Kapitel 2
Als die Morgenröte durch die Bettvorhänge blinzelte, hörte ich im Zimmer draußen Bewegung und Gestöhn. Die Welt, der Alltag, hatte uns wieder, so als wäre nichts geschehen. Irgendwer hatte in die Binsen gebrochen, es stank ekelhaft. Die Turmtür stand offen – irgendwie mußten sie den alten Mann in sein großes Bett im Turmzimmer hochgeschleift haben. Doch die, welche die Stiege überhaupt geschafft hatten, waren nicht weiter als bis in den Söller gekommen. In dem Knäuel von Leibern auf dem gegenüberliegenden Bett konnte ich Hugos Kopf und einen seiner Arme ausmachen. Überall auf dem Fußboden lagen weitere, vollbekleidete Zecher herum. Es sah aus, als hätte die Pest das Haus befallen. Gregory öffnete die Augen, zog mich vom offenen Vorhang zurück und riskierte dann selbst einen Blick.
»Hm. Bacchus' Walstatt«, sagte er und zog den Kopf wieder ein. Dann ließ er sich in das Federgewühl zurückfallen und legte beide Hände hinter den Kopf. Versonnen blickte er zu dem durchhängenden Betthimmel hoch, und auf seinem Gesicht breitete sich langsam ein Lächeln aus. Durch die geöffneten Bettvorhänge drang ein dünner Lichtstrahl, zeichnete die Linie seines Armes nach und ließ sein dunkles Haar aufschimmern, als ob es immer noch von der rasch dahinschwindenden nächtlichen Feuersbrunst glühte.
»Mein Gott, war das schön. Ich hatte ja keine Ahnung, daß es so sein würde. Ich meine, verheiratet zu sein und das alles.« Seine Stimme klang zufrieden. O Morgen, ach Morgen, warum mußtest du kommen? Warum müssen wir bei Tage immer so prosaisch sein? Ich wärmte mich an dem Rest der schwindenden Glut, so als könnte mir das Andenken an die vergangene Nacht über den kalten Tag hinweghelfen.
»Ich bin hungrig, Gregory.«
»Ich auch. Weißt du noch, wie du mich immer gezwungen hast, vor deinem Unterricht zu frühstücken? Du hast gesagt, ohne Frühstück wäre ich zu nichts zu gebrauchen.« Wie konnte er nach allem, was geschehen war, nur wieder ganz der Alte sein? Wie konnte nur alles beim Alten sein?
»Wie wäre es, wenn ich nach unten gehen und nachsehen würde, ob jemand in der Küche ist.« Auf einmal war ich am Verhungern.
»Du hast uns in deinem Haus immer ein gutes Frühstück vorgesetzt. Vater behauptet natürlich, daß Frühstück nur für Kranke ist und alle, ausgenommen Schlappschwänze, bis zum richtigen Mittagessen um elf warten können.« Ich traute meinen Ohren nicht. War das derselbe Mann, der meinen Leib mit einem unstillbaren Feuer entflammt hatte? »Was Gott wohl zu Frühstück sagt?« fuhr er heiter fort. »Na ja, da Er nicht ißt, wäre das für Ihn eine rein theoretische Frage, doch…«
»Hilf mir, bürste mir die Federn vom Rücken, dann ziehe ich mich an und treibe etwas zu essen auf.«
»Ei, Margaret, du darfst heute doch nicht das Bett verlassen, sonst denken die noch, daß ich dich nicht hart genug gezüchtigt habe.«
»Aber ich kann nicht im Bett bleiben. Ich habe keine Kinderfrau, und ich habe den Mädchen versprochen, daß sie heute auf dem Esel reiten dürfen.«
»Die können ruhig einmal warten. Du kannst nicht aufstehen, bis alle anderen auf sind, und wenn jemand mit dir redet, dann wimmere ein wenig.«
»Aber hier ist alles voller Federn. Ich will nicht im Bett bleiben.«
»Tut mir leid, aber das ist ein Befehl. Wer ist hier der Herr im Haus?« Eine seiner Brauen wölbte sich ironisch.
»Davon geht mein Hunger nicht weg. Willst du mich hier den ganzen Morgen hungern lassen?«
»Keine Bange, ich schicke jemanden hoch – falls ich jemanden auftreibe.« Und damit ging er pfeifend nach unten.
Schon bald polterten Schritte die Stiege hoch, und ein Mädchen in Holzpantinen suchte sich durch die Leiber einen Weg zum Bett. Der Krach, den ihr Schuhwerk machte, entlockte ihnen ein Stöhnen, und ich hörte sie sagen: »Meiner Treu, ist das ein Gestank hier!« Und dann tauchte sie mit einem Tablett am Bett auf. Es war Cis, die Waschfrau. Sie hatte sich die Ärmel ihres alten, grauen Wollkleides hochgekrempelt und über den Ellenbogen festgesteckt. Ihr buttergelbes und dampffeuchtes Haar hing ihr in schlaffen Locken um das runde Gesicht. Sie war mir schon aufgefallen als die einzige Frau in einem frauenlosen Haus, eine mollige, emsige, kleine Gestalt, die sich nie viel mit der Wäsche zu befassen schien. Doch aus der Nähe betrachtet war sie eher vollbusig als mollig und zu klein für ihr Alter, das ungefähr bei sechzehn Lenzen liegen durfte. Sie machte so große Augen, daß ich mir schon wie ein Einhorn vorkam.
»Nein, was für Federn überall. Er muß es Euch aber tüchtig besorgt haben.«
Sie sprach einen so breiten, bäurischen Dialekt, daß ich sie kaum verstand. Doch da ich mir ehrlicherweise kein Stöhnen abringen konnte, sagte ich nur:
»Ist das das Frühstück? Kann ich es haben?«
Sie blickte überrascht auf das Tablett, so als hätte sie es für einen Augenblick vergessen gehabt. »Ja. Das schickt er Euch hoch. Gewiß tut es ihm leid. Habt Ihr ein Glück. Den anderen tut so was nie leid.«
Was für ein taktloses Mädchen. Ich überlegte, woher sie Bescheid wußte. Ich wollte mich über das Essen hermachen, aber sie wich und wankte nicht. Sie stand da und hielt Maulaffen feil. Endlich hatte ich genug gegessen und konnte fragen:
»Warum starrst du mich so an?«
»Ohhh. Ich habe noch nie eine Dame zu Gesicht gekriegt, und ich muß alles gut behalten, damit ich den anderen davon erzählen kann.« Ihr Blick wanderte zum Kleiderhaken.
»Sind das Eure Anziehsachen?« fragte sie und befühlte mein Hemd. »Hübsch. Leinen, was?« Dann sah sie das Überkleid, das darunter hing. »Meiner Treu. Das ist ja Gold – und grüner Samt auch noch. Ist das aus London?«
»Es wurde dort genäht, aber der Stoff kommt aus Genua.«
»Das ist weit weg, was?«
»Sehr weit weg. Mein verstorbener Mann hat es mit dem Schiff nach England gebracht. Aber sag, ist unten schon jemand auf?«
»Kaum einer. Das Hausgesinde liegt noch im Palas rum, aber der Koch ist auf, obwohl ihm der Schädel brummt. Das Hofgesinde hat die Pferde aus dem Stall geholt und Mam und ich, wir waren just auf dem Hof, wollten die Tischtücher auskochen, da kam Master Gilbert. Von Mam weiß ich alles über Damen: Sie hat Lady Bertrande fast jeden Tag zu Gesicht gekriegt. Aber ich kann mich überhaupt nicht an sie erinnern. Sie ist gestorben, da war ich noch ganz klein. Alle sagen, daß sie die größte Dame auf der ganzen Welt war. Als die nach ihrer Hochzeit hierher gekommen ist, da hat sie haufenweise Truhen von zuhause mitgebracht. Und Falken und Jagdhunde und einen Schimmel und ein Schoßhündchen und zwei Stallknechte und einen Kaplan und drei Mägde.« Woraufhin sie mich von Kopf bis Fuß musterte. »Ihr habt keine Mägde, was?«
»Hier nicht.« Allmählich ging sie mir auf die Nerven.
