11

Ein Kleinlastwagen stand in der Auffahrt. Die Garage war geöffnet. Sie war tief genug, um an ihrer Rückwand neben einem Regal für Werkzeuge und Kleingeräte auch Möbel abstellen zu können. Gerald sah einen nagelneuen Büroschrank, ein Metallregal und einen Drehstuhl, auf dessen Sitzfläche dickleibige Computerbücher zu einem Turm aufgeschichtet waren.

Sie gingen zur Haustür. Batzko steckte seine Sonnenbrille ein und kontrollierte den Sitz seines Jacketts. Es war etwas kühler im Vergleich zu den Tagen zuvor.

Die Haustür stand einen Spalt offen. Als Gerald auf die Klingel drücken wollte, wurde die Tür mit Schwung von innen geöffnet. Katja Reuther riss vor Überraschung die Augen weit auf. In der rechten Hand trug sie eine schwarze Schreibtischlampe, das Kabel hing bis zu ihren Kniekehlen.

»Oh, entschuldigen Sie, ich hatte nicht mit Ihnen gerechnet.«

Sie stellte die Lampe ab und streckte die rechte Hand aus, bis sie realisierte, dass sie Gummihandschuhe trug. Verlegen trat sie zur Seite, um Gerald und Batzko hineinzubitten. Wie bei ihrem ersten Besuch trug sie einen Trainingsanzug. Die dichten, mittellangen Haare wurden von einem breiten Stirnband fixiert, das ihr Gesicht etwas flacher erscheinen ließ. Sie war sehr blass, die Augen flackerten nervös. Gerald erinnerte sich an die Tablettenschachtel auf dem Esstisch im Wohnzimmer und warf beim Eintreten einen Blick in die Küche und auf den Wohnzimmertisch. Er sah einen Bücherstapel, einen Brotkorb, Butter, eine Aufschnittplatte und einen Teller. Aber keine Medikamente.

Katja Reuther versuchte, sich die Handschuhe abzustreifen, was ein quietschendes Geräusch verursachte. Schließlich legte sie sie auf einen der Sessel, auf dem sich Verpackungen von Computerhardware stapelten.

»Sie müssen meinen Aufzug entschuldigen. Zur Beerdigung meines Mannes kommt seine Familie aus Hamburg. Arnos Bruder ist auch in der Computerbranche und kann vielleicht vieles von dem gebrauchen, was in Arnos Zimmer steht. Ich will ihm die Sachen geben, damit sie nicht diesem Herrn Steinhaus in die Hände fallen. Nennen Sie es weibliche Intuition oder was auch immer – ich habe ihn immer für jemanden gehalten, der nur auf den Moment wartet, sich alles unter den Nagel reißen zu können. Arno war so leichtgläubig, er war im Grunde seines Wesens Kind geblieben. Und jetzt stehe ich hier in diesem Aufzug und putze den Computer. Das verstehen Sie vielleicht nicht, aber ich muss einfach etwas tun. Es macht mich krank, dieses Nachdenken. Ich halte es einfach nicht aus. Ich wache um vier Uhr auf, den ganzen Tag putze ich und organisiere und räume aus und hoffe, dass ich vor Müdigkeit wenigstens um ein Uhr in der Nacht einschlafen kann. Ich weiß, dass es verrückt ist, von einem Zimmer zum anderen zu rennen, auszupacken und einzupacken, aber ich spüre, dass ich zusammenbreche, wenn ich mich nur auf einen Stuhl setze und daran denke, wie mein Leben nun weitergehen soll.«

»Das ist mehr als verständlich. Sie befinden sich in einer Ausnahmesituation«, sagte Gerald und fragte sich, warum sie ein so negatives, geradezu bedrohliches Bild von Steinhaus hatte. Warum hielt sie ihn für so skrupellos und geldgierig?

»Mein Schwager will mir unbedingt den angemessenen Wert ersetzen«, fuhr sie schnell fort, »ich suche überall nach Rechnungen, Belegen, Quittungen. Glücklicherweise war Arno sehr gewissenhaft in seiner Buchführung. Sein Bruder ist ein angenehmer Mensch, er denkt wahrscheinlich, dass ich vor dem finanziellen Ruin stehe. Ich weiß nicht, was alles auf mich zukommen wird. Es war Arnos Firma, dennoch habe ich manche Papiere auch unterschreiben müssen, damit ich abgesichert bin, hieß es. Herr Steinhaus hat mir die Verträge vorgelegt und dabei immer wieder erwähnt, was er selbst an privatem Vermögen einsetzt und was er alles riskiert. »

Batzko pfiff leise durch die Zähne. »Bedeutet das, dass Sie nicht genau gewusst haben, was Sie da unterschreiben?« »Ja. Nein. Ich meine, Arno hat mir gesagt, dass alles seine Richtigkeit hat. Es war doch sein großer Traum, diese Firma. Ich bin komplett durcheinander. Wir hatten Gütertrennung vereinbart, aber was heißt das jetzt? Wem gehören die Patente? Bekomme ich überhaupt etwas ab, wenn die Firma Erfolg hat? Das Potenzial für diese Verschlüsselungssoftware muss immens sein, weltweit. Daran hat Arno fest geglaubt, weil immer mehr Leute ihre Bankgeschäfte und Einkäufe über das Internet abwickeln. Aber ich, ich stehe jetzt hier ohne ihn und weiß nicht, wie ich dieses Haus alleine finanzieren soll. Wir haben Hypotheken und Kredite laufen. Ich bin doch nur Übersetzerin.«

»Bitte beruhigen Sie sich«, beschwichtigte Gerald. Sie standen noch immer mitten im Wohnzimmer.

»Können wir uns einen Moment setzen?«, fragte er, um ihren Redeschwall zu stoppen. Er fürchtete, sie würde ewig so weitersprechen, wenn sie noch länger im Raum stehen blieben.

Katja Reuther deutete den Kommissaren, Platz zu nehmen, ging selbst in die Küche und kam mit einem Glas Wasser in der Hand zurück.

»Möchten Sie vielleicht …«

Die beiden Kommissare verneinten.

