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Der Kinderwagen stand nicht im Hausflur. Nele hatte sicher die milden Abendstunden für einen Spaziergang genutzt.

Gerald stieg mit schnellen Schritten in den zweiten Stock. Es kostete ihn eine gewisse Anstrengung, obwohl er vor wenigen Stunden in den vierten Stock hatte gehen müssen. Aber da hatte Müllersohn ein extrem gemächliches Tempo vorgegeben. Gerald überlegte, wann er zum letzten Mal Sport getrieben hatte. Vor Severins Geburt, musste er feststellen; das wird eine saubere Blamage werden, überlegte er, neben Batzko auf dem Laufband und an den Geräten.

Die Stille in der Wohnung war ungewohnt und fast ein wenig unheimlich. Er ging in die Küche und schenkte sich eine Apfelschorle ein. Dabei fiel sein Blick auf den Babyentwicklungskalender, der über dem Küchentisch an der Wand hing. Er listete mit vielen bunten Bildern, witzig gemeinten Zeichnungen und der unvermeidlichen Produktwerbung auf, was ein Baby in jedem Monat des ersten Lebensjahres lernt. Für Nele hatte dieser Kalender die Funktion eines allmächtigen Angstmachers übernommen. Sie hatte hinter jede der angezeigten Fähigkeiten mit dem Tagesdatum notiert, wann Severin sie erreicht oder wann sie zumindest in Ansätzen erkennbar geworden war. Gab es eine Verzögerung, so wies ein Pfeil auf den folgenden Monat, und Nele hatte das erlösende Datum mit Rotstift festgehalten.

Mit diesem Tag hatte der vierte Monat begonnen. Gerald nervte dieser Kalender, er wollte ihn keine Sekunde länger ansehen müssen und ging ins Wohnzimmer. Er fühlte, wie sich Trauer und eine diffuse Wut in ihm ausbreiteten. Was war nur mit Nele passiert? Früher hatte sie ihn, der zur Übervorsicht und zum Abwarten neigte, mit ihrer Spontaneität mitgerissen; sie hatte ihn an einem Sonntagmorgen um vier Uhr geweckt, um mit ihm spazieren zu gehen und anschließend wunderbaren Sex zu haben. Sie hatte Pläne als Fessel betrachtet, sie hatte das ganze Leben als einen einzigen Last-Minute-Trip gelebt. Mit Severins Geburt war die Welt ein verdächtiger Ort voller verborgener Gefahren geworden. Ein Teppich diente nicht zur Verschönerung eines Raumes, sondern als Brutstätte gefährlicher Bakterien. Ein Löffel war nicht länger nur ein Löffel, sondern ein Gegenstand, der Severins Mundraum Verletzungen zufügen konnte. Die Temperatur im Zimmer war zu hoch oder zu niedrig, das Essen zu kalt oder zu heiß. Als ob das Baby, dachte Gerald, während der Schwangerschaft Neles ursprüngliche Persönlichkeit gleichsam deformiert hätte.

Auf dem bequemen Ledersessel neben dem Bücherregal lagen eine Großpackung Windeln und eine Informationsbroschüre aus der Apotheke, die eine Mutter in Sorge zeigte: Ab wann darf ich zufüttern? Ein Ratgeber. Alle Mütter waren ständig in Sorge, die ganze Welt gab Ratschläge. Gemessen an dem Aufwand, den wir betreiben, muss die Kindersterblichkeit der vorigen Generationen zwischen 95 und 98 Prozent betragen haben, dachte Gerald. Er versuchte, einen Platz für die Windeln zu finden, aber das war selbst im Wohnzimmer nicht einfach. Sie hatten es nicht mehr geschafft, vor Severins Geburt eine größere Wohnung zu finden – genauer gesagt, eine Wohnung, die wegen möglicher giftiger Teppichkleber oder sonstiger verdächtiger Stoffe und Materialien kein Veto bei Nele provoziert hätte. Nun waren ihr Schlaf- und ihr Wohnzimmer zu einem doppelten Kinderzimmer mutiert.

Gerald schob eine CD in den Spieler. Miles Davis: Kind of Blue. Eine sanft pulsierende Musik, die irgendwo in der Ferne begann und irgendwo in der Ferne aufhörte. Er schloss die Augen und fuhr in einem offenen Wagen über eine endlose Straße. Einfach nur fahren, an nichts denken, nur unterwegs sein.