»Aber alles andere habt Ihr doch? Die Truhen und das Schoßhündchen und so, irgendwo, was?«
»Ja, natürlich.« Wie gräßlich. An einem Schoßhündchen gemessen zu werden. Wie würde ich sie enttäuschen, wenn ich ihr erzählte, daß ich gar keine richtige Dame war. Nur die Wittib eines Kaufmanns mit Geld. Und was wird aus mir, wenn das Geld aufgebraucht ist, überlegte ich. Dann dürfte ich hier auf ewig festsitzen und Flickarbeit für andere machen – die nutzlose Frau des nutzlosen jüngeren Sohnes. Wenn doch nur die Besitzansprüche endlich geklärt wären, dann könnte Gregory mich fortbringen, dachte ich bei mir. Ohne seine Verwandtschaft würde alles viel besser laufen. Mann und Frau müssen sich schließlich nicht lieben, um gut miteinander auszukommen. Man denke nur an letzte Nacht. Der Teil der Ehe, der ist gut. Und er hat auf seine Art wirklich etwas für mich übrig. Und er ist klug – der Gesprächsstoff wird uns nie ausgehen. Wir könnten glücklich sein. Wir könnten seine Familie zweimal – na gut, einmal im Jahr besuchen. Ja, einmal – das sollte reichen. Nur bis die Möbel durch die Gegend fliegen. Viele Tage ohne Möbelflug dürfte es ohnehin nicht geben. Wer bei Verwandten wohnt, bekommt Eheprobleme. Und dabei halten es fast alle so, vor allem der niedere Adel. Doch in der Regel ist es der älteste Sohn, der im Haus seines Vaters wohnen muß, bis er sein Erbe antreten kann, und oft genug treibt ihn das an den Rand des Wahnsinns. Wenn ich also Gregory dazu bringen kann, die Sache mit meinen Augen zu sehen, dann begreift er, daß wir Glück haben, wir können es uns anders einrichten.
Unterdes hatte sich Cis wieder soweit gefaßt, daß sie einen Knicks machte und dann durch die ächzenden und zuckenden Leiber davonklapperte. Ich zog den Bettvorhang zu und wollte mich gerade wieder über das Frühstück hermachen, als ich ein Rascheln vor dem Bett hörte.
»Mama, dürfen wir rein?«
»Mama, hast du da drin etwas zu essen? Wir sind auch hungrig.« Sie hatten sich so unmöglich angezogen, wie es Kinder eben tun: Cecily hatte Alisons Kleid an, und das auch noch mit der Innenseite nach außen. Sie kamen ins Bett geklettert.
»Sieh mal die Federn! Mama, du hast ja das ganze Bett entzweigemacht, und wir haben hier niemand, der es ausbessert.« Recht hatten sie – ich besaß nicht einmal eine Nadel, mit der ich das Kissen wieder zunähen konnte. Keiner hatte daran gedacht, mir auch nur einen einzigen nützlichen Gegenstand aus dem Haus in London mitzubringen. Männer. Ich hatte die Truhe mit Master Kendalls Astrolabium, seine Bücher und sein sarazenisches Krummschwert, aber keine Nadel, keine Kunkel oder irgend etwas, das eine Frau brauchen mochte. Na gut, dachte ich bei mir, wenn sie hier Kleider haben, dann gewißlich auch Nadel und Faden. Ich warte noch eine angemessene Zeit, damit Gregory zufrieden ist, dann ziehe ich mich an und mache mich auf die Suche. Jemand muß doch die Flickarbeit machen. Vielleicht bekomme ich die Wäscherin dazu, daß sie die Federn wieder ins Kissen stopft und Ordnung macht. Unterdes hatten die Mädchen fast das ganze Frühstück aufgegessen und bettelten, daß sie nach unten durften.
»Geht gleich zu John in den Stall, und den Esel dürft ihr nur auf dem Hof reiten. Und immer schön abwechseln. Cecily, wehe, du drängelst dich vor, laß Alison auch mal reiten. Und paß auf sie auf, sie ist noch so klein und könnte sich etwas tun. Ehrenwort?« Sie sahen so lieb aus, als sie mir das versprachen. Cecily, die für eine knapp Sechsjährige groß und dünn ist, schüttelte den ungebärdigen roten Lockenschopf. Ihre Haare wirkten ungekämmt; sie waren ihr so lästig wie die hingetupften Sommersprossen auf ihrer Nase, die jeden Sommer einfach wieder zum Vorschein kommen, und wenn ich sie noch so viel mit Gurkensaft betupfte. Alison ist noch keine vier, da weiß man nicht recht, ob sie auch einmal Probleme mit Sommersprossen bekommt. Bislang ist sie so rosig und weiß wie eine Rosenblüte. Das süße Dingelchen steckte zwei Finger in den Mund und blickte mich aus großen, blauen Augen ernsthaft an.
»Ja, Mama, Ehdenwoot«, sagte sie. Die Wellen ihrer erdbeerroten Haare glänzten im Strahl der Morgensonne, der durch den schmalen Spalt fiel, den sie hier Fenster nannten. Ein Engel, dachte ich. Sie sieht genauso aus wie ein Engel. Gott schütze sie beide. Aber ich lerne es wohl nie. Meine Mädchen sehen nur bei zwei Gelegenheiten wie Engel aus: Wenn sie krank sind und wenn sie etwas aushecken. Wie gut, daß ich ihre Gedanken nicht lesen konnte. Sie setzten damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die alles verändern sollten.
Der Sieur de Vilers war im Morgengrauen aufgestanden, hatte die Andacht in der Kapelle gehört und machte sich jetzt zu einem Ausritt fertig, um seine Koppel zu besichtigen, auf der eine Reihe tragender Stuten ging. Weit war es nicht dorthin, doch ein Ritter setzt keinen Fuß auf die Erde, wenn er reiten kann, und so stand er denn oben an der Treppe vor der niedrigen, geschnitzten Rundbogentür, die in seinen ›Rittersaal‹ führte und wartete darauf, daß ihm der Stallknecht den frisch gesattelten Fuchs brachte. Gar kein so übles Pferd – es maß gute fünfzehneinhalb Handspannen und war groß genug, daß sich seine Ahnen nicht im Grab umdrehen mußten, weil man ihn auf einem zu kleinen Pferd erblickte – außerdem hatte das Tier wirklich eine angenehme Gangart. Aber es war auch dreimal weiß gefesselt, und das galt als großer Makel. Die Fesseln sprachen nicht für den Züchter, aber der Gang. Und so hatte Sir Hubert es kastrieren lassen. Nun konnte er sich auf dem Pferd zwar nicht mehr unter seinen Standesgenossen blicken lassen, sein Paßgang jedoch war genau das Richtige für seinen Brummschädel, auf dem Beelzebub höchstpersönlich die ganze Nacht gehockt zu haben schien.
