatten, seid Ihr mit dem Arm nicht hingekommen.«
»Wo? Auf dem Rücken?« und er fuhr herum. »Nein, keine mehr da, gelobt sei Gott. Ihr scheint sie alle erwischt zu haben. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt, ich muß mich zurückziehen und – meditieren.« Er blickte sich unsicher um. »Ihr bleibt noch?« fragte er.
»Ich habe noch nicht für Roger Kendall gebetet.«
»Sehr gut, sehr gut. Freut mich, daß es in diesem Haus endlich eine fromme Seele gibt.« Ich schämte mich doch ein wenig, als ich ihn davontorkeln sah. Ein Nebelwölkchen kam jämmerlich schluchzend durch den Raum und hinter ihm hergeweht. Die Weiße Dame. Doch ich kniete ungerührt nieder, und als ich zu beten begann, hörte das Geschluchze auf. Und genau in dem Augenblick, als ich Gott haarscharf auseinandersetzte, daß man Roger Kendall seine guten Taten anrechnen müsse, hörte ich eine leise, dünne Stimme in meinem Ohr.
»Ich habe alles gesehen«, sagte sie. Du liebe Zeit, die Weiße Dame konnte sprechen. Dazu sind die meisten nicht klug genug.
»Ich habe alles gesehen. Eure Hände und Euer Gesicht haben geleuchtet, und das Licht hat mich gewärmt. Ihr habt ja keine Ahnung, wie kalt es in dieser Kapelle ist. Daran bin ich nämlich gestorben. Ich habe mich erkältet, und nun werde ich nie wieder warm.«
»Das tut mir schrecklich leid«, sagte ich. Weißen Damen sollte man immer höflich begegnen. In der Regel sind es Frauen, die im Kindbett gestorben sind und nun zurückkommen und nach dem Kind suchen. Sie verdienen Achtung, insbesondere von uns Frauen. Dann wehklagte sie etwas, nur um nicht aus der Übung zu kommen und bejammerte ein Weilchen ihre toten Kinder.
»Macht Euch das nicht Angst« fragte sie ein wenig boshaft.
»Wenn Ihr böse wärt, Ihr könntet mir Angst machen, aber ich glaube nicht, daß Ihr böse seid«, gab ich unerschrocken zurück.
»Woher wollt Ihr das wissen? Schließlich bin ich hier, um mich zu rächen. Dafür lebt unseresgleichen. Selbstverständlich«, setzte sie hinzu, und das ziemlich hochfahrend, fand ich, »könnte ich jederzeit in den Himmel, wenn ich wollte, aber ich warte lieber hier, bis ich ihm alles heimgezahlt habe – die Gelegenheit hat sich mir auf Erden nie geboten. Ich mußte meine Bitte einreichen und um alle möglichen Genehmigungen einkommen«, fuhr sie recht überheblich fort. »Schließlich darf nicht jede Weiße Dame werden. Man muß schon eine besondere Sendung haben.«
»Man sollte es nicht glauben«, sagte ich zurückhaltend. Ein hoffärtiger Geist. Aber man lernt nie aus. »Dürft Ihr mir sagen, worum es geht?«
»Natürlich nicht. Das ist geheim. Aber soviel kann ich Euch verraten: Ich will es den Männern heimzahlen. Die machen einem das Leben zur Hölle. Hört auf mich, vergeudet Eure Zeit nicht damit, einen von der Sorte zu lieben. Sonst seid Ihr im Handumdrehen eine Weiße Dame. Das macht Euch sicher tiefen Eindruck? Wer bekommt schon gute Ratschläge von einer Weißen Dame?« Und das Nebelwölkchen wirbelte um mich herum.
»Übrigens, falls Ihr wieder einmal leuchten wollt, kommt in die Kapelle. Es fühlt sich so gut an. Wärmt mich durch und durch. Sehr angenehm. Und sagt dem Kalten Ding, welches Euch hierher gefolgt ist, es soll mich nicht mehr belästigen. Diese Kapelle reicht nur für ein Gespenst.« Das Nebelwölkchen verflüchtigte sich und verschwand, und ich war statt friedlich, wie man es von einem Besuch in einer Kapelle erwarten sollte, verärgert und neugierig. Ich brauchte unendlich lange, bis ich mich gesammelt hatte und mich wieder ans Beten machen konnte.
Als ich eine angemessene Zeit gebetet hatte, lange genug, um Master Kendalls Seele für einen weiteren Tag zu retten, machte ich Schluß und machte mich daran, die große Truhe, in der Bücher und Priestergewänder aufbewahrt wurden und die in der Ecke hinter dem Altar steht, zu durchwühlen. Als ich aber das Blatt Papier gefunden und vorn in mein Überkleid gesteckt hatte, hob das Geschluchze schon wieder an. Ich blickte auf und sah das Nebelwölkchen oben um das Kruzifix quirlen. Die Weiße Dame war immer noch da. Aber wo war die Tinte? Aha, ganz unten in der Truhe, und gut zugestöpselt. Ich goß etwas in einen kleinen Krug ab, der sonst mein Rosenwasser enthielt, und ließ gerade genug für Vater Simeon zurück, daß dieser meinen mochte, er hätte sie selbst aufgebraucht. Das Weinen hörte auf. Vor mir zog sich eine lange Dunstsäule zusammen, und einen Augenblick lang dünkte mich, ich könnte in dem Dunst die hochgewachsene Gestalt einer elegant wirkenden Dame mit langer, gerader Nase und mit Haaren sehen, die im Leben ziemlich dunkel gewesen sein mußten und die unter einem modischen, französischen Kopfputz steckten. Auf ihren langen, schlanken Fingern steckten zahllose Ringe, die mich damals faszinierten, denn ich überlegte, wie Geschmeide, das doch so fest und stofflich ist, dermaßen durchsichtig werden konnte. Sie blickte mich durchdringend an.
»Ich habe alles gesehen«, sagte sie. »Ihr habt Papier und Tinte gestohlen.« Ich errötete.
»Habt Ihr das für Euch gestohlen?«
»Ja«, gestand ich.
»Dann könnt Ihr also schreiben?«
»Ja«, erwiderte ich.