Aber plötzlich war da Alexander Faden im Blickfeld. Er sah ihn tot vor sich auf der Straße liegen, den Armstumpf mit der seltsamen Narbe. Da passt einiges nicht zusammen, dachte er, die wohlgeordnete Wohnung, Müllersohns Beobachtungen und die Ansichten des Psychotherapeuten. Gerald musste zumindest noch mit der anderen Nachbarin sprechen. Allein. Es war ein Fehler gewesen, Batzko ins Boot zu holen. Der wollte der Staatsanwaltschaft nur möglichst rasch die Akten zuleiten, um von denen ein Fleißkärtchen zu kriegen. Für Batzko war Gerald immer schon ein Träumer gewesen.

Die Haustür wurde aufgeschlossen. Nele rief ein »Ja, ist der Papa schon da?« in den Flur, Severin krächzte einen Begrüßungslaut. Als Gerald die beiden sah, wurde er von einer Welle der Liebe mitgerissen. Nele, deren Wangen von der Anstrengung leicht gerötet waren, gab ihm einen Kuss, der nicht flüchtig, sondern bewusst und innig war. Severin strahlte ihn an, ließ sich in die Umarmung fallen, was nicht selbstverständlich war. Gerald drehte sich mit seinem Sohn im Kreis, bis ihn Nele mit einem Hinweis auf die Ohrenentzündung bat, vorsichtiger zu sein. Es ärgerte ihn, aber er war in diesem Moment glücklich genug, um über Neles mantra-artige Ermahnungen hinwegzusehen.

»Es tat irrsinnig gut, endlich rauszukommen. Und dann noch bei diesem Wetter! Severin hat geschlafen und gestrahlt, geschlafen und gestrahlt. Ein Traum, sage ich dir.«

Erst jetzt sah er, dass sie auch eingekauft hatte. Sie stellte die Tüte auf den Küchentisch, holte tief Atem und pustete ihrem Mann und ihrem Sohn im Flur über ihrer ausgestreckten Handfläche einen Kuss zu.

»Kannst du ihn umziehen? Ich habe Fleisch für uns gekauft und Salat. Ich fühle mich wie neugeboren. Heute Abend müssen wir einfach feiern.«

Gerald legte seinen Sohn auf den Wickeltischaufsatz, der auf der Badewanne postiert war, und während er ihn auszog, griff Severin nach dem Zipfel seines Jäckchens und nuckelte daran. Er strahlte immer noch, seine Augen schienen größer als seine Fäuste. Das reine Glück. Auch Männer, die Väter werden, durchleben tiefgreifende Veränderungen, dachte er. Konnte er das nicht akzeptieren und war deshalb so reizbar und überfordert? Und machte er deshalb Nele für alles verantwortlich, wenn es nicht gut lief zwischen ihnen?

Severin brauchte eine neue Windel. Gerald wusch ihn vorsichtig mit lauwarmem Wasser. Das Baby hatte, während Gerald ihm den Strampler über die Windel zog, die Schnur des Heizstrahlers entdeckt und hielt sie fest in seinen Händchen. Der Heizstrahler war einer der ersten Streitpunkte in der »Wir-machen-aus-unserer-Wohnung-eine-perfekte-Kinderwelt«-Phase gewesen. Severin kam Ende März auf die Welt, es herrschten bereits milde Temperaturen. Das Bad war klein, die Heizung funktionierte perfekt – aber jedes Argument hatte versagt vor der Tatsache, dass Babys in den ersten drei Monaten noch über keinen inneren Temperaturausgleich verfügen. Nele hatte auf einen Heizstrahler mit Dreistufenregelung bestanden, ein Elektriker hatte ihn an der Decke angebracht und das mitgelieferte Kabel durch ein längeres ersetzt, damit sie ihn an die Türsteckdose anschließen konnten. Sie hatten ihn summa summarum vielleicht fünf Mal angeschaltet, bald würde er den Weg in den Keller finden und später auf den Sperrmüll.

Gerald zwang sich, nicht daran zu denken, und das schien auch für Severin zu gelten, der sich die Schnur ohne Protest aus den Fäusten nehmen ließ. Bravo, genießen wir einfach nur diesen Abend, flüsterte Gerald in Severins Ohr, und vielleicht auch diese Nacht.