Wenn er sich seine Stuten ansah, würde er sicher zu einem Entschluß kommen. Es war noch früh im Jahr, wirklich noch zu früh, und er hätte gern erst einige Fohlen gesehen, ehe er sich zu etwas durchrang, doch die Entscheidung duldete keinen Aufschub. Der Herzog wollte erneut gegen Frankreich ins Feld ziehen, und er hatte sich verpflichtet, ihm Heeresfolge zu leisten. Es mußte also etwas geschehen, wenn er mit einem einzigen Hieb die Stricke durchtrennen wollte, mit denen ihn diese verfluchten Advokaten gefesselt hatten, um ihm sein gutes Recht zu verweigern. Wer hatte schließlich alles gewagt und den Preis davongetragen? Er, und nicht sie. Und er würde, verdammt nochmal, jeden Penny und jeden Quadratfuß behalten. Die Beute war ansehnlich, und sie stand ihm zu. Diese Höllenhunde mit ihrem ganzen Papier und ihrem lateinischen Gebrabbel sollte man allesamt ihrem gräßlichen Schöpfer zurückschicken, diesem Oberlügner. Es gab nur noch eine schlimmere Sorte, die Richter – insbesondere jene, welche Geschenke von Landräubern und Leuten mit falschen Rechtstiteln annahmen. Leute von gemeinem Blut, die durch den Mund von Rechtsanwälten sprachen, statt von Mann zu Mann, und sich einbildeten, daß sie mit der Unterstützung des Grafen obsiegen könnten. Ha, die würden schon noch merken, daß mit Sir Hubert de Vilers nicht gut Kirschen essen war; er würde den Gegenhebel ansetzen.
Wie gewöhnlich beruhigte ihn der Anblick seiner Stuten, die bis auf eine friedlich und hochtragend grasten. Der kalte Wind sträubte ihnen das zottelige Winterfell, als sie den Kopf hoben und ihn anblickten. Wandelndes Gold, allesamt. Ja, er würde es tun. Ein Herzog kann jederzeit einen Grafen ausstechen – insbesondere sein Herzog, der größte Kriegsherr ganz Englands. Er würde ihm den französischen Zuchthengst schenken, den berühmten französischen Hengst, den er aus dem Krieg mitgebracht hatte, und das würde vor Gericht die Waagschale zu seinen Gunsten senken. Ein Opfer natürlich, doch nicht so schlimm, wie es den Anschein hatte, da genug Stuten tragend waren. Und der Jüngste war der Hengst auch nicht mehr. Ein prächtiges Tier und immer noch ein Schlachtroß für einen richtigen Mann: Ein Falber, fast siebzehn Handspannen groß und ebenso breit. Taugte auch gut zur Zucht, selbst mit den jämmerlichen, englischen Stuten, mit denen er anfangs hatte kreuzen müssen. Jetzt hatte er die Linie zurückgekreuzt und damit etwas, das sich durchaus sehen lassen konnte. Nur die Brust war noch nicht tief genug. Wenn man irgendwie Brust und Größe des Rappen und Kruppe und Veranlagung des Falben zusammenbekommen könnte – dann wäre er fast am Ziel, ja, fast am Ziel. Natürlich mußte man mit dem Temperament des Rappen rechnen. Feurig, zu feurig, doch das dürfte sich mit dem Alter legen. Es gibt keinen Grund, nicht den geringsten, überlegte der alte Ritter trotz seiner Kopfschmerzen, warum die Franzosen die besten Streitrösser züchten sollten. Wenn alles klappte, würde er es eines Tages haben: das vollkommene englische Schlachtroß.
Wie er so auf der braunen, schneegesprenkelten Koppel unter dem hohen, finster dräuenden Himmel stand, konnte er für einen Augenblick beinahe den Traumhengst vor sich sehen. Achtzehn Handspannen groß, breit wie ein Haus, mit eisenbeschlagenen Hufen von der Größe einer Bratenplatte und unter dem üppigen Kronenrand kaum zu sehen. Ein Falbe natürlich, die beste Farbe, mit tiefdunklen, samtenen Nüstern und ohne häßliches, fehlfarbenes Auge. Die de-Vilers-Rasse, so dürfte sie heißen, und ein Mann würde sich nicht anständig beritten vorkommen, wenn er kein solches Pferd besaß.
Doch seine Träumereien wurden von schrillen, dünnen Stimmchen unterbrochen, dazu schnaubte und grollte ein aufgestörter Hengst. Etwa Bauernbälger im Pferch? Nein, bei Gott, die Bälger der Wittib.
»Hol die Haferkumme und schieb sie durchs Gatter, Alison, und wenn er zur Wand kommt und fressen will, steige ich auf. Dann machst du das Gatter auf. Klar?« Das war die Größere. Wie alt war sie? Für ihn sahen alle Kinder gleich alt aus: klein. Hatte ihre Mutter nicht gesagt, sie wäre fast sechs? Wie ein Eichhörnchen war sie auf die Steinmauer um den Pferch des schwarzen Hengstes geklettert, wobei sie sich mit den Zehen in den Mauerritzen festkrallte, und jetzt tauchte ihr ungebärdiger, roter Lockenschopf auf der Mauerkrone auf, sie machte sich bereit, sich auf den Rücken des Hengstes fallen zu lassen. Die kleine Gestalt zeichnete sich vor dem Morgenhimmel ab, ohne Umhang und barfuß, so kauerte sie wie eine Katze, die zuspringen will. Verdammt nochmal, sie hatte Urgan gereizt; wenn der sich jetzt gegen die Mauer warf, konnte er sich etwas tun. Vor dem Gatter stand die Kleinere in einem Umhang mit Zipfelmütze im Morast.
»Jetzt, Alison, mach den Riegel auf und lauf weg«, rief das dünne Stimmchen. Der Hengst schnaubte, warf den Kopf zurück und rollte wild mit den Augen, als sich das winzige Wesen auf seinen Rücken fallen ließ. Schon wollte er es an der Mauer zerquetschen, da ging das Gatter auf, und so warf er sich stattdessen mit der mächtigen Brust dagegen, daß es krachend aufflog und Alison in den Schlamm warf.
»Cecily, nei-i-i-n!« kam von weiter weg ein Schrei aus dem oberen Fenster. Zu spät. Aus unerfindlichen Gründen erschreckte der schrille, dünne Schrei den Hengst, und statt Tod auszuteilen, ergriff er die Flucht.
»Lenkt ihn ab!« brüllte Sir Hubert seinem Stallknecht zu und gab dem elenden Wallach die Sporen. Außergewöhnlich kühn, dieses Balg: Sie würde es nicht schaffen, sich mit ihren kurzen Beinchen auf dem riesigen Tier zu halten. Dazu brauchte man Balance und Hände – und ihre hatten sich tief in die Mähne des Hengstes gekrallt und hielten sich fest, so gut es eben ging. Doch lange dürfte es nicht dauern. Bei jedem Schritt wurde sie hochgeworfen; der kleinste Zwischenfall, und sie lag unter den donnernden Hufen. Sie blickte mit glasigen Augen stracks geradeaus, so wild entschlossen und erschrocken war sie. Der Rappe wollte zu dem breiten Bach mit dem steinigen Untergrund, der sich durch die Koppel schlängelte und Brokesford den Namen gegeben hatte. Bei diesem Tempo und bei all den glitschigen, noch schneebedeckten Stellen auf dem Boden würde das Pferd stürzen und sich den Hals brechen und obendrein wahrscheinlich die kleine Reiterin töten. Sir Hubert setzte sich im gestreckten Galopp neben die rechte Flanke des Hengstes und war einen Augenblick lang auf gleicher Höhe mit dem rasenden Tier. Die schaumbedeckten Flanken des Hengstes hoben und senkten sich; er rollte irre mit den Augen. Gute Veranlagung, scheußliches Temperament, dachte der alte Ritter genau in dem Augenblick, als er das Balg am Hinterteil seines Kleides erwischte und es über den Widerrist seines Fuchses warf. Und während sein Prachthengst ganz außer sich auf den Bach zudonnerte, kreischte das undankbare, kleine, vor ihm liegende Bündel:
»Runterlassen! Es ging so gut!«
»Gut, weiß Gott, du kleines Ungeheuer, du hast meinen Hengst auf dem Gewissen. Und wenn du für mich nicht achthundert Pfund wert wärst, ich würde dir auf der Stelle den Hals umdrehen!«
Er hatte es vorausgesehen. Das Pferd taumelte wie von allen guten Geistern verlassen ins Wasser, rutschte aus, fiel hin und stand nicht wieder auf. Im Wasser schlug es um sich und schrie, hob ganz außer sich den Kopf und blickte sich mit entsetzten Augen um. Man konnte Geschrei hören, und vom Haus kamen Menschen angelaufen, und als der Stallknecht eintraf, war Sir Hubert bereits abgestiegen. Von oben bis unten voll Schlamm und Blut, so stand er im morastigen Bach und versuchte, den riesigen, glitschigen, nassen, um sich schlagenden Kopf des Pferdes festzuhalten.