»Ich habe Sie noch nicht einmal gefragt, ob Sie in den Ermittlungen weitergekommen sind. Warum eigentlich nicht? Warum war das nicht meine erste Frage?«

»Weil man diese Frage nicht stellt, wenn man Angst vor der Antwort hat«, sagte Gerald.

»Ja, Sie haben Recht. Vielleicht hat man dann besondere Angst, wenn man fürchtet, den Täter zu kennen, mit ihm geredet, ihm die Hand gegeben zu haben.«

»Wir ermitteln weiterhin in alle Richtungen«, ergriff Batzko das Wort. »Es kann ein Überfall mit Todesfolge gewesen sein, es kann sich um eine willkürliche Tat handeln, vielleicht um einen Drogensüchtigen, der dringend etwas Bargeld für den nächsten Schuss brauchte und die Situation ausnutzte, dass Ihr Mann alleine im Büro war. Die Indizien weisen allerdings eher auf eine Beziehungstat hin.

Sie nickte und schloss für einen Moment die Augen. Ihre Lippen bewegten sich, als wollte sie etwas sagen, aber sie blieb stumm.

»Können Sie mir sagen«, fragte Gerald, »wann Sie zuletzt Dr. Chateaux gesehen haben? Sie sprachen davon, dass Sie ihn nach dieser Paartherapie noch mehrmals getroffen haben.«

»Mehrmals? Wirklich? Habe ich das tatsächlich gesagt?»

»Also, wie oft haben Sie ihn gesehen und wo?«

»Hat das irgendwas mit dem Fall zu tun? Das ist doch meine Privatsache, oder?«

»Bitte beantworten Sie die Frage meines Kollegen«, insistierte Batzko.

»Wir haben uns zufällig in der Stadt getroffen, nach der Therapie, meine ich. Kurioserweise sogar mehrmals. Wir haben dann einen Kaffee getrunken und geplaudert. Wir, ich meine damit meinen Mann, Dr. Chateaux und mich, waren uns sympathisch.«

»Sie haben ihn also nicht in der Praxis aufgesucht?«

Sie schaute zuerst Gerald an, dann Batzko. Sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. »Doch. Das ist auch einmal passiert.«

»Wenn ich mir vor Augen führe, wo Dr. Chateaux wohnt, ist es schwer vorstellbar, dass Sie mit zwei Einkaufstüten in der Hand vom Viktualienmarkt in seine Praxis gestolpert sind.«

Sie errötete. »Aber es waren keine Treffen, wie Sie sie vielleicht vermuten. Ich habe Arno geliebt. Nur ihn.«

»Warum gingen Sie dann in die Praxisräume von Dr. Chateaux, nachdem die Paartherapie offiziell beendet war?«, bohrte Gerald nach.

Sie senkte den Blick und krampfte die Finger ineinander.

»Ich möchte die Frage nicht beantworten. Wenn Sie mich dazu zwingen wollen, möchte ich vorher mit einem Anwalt telefonieren.«

»Frau Reuther, warum haben Sie uns bei unserem ersten Besuch verschwiegen, dass Ihr Mann Ihnen wenige Tage vor seiner Ermordung von seiner BIID-Erkrankung erzählt hat und von seinem Entschluss, sich das Rückenmark operativ durchtrennen zu lassen?«

Als der Name der Krankheit fiel, sackte Katja Reuther in sich zusammen. Ihre Anspannung löste sich augenscheinlich, als hätte man ein Seil gekappt, an dem ein schweres Gewicht hing. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, nach einem Taschentuch zu greifen.

»Ich werde es Ihnen sagen«, fuhr Gerald fort. »Ihre Beziehung zu Dr. Chateaux ist weit weniger oberflächlich, als Sie uns glauben machen wollen. Sie ist so intim, dass Sie von ihm über die Erkrankung Ihres Mannes informiert worden waren, was Ihr Mann wiederum nicht wusste. Als er Ihnen dann vor wenigen Tagen sein Geheimnis offenbarte und seine Entscheidung für eine Operation mitteilte, mussten Sie nicht nur die dramatischen Konsequenzen für Ihren Wunsch nach Kindern und nach einem ganz normalen Leben verarbeiten, Sie mussten nach Arnos Bekenntnis auch dem Druck standhalten, Ihre Beziehung zu Dirk Chateaux und das Wissen um die BIID-Erkrankung zu verschweigen. Wie Herr Chateaux das mit seiner therapeutischen Schweigepflicht vereinbaren konnte, lassen wir fürs Erste einmal beiseite.«

Katja Reuther hatte ohne äußere Regung zugehört.

»Kann ich also annehmen«, fuhr Gerald fort, »dass Sie Ihrem Mann Ihre freundschaftliche, um nicht zu sagen, intime Beziehung zu Dr. Chateaux gestanden haben?«

Sie nahm das Stirnband ab und hielt es in ihren Händen. »Es war eine unglaubliche Nacht«, sagte sie mit unerwartet ruhiger Stimme. »Der übermächtige Druck fiel von Arno, ein ganzes Gebirge aus jahrzehntelanger Verdrängung, Scham, Schweigen, Hass auf sich selbst und seinen Körper. Dirk war der erste Mensch, dem er sich überhaupt anvertraut hatte. Mir gegenüber hat sich Arno in dieser Nacht so rückhaltlos, so vollkommen ungeschützt offenbart, dass ich es meinerseits nicht ertragen hätte, ihn anzulügen oder ihm etwas so Gravierendes zu verschweigen. Aber es war seltsam, Arno war natürlich verletzt, eifersüchtig; er fühlte sich von mir und von Dirk betrogen und verraten, aber gleichzeitig war er unendlich befreit. Arno hatte alle Dämme brechen lassen, und das hat meine Beziehung zu Dirk gleichsam in den Hintergrund gerückt. Vielleicht hat Arno sein Verschweigen der Krankheit mir gegenüber auch als eine Art Untreue gewertet? Ich weiß es nicht. Aber manchmal hatte ich den Eindruck, dass er es so sah, dass Dirk und ich uns ja erst kennengelernt hatten durch seine Probleme. Jedenfalls, sein Geständnis hat uns in dieser Nacht nicht getrennt, sondern vereint. Wir haben zusammen geweint, wir haben miteinander geschlafen, wir haben unsere Gesichter abgeleckt, als wären wir Babys, wir …«

Batzko warf Gerald einen irritierten Blick zu.

