13
»Wo waren wir stehen geblieben?«
Dr. Chateaux stand mit dem Rücken gegen seinen Schreibtisch gelehnt. Er war angezogen wie am Vortag, nur sah er erschöpfter aus als sonst. Die Augen hatten sich tief in die Höhlen verkrochen, er war blass. Die ironische Überlegenheit, die Batzko immer wieder provoziert hatte, war einer Abwehrhaltung gewichen, die Geralds Mitgefühl erregte. Chateaux wirkte so ausgezehrt, dass dessen kräftigte Schulterpartie aus seiner schmalgliedrigen Konstitution hervorstach wie eine Verwachsung
»Dabei, dass Sie die Hoffnung vermutlich aufgeben können, in absehbarer Zeit Wasser in Ihren Pool zu lassen. Sollte er jemals fertig werden, versteht sich.«
Nach der Begegnung mit Chateaux’s Tochter hätte Gerald gern eine andere Eröffnung gewählt, aber Batzko tickte eben anders.
»Hatte ich Ihnen gestern nicht darauf geantwortet?«, fragte Chateaux mit gepresster Stimme.
»Muss ich vergessen haben«, gab Batzko zurück.
Der Arzt zuckte die Achseln und schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. »Aus Gedächtnislücken lässt sich schwer eine Befragung durchführen, finden Sie nicht? Aber ich kooperiere gerne. Sie haben ausführlich von Ihrem Gespräch mit meiner Bank erzählt.«
»Ja, und jetzt fällt mir auch wieder ein, was ich erfahren habe. Dass Ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Da kann man schon gut verstehen, warum Sie in das Import-Export-Geschäft mit psychisch Kranken eingestiegen sind, die den Fehler gemacht haben, bei Ihnen auf Hilfe zu hoffen.«
»Ich verbitte mir …«, rief Chateaux und ballte die Fäuste, als wollte er sich auf Batzko stürzen. Doch ein paar Sekunden später nur fiel er zurück in seine schlaffe Haltung. »Psychisch Kranke, sagten Sie. Ja, so nennen die meisten sie eben in ihrem Abgrenzungswahn von krank und gesund, von schön und hässlich, reich und arm. Unser Definitionswahn macht leider vor nichts Halt. Aber wenn etwas krank ist, dann ist es unser Denken. In meiner Psychotherapie heile ich keine Krankheiten und keine Symptome. Ich heile Sichtweisen. Meine Patienten sollen verstehen, dass weniger ihre vermeintliche Krankheit das Problem ist, sondern die Kategorisierung eines bestimmten Phänomens als Erkrankung, wobei ich, um Ihrem vorhersagbaren Protest zuvorzukommen, nicht von Krankheitsbildern wie Schizophrenie, Halluzinationen, Pädophilie rede. Ich spreche von unserer wohlvertrauten Hölle aus Komplexen, Ängsten und unterdrückten Bedürfnissen. Wir müssen den Blick weiten, uns ganz annehmen, bis wir sehen, dass das Leben nicht krank und gesund unterscheidet, alt und jung, nicht homosexuell, bisexuell und heterosexuell. Das Leben ist weder leicht noch schwer noch hart noch grausam. Es ist. Das ist eigentlich alles. Ein unermesslicher Fluss aus Bedürfnissen, Interessen, Beziehungen. Jedes Leben ist ein Fluss, dessen einzige Bestimmung es ist, von der Quelle zur Mündung zu fließen. Diesen Prozess nenne ich ›leben‹, und ich bin als Arzt daran interessiert, dass meine Patienten wieder, um im Bild zu bleiben, in ihren Fluss kommen, in ihr Leben zurückfinden.«
»Amen«, sagte Batzko.