»Er hat ein Bein gebrochen«, rief er dem Stallknecht zu. »Gib mir dein Messer; ich muß ihm die Kehle durchschneiden.« Das hatte er schon oft auf dem Schlachtfeld tun müssen – und nur bei solchen Gelegenheiten konnte man ihn einmal weinen sehen. Doch einem Schlachtroß zu Hause den Gnadenstoß zu geben, dem besten, in das er sein gutes Geld gesteckt hatte, ja, das brachte ihn vor Wut und Gram fast um den Verstand. Nicht zu fassen, dieser Verlust, und dumm obendrein; es war ein solcher Wahnsinn, daß niemand zu sagen wußte, wie die Sache ausgehen würde. Der Stallknecht zögerte einen Augenblick, als er den Befehl hörte. Etwas Schöneres als diesen Hengst hatte Sir Hubert noch nie mit nach Haus gebracht. Wider besseres Wissens sagte der Stallknecht: »Im Ernst, Sir?«
»Verdammt nochmal, mit gebrochenen Beinen kenne ich mich nun wirklich aus. Reich mir das Messer.« Morgens noch das schönste Pferd auf zwanzig Meilen in die Runde. Abends Hundefraß. Sir Hubert spürte, daß ihm etwas übers Gesicht lief, und dieses Zeichen von Schwäche machte ihn nur noch zorniger. Der Stallknecht watete ins Wasser und bemühte sich, daß er auf den Steinen neben fast einer Tonne um sich schlagenden, blutenden Pferdefleisches nicht ausrutschte und unter die tödlichen Hufe geriet, die einem Menschen den Brustkasten mit einem einzigen Hieb zerschmettern konnten. Welcher Teufel war in den alten Ritter gefahren? Konnte er nicht abwarten, bis das Pferd erschöpft war, um es dann zu erlösen? Aber fragen stand ihm nicht zu. Doch als der Stallknecht es endlich schaffte, seinem Herrn das Messer mit dem Griff voran hinzustrecken, warf das Pferd den Kopf hoch, das Messer flog ins Wasser, kreiselte und war verschwunden.
Fluchend versuchte der alte Mann, das Pferd mit einer Hand beim glitschigen Hals zu packen, während er mit der anderen nach seinem eigenen Messer griff: genau die Bewegung, die er hatte vermeiden und weswegen er das Messer des Knechts hatte haben wollen. Aber er schaffte es nicht, denn als das Tier merkte, daß der Griff an seinem Kopf sich lockerte, richtete es sich auf und hob den Leib halbwegs aus dem Wasser; dabei verlor Sir Hubert das Gleichgewicht und kam im eiskalten Wasser teilweise unter dem Schlachtroß zu liegen, und das gewaltige Tier drohte, ihn einzuklemmen und zu ersäufen.
»Sir, Sir!« schrie der Knecht, packte den alten Ritter bei den Schultern und versuchte, ihn hervorzuziehen und aus der Gefahrenzone zu schaffen. »Hilfe, Hilfe! Mein Herr ist eingeklemmt!« Zwei weitere Knechte, die zum Schauplatz gelaufen waren, platschten in den Bach, um ihren Herrn herauszuholen. Weiter weg waren dunkle Gestalten zu erkennen, die zum Bach rannten. Schweigend stand Cecily am Ufer, sie rührte sich nicht vom Fleck und starrte bänglich und fasziniert auf die Katastrophe, die sie heraufbeschworen hatte. Dann übertönte Gregorys donnernde Stimme den Aufruhr:
»Bringt ihn ans Ufer! Wickelt ihn in meinen Umhang!«
»Einwickeln, mich? Mich wickelst du in gar nichts ein, du dummer Junge!« schrie der alte Mann mit klappernden Zähnen.
»Um Himmels willen, Vater, trockne dich ab, du wirst sonst krank. Ich erlöse den Hengst.«
»Du willst ihn erlösen? DU? Den Spaß gönne ich dir nicht! Du Bücherwurm! Ich mache meine Drecksarbeit immer noch selber. Das ist das Pferd eines Ritters, und nur ein Ritter gibt ihm den Gnadenstoß!«
Unterdessen hatte sich Margaret hastig angezogen und kam barhäuptig mit wild flatternden Haaren gelaufen, um nach ihren Kindern zu sehen. Als sie den Bach erreichte, zog sie ein verdrecktes, schluchzendes, kleines Mädchen hinter sich her. Sie hatte nur Alisons hochrotes und wutentbranntes Gesicht gesehen und ihr Gekreisch gehört: »Ich bin nicht drangekommen! Cecily hat gemogelt!« da war ihr auf der Stelle klar, daß ihr Kind unversehrt und ganz war. Jetzt sah sie sich kurz ihre Älteste an, ehe sie die chaotische Szene am Bachufer betrachtete. Gut, es geht ihr nur zu gut, war Margarets Gedanke, als sie mit schmalen Augen und schlauem Blick die nachdenkliche, barfüßige, kleine Gestalt musterte, die das Ganze mit großen Augen in sich aufnahm. Das kleine Mädchen war starr vor Entzücken über die so unterschiedlichen Ereignisse, die es in Gang gesetzt hatte. Gregory und sein Vater stritten sich am Ufer, die Knechte standen wie angewurzelt, und mitten im Bach lag der Stolz von Brokesford zweieinhalb Fuß tief mit blutenden, bebenden Flanken im morastigen, strudelnden Wasser auf den scharfen Steinen des Baches. Margaret erfaßte mit einem Blick die rollenden, irren Augen des verschreckten Hengstes und watete ohne zu zögern in das eiskalte Wasser.
»Weg da, Margaret, er bringt dich um!« schrie Gregory und ließ vom Streit mit seinem Vater ab.
»Er hat sich verletzt«, rief Margaret, ohne stehenzubleiben.
»Natürlich hat er sich verletzt, du blödes Frauenzimmer. Dein Balg hat ihm das Bein gebrochen, und das kostet ihn das Leben«, brüllte Sir Hubert.
»Vielleicht doch nicht gebrochen –« Der Wind wehte Margarets Stimme davon. Jetzt hatte sie Urgans Kopf erreicht und sprach leise und zärtlich auf ihn ein, während sie nach seinem langen Maul faßte.