»Ich kann auch schreiben«, sagte sie ziemlich von oben herab. »Ich kann meinen Namen schreiben. Das können nicht viele, aber ich bin eine Ausnahme. Warum braucht Ihr ein ganzes Blatt Papier? Wollt Ihr einen Brief schreiben lassen?«
»Ich schreibe für mich. Ich schreibe Dinge auf, die ich von Mutter Hilde gelernt habe, damit sie nicht verlorengehen. Rezepte und geheime Zauberformeln fürs Kindbett und dergleichen. Und meine Gedanken schreibe ich auch auf, alle sagen nämlich, daß ich zuviel rede, und ich will mich doch bessern, aber wenn ich niemandem mehr mitteilen kann, was ich denke, das wäre mein Tod.«
Bei letzterem blickte die Weiße Dame recht mitfühlend. Sie wirbelte ein wenig herum, so daß ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Dann zog sie sich wieder zusammen und stellte fest: »Ihr seid also eine Nonne. Und Mutter Hilde ist Eure Äbtissin. Warum seid Ihr nicht im Habit, und was tut Ihr überhaupt hier?«
»Ich bin keine Nonne, Master Kendall hat jemand eingestellt, der mich Schreiben gelehrt hat, weil ich ihn darum gebeten habe. Mutter Hilde ist die weiseste Frau auf der ganzen Welt, aber eine Äbtissin ist sie nicht. Sie ist eine Heilerin und eine weise Frau und eine Wehmutter, und sie hat mir vor langer, langer Zeit ihre ganzen Geheimnisse anvertraut. Und ich schreibe sie für meine Töchter in ein Buch.«
»Eine Wehmutter. Wehmüttern traue ich nicht über den Weg. Schade, daß sie keine Äbtissin ist, aber denen traue ich auch nicht – lauter Mitgiftjägerinnen.« Die Gestalt teilte sich und zerfaserte an den Rändern, so als fiele es ihr schwer sich zu sammeln. »Wißt Ihr, daß ich elf Kinder hatte?« Sie kräuselte sich und wehte hin und her. »Bis auf zwei sind alle tot. Nicht einmal ein Jahr sind sie geworden. Die Sünden meines Mannes haben sie umgebracht. Ich habe nicht genug gebetet, um seine Sünden wettzumachen. Ach, es war kalt, so kalt, und dann bin ich gestorben. Seid Ihr sicher, daß Mutter Hilde keine Äbtissin ist?«
Sie klang so enttäuscht, daß ich sagte:
»Nein, ganz sicher nicht, aber ich habe einen Bruder, der ist Priester.«
»Priester? O wie nett.« Das hörte sich beiläufig an. Gut, dachte ich. Hauptsache, man hält Geister bei Laune. »Ich habe einen Sohn, der Priester ist«, setzte sie hinzu. »Unterdessen wahrscheinlich viel bedeutender als Euer Bruder. Ach, was war er doch für ein niedlicher, kleiner Junge. Kam ganz auf mich. Mein Beichtvater hat ihn schon Lesen und Latein gelehrt, da war er noch ganz winzig. Er hatte eine so rasche Auffassungsgabe – kein Stroh im Kopf wie mein erster Sohn. Daran war das schlechte Blut schuld. So geht es, wenn man unter seinem Stand heiratet. Mein Vater hätte es nie geduldet, wäre er noch am Leben gewesen. ›Heirate nie unter deinem Stand, mein Kleines‹, hätte der gesagt. ›Werde lieber Nonne.‹ Ach, mein kleiner Junge muß inzwischen schon sehr groß sein, aber er ist fortgegangen, wollte Priester werden, und ich habe ihn seit meiner Todesstunde nicht mehr gesehen. Er war noch so klein, und ich mußte ihn alleinlassen; sogar auf der anderen Seite habe ich ihn weinen hören. Aber ich bin sicher, er weiß noch, was ich ihm gesagt habe. ›Werde Priester‹, habe ich gesagt, ›nicht so ein Sünder wie das Untier, das ich geheiratet habe. Bleibe rein. Und vergiß nicht, du bist nicht wie sie.‹ Jammerschade, daß ich unter meinem Stand geheiratet und soviel Kummer über mich gebracht habe.«
Als sie so redete, kam mir ein eigentümlicher Verdacht. Er wurde immer stärker und machte, daß mir die Haare zu Berge standen.
»Ihr müßt aber sehr vornehmes Blut haben«, sagte ich sehr vorsichtig. »Selbst jetzt noch seht Ihr äußerst elegant aus.« Die Weiße Dame wirbelte zum Dank huldvoll. »Aber mit wem habt Ihr Euch vermählt? Möchtet Ihr mir nicht seinen Namen nennen?«
»Ach, das war ein ungehobelter, junger Mann. Mutter war ganz eingenommen von ihm. Ein wahrer Ritter, sagte sie, und ist gekommen, uns aus aller Not zu erretten. Zugegeben, in seiner Rüstung sah er wirklich hübsch aus, und im Turnier führte er meine Farben zum Sieg, und das hat mir damals den Kopf verdreht. Aber Ihr werdet es nicht glauben, kaum waren wir verheiratet, da vergeudete er auch schon meine Mitgift auf die Ausbesserung seines Turms und ließ nicht einmal die Kapelle ausmalen. O Vater, du hattest ja so recht!« Sie erregte sich dabei so sehr, daß sie für eine geraume Weile zur Decke hochstieg und alsdann wieder herunterwölkte.
»Nur für seine Pferde, für die hat er etwas springen lassen«, zischte sie mir gehässig ins Ohr. »Eine neue Satteldecke? Nur keine Kosten gescheut! Ein neues Kleid für seine arme Frau, die unter ihrem Stand geheiratet hatte? Kein Gedanke daran! Ob Ihr es glaubt oder nicht, ich habe meine Hochzeitskleider aufgetragen. Und dann bin ich gestorben. Ohne anständige Garderobe ist das als Frau doch kein Leben. Aber ich sage Euch, ich bin zurückgekommen und gehe solange um und um und um, bis er es nicht mehr wagt, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Hört auf meinen Rat! Heiratet niemals unter Eurem Stand!«
»Und der Name, nur damit ich Euren weisen Rat auch befolgen kann?«
»Sir Hubert de Vilers, den der Teufel holen möge! Ein gräßlicher, blonder, junger Mann, neigt etwas zur Vierschrötigkeit – bildet sich viel auf seine Fechtkunst ein. Er ist nicht zu verwechseln, ja, weiß Gott nicht!« Vor Zorn war sie erneut ganz hochgewirbelt, daher konnte ich sie nicht sehen, aber das machte nichts. Sie hatte sich schon verflüchtigt, da mußte ich mir noch die Hand aufs Herz legen, so sehr hämmerte es. Nun gab es gar nichts mehr zu deuteln. Ich hatte eine Weiße Dame zur Schwiegermutter. Jetzt reichte es aber wirklich.
Mutter Anne, also die war auch nicht meine richtige Mutter, sondern meine Stiefmutter, die mich aufgezogen hat, und die besaß viel gesunden Menschenverstand und hat mich immer vor Schwiegermüttern gewarnt.
