Kapitel 5

Es war eine trübselige Prozession, die sich da durch das Dorf zum Tor des Herrenhauses wand. Die Kolonne der abgerissenen Fußsoldaten löste sich auf, als sie die Schar der Dorfbewohner erreichte, die am Straßenrand stand. In das Jubelgeschrei über die glückliche Heimkehr mischte sich das Wehklagen derer, die soeben von ihrem Verlust erfahren hatten. Sir Hugo ritt auf seinem Falben ungerührt an der Spitze, hinter ihm führte Robert sein Schlachtroß mit der rechten Hand. Dahinter kam zwischen zwei Pferden die Tragesänfte mit dem Herrn von Brokesford Manor, den man gegen den heftigen Schüttelfrost in dicke Lagen von Pelzdecken gehüllt hatte. Damien ritt neben der Sänfte und trug Schwert sowie Schild seines Herrn und führte sein gesatteltes Schlachtroß am Zügel, und das erweckte bei jedermann den Eindruck, er könnte es durchaus wieder besteigen.

Hinter ihnen kam eine Reihe schwer beladener Packpferde, die von berittenen Bogenschützen bewacht wurden, und das zeugte für den Erfolg der Kampagne. In den Packen befanden sich Wandbehänge und Teppiche, Silberpokale und Kästen mit Goldmünzen, Schwerter und Panzer, die Beute von französischen Adligen und Bürgern, die das Pech gehabt hatten, mit ihnen zusammenzustoßen. Das prächtigste Stück, ein großer goldener Tafelaufsatz in Schiffsform, war bereits an den König verkauft worden, ebenso wie die Lösegeldforderung für drei französische Knappen und einen Bannerherrn. Sie waren unter den Fittichen der hohen Politik heimgesegelt, da sie einen Platz auf dem Schiff gefunden hatten, welches den Überläufer Philipp von Navarra nach England brachte. Dieser wollte dem englischen König als rechtmäßigem König von Frankreich huldigen; mit ein wenig Glück würde ein neuer Lord von Brokesford unter eben diesen Fittichen nach Frankreich zurücksegeln, sobald ein Erbe unterwegs war. Davon träumte der alte Lord auf seinem Sterbelager.

Als das Horn erklang und das Tor aufgeworfen wurde, erblickte man Margaret unter dem niedrigen Rundbogen des Palas, wo sie an der Spitze des Gesindes auf die Heimkehrenden wartete. Sie hatte wieder Trauer angelegt, ihr tief schwarzes Kleid und Überkleid, und sah bleich und abgehärmt aus. Sie wirkte kaum kräftig genug, um sich aufrecht zu halten. Sie ließ den Blick über die heimkehrenden Reiter wandern, anscheinend hoffte sie, alles wäre nur ein böser Traum und sie würde Gregorys hohe, vertraute Gestalt irgendwo unter ihnen ausmachen.

Als die Knechte herbeieilten, um zu helfen, erteilte Hugo den Soldaten zu Pferd knappe Befehle. Sie stiegen ab und schirrten zu beiden Seiten der schweren Tragesänfte die Pferde ab.

»Nicht ruckeln«, fuhr er die Soldaten an, als sie die Bahre anhoben. Das Gesicht des alten Lords war grau vor Schmerz. Er stieß nur einmal einen Laut aus, einen unfreiwilligen Schrei, als die Bahre die Stufen hochgetragen und auf zwei Bänken im Palas abgesetzt wurde.

»Ist alles bereit?« fragte Sir Hugo den Hausverwalter.

»Ja, Mylord.«

»Die Stiege darf er nicht hochgetragen werden. Man lasse das große Bett auseinandernehmen und hier im Palas, hinter einem Wandschirm, wieder zusammenbauen.«

»Sofort, Mylord.« Sechs Männer wurden hochgeschickt, die das sperrige Möbel Stück für Stück durch den engen Turmaufgang und über die steile Wendeltreppe, welche kaum breit genug für einen Menschen war, nach unten in die Halle brachten.

»So, Vater, bald habt Ihr es wieder behaglich«, sagte Sir Hugo zu der stillen Gestalt auf der Bahre. Die entzündete Wunde hatte den alten Mann bis auf die Knochen abmagern lassen. Seine Zähne, die wie bei einem Totenschädel weit vorstanden, teilten sich, und seine verdorrten Lippen verzogen sich zu einer Art gespenstischem Lächeln.

»So haben auch die altehrwürdigen Herren von Brokesford gelebt, in der Halle, inmitten ihrer Leute. Eine gute Sitte. Ich bin zuhause.«

»Ja, Vater. Zuhause. Und als Held.«

Die gräßlichen Lippen teilten sich, doch die Stimme des alten Mannes war kaum zu hören. »Der Kasten, Hugo. Vergiß nicht, Dame Margaret den Kasten zu geben.«

»Nein, Vater, gewißlich nicht.«

»Und Hugo, ich sterbe glücklich, wenn du die mit Sir Walter getroffenen Abmachungen ehrst. Führe seine Tochter als deine edle Braut heim und mache diesem Haus wieder prächtige Söhne.«

»Ja, Vater, ich kenne meine Pflicht, ich gehorche dir in allem.«

Täuschte sich der Vater, oder schwang in dem unterwürfigen Ton, den Sir Hugo gewöhnlich seinem Vater gegenüber anschlug, eine Spur Triumph mit? Der alte Mann war so schwach, daß er nicht wußte, ob er recht hatte. Aber hatte nicht Hugo mit großer Umsicht für alles gesorgt? Für die Überfahrt, die furchtbare Reise nach Hause? Doch die Wunde, welche anfangs so geringfügig ausgesehen hatte, machte, daß sein Leben versickerte. Anfangs langsam, doch stetig schneller.

Und während er zusah, wie das dunkle Gewölbe des Palas hoch über der Bahre schwankte und bebte, da meinte er über dem schrecklichen Gehämmere und Geklopfe, mit dem das große Bett zusammengebaut wurde, etwas zu hören, eine klare Stimme, hell und stark, und die sagte:

»Ich bin da.«

»Durstig –« formten seine Lippen beinahe lautlos.

»Ja«, sagte sie, und dann spürte er, wie Wein, kellerkühler Wein, über seine Zunge rann. Sie legte seinen Kopf auf das Kissen zurück, und dann fühlte er, wie die schweren Pelzdecken zurückgeschlagen wurden.

»Weg da, ich habe den Baderchirurg von Bedford herbefohlen, und aus London kommt einer der Privatärzte des Herzogs.«

»Der Arzt braucht viele Tage, bis er hier ist, und ich habe mehr Zutrauen zu Mutter Hildes Wissen als zu allen Baderchirurgen der Welt. Mit Verlaub, macht Platz und laßt mich sehen.« Ihre Stimme wußte sich Respekt zu verschaffen, und dann spürte er, daß die murrenden Männer sich verzogen und Platz machten und daß die Stimme wieder näherkam. Als die Decken weggenommen wurden, packte ihn erneut der Schüttelfrost, denn abgesehen von dem dicken Verband an seiner Seite war er unbekleidet.

»Schmutzig«, sagte die Stimme, und er schrie, als der Verband abgenommen wurde.

»Malkyn, den Topf aus der Küche und die frischen Tücher.«

»Was tut Ihr da – seid Ihr so rachsüchtig, daß Ihr ihn auf diese Weise umbringen wollt? Ich sage Euch, Ihr seid des Todes, wenn Ihr ihm etwas antut.«

»Einen heißen Umschlag«, sagte die Frauenstimme. »Der zieht das Gift heraus.« Hitze und Schmerzen wurden eins mit dem Gehämmere. Für einen Sarg? So bald schon ein Sarg? Wie lange würde er alles noch wie ein Ritter ertragen können, diesen Druck, diese Schmerzen? »Seht Ihr?« hörte er sie sagen, und dann schrie er wieder, als man ihm den Umschlag abnahm, und dann platzte innen etwas Gräßliches auf, quoll heraus, stank entsetzlich und verschaffte ihm eine unsägliche Erleichterung.

»Bei Gott, das kommt ja literweise. Wieviel kann ein Mensch davon haben und überleben?«

Jetzt sprach sie wieder. »Das weiß ich auch nicht. Seht her – hier ragt etwas Schwarzes heraus.«

»Splitter. Splitter von der Lanzenspitze. Ich habe es von weitem gesehen. Er hat den Hieb schlecht mit dem Schild abgewehrt. Ist so gar nicht seine Art – ganz und gar nicht. Die Lanze ist hier, an der Kante des Brustharnisches abgeglitten – und die Splitter sind durch die Glieder des Kettenhemdes gedrungen. Es hat ihn abgeworfen – Damien und Robert haben den französischen Ritter gefangen genommen aber wer hätte gedacht, daß eine so kleine Wunde so schlimm werden könnte?«

»Klein, aber tief – aha! Da ist er ja.«

»Mindestens vier Zoll. Da ist noch einer.«

»Ich habe ihn«, sagte sie. Und dann zog ihn eine unendliche Schwärze nach unten.

»Jesus!« Der Schrei war furchtbar.

»Tot. Ihr habt ihn umgebracht«, sagte Hugo zu Margaret, während die Knechte sich näherschoben.

»Nein, er ist ohnmächtig, aber er schafft es«, sagte Margaret und sah Hugo eigenartig gleichgültig, gelassen und kalt an, während sie einen frischen Verband auf die Wunde legte. »Ihr könnt ihn jetzt ins Bett bringen«, sagte sie. Und der Dicke Wat hob die zusammengeschrumpfte Gestalt so behutsam hoch wie einen Säugling und legte sie unter den großen Betthimmel.

»Woher wißt Ihr, daß er es schafft?« fragte Hugo mit argwöhnischer Stimme, und seine schmalen Augen zuckten unruhig hin und her, denn er wollte jede Einzelheit mitbekommen.

»Das spüre ich. Und sehen kann ich es auch. Der schwarze Schatten, der ihn umgibt, löst sich langsam auf.«

Hugo trat einen Schritt zurück und musterte sie von Kopf bis Fuß. In dem schwarzen Kleid wirkte sie leichenblaß. Ihre eingesunkenen, rotgeränderten Augen sahen ihn an, als wäre er Ungeziefer. Einen Augenblick war er versucht, sie zu schlagen, doch statt dessen fuhr er zurück und bekreuzigte sich. Sie konnte den Tod sehen. Eine Hexe. Eine Hexe zwischen ihm und dem Titel. Und überheblich wie der leibhaftige Teufel. Die würde schon noch Augen machen, wenn er erst einmal Gregorys Besitz – der jetzt ihm zustand – übernommen und seine schöne, junge Braut heimgeführt hätte. Für ihresgleichen war kein Platz im Haus – nicht zusammen mit einem zarten, jungen Mädchen und seinen eigenen Söhnen. Zunächst würde er sie unter Kuratel stellen und sie dann verbrennen lassen – nein, das würde seine Söhne mit einem Skandal belasten. Er würde sie insgeheim erdrosseln lassen – das war sauberer und erregte kein Aufsehen.

Und wenn der Alte unbedingt weiterleben wollte, der würde später schon noch abkratzen, so wie es in Gottes Absicht lag. Schließlich war es Gottes Wille, daß ihn die Lanze so schief getroffen hatte. In all den Jahren ihrer beider Kriegszüge war dergleichen nicht passiert. Klar, er hatte tagelang kein Auge zugetan. War wie ein Irrer über das Schlachtfeld geritten, als die Kunde kam, Gilbert sei vermißt, hatte nach ihm gesucht und gesucht, als ob das etwas helfen würde. Nein, das alles war Gottes Werk. Er wollte Hugo für die vielen, vielen Jahre entlohnen, die er seinem habgierigen, herrschsüchtigen Vater treulich gedient hatte. Es war nur recht und billig. Gott wollte, daß er endlich reich würde, wie es einem Mann von seiner Ehre und Abstammung zustand.

Blieben natürlich noch ihre Bälger. Und deren Heirat konnte er erst in vier, fünf Jahren verkaufen. Ja, es war ein guter Plan, sich nicht mit der Verbrennung ihrer Mutter zu beflecken, selbst wenn sie eine Hexe war. Aber halt – was waren die paar hundert Pfund, verglichen mit ihrem ganzen Erbe? Ah, immer besser – Hugo, du gewitzter Bursche, jetzt arbeitet dein Hirn wirklich. Du mußt sie loswerden und die Bälger so schnell wie möglich ins Kloster stecken. Wann? Am besten nach der Hochzeit. Besser, man regelte das Ganze schnell, solange der Alte besinnungslos war. Brillant. Gehörte alles in Gottes Plan.