»Was zum Teufel versteht ausgerechnet Ihr von Pferden? Ich habe Euch reiten sehen – wie ein Bauer auf seinen Getreidesäcken, der seinen Klepper zum Markt führt. Weg da, laßt mich tun, was getan werden muß.« Der Sieur de Vilers hatte jetzt ein anderes Messer und watete damit zurück ins Wasser. Das Schlachtroß rollte nicht mehr mit den Augen, denn sie streichelte ihm den Kopf und sprach ruhig auf ihn ein. Doch die mächtigen, schwarzen Flanken bebten immer noch vor Entsetzen. Margaret arbeitete sich behutsam zu seiner riesigen Brust vor, dann verschwand ihre Hand im Wasser und tastete sich vorsichtig an den todbringenden Vorderbeinen entlang. »Komm, komm«, sagte sie sanft, während ihre Hand nach der Verletzung suchte. Ihre Lippen waren vor Kälte ganz blau. »Aha, da haben wir es ja. Beide Knochen«, sagte sie leise zu sich selbst. »Und eingeklemmt – da.«
Sie beugte sich vor, und ein Arm verschwand fast bis zur Schulter im Wasser. Das Pferd hatte sich nicht gerührt. Und sonst auch niemand vor Angst, das Pferd könnte erschrecken, ausschlagen und ihr den Schädel zertrümmern. Sogar der Sieur de Vilers stand wie angefroren mit dem Messer in der Hand, und das Wasser rauschte ihm um die Beine. Sie machte etwas unter Wasser, er konnte nicht ganz erkennen was, dann hob sie etwas mit beiden Händen hoch und biß dabei vor Anstrengung die Zähne zusammen. Auf einmal wandte sie ihm das Gesicht zu. Die Haare flatterten ihr wild um die Schultern, und als sich das Licht in ihren haselnußbraunen Augen fing, leuchteten sie einen Augenblick lang ganz gelb. Wie ein Falke, dachte Sir Hubert und zermarterte sich das Hirn, wo er vor langer Zeit, an einem Ort, fern von hier, diesen Blick schon einmal bei jemand anders gesehen hatte.
»Helft mir, ihn auf die Beine zu bringen«, sagte sie zu dem alten Lord. Und mit einer gelassenen, genauen Geste, wie sie allen großen Reitern zu eigen ist, steckte er das Messer in die Scheide und kam ihr zu Hilfe. Gemeinsam warfen sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den Hengst und hoben seinen Kopf. Er stöhnte und schrie ein wenig, kam hoch und richtete sich auf, während sie zurücktraten. Sir Hubert legte dem Hengst seinen Gürtel über den Rist und brachte ihn, der bei jedem Schritt noch arg humpelte, ans Ufer.
»Zurück alle miteinander.« Die Stimme des Sieur de Vilers war heiser und ruhig. »Geht nach Haus, zündet ein Feuer an und schafft mir diese Bälger aus den Augen. Ich bringe ihn selbst in den Stall.« Er fror so, daß er die Zähne zusammenbeißen mußte. Die Frau, das sah er, war blau um die Lippen, wollte den Kopf des Hengstes jedoch nicht loslassen. Das lange, nasse Kleid klebte ihr an den Knien, und aus den langen Ärmeln tropfte das Wasser. Zu anderer Zeit hätte er sie verprügeln lassen, weil sie sich halbnackt zeigte, ohne Überkleid und ohne ordentliche Kopfbedeckung, und obendrein konnte man, wie unanständig, auf dem Rücken die Verschnürung ihres schweren, wollenen Unterkleides sehen. Doch heute blickte er sie nur an, wie sie so vor Kälte schlotternd vor ihm stand, und sagte: »Ihr geht auch nach Hause. Ihr seid ja ganz durchgefroren.«
»Nein«, sagte sie ruhig, »er hat immer noch Angst.«
Und so brachten sie Urgan gemeinsam zurück und schlossen ihn in seinem großen Pferch ein. Sir Hubert trieb höchstpersönlich sein Halfter auf und machte seinen Kopf fest, dann rief er nach den Knechten, daß sie sich um seine Wunden kümmerten und ihn abrieben. Er trat zurück und musterte das verletzte Bein. Das Schlachtroß hielt es so, daß es nur mit der Spitze des riesigen Hufs den Boden berührte.
»Nicht mehr zu gebrauchen«, sagte der alte Lord kopfschüttelnd. »Ohne Fuß kein Pferd. Und wer sagt mir, daß er noch für die Zucht taugt.«
»Ich kann hierbleiben und mich um das Bein kümmern.«
»Nichts da. Ihr seid durchgefroren. Das kann John tun.« Der alte Ritter trug immer noch Gregorys Umhang. Der war nur am Saum feucht. Er nahm ihn ab und hängte ihn der fröstelnden Margaret um. »Städterinnen. Kein Standvermögen«, sagte er.
Das Feuer im Palas war mit grünem Holz angelegt worden und qualmte bei ihrem Eintreten mächtig. Die beiden Knechte zogen den alten Lord direkt vor dem Feuer bis auf die Haut aus und kleideten ihn in ein schweres Wollgewand und eine pelzgefütterte robe de chambre von ungewöhnlicher Prächtigkeit für dieses karge Haus. Da saß er nun, wärmte sich auf und blickte Margaret neugierig an. Jählings fiel ihr ein, daß ihr Haar nicht geziemend bedeckt war und sie nur ihr langes, dunkles Unterkleid anhatte, und da lief sie trotz der Kälte hochrot an.
»Ihr habt keine Dienerin«, sagte er, als er sah, wie sie Gregorys alten Umhang über ihrem triefenden Kleid zusammenhielt. Sie blickte zu Boden. »Und Ihr liegt nicht im Bett. Offenbar hat Gilbert eine schwache Hand.« Er rief nach seinem Hausverwalter und redete mit ihm. Der Mann ging nach oben und kam mit einer weiteren robe de chambre zurück, diese jedoch für eine Frau. Sie war dunkelrot, steif von Gold- und Silberstickereien und hatte ein Futter aus Zobel. Wortlos deutete Sir Hubert darauf, und der Hausverwalter nahm ihr den Umhang ab und legte sie ihr um. Der alte Lord merkte, daß sie die Stickerei befühlte.
»Französisch«, sagte er. »Kriegsbeute. Sie gehört Euch. Hab' Euch noch kein Hochzeitsgeschenk gemacht. Ist kalt hier drinnen.«
»Merci, beau-pere«, sagte sie. Er starrte eine geraume Weile ins Feuer.
»Und nun, Madame, kommen wir zu Euren Töchtern.« Sie blickte auf seine Pranken.
»Schlagt sie nicht; Ihr bringt sie um«, sagte sie.
»Madame, ich versichere Euch, daß ich keinesfalls die Absicht habe, ihnen einen bleibenden Schaden zuzufügen. Sonst könnte man sie nur schwer verheiraten und würde damit ihren Auszug aus meinem Haus hinauszögern.« Sie blickte stumm zu Boden.
»Vermutlich habt Ihr sie noch nie geschlagen. Das Problem weichherziger Frauen. Und keine war so weichherzig wie meine Selige beispielsweise. »Nicht den Kleinen schlagen‹ jammerte die ewig, ›wenn er nun daran stirbt?‹ ›Und wenn er am Leben bleibt, Madame, was dann? Wollt Ihr ein kleines Ungeheuer großziehen?‹ Und jedes Mal, wenn der Kleine krank wird, jaulen sie, es kommt davon, daß man ihn geschlagen hat. Und so, Frauenzimmer, erzieht man sich Rotznasen. Frauen, Kinder, Hunde und Obstbäume, die müssen allesamt regelmäßig geschlagen werden.« Er blickte sie grimmig an.
»Meine Mädchen sind lieb.« Sie gab den Blick genauso grimmig zurück, und wieder sah er es in ihren Augen golden aufblitzen.
»Die Anzeichen sprechen dagegen, Madame. Euren Kindern mangelt es an Disziplin.« Es war so still im Raum, daß er sie atmen hören konnte.
»Es soll Kinder geben, die haben mit dem Leben dafür gezahlt, daß sie nicht auf die Erwachsenen gehört haben«, setzte er hinzu und sah, wie das Flackern erlosch.
»Nicht zuviel.«
»Fünf für die Große, drei für die Kleine.«
»Sie hat nichts getan – sie ist ja noch so klein.« Derweil hatte man die Mädchen hereingebracht und sie vor dem alten Lord aufgebaut. Sie hörten alles mit an.