Er trug ihn auf seinen Armen in die Küche, wo Nele gerade den Salat wusch. Sie hatte sich in der Zwischenzeit bereits umgezogen – eine Latzhose, die sie schon während der Schwangerschaft getragen hatte. Sie versank in ihr; Gerald hatte vorsichtig angedeutet, dass sie in diesem Kleidungsstück auf ihn wirke, als wäre sie dauerhaft schwanger, und er das eigentlich hinter sich lassen wollte. Aber Nele hatte darauf bestanden, weil sie praktisch war und weil sie nicht einsah, warum sie ihre normalen Klamotten durch Severins Spuckflecken versauen sollte.

Gerald legte Severin in die Wippe auf dem Küchentisch und beteiligte sich an den Vorbereitungen zum Abendessen. Nele stellte sogar eine Flasche Rotwein auf den Tisch. Es schien tatsächlich sein Abend zu werden. Er fühlte sich wie euphorisiert. Das ist die Wende, dachte er, nach den langen dürren Monaten. Wein, ein gutes Abendessen und später im Bett übereinander herfallen, während Severin tief und fest schlafen würde. Severin, der die Bewegungen um ihn herum mit konzentrierter Aufmerksamkeit verfolgte. Immer wieder brabbelte er etwas, als versuchte er das, was er sah, mit einem Namen zu versehen. Gerald hätte ihn am liebsten vor Übermut in die Backen gebissen.

Die Steaks waren perfekt. Er aß mit so großem Appetit, dass Nele ihm die Hälfte ihrer Portion abgab. Mehrmals schenkte sie ihm nach, sodass er schließlich vier Gläser des schweren Weins getrunken hatte.

»Mein Gott, ich bin tot«, sagte sie unvermittelt, legte das Besteck neben den Teller und streckte ihren Rücken. »Severin wollte ständig getragen werden. Ich spüre jeden einzelnen Wirbel.«

Gerald betrachtete sie aufmerksam. Ihr Gesicht und ihr Körper trugen noch die Spuren der Schwangerschaft und der unerwartet schwierigen Geburt. Sie hatte ein schmales Gesicht, dessen Ebenmäßigkeit durch ihre kurzen Haare unterstrichen wurde. Auch ihre Nase und ihr Mund waren schmal, aber nicht zu schmal.

Die Zeit, die sie nach der Geburt vor dem Spiegel zubrachte, war länger geworden, und ihr Gesichtsausdruck besorgter und unglücklicher, wenn sie geschminkt aus dem Bad kam. Dass sie ihr vertrautes Körpergewicht noch nicht wieder erreicht hatte, störte ihn nicht (und er sagte in diesem Punkt die reine Wahrheit), aber das konnte die befremdliche Distanz, die sie zu ihrem eigenen Körper aufgebaut hatte, nicht aufheben.

»Machst du die Küche, und ich lege Sevi an? Er soll trinken und trinken, damit er zwei Tage durchschläft.«

Das war das Stichwort. Als Gerald die Teller in die Spülmaschine räumte, stellte er fest, dass er schwer angetrunken war. Der Alkohol rumorte in seinem Kopf. Er verzichtete auf den üblichen Espresso nach dem Abendessen, weil er sich müde und aufgekratzt zugleich fühlte. Und erregt.

Wenige Minuten, nachdem er die Küche aufgeräumt hatte, ging er ins Bad, putzte sich die Zähne und spülte den Weingeschmack aus dem Mund. Das Gesicht im Spiegel war ihm immer noch ein wenig fremd. Am Tag vor Severins Geburt hatte er sich den Vollbart abrasiert, um die empfindliche Haut seines Sohnes nicht zu reizen, wenn er ihn küsste oder mit ihm spielte. Er hatte nie sonderlich an dem Bart gehangen, doch er hing an einer Erinnerung an einen ganz bestimmten Moment mit Nele. Er hatte sie kennengelernt, als er in einem Reisebüro einen Wochenendtrip buchen wollte, nachdem er in dem Monat davor über hundert Überstunden geschultert hatte und vollkommen ausgebrannt gewesen war. Nele, die damals als Reisebürokauffrau arbeitete, hatte ihm ein schönes kleines Hotel in Barcelona empfohlen. Er hatte eingewilligt – und war überrascht gewesen, als er sie an dem Wochenende in demselben Hotel als Gast wiedersah. Sie hatte erklärt, dass sie inkognito gelegentlich eine Reise buche, um die Standards zu überprüfen. Er hatte ihr geglaubt, weil er sich – obwohl das Beratungsgespräch im Reisebüro länger und persönlicher verlaufen war als üblich – nicht hatte vorstellen können, dass jemand tatsächlich so etwas Verrücktes tun würde, nur um ihn wiederzusehen. Aber genau das war ihre Intention gewesen, wie sie ihm zwei Wochen nach der Rückkehr in seiner Wohnung gestanden hatte, um Mitternacht, in seinem Bett. Sie hatte, wie sie freimütig erklärte, nicht gerade wie eine Nonne gelebt, aber er sei der erste Mann gewesen, den sie sich als Vater ihrer Kinder hätte vorstellen können. Während dieses Geständnisses hatte sie mit den Fingerkuppen der linken Hand seinen Bart gestreichelt. Nie zuvor hatte er sich einer Frau so nahe gefühlt.