Gerald schaute in den Garten. Die Kinderschaukel setzte sich wie von Geisterhand leicht in Bewegung. Die kühleren Temperaturen hatten auch die Windstille der letzten Tage beendet.

»Soll ich Ihnen ein frisches Glas Wasser holen?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Gleich. Wenn ich alleine bin, trinke ich etwas.«

»Die Nacht ist die Nacht, und der Tag ist der Tag«, sinnierte Gerald. »Und die realen Probleme stellen sich am Tag. Wie ist es weitergegangen, am Tag danach? Wollte Ihr Mann auf die Operation verzichten oder sie zumindest verschieben, bis Sie Ihren Kinderwunsch realisiert hatten? Hat er Ihnen die Beziehung zu Chateaux verzeihen können? Und was ist mit Chateaux selbst? Hat er darauf gedrungen, die Operation durchführen zu lassen?«

»Ja. Dirk.« Sie sprach leiser, wie zu sich selbst. Gerald hatte den Eindruck, dass sie erleichtert war, nicht länger über ihren verstorbenen Mann und sich selbst reden zu müssen. »Er hat diese wunderbare Gabe, Menschen ganz tief in sich selbst schauen zu lassen, verborgene Ängste, Verletzungen und Verdrängungen aus den dunklen Stollen ihrer Psyche ans Licht zu holen, wie er es ausdrückt, und sich dadurch selbst endlich erfahren zu können. Das Leben erscheint uns allen so schwer und mühsam, nicht wahr? Dabei sind es doch nur wir selbst, die uns im Wege stehen. Wer sich ganz annimmt, wer sich einmal um die eigene Achse dreht und jeden Grad seiner Bewegung, jede Facette seines Ichs bejaht und leben lässt, für den ist das Leben nicht wirklich schwer. Er lebt es, und wer sein Leben wirklich lebt, empfindet es nicht als Anstrengung und Leid. Es ist einfach nur das, was es ist, und es ist gut so, wie es ist.«

»Amen. Und so gehet hin und verbreitet meine Wahrheit über alle Völker dieser Erde. Oder so ähnlich. An wen erinnert mich dieser Chateaux nur?«

Gerald hielt den Atem an. Batzko hatte Chateaux über die Maßen provoziert, und jetzt streute er Salz in die Wunden dieser Frau. Zu seinem nächsten Geburtstag, überlegte Gerald, schenke ich ihm eine Schnupperstunde bei einem Psychologen seiner Wahl. Diese militante Abwehr ist doch selbst schon neurotisch.

Zu seiner Erleichterung reagierte Katja Reuther nicht auf Batzkos Provokation. Sie atmete gleichmäßig und bewahrte die Ruhe. Aber Gerald musste feststellen, dass sich in die letzten Sätze ein anderer Ton eingeschlichen hatte. Zwar war es Katja Reuther, die sprach, aber den Text hatte Dr. Dirk Chateaux geschrieben.

»Ich will damit sagen«, fuhr sie fort, »er hat auch mir geholfen. Ich hatte nie wirklich Selbstvertrauen. Ich habe mich nie wirklich begehrenswert und aufregend empfunden. Das kommt sicher daher, dass ich eine ältere, sehr attraktive Schwester habe. Die Jungs in der Schule haben eigentlich nur mit mir geredet, um an meine Schwester heranzukommen. Wenn ich zu einer Fete eingeladen wurde, hörte ich immer den Satz: Ach, bring doch ruhig deine Schwester mit. Okay? Arno hat mich geliebt, das habe ich immer gespürt, aber unsere Beziehung hatte im Grunde geschwisterliche Züge angenommen. Es mag auch eine Rolle gespielt haben, dass seine Art der Erkrankung ein ablehnendes Verhältnis zur Sexualität impliziert hat. Deshalb nehme ich an, dass für ihn das Sexuelle keine große Bedeutung hatte. Wir haben uns, obwohl wir so viele Jahre zusammen waren, niemals explizit über unsere Sexualität unterhalten. Ich aufgrund meiner Unsicherheit nicht, er aufgrund seiner Krankheit nicht, nehme ich an. Dirk, ich meine natürlich Dr. Chateaux, hat das erkannt, und in den Gesprächen mit ihm ist der Funke eben übergesprungen. Vom theoretischen Fahrunterricht zum praktischen, könnte man sagen.« Sie lachte auf, als wäre sie dankbar, der Situation etwas von ihrer Dramatik zu nehmen. »Aber es ging nie darum, meine Ehe aufzugeben. Es mag sich paradox anhören, aber Dirk wollte nicht mit Arno konkurrieren, sondern er wollte mir helfen, eine gelöstere, lustvollere Ehe zu führen. Vielleicht hatte er auch mit anderen Frauen Verhältnisse, aber das hat mich nie beschäftigt. Daran sehen Sie, dass er für mich immer ein Therapeut geblieben ist, nicht der Mann, mit dem ich emotional verbunden war.«

»Ich beglückwünsche Sie zu einem so potenten Samariter«, schaltete sich Batzko wieder in das Gespräch ein, »aber das beantwortet keine einzige Frage meines Kollegen. Welchen Entschluss haben Sie getroffen? Welchen Entschluss haben Ihr Mann und der alles und alle seligmachende Dr. Chateaux getroffen?«

