Monolog im Morgengrauen

 
Oder: Du stehst im Graben bei der Arbeit; grau ist die Morgendämmerung um dich, grau ist der Himmel über dir, grau ist der Schnee im fahlen Dämmerlicht, grau sind die Lumpen, in die deine Kameraden gehüllt sind, grau sind ihre Gesichter. Wieder hebst du an mit deiner Zwiesprache mit dem geliebten Wesen, oder, zum tausendsten Mal, beginnst du dein Klagen und dein Fragen zum Himmel zu schicken. Zum tausendsten Mal ringst du um eine Antwort, ringst du um den Sinn deines Leidens, deines Opfers – um den Sinn deines langsamen Sterbens. In einem letzten Aufbäumen gegen die Trostlosigkeit eines Todes, der vor dir ist, fühlst du deinen Geist das Grau, das dich umgibt, durchstoßen, und in diesem letzten Aufbäumen fühlst du, wie dein Geist über diese ganze trostlose und sinnlose Welt hinausdringt und auf deine letzten Fragen um einen letzten Sinn zuletzt von irgendwoher dir ein sieghaftes »Ja!« entgegenjubelt. Und in diesem Augenblick – leuchtet ein Licht auf in einem fernen Fenster eines Bauerngehöfts, das wie eine Kulisse am Horizont steht, inmitten des trostlosen Grau eines dämmernden bayrischen Morgens -, »et lux in tenebris lucet«, und das Licht leuchtet in der Finsternis... Nun hast du wieder durch Stunden den eisigen Boden aufgehackt, nun ist gerade wieder der Wachtposten vorübergekommen, um dich ein wenig zu höhnen, und nun fängst du wieder an, Zwiesprache zu halten mit dem geliebten Wesen. Immer mehr fühlst du, es sei anwesend, spürst du: sie ist da. Du glaubst, nach ihr greifen zu können, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um ihre Hand zu fassen. Ganz stark überkommt dich das Gefühl: sie – ist – da! Da – im gleichen Augenblick – was ist das? Lautlos ist ein Vogel herbeigeflattert und läßt sich unmittelbar vor dir nieder, auf den Erdschollen, die du aus dem Graben geschaufelt, und äugt dich unverwandt und regungslos an...