»Margaret, Margaret«, sagte sie immer, »wenn du heiratest, sieh dich vor deiner Schwiegermutter vor. Denk daran, sie ist immer wütend auf das Mädchen, das ihr den Sohn wegnimmt, sei also ehrerbietig! Gib ihr keinen Anlaß zur Gereiztheit! Gib ihr das Beste von allem auf dem Tisch und überzeuge dich, daß ihr Bett angewärmt ist, ehe sie hineinsteigt. Nenne sie ›Frau Mutter‹, auch wenn sie keine Dame ist, und knie höflich vor ihr nieder. Ich habe mehrere Schwiegermütter gehabt, und du kannst mir glauben, ich weiß Bescheid. Und das ist das einzig Gute, was man deinem Vater nachsagen kann – der hatte keine Mutter mehr am Hals, und dafür bin ich ihm dankbar.«
O Mutter Anne, du fehlst mir so sehr! Sicher, ganz, ganz sicher treffen wir uns eines Tages wieder. Und wenn, dann erzähle ich dir von meiner ersten Schwiegermutter, denn Master Kendall war so alt, daß er keine mehr mit in die Ehe brachte. Du wirst Augen machen! Und mit Sicherheit habe ich deinen guten Rat nie dringender gebraucht als jetzt, denn ich bin in eine äußerst heikle Situation hineingeschliddert.
Die folgenden Nächte waren schlimm, schlimm. Ruhelos warf ich mich im Bett hin und her, setzte mich in kalten Schweiß gebadet jählings auf, ängstigte mich wegen des Kalten Dinges und lauschte auf die Atemzüge rings um mich. Ich bekam dunkle Ringe unter den Augen, aber ich verriet niemandem warum – daß mir nämlich ein Kaltes Ding Angst machte und Geister, die herum wirbelten und nichts Gutes verhießen. Vor allem aber ängstigte mich, daß es der törichten Weißen Dame gelingen könnte, sich auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen und herauszufinden, daß ihr kleiner Junge am Ende doch nicht Priester geworden war und daß die Schuld daran teilweise mich traf.
Bei Mondenschein stand ich zuweilen auf und ging auf Zehenspitzen durch die Binsen um die schlafenden Hunde herum zum Fenster und starrte die Sterne an, denn meine verborgenen Ängste setzten mir zu, ich litt insgeheim Höllenqualen. Sie waren so kalt und funkelnd und standen so hoch am Himmelszelt. Wie hatte Gott es bloß geschafft, die dort anzubringen, daß sie sich bewegen konnten, ohne jedoch herunterzufallen? Dann legte ich wohl die Ellenbogen auf die Fensterbank, obschon ich halb erfroren war, und sah zu, wie die Wolken am Mond vorbeijagten, bis meine abgestorbenen Füße mich wieder unter die Bettdecke scheuchten. Gregory hat Glück. Der verschläft alles. Ich fühlte seinen leisen Atem im Dunkel und spürte die Wärme seines Leibes, und das Herz schmolz mir trotz alledem – wegen alledem. Wer weiß?
Am meisten jedoch fürchtete ich mich vor dem Kalten Ding. Ich fürchtete – nein, ich wußte –, daß es eines Tages zwischen uns kommen würde. Es würde bei Nacht kommen und sein gemeines, unnatürliches Wesen offenbaren. Es würde den riesigen, zotteligen Kopf schütteln und mich mit seinem Geifermaul packen. Vielleicht war es ja auch ein Teufel, und am Morgen würde man von mir nichts mehr finden als einen kleinen Fleck auf dem Bettlaken, wo ich gelegen hatte, und Schwefelgestank in der Luft. Oh, es würde schon noch kommen, mich zu holen. Ich spürte sein Nahen. Es wartete nur den richtigen Zeitpunkt ab.
Etwas mehr Zeit, bitte. Ein wenig mehr Zeit, Kaltes Ding. Ich möchte ihn nur noch ein paar Nächte haben. Ich weiß, worauf du wartest, Kaltes Ding. Du zählst meine Sünden, und wenn du bei der letzten angekommen bist, die da heißt, ich begehre ihn zu sehr, dann nimmst du mir alles weg. O ja – des Nachts ängstigte ich mich beim Gedanken an das Kalte Ding. Wenn die Sonne am Himmel stand, konnte ich alles schaffen – sogar die ungeheure Aufgabe, eine Weiße Dame zu beschwichtigen. Doch bei Nacht werden selbst gewöhnliche Dinge gespenstisch. Die Schatten der Kleider auf den Haken sehen wie die Gesichter von Ungeheuern aus, und das Rascheln des Ungeziefers hört sich an wie Geisterschritte.
Und wenn ich jetzt nachts ein Rascheln hörte, riß ich vor Angst die Augen wieder auf, und der Schlaf floh mein Lager, bis ich merkte, daß da Mäuse durch die Binsen huschten, ein Hund im Traum ›wuff, wuff‹ machte oder jemand das Nachtgeschirr benutzte. Eines Nachts wachte ich von einem Rascheln auf, das sich nicht als etwas ganz Gewöhnliches herausstellte. Es hörte sich an wie Schritte eines großen Tieres, wahrscheinlich ein Höllenhund oder ein anderes gräßliches Ungeheuer, das langsam auf das Bett zugeschlurft kam, um mich am Ende doch noch zu holen. Gregory hatte sich ganz zusammengerollt, sich das Kopfkissen über den Kopf gelegt und schlief den Schlaf des Gerechten, knirschte aber vor Gram mit den Zähnen. Nie würde er mir erzählen, was ihm das Herz abdrückte, aber ich wußte es ohnedies. Er hatte die Berufung seines Lebens verloren, und die Ehe ist keine Berufung und Geld erben auch nicht. Und das genaue Gegenteil einer Berufung ist Nachhausekommen und Angebrülltwerden, statt frei und ein Gelehrter und auf Gottsuche zu sein. Darum weckte ich ihn auch nicht auf. Ich nahm all meinen Mut zusammen, zog die Bettvorhänge auf und lugte nach draußen. Vielleicht würde man am Morgen nur noch einen grünlichen Schleim in einem Pantoffel finden, aber so geht es immer.