»Madame, ich habe mit eigenen Augen gesehen, daß sie die Haferkumme hingehalten hat.«
»Dann nicht so viele. Sie weiß nicht, was sie getan hat.«
»Drei und einen. Und dabei bleibt es.« Alles in der Halle lauschte. So etwas war noch nie dagewesen. Hätte das Kind eines Leibeigenen dergleichen verbrochen, die Knechte hätten es im Hof zu Tode geprügelt. Selbst ein Sohn des Hauses hätte sehr viel mehr zu gegenwärtigen gehabt. Und da stand diese Frau, senkte keineswegs den Blick, sondern rang dem alten Lord ein milderes Urteil ab. Darüber würde man noch nach Jahren an den Herdfeuern der Dorfkaten reden.
»Die Kleine soll sich vor mich stellen, und nun her mit der Reitpeitsche«, wies er die Knechte an. Margaret umklammerte ihren Sitz, daß die Knöchel weiß hervorstanden. Der alte Lord blickte Alison grimmig an. Sie hob die langen Wimpern und warf ihm aus blauen Augen einen unschuldsvollen, großäugigen Blick zu.
»Weißt du, was du getan hast?«
»Ich habe nichts getan. Das war Cecily.«
»Du weißt also Bescheid. Dafür, daß du die Haferkumme hingehalten hast, einen Hieb. Dafür, daß du Cecily die Schuld zuschieben wolltest – Feigheit und Petzen – einen Hieb. Für Lügen, einen Hieb.« Sanfte Schläge waren es nicht, und sie ließen rote Striemen unter ihrem dicken Wollkleid zurück. Die Knechte waren im Palas zusammengelaufen, sie wollten mitbekommen, wie die Gerechtigkeit ihren Lauf nahm.
»Das hier ist mein Haus. Hier wird nicht gelogen und gepetzt, und Feiglinge dulde ich auch nicht. Niemals«, sagte er zu dem heulenden Kind. »Jetzt die Große.« Cecily sah ganz und gar unbußfertig aus und schien sich zu freuen, wie man mit ihrer Schwester umgesprungen war. Genau das hatte sie schon lange verdient gehabt.
»Es dauert mindestens noch sechs Jahre, bis wir deine Heirat absprechen können, und sie werden dir sehr lang vorkommen, wenn du nicht gehorchen lernst.« Er sah sie an, und sie gab den Blick trotzig zurück. Auf einmal schob er den schweren Kopf vor und warf ihr unter buschigen, weißen Augenbrauen einen finsteren Blick zu.
»Warum?« fragte er.
»Weil er der Beste ist. Und der Größte. Woher sollte ich wissen, daß er hinfällt.«
»Du hast den besten Zuchthengst auf zwanzig Meilen in die Runde zum Krüppel gemacht.«
»Tut mir leid.« Von wegen leid. Leid tat ihr nur, daß sie ihn nicht wieder reiten konnte. Es war einfach himmlisch gewesen. Für eine kurze Zeitspanne hatte sie sich als Herrscherin der ganzen Welt gefühlt. Das konnte ihr niemand mehr nehmen.
»Die Gesetze dieses Hauses lauten – erstens – Mädchen reiten nicht auf Hengsten, nie und nimmer. Zweitens – niemand reitet ohne Erlaubnis auf irgend etwas. Drittens – niemand nimmt oder gebraucht etwas ohne Erlaubnis.« Bei diesen Worten teilte er die Schläge aus. Cecily vergoß keine einzige Träne, obschon sie ihr in die Augen stiegen und sie sich so fest auf die Lippen beißen mußte, daß sie bluteten.
»Gott helfe dem Trottel, der dich heiratet«, sagte der alte Mann. Er gab einem seiner Knechte die Peitsche, daß er sie fortbrachte, dann betrachtete er Margaret, wie sie da saß. Ihr Gesicht war weiß und tränenüberströmt. Er machte eine Handbewegung, und die untätigen Knechte gafften nicht länger, sondern stellten die Schragen fürs Abendessen auf und legten die Bretter darüber.
»Ihr sitzt beim Essen zu meiner Rechten«, sagte er ruhig zu Margaret. Der Ehrenplatz. Den hatte er ihr noch nie angeboten, nicht einmal an ihrem Hochzeitstag.
Beim Abendessen reichte er ihr eigenhändig den besten Bissen vom Mahl. Sie starrte auf die Platte und schüttelte ganz leicht den Kopf.
»Wollt Ihr wieder nichts essen? Ihr bringt Schande über mein Haus.«
»Das tut mir leid. Das wollte ich nicht«, sagte sie bekümmert. »Es ist nur, ich esse das da nicht.«
»Salzheringe? Es ist Fastenzeit, Madame. Besseres habe ich Euch nicht zu bieten.« Sie wandte ihm das blasse Gesicht zu und sah ihn bänglich und zugleich abbittend an.
»Es tut mir wirklich leid. Ich möchte auf gar keinen Fall Schande über Eure Tafel bringen. Es ist nur – also – also ich kann nichts mit Augen essen.«
»Wenn das alles ist. Ich nehme sie heraus.«
»Nein, das ist es nicht – ich meine, alles, was einmal Augen gehabt hat.«
»Und wie kommt das?« Gregory saß bei der Unterhaltung starr vor Angst da. Der alte Mann war zu allem fähig. Er konnte einem Bauern mit einem jähen Hieb den Schädel zertrümmern. Er hatte sich schon unheimlich lange zusammengerissen – jeden Augenblick konnten seine angespannten Nerven reißen, und dann schlug er um sich. Gott weiß wie arg. Margaret war zu klein, zu zart, zu verrückt für seines Vaters Haus. Er mußte sie fortbringen. Wenn nur das Erbe freigegeben wäre, dann könnte er sie an einen sicheren Ort bringen. Eine falsche Bewegung, und es stand schlimm um Margaret.
Doch der alte Lord sah dieses Mal richtig neugierig aus. Margaret merkte das und antwortete schlicht:
»Ich würde die Augen im Schlaf sehen. Alle würden sie mich anblicken und mir Alpdrücken verursachen.« Die Antwort schien den alten Mann überhaupt nicht zu überraschen. Als Damien vor ihm niederkniete und ihm das nächste Gericht anbot, durchbrach der Sieur de Vilers die strenge Speisenfolge und ließ nach Käse schicken. Er sah ihr die ganze Zeit beim Essen zu, strich sich mit der linken Hand den Bart und dachte nach. Mit Pferden kannte er sich sehr gut aus und wußte, er täuschte sich nicht. Was er gesehen hatte, das hatte er gesehen. Eine Frau, die ein gestürztes Schlachtroß wieder auf die Beine bringen konnte, war keine gewöhnliche Frau. Doch eine Frau, die ein Pferd mit einem gebrochenen Bein wieder auf eben diese Beine brachte, die Augen sah und keinen Fisch aß und die ihn verängstigt anstarrte, weil sie merkte, daß er gesehen hatte, was den anderen entgangen war – das stand auf einem ganz anderen Blatt. Das konnte sich durchaus zum Problem auswachsen.
Hatte Gilbert die ganze Zeit über Bescheid gewußt? Es wäre eine Erklärung für die Miene, welche der dumme Bengel gemacht hatte, als er verkündete, wo man sich schon die Mühe gemacht hätte, sie zu retten, könnte man sie auch gleich entführen. Er musterte das Gesicht seines zweiten Sohnes. Nein, wenn einer nichts merkte, auch wenn man ihn mit der Nase darauf stieß, dann Gilbert. Andererseits aber war es Gilbert gewesen, der sich widersetzt hatte und sie erst hatte fragen wollen, ehe man sie entführte. Und der alte Lord würde nie im Leben, auch nicht dieses eine Mal zugeben, daß Gilbert möglicherweise recht gehabt hatte.