Gerald übernahm das Wort: »Alexander Faden und Arno Reuther …«
»… habe ich zunächst die Scham genommen, ihren Körper als Monster zu empfinden. Alle wollen heute schöner, stärker, schneller, jünger werden; aber meine Patienten sehnen sich nach einer Amputation oder einer Querschnittslähmung. Sie haben mit niemandem gesprochen, der nicht selbst Patient ist. In meiner Gruppe haben sie sich öffnen und die Vereinsamung durchbrechen können. Sie haben eine Sprache für ihre Erkrankung finden können. BIID gehörte damit endlich zu ihrer Persönlichkeit und ihrer Biografie. Dann haben sie sich selbst erst einmal genau prüfen müssen, ob ihre BIID-Erkrankung sie tatsächlich so weit vom Leben trennt, mit anderen Worten: größer ist als sie selbst, dass es keine Alternative zu einer Operation gibt.«
»Gab es denn in Wahrheit eine Alternative, Ihr Bankkonto zu sanieren, Herr Chateaux?«, fuhr Batzko dazwischen. »Ihr esoterischer Therapeutenquark interessiert uns absolut nicht. Damit können Sie andere einwickeln, uns nicht. Sie haben von Alexander Faden zwanzigtausend Euro bekommen und hätten von Arno Reuther wohl das Doppelte kassiert, an der Steuer vorbei, schätze ich mal. War auch dringend notwendig, um nur die größten Löcher in Ihrem Geldbeutel zu stopfen. Das Problem war nur, dass Arno Reuther nicht mehr mitspielen wollte, als er erfuhr, dass seine Frau auf der Patientencouch noch ganz andere Dinge gemacht hat, als sich Ihre verblasenen Theorien anzuhören. Deshalb sind Sie, nachdem Sie Katja Reuther in der Stadt zum Kaffee getroffen haben und sie Ihnen bestätigt hat, dass Arno Reuther bei seinem vorläufigen Nein bleiben wird, zu ihm gegangen, um ihn doch noch zu überreden. Reuther blieb jedoch hart, er wollte die Ausgangsposition wiederherstellen. Das, genau das ist der Punkt, an dem wir gestern stehen geblieben sind und an dem wir jetzt und hier immer noch stehen.«
Dirk Chateaux hatte mit gesenktem Blick, ohne äußere Regung zugehört. Er reagierte nicht einmal, als Batzko geendet hatte. Er wirkte erschreckend kraftlos, als läge eine Last auf seinen Schultern, die ihm die Kraft zu atmen nahm.
»Warum haben Sie in Ihrem ersten Telefonat mit meinem Kollegen behauptet, Alexander Faden litte an Depressionen und wäre suizidgefährdet?«, fragte Gerald. »Das steht nicht nur in Widerspruch zu Ihren Darlegungen. Es war eine glatte Lüge, nach allem, was wir wissen. Ich habe nicht nur die Meinung von Franziska Grittmann und Arno Reuther eingeholt. Auch seine Nachbarn haben mir bestätigt, dass er nach der Operation wie verwandelt war. Aus einem bedrückten Einsiedler war ein offener, positiver Mensch geworden.«
Chateaux antwortete erst nach einer Weile.
»Ja, ich kann nicht leugnen, das gesagt zu haben. Ein Reflex vermutlich. Instinktives Schutzverhalten für meine Therapiegruppe«, sagte er leise und wandte den Kopf zum Fenster.