Das Ding, das jetzt im Stockdunkeln herankroch, war einfach furchtbar. Eine formlose Masse, ungefähr drei Fuß hoch, so kam es langsam zu meiner Seite des Bettes getrottet. Es war kaum auszumachen. Aber ich spürte, wie es näherkam, ganz, ganz langsam und unausweichlich. Da faßte ich mir ein Herz und flüsterte: »Was willst du, und warum bist du hier?« Das hügelartige Etwas reckte sich ein wenig, und in der Tiefe verkündete eine empörte Stimme: »Mama, Alison hat Pipi ins Bett gemacht!«
Ein zweites, empörtes Flüstern antwortete: »Gar nicht wahr, das bist du gewesen!«
»Bin ich nicht, du bist das gewesen, Nuckelkind, Nuckelkind!«
»Bin ich aber nicht.«
»Und warum ist es dann so naß im Bett, daß man nicht schlafen kann?«
»Das hat der Teufel getan.«
Ich war erleichtert und ärgerlich zugleich. »Sofort aufhören, alle beide«, sagte ich grimmig flüsternd zu dem Berg aus Decken, die sie sich über den Kopf gezogen und in die sie sich ganz eingewickelt hatten, damit ihnen nicht kalt wurde. »Ihr weckt ja alle auf.«
»Laß uns bitte in dein Bett, Mama, da ist es warm und trocken.«
Im Bett rührte es sich, dann knurrte es leise: »Wehe euch.« Unter dem Kissen begehrte es auf. »Es gibt eine Reihe von Dingen, die sich kein Mann gefallen lassen sollte, und nasse Kinder stehen ganz obenan auf der Liste«, flüsterte es drohend.
Also stand ich auf und schob den Hügel zu seinem eigenen Bett zurück. Flöhe stachen mich in die Knöchel, als ich durchs Zimmer ging, und ich wäre im Dunkel fast auf einen Hund getreten. Dann drehte ich ihre Matratze um und zog ihnen ein trockenes Bettlaken auf. Und als ich sie küßte, sagte Alison: »Ich bin nicht schuld, Mama; Papa ist nicht gekommen, er hat uns nicht zugedeckt und uns keinen Gutenachtkuß gegeben.«
»Er hat uns vergessen und ist weg«, setzte Cecily trostlos hinzu. Ihretwegen wurde mir das Herz schwer. Wie war ich doch selbstsüchtig gewesen, hatte nur an meinen eigenen Kummer gedacht.
»Herzchen«, antwortete ich, »Papa ist jetzt schon zwei Monate im Himmel. Er hat euch nicht vergessen. Er denkt im Himmel an euch beide.«
»Nein, Mama, er ist überhaupt nicht im Himmel. Er ist bei uns geblieben. Abends sitzt er an unserem Bett, und manchmal erzählt er uns eine spannende Geschichte. Aber jetzt hat er uns vergessen. Alison ist noch so klein, die glaubt, er kommt überhaupt nicht mehr wieder. Aber ich weiß, daß er wiederkommt. Er hat es uns versprochen.«
Nachts komme ich mit kindlichen Hirngespinsten nicht zurecht. Ich habe selbst genug Sorgen. Ich sagte, sie sollten jetzt schön schlafen, wir würden uns am Morgen darüber unterhalten. Außerdem fror mich schrecklich. Doch ehe ich einschlief, wunderte ich mich noch darüber, wie sich Kinder die Dinge zurechtbiegen. Ihr Vater war ein vielbeschäftigter Mann gewesen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, sie ins Bett zu bringen, auch wenn er ein stetig sprudelnder Born spannender Geschichten war.
Am darauffolgenden Morgen hatte ich natürlich alles vergessen, was Cecily und Alison gesagt hatten. Man kann doch Kinder nicht für ihre nächtlichen Umtriebe verantwortlich machen. Außerdem sieht morgens alles ganz anders aus. Die Sonne geht auf und macht die Erde neu, und immer wieder schöpft man Hoffnung, daß doch noch alles gut wird. An diesem Morgen verschafften sich die Knappen in der Halle Bewegung, sie säuberten nämlich die Kettenhemden, da Sir Hubert für seine Bettelfahrt zum Herzog alle Rüstungen blank geputzt haben wollte. Cecily und Alison hatten sich den beiden jungen Männern an die Fersen geheftet und schauten dem Vorgang bewundernd zu, denn für sie war das eine Art Sport. Die Knappen nähten die Kettenhemden mit einer dicken Nadel in einen Sack voll Sand ein, machten daraus eine Art Ball, den sie dann unter Gejohle und Gehüpfe durch die Gegend warfen, bis der Sand die rostigen Kettenhemden blitzblank geschmirgelt hatte.
Ich hatte mir für diesen Morgen etwas vorgenommen. Etwas Besonderes, etwas für mich ganz allein. Ich hatte gesagt, ich wollte Flickarbeiten machen, und das glaubten sie denn auch, als sie mich allein nach oben verschwinden sahen. Jetzt ging ich auf Zehenspitzen leise zur Stiegentür und schloß sie überaus behutsam. Dann stapelte ich überzählige Kleidungsstücke von den Mädchen neben mir auf der langen Fensterbank, falls jemand durchs Zimmer gehen sollte. Doch unter den Kleidern lagen meine neue Tinte, Rohrfedern und zwei Blatt Papier, eines davon halb vollgeschrieben. Ich hatte mich die letzten beiden Tage derart bemüht, den Mund zu halten, daß ich schier aus den Nähten platzte und dem Papier anvertrauen mußte, was ich von der ganzen Sippschaft hielt. Zunächst schrieb ich nieder, was ich von den hohen Herren hielt, dann schrieb ich, was ich von der Liebe hielt, und dann schrieb ich, was ich von der Haushaltsführung in diesem Haus hielt und um wie vieles besser ich das machen könnte, wenn ich dem Hausverwalter die Befehle geben dürfte, und wie ich ein paar Frauen aus dem Dorf holen lassen würde, um den Stall hier auszumisten.
Wie anders war das bei Master Kendall gewesen! Der hatte mich gewähren lassen, solange ich es gut machte. Und es hatte ihm immer gefallen, wie gemütlich ich sein Haus gemacht hatte, und er hatte mich gelobt, wenn es nach Lavendel duftete und ihn nichts aus den Ecken ansprang und ihn im Vorbeigehen stach. Niemand, so hatte er gesagt, hatte ihm das Haus so behaglich und sauber geführt – weder sein Hausverwalter noch seine erste Frau, obwohl die eine Heilige war und er sich bei dem Gedanken an sie stets bekreuzigte. Und dann küßte er mich wohl und sagte: »Margaret, was bist du doch für ein liebes Mädchen, ich weiß gar nicht, wie ich auch nur einen Tag ohne dich auskommen konnte.« Fürwahr, wenn man solche Worte hört, wird einem keine Arbeit zu viel.
Und da hockte ich nun auf der Fensterbank und hatte die Füße unter den Rock gezogen. Die erste, bleiche Frühlingssonne beschien mein Blatt, und draußen zwitscherten die Vögel, und an den kahlen Ästen der Bäume sprossen die ersten, grünen Knospen. Ich war ganz in meine Schreiberei vertieft und so glückselig, daß ich die grimmige Stimme kaum hörte, die vom Turmaufgang her brüllte: »GILbert! Du wirst hier gebraucht! Sucht in der Kapelle nach ihm, womöglich wälzt er sich dort auf dem Fußboden. Ich gehe jetzt in den Stall, er soll nachkommen.« Und so wie der Schatten des Habichts das Kaninchen ins Loch rennen läßt, so bewirkten die ersten Schritte, daß mein Papier unter meinen Röcken verschwand, dann blickte ich auf, um nachzusehen wer da kam.