In den Tagen nach der seltsamen Mahlzeit, bei welcher der Sieur de Vilers mir das Hochzeitsgeschenk überreichte, lief alles besser, zumindest aber ruhiger. Doch Cecily und Alison waren in Ungnade gefallen. Sie waren ausgerissen und hatten beinahe sein Schlachtroß umgebracht, und so verordnete Sir Hubert ihnen Hausarrest im Söller unter der Aufsicht eines grimmigen Burschen namens Dicker Wat, einem einstmaligen Pikenier, der ihn auf all seinen Kriegszügen in Schottland begleitet hatte. Dieser wackere Mann hatte Anweisung, sie nicht aus den Augen zu lassen, bis man eine Kinderfrau von der Beschaffenheit eines Drachen aufgetrieben hatte.
»Sie können von Glück sagen«, meinte Gregory eines Tages nach dem Abendessen, »mich hat er für geringere Missetaten bei Brot und Wasser im Keller eingesperrt. Und dort unten gibt es ganze Heerscharen von Spinnen.«
»Er ist sehr hart. Mich hat er schon bei unserer ersten Begegnung in Angst und Schrecken versetzt.«
»Ach, laß die Ohren nicht hängen, Margaret. Zumindest hat er dir noch nie eine Bank an den Kopf geworfen. Aber was ist nur in dich gefahren, daß du hinter Urgan hergewatet bist, wo du dich vor Vater so fürchtest? Ein Wunder, daß er dich nicht umgebracht hat.«
»Ich habe bloß gesehen, daß er da ganz voller Blut war und tobte und schrie, und da hat er mir leidgetan. Das ist alles. Ich konnte nicht anders. Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht. Sonst hätte ich es wohl kaum getan.«
»Er hat dir leidgetan? Ein Pferd? Zuweilen bist du eigenartig. Du kannst dir dein Mitgefühl sparen – ein Schlachtroß ist darauf abgerichtet, Menschen zu töten; ich muß dich also ernstlich bitten, einen Bogen um sie zu machen. Er hätte dir den Schädel wie eine Eierschale zertrümmern können, und was würde dann aus mir, Margaret? Und Urgan ist in der ganzen Grafschaft für seinen Jähzorn berüchtigt. Vater hat ihn günstig eingekauft, nachdem er einen Menschen umgebracht hatte, aber seinen obersten Stallknecht hat er schon verloren. Vater ist einfach zu halsstarrig, sonst würde er ihn abschaffen. Er ist überzeugt, daß er diesen Stammbaum größer und den Jähzorn herauszüchten kann. Ja, hast du denn Urgans Augen nicht gesehen?«
»Woher weiß dein Vater, wie ich reiten gelernt habe? Nicht einmal dir habe ich erzählt, daß ich immer auf den Kornsäcken gesessen habe, wenn Vater das Pferd zur Mühle getrieben hat – will sagen, wenn er ein Pferd hatte.« Gregory zuckte zusammen. Mir war klar, dergleichen sollte ich lieber nicht verlauten lassen, zumindest nicht in seines Vaters Haus.
»Mit Pferden kennt Vater sich wirklich aus. Er täuscht sich nie.« Er blickte mich nachdenklich an. »Dann hast du also Angst vor ihnen, wie? Vor Pferden, meine ich. Das hat Vater auch gewußt. Er hat mir das schon gesagt, als er dich zum ersten Mal hat reiten sehen. Wie bist du im Sommer nur auf euer Landgut gekommen?«
»Hast du nicht den kleinen, weißen Maulesel im Stall gesehen? Der gehört mir. Den hat mir Master Kendall besorgt.«
»Und jetzt wird er nicht mehr gebraucht und frißt uns die Haare vom Kopf, bis der Streit um die Ländereien endlich beigelegt ist. Vater hält ihn für reine Geldverschwendung und will ihn verkaufen.«
»Das wird er nicht tun, nein. Er wird doch meinen Maulesel oder mein Haus nicht verkaufen? Das darfst du nicht zulassen, Gregory. Das steht alles dir zu, nicht ihm. Hast du vergessen, wie glücklich wir dort gewesen sind, und das können wir auch wieder werden.«
»Vater ist das Familienoberhaupt, und ich schulde ihm Gehorsam – aber meinetwegen, wenn dieser Haufen von Rechtsanwälten Erfolg hat und uns noch genug bleibt, daß wir es halten können. Aber eines steht fest, in dieser Familie kannst du dich nicht auf einem Maulesel blicken lassen. Das würde Vater verärgern, und wenn er sich ärgert, ist er zu allem fähig.«
»Aber – aber –«
»Kein Aber«, sagte er zärtlich. »Im Augenblick hält er große Stücke auf dich, und das darfst du dir nicht verscherzen. Nun mach nicht so ein Gesicht. Du bist auf deine Weise auch tapfer. Du sitzt nur zu Pferd wie ein Angsthase. Aber das bekommen wir schon hin.« Seine Stimme klang warm und stark. Jeder hätte ihm geglaubt, daß die ganze Sache ein Kinderspiel war.
Ich schämte mich zwar in Grund und Boden, aber schon am nächsten Tag saß ich hoch oben auf einem wahren Gebirge, einem Untier, das den Dreck hinter seinen Hufen aufspritzen ließ, während es seine Runden am Ende einer langen Longe drehte.
»Sitz gerade, Margaret! Und hör auf, dich festzuhalten!« Gregory hielt die Longe in der linken Hand, mit der rechten knallte er jedes Mal mit der langen Peitsche, wenn das gräßliche Geschöpf ins Stocken geriet. Und natürlich konnte ich nicht übersehen, wie stattlich und gut gebaut er war und wie stark seine Hände wirkten, wenn er die Longe ablaufen ließ, und da mich das ablenkte, wäre mich dieser Gedanken beinahe mehr als einmal teuer zu stehen gekommen.
»Und was hast du jetzt vor?« fragte er mich, als wir vom Stall ins Haus gingen.
»Mich eine Woche lang nicht vom Fleck zu rühren, bis mir nichts mehr weh tut«, gab ich zurück und wischte mir den Dreck vom Ärmel. Die Bitterkeit in meiner Stimme brachte ihn zum Lachen.
»Du bist eine harte Nuß, Margaret. Aber glaube ja nicht, daß du so leicht davonkommst. Ob es dir nun paßt oder nicht, du wirst noch wie eine de Vilers reiten. Ich denke nicht im Traum daran, Hugo gewinnen zu lassen.«
»Was? Ihr habt gewettet?« Ich war wütend. Für Gregory schien das ganz normal zu sein.
»Mit Sicherheit hat ihn Vater dazu angestiftet. Er meint, er hat es schlau angestellt, aber ich weiß, er war es – die Idee kann nur auf seinem Mist gewachsen sein. Hugo ist beschränkt, der hätte nichts gemerkt, wenn Vater ihn nicht aufgehetzt hätte.« Ich war so entgeistert, daß ich nicht mehr wußte, über wen ich mich mehr erbosen sollte. Die hatten noch ihren Spaß an meinem Elend! Ich konnte Hugo mit seinem dümmlichen Grinsen und seiner hämischen Freude direkt vor mir sehen.
»Morgen reiten wir wieder«, fauchte ich.
»Genau das habe ich von dir erwartet«, sagte er fröhlich.
Und so ging ich, um mir meine Wunden im Söller zu lecken, wo ich den Rest des Nachmittags verbringen und meinen Mädchen das Sticken beibringen wollte, damit sie nicht noch mehr Schaden anrichteten. Dort fand ich den Dicken Wat, wie er sein trauriges Los bejammerte. Zu seiner Entlastung sollte im benachbarten Weiler eine furchteinflößende Wittib angeheuert werden, und das konnte ihm gar nicht schnell genug gehen. Er hatte sich bereits mit Reitunterricht und Märchenerzählen aufgerieben. Als Drohungen und Bestechung nichts mehr nutzten, hatte er Zuflucht zum Ale genommen und betäubte nun seine Sinne aus einem reichen Vorrat. Küchenjunge um Küchenjunge brachte es ihm hoch, und alle brannten sie darauf, seine Schauergeschichten zu hören. Als ich aus dem engen Stiegenhaus auftauchte, lag er vor einem Publikum aus Küchenjungen auf dem Strohsack und gab fast an seiner eigenen Erzählung den Geist auf, während Cecily und Alison im Söller herumtobten.