»Potent, sagen Sie.« Sie schaute Batzko direkt an und fuhr mit erstaunlicher Selbstsicherheit fort, als würde sie sich auf all das, was Chateaux ihr vermittelt hatte, nun berufen können: »Ich nehme an, Sie halten sich selbst für extrem potent, nicht wahr? Sexuelle Attraktivität als Multiplikation aus Muskelmasse, Brusthaaren und dem Zynismus und Chauvinismus, den Sie hier an den Tag legen. So stellen Sie sich das wohl vor. Wissen Sie, wie im Alten Testament der Liebesakt beschrieben wird? Er erkannte sie, so heißt es dort. Das ist für mich die erotischste Eigenschaft überhaupt: erkannt zu werden. Aber lassen wir das, ich bezweifle sehr, dass Sie und ich in dieser Frage jemals einen gemeinsamen Nenner finden.« Sie wandte den Blick von Batzko ab, dem vor Überraschung die Kinnlade heruntergefallen war. »Ich bin Ihren Fragen nicht ausgewichen. Ich kann sie nur nicht beantworten. Wir wären gar nicht in der Lage gewesen, eine konkrete Entscheidung zu treffen. Wie stellen Sie sich das vor? Es geht doch nicht darum, Prospekte auf dem Tisch zu verteilen und nach einer Stunde den Wohnzimmertisch auszuwählen. Wir wollten uns Zeit geben. Die Nacht war wie ein reinigendes Gewitter gewesen. Nun wollten wir, dass sich alles erst wieder beruhigt. Es ging doch schließlich um die Wegstellungen für unsere gemeinsame Zukunft!«

»Frau Reuther«, hakte Gerald nach, »haben Sie am Mittwochmorgen Dr. Chateaux in der Stadt getroffen? Haben Sie oder er oder Sie beide Ihren Mann in seinen Geschäftsräumen aufgesucht, nachdem Herr Steinhaus gegangen war?«

»Was soll das? Werde ich jetzt verdächtigt? Glauben Sie, dass ich den Mann umgebracht habe, den ich geliebt habe? Und das nach dem, was wir alles durchgestanden haben, nachdem wir uns so rückhaltlos geöffnet haben, wie sich nur zwei Menschen öffnen können? Sie wissen ja nicht, was Sie sagen.«

»Frau Reuther, wir müssen Sie das fragen, es gibt keinen Grund zur Aufregung. Also bitte antworten Sie nur auf die Fragen, die Ihnen gestellt wurden.«

Katja Reuther gewann ihre Selbstkontrolle wieder. »Gut. Ich verstehe. Sie tun ja nur Ihre Pflicht. Warum soll ich es Ihnen auch nicht sagen? Dirk und ich haben uns gegen neun Uhr in einem Café in der Innenstadt getroffen. Nicht bei ihm, nicht bei mir, sondern in der Innenstadt, an einem neutralen Ort. Wir wollten reden, uns über die neue Situation austauschen.«

»Ohne eine Entscheidung getroffen zu haben?«

»Ohne eine Entscheidung getroffen zu haben.«

»Was ist mit dem Geld, das Arno Herrn Chateaux bereits gegeben hatte?«

Sie schaute hinaus in den Garten, zur Schaukel. »Arno hat es nur kurz erwähnt. Ich glaube, er wollte es zunächst zurückverlangen, einfach, um sozusagen alles auf null zu stellen. Er hat angedeutet, dass er sich vielleicht dennoch zu einer baldigen Operation entschließen könnte, aber er wollte, um klar zu sehen, eine neutrale Ausgangsposition herstellen.«

»Wann haben Sie sich wieder getrennt?«

»Ich weiß nicht. Gegen zehn Uhr, nehme ich an. Ich habe noch Einkäufe gemacht und bin dann nach Hause gefahren.«

»Wir werden das nachprüfen, Frau Reuther. Und Sie haben Ihren Mann nicht in seinem Büro aufgesucht?«

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Nein, wie ich Ihnen schon sagte. Ich habe meinen Mann nicht gesehen.«

Gerald und Batzko verständigten sich mit einem kurzen Blick. »Wir überlassen Sie jetzt Ihren Aufgaben und Verpflichtungen«, sagte Gerald. »Halten Sie sich bitte weiter zu unserer Verfügung. Wir gehen davon aus, dass Sie die Stadt in den kommenden Tagen nicht verlassen.«

Sie nickte und erhob sich nicht von ihrem Platz, als die Kommissare das Zimmer verließen.

Während der Fahrt tastete Gerald in der Innentasche seine Jacke nach dem Zettel, den Nele auf den Küchentisch gelegt hatte. Am Vorabend hatte er sich im Schwimmbad so ausgepowert, dass er beim Haarewaschen die Arme kaum über die Schultern hatte heben können. Anschließend hatte er im Auto gesessen und eine CD von Chet Baker gehört, bevor er in seine Wohnung zurückgekehrt war, in der kein Licht mehr gebrannt hatte. »Bin abends ab sechs Uhr verabredet. N.« Dieser eine Satz in ihrer engen, akkuraten Handschrift. Eine Kampfansage. Er spürte in diesem Moment denselben Stromschlag, der ihn beim ersten Lesen der Nachricht durchzuckt hatte. Gerald war schon immer sehr empfänglich für Eifersucht gewesen; gleichzeitig fühlte er eine Art von schmerzlicher Vertrautheit mit jener Nele, in die er sich verliebt hatte: direkt, impulsiv, kämpferisch – bevor Schwangerschaft und Geburt sie in ein zitterndes Bündel aus Angst, übertriebener Vorsicht und Misstrauen verwandelt hatten.

»Hast du gestern noch Volker Pollinger getroffen?«, fragte er, um sich auf andere Gedanken zu bringen.