»Was habt Ihr denn da so schnell versteckt, Schwester? Etwa ein Liebespfand?« Hugos scharfen Augen entging nichts, vor allem wenn es sich um Tierfährten auf der Jagd oder um weibliche Ränke handelte. »Mein einfältiger Bruder hat die Katze im Sack gekauft – eine hinterlistige Frau, die etwas unter ihren Röcken versteckt. Sofort her damit.« Er stemmte die linke Hand in die Seite und streckte die rechte aus. Wäre ich ein Mann, ich dürfte vor aller Augen schreiben, an einem Tisch, und dürfte Leute, die mich dabei stören, ausschimpfen: »Wie könnt ihr es wagen!« Aber Hugo war zweimal so groß wie ich und durchaus fähig, mir ein, zwei Knochen zu brechen. Ich durfte ihm nichts vorenthalten. Derweil war auch sein Vater hinter ihm aufgetaucht. Schweigend und mit verschränkten Armen wartete er mit grimmiger und strenger Miene hinter Hugo.
»Her damit, Madame«, wiederholte Hugo. Ich griff unter meine Röcke, die ich auf der Fensterbank über das Papier gebreitet hatte, und reichte ihm eines der Blätter, ohne mich jedoch vom Fleck zu rühren.
»Schlimmer als ein Liebespfand. Geschriebenes.« Hugo nahm das Blatt, blinzelte und drehte es gegen das Licht hin und her. »Zweifellos ein Liebesbrief.« Er sah hart und kalt aus. Schließlich ging es um die Familienehre. Dann streckte er das Blatt dem alten Mann hin: Sir Hubert musterte die Seite und zog die weißen, buschigen Brauen zusammen.
»Hmm. Abscheuliche Handschrift, das da. Kann keinen einzigen Buchstaben entziffern. Holt den Priester.« Man schickte einen Jungen nach ihm, und er kehrte schon bald mit Vater Simeon zurück. Sie hießen ihn auf der anderen Fensterbank mir gegenüber Platz nehmen und blickten ernst, als er das Blatt musterte und dann las:
»Wer die Farben von verschossenen Kleidungsstücken auffrischen will, muß diese in verdünntem Obstessig einweichen und alsdann in die Sonne hängen. Ich weiß nicht, ob das hilft, aber Mistress Wengrave schwört darauf.
Wer keine Fliegen im Palas haben will, muß Farnwedel mit den Blättern nach unten an der Decke aufhängen. Wenn sich die Fliegen darauf niedergelassen haben, wirft man sie weg…«
Er blinzelte das Papier immer noch an. »Das sind Rezepte, Mylord, Haushaltsrezepte. Nirgendwo etwas von Liebe. Vielleicht hat sie die selber geschrieben. Die Handschrift gleicht in nichts der eines Gelehrten.«
So dumm bin ich nun auch wieder nicht, daß ich mein Geschriebenes dem Feind überantworte. Das echte Blatt, das ich beschrieben hatte, war immer noch unter meinen Röcken verborgen. Ich habe immer ein falsches dabei, nur für Überraschungen wie diese hier. Wie gut, daß ich Schwarz trage, dachte ich, sonst hätte ich von diesem ganzen Papiergeraschele noch einen häßlichen Tintenfleck im Kleid bekommen. Sir Hubert fixierte meine Hände, die ich im Schoß gefaltet hielt.
»Streckt sie aus«, sagte er ruhig. »Wie ich mir gedacht habe. Tintenflecke. Was auch immer Ihr seid, Madame, eine Dame seid Ihr offensichtlich nicht. Aber in diesem Haus benehmt Ihr Euch wie eine. Händigt dem Priester Tinte und Papier aus. Wenn Ihr noch mehr Rezepte aufschreiben wollt, dann diktiert Ihr sie ihm vor Zeugen. Ich möchte nicht den leisesten Verdacht aufkommen lassen, daß Ihr Schande über mein Haus bringt. Und was das Lesen angeht, haltet es wie die Königinnen von England und Frankreich und die großen Damen bei Hofe. Wenn die etwas Schriftliches erhalten, zieren sie sich ganz furchtbar und tun so, als ob sie es nicht lesen könnten, lassen das Siegel erbrechen und es sich vor Zeugen von einem Schreiber vorlesen. Auf diese Weise wahrt eine Dame die Ehre ihres Hauses. Und ich erwarte, daß Ihr Euch unter meinem Dach genauso benehmt, was auch immer mein zweiter Sohn, der mit dem Spatzenhirn, dazu sagt. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Was konnte ich anders tun, als zu nicken und Tinte und Papier zu übergeben. Dabei durfte ich mich nicht vom Fleck rühren, damit ich nicht das immer noch unter meinen Röcken verborgene Blatt verlor. Denn wenn sie das jemals zu Gesicht bekamen, ich weiß nicht, wie es mir ergehen würde.
Margaret wartete, bis sie die breiten Rücken der beiden Männer in der Tür oben an der Stiege verschwinden sah, dann erst faltete sie verstohlen das Blatt Papier zusammen, das ihr geblieben war. Hastig durchquerte sie das Zimmer und kniete sich vor die kunstvolle Truhe, welche man ihr aus ihrem alten Haus mitgebracht hatte, und versteckte es. Die Truhe kam aus fremden Landen und war kunstvoll gearbeitet, denn unter einem falschen Boden verbarg sie ein Geheimfach. Master Kendalls Haus war voll von solch merkwürdigen Vorrichtungen gewesen, da er großen Gefallen an Raritäten und Kuriositäten fand. Auch Margaret hatte zu seinen Kuriositäten gehört, doch der Verdacht war ihr nie gekommen. Kendall hatte einen Konkurrenten in Deutschland, der eine juwelengeschmückte Statue des Heiligen Georg mit dem Drachen besaß, die so zierlich gearbeitet war, daß sie in eine Hand paßte. Dann war da noch ein Italiener, der eine märchenhaft gefertigte Standuhr besaß, welche nicht nur die Stunden anzeigte, sondern auch die Planetenkreise; die hatte er um keinen Preis der Welt an Kendall verkaufen wollen. Aber Margaret war bei weitem das Kostbarste; mit einem Schlag hatte er sie alle ausgestochen. Ihre Gegenwart im Haus hatte ihn auf mannigfaltige Art entzückt; daß er sie erringen konnte, war der krönende Abschluß seiner Erwerbungen.
Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte er gewußt, was sie war. Etwas wie sie hatte er schon mehrfach auf seinen Reisen gesehen und war zu schlau, als daß er sich in ihr getäuscht hätte, auch wenn sich alles unter einem fadenscheinigen, rostbraunen Kleid und einem abgetragenen, geerbten Umhang verbarg. Als erstes waren ihm ihre Augen, die ein verirrter Sonnenstrahl ganz goldbraun aufleuchten ließ, und dann die eigentümliche Ruhe ihres Gesichtes aufgefallen. Dazu kam noch die Art, wie sie ging – eine geschmeidige Bewegung aus der Mitte heraus und irgendwie ausgewogen aufrecht, ohne jedoch steif zu wirken, und ihre Hände sahen so anmutig und geschickt aus. Es konnte gar keinen Zweifel geben; sie gehörte zu Ihnen, auch wenn sie es selbst nicht wußte. Welch köstliche Ironie, daß er eine von Ihnen in den Hintergassen der City in Gestalt eines noch nicht zwanzigjährigen Mädchens gefunden hatte.
Selbstverständlich hatte er sie sich geschnappt und war dafür mit unzähligen Freudenstunden belohnt worden, denn er hatte ihre Streiche beobachten dürfen, so wie sie sich beispielweise abmühte, genau so zu erscheinen wie jedermann. Aber den meisten Spaß machte es, sie in allem gewähren zu lassen, nur um zu sehen, was sie anstellen würde: Geschmeide wollte sie nicht tragen, das war ihr ›zu kalt‹, aber sie stopfte sich mit Süßigkeiten voll wie ein Gassenjunge. Sie verschenkte alle Kleider, außer er verbot es ihr. Sie wollte unbedingt wissen, was in diesem steckte, wie jenes funktionierte, und so hatte er Madame eingestellt, nur um das komische Gesicht zu sehen, das sie bei den französischen Nasalen machte. Er hatte sie sogar gewähren lassen, als sie auf die abwegige Idee kam, Lesen und Schreiben lernen zu wollen. Und immer, wenn es ihm mit seinen Geschäften und seinen Geschäftspartnern allzu langweilig wurde, trieb sie auf der Straße einen Irren auf, den sie ins Haus holte und der sich dann nicht vertreiben ließ und alles so hinreißend auf den Kopf stellte. Das Kalte Ding seufzte. Seine Perlen vor die Säue geworfen. Und nichts daran zu ändern. Bitter. Bitter.
Das Kalte Ding folgte Margaret die Stiege hinunter und bekrittelte, wie schlampig das Hausgesinde im Palas die Schragentische zum Essen aufgedeckt hatte. Es hüpfte durch den Raum und erschreckte die Hunde, die jäh auf jaulten und zu jedermanns Überraschung Reißaus nahmen. Es wehte in die Küche und bekrittelte das Essen, das dort gerade auf Platten angerichtet wurde. Einer der Küchenjungen, der heimlich eine Brotrinde in das Bratenfett tunkte, spürte einen kalten Hauch im Nacken und bekam die Gänsehaut. Dann wehte das Kalte Ding hinaus um nachzusehen, wie die Knappen das Fleisch aufschnitten – Robert war geschickt, doch Damien würde immer ein Dorftrampel bleiben –, schließlich ließ es sich gegenüber am Tisch nieder, weil es mitbekommen wollte, was für ein Gesicht Margaret machte, wenn sie ins Brot biß und feststellte, daß es sauer und klitschig war, weil der Sauerteig nichts taugte. Das Mädchen konnte vielleicht backen; sie hatte das einfach im Gefühl. Immer ging das Brot hoch auf und schmeckte süß. Und ihr Ale – ach, das allein schon hätte eine Ehe mit ihr verlohnt, selbst wenn sie nicht so hübsch gewesen wäre wie eine wilde Blume, die man ganz von ungefähr im Wald findet.
Aha, jetzt brach sie das Brot – jetzt biß sie hinein. Das Kalte Ding lachte – eine Reihe von stummen, eisigen Windstößen. Nein, was für ein Gesicht sie machte, das allein lohnte schon das Warten. Sie tat so, als wäre alles in bester Ordnung, doch sie blähte die Nasenflügel, und ihre Augen blitzten einen Augenblick angeekelt auf. Jetzt hatte der alte Mann hineingebissen. Er knurrte: »Daran kann man sich ja die Zähne ausbeißen«, und warf den Rest seines Bissens den Hunden unter dem Tisch zu. »Ein Backhaus, das keinen anständigen Brotlaib hervorbringt. Verdammte Schande. Sollte sie alle auspeitschen lassen, vielleicht bringt sie das auf Trab«, murrte er unsicher in Richtung seiner Schwiegertochter.
»Das kommt vom Wasser«, sagte die ganz unerwartet und brach damit ihr gewohntes Schweigen.
»Umpf?« Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. Die Brüder wandten den Kopf.
»Das Brunnenwasser taugt nichts. Es verdirbt den Sauerteig. Ich habe ihnen zugesehen – der Brunnen ist nah, und die Quelle ist weit weg, darum machen sie sich nicht die Mühe, frisches Wasser zu holen. Aus dem Ale kann so auch nichts werden. Euer Brunnen liegt, glaube ich, zu dicht am Burggraben. Das schlechte Wasser kann unterirdisch in den Brunnen sickern.«
»Wenn Ihr damit fertig seid, meine Tafel und meinen Brunnen zu bekritteln, nehme ich den Fehdehandschuh auf. Tretet den Beweis an und macht es besser, Madame.«
»Und wenn es mir gelingt?« Der alte Ritter musterte ihr Gesicht eine geraume Weile. Verdammt unverschämtes Frauenzimmer, dachte er. Eine weitere Tracht Prügel würde sie mehr Unterwürfigkeit lehren.
Aber der Vorgeschmack auf besseres Ale trübte ihm einen Augenblick den Verstand, und so vergaß er Sitte und Anstand und sagte: »Dann gebe ich Euch Feder und Tinte zurück.« Hugo sah entsetzt aus, um Gilberts Mund zuckte es, und in seinen Augen blitzte es belustigt auf. Das Kalte Ding lachte in sich hinein, doch das hörte kein Mensch.