»Das ist die Strafe für meine Sünden, daß ich noch drei Tage mit ihnen eingesperrt bin«, wehklagte er gerade. Und bei seinen Worten lachten die Küchenjungen hinter der vorgehaltenen Hand. Denn sie sahen, was er nicht sehen konnte – er redete, und die Mädchen vergnügten sich damit, einem Unachtsamen unter dem Fenster eine undefinierbare Flüssigkeit aus Wats großem Krug auf den Kopf zu schütten. Es war an der Zeit, daß eine Frau eingriff.
Die Mädchen ließen von ihrem Tun ab und umringten mich, während ich die kleine, kunstvoll gearbeitete Truhe durchstöberte, in der das Nähzeug sein sollte.
Unten in der Truhe fand ich das Gewünschte: Ein fremdartig aussehendes Kästchen, von ziselierten Messingbändern zusammengehalten, die dringend poliert werden mußten. Darin fand ich einen Stickrahmen mit einer nicht beendeten Stickerei, die so aussah, als wäre sie für ein Priestergewand bestimmt. Außerdem eine prächtig mit Silber beschlagene Kunkel und darunter einen Stapel säuberlich zusammengelegter Säuglingswäsche. Ich holte das erste Stück heraus. Ein Kittel für ein kleines Mädchen, aber nicht fertig, für Alison zu klein. Dann ein Kleidchen für ein Neugeborenes, halb fertig, hübsches Leinen, jedoch ungesäumt. Ein winziges Mützchen mit oben abgesteppten Ringen, damit konnte ein Kleinkind laufen lernen, ohne sich den Kopf an der Kaminplatte aufzuschlagen. Keine Bänder, und die gesteppten Ringe waren auch nicht alle fertiggestellt. Was mochte das für eine reiche Frau gewesen sein, die es sich leisten konnte, gutes Material einfach wegzulegen – so viele Sachen nicht zu beenden?
Als ich die verstaubten, vergilbten Sächelchen so hielt, spürte ich, wie sich mir das Herz zusammenschnürte. Ich konnte erahnen, was sich abgespielt hatte. Der Nähkasten hatte einer reichen Frau gehört, ja – einer Frau, die mich im Sticken übertraf, denn sie hatte auf Seide und Samt gelernt, und ich nur auf grobem Material. Aber auch einer armen Frau. Einer Frau, der trotz ihrer zierlichen Stiche, ihrer Frömmigkeit und ihres Silbers die Kinder weggestorben waren. Ich spürte es mit aller Gewißheit – jedes winzige Kleidungsstück war für ein Kind bestimmt und noch nicht fertig gewesen, als es starb, und dann beiseitegelegt worden, weil sie es nicht ertrug, die Arbeit zu beenden. Und dann hatte auch sie die Stickerei beiseitegelegt und war selber gestorben. Ein ganzes Frauenleben in einem Nähkasten, das sah ich darin. Ob mein Nähkasten am Ende auch so aussehen würde? Ich legte die Hand aufs Herz, damit es nicht so wehtat. Und wie ich so still in den Binsen neben dem Kästchen kniete, war das Kalte Ding wieder da und hüllte mich ein, daß mich fröstelte.
Doch da war noch mehr. Unter dem Schächtelchen mit den Nadeln lag flach zusammengepreßt ein winziges Paar Säuglingsschuhe ganz aus einem sehr dünnen, samtweichen Leder gearbeitet, dessen kleine, gesteppte Sohlen durchgelaufen waren. Das hier ist am Leben geblieben, dachte ich, und es war ihr Liebling, sonst hätte sie die Schühchen nicht aufgehoben.
»Mama, Puppenkleider! Dürfen wir die haben?«
»Wir brauchen welche, Mama, Martha ist ganz nackt!« Und schon wollten die Mädchen den Kasten aus der Truhe zerren. Der Dicke Wat steckte die Nase schon wieder in den Alebecher.
»Sie gehören euch nicht«, sagte ich, schob ihre Hände fort und klappte die größere Truhe zu. Doch die Mädchen fanden nicht einmal Zeit zum Quengeln, denn schon nahm sie ein furchtbarer Aufruhr auf der Stiege völlig in Anspruch.
»Wer hat mich mit Ale übergossen? Ich prügle ihn zu Tode!« Wütendes Geschrei schallte die Stiege hoch. Es war Damien, der Knappe. Er und Robert hatten auf dem Hof exerziert und waren mitten in einem gespielten Zweikampf, als Damien sich an die Mauer lehnte und sich ausruhen wollte, was dann unselig endete. Die Mädchen sprangen auf und versteckten sich kichernd unter dem großen Bett.
»Ihr wart das also! Wartet, euch versohle ich anständig den Hosenboden! Kommt heraus, ihr kleinen Teufel!« Er schnappte sich einen unter dem Bett hervorlugenden Arm und zog kräftig. Halb hatte er Cecily schon heraus, da biß sie ihn in den Finger, und er ließ sofort los. Sie rutschte unter das Bett zurück, und er saß auf dem Boden, lutschte sich den wunden Finger und versuchte, ihre leuchtenden Augen im Dunkel auszumachen. Auf einmal ging ihm auf, wie komisch das ganze war, und er fing an zu lachen. Er war gerade sechzehn, ein Jahr jünger als Robert, der andere Knappe, und er sah reizend aus, wie er da saß und lachte. Seine lustigen, blonden Locken waren ganz naß und verklebt, aber der Flaum auf seinem Kinn schimmerte wie Gold. Er hatte keinerlei Zukunft, außer daß jedermann ihn gern hatte, und das war auch etwas wert. Und er war Kinder gewöhnt; mir hatte er einmal erzählt, daß er acht lebende, jüngere Geschwister hätte, die seinem Vater die Haare vom Kopf fraßen. Er war die Hoffnung seiner ganzen verarmten Sippe, und irgendwie hatten sie genug Geld zusammengekratzt, um ihn als Pagen im Haus des Sieur de Vilers unterzubringen, damals, als es noch eine Lady de Vilers gab.
»Ich hasse dich«, sagte er in das Dunkel unter dem Bett.
»Ich Euch auch«, kam Cecilys Stimme unter dem Bett hervor.
»Ich auch«, sagte Alison, die sich hinter ihrer Schwester versteckte.
Es war Liebe.
Von nun an benahmen sich die Mädchen so gesittet, wie sie konnten. Wenn Damien um etwas bat, dann war es schon so gut wie geschehen. Sie hefteten sich an seine Fersen, bis er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, sie bettelten, daß sie seine Sachen tragen oder seine Botengänge machen durften. Sogar die Dorfbewohner lachten darüber. Und natürlich zankten sich die Mädchen um ihn.
»Wenn ich groß bin, heirate ich Damien.«
»Tust du nicht, er heiratet mich!«
»Nein, er geht weg und wird in Frankreich reich, und dann kommt er zurück und entführt mich auf seinem Pferd – aua! Laß das Treten! Mama, Alison hat mich getreten!«
»Hab ich nicht. Und sie hat eine häßliche Fratze gemacht, Mama. Sag ihr, daß ihr Gesicht so stehenbleibt!«
»Nein, nein, tut es aber nicht.«
»Tut es wohl! Jetzt bleibst du dein Lebenlang so schrumpelig, und er heiratet mich, ätsch!«