Er sah den alten Mann auf dem Bett an. Er konnte seine schweren Atemzüge hören. Jammerschade, dachte er. Weißt du eigentlich, daß ich dich die ganzen Jahre über gehaßt habe? Und alleweil katzbuckeln und Kratzfüße machen und über deine blöden Witze lachen. Oh, wie ich dich gehaßt habe. Verdammt knapp hast du mich immer gehalten, dir selbst die besten Frauen zuerst genommen – und mich auf dem Lande versauern lassen, statt daß ich den Winter in London verbringen durfte, wo es lustig zugeht. Alles für die Pferde, nichts für Hugo. Auf das hier habe ich lange gewartet. Jetzt habe ich ein Stadthaus, das hat mir Gilbert durch die kleine Hexe da verschafft. Es gehört sich ohnedies nicht, daß ein Bürgerlicher, ein Krämer, etwas so Schönes besitzt. Na gut, jetzt ist es in den rechten Händen.

Er wandte den Blick von der grauen, zusammengeschrumpften Gestalt auf dem Bett ab und merkte, daß Margaret auf ihn wartete. Er war unendlich höflich. In Gegenwart von vielen Zeugen war er stets ein Ausbund von courtoisie.

»Robert, hol den Kasten.« Robert machte sich auf die Suche nach dem Gepäck.

»Dame Margaret, ich muß Euch mitteilen, daß Euer Mann als Held gefallen ist. Er hat dem Herzog das Lager gerettet und wahrscheinlich auch das Leben. Es geschah bei der Belagerung von Verneuil; wir brannten die Vororte nieder und teilten uns in drei Abteilungen, umzingelten die Stadt und wollten am folgenden Morgen zum Sturm auf die Stadtmauer ansetzen. In dieser Nacht schlichen sie heimlich durch die Tore und unternahmen einen Gegenangriff auf das Gefolge des Herzogs. Sie erdrosselten die Wachen so geräuschlos, daß niemand davon aufwachte. Aber sie hatten nicht mit Gilbert gerechnet – er ganz allein war noch wach und schrieb beim Schein einer kleinen Kerze in einer abgeschirmten Laterne, damit man das Licht nicht sah. Und dann ertönte auf einmal der Schlachtruf der de Vilers, und als das Lager aufwachte, sah man ihn halb bekleidet seinen großen Bihänder schwingen und den flüchtenden Schurken nachsetzen. Die Männer des Herzogs folgten seinem Beispiel, und nach dem Handgemenge fand man sechs Leichen – alles Franzosen –, seine jedoch nicht. Am nächsten Tag stürmten wir die Stadtmauer und erschlugen alles, was sich darin bewegte. Ein Turm hielt noch einen weiteren Tag stand, fiel am Ende aber auch. Aber Sir Gilbert blieb verschwunden. Seine letzten Worte sollen ›für Gott und König Edward!‹ gelautet haben. Ein edler Tod. Robert, wie war das noch, was hat Piers ihn in jener Nacht rufen hören? Du kannst doch bestätigen, daß es höchst bewunderungswürdige Worte waren.«

Robert schien zu zögern; er kämpfte mit sich. Seit der Einnahme des Turms am dritten Tag wurde auch Piers vermißt, doch vorher hatte er Robert noch alles erzählt. Das stellte ihn vor ein kleines Problem. Sollte er sagen, wie es gewesen war, oder wie es hätte sein sollen?

»Nun?« drängte Sir Hugo.

»Ja, hm – eigentlich, hm – ich habe gehört – oder meine, gehört zu haben – ich erinnere mich wohl nicht mehr so recht daran – aber –«

»Ja?«

»Was er damals gerufen hat, soll sich so ähnlich angehört haben wie ›Ihr Scheißkerle, mein Manuskript!‹«

Und da wußte Margaret auf einmal, daß keine Hoffnung mehr bestand. Er war wirklich von ihr gegangen. Sie hatte immer noch gehofft, es wäre alles ein Irrtum. Und sie war sich so sicher gewesen, daß eine Verwechslung vorliegen mußte – und war sich im Verlauf von Hugos Geschichte immer sicherer geworden. Aber Robert – nein, das war Gregory, wie er leibte und lebte, oder besser, wie er starb. Sie legte die Hand aufs Herz, um dessen furchtbares Hämmern zu beschwichtigen.

Hugo griff rasch ein, er wollte Roberts Entgleisung vertuschen. »Der Herzog hat Gilberts Mut und gute Dienste gelobt und sagt, daß er ihm das nie vergessen wird. Er schickt Euch ein Andenken von ihm. Ihr müßt verstehen, daß er die Aufzeichnungen über den Feldzug, die Gilbert gemacht hat, behalten möchte. Seine Rüstung und seine persönliche Habe haben wir mitgebracht.«

Robert hatte das Kästchen geholt und reicht es stumm Hugo. Hugo wiederum gab es an Margaret weiter. Margaret hätte es am liebsten gar nicht geöffnet. Wer wußte, ob darin nicht die verschrumpelten Reste eines menschlichen Herzens lagen, dessen durchtrennte Adern wie Krötenmäuler klafften. Gregorys Herz, ein kaltes, abstoßendes Ding. Das Ende in jeder Hinsicht.

Sie öffnete das Kästchen und warf einen sehr vorsichtigen Blick hinein. Auf den ersten Blick nichts Gräßliches. Dann etwas Weißes – Papier. Sie öffnete es ganz.

»Das ist das Blatt, an dem er in jener Nacht schrieb«, erklärte Robert und genoß die Dramatik des Augenblicks.

Margaret entfaltete es. Ein Gedicht, nein, der Anfang eines Gedichtes. Es war in Französisch abgefaßt.

»Margaret mit den weißen Händen«, so ging es, »du meine Herzenskönigin« – und dann kam ein Klecks. Ein großer, rechteckiger Klecks, wo die Feder hastig hingelegt worden war. Und auf einmal sah sie alles vor sich, so wie es sich in jener Nacht abgespielt haben mußte, denn es gab so gut wie nichts auf der Welt, was Gregory zu einem Klecks verleiten konnte, es sei denn der Tod höchstpersönlich.

Und er hat mich doch geliebt, wirklich geliebt, dachte sie, als ihr die Sinne schwanden. Er mochte es nicht sagen, also hat er es geschrieben. Und mein Brief – der hat ihn nicht mehr erreicht, und so hat er nie erfahren, daß ich –

Als ihre Knie nachgaben, fing Robert sie auf, während Hugo jemand zu Hilfe rief.

An diesem Abend kniete Margaret wie gewohnt in der Kapelle, um für Master Kendall zu beten, und da fügte sie gleich Gebete für Gilbert de Vilers an. Der unsägliche Gram drückte ihr fast das Herz ab, und ihr schwindelte, so unsäglich ängstigte sie sich vor einer furchtbaren Zukunft. So wenige Monate und so gräßliche Veränderungen. So fern von Freunden und daheim. So allein. Und ihre Mädchen – wer würde jetzt schützend die Hand über sie halten? Und Gregory, ihre Liebe, ihre große Liebe, der war auf ewig dahin, und seine Gebeine verwesten in fremder Erde. Und sie hatte es nicht geschafft, ihm zu sagen, wieviel er ihr bedeutete. Die Trauer darüber schnürte ihr das Herz zusammen.

»Lieber Gott, hilf mir«, sagte sie bei sich. Das geisterhafte Schluchzen, das ständig durch die Steine der Kapelle wehte, hörte auf.

»Ei, jetzt habt Ihr auch etwas zum Beweinen«, wisperte die gehässige Stimme der Weißen Dame.

Am nächsten Morgen schickte Sir Hugo Robert frisch gebadet und prächtig anzusehen in seinen neuen Kleidern mit zwei Begleitern in Livree nach Poultney Manor in Leicestershire, wo die drei unverehelichten Töchter und der jüngste Sohn von Sir Walter de Broc den Sommer verbrachten. Sie sollten die Älteste, die mit der größten Mitgift, in Augenschein nehmen, und, wenn sie ihnen von Gesicht und Gestalt zusagte, Sir Hugo de Vilers' Kommen ankündigen, sobald ihr Vater wieder im Lande wäre, damit man den Ehevertrag abschließen könne. Sie sollten der Familie ausrichten, daß Sir Hugo, sollten die finanziellen Vereinbarungen befriedigend ausfallen, sich gemäß dem Wunsch seines sterbenden Vaters und der Vorverhandlungen mit Sir Walter im vergangenen Frühling in Calais, sofort mit ihr zu verloben und zu vermählen wünschte.

»Erst fünfzehn und so rein wie eine Lilie, Robert, nicht auszudenken.« Hugo tat verliebt bis über beide Ohren; er hatte sich eine Blume hinters Ohr gesteckt und bestellte neue Vorhänge für das Brautlager.

»Und schön obendrein, so sagt man«, fiel Robert ein, denn er brannte immer auf alles, was neu und weiblichen Geschlechts war.

»Ja, und mit hundert Hektar auf ihren Namen und einem Stammbaum, den man auf beiden Seiten drei Jahrhunderte zurückverfolgen kann. Robert, ich sage dir, das ist eine vornehme Heirat – eine, die mir entgangen wäre, hätten wir nicht letztens Glück gehabt.«

Robert nickte frohgemut. Er dachte, Hugo meinte die Gefangennahme des französischen Ritters, dessen Auslösung er dem König für eine Riesensumme verkauft hatte. Er und Damien konnten davon einen Hausstand gründen, auch wenn sie ein Drittel davon an Hugo hatten abgeben müssen. Der arme Kerl war mit einem halben Dutzend anderer, die in der gleichen Klemme saßen, auf einem Karren abtransportiert worden, ohne Rüstung und starr über die Schande, die er über sich gebracht hatte. Der König würde natürlich noch tüchtig aufschlagen, ehe er den Mann von seiner Familie auslösen ließ. Auf diese Weise finanzierte er sein Wohlleben. Krieg ist schließlich nichts anderes als Geschäft, nur mit anderen Mitteln.

»Nicht zu fassen«, sagte Master Kendalls Geist an jenem Abend, als die Kinder schliefen. »Da schwebe ich wegen ein bißchen Freibeuterei und ein paar Bettabenteuern – natürlich lange bevor ich dich kannte, Margaret – zwischen Himmel und Erde, und diese Kerle betreiben das in viel größerem Stil, als ich mir je hätte träumen lassen, und das auch noch mit dem Segen des Bischofs!« Er saß auf der Bettkante, eine dunstige Gestalt im Mondschein, während Margaret in ihr Kissen schluchzte.

»Hör auf, Trübsal zu blasen, Margaret, setz dich auf. Ich will dir den Trick zeigen, mit dem die Wechsler arbeiten – das bringt dich zum Lachen.«

»Wie kannst du nur so fröhlich sein, wo Gregory tot ist? Du bist überhaupt nicht nett«, kam eine gedämpfte Stimme aus dem Kissen.

»Tot? Wer sagt denn, daß er tot ist? Setz dich auf und laß dir den Trick von mir zeigen – du mußt mir dabei helfen, ich kann doch nichts heben – dieser Tage nicht einmal mehr einen Kiesel.«

»Was meinst du mit nicht tot?« Ein Auge lugte aus dem Kissen und musterte seine diesige Gestalt.

»Nicht tot, meine ich damit. Er ist vielleicht vermißt, aber tot ist er nicht. An mir kommt nämlich jeder auf dem Weg nach oben oder unten vorbei, aber er war nicht darunter. Und weil du dich so gegrämt hast, habe ich nachforschen lassen – habe ein paar Burschen getroffen, mit denen er losgezogen ist –, alle ganz scheußlich zugerichtet, schleppten abgehackte Gliedmaßen, Köpfe und dergleichen mit. Sie haben ihn nicht gesehen. Wo auch immer er ist, Margaret, tot ist er nicht. So, und jetzt setz dich auf und spiele mir zuliebe mit.«

Margaret spürte, wie sich eine schwere Wolke hob.

»Schwörst du?« sagte sie und setzte sich auf.

»Bei meiner Liebe zu dir«, sagte Master Kendall und sah dabei seinem früheren, munteren Ich so ähnlich, daß Margaret lächeln mußte.

»Also dann«, sagte er. »Nimm das kleine Stückchen Gips, das da auf dem Fußboden, und tu so, als ob es ein falsches Goldstück ist, und das Steinchen da ist echtes Gold. Schieb dir ersteres in den Ärmel – nein, nein, nicht so, das mußt du anders machen –, ja, gut, so.« Während Margaret den Trick übte, mußte sie lächeln. Ganz Roger Kendall; er besaß, ob lebendig oder tot, die Gabe, Menschen zum Lächeln zu bringen. Ich werde nie aufhören, dich zu lieben, dachte sie, als Master Kendall verkündete, sie sei nun reif, das Gewerbe des Wechslers aufzunehmen, falls es sich einmal als nötig erweisen sollte.