»Ich habe ihn noch an der Wohnungstür von dieser Kattowitz erwischt«, antwortete Batzko und schaltete einen Gang hoch. »Er ist jetzt wieder für vier Tage auf der Autobahn. Er bleibt eisern bei seiner Darstellung, er hätte am Tatabend Alexander Faden weder gesehen noch gehört und er hätte die Wohnung der Kattowitz zu keinem Zeitpunkt verlassen.«

»Wie beschreibt er sein Verhältnis zu Alexander Faden?«

»Untergründig ist zu spüren, dass es ihm quer im Hals stand. Aber offiziell beteuert er, dass Faden lediglich der Babysitter für das Kind seiner Lebensgefährtin war und ihn das nichts anginge, da er schließlich nur an den Wochenenden in ihrer Wohnung sei. Das sagte er wie auswendig gelernt, und gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass er diesen Alexander Faden am liebsten aus der Wohnung gejagt hätte. Der Mann ist nicht dumm; er hat schließlich schon Erfahrung mit unsereins gesammelt. Er weiß, dass wir nichts Handfestes vorweisen können. Solange seine Lebensgefährtin bei ihrer Aussage bleibt, ist er auf der sicheren Seite.«

»Er hat einen anderen und sich selbst immerhin ins Krankenhaus geprügelt, weil seine Lebensgefährtin sich von anderen Männern mittels Kamera betatschen und beschlafen lässt.«

»Pollinger ist ein Pulverfass auf zwei Beinen. Er kann an dem Abend explodiert sein, muss es aber nicht.«

»Es kann ein anderes Pulverfass geben, das sowohl bei Alexander Faden als auch bei Arno Reuther explodiert ist«, meinte Gerald.

Sie hatten ihr Ziel erreicht, eine Filiale der Deutschen Bank am Promenadeplatz. Batzko parkte am Ende der Pacellistraße. Als Gerald ausstieg, fiel sein Blick auf ein Paar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, das vor einem Geschäft stand und sich einen heftigen Wortwechsel lieferte. Die junge, schlanke Frau tippte in diesem Moment mit dem rechten Zeigefinger vor die Stirn des Mannes. Der reagierte blitzschnell: Er packte die Hand und quetschte sie offensichtlich mit aller Kraft, denn das Gesicht der Frau war augenblicklich schmerzverzerrt. Während Batzko bereits in die Bank gegangen war, beobachtete Gerald weiter die Szene. Er hatte das unbestimmte Gefühl, den Mann zu kennen, ihn zumindest schon einmal gesehen zu haben. Plötzlich fiel es ihm ein. Es handelte sich um Lutz aus der Gruppentherapie. Er hatte ihn nicht sofort erkannt, weil er Lutz bisher nur in Motorradkleidung gesehen hatte. Nun trug er eine weit geschnittene Khakihose und ein T-Shirt ohne Aufdruck. Außerdem musste er gerade beim Friseur gewesen sein, die Haare waren auf Streichholzlänge gekürzt. Die Frau war ebenfalls sommerlich und sehr sexy angezogen, in einem kurzärmeligen, karierten Hemd, das über dem Bauchnabel zusammengeknotet war und einen schlanken Hautstreifen freigab. Wut hatte ihre Wangen gerötet. Dann drehte sie sich abrupt auf dem Absatz um und lief weg. Lutz folgte ihr zunächst, hielt aber nach wenigen Schritten inne, um ihr etwas hinterherzurufen, was aber vom Verkehr verschluckt wurde. Er verharrte regungslos, während die ein- und aussteigenden Fahrgäste um ihn herumgingen wie um eine Säule. Schließlich stampfte er davon, in Gegenrichtung zu der Frau, und war bald im Strom der Passanten untergetaucht.

Gerald betrat die Bank, in deren Foyer Batzko wartete und demonstrativ die Arme ausbreitete.

»Mann, wo bleibst du denn? Muss extrem schwierig sein, drei Schritte auf dem Bürgersteig zu machen, oder?«

»Reg dich ab. Ich habe einen Beziehungsstreit beobachtet, der hätte eskalieren können.« Gerald sah keinen Grund, ins Detail zu gehen.

»Jeder sieht nur, was in ihm selbst ist«, grinste Batzko, »das stand mal in einem unserer schlauen psychologischen Handbücher. Könnte aber auch von Chateaux stammen, unserem Dr. Freud und Dr. Sex in Personalunion. Egal – in der Zwischenzeit habe ich unseren Wisch bereits abgegeben. Gleich werden wir mit einem Sachbearbeiter ein aufklärendes Gespräch führen, das habe ich im Urin.«

Gerald sah sich um. Es befanden sich nur wenige Kunden im Haus; dennoch mussten sie mehrere Minuten warten, bis sich ein jüngerer, auffallend dünner Mann mit einem Schnellhefter in der Hand näherte. Er trug einen hellblauen Anzug und eine Krawatte mit Oldtimer-Motiven. In seinem linken Ohrläppchen funkelte ein kleiner Diamant. Auf den letzten Schritten hüstelte er in seine linke Armbeuge. Nach der höflichen, steifen Begrüßung bat er die beiden Kriminalbeamten zu seinem Schreibtisch hinter dem Schalterbereich.

»Was möchten Sie denn wissen?«, fragte er mit einer Stimme, die verriet, wie gerne er dieses Gespräch nicht geführt hätte. Seine Hände lagen ausgebreitet auf dem Schnellhefter, als wollte er ihn verdecken.

»Das Golf-Handicap von Dr. Chateaux natürlich«, sagte Batzko und zog die Augenbrauen in die Höhe.

Der Angestellte hüstelte wieder und schaute zur Seite. »Guter Joke. Das Handicap steht nicht in den Akten, und ich weiß nicht einmal, ob Dr. Chateaux diesen Sport betreibt. Okay, Sie wollen etwas über den finanziellen Status quo von Herrn Chateaux wissen?«

»Wäre gut«, sagte Batzko trocken.

»Nun …« Er öffnete den Schnellhefter, ohne jedoch einen Blick hineinzuwerfen. »Dr. Dirk Chateaux ist seit seiner Geburt bei uns Kunde. Bereits sein Vater ließ seine finanziellen Angelegenheiten von uns betreuen. Eine Tatsache, die uns« – er hüstelte wieder – »zu einer größeren Geduld verpflichtet, als wir sie bei einem anderen Kunden aufbringen würden.«

»Im Klartext: Er ist über beide Ohren verschuldet«, sagte Batzko.