Am Morgen nach dem Benedikttag, als der Lord von Brokesford, flankiert von seinen Söhnen, zum Hof des Herzogs in Kenilworth ritt, da drückten ihn gar mancherlei Sorgen. Zum einen lastete die Bittschrift an den Herzog wie ein Alp auf ihm, doch fast genauso schlimm beschwerte ihn der Gedanke, daß er in einem schwachen Augenblick der verrückten Frau seines Sohnes vor Zeugen erlaubt hatte, während seiner Abwesenheit sein Haus auf den Kopf zu stellen. Ein Lord darf sein Wort nicht brechen, zudem hatte sich die Geschichte verselbständigt und machte auf flinken Zungen die Runde durch die Grafschaft und bot dabei Anlaß zu Heiterkeit, Mutmaßungen und sogar zu ein paar Wetten. Dazu kamen noch die Verhandlungen wegen Mutter Sarah, welche in einem Dorf lebte, das zum Grundbesitz seines Nachbarn Sir John gehörte. Er hatte für den alten Drachen ein hübsches Mädchen eintauschen müssen. Mutter Sarah war dafür berüchtigt, daß sie drei Ehemänner mit Nörgelei unter die Erde gebracht hatte. Aber er brauchte jemanden, der grimmig genug war, um es mit diesen widerlichen, kleinen Mädchen aufzunehmen. Auch das hatte seine Nachbarn recht heiter gestimmt. Nur Frauen können einen Mann so ins Verderben reißen, dachte er in einem der seltenen Augenblicke, wo er nachdachte. Allein schon ihr Dasein bringt die gerechte Weltordnung durcheinander.
Die beiden letzten Tage hatten ihn unsäglich verbittert. Überall stolperte man über die Frau, wie sie, in der Regel in eine große Schürze gehüllt, Befehle erteilte. Er wollte mit seinen Nachbarn auf Schädlingsjagd reiten, und da stand sie, kommandierte einen Ochsenkarren herum und probierte mit einer großen Schöpfkelle das Wasser aus einer Ladung Wasserfässer. Bei der Rückkehr konnte er über dem Glöckchengebimmel der Terrier ihre Stimme aus dem Backhaus schallen hören:
»Das Mehl hier ist nicht richtig gesiebt. Damit kann man nur Schrotbrot backen, aber kein Brot für die Tafel.« Frauenstimmen reizten ihn ohnedies. Sie waren zu hoch und zu schrill. Besonders wenn sie Befehle erteilten. Frauen sollten nur flüstern dürfen, dachte er mißmutig. Und dann erspähte er ein Paar Rotschöpfe, die ohne ihre Aufpasserin zum Backhaus stürmten. Eine lief so dicht vorbei, daß sie beinahe unter die Pferdehufe geraten wäre.
»Nicht so schnell«, knurrte er. Mit einer einzigen fließenden Bewegung hatte er sich aus dem Sattel gebeugt und das strampelnde Geschöpf hinten am Kleid hochgehoben. »Wo ist Mutter Sarah?«
»Unter der Treppe beim Kleinen Will. Runterlassen, bitte. Wir helfen Mama.« Und die Nachbarn hatten so herzhaft gelacht, daß er das ekelhafte Geschöpf auf der Stelle absetzte. Denn allem Anschein nach war er der Allerletzte in der ganzen Grafschaft, dem aufging, daß Mutter Sarah nicht nur für ihre Begabung berüchtigt war, Ehemänner zu überleben, sie wußte auch, wie man sich den nächsten zulegte. Statt Ordnung zu schaffen, hatte er ein weiteres abscheuliches Wesen auf seine fest gefügte Männerwelt losgelassen. Ein furchtbares Gefühl, dieses Gefühl, daß seine Welt in Wirrwarr unterging und daß der Grund dafür Frauen waren. Weiber, fast so schlimm wie Advokaten.
Als Sir Hubert also mit Gregory und Sir Hugo aufbrach, kam ich mir ganz so vor wie das Mädchen aus dem Märchen, das über Nacht Stroh zu Gold spinnen soll. Neuen Sauerteig macht man nicht an einem Tag oder in ein paar Tagen, und das Brauen lief zwar gut, doch der Sauerteig machte mir Sorge. Zum einen muß man den Vorteig genau richtig hinbekommen, und dazu braucht er Luft, doch dann vergrabe ich die Krüge – mein Geheimnis –, bis der Sauerteig aufgegangen ist, süß duftet und Blasen wirft. Er kann aber auch schlecht werden; und dieser Gedanke beschwerte mich sehr. Das weiß man vorher nie, aber eine zweite Gelegenheit, mich zu beweisen und meine Wette zu gewinnen, würde sich mir nicht wieder bieten. Darum war ich sehr emsig und vergaß das Kalte Ding völlig, was auch gut war, nur schnappt seinesgleichen immer zu, wenn man am wenigsten darauf gefaßt ist.
Und genau das geschah. Ich war allein im Turmaufgang, als ich jählings mitten hineintrat. Ich erschauerte und sprang zurück. Das Kalte Ding folgte mir und klebte an mir wie klammer Nebel. Lieber Gott, jetzt ist es soweit, es will mich holen, dachte ich. Ich drehte durch, doch als ich fortlaufen wollte, stolperte ich und fiel hin.
»Warte, warte!« seufzte das Kalte Ding, als ich aufstehen und fliehen wollte. Ich hatte mir das Knie angestoßen und kam nicht schnell genug hoch.
»Hör mich an, hör mich an.« Es hüllte mich ein, während ich dasaß und mir das schmerzende Knie rieb. Es war so kalt, daß mich fröstelte. Aber da es mich eingeholt hatte, konnte ich mich genauso gut mit ihm unterhalten.
»Entschuldigung, aber ich kann nicht bleiben, wenn Ihr mich weiterhin so eiskalt anweht.«
»Läufst du darum immer fort, wenn ich dir nahekomme? Kannst du mich denn nicht sehen?«
»Nein, ich fühle Euch nur; Ihr seid wie eine Eiswolke.«
»Dann weißt du nicht, daß ich es bin?«
»Wer – oder was seid Ihr?«
»Oh, Margaret, Margaret, erkennst du mich denn nicht? Ich bin zwischen Himmel und Erde, Margaret, hier im Schatten«, seufzte das Kalte Etwas. Auf einmal kam mir die Stimme im sanften Wehen des Windes bekannt vor.