»Mir kommen die Tränen bei so viel Fürsorge«, spottete Batzko. »War es nicht vielleicht so, dass Alexander Faden erfahren haben könnte, wie viel Sie für sich selbst als Vermittler abgezweigt hatten? Dass er sich betrogen gefühlt hat? Dass Sie ihn zu einem Gespräch aufgesucht haben und er gedroht hat, Sie anzuzeigen, nachdem Sie sich geweigert hatten, ihm einen Teil der Summe zurückzuzahlen? Es könnte für Sie unbequem werden, denn ein Staatsanwalt könnte die Meinung vertreten, Sie hätten sich mit diesem Schritt der Beihilfe zur vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht. Lauter Schwierigkeiten, wohin man auch sieht. Dagegen ist doch ein Sturz vom Balkon nur eine Kleinigkeit, oder?«
Chateaux versuchte sich an einem Lächeln. »Jetzt auch noch Alexander Faden. Ich als Doppelmörder! Das ist bizarr, absurd, grotesk. Das sind doch reine Spekulationen, offenbar von purem Vernichtungswillen gesteuert. Ich weiß nicht, was ich in Ihnen auslöse, aber ich bin nicht bereit, mir noch länger …«
Es klingelte an der Haustür. Die Klingel schellte sehr laut, weil der Therapeut die Tür zu seinem Behandlungszimmer offen gelassen hatte. Es klingelte ein zweites Mal.
»Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment. Es dauert nur eine Sekunde«, sagte Chateaux. Er verließ das Behandlungszimmer. Die Tür blieb halb geöffnet. Gerald konnte einen kurzen Dialog verfolgen, ohne die einzelnen Worte zu verstehen. Batzko stellte sich ans Fenster, als fürchtete er, der Arzt könnte den Moment zur Flucht nutzen.
Dann stand der Therapeut schon wieder im Zimmer, ein größeres Paket in der Hand, das er auf den Schreibtisch legte.
»Die ungewollten Gefälligkeiten der Pharmaindustrie«, sagte er. »Man kann ihnen hundertmal sagen, dass man nichts will. Sie schicken einem trotzdem was.« Er schaute Gerald an und lächelte, als wäre er froh über etwas, das seine Aufmerksamkeit von dieser Situation abzog. »Vor einigen Wochen hat übrigens Ihr besonderer Freund Lutz aus der Gruppentherapie an der Tür gestanden. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt.«
Gerald spürte augenblicklich eine Leere in seinem Magen. Dann schmeckte er den Whiskey in seinem Mund, den er in der vergangenen Nacht getrunken hatte. Einen Moment glaubte er, sich erbrechen zu müssen.
»Lutz ist Paketauslieferer, sagen Sie? Warum ist er eigentlich in der Gruppe? Das habe ich nie kapiert.«
Dr. Chateaux schoss sein blitzschnelles Lächeln. Endlich befand er sich wieder auf dem Terrain, auf dem er sich souverän fühlte. Und er kostete diesen Moment weidlich aus.
»Haben Sie wirklich noch nicht geahnt, was hinter seinem penetranten Macho-Gehabe steckt, diesem permanenten Aufpumpen der Muskeln, das Mahlen mit den Kiefern, wenn er spricht?« Er machte eine Kunstpause, um den Blick zu Batzko schweifen lassen. »Mit purem Willen kann man vielleicht Eisen stemmen, aber nicht mit einer Frau schlafen. Er leidet unter schwersten Erektionsstörungen, freilich ohne jeden organischen Befund. Sein aggressives Verhalten in der Gruppe ist nichts weiter als der innere Protest, als das Anrennen gegen die Erkenntnis, dass Gefühle nicht der Feind sexueller Energie sind, sondern ihr unendlich stimulierender Katalysator. Es wird noch eine lange, lange Reise mit ihm geben, er zeigt sich in der Gruppe leider immer noch als Schwergewichtsboxer im Ring.«
Gerald hatte längst nicht mehr zugehört. »Wir müssen los. Sofort«, sagte er zu Batzko.