»Schade, daß du nicht nach London kannst«, sagte er. »Dort könntest du dich bei heimkehrenden Rittern nach seinem Verbleib erkundigen.«

»Und selbst wenn ich das wüßte, wie sollte ich jemals das Lösegeld aufbringen? Ich habe keinen Penny mehr.«

»Ha! Und von Sir Hugo wirst du auch keinen einzigen bekommen«, verkündete Roger Kendall. »Der will erben, der habgierige Schuft, deshalb ist ihm daran gelegen, daß hier alles beim Alten bleibt. Nein, Margaret, du mußt nach London, und dort zeige ich dir, wo ich etwas beiseitegelegt habe.«

»Beiseitegelegt? Die Lombarden haben doch alles bekommen, oder es ist auf gräßliche Pferde vergeudet worden.«

»O nein, ist es nicht. Das wäre mir ein schöner Kaufmann, der Vertrauen in die Welt setzte! Unser Haus, zumindest der innere Teil, ist ziemlich alt. Vor über hundert Jahren von einem gewissen Aaron fil Isaac gebaut, ehe man die Juden aus England vertrieben hat. Es gibt einen Fluchttunnel zum Fluß, von dem niemand weiß. Und Vertäfelungen. Ja, ja. Ein paar Geheimverstecke, dazu Hohlsteine unter der Feuerstelle, und was dergleichen mehr ist. Überall habe ich Gold und Silber versteckt. Ich bin gestorben, bevor ich dich einweihen konnte, und dabei hatte ich mir das fest vorgenommen. Geh nach London, und ich zeige dir, wo alles ist. Ich habe ohnedies nichts mehr davon. Und warum sollte es Hugo haben? Der verdient nicht einen Penny.«

»Stimmt. Nicht auszudenken, aber als Gregory dir damals, vor langer Zeit, erzählt hat, was er von Hugo hält, da habe ich rein gar nichts begriffen. Jetzt begreife ich nur zu gut.«

»Und ich verziehe mich jetzt – mal sehen, ob in Bedford etwas los ist. Ich schlafe überhaupt nicht mehr. Stell dir vor, Langeweile bei Tag und bei Nacht. Also, jetzt schlaf schön, dann kannst du morgen besser denken. Du wirst diesen albernen, jungen Mann zurückbekommen, wenn du ihn willst.«

»Ich will ihn, o Gott, ich will ihn!« Margaret sprang vor Freude auf und umarmte Master Kendall, vergaß ganz seinen körperlosen Zustand und zog sich dabei eine Gänsehaut an Gesicht und Armen zu.

»Ach, Margaret«, sagte er und blickte sie zärtlich an, während sie fröstelte und sich die geisterhafte Feuchtigkeit abwischte. »Du hast ja keine Ahnung, wie leid es mir tut, daß ich nicht mehr warm bin.«

Es gibt gewisse Dinge, die kann ich nicht niederschreiben. Dazu gehören die Dinge, die zu gräßlich sind, als daß man darüber reden könnte, das andere sind Dinge, die mir nicht wieder einfallen wollen. Und als ich Gregory verloren hatte, da war das zu furchtbar, um darüber zu reden, und an viel erinnern kann ich mich auch nicht mehr, weil ich wie von Sinnen war und im Wachen und im Schlafen von Träumen gequält wurde – von entsetzlichen Träumen. Mich dünkt, mir träumte, daß Sir Hugo als Bräutigam in neuen Kleidern und mit einer Pfauenfeder am Hut auf einem weißen Roß davonritt, nachdem er zuvor kniend den Segen seines sterbenden Vaters empfangen hatte. Er nahm Jagdhunde, Begleiter, Geschenke und eine schneeweiße Stute mit vergoldetem Damensattel mit, die sollte seine Frau zurücktragen. Mir träumte, daß zu ihrem Empfang ein großes Fest vorbereitet wurde, doch da das Haus in Trauer war, feierte man es nicht so prächtig, aber immer noch prächtig genug. Als man die Schweine und Schafe herbeischaffte, die ihr Leben für Würste und Fleischpasteten lassen sollten, da träumte mir, daß ich die eingeschrumpfte Hülle des alten Mannes pflegte, den Hugo daheimgelassen hatte, und daß er schrie, wenn ich den Verband erneuerte. Einst hatte ich ihn gehaßt, doch damit war Schluß.

»Mein Gott«, flüsterte er. »Ich winsele wie eine Frau. Das machen die Schmerzen. Die zermürben mich, und so sterbe ich statt auf dem Schlachtfeld wie ein Hund. Im Bett.«

»Liegt ruhig und trinkt das«, sagte ich dann wohl, und er gab zwischen schweren Atemzügen und Schlucken zurück: »Ein scheußliches Zeug. Schmeckt, als ob es alle Teufel der Hölle zusammengebraut hätten.«

Und einmal blickte er mich mit seinen einst so gräßlichen blauen Augen an, die waren jetzt so eingesunken und schwarz umrandet, als starrten sie aus dem Grab heraus.

»Rettet mich«, flüsterte er.

»Ich tue, was ich kann. Ich habe Euch einen neuen Umschlag gemacht«, sagte ich.

»Nein«, erwiderte er. »Rettet mich. Rettet mich mit dem Licht in Euren Händen wie Urgan.« Lieber Gott, er hatte es gesehen. Er hatte es die ganze Zeit gewußt und kein Sterbenswörtchen verlauten lassen.

»Der Knochen. Ihr habt den Knochen geheilt und das Schlachtroß hochbekommen. Heilt mich, heilt mich auch so«, flüsterte er verzweifelt, denn niemand im Palas durfte ihn hören.

»Ich habe jetzt nicht die Kraft dazu«, antwortete ich.

»Das heißt, Ihr haßt mich«, sagte er ergeben. »Das ist nur recht und billig. Ich habe Euch zuviel angetan. Ich erbitte zuviel.« Und damit wandte er das Gesicht zur Wand.

»Nein, nein«, sagte ich, und er tat mir so leid, daß ich mein Geheimnis nicht länger bei mir behalten konnte. »Die Kraft läßt sich nicht nutzen. Ich kann sie nicht herbeirufen. Sie hat sich nach innen gekehrt wie immer, wenn sie dem Kind beistehen muß.«

Er wandte den Kopf zurück und blickte mich lange an.

»Dann hatte ich also recht. Er hat am Ende doch mit Euch geschlafen. Das dachte ich mir schon, aber er hat nichts verraten.«

»Ich liebe ihn, und ich trage sein Kind.«

»Ihr habt ihn geliebt, meint Ihr.«

»Nein, ich liebe ihn. Er ist nicht tot. Ich weiß es. Er wird zu seinem Kind heimkehren und auch zu mir.«

»Ihr seid eine Närrin; ich habe Euch falsch eingeschätzt. Sehr falsch eingeschätzt. Für eine Dame habe ich Euch zwar nie gehalten, damals, bei unserer ersten Begegnung im Haus des reichen Mannes. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr zu edler Liebe fähig seid. Eine aussichtslose und hoffnungslose Liebe. Ein Beweis für Euer Blut.«

Also wirklich, zuweilen kann selbst noch ein so bedauernswerter, halb toter Mann eine Frau wütend machen. Aber es ist nicht nett, mit Kranken zu schimpfen. So sagte ich nur: »Ich schwöre Euch, er lebt.«

»Aus Euch spricht der Wahnsinn«, antwortete er, »aber bei Gott, ich wünschte, es wäre wahr. Wahnsinn ist barmherziger als das, was ich erdulden muß. Wenn Gott mir doch nur das Leben nehmen würde, statt mich wissen zu lassen, was ich weiß.« Und er stöhnte, als ich den Umschlag erneuerte. »Er ist dahin; er ist tot. Seid Ihr zu irre, um der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?«

»Ihr habt nicht gut genug gesucht. Er lebt.«

»Gesucht? Ich und nicht gesucht? Törichtes Frauenzimmer! Was wißt denn Ihr? Ich sage Euch, tage- und nächtelang habe ich gesucht. Bei Fackelschein bin ich mit den Herolden losgezogen, und wir haben jeden Leichnam umgedreht, während sie das Wappen in die Totenrolle eintrugen. Jedes Gesicht, jeden dunklen Lockenkopf, immer habe ich seinen gesucht. Durch die rauchenden Trümmer jener Stadt bin ich geirrt und habe gesucht – gesucht und gerufen.«

»Dann hat man ihn gefangengenommen.«

»Wir haben keinerlei Lösegeldforderung erhalten. Kein Mann von Rang verschwindet ohne einen Leichnam oder eine Lösegeldforderung.«

»Dann ist er verwundet und hält sich versteckt.«

»Versteckt? Bei den Franzosen? Die würden ihm lieber die Kehle durchschneiden nach allem was wir dort angerichtet haben. Stellt Euch der Wahrheit, Frau. Er ist tot, und das Kind, das Ihr tragt, ist eine Waise, das helf' ihm Gott.«

»Niemals, sag' ich.«

»Wahnsinnig, vollkommen wahnsinnig. Wenn ich es doch auch nur wäre. Mein Gott, mein Gott, er war der gute Sohn, und ich habe das erst gemerkt, als es zu spät war.« Er klammerte sich mit schwacher Hand an meinen Ärmel. »Was Ihr auch immer macht, sagt Hugo nicht, daß Ihr schwanger seid. Falls ich sterbe, so flieht – Ihr müßt fort von hier, ehe das Kind geboren ist. Versteckt es. Hugo ist zum reißenden Wolf geworden. Der Gedanke an Geld hat ihm den Kopf verdreht. Ich weiß Bescheid. Ich sehe jetzt ganz klar. Zu klar, jetzt, da es zu spät für alles ist, außer für bittere Reue.«

»Bittere Reue, äh?« sagte Master Kendalls Geist um Mitternacht. »Billiges Geschwätz. Davon gibt's reichlich, wo ich jetzt bin.« Seine körperlose Stimme schwebte in dem dunklen Raum über dem Bett. Er lachte leise in sich hinein. »Irgendwie bin ich dankbar. Gott hat mich lange genug leben lassen, daß ich mein Leben noch ändern konnte. Ich habe dich getroffen, Margaret, und ich habe alles, was dann kam, nie bereuen müssen – außer daß mir zu wenig Zeit an deiner Seite blieb. Weh mir, also bereue ich am Ende doch. Ich bereue meine Habgier, daß ich dich für immer besitzen wollte. Aber du brauchst einen lebendigen Mann, Margaret. Du kannst nicht nur mit einem kalten Geist leben. Laß uns Pläne für deine Suche schmieden.«

»Ach, Master Kendall, ich bin Euch stets dankbar für Eure Klugheit gewesen.« Das diesige Ding schien sich zu freuen – selbst noch in der Dunkelheit konnte ich die Bewegung spüren.

»Ich bin zwar tot«, sagte er fröhlich, »aber dumm bin ich nicht.«

Doch in den darauffolgenden Tagen, während wir das Brautpaar erwarteten, starb der alte Sir Hubert nicht an seiner bitteren Reue, ganz im Gegenteil, es ging ihm besser, auch wenn er nicht wollte. Seine Gesichtsfarbe wechselte von Grau zu hellem Elfenbein, und zuweilen, wenn das Fieber anstieg, waren auf seinen Wangen zwei fiebrige, rote Flecken zu sehen. Als das Horn am Tor erklang, befahl er, ihm Kissen in den Rücken zu stopfen und ihn aufzusetzen, damit er die junge Braut begrüßen konnte, worüber der Hausverwalter und der Dicke Wat, wie auch das übrige Gesinde des Herrenhauses hoch erfreut waren. Ein schöneres Paar hatte die Welt noch nicht gesehen, als sie da vor ihm niederknieten und um seinen Segen baten. Sir Hugo, strahlend und in der Blüte seiner Jugend, neben seiner anmutigen jungen Braut mit dem honigfarbenen Haar, der Lady Petronilla.

Ich musterte sie eingehend, als man uns vorstellte. Diese Stirn hatte noch keine Sorge getrübt. Unter einem erlesenen durchsichtigen Schleier aus Seide, den ein goldener Reif hielt, trug sie das Haar in dicken Zöpfen um den Kopf geschlungen. Sie hatte blaugraue Augen mit hellen Wimpern; ihre Nase war gerade, jedoch ein wenig stupsnasig. Ihre Züge waren ebenmäßig, und ihre Pfirsichhaut wirkte etwas golden, da sie die Jagd und alle Sportarten im Freien liebte. Sie war für ihre Reitkunst wie für ihre Geschicklichkeit mit Kurzbogen und Pfeil berühmt. Man munkelte, sie könne singen und das Psalterium spielen. Mir gefällt der Klang des Psalteriums sehr. Vielleicht würden wir gut miteinander auskommen. Es macht keinen Spaß, die einzige Dame im Haus zu sein. Zwei können viel mehr schaffen als eine.

Ihre Hände steckten voller Ringe, zuweilen zwei an einem Finger, und sie bewegte sie beim Reden, damit das Licht auf den Steinen funkeln konnte. Ihr Gewand war aus dunkelblauer Seide und an den Kanten mit Gold eingefaßt, und ihr Überkleid aus sattem Rot, auf dem waren mit Gold- und Silberfäden Blumen und seltsame Tiere gestickt. Sie verstand sich darauf, mit zierlichen Schritten auf diese besondere Weise zu gehen, mit der sie die lange Schleppe und die winzigen Pantöffelchen, die darunter hervorlugten, vorteilhaft zur Geltung brachte.