»Seid Ihr es wirklich? Wie seid Ihr hierhergekommen?«
»Oh, das war gar nicht so einfach. Zunächst habe ich die ganze Zeit bei dir gesessen, aber du hast mich anscheinend nicht bemerkt. Dann habe ich dich verloren, konnte dich nirgendwo finden. Ich habe nach deinem kleinen Licht gesucht und habe statt dessen nur andere Leute mit Lichtern gefunden: die Frau eines Fischhändlers, einen Stallknecht und einen Einsiedler. Der Einsiedler hatte ein interessantes Licht – das leuchtete bläulichweiß. Und ich dachte immer, sie wären alle wie deines, so hellrot. Ich wußte, du bist nicht tot, denn ich sehe alle Toten an mir vorbeikommen – sogar meinen Sohn Lionel mit dem Kopf unterm Arm unterwegs nach – hm – unten. Dann dachte ich, wo du auch immer bist, du würdest alles in Bewegung setzen, daß du deinen Psalter wiederbekommst, also bin ich dem gefolgt. Wo sind wir hier übrigens?«
»Im Herrenhaus von Sir Hubert, Brokesford Manor, in Hertfordshire.«
»Bröckelford Manor trifft es eher.« Master Kendalls Geist rümpfte die Nase. »Also, ich habe mein Haus gewißlich besser in Schuß gehalten.«
»Ganz meiner Meinung«, sagte ich. »Aber ich begreife immer noch nicht, wie Ihr hierhergekommen seid – ich meine, so zwischen Himmel und Erde.«
»Ach, Margaret, du hast ja keine Ahnung, wie gräßlich das alles war. Zunächst habe ich über meinem Leib geschwebt – übrigens sehr lieb von dir, daß du mich selber gewaschen hast, die meisten Frauen hätten jemand anders damit beauftragt aber du warst schon immer ein ganz besonderer Schatz. In der Regel darf man bis zum Begräbnis bleiben, wenn es eine große Leiche ist. Aber dann stellte sich heraus – na ja, es ging um die höllischen Regionen –, wenn du weißt, was ich meine.«
»Das habe ich befürchtet«, rief ich und rang die Hände. »Das kommt daher, daß Ihr ohne Absolution gestorben seid. Ich habe sofort mit Beten angefangen. Ich habe mir einen Zeitplan gemacht und bete selbst zwischendurch noch.«
»Ja, es hat auch einiges bewirkt. Das Beten, meine ich. Du hast ihnen so zugesetzt, daß sie nicht wußten, was sie mit mir anfangen sollten. Und so wandere ich hier herum, bin weder oben noch unten, und die meisten Menschen können mich nicht sehen, ich aber alle. Keine anregende Gesellschaft hier im Schattenreich, und du fehlst mir ganz schrecklich. Du, und natürlich mein Geschäft, das dieser gräßliche Kerl, dieser Perkin Greene, übernommen hat.«
»Oh, Master Kendall, Ihr fehlt mir auch so sehr, und unser Haus, das wir uns so behaglich gemacht hatten – und gerecht ist es auch nicht, daß Ihr leiden müßt, nur weil Ihr so plötzlich gestorben seid.« Ich schlug die Hände vors Gesicht und weinte.
»Na, na, weine nicht so. Du weißt doch, ich kann deine Tränen nicht leiden. Diese Existenz hier ist gar nicht so schlimm – nur langweilig. Bis jetzt habe ich noch niemand gefunden, mit dem man sich unterhalten kann, außer diese alberne Weiße Dame – die mußte ich erst einmal auf ihren Platz verweisen –, hab ihr gesagt, daß ich Seine Majestät kannte und auch den seligen König persönlich, danach mußte ich mir nichts mehr anhören über Krämer und gesellschaftliche Emporkömmlinge, die ihr die Kapelle wegnehmen wollen. Das ist mir vielleicht ein verflucht freudloser Ort! Auf den lege ich keinerlei Wert. Nein, da sind die Speisekammer und der Platz unter der Treppe interessanter.«
»Master Kendall!« Ich war entsetzt. Er lachte sein kaltes böiges Lachen, das Echo des Lachens, das ich so geliebt hatte. Ach, mit diesem Lachen hatte er es immer verstanden, alles ins rechte Lot zu rücken.
»Glaub nicht, daß es hier oben ungerecht zugeht, Margaret. Du tätest ihnen Unrecht. Aber es gibt ein paar Dinge, von denen ich dir nie erzählt habe – die Freibeuterei beispielsweise. Damals war ich viel jünger, und ich dachte, das wäre längst vergessen. Zudem meinte ich, ich hätte eine sehr gute Ausrede. Dazu kommen noch ein, zwei andere Dinge, die ich dir selbst heute noch äußerst ungern erzählen würde. Du bist immer so ein liebes Dingelchen gewesen, Margaret, ich wollte, daß du nur gut von mir denkst.«
»Aber das habe ich doch auch, und daran ändert sich auch nichts. Ich werde Euch immer lieben.«
»Ach, Margaret, du scheinst mir allmählich sehr angetan von Bruder Gregory, diesem Querulanten – oder soll ich ihn Gilbert nennen? Ich muß schon sagen, ich hätte ihm nie zugetraut, daß er dich einfach so entführt. Obwohl ich ihn jetzt besser verstehe, nachdem ich seine Familie kennengelernt habe.«
»Seid Ihr mir deswegen böse?«
»Warum? Weil du nicht andauernd an meiner Gruft weinst? Oder dich lebendig in einem Kloster begräbst, wo du noch so jung und lebenslustig bist? Oh, nein, Margaret. Ich möchte nur eines, nämlich daß du glücklich bist. Ich habe dich über alles geliebt, als ich noch warm und lebendig war, und jetzt, da ich neblig und kalt bin, brauchst du natürlich Jugend und Wärme neben dir. Versprich mir nur, daß du mich nicht vergißt, mehr verlange ich nicht.«
»Oh, wie könnte ich Euch das wohl abschlagen? Ihr wißt doch, daß ich Euch von ganzem Herzen geliebt habe, als Ihr noch lebendig wart, und ich liebe Euch immer noch.«
»Da ist noch eines –«
»Was denn?«
»Ich kann nicht gehen, ehe ich nicht sicher bin, daß du in guter Hut bist. Und den aufbrausenden, jungen Mann, der dich geheiratet hat, den sehe ich mir schon eine Zeitlang an, aber eines habe ich ihn noch nie sagen hören.«
»Ich weiß«, sagte ich und neigte den Kopf. »Kann sein, es liegt ihm einfach nicht.«
»Wenn ihm das nicht liegt, dann solltest du auch nicht bei ihm liegen, und wenn ihr noch soviel Spaß in den Federn habt.« Lieber Himmel, Master Kendall nahm wirklich kein Blatt vor den Mund. Aber wir waren ja auch immer ehrlich zueinander gewesen.
»Ich kenne dich zu gut, Margaret. Du kannst nicht ohne ein warmes Herz an deiner Seite leben. Vergiß also nicht, ich warte ebenso darauf wie du, es zu hören. Dann kann ich nach oben oder nach unten fahren, oder wo immer man mich hinschickt – aber zugegeben, hoffentlich bewirken deine Gebete etwas, und es ist die ewige Seligkeit und nicht das ewige Höllenfeuer. Doch wohin auch immer, ich weiche nicht, ehe ich es nicht gehört habe. Nicht einmal die da oben können mich dazu zwingen.«
Worauf warteten wir beide? Auf recht wenig, aber es waren die Worte, die Gregory in meiner Gegenwart tatsächlich noch nie über die Lippen gebracht hatte. In der ganzen Zeit, die wir uns nun schon kannten, hatte er noch nie ›ich liebe dich‹ gesagt.