Während der Fahrt nach Haidhausen berichtete Gerald von seinem Anruf am Vorabend. Übelkeit lag wie Schleim in seinem Mund, er öffnete das Fenster, um frische Luft atmen zu können.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Batzko, »was kann passieren, wenn die ganze Gruppe da ist?«
»Du bist und bleibst ein Trottel, Batzko. Er hat Franziska gesagt, dass er die anderen anrufen würde. Das heißt, er hat es nicht getan, und sie hat keine Ahnung«, sagte Gerald erregt und wunderte sich selbst darüber, wie klar er denken konnte. Die Szene vor der Deutschen Bank stürzte in sein Bewusstsein. Natürlich, die abschließende Geste der Frau, der Fingerzeig auf den Kopf, hatte genau diese Bedeutung. Es war nicht die Frau, die auf dem Motorrad vor Chateaux’s Haus auf ihn gewartet hatte. Das bedeutete, Lutz machte kontinuierlich Frauen an, scheiterte sexuell und versuchte es sofort bei der nächsten, weil er nicht akzeptieren konnte, dass das Problem nicht bei der Frau, sondern in ihm selbst lag. Lutz hatte jene Frau vor der Bank nicht physisch attackiert, wie konnte er auch in der Öffentlichkeit, aber Franziska würde allein sein in ihrer Wohnung. Wenn Lutz dort ausrastete …
Batzko antwortete nicht. Er kurbelte das Seitenfenster herunter, setzte das Blaulicht aufs Dach und beschleunigte gleichzeitig.
»Ich kann dir gar nicht sagen, wie sie mir auf die Nerven gehen, diese Freiwilligkeitskrüppel und dieser Psychoklempner. Tut mir jetzt schon leid, dass ich ihn nicht gleich mit einbuchten kann.«
Nach wenigen Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht. Batzko hatte den Alarmton ausgeschaltet, um Lutz nicht zu warnen, und parkte in der Einfahrt des Nebenhauses.
Gerald lief voraus und drückte nur kurz auf die Klingel.
Im Stillen zählte er die Sekunden, bis endlich die Tür aufsprang. Die beiden Kommissare eilten die Treppe hoch. Im dritten Stock hielt Gerald seinen Kollegen zurück: »Warte besser hier. Mich kennt er. Er wird sich nichts dabei denken. Ich lasse die Tür nur angelehnt. Warte ein halbe Minute.«
Batzko nickte und zog sich so weit zurück, dass er vom vierten Stock aus nicht zu sehen war.
Franziska erschien im Türrahmen. Sie wirkte überrascht, Gerald zu sehen, aber noch bevor sie etwas sagen konnte, legte er den Zeigefinger senkrecht auf seine Lippen und machte mit dem linken Arm eine beruhigende Geste. Franziska nickte und gab zögernd den Weg frei. Gerald berührte sie kurz an der Schulter und warf einen Blick in den Wohn-/Schlafraum.
Lutz saß in seinem schwarzen »Hard Rock Café«-T-Shirt, die Beine auseinandergestellt, auf dem Sofa. Darüber trug er eine schwarze Bomberjacke, die Ärmel hochgekrempelt. Seine Augen wirkten glasig, als hätte er Alkohol getrunken oder sich mit Amphetaminen vollgestopft.
»Ach du!«, sagte er, überrascht und enttäuscht zugleich. »Franziska hat dich wohl angerufen. Ich wusste gar nicht, ob du mitmachen wolltest. Außerdem hatte ich deine Telefonnummer nicht.«
»Doch, doch«, antwortete Gerald, »ich freue mich auf euch. Kommen die anderen beiden auch noch? Du wolltest sie doch anrufen, hat Franziska gemeint.«
Lutz schaute irritiert zwischen Gerald und Franziska hin und her. Franziska entzog sich seinem Blick, indem sie in die Küche ging.
Lutz starrte Gerald an. Er schien zu ahnen, dass etwas nicht stimmte mit dieser Situation. Aber er konnte es nicht greifen. Plötzlich blickte er an Gerald vorbei in den Flur.