»Ja und nein«, antwortete der Angestellte, und allmählich gewann sein Ton eine gewisse geschäftliche Glätte und Sicherheit. »Dr. Chateaux hat vor einem Jahr ein Haus gekauft in einer der besten Lagen dieser Stadt und großzügige Renovierungen und Umbauten in Auftrag gegeben. Er verdient als selbständiger Arzt sehr gut, keine Frage, aber die Höhe seines Kreditrahmens basierte auf einer Erbschaft in erheblichem Umfang. Genauer gesagt: auf der Erwartung einer Erbschaft in beträchtlichem Umfang. Diese Erbschaft – es handelt sich um das Vermögen seines Vaters, der vor einem halben Jahr verstorben ist – ist nun völlig überraschend, in letzter Minute, Anlass für einen schwierigen Rechtsstreit geworden. Ich darf aus Gründen des Persönlichkeitsrechts nicht näher ins Detail gehen, aber sowohl die Dauer des Rechtsstreits als auch dessen Ausgang sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorherzusagen. Vor drei Wochen noch schien alles auf eine außergerichtliche Einigung zuzulaufen. Das hätte alle Probleme auf einen Schlag beseitigt, aber dann haben sich die Fronten wieder verhärtet. Das passiert, bevorzugt in Fällen, in denen die streitenden Parteien persönlich oder familiär miteinander verbunden sind, aber das wissen Sie ja sicherlich. Da können tiefe Feindseligkeiten ins Spiel kommen, ebenso plötzlich wie unversöhnlich. Die Vernunft kann in diesen Fällen ihre Stimme leider nicht laut genug erheben. Jedenfalls, das Geld liegt auf einem Sperrkonto, es ist vorhanden, aber eben nicht greifbar, und das macht es für Dr. Chateaux, der sich, auch unserer Ansicht nach, im Recht glaubt, nicht eben einfach. Ich möchte hinzufügen, dass diese Bank Herrn Dr. Chateaux wie auch schon seinen Vater als sehr vertrauenswürdigen und zuverlässigen Kunden einstuft, aber angesichts des komplizierten Erbstreits … Sie verstehen schon.«

»Also, unter uns Betschwestern: Der gute Mann hat jede Menge Probleme, seinen monatlichen Kreditverpflichtungen bei Ihnen nachzukommen.«

Der Mann senkte den Kopf und antwortete leise. »Wie gesagt, wir sehen eine besondere Verpflichtung bei diesem Kunden …«

»Mit anderen Worten: Wenn in den nächsten Wochen nichts Entscheidendes passiert, werden Sie den Hahn zudrehen und das Anwesen einer Zwangsversteigerung zuführen. Oder es vielleicht selbst zu einem Vorzugspreis erwerben – angesichts der langen Verbundenheit Ihrer Bank mit der Familie Chateaux?«

Der Bankangestellte presste die Lippen aufeinander und zog es vor, die Frage nicht zu beantworten. Gerald räusperte sich demonstrativ. Warum musste sein Kollege eigentlich immer wie ein Rottweiler auftreten, wenn es um Ärzte, Börsianer oder Bankangestellte ging?

»Können Sie in Ihren Unterlagen sehen, ob vor circa zwei, drei Monaten ein höherer Betrag von einer Person namens Alexander Faden auf das Konto von Dr. Chateaux eingegangen ist?«, fragte er höflich.

Der Angestellte blätterte in den Unterlagen, fand eine entsprechende Seite und fuhr mit seinem Zeigefinger eine Zahlenkolonne ab.

»In der Tat. Vor genau zwei Monaten. Es handelt sich um zwanzigtausend Euro, die aber umgehend zur Tilgung von Verbindlichkeiten wieder abgebucht wurden.«

»Da war die Lage offensichtlich noch nicht so dramatisch, dass die Kohle in einem Briefumschlag den Besitzer wechseln musste«, sagte Batzko wie zu sich selbst. »Und von einem gewissen Arno Reuther? Das dürfte nicht länger her sein als maximal vierzehn Tage, und der Betrag müsste noch größer sein.«

»Nein. Das wüsste ich«, antwortete der Mann und klappte den Schnellhefter zu. »Ich habe mir vor diesem Gespräch noch einen Überblick über die aktuelle Situation verschafft. Da ist seit Wochen nichts in dieser Größenordnung auf das Konto von Dr. Chateaux eingegangen. Sehr zu unserem Bedauern.«

Batzko wechselte einen Blick mit seinem Kollegen und stand auf. »Oder auch nicht zu Ihrem Bedauern. Wie auch immer: Sie haben unseren Ermittlungen sehr gedient. Außerordentlich sogar. Vielen Dank.«

Der Angestellte biss sich auf die Lippen und verbeugte sich steif. Die Hände hielt er hinter dem Rücken.

Die Regenwolken entluden sich. Schon beim Verlassen der Bank hatten Gerald ein paar Tropfen erwischt, nun hämmerte der Regen auf das Autodach. Radfahrer und Fußgänger suchten Schutz unter Hausvorsprüngen und in Toreinfahrten.

»Meine Beobachtung war also richtig. Die Arbeiten am Swimmingpool ruhen, weil er pleite ist«, sagte Gerald.

Batzko brummte. »Ich hatte vermutet, die Arbeiter wären vor Schreck davongelaufen, als sie ihren Auftraggeber mit Zöpfen und Vollbart gesehen haben.«

»Das wirst du ihm wohl nie verzeihen können.«

»Das nicht und vieles andere auch nicht.«

In wenigen Minuten hatten sie die Ebersberger Straße erreicht. Sie stellten den Wagen ab, schoben sich die Jacken über die Köpfe und hetzten zur Haustür. Die Wassertropfen schimmerten an Batzkos dunklen Haaren seiner Unterarme. Das neue Tattoo am rechten Oberarm, ein dunkler, circa fünf Zentimeter breiter Ring, erinnerte Gerald an die alten Karl-May-Filme, in denen die besonders kräftigen Indianer schmale Lederbänder um ihren Bizeps trugen.

Dr. Chateaux öffnete selbst die Tür. Eine dunkelgelbe Serviette hing von seinem Kragen hinunter, ansonsten war er angezogen wie immer: ein sprühender Stilmix zwischen Abendgarderobe und Freizeitkleidung, zwischen Oper und Volkslied, zwischen Mann und Frau.