Ich hatte gesehen, wie sie sich zu Hugo neigte und hörte sie flüstern: »Wer ist das da?« während sie mir quer durchs Zimmer, wo ich mit Cecily und Alison in der Schar der Gratulanten und Gefolgsleute stand, einen Blick zuwarf. Irgendwie machte ihr Blick klar, daß ich zu alt, zu unansehnlich und zu abgehärmt war.

»Liebe Frau, darf ich dir Dame Margaret, die Wittib meines Bruders, vorstellen«, sagte Hugo und führte sie mir an einem einzigen, erhobenen Finger zu. Die Seide ihres Gewandes raschelte, als sie anmutig auf mich zukam. Sie trug viel Geschmeide, ein großes, mit Rubinen besetztes Goldkreuz und eine Goldkette und noch eine Kette aus Goldfiligran und mit Perlen besetzt. Ich meinerseits mache mir nichts aus Schmuck. Er ist kalt und hart und kommt einem immer in die Quere – auch wenn es elegant aussieht. Ich trage nur zwei Ringe. Den schmalen, schlichten Goldreif mit dem Wappen der de Vilers, meinen Ehering von Gregory, und Master Kendalls breiten mit den ziselierten Blumen und Blättern, auf dem innen ›Omnia vincit amor‹ eingraviert steht. Beide stammen nicht von hier. Gregorys gehörte seiner Mutter, und als sein Vater ihn bei der Hochzeit hervorzog, bezichtigte ihn Gregory mit lauter Stimme der Leichenfledderei, und das verzögerte den Fortgang der heiligen Handlung beträchtlich. Master Kendalls Ring war für irgendeine Geliebte angefertigt worden, argwöhnte ich, aber entweder hatte er es sich anders überlegt oder sie gab ihm den Laufpaß – jedenfalls hatte er den kunstvoll gefertigten Ring zur Hand, als er mir so unerwartet einen Heiratsantrag machte. Ich habe ihn auf die andere Hand gesteckt, aber absetzen werde ich ihn nie. Und dann habe ich natürlich noch mein Kreuz. Das ist sehr alt und kommt von jenseits des Meeres und hat sehr seltsame Eigenschaften.

Sie musterte mich von Kopf bis Fuß.

»Liebwerte Schwester«, sagte sie. »Was für ein hübsches Kreuz. Darf ich einmal anfassen?« Ich wollte schon nein sagen, denn das Brennende Kreuz hat eine Eigenart. Master John von Leicestershire, der es mir vor Jahren gab, sagte, ich könne es haben, wenn ich es tragen könne, denn es versengt alle, die nicht im Herrn wandeln. Natürlich glaubte ich ihm nicht; ich hielt das für eine elegante Art, mich dafür zu bezahlen, daß ich seiner Tochter das Leben gerettet hatte. Ich hatte nämlich gesagt, daß ich kein Geld dafür annehmen würde. Aber seitdem hat es einige merkwürdige Dinge bewirkt, so daß John vielleicht doch recht gehabt hat. Die Worte lagen mir schon auf der Zunge, da sah ich den Blick in den hübschen Augen meiner neuen Schwägerin. Habsucht lag darin. Sie erwartete, daß ich sagte: »Geliebte Schwester, es sei dein.«

»Natürlich dürft Ihr es anfassen«, sagte ich. »Es ist eine Reliquie aus der Zeit der Kreuzzüge.« Sie streckte die schöne Hand aus, wollte es liebkosen, und ihre Augen sagten: »Laßt mich nicht so lange warten, liebwerte Schwester, gebt es mir als Hochzeitsgeschenk. Ei, wie unliebenswürdig von Euch.«

»Hübsch – pa!« rief sie aus. »Ich habe mir den Finger verbrannt.« Sie steckte den Finger in ihr süßes Schmollmündchen und lutschte daran. »Damit stimmt etwas nicht.«

»Das tut mir aber leid, liebwerte Schwester. Es muß eine Mücke gewesen sein. Seht Ihr? Die kleine Alison faßt es an, ohne Schaden zu nehmen.« Und dabei beugte ich mich vor und wollte es vorführen. Als sie Alison von oben herab ansah, huschte ein frostiger Ausdruck über ihr Gesicht.

»Liebwerter Gemahl, stellt mich doch bitte den übrigen Gästen und der Familie vor«, sagte sie lächelnd, und er führte sie an der erhobenen Hand, seinen Zeigefinger auf ihrem Zeigefinger, elegant wie am französischen Hof, den Nachbarn und deren Ehefrauen zu.

»Eine Dame, eine richtige Dame«, hörte ich das Gesinde hinter mir murmeln.

»Wie elegant, wie ritterlich, wie bezaubernd!« konnte ich die Gäste flüstern hören, während das schöne Paar im Raum die Runde machte. Sobald mich niemand mehr beobachtete, lief ich nach oben, um mich auszuweinen. Der Söller stand voller Gästebetten, wie jeder Raum im Haus. Die Kapelle, die in ihrem neuen Glanz strahlte, war mit Blumen geschmückt, und Vater Simeon lag sich dort bereits mit dem kleinen Franziskaner in den Haaren, den sich Lady Petronilla als Beichtvater mitgebracht hatte. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich unter der Turmstiege bei den Ratten zu verstecken und zu weinen, bis keine einzige Träne mehr kam.

Als ich in jener Nacht allein im Dunkel meines Bettes lag, weckte mich ein furchtbarer Schmerz im Unterleib. War es ein Traum oder war es keiner? Ich schlug die Augen auf, und da starrten mich die scheußlichen, roten Augen einer furchtbaren Schlange an.

»Hebe dich hinweg!« sagte ich.

»Hinweg?« sagte sie und lächelte dazu so gräßlich, wie es nur Schlangen vermögen, und züngelte mit ihrer gespaltenen Zunge. »Du meinst hinaus, nicht wahr?« Ich erblickte ihre glänzenden grünen und roten Schuppen und sah die Schlingungen ihres Leibes. Kein Wunder, daß es so wehtat – sie hatte ein großes Loch in meinen Unterleib genagt, und aus der tiefen Wunde quoll Schlinge um Schlinge.

»Herr, erbarme dich!« schrie ich – oder schrie ich doch nicht, da niemand im Raum aufwachte?

»Gott? Du rufst nach Gott? Der ist sehr fern, wo ich bin«, zischelte das abscheuliche Ungeheuer und wand sich, daß mich der Schmerz fast zerriß.

»Wer oder was bist du?«

»Ich bin der Neid, liebwerte Schwester, und ich habe deine Gedärme aufgefressen. Wenn ich damit fertig bin, fresse ich dein ganzes Herz, und dann stirbst du.« Ich schrie, schrie stumm, wieder und wieder. Wie war dieses Ungeheuer nur über mich gekommen? Ich wußte es. Es war geschehen, als Truhe um Truhe ins Haus getragen wurde, bis die Dienstboten nur so staunten. Es war geschehen, als die schönen Windhunde, die sie mitbrachte, von jedermann bewundert wurden, selbst vom alten Lord. Und als ihr Kaplan das große Brautbett, das ihr der Vater mitgegeben hatte, mit Weihwasser besprengte und ihre alte Amme ausrief: »Meine kleine Rose! Mein schönes Herzblatt! So sind wir denn bald Frau, große Dame und Herrin im eigenen Haus!«

Ja, da hatte ich ihm Einlaß gewährt. Traum hin, Traum her, es fraß mich bei lebendigem Leibe auf. Wie sollte ich das scheußliche Ding nur wieder loswerden? Ich beugte mich über die Bettkante und erbrach mich ins Nachtgeschirr, und der saure Geschmack im Mund erinnerte mich daran, als ich aufwachte. Ich stand im Dunkel auf und tastete auf dem Haken nach der großen, weichen robe de chambre, die mir der alte Lord geschenkt hatte, und hüllte meine Blöße darin ein. Hinter einer Wolke kam ein Mondstrahl hervor. Meine Mädchen – wer würde sie vor Hugos Habgier beschützen, wenn der Neid mir das Herz auffraß? Wer würde das Kleine beschützen? Wer würde Gregory suchen? Auf Zehenspitzen schlich ich zu meinen schlafenden Mädchen, nur um ihren Atem im Dunkel zu hören – und der ging fast im Geschnarche von Mutter Sarah unter, die auf dem Strohsack auf dem Fußboden neben ihnen schlief.

Geräuschlos ging ich durchs Zimmer zur Turmtür und stieß diese ganz, ganz langsam auf, damit sie nicht quietschte. Ich würde in die Kapelle gehen und Gott bitten, mich von der furchtbaren Schlange zu erlösen – es mußte sein, sonst starb ich noch hier in diesem entsetzlichen Haus. In der kalten Luft des Turmaufgangs, wo ich mich an der Wand entlangtastete, verflog der letzte Rest von Schläfrigkeit.

Auch in der Kapelle war es dunkel, doch durch die Fenster fiel blasser Mondenschein und machte, daß die frische, weiße Tünche matt erstrahlte. Über dem Altar war das Jüngste Gericht mit ›diesen ganzen Figuren‹ nur ein dunkler Schatten. Durch die schmalen Bogenfenster konnte man einen Blick auf die kalten Sterne erhaschen, die hoch oben am Himmelszelt funkelten. Die Welt kam mir so leer und kalt vor.

Ich stand auf Zehenspitzen vor der hohen, steinernen Fensterbank und betrachtete die dunkle, stille Welt. »Oh, lieber Gott«, flüsterte ich in das Schweigen. »Wo bist du jetzt? Du hast mich hier alleingelassen, ich bin verloren.« Vermutlich erwartete ich eine Antwort von Gott. Zuweilen antwortete er nämlich. Aber man weiß nie wann. Das hat etwas mit Logik zu tun – Seiner Logik, und die ist für mich zu hoch, als daß ich sie nach vollziehen könnte. Und ohnedies verstehe ich nur die Hälfte aller Antworten. Doch in dieser Nacht antwortete niemand. Unter mir raschelten die Schatten der Bäume in der nächtlichen Brise, und ich blieb völlig allein.

»Ihr wollt ausrücken, wie?« Ach, die hatte mir noch gefehlt. Mitten in einer spirituellen Krise hatte ich eine Weiße Dame am Hals. Nein, nicht einmal hier hat man ein Privatleben.

»Ich weiß, daß Ihr ausrücken wollt. Das erkenne ich daran, wie Ihr aus dem Fenster starrt und die Dinge in Eurer Truhe durchzählt. Das habe ich einst auch getan. ›Ich gehe heim zu meiner Mutter‹, sagte ich dann wohl, und er gab zurück ›Ich schlag Euch so zusammen, daß Ihr keinen Schritt mehr über die Schwelle da tun könnt‹. Ihr habt ja keine Ahnung, wie ich den Anblick genossen habe, wenn er unten im Palas so geschrien und gelitten hat. Wenn Ihr ausrückt, stirbt er und fährt zur Hölle, und das wäre mir eine sehr große Genugtuung – außer daß dann sein kleines Ebenbild, Hugo, der Ritter ohne Fehl und Tadel, an seine Stelle tritt, und das Vergnügen gönne ich ihm nicht.«

Eine sehr leidige Sache, mitanhören zu müssen, wie jemand derart Engstirniges äußert, wenn man über große Probleme nachdenkt wie beispielsweise die Frage, warum Gott schweigt, und obendrein noch große persönliche Schwierigkeiten bereinigen will.

»Ihr wollt mit dem rauchigen, alten Krämer fort. Ich habe gelauscht. In Ordnung, ich möchte auch weg von hier. Wenn er erst in der Hölle ist und Hugo herrscht, dann ist es hier nicht mehr interessant. Was soll ich dann noch hier? London würde mir zusagen. Da schaue ich dann in die Wiegen wie alle anderen Weißen Damen.«

Das hatte mir gerade noch gefehlt.