»Ach, sieh mal einer an. Wir kennen uns doch, oder?« Batzko, die Arme vor der Brust verschränkt, hatte die Wohnungstür lautlos geschlossen. Er betrat den Raum, hinter ihm näherte sich Franziska, die Gerald mit fragendem Blick anschaute. Sie hatte Batzko schließlich noch nie gesehen. »Na, fällt der Groschen? Fitnesscenter. Drücken, heben, stoßen. Dann an die Bar, Frauen anmachen. Das ist doch dein Ding, oder?«
Lutz fixierte Batzko und nickte. Er schien erleichtert, dass er Batzko in irgendeiner Weise zuordnen konnte. Sein Gesicht verzog sich zu seinem gewohnten aggressiv-selbstsicheren Grinsen, als würde er im Geiste die Kilos addieren, die Batzko stemmte, und mit denen vergleichen, die er selbst auflegte. Doch unversehens änderte sich sein Gesichtsausdruck, die Augen verengten sich. Er erhob sich aus dem Sessel. »Moment. Klar kenne ich dich, du bist doch der Bulle.«
Bevor irgendjemand reagieren konnte, hatte Lutz Franziska an sich gerissen und seinen linken Arm um ihren Hals gelegt. Mit der rechten Hand fuhr er in die Innentasche seiner Jacke, holte ein Skalpell heraus und drückte es an ihren Hals. Franziska schrie auf, Gerald hielt instinktiv seinen Arm vor Batzkos Körper, um ihn an einer unkontrollierten Bewegung zu hindern. Diesen Moment nutzte Lutz, um mit Franziska, dicht an sich gepresst, in die Diele vorzurücken.
»Kommt mir nicht zu nahe! Bleibt ja, wo ihr seid!«
»Du hast keine Chance, Lutz«, sagte Batzko und folgte ihm im Abstand von zwei Metern. »Auf der Straße stehen überall Polizisten. Du kommst keine zwei Schritt weit. Mach es nicht noch schlimmer. Gib auf!«
Lutz lachte hämisch. »Mit ihr komme ich überallhin, Bullenschwein.«
»Warum?«, fragte Gerald, um Lutz’ Konzentration auf sich zu lenken. »Warum erst Alexander und dann Arno?«
Wieder schloss Lutz kurz die Augen, und Gerald spürte, dass Batzko im Begriff war, diesen Moment auszunutzen. Aber da hatte sich Lutz bereits einen Schritt weiter zurückbewegt. Franziska wimmerte leise. Ihre schmalen Hände umklammerten Lutz’ Unterarm, in dem die Muskelstränge zuckten wie Schlangen. Sie alle standen nun in der Diele, Lutz am nächsten an der Wohnungstür.
»Warum? Ja, warum wohl? Weil sie Weiber haben. Alexander macht sich selbst zum Krüppel, und ich sehe bei jeder Sitzung, wie er und Franziska sich anschauen und wie sie mit Blicken vögeln.«
»Du bist also zu ihm in die Wohnung gefahren, um ihn umzubringen?«, wiederholte Gerald und spürte förmlich Batzkos Anspannung in seinem Rücken.
»Scheiße. Ich wollte nur zu ihm, von ihm hören, wie Krüppel ficken. Was er so dabei macht und was sie bei ihm tut, diese Schlampe hier, die mich in jeder Stunde bei diesem vollschwulen Therapeuten behandelt wie einen Asozialen. Die mir da draußen wahrscheinlich nicht einmal die Hand geben würde, weil ich keine fünfundzwanzig Fremdsprechen spreche, und die mich für so gebildet hält wie einen Autoreifen. Ich wollte wissen, ob sie seine Tattoo-Wunde geil findet. Ob sie daran leckt und so weiter. Aber unser sensibler Alexander, unser Künstler, war ganz entsetzt. Erst machte er einen auf Verständnis, und als das nichts gebracht hat, hat er sich fast in die Hosen gemacht, lief vor mir weg auf den Balkon. Ich wollte aber hören, wie die sich geil machen, und habe so ein bisschen mit dem Skalpell gefuchtelt. Da ist er in Panik geraten, der Schlappschwanz.«
Gerald hörte leise Kratzgeräusche aus der Küche. Niemand außer ihm schien sie gehört zu haben. Langsam bewegte er sich auf die Küchentür zu. Es waren nicht einmal zwei Schritte, bis er sie in seinem Rücken hatte. »Und das sollen wir dir glauben? Dass er von selbst von seinem Balkon gefallen ist, wo ihm das Schutzgitter bis über die Hüfte reichte? Nein, das heb dir mal für deinen Anwalt auf. Und bei Arno? Er wird ja kaum in diesen Zettelspieß gefallen sein und sich dann wieder auf den Stuhl gesetzt haben, oder?«, sagte er und öffnete im selben Moment die Küchentür einen Spalt breit.