»Verzeihen Sie, wenn wir Sie beim Essen stören«, sagte Gerald.

Dirk Chateaux antwortete nicht. Er zog nur die Augenbrauen zusammen und nahm die Serviette vom Hals.

»Wir essen heute besonders früh, weil ich noch wegmuss. Ich habe also nicht viel Zeit. Ist es dringend, meine Herren?«

Aus dem Wohnbereich waren Kinderstimmen zu hören, klassische Musik und das Klappern von Geschirr. Der Arzt stand breitbeinig vor der Tür zum Privatbereich des Hauses, als wolle er ihn vor Eindringlingen schützen. Dann zeigte er auf die Tür zu seinen Praxisräumen. Gerald und Batzko gingen voraus und setzten sich, Dr. Chateaux blieb vor seinem Schreibtisch stehen und verschränkte die Arme. Wie er so dastand, wirkte er noch dünner als normalerweise, in seiner Konstitution Arno Reuther vergleichbar. Nur die Schulter- und Oberarmmuskulatur waren ausgeprägter. »Wir kommen von der Deutschen Bank«, sagte Batzko übergangslos.

»Ja, ja. Geld. Münzen, bunte Scheine. Murmeln, erinnern an die Kindheit, als wir sie in kleinen Säckchen sammelten und in Kuhlen auf dem Boden rollen ließen. Der Sieger bekam auch die der unterlegenen Spielkameraden. Manche kommen ihr Leben nicht davon los, sie sammeln und sammeln und sammeln und verstehen doch nie, dass sie damit nicht bekommen, was sie eigentlich suchen«, sagte Chateaux und ließ sein schnelles Lächeln aufblitzen.

»Und manche haben davon so wenig, dass sie schlimme Verbrechen begehen«, bemerkte Batzko.

»Eben. Das ist die Kehrseite unserer Unreife, die so groß ist, dass Sie beide sich um Ihre Arbeitsplätze niemals Gedanken werden machen müssen. Man sollte genießen, wenn man Geld hat – was auch gelernt sein will, aber nicht darunter leiden, nur wenig zu haben.«

»Vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, Herr Dr. Chateaux. Wir kommen nicht zu einem philosophischen Schwätzchen zu Ihnen. Wir hatten ein Gespräch mit Ihrem Sachbearbeiter in der Deutschen Bank am Promenadeplatz. Ostwall.«

»Hm. Dürfen Sie das, so ohne weiteres? Ohne meine Einwilligung? Da werde ich mal meinen Anwalt konsultieren. Und, worum ging es in der Bank? Die Erbschaft? Den Prozess? Geld als Machtmittel in familiären Beziehungen? Prozessieren meine Geschwister tatsächlich wegen der Erbschaft, wegen einem Haufen Geldscheine, oder geht es nicht vielmehr post mortem um das Einklagen von vermeintlich ausgebliebener Liebe und Respekt zu Lebzeiten, um die Giftschlangen im familiären Sumpf, um …«

»Ich bin an Ihrer Familiengeschichte nicht interessiert«, unterbrach ihn Batzko, »und Ihre psychologische Heißluft können Sie sich für Ihre Patienten aufheben, Herr Dr. Chateaux, nicht für mich. Es geht konkret darum, dass die Bank bereits das Lasso um dieses schöne Anwesen gelegt hat und nur noch den Moment abwartet, um die Schlinge zuzuziehen.«

Der Arzt musterte Batzko, und zum ersten Mal entdeckte Gerald ein gewisses Versagen ärztlicher Distanz und Überlegenheit. In Chateaux’s Blick lagen Abwehr, Schrecken und offene Antipathie.

»Was hat das mit Ihren Ermittlungen zu tun?«, fragte er.

»Sie können Ihren finanziellen Verpflichtungen, die durch den Hauskauf und die Umbaumaßnahmen entstanden sind, nicht mehr nachkommen. Das ist Fakt. Also haben Sie Ihr Angebotsspektrum erweitert: Vermittlung von Operationen im Ausland gegen Vorkasse, so geleistet von Alexander Faden vor zwei Monaten. Schöne nette All-inclusive-Pakete, vielleicht ein zukunftsweisender Weg, um der drohenden Zwangsversteigerung zu entgehen.«

»Ich verbitte mir zynische Unterstellungen dieser Art. Ich glaube, Ihnen ausführlich erläutert zu haben, dass es sehr wohl therapeutische Motive gibt für diesen Umgang mit einer ernstzunehmenden psychischen Störung.«

»Sie verbitten sich hier überhaupt nichts«, bellte Batzko. »Von Arno Reuther war eine weit höhere Summe zu erwarten, die Sie auch dringend brauchten, weil die Handwerker die Arbeit am Pool schon eingestellt und voraussichtlich mit Klage und Pfändung gedroht hatten. Das wäre bei der Bank gar nicht gut angekommen, oder? Deshalb sollte Reuther auch in bar zahlen, nicht wahr? Bedauerlicherweise hat der arme Arno von Ihrem Techtelmechtel mit der hübschen Katja erfahren und die Operation abgeblasen. Oder zumindest aufgeschoben. Also haben Sie Herrn Reuther am Mittwochvormittag in dessen Geschäftsräumen aufgesucht und versucht, ihn doch noch zur Operation zu überreden. Nur hat Arno Reuther sich nicht becircen lassen, vielleicht hat er Ihnen zum ersten Mal die Stirn geboten. Er hat das Geld zurückgefordert, weil er es für seine eigene Firma gut gebrauchen konnte, aber das Geld hatten Sie schon gar nicht mehr, wie Sie ihm kleinlaut eingestehen mussten. Vielleicht hat Herr Reuther daraufhin gedroht, Sie anzuzeigen. Das wäre der Todesschuss gewesen: Ade, schönes Haus in Bogenhausen, ade Swimmingpool. Dafür aber jede Menge Trouble mit der Bank, der Steuer und wohl auch der Ärztekammer. Kurzum, es ging um nicht mehr und nicht weniger als Ihre Existenz.«

In diesem Moment drangen Geräusche aus der Diele. Schritte, Kinderstimmen und das merkwürdige Klappern, das Gerald schon einmal wahrgenommen hatte. Nur wurde diesmal an die Tür zum Besprechungszimmer geklopft.

»Einen Augenblick noch. Ich bin gleich da«, rief Dr. Chateaux.

Dessen ungeachtet wurde die Tür geöffnet. Gerald sah ein fünf- oder sechsjähriges Mädchen mit mittelblonden, glatten Haaren in einem hellen Kleid. Es war sehr schlank. Der rechte Fuß war einwärts gebogen, nur die Fußspitze berührte den Boden. Die Kniescheibe wurde von einer dunkelbraunen Manschette umfasst. Die Muskulatur des Beines wirkte verkümmert. Die Metallkrücken, die bis unter die Schultern reichten, sicherten mühsam das Gleichgewicht.

Hinter dem Mädchen stand ein Junge, auf den ersten Blick erkennbar als Bruder, der drei Jahre älter sein mochte. Er hatte einen bunten Sportbeutel geschultert. Hinter dem Jungen wiederum erschien eine ungefähr zwanzigjährige Frau, die in diesem Moment vor Verlegenheit errötete. Sie war kräftig gewachsen; die Haare waren zu einem Zopf geflochten. Sie trug eine Jeans und ein weites, ausgewaschenes Sweatshirt, dazu aber dunkelroten Lippenstift und Wimperntusche. Auf Gerald wirkte es, als hätte sie das Schminken einfach mal ausprobieren wollen.

»Es tut mir leid«, sagte sie mit unüberhörbarem slawischem Akzent, und Gerald erkannte das Hausmädchen, mit dem er telefoniert hatte. »Die Kinder … sie waren so schnell, Doktor.«

»Du wolltest uns ins Schwimmbad fahren, Papa. Du hast es versprochen«, rief das Mädchen. Es machte einen Schritt auf seinen Vater zu, indem es die Krücken nach vorne schob. Das linke, kräftige Bein stabilisierte die Bewegung, während das rechte regungslos blieb.

»Schon gut, Anna«, sagte Dr. Chateaux und dann, an seine Tochter gerichtet, in einem viel schärferen Ton: »Habe ich dir nicht gesagt, dass ihr dieses Zimmer nie betreten dürft, wenn ich Besuch habe? Dass es mein Sprechzimmer ist? Dass ihr anklopfen müsst und warten, bis ich komme?«

Das Mädchen senkte den Kopf, antwortete aber nicht. Es verschob das linke Bein seitwärts und setzte die Krücken neu auf.

Chateaux stöhnte auf und wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Verzeih, Liebes. Verzeih mir bitte. Ich bin nur in einer wichtigen Unterredung. Ich bin in zwei Minuten bei euch. Die Herren werden sich gleich verabschieden. Geht schon einmal zum Auto.«

Anna fasste das Mädchen an der Schulter. Aber es wollte sich nicht helfen lassen, und dieser stumme Trotz imponierte Gerald. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis die beiden Kinder und Anna den Raum verlassen hatten.

Dirk Chateaux schaute zu Boden. Er wirkte plötzlich sehr müde. Als er hörte, wie die Haustür geöffnet wurde und die drei auf dem Weg zur Garage waren, sagte er leise: »Ein Verkehrsunfall, vor anderthalb Jahren. Acht Operationen am Bein, bisher. Meine Frau hat das alles nicht verkraftet. Sie hat nach dem Unfall nicht mehr schlafen können, bis sie unter der Belastung zusammengebrochen ist. Sie ist seit mehreren Monaten in einer Klinik.« Nach einem kurzen Moment fügte er hinzu: »Im Wasser findet meine Tochter ihren Körper schön, verstehen Sie? Sie schwimmt sogar schneller als gesunde Kinder ihres Alters. Im Wasser kann sie vergessen. Und in der Luft. Ein Kollege von mir ist Segelflieger. Manchmal nimmt er sie mit zu einem Rundflug.«

Gerald schaute auf die Bilder hinter dem Schreibtisch. Er hatte keine Zweifel, dass sie von der Tochter gemalt worden waren. In ihrer Phantasie wurde das Mädchen schwerelos, schwebte in der Luft.

»Ich denke nicht, dass unser Gespräch in zwei Minuten beendet sein wird«, sagte Batzko ungerührt.

Dr. Chateaux holte kurz Luft und legte die Fingerspitzen aneinander. »Es wird nicht in zwei Minuten zu Ende sein, sondern in genau diesem Moment. Sie haben gar nicht die Befugnis, mich hier festzuhalten. Ich hätte Ihnen nicht einmal die Tür öffnen müssen. Nur ein Staatsanwalt darf mich vorladen. Ich muss Sie und Ihren Kollegen nicht einmal zur Kenntnis nehmen, wenn ich nicht will. Halten Sie mich nicht zum Narren. In unserem Rechtsstaat gilt nicht länger das Faustrecht, obwohl Sie das mit Sicherheit äußerst bedauerlich finden werden.« Er sprach betont langsam, zelebrierte jedes Wort und schoss sein blitzschnelles Lächeln hinterher.

Batzko verharrte regungslos, ohne den Therapeuten aus dem Blick zu entlassen. »Sie haben wohl auch in Rechtskunde einen Doktortitel erworben, Sie Neunmalkluger.«

Gerald stand auf und stellte sich zwischen Chateaux und Batzko. »Ich denke doch nicht …«, begann er, als Batzko ihn vehement unterbrach: »Ich rate Ihnen dringend, uns nicht zu provozieren, Herr Dr. Chateaux. Welchen Termin schlagen Sie denn vor?«

»Ich habe heute und morgen Vormittag berufliche Verpflichtungen in Regensburg und werde deshalb dort übernachten. Kommen Sie morgen Nachmittag, gegen sechzehn Uhr dreißig in mein Büro.«

»Staatsanwälte haben viel zu tun. Sie verplempern ihre Zeit äußerst ungern mit dem Schreiben von Vorladungen. Das kommt gar nicht gut«, sagte Batzko, bevor ihn Gerald aus dem Sprechzimmer schob.