»Ihr wollt mich nicht mitnehmen, wie? Nicht sehr zuvorkommend für eine Schwiegertochter. Oh, entsetzt Euch nicht. Ihr habt Euch eingebildet, ich wäre so dumm wie all die anderen Weißen Damen. Ist Euch nicht aufgefallen, daß er den hellen Kopf von mir hat – nicht von der zusammengeschrumpelten alten Mumie da unten im Bett. Ich weiß sehr wohl, er ist mittlerweile erwachsen. Jungen sind wie kleine Kätzchen. Sehr niedlich, solange sie klein sind, häßlich, wenn sie groß sind. Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich ihn erkannt habe – hat nur noch wenig von einem Kätzchen an sich. Doch die Nase ist ganz unverkennbar. Sehr elegant. Eine lange, normannische Nase genau wie meine und die meines Vaters. Und im Kopf ganz konfus und undankbar für alles Gute – ein Mann eben –, Ihr könnt ihn meinetwegen haben. Ich hatte ihn, als er noch niedlich war. Außerdem braucht er jemand mit gesundem Menschenverstand, der sich um ihn kümmert. Er selber besitzt davon nicht viel, und dabei habe ich mir soviel Mühe gegeben. Nein, Ihr braucht mich auf der Reise. Insbesondere wenn Ihr vorhabt, nach ihm zu suchen.«

»Damit kann ich jetzt nichts anfangen – heute nacht nicht. Merkt Ihr denn nicht, daß ich leide? Liegt mir morgen damit in den Ohren, ja?«

»Morgen? Morgen ist es zu spät. Nein. Morgen früh müßt Ihr Euch die Schühchen aus Dachsleder, die mit den Löchern, in einem Beutel um den Hals hängen. Die gehören nämlich ihm. Ich habe sie selbst gemacht. Aus einem Kind mit Dachslederschuhen wird stets ein großartiger Reiter. Wenn Ihr die umgebunden habt, kann ich Euch überallhin folgen, genau wie der aufdringliche Krämer da Eurem Psalter bis hierher, in meine schöne Kapelle, gefolgt ist.«

»Aber – aber –«

»Kein ›aber‹ Wißt Ihr denn nicht, daß man Geister nicht verärgern darf? Ich könnte Euch Schlimmes antun. Statt dessen tue ich Euch einen Gefallen, damit Ihr merkt, es ist mir ernst. Ich weiß, daß Ihr eine große Schlange habt. Oh, schaut nicht so erstaunt. Ich habe sie gesehen. Ich hatte auch eine, damals, als meine Schwester einen vornehmen Edelmann in Brabant heiratete. Mein Gott, war der gelehrt und fromm und gut. Reichtümer besaß er zuhauf, und meine Schwester ging in Samt und Seide und brauchte nicht den kleinen Finger krummzumachen. Und dann stellte sich heraus, daß er einen Buckel hatte, da konnte ich wieder ihre Freundin sein. Familie ist eben Familie – ohne sie geht es nicht. Ich hörte, daß keines ihrer Kinder gesunde Gliedmaßen hat. ›Was für ein Jammer‹, schrieb ich ihr, ›aber wenigstens sind sie im Kopf gesund, und das ist mehr, als ich von meinen sagen kann.‹ Also – wenn ich die Schlange vertreibe? Nehmt Ihr mich dann mit?«

»Ja, wenn es Euch gelingt.« Das Ding bewegte sich schon wieder, und der Schmerz würde mich noch umbringen, wenn ich sie nicht bald loswurde.

»Folgt mir und spitzt die Ohren«, sagte die Weiße Dame. Ich ertastete mir im Dunkel den Weg hinter dem Geraschel, das sie machte, hin zu dem Zimmer, das an die Kapelle grenzte. Das große Zimmer des Sieur de Vilers, welches nun von Sir Hugo und seiner jungen Braut bewohnt wurde. Durch die Tür drangen gedämpfte Laute.

»Legt Euer Ohr an die Tür – schließlich könnt Ihr nicht durch sie hindurch wie ich. Keine Bange, ich halte Wache – Ihr werdet schon nicht erwischt«, sagte die Weiße Dame.

Und dann hörte ich Folgendes.

»Wach auf, wach auf – ich will noch einmal.«

»Mm. Nein. Du hast mir wehgetan«, antwortete eine schmollende Stimme. »Jetzt kann ich einen Monat lang nicht auf die Jagd gehen.«

»Du solltest stolz sein: Wenn man morgen das Bettlaken herumzeigt, wird dich jedermann preisen.«

»Stolz worauf? Daß ich alles für diese schäbige Kate aufgegeben habe? Du hast mir geschworen, daß wir in London wohnen.«

»Und das werden wir auch –«

»Au! Au! Runter! Nimm dich in acht, ich bin keine deiner Bauerndirnen.« Und dann hörte man ein Klatschen, als Fleisch auf Fleisch traf.

»Du kleines Biest – das hast du nun davon, daß du mich gekratzt hast. Wehe, du tust das noch einmal, dann schlage ich dir die Nase ein. Und dann ist es aus mit deiner allseitigen Beliebtheit.«

»Faß mich nicht an, oder ich gehe heim zu Vater. Du hast ihn hinters Licht geführt. Dein Herrenhaus ist eine Bruchbude, und dein Vater liegt gar nicht im Sterben, wie du gesagt hast.«

Dann hörte ich einen Schrei, der durch ein Kissen gedämpft wurde. Dann ein Aufstöhnen und ein leises Luftholen. »Dafür läßt dich mein Vater umbringen.«

»Nicht dafür, daß ich mir mein eheliches Recht nehme, o nein – der fragt nur nach den Einzelheiten.« Man hörte ein häßliches Auflachen, gefolgt von einer Art Schluchzer.

»Du wirst ganz schön dumm dastehen, wenn sich herausstellt, daß du nicht wie versprochen noch vor Weihnachten Lord von Brokesford bist, und einen Rechtstitel auf den Besitz deines Bruders hast du auch nicht«, sagte eine beleidigte Stimme.

»Das kannst du ihm ruhig erzählen, aber dann ruinierst du dich ebenso wie mich. Du und dein lieber Papa, ihr wollt Euch doch wohl nicht zum Gespött der Leute machen, oder? Es ist zu spät, die Ehe ist vollzogen; du tust gut daran, eine pflichtbewußte Ehefrau zu sein und mir Söhne zu werfen. In London und im Luxus kannst du immer noch leben.«

»Dann schaffe mir diese käsebleiche Wittib vom Hals. Ich kann sie nicht ausstehen. Sperre sie irgendwo ein – im Keller, im Kloster. Hauptsache, sie kommt mir nicht mehr unter die Augen. Und ihre gräßlichen Bälger auch nicht. Versprich mir das und tu es sofort, dann weiß ich, daß du es ernst meinst.«

»Diese gräßlichen Bälger sind Gold wert. Aber es ist meine Sache, wann und wo ich mich ihrer entledige.«

»Bald, versprich mir das, dann will ich auch lieb sein, mein Herr und Gebieter.« Das waren die quengelnden, schmeichlerischen Worte eines hinterhältigen Kleinkindes.

»Das hört sich schon besser an.«

»Morgen?« Auf einmal klang der Ton scharf und befehlshaberisch.

»Willst du mich zwingen? Ich sage dir, ehe du nicht begreifst, daß ich hier alle Entscheidungen treffe, schlage ich dich, bis dein Vater dich nicht wiedererkennt –«

»Ein glückliches Paar, wie?« flüsterte die Weiße Dame recht boshaft. »Was macht Eure Schlange?« Ich befühlte meinen Bauch. Er tat überhaupt nicht mehr weh.

»Fort«, sagte ich.

»Das dachte ich mir. Und jetzt nehmt Ihr mich mit. Sehr klug von Euch, daß Ihr fliehen wollt. Aber Ihr müßt Euch davonstehlen. Sie mögen Euch zwar nicht, aber jemand anders soll Euch auch nicht haben. Das würde ihnen bei ihren Besitzansprüchen in die Quere kommen. Für Euch gibt es nur Tod oder Gefängnis oder das Kloster. Ich weiß Bescheid. Eine meiner Basen mußte einst den Schleier nehmen. Und das Kloster, in das man sie steckte, war ein besseres Gefängnis. Ihre hübschen Haare, alle abgeschoren. Ich selber hätte mir nie die Haare abscheren lassen, auch wenn sie zuweilen lästig waren. Aber Ihr habt selbst Schuld. Was mußtet Ihr einen reichen Mann heiraten und ihn überleben. Wie um alles auf der Welt hat dieser gräßliche, alte Krämer es nur geschafft, mehr anzuhäufen als ein Ritter? Nein, wie degoutant, durch Handel zu Geld zu kommen.«

»Statt es zu stehlen wie ein Edelmann?«

»Genau«, sagte die Weiße Dame.

Als der Morgen durch die hohen Fenster des Söllers graute, kam ich den Wünschen der Weißen Dame nach, faltete die Schühchen zusammen und steckte sie in ein kleines, rechteckiges Amulett, das ich mir unter meinem Überkleid an einer Kette um den Hals hing. Doch kaum hatte sich der Hahn ausgekräht, da kamen die Mädchen auf der Suche nach mir heulend und mit Mutter Sarah im Gefolge angelaufen.

»Mama, Mama, sie hat Alison einfach so geschlagen«, rief Cecily.

»Und als ich sie daran hindern wollte, Mistress, da hat sie mir eins mit der Reitpeitsche übergezogen, die sie immer dabei hat. Hat gesagt, ich wüßte nicht, wo mein Platz ist«, schniefte die furchteinflößende Mutter Sarah und verdrückte eine Träne.

»Sie ist jetzt die Herrin, und ich kann gar nichts tun. Geht ihr einfach aus dem Weg, bis ich mir etwas ausgedacht habe«, sagte ich.

Doch später hörte ich, wie sich Mutter Sarah hinter dem Wandschirm im Palas beim Dicken Wat beschwerte, als dieser dem alten Lord das Gesicht wusch. »Die ist zu jung für eine Herrin, diese gehässige, kleine Katze. Der Teufel hole sie.«

»Gewöhn' dich dran, Sarah. Sie ist die Herrin im Haus«, erwiderte der Dicke Wat. »Aber« – und dabei hörte ich den alten Lord stöhnen, denn Wat hob ihm den Kopf, daß er trinken konnte – »der Herr ist sie nicht… und er auch nicht.«

»Die Kinder, Mutter Sarah, wo sind die Kinder?« platzte ich in die kleine Szene hinter dem Wandschirm. Wat schob gerade die Kissen zurecht und zog die Bettdecke hoch, damit es der alte Lord bequemer hatte; er hatte ihn getreulich auf jedem Feldzug begleitet, selbst auf diesem hier gegen den Tod. Er hatte nicht an mir gezweifelt, als er gemerkt hatte, welche Veränderung ich bewirkte, sondern hatte mich ausgefragt, weil er alles wissen wollte, was seinem Herrn dienlich sein könnte. Jetzt blickten wir uns an und verstanden uns ohne Worte. Wir hatten beide schlimme Zeiten durchgemacht und wußten, was getan werden mußte. Mutter Sarah blickte ihn groß an und rang die Hände. So konnte ich sehen, daß einer der Striemen, da wo der Hieb die bloße Haut ihrer Hand getroffen hatte, blutig war. Sie hatte das Gesicht mit den Armen schützen wollen. Und sie war immer noch so verstört, daß ich ihr nicht gram sein konnte.

»Mutter Sarah, die Mädchen?«

»Oh, Mistress, dahinten in der Ecke doch, sie spielen mit Puppen.«

»Ich sehe sie nicht.«

»Oh, liebe Mistress, sie sind weg!« Und schon suchten wir vom Dachboden bis zum Keller nach ihnen, doch ohne Erfolg bis zum Vormittag. Als die Schragen fürs Essen aufgestellt wurden, fand ich sie oben und mit eigenartigen sauberen Händen und Gesichtern. Alisons Kleid war vorn tropfnaß.

»Was um Himmels willen macht ihr? Wo seid ihr gewesen?«

»Wir waschen uns«, sagte Cecily. »Alisons Kleid war ganz klebrig, da haben wir es gewaschen.«

»Ja – kleber, kleber, klebrig. Ist gut gewaschen«, zwitscherte Alison.

»Und wie ist es so klebrig geworden?« Aber ich hatte die Frage gerade gestellt, da kündeten drei Hornstöße vom Tor einen Besucher an – einen Besucher von hohem Stand.

»Bitte, Mama, laß uns gucken!« rief Cecily, und damit wollte sie mich wohl ablenken, wie mir hinterher klar wurde. Und da ich nicht mehr zur Eingangstür laufen mußte, um die Besucher zu empfangen, eilten wir zur Fensterbank über dem Haupteingang und spähten hinaus.

Fürwahr, das war ein erstaunlicher Zug, der da den Burghof überquerte. Fremde – wohlhabende Pilger, so dünkte mich, die von einem der Häfen im Norden nach Canterbury wollten, denn dorthin zieht es alle fremdländischen Pilger. Zwanzig Vorreiter begleiteten den Zug, alle in gleichartige Schuppenpanzer und schwarzsilberne Waffenröcke gekleidet, die ein aufgesticktes Wappen trugen, das niemand kannte. Die Lanzen der beiden ersten hatten schwarze Wimpel mit drei silbernen, eingewirkten Schwänen. Inmitten der Reiter fuhr ein schöner Reisewagen, der einer Königin wohl angestanden wäre, gezogen von vier schwarzen Pferden, auf denen zwei Knaben in der gleichen schwarzen Livree ritten. Die Räder, die Karosserie und die großen Ringe, an denen die teilweise zurückgerollte Lederschutzdecke befestigt war, die jetzt der goldenen Herbstsonne Einlaß gewährte, alles war kunstvoll geschnitzt und mit farbenprächtigen Blumen und Ranken bemalt. Neben dem Wagen ritt auf einem kleinen Braunen ein Dominikaner, der hatte die Kapuze heruntergeschoben, so daß man seine Adlernase und seine Tonsur sehen konnte.

Doch das Wageninnere bot einen wirklich staunenswerten Anblick. Hinter dem Kutscher und den Knechten saßen auf zwei hohen Bänken vier Frauen, zwei davon auf fremdländische Art sehr elegant in eigenartig geschnittenen Gewändern aus Grau und Schwarz gekleidet, die alle mit etwas gesäumt waren, das aus der Ferne zu glänzen schien und von der Reise kaum eingestaubt war. Ihre hohen Hauben hüpften, und sie plauderten miteinander und schienen ihrer Umgebung auch nicht die geringste Beachtung zu schenken. Doch auf dem Vordersitz saßen die seltsamsten Gestalten der Gesellschaft. Die eine Frau war nach ihrer schlichten Kleidung zu schließen eine Amme und hatte ein kleines, schwarzhaariges, etwa zweijähriges Kind mit einem runden Gesichtchen und in schwarz und silbern bestickten Kleidern auf dem Schoß, so wie ich sie noch nie an einem Kind erblickt hatte. Doch beim Anblick der anderen Frau konnte man vor Staunen Nase und Mund aufsperren. Sie war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Schwarz, mit ganz aus Silber gewirkten Schwänen auf dem Busen und einem schwarzen, fremdländischen Kopfputz, von dem ein schwarzer Seidenschleier herabfiel, ihren Kopf und ihre Schultern umgab und noch hinter ihr herwehte. Selbst vom oberen Fenster aus erschien mir ihre Gesichtsfarbe ungewöhnlich. Weiß, so weiß wie Milch gegen all die Schwärze. Und schön. Vollkommen und eingefroren wie das Antlitz einer uralten Statue. Sie hielt sich auf der Bank so gerade wie eine Schwertklinge und blickte nicht nach rechts und nicht nach links. Eine Königin. Sie mußte eine fremdländische Königin sein und die anderen ihre Hofdamen.

Das durften wir nicht versäumen; wir eilten also nach unten, da wir ihre Ankunft mitbekommen und sehen wollten, wie sie von der neuen Herrin begrüßt wurde. Lady Petronilla verneigte sich tief vor ihr und bot ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses an.

»Willkommen als Gast in Brokesford Manor, edle Dame. Eure Gegenwart ehrt uns. Mein Herr und Gebieter, Sir Hugo de Vilers, ist auf der Jagd, aber er wird bald zurück sein und Euch so begrüßen, wie es Eurem hohen Stand geziemt.« Französisch war nicht gerade Lady Petronillas Stärke. Sie hatte einen starken Akzent und mischte englische Brocken darunter, denn sie war nicht bei Hofe aufgewachsen oder im Ausland oder im Kloster erzogen worden.

»Sir Hugo de Vilers? Euer Ehemann?« sagte die Dame verbindlich, ohne daß sich an ihrem Ausdruck auch nur das geringste geändert hätte.

»Ja, wir wurden vergangene Woche vermählt.«

»Vergangene Woche? Ei, so wenig Zeit.« Ich spürte, wie seltsam ihr gelassener Ton war.

Als sie aus dem hellen Sonnenschein in den dämmrigen Palas trat, rümpfte sie die Nase. Beim Anblick der Schinkenseiten und des Wildbrets, das bei uns an den Dachsparren im Rauch des Feuers mitten in der großen Halle aufgehängt wird, verdrehte sie die großen, braunen Augen.

»Englisch«, konnte ich sie leise bei sich in einem Französisch sagen hören, dessen etwas rollenden Akzent ich nicht recht einordnen konnte. Ich stand beinahe hinter ihr, beiseitegedrängt und unbeachtet während dieser kleinen Zeremonie. »Wilde, allesamt«, flüsterte sie, lächelte dabei die Gastgeberin an und zeigte ihre niedlichen, ebenmäßigen, weißen Zähne, die wie bei einem Kleinkind in einem rosa Kiefer saßen. Lady Petronilla zierte sich vor ihr und wirkte neben der dunklen Fremden auf einmal gewöhnlich und grellbunt. Die dunkle Dame machte einen Schritt – und die märchenhaft mit Edelsteinen besetzten und aus Silber und Gold gefertigten Ketten und Armbänder, die sie trug, klingelten wie kleine Glöckchen.

»Mein Schwiegervater erholt sich von einer Wunde und kann sich zu Eurer Begrüßung nicht erheben, aber ich werde Euch jetzt vorstellen«, sagte Lady Petronilla und nahm die dunkle Dame mit hinter den Wandschirm, und ich konnte nicht mehr sehen, was vor sich ging. Als die beiden wieder hervorkamen, wurde der Fremden der Ehrenplatz angeboten, den sie auch annahm.

»Ich werde Sir Hugo hier erwarten«, sagte sie vollkommen gelassen und selbstsicher mit ihrem seltsamen Akzent. Die Amme saß auf einer Bank in der Nähe, während das fette Kindchen zufrieden auf einem Zuckerschnuller lutschte. Ein ums andere Mal zog die Amme an dem ausgefransten Saum des Nuckels, damit er ihn nicht ganz überschluckte. Das Kind sah ungewöhnlich aus – feist und friedfertig, mit Speckrollen an den Handgelenken und den kleinen nackten Knöcheln. Es hatte dickes, rabenschwarzes Haar wie seine Mutter und eine milchweiße Haut und große, braune Augen, größer als Kalbsaugen, dünkte mich. Als es krähte, konnte man den niedlichen, hellrosa Kiefer und vier Perlzähnchen sehen. Es wurde verhätschelt wie ein persischer Prinz und betrachtete die Welt mit gutartigem Blick, während die Amme es unter dem fetten Kinn kitzelte und es auf- und abhüpfen ließ und es in einer fremden Sprache pausenlos mit Koseworten überschüttete. Auch das Kind trug eine winzige Kette mit Medaillon und besaß schon kleine, klingelnde Armbänder, und er fuchtelte mit den Ärmchen, weil ihm das Geräusch Spaß machte.

»Mama, wir wollen auch so ein Kindchen haben«, flüsterte Cecily. »So fett und schön.« Die dunkle Dame bekam das Geflüster mit, drehte sich um und nickte Cecily huldvoll zu, ohne daß sie auch nur einen Augenblick ihre aufrechte und königliche Haltung aufgab.

Gebell von Jagdhunden, Hufgeklapper und das klirrende Pferdegeschirr kündigten Sir Hugos Rückkunft an, ehe noch ein riesiger Bock, die Läufe an eine Stange gebunden, mit baumelndem Kopf zum Anschauen in den Palas getragen wurde. Hugo kam an der Spitze seiner Gefährten die Stufen hochgesprungen, blieb jedoch beim Anblick der dunklen Dame, die mitten in der Halle saß, wie angewurzelt stehen. Er schwankte leicht und wurde so weiß wie die Wand, ehe seine Frau ihn ansprach und er sich wieder faßte.

»Herr Gemahl, eine edle Besucherin beehrt unser Haus; Lady Giuseppina, Marquesa di Montesarchio, welche Herrin ausgedehnter Ländereien an fernen Orten ist«, sagte sie auf Französisch und bekam dabei eine ganz spitze Nase. Kühl und gelassen bat Sir Hugo sie noch einmal, mit der Gastfreundschaft seines Hauses vorlieb zu nehmen und fragte sie, was sie hierherführe.

»Ich reise, weil ich ein ungemein heiliges Gelübde erfüllen möchte, eine Pilgerreise, die mein seliger Onkel meinem Vater auf dem Totenbett versprach. Für ihn habe ich mich bereits vor dem heiligen Märtyrer in den Staub geworfen, doch ebenso auch für die Seele meines Herrn und Gemahls, welcher erst kürzlich verschied. Was mich sonst noch hierherführt, wißt Ihr sehr wohl«, erwiderte die Dame äußerst feierlich in ihrem lieblich klingenden, rollenden Französisch mit dem starken Akzent. Sie sah wie eine Kaiserin aus, wie sie dort auf dem Stuhl des Sieur de Vilers saß, und Sir Hugo wie ein bäuerlicher Bittsteller.

»Jedoch, ich bin, dünkt mich, zu spät gekommen, um Euch zu gemahnen, daß Ihr mir die Ehe versprochen habt.« Entsetzen und Aufruhr in der Halle. Lady Petronilla riß vor Schreck die Augen weit auf und griff sich ans Herz. Schließlich gilt ein Verlöbnis genau so viel wie ein Eheversprechen – nur die Kirche kann es lösen, selbst wenn es lediglich als Vorspiel zu einer Eroberung ein paar unter zwei Augen gesprochene Worte waren. Zwei Verlöbnisse, und eines davon nicht gelöst? Lady Petronillas Ehe war vielleicht eine bigamistische Vereinigung – war ungültig? Sir Hugo stand wie erstarrt, aber seine Augen wanderten rasch über die Runde der Gesichter und bekamen den Ausdruck auf dem Gesicht seiner jungen Frau mit.

»Lady«, sagte Sir Hugo frostig, »so hochgestellt Ihr auch sein mögt, Ihr scheint Euch dennoch zu täuschen. Ich kenne Euch nicht. Ich habe nie das Vergnügen einer intimen Bekanntschaft mit einer fremdländischen Marquesa gehabt.«

»Dann leugnet Ihr also, daß dieses Kind hier Euer Sohn ist?«

»Aber ja doch – ei, seht nur, wie dunkel er ist. Der ist gewißlich nicht von unserer Art. Ei, man könnte fast meinen, er ist nicht einmal ein Knabe, bei den großen Augen, und von Kopf bis Fuß eingehüllt, wie er ist. Ich habe keine Ahnung, warum Ihr meine Gemahlin so verstören müßt, wohledle Dame, doch mit dem Kind habe ich weiß Gott nichts zu schaffen.«

Die Augen der Dame wurden kaum wahrnehmbar schmal, doch sie beherrschte ihre schönen, weißen Züge eisern.

Der alte Lord hinter dem Wandschirm lauschte dem Wortwechsel und seufzte tief; dann bat er darum, sehen zu dürfen, was vor sich ging. Vier Männer bewegten den riesigen, gschnitzten Wandschirm und zogen die Bettvorhänge zurück, so daß man die skelettartige Gestalt des alten Lord erblicken konnte, die nichts als eine Nachtmütze auf dem Kopf trug und tief vergraben unter Pelzdecken lag.

»Bitte sie, das Kind auszuziehen und es herzubringen«, flüsterte der alte Lord dem Dicken Wat zu, und der wiederholte die Worte laut. Die dunkle Dame hob einen Finger, und die Amme entfernte mehrere Lagen bestickter Kleider. Das Kindchen freute sich anscheinend über seine Nacktheit, zappelte mit fetten Ärmchen und Beinchen und krähte vor Vergnügen. Eindeutig ein Junge. Und gleich unter dem Nabel hatte er ein seltsames, dunkles Muttermal.

»Ein prächtiger Knabe, Madame«, flüsterte der alte Lord, als man ihm das Kind zeigte. »Er dürfte dem Haus jedes Ritters zur Ehre gereichen.« Man wiederholte der dunklen Dame die Worte, und sie nickte zustimmend. »Frag Hugo«, flüsterte er auf Englisch dem Dicken Wat zu, »ob er immer noch alles leugnet, jetzt, wo er das Muttermal gesehen hat.« Der alte Mann war so schwach, daß sich seine Lippen kaum bewegten.

»Aber Vater«, gab Hugo in eben dieser Sprache zurück, damit ihn die dunkle Dame nicht verstand, »was ist in Euch gefahren? Natürlich leugne ich! Wann wäre ich jemals so tief gesunken, einer Frau die Ehe zu versprechen, nur um mit ihr ins Bett zu kommen? Ich habe diese Frau noch nie gesehen. Und was das Muttermal angeht, die gibt es auf der Welt zuhauf. Eine Frau muß nur verdorbenes Fleisch oder zuviel getrocknete Pilze essen oder sich während der Schwangerschaft erschrecken, und schon ist es geschehen. Sie hat zuviel gegessen – darum hat er ein Muttermal und ist so fett. Zudem haben Frauen keinen Samen, daher ist ein Kind Abbild des Vaters – und sieh dir dieses Kind doch an. Sein Vater war dunkel, das ist deutlich zu sehen.« Er sprach rasch und ängstlich – ebenso an seinen Vater gerichtet wie an seine Braut.

Die dunkle Dame, die sich nicht vom Fleck gerührt hatte, musterte die kleine Szene aus der Ferne. Dann schien sie sich zu etwas durchgerungen zu haben, denn sie sprach jählings mit klarer, kräftiger Stimme. Alles wandte ihr den Kopf zu.

»Sir Hugo de Vilers, seid Ihr gewillt zu schwören, daß dieses Kind nicht das Eure ist und daß Ihr mir nie die Ehe versprochen habt?«

»Ei – ei, ja doch«, sagte Hugo und blickte dabei in die Runde wie ein Hase in der Schlinge.

»Gut«, sagte sie. »Ihr sprecht Euch selbst das Urteil. Fra Antonio, holt das Kästchen und das Papier.« Sie stand auf und verneigte sich vor dem kleinen, goldenen, reich verzierten Reliquienschrein mit dem Spitzdach, den der Dominikaner geholt hatte. Dann küßte sie den Schrein, nahm ihn dem Mönch ab und streckte ihn Hugo hin.

»Legt Eure Hand darauf und schwört auf das, was Ihr vor diesen Leuten gesagt habt.«

Sir Hugos Knie zitterten etwas, und seine Stimme bebte, als er die Hand auf das Kästchen legte, und Fra Antonio, der sich an den noch nicht gedeckten Kastentisch gesetzt hatte, brachte seine Worte zu Papier.

»Ich, Sir Hugo de Vilers«, sagte er, und seine Stimme klang schriller als gewöhnlich, »habe dieser fremden Dame, Lady Giuseppina, der Marquesa di Montesarchio, nie die Ehe versprochen, und ich leugne, daß ich der Vater des Kindes bin, welches sie mit sich führt und welches sie ihren Sohn heißt.«

»Gut«, sagte die Dame. »Laßt ihn unterzeichnen und mit seinem Ring siegeln, Fra Antonio. Zeugen?« Und zwei ihrer immer noch bis an die Zähne gewappneten Männer traten vor und setzten ihr Zeichen unter Fra Antonios säuberliche Unterschrift. Im Raum war es totenstill.

»Das Kästchen, gute Dame«, sagte Lady Petronilla. »Ei, was befindet sich darin?«

»Ein Splitter vom wahren Kreuz, Madame de Vilers«, sagte die dunkle Dame und gab ihren Männern das Zeichen zum Aufbruch. Lady Petronilla hohnlächelte, dann bat sie darum, das Kästchen küssen zu dürfen.

»Natürlich, liebwerte Dame«, sagte die Marquesa. »Sir Hugo«, sagte sie zu dem schuldbewußt wirkenden Ritter. »So bin ich denn frei. Nun kann ich meine Ländereien und mein Leben mit einem vornehmeren Edelmann vereinen, als Ihr es jemals sein werdet. Aber merkt Euch für die Zukunft, das Schicksal kann auch einer Frau ohne Vermögen wohlgesonnen sein.« Damit wandte sie sich um und sagte zu allen im Raum:

»Hier bleiben wir nicht über Nacht. Wir bitten die Augustiner in Wymondley um gastliche Aufnahme, und dann geht es heim. Nie wieder werde ich einen Fuß auf dieses elende, barbarische Eiland setzen.« Ihre Männer und der Priester scharten sich um sie, und sie ging mit klirrendem Geschmeide zur Tür, gefolgt von der Amme und dem Kind. Hier drehte sie sich jählings um und streckte die Hand aus. Mir war mittlerweile klar, daß die dunkle Dame eine Meisterin der dramatischen Gebärde war, daher wußte ich, was jetzt kam. Alle anderen übrigens auch.

»Hugo de Vilers«, sagte sie und wies mit dem Finger auf ihn, »Fluch über Euch bis ins Grab: Möge Euer Ehebett auf ewig Scheusale hervorbringen.« Damit schied sie, und die Leute drängelten sich zur Tür und starrten dem rumpelnden Wagen nach, als er auf dem staubigen Weg verschwand.

Was mich anging, so merkte ich, daß alles dastand und ihr nachgaffte, und da wußte ich auf einmal, was ich zu tun hatte. Mucksmäuschenstill stahl ich mich aus dem Durcheinander, zog meine Mädchen mit nach oben, wo ich mir unsere Umhänge griff und mir ein paar Sachen vorn ins Kleid steckte. Dann schlichen wir uns schnell und schweigsam die wacklige Holzstiege hinten am Turm hinunter und aus dem unbewachten Ausfalltor hinaus. Wir rannten über die Wiese, denn wir mußten die dunkle Dame auf dem Weg zu den Augustinern von Wymondley einholen.

Wenn wir nicht eine Abkürzung gekannt hätten, so daß wir sie in einer Biegung des Weges in Sir Johns Wäldern abfangen konnten, wir hätten den ganzen Weg zum Kloster zu Fuß zurücklegen müssen. Selbst auf dieser kurzen Strecke bekam Cecily natürlich einen Stein in den Schuh, und Alison quengelte und wollte getragen werden, obschon sie dazu viel zu groß ist. Dann tat sie es ihrer Schwester nach und verlegte sich auf ein übertriebenes Humpeln und Stöhnen – und dabei kann sie beim Spielen den ganzen Tag laufen, ohne sich auch nur einmal hinzusetzen. Zum Glück dauerte es nicht lange, und wir hatten die Straße erreicht und kletterten gerade noch rechtzeitig eine steile Böschung hinunter, so daß wir die langsamen Vorreiter und den Wagen einholen konnten. Sie hielten an, und ich lief zum Wagen und bat sie: »Bei der Jungfrau Maria und allen Heiligen, nehmt uns mit nach London, liebe Lady.«

»Habe ich Euch nicht auch in dem Schweinestall dieser verfluchten Familie gesehen? Warum sollte ich etwas für Euch tun?«

»Um Euch zu rächen, Lady«, keuchte ich, und mein Hirn raste, da ich mir ganz schnell einen guten Grund ausdenken mußte. »Wenn ich ihnen entwische, dann schmilzt fast ihr gesamtes Vermögen, das ich ihnen verschafft habe, dahin wie Schnee in der Sonne.«

»Und wer seid Ihr, daß Ihr dort bei ihnen weiltet?«

»Ich bin Margaret de Vilers, die Wittib von Sir Hugos jüngerem Bruder.«

»Ah –« sagte die Dame, lächelte ihr liebliches Lächeln und zeigte die ganze Pracht ihrer kleinen, weißen Zähne. »Dann steigt nur auf, alle drei miteinander. Allein könnt Ihr es nicht schaffen bei den vielen Räubern in diesem wilden Land.« Und so halfen uns ihre Damen beim Einsteigen hinten in den Wagen, wo wir es uns zwischen dem Gepäck bequem zu machen versuchten, so gut es eben ging. Das Ding ruckelte und rumpelte derart, daß mir schwante, am Abend würde ich nur noch aus blauen Flecken bestehen. Woran man wieder einmal sieht, daß Prunkentfaltung sehr lästig sein kann; lieber gehe ich zu Fuß, als daß ich jämmerlich fahre. Aber ich war so erschöpft, daß mich schon bald das Weinen überkam, und um mich abzulenken, fing Cecily an zu plappern. Sie ist in vielem älter als ihre Jahre und hört sich zuweilen ulkig an, vor allem wenn sie französisch spricht, und sie weiß, daß mich das stets aufheitert.

»Mama, was sind Scheu – Scheusale?« fragte sie.

»Dummchen, das nehmen doch die Mägde zum Fußbodenwischen«, antwortete Alison.

»Nein, das sind Scheuertücher, du dumme Gans«, erwiderte Cecily.

»Ein Scheusal«, antwortete ich und trocknete mir die Augen, »ist etwas Abstoßendes wie – Teufel oder etwas, das scheußlich aussieht.«

»Kröten auch?« fragte Cecily.

»Ja; Kröten sind häßlich, aus denen machen Hexen Gift. Aber Fingerknöchelchen von Gehängten sind vermutlich noch schlimmer.« Allmählich belebten sich meine Geister.

»Ach«, sagte Cecily enttäuscht. »Schade, daß wir keine Fingerknöchelchen kriegen konnten.«

»Ja, die wären auch nicht so kleber, kleber, klebrig gewesen«, sagte Alison.

»Was soll das heißen?« fragte ich argwöhnisch.

»Na ja, mein Rock ist doch so klebrig geworden, als ich die ganzen Kröten für Cecily getragen habe.«

»Mama, fahren wir wirklich nach London? In unser richtiges Haus?« kam Cecily rasch dazwischen, um das Thema zu wechseln.

»Natürlich«, antwortete ich.

»Aber es ist doch alles anders; Papa ist tot, und die bösen Männer können uns da finden.«

»Mir fällt schon etwas ein, Ehrenwort.«

Da wir uns auf Französisch unterhielten, hatte die dunkle Dame alles mitbekommen, obschon sie tat, als hörte sie nicht zu. Jetzt wandte sie den Kopf, blickte uns dahinten im Wagen an und fragte Cecily: »He, du kleine rothaarige Wilde, was hast du mit den Kröten gemacht?« Cecily schwieg und sah verlegen aus.

»Die haben wir Lady Petronilla ins Bett gelegt«, zwitscherte Alison, »weil sie so gemein ist. Wir können sie nicht ausstehen, Cecily und ich.«

»Du, du da, Cecilia«, sagte die dunkle Dame und blickte Cecily unter halb geschlossenen Lidern an, und dann lächelte sie ein bedächtiges, belustigtes, kleines Lächeln. »Wieviele?«

»Och, eine ganze Menge – wir mußten zweimal gehen. Unten im Schlamm im Burggraben gibt es ganz viele. Jetzt kriegt sie Warzen, und die hat sie auch verdient.«

»Ich sage es ja, Fra Antonio, meine Flüche wirken immer«, sagte die dunkle Dame zu dem Dominikaner gewandt, der direkt neben ihrem Wagen ritt. Dann redete sie ein paar Worte in ihrer eigenen Sprache mit ihm. Der Dominikaner lachte in sich hinein. Die Damen, die während des ganzen Wortwechsels geschwiegen hatten, taten es ihm nach. Dann sagte sie zu Cecily:

»Du gefällst mir, kleine Wilde, darum schenke ich euch etwas.« Die Mädchen spitzten die Ohren.

»Süßigkeiten?« fragte Alison erwartungsvoll.

»Nein, das Leben. Ich wollte euch, noch ehe wir die Abtei von Wymondley erreichten, heimlich die Kehle durchschneiden lassen. Und eure Leichen hätten wir noch vor Verlassen dieses Waldes aus dem Wagen geworfen. Oder Euch vergiften – nein, zu langsam.« Sie blickte sinnend in das volle goldene und rotbraune Blattwerk, das sich zu beiden Seiten hoch über dem ausgefahrenen, engen Weg wölbte. »Ja, Kehledurchschneiden ist besser. Bei den vielen Räubern hier…«

»So ein blödes Geschenk, ich wollte Süßigkeiten?« murrte Alison. Dann wandte sich die dunkle Dame mir zu und lächelte ihr liebliches, unschuldiges Kinderlächeln.

»Dumm von Euch, mir zu erzählen, daß Ihr den einzigen Erben der de Vilers tragt«, sagte sie.

»Aber ich habe doch nicht –« sagte ich und unterdrückte mein wachsendes Entsetzen.

»Haltet Ihr mich für dumm?« fragte sie und reckte das Kinn. »Ihr bringt das Geld in die Familie; der Bruder stirbt, der ältere Bruder erbt. Wenn Ihr sterbt, könnt Ihr nicht fortgehen und Euch mit jemand anders vermählen, der dann Anspruch auf das Geld hat. Wenn er Euch am Leben läßt, steckt er Euch ins Kloster. Doch wenn Ihr mit einem Erben schwanger seid, täte er gut daran, Euch beide umzubringen, sonst verliert er das Geld. Also brennt Ihr durch. Ist doch ganz einfach. Über Erbschaften weiß ich gut Bescheid. Die haben mich zur Marquesa gemacht. Die und Eisenhut.«

Beim Allmächtigen. In der Fremde herrschen andere Gebräuche als hierzulande.

»Ihr seid entsetzt? Glaubt ja nicht, daß ich sie alle eigenhändig vergiftet habe. Nein – das haben sie gegenseitig getan – abgesehen von ein, zwei –, danach fiel mir alles in den Schoß.« Sie hob die Handteller und blickte nach oben, als wollte sie eine himmlische Gabe entgegennehmen. Ihre schweren, edelsteinbesetzten Ohrringe schaukelten und glitzerten.

»Freilich«, sagte sie, wobei sie mich wieder anblickte, denn nicht einmal der Schatten, den das Spritzleder des Wagens warf, konnte meine weit und entsetzt aufgerissenen Augen verbergen, »selbst mein armer, kleiner Mann hat nicht mehr als ein Jahr durchgehalten – gerade lange genug, daß er meinem Schatz hier seinen Namen geben konnte. Wie jung er doch war, erst siebzehn Lenze, und so ungebärdig und unvorsichtig.« Sie blickte auf einmal rührselig, aber dann lächelte sie und rümpfte die gepuderte Nase, während ihr Blick in die Ferne schweifte. »Wenn zuhause ein Gewitter aufzieht, verläßt man sein Land zuweilen lieber für ein Weilchen. Eine heilige Pilgerfahrt – so fromm, so tadelsfrei – und wenn man nach Hause kommt, scheint die Sonne wieder. Politik – Männerpolitik. Wie ein schwarzes Wölkchen, findet Ihr nicht auch? Man muß schon ausnehmend dumm und jung sein, um dazubleiben und Streit anzufangen.«

Sie schwieg und sah mich mit neuerlichem Interesse an, so als hätte sie eine Stechmücke auf meiner Nase entdeckt. »Laßt Euch übrigens gut raten und haltet Euch beim Essen einen Vorkoster. Das ist nicht nur elegant, sondern auch praktisch. Wenn Ihr Euch keinen leisten könnt oder zu viele verliert, tun es auch Katzen. Die füttert Ihr unter dem Tisch. Das wird man Euch nur als überspannt ankreiden. Ich halte mir immer eine Menge Katzen. Darum bin ich auch so gut gefahren.« Sie nickte heiter, und ihr Geschmeide klingelte. Ich muß schon sagen, wenn solche Menschen ins Reden kommen, packt mich die Angst. Der Knabe krähte, und die Amme zog eine Rassel hervor und begann, ihm ein Liedchen zu summen. Ihre Damen fielen ein und sangen Worte, die ich nicht verstand. Ich hörte einen Bock durch das Unterholz brechen; die Männer wandten den Kopf, und ich sah, wie aus ihrer Wachsamkeit Bedauern wurde, als sie merkten, um was es sich handelte.

»Ist es wirklich Hugos Kind?« fragte ich nur aus Höflichkeit.

»Oh, der Knabe, natürlich. Mamas süßes Schätzchen. Schade, daß er ihn nicht anerkannt hat – er bekommt nämlich keinen Sohn mehr. Dafür sorge ich schon. Ich weiß genau, welche strega ich aufsuchen muß, die ihn dann mit einem Zauberbann belegt. Meine Rache ist absolut. Auf diese Weise bleibt hinterher kein heilloses Durcheinander. Warum ich Hugo nicht umbringe, weiß ich auch nicht. Wenn ich wollte, könnte ich vermutlich jemand schicken, der das erledigt. Aber wenn er lebt, muß er mehr leiden. War der jüngere Bruder wie Sir Hugo? Wenn ja, so seid froh, daß Ihr ihn los seid.«

»Er hat ihm überhaupt nicht geähnelt. Nicht im geringsten. Er war dunkel und gelehrt und konnte Sir Hugo nicht ausstehen. Er hat gesagt – daß Hugo unzüchtig ist und daß – oh, er war so gut und so freundlich und –« bei dem Gedanken, wie sehr ich Gregory liebte, fing ich furchtbar an zu weinen. Sie drehte sich um und übersetzte es ihren Damen, die sehr interessiert wirkten und aus Mitgefühl auch ein, zwei Tränen vergossen.

»Ah, man merkt, daß Ihr ihn geliebt habt. Dumm von Euch. Eine Frau sollte den Mann ihrer Liebe niemals heiraten, oder den Mann, den sie heiratet, nicht lieben. Das vernebelt das Hirn. Ich habe ein einziges Mal geliebt, aber das ist eine Krankheit, die vergeht. Nicht zu fassen – ich und frisch verwitwet und trauernd am Grab meines ersten Mannes. Was für ein hübsches Denkmal ich ihm doch gesetzt hatte. Alles sehr tragisch. Und dann kam er, der Eroberer aus fernen Landen, verdrehte seine feurigen, blauen Augen gen Himmel und schwor mir vor Gott ewige Liebe und Treue. Ich blickte auf von dem tränenüberströmten Stein – sein zum Himmel erhobenes Profil war das Abbild männlicher Inbrunst. Die Liebe, die dumme und verdummende Liebe, sie streckte mich wie ein feindliches Schwert ausgerechnet dort nieder.« Die dunkle Dame wirkte äußerst dramatisch. Zur Untermalung ihrer Worte ballte sie die Hände und schlug damit an ihre Brust, als wären sie ein niedersausendes Schwert. »Ich habe soviel gelitten und bin um meiner Liebe willen so weit gereist, aber jetzt bin ich richtig erleichtert, daß sie gestorben ist. Allmählich wurde sie zu einer lächerlichen Last. Jetzt bringe ich meine Ländereien in einen mächtigen Ehebund ein und halte mir Katzen.« Sie warf mir jählings einen scharfen Blick zu und sagte: »Hat er eigentlich Eure närrische Liebe erwidert?«

»Zunächst habe ich nicht daran geglaubt, aber dann wurde mir klar, er liebt mich auch – er schrieb das hier, bevor – man ihn vermißte.« Und ich zog das Blatt Papier aus meinem Kleid. Warum ich so ehrlich war, weiß ich auch nicht. Aber anders konnte man einen so schwierigen und überaus furchteinflößenden Menschen wohl kaum nehmen. Die Damen beugten sich vor, um einen Blick auf das Papier zu erhaschen, und fielen gegeneinander, als der Wagen durch eine besonders arge Furche rumpelte. Danach nahmen sie ihr Geplapper wieder auf.

»Ein Gedicht – Teil eines Gedichtes. Wie süß. Seine Herzenskönigin. Also dürfte er Euch geliebt haben. Eure Hände sind nämlich gar nicht so weiß. Um wirklich schön auszusehen, müßtet Ihr sie mit mehr Ringen schmücken. Eure sehen aus, als hättet Ihr tüchtig damit gearbeitet.«

»Ich weiß. Aber für ihn waren sie so.«

»Völlig vernarrt«, verkündete sie. Dann musterte sie mich eingehend. Was brütet sie jetzt schon wieder aus, dachte ich bei mir. Hoffentlich nichts Neues und Schlimmes.

»Euer Kleid wirkt vorn ziemlich ausgebeult. Was bergt Ihr noch darin?«

»Meinen Psalter«, sagte ich und griff in mein Überkleid.

»Ah«, sagte sie. »Deshalb konnte ich Euch nicht umbringen lassen.« Sie durchstöberte einen kleinen Mantelsack zu ihren Füßen und zog eine winzige Schachtel hervor.

»Mutter dieser Wilden, ich habe auch für Euch ein Geschenk. Es war für Hugo bestimmt. Ich weiß auch nicht, was über mich gekommen ist, daß ich es ihm nicht gegeben habe. Ein Verlobungsring. Aber nachdem er seine Seele der Hölle überantwortet und falsch Zeugnis auf das Wahre Kreuz abgelegt hat, fand ich, es reichte. Habt Ihr gesehen, wie er sich gedreht und gewunden hat? Als schmorte er bereits im Höllenfeuer.« Sehr zufrieden mit sich öffnete sie das Kästchen. Drinnen lag ein märchenhaft gearbeiteter, juwelenbesetzter Ring aus Gold und Silber, der war geformt wie eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschluckt.

»Nicht anfassen – er ist vergiftet. Einer der größten Giftmischer Roms hat ihn für mich angefertigt. Kann sein, Ihr braucht ihn eines Tages, um einen Ehemann loszuwerden. Oder selber der Welt zu entfliehen. Schiebt ihn einfach auf den Finger. Das Gift wirkt schnell und schmerzlos, obschon der Leichnam hinterher kein schöner Anblick ist. Ich trage dergleichen auch immer bei mir. Man kann nie wissen, wann einen das Leben einholt. Habe ich Euch schon von der Base meiner Großmutter erzählt? Die wurde mit ihren Töchtern bei lebendigem Leibe verbrannt, vorher aber häutete man ihre Söhne vor ihren Augen. Dort, woher ich komme, rottet man seine Feinde mit Stumpf und Stiel aus – so bleibt kein Rächer übrig. O ja, ein Ring wie dieser kann unendlich nützlich sein.«

Mich schauderte, aber ich nahm das Kästchen und dankte ihr, so gut ich es vermochte. Sie gehörte nicht zu den Gastgeberinnen, die man vor den Kopf stoßen durfte. An jenem Abend wurden wir im Kloster prächtig untergebracht und speisten zur Rechten des Abtes höchstpersönlich. Und die ganze Zeit über jubelte meine Seele ›London, London und Freiheit‹.

»Die Hexe ist entflohen!« brüllte Sir Hugo, als die Suchmannschaft ihm im Palas Bericht erstattete. »Um so besser. Die wird unterwegs ermordet und kann keinen Penny mehr für sich beanspruchen. Ich sollte ein Freudenfest feiern.« Wer im Hause auf Hugos Stern gesetzt hatte, grunzte und jubelte Beifall. Doch hinter dem Wandschirm scharte sich alles um den alten Lord, was auf dessen Genesung setzte. Er saß an die Kissen gelehnt und lächelte, und das wirkte wie ein Abglanz seines ehemals wölfischen Grinsens.

»Das Kind ist in Sicherheit, Wat«, flüsterte er. »Langsam wird es interessant. Ich glaube, ich möchte wieder gesund werden. Bring mir Würzwein – aber gib erst den jungen Hunden davon. Mir gefällt die Nase der Amme da nicht, die Lady Petronilla mitgebracht hat.«

So also standen die Dinge in den nächsten Tagen, als das Horn am Tor einen weiteren Besucher ankündigte und Sir William Beaufoy in Begleitung von zwölf Reisigen mit einer Botschaft Einlaß gewährte, welche das Siegel des Herzogs von Lancaster höchstpersönlich trug. An jenem Tag wurde im Palas Gericht abgehalten, und die Menge der Bauern machte der prächtigen Gesellschaft Platz. Sie strebte geradewegs zu Sir Hugos erhöhtem Sitz, von wo er an Stelle seines Vaters Recht sprach. Sir William hieß den Schreiber, welcher ihn begleitete, vortreten und der versammelten Menge den Brief vorlesen. Sein Inhalt machte, daß Sir Hugo erbleichte. Es schien, Sir Gilbert de Vilers hatte vor seinem Aufbruch in die Normandie ein Testament gemacht, in dem er alles seiner Wittib hinterließ, und es dem Herzog zur Verwahrung in England anvertraut. Und jetzt gemahnte der Herzog in dem bestimmten Ton des Lehnsherrn gegenüber einem weitaus niedrigeren Vasallen Sir Hubert und seinen ältesten Sohn daran, daß er, der Herzog, geschworen habe, Witwen und Waisen zu beschützen. Und er drohte ihnen sein äußerstes Mißfallen an, falls sie nicht die Wittib und ihre Töchter nach Kenilworth schickten, wo man aufs Prächtigste für sie sorgen würde, bis der Herzog eine passende Heirat für sie mit einem seiner wackeren Ritter vereinbaren könnte.

»Das geht nicht«, sagte Sir Hugo und erbleichte erneut. »Sie ist entflohen.« Der Fluch, dachte er. Der Fluch wirkt schon. Zuerst die Kröten, dann dieses. Bis ins Grab hatte sie gesagt. Oh, Gott, was habe ich getan?

»Entflohen?« erwiderte Sir William. »Dann würde ich mich an Eurer Stelle auf die Suche nach ihr machen und nicht ruhen und rasten, bis ich sie gefunden hätte – und das bei guter Gesundheit. Ich, an Eurer Stelle, würde das Mißfallen des Herzogs nicht riskieren.« Zufrieden mit dem ganzen Schwall von Befehlen, mit denen Sir Hugo den Suchtrupp zusammenstellte, widmete sich Sir William nun seinem alten Waffengefährten, Sir Hubert, dem er auf seinem Sterbelager Trost zusprechen wollte.

»Ei, ei«, flüsterte Sir Hubert auf dem großen Bett hinter dem Wandschirm, »der große Fisch verschluckt den kleinen.« Seit er auf den Tod gelegen hatte, sah er alles viel klarer. Die äußerliche Hülle der weltlichen Dinge war verschwunden, und die nackten Knochen der Ereignisse traten zutage.

»Fisch?« Was meint Ihr damit?« sagte Sir William, der auf der Bettkante neben seinem siechen Freund saß.

»Ach, nichts. Die Fische in meinem Teich damals, ehe wir sie zur Fastenzeit verspeist haben.« Der ironische Ton war unverkennbar. »Jetzt dürfte es wirklich interessant werden. Ich will gesund werden. Ich möchte doch mitbekommen, wie alles ausgeht.«

Doch Sir William argwöhnte, das ganze Gerede über Fische bedeutete, daß Sir Hubert nicht mehr ganz bei Sinnen war. Ja, ja, so geht es oft vor dem Ende. Er will mich trösten, darum tut er so geheimnisvoll. Ritterlicher, alter Knabe. Schade, jammerschade, fand Sir William. Und während er seinem alten Freund einen Leckerbissen vom Hofklatsch auftischte, dachte er bei sich, ich muß meiner Frau sagen, daß sie meine schwarze Bruch flickt.