»Ja, ja, der gute alte Arno. So intelligent wie Einstein. Mindestens. Arno hat eine Frau, und dieser Scheißkerl will sich für den Rest seines Lebens in einen Rollstuhl setzen, und seine Frau bleibt wahrscheinlich immer noch bei ihm. Ich hab die Frauen auch, ich muss nur ins Schwimmbad gehen, und sie laufen hinter mir her, dass ich sie an einer Schnur aufreihen kann. Sie warten nur darauf, dass ich sie anmache. Wir gehen was trinken, ich lade sie zu mir ein, sie kommen mit und dann …«
Er sprach nicht weiter. »Ich wollte ihn nicht umbringen. Zuerst nicht. Ich habe ihn angemacht, klar, ein wenig provoziert. Und er erzählt mir, dass Sex für ihn nicht wichtig ist. Der Idiot erzählt mir, dass ihm die Nähe zu seiner Frau wichtig ist, und die fühlt er eher bei einem Glas Wein abends mit ihr. Dieser Vollidiot. Er hat Sex und sagt mir, dass er nicht wichtig ist für ihn. Für mich ist er alles und …« Sein Gesicht verzerrte sich. Gerald glaubte nicht, dass er weitersprechen würde, aber nach einem Moment hatte Lutz sich wieder im Griff. »Und dann fragt er mich, warum ich den Sex so wichtig nehme und was es mir geben würde, immer mit neuen Frauen in die Kiste zu steigen. Ob ich diese Bestätigung so nötig hätte. Dieser superschlaue Arsch, er hatte alles, was ich gesagt habe, für bare Münze genommen. Er hat wirklich gedacht, ich hätte sie alle gefickt. Und dann ist mir richtig schwarz vor Augen geworden, weil ich das nicht aushalten konnte, was Arno gesagt hat. Ich habe daran denken müssen, wie es wirklich gelaufen ist bei mir, und da ist es wie ein Blitz in mich gefahren.«
»Warum das Geld?«, fragte Gerald und öffnete die Tür noch einen Spalt weiter.
»Was? Ach so, Arnos Geldbörse. Eine andere Spur legen. Außerdem wisst ihr Arschlöcher doch überhaupt nicht, was jemand wie ich verdient für die Schufterei.«
Gerald spürte eine Bewegung an seinen Unterschenkeln. Dann war ein wütendes Fauchen zu hören, und es trat genau das ein, was er erhofft hatte. Lutz war durch sein Geständnis so in sich gefangen, dass das unerwartete Geräusch ihn irritierte. Er löste reflexartig den Griff um Franziskas Hals, und genau diese Sekunde nutzte Batzko aus und wuchtete seine gut neunzig Kilo gegen Lutz’ Oberkörper. Lutz prallte gegen die Wand, und das Skalpell glitt aus seiner Hand auf den Fußboden.
Batzko versuchte, Lutz’ rechten Unterarm zu greifen, während beide, sich wild umklammernd, auf den Boden sanken. Doch Lutz gelang es, sich aus Batzkos Umklammerung zu befreien; er stieß ihn mit einem Tritt in die Magengegend von sich, ergriff das Skalpell und brachte sich mit breit gespreizten Beinen und gebeugtem Oberkörper in Position.
Dieser Moment reichte Batzko, um seinerseits aufzustehen und die Arme auszubreiten.