Nele war mit Severin ins Wohnzimmer gegangen und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Gerald zog sich bis auf die Unterhose aus, löschte das Licht und legte sich ins Bett. Minuten später hörte er, wie Nele sanft flüsternd ins Bad ging. Wenn sie flüsterte, war Severin noch wach, aber die ruhigen Laute würden den Kleinen bald in den Schlaf tragen. Die Tatsache, dass er weder vor noch nach dem Stillen geschrien hatte, zeigte, wie erschöpft er nach der überstandenen Ohrenentzündung war. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis Nele mit ihm ins Schlafzimmer kam. Sie legte ihn vorsichtig in das Kinderbett, zum ersten Mal seit Wochen. Sie hatte ein neues, dunkelblaues Nachthemd angezogen, eines, das bis über die Knie ging. Wegen der Schwangerschaftsstreifen an den Oberschenkeln, vermutete er.

Nele legte sich mit dem Rücken zu ihm. Sie suchte sich ihre vertraute Einschlafposition, nahm seine rechte Hand, küsste die Fingerkuppen und sagte leise: »Ich liebe unser Leben. Ich liebe uns. Ich liebe dich.«

Gerald spürte nichts als seine Erektion. Sie schien ihm in diesem Moment größer als je zuvor, bis zum äußersten Punkt gefüllt mit seinem Verlangen, seiner Sehnsucht und seinem Schmerz. Er schmiegte sich an seine Frau. Als sein Schwanz gegen ihren Po stieß, zuckte sie zurück wie nach einem elektrischen Schlag. Dann bewegte sie sich ebenso sanft wie bestimmt von ihm weg. Sie küsste noch einmal die Finger seiner rechten Hand und legte sie dann, zur Untätigkeit verdammt, zwischen ihre eigenen, auf den Bauch.

Er fühlte sich auf eine brutale Weise ernüchtert. »Wie lange soll das noch so gehen? Seit mindestens einem halben Jahr ist mein Schwanz nur noch über einer Kloschüssel aktiv«, sagte er. Ihm wurde bewusst, wie betrunken er war. Sie atmete schwerer. »Gerald, es ist nicht gegen dich gerichtet. Ich bin müde. Morgens, mittags, abends, nachts. Immer. Und ich bin einfach nicht erregt, wenn ich müde bin. Gib mir noch etwas Zeit. Es kommt von selbst wieder, glaub mir. Außerdem …«

»Außerdem was?« Geralds Hände hatten Neles Antwort offenbar noch nicht mitbekommen, denn sie bewegten sich sanft und zugleich fordernd über ihre Oberschenkel und ihren Po.

»Es ist so schwer auszudrücken. Manchmal fühle ich mich so, als hätte Severin niemals meinen Bauch verlassen oder, besser gesagt, als gäbe es zwei von ihm. Der eine liegt gerade in seinem Kinderbett und schläft, und der andere ist immer noch in meinem Bauch. Es ist so, als wäre ich immer noch voll von meinem Baby.«

»Nele, ich kann mit diesem Gequatsche einfach nichts anfangen. Lass es doch einfach mal laufen. Vielleicht kommt der Appetit ja beim Essen. »

Sie küsste noch einmal seine Fingerspitzen und legte seine rechte Hand auf ihren Bauch. Dort hatte sie so oft gelegen, dass sie eigentlich schon einen Abdruck auf der Haut hätte hinterlassen müssen.

»Ich bin zu müde, Gerald. Bitte.«