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Bei der Morgenbesprechung fiel der Name Alexander Faden kein einziges Mal. Es war eine jener Besprechungen, die Gerald die »Abnick-Runde« nannte, weil sich Polizeipräsident Dr. Vordermayer von den einzelnen Abteilungen über die laufenden Vorgänge informieren ließ und sich sein eigener Beitrag auf ein automatisiertes Kopfnicken beschränkte, manchmal mit geschlossenen Augen. An solchen Tagen war der Polizeipräsident meistens übermüdet oder hatte Magenschmerzen (weil er zu viel und dabei noch zu viel Ungesundes aß) oder war mit dem Kopf bereits bei einem wichtigen Termin, der noch auf ihn wartete.

In Geralds und Batzkos Zuständigkeit fiel eine Sonntagsprügelei zwischen zwei Männern in einer Kneipe in der Mozartstraße, Ecke Barbararing. Die beiden Beteiligten lagen mit erheblichen Verletzungen im Krankenhaus.

»Ich fahre am Vormittag raus«, sagte Batzko, der sich in Gegenwart des Chefs gerne aktiv zeigte. »Wahrscheinlich waren die im Krankenhaus wieder so schlau und haben die Streithähne in dasselbe Zimmer gelegt, damit sie gleich weitermachen können.«

Dr. Vordermayer nickte geistesabwesend.

Gerald war ebenfalls nicht ganz bei der Sache. Er konnte das Ende der Besprechung kaum abwarten, um im internen Netzwerk den Bericht über den Fall Alexander Faden zu suchen. Die Kollegen von der Streife, die vor Ort gewesen waren, mussten zumindest das obligatorische Aktenzeichen vergeben und eine Schilderung des Geschehens formuliert haben.

Das hatten sie tatsächlich, wie Gerald wenige Minuten später in seinem Büro feststellen konnte. Aber die knappen, formelhaften Sätze untermauerten die Suizid-Hypothese. Die Kollegen von der Spurensicherung hatten ihren Bericht noch nicht eingefügt. Das konnte verschiedene Gründe haben: Überlastung, Abwesenheit der Beteiligten wegen Urlaub oder Überstundenausgleich oder schlichtes Desinteresse. Nur wusste Gerald aus eigener Erfahrung, dass ein Bericht umso kürzer und nichtssagender wurde, je länger man ihn vor sich herschob.

Batzko verabschiedete sich gegen halb zehn ins Krankenhaus. Kurz darauf ließ Gerald sich von zwei Kollegen, die nach Sendling fuhren, in der Lindwurmstraße absetzen.

Die Haustür war nur angelehnt. Gerald nahm die Treppe absichtlich im Laufschritt und überzeugte sich davon, dass die Hausrenovierung offenbar für eine gründliche Geräuschdämmung gesorgt hatte. Kein Knirschen, kein Knarren. Ein möglicher Täter hätte also das Haus schnell verlassen können, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.

Gerald klingelte und hatte, wie am vorigen Tag, den Eindruck, dass in der Wohnung eine Tür leise geschlossen wurde. Er klingelte ein zweites, dann ein drittes Mal. Im Gegensatz zum Vortag blieb er jedoch einfach stehen. Als er zum vierten Mal klingelte, wurde die Tür vorsichtig einen Spalt geöffnet.

»Frau Kattowitz?« Gerald zeigte seinen Dienstausweis. »Es tut mir leid, wenn ich Sie stören sollte, aber ich müsste dringend mit Ihnen sprechen.«

»Jetzt?« Sie wischte sich die langen schwarzen Haare aus der Stirn. Gerald konnte trotzdem nur die Hälfte ihres Gesichts sehen. Ein graues Auge, das ihn müde und unwillig ansah. Blasse Haut, ungeschminkt. Ein voller Mund, der beinahe zu groß für das Gesicht schien und Trotz und Unwillen demonstrierte.

»Ich wäre nicht jetzt gekommen, wenn es nicht jetzt sein müsste.«

Sie öffnete zögernd die Tür, trat zurück und schloss mit der rechten Hand den bunten, ausgewaschenen Morgenmantel, der nur von einem Gürtel zusammengehalten wurde. Ihre nackten Füße steckten in Pantoffeln. Der Morgenmantel endete oberhalb ihrer Knie. Ihre Beine hatten den Punkt von kräftig zu massig leicht überschritten und zeigten an den Waden ein dünnes Netz aus Krampfadern. Gerald schätzte sie auf Ende dreißig. Sie war kleiner als er, aber von kräftigem Körperbau. Den linken Arm hatte sie wie zum Schutz vor ihre Brust gelegt.

Gerald schloss die Tür hinter sich. Gleich links befand sich die Küche. Auf dem Küchentisch standen noch drei Teller, Tassen, Cornflakes, Brot, Marmelade und eine Butterdose.

»Ich fühle mich nicht besonders wohl«, sagte sie und schaute an Gerald vorbei. »Wahrscheinlich etwas mit dem Magen. Ich hatte mich gerade wieder ins Bett gelegt.«

Sie ging voraus ins Wohnzimmer, das zur Straßenseite lag. Es war dem des Hausmeisters nicht unähnlich: eine dunkelbraune Schrankwand, ein kleiner Fernseher und eine etwas neuere, teurere Sitzgarnitur. Vor dem Fenster standen ein Schreibtisch mit Stuhl, ein Bildschirm, Drucker, Lautsprecher und Kopfhörer. Der Computer war angeschaltet, der Bildschirmschoner zeigte eine Insellandschaft im Meer. Die Luft war bereits um diese Uhrzeit rauchgeschwängert.

»Es handelt sich um einen reinen Routinebesuch«, begann Gerald, nachdem er sich auf ihre Einladung hin auf das Sofa gesetzt hatte. »Es geht um Herrn Faden. Herr Müllersohn erwähnte, dass Sie näheren Kontakt zu ihm hatten?«

»Ja … ja«, sagte sie. Ihre Stimme klang unwillig und desinteressiert. »Er hat manchmal auf meine Tochter aufgepasst, wenn ich abends weg war.«

»Wie alt ist Ihre Tochter?«

»Neun. Bald zehn.«

»Wann haben Sie Herrn Faden kennengelernt?«

»Wir sind vor zwei Jahren hier eingezogen. Das mit Alexander ergab sich dann einfach.«

»Können Sie mir Herrn Faden etwas beschreiben?«

»Ja … ja«, begann sie wieder, und es klang wie automatisiert, so, als hätte sie nicht richtig verstanden oder als erwartete sie, dass er noch etwas ergänzen wollte. »Still war er. Sehr ruhig. Konnte ganz toll zeichnen. Meine Tochter war verrückt nach ihm, weil er mit ihr gemalt hat. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich jeden Abend ausgehen müssen. Alexander war brav, fast schüchtern. Hat nicht geraucht, nicht getrunken. Sehr zuverlässig. Gar nicht so, wie man von Studenten denkt.«

»Hatte er einen Freundeskreis? Eine Freundin?«

Sie stand auf, ging zum Computer und nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel, die vor dem Bildschirm lag