»Ich stech dich ab, Bullenschwein«, bellte Lutz. Er schnellte einmal und dann noch einmal mit dem rechten Arm vor, nicht so weit, um Batzko wirklich treffen zu können, aber weit genug, dass er sich rückwärtsbewegen musste und nun mit dem Rücken an der Toilettenwand stand. Die beiden ließen sich nicht aus den Augen. Lutz bewegte sich mit der provozierenden Lässigkeit desjenigen, der sich in der deutlich besseren Position befindet. Batzko hielt die Arme ausgebreitet, um einen Angriff parieren zu können. Die beiden hatten offensichtlich Gerald und Franziska vollkommen vergessen. Sie hatten sich ineinander verbissen wie zwei Kampfhunde. Das nutzte Gerald aus. Er stand nur gut einen Meter hinter Lutz. Er machte einen Schritt nach vorne, verlagerte sein Körpergewicht auf das linke Bein, holte mit dem rechten aus und fuhr mit ihm wie eine Sense gegen Lutz’ Beine.
Der stöhnte auf und knickte ein; der rechte Arm sackte hinunter. Dieser Augenblick reichte Batzko, um zuzuschlagen. Seine Faust traf Lutz am Kinn, der, ohne einen Laut zu geben, sich halb um seine Achse drehte und auf dem Dielenboden aufschlug, mit dem Kopf zuerst.
Es dauerte einige Minuten, bis Lutz ein leises Wimmern von sich gab. Batzko hatte ihm in der Zwischenzeit Handschellen angelegt. Franziska hatte zunächst die Katze im Wohnzimmer beruhigt und sie dann zurück in die Küche gebracht. Nun stand sie mit den beiden Kommissaren im Flur.
»Dass ich dir immer helfen muss«, sagte Gerald und grinste Batzko an. Dabei wollte er nur eins: Franziska in den Arm nehmen.
»Du hast Recht, ich sollte mir ein Beispiel an dir nehmen und häufiger Sport machen. Wie wär’s, sollen wir nicht ein Jahr lang zusammen ins Fitnessstudio gehen, damit ich nicht mehr so hilflos bin?« Batzko kniff ein Auge zu und streckte die geöffnete Hand aus.
»Wenn du ein einziges Mal ›Logo‹ sagst oder eine Bemerkung zu meinem Privatleben machst, fällt dir eine Hantel auf die Gurgel«, sagte Gerald und schlug ein.
Franziska stand neben der Tür zur Abstellkammer, die einen Spalt breit offen stand.
»Ich muss Ihnen sicher nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin. Ich will mir gar nicht ausmalen, was hier passiert wäre, wenn ich alleine mit Lutz geblieben wäre.« In diesem Moment, als wäre er beim Hören seines Namens aufgewacht, begann Lutz zu stöhnen. Seine Augen waren noch geschlossen.
»Wir haben nur unseren Job gemacht. Wir sollten das Paket zu meinen Füßen jetzt aber mitnehmen, bevor es sich zu regen beginnt. Wir werden wegen Ihrer Zeugenaussage noch Kontakt mit Ihnen aufnehmen«, sagte Batzko und umfasste mit seiner linken Hand den Kragen von Lutz’ Jacke.
»Kommen Sie klar?«, fragte Gerald. »Soll ich noch ein paar Minuten bei Ihnen bleiben?«
Sie schüttelte den Kopf. »Es geht mir gut. Ich weiß genau, was ich zu tun habe. Und ich danke Ihnen für das, was Sie für mich getan haben. Aber jetzt würde ich gerne allein sein.«
»Sind Sie sicher?«, hakte Gerald nach.
»Ich bin vollkommen sicher«, antwortete sie.
Bevor Gerald hinter Batzko und Lutz die Wohnung verließ, wollte er die Hand auf ihre Schulter legen. Aber sie wich vor ihm zurück.
Als Gerald am späten Abend seine Wohnungstür aufschloss, hörte er kein Geräusch in der Wohnung. Vorsichtig betrat er die Diele. Sofort spürte er, dass etwas anders war. Dass die Wohnung verlassen war, dass niemand mehr in ihr atmete. Natürlich, der Kinderwagen hatte nicht im Hausflur gestanden. Neles Jacke und Regenmantel hingen nicht an der Garderobe. Gerald ging in die Küche und sah ein Blatt Papier auf dem Tisch.
Gerald,
es ist nicht nur deine Affäre. (Eigentlich hasse ich diesen Ausdruck; er klingt so, als hätte man den Fußboden schnell abgewischt, nachdem jemand daraufgekotzt hat, und alles ist danach wieder wie früher.) Aber mir ist jetzt egal, wie man das nennt. Wichtiger ist, was ich dadurch verstanden habe. Dass du nämlich gar kein Kind, keine Familie haben willst, zumindest nicht in dem Sinn, wie ich es verstehe. Du willst deinen regelmäßigen Sex, deinen Job, dein Schwimmbad usw. und dazu eben ein Baby, das gefälligst nicht zu nerven hat. Du willst nicht, dass alles anders wird, aber das wird es eben mit einem Baby.
Das ist keine Basis für mich. Ich gehe erst mal zu meinen Eltern. Ich will nicht, dass du mich anrufst oder mir schreibst. Ich will keine Entschuldigung und kein Ich-werde-mich-bessern. Ich will selbst entscheiden, ob und wann ich mich melde.
N.
Auf dem Tisch stand eine angebrochene Tüte Milchpulver. In der Spüle ein Topf mit den Resten angebrannter Milch. Nele hatte natürlich für die mehrstündige Zugfahrt vorsorgen wollen.
Im Bad und im Schlafzimmer die klassischen Spuren eines plötzlichen Aufbruchs (herausgezogene Schubladen, Kleidung auf dem Boden, in der Badewanne eine benutzte Pampers, im Waschbecken Geralds Zahnbürste). Auf dem Schreibtisch der Block, auf dem sie ihren Abschiedsbrief geschrieben hatte. Zwei Papierknäuel, offensichtlich die Vorfassungen, lagen auf dem Boden, neben dem Papierkorb. Gerald widerstand der Versuchung, sie zu lesen. Er musste plötzlich lächeln: Wie wäre es, wenn ich Spurenermittler Brenner anriefe, damit er den Tatort professionell erfasst? Versuchte Ermordung einer Familie, war das nicht auch strafbar?
Was jetzt? Gerald, der nie eine Freundin verlassen hatte, aber wiederholt verlassen worden war, konnte das alles nicht begreifen. Als wäre es unwirklich, als wäre er zufällig in ein Filmstudio geraten, in dem ein Ehedrama gedreht wurde. Moment mal, er war ja an diesem Tag streng genommen von zwei Frauen verlassen worden. Das musste ihm erst einmal jemand nachmachen.
Er dachte daran, im Wohnzimmer den Whiskey zu holen, aber selbst dazu fühlte er sich zu müde. Stattdessen ließ er sich aufs Bett fallen. Neben seiner rechten Wange, zur Hälfte auf dem Kopfkissen, lag ein Strumpf, Neles Strumpf. Er ließ ihn liegen.
Vermutlich lag Nele mittlerweile längst im Bett, neben Severin. Ihre Eltern, die ihn, so bildete er sich zumindest ein, nie wirklich gemocht hatten, würden im Wohnzimmer nebeneinander auf dem Sofa sitzen, ihr Vater an seiner Pfeife nuckeln, und sie würden beratschlagen, wie sie ihrer Tochter am besten helfen konnten.
An seine eigene Mutter wagte Gerald gar nicht erst zu denken. Es kam ihm so vor, als ob die letzten Monate, so hart sie auch waren, ein Zuckerschlecken waren gegen das, was ihm jetzt bevorstand. Gerald fühlte sich mit einem Schlag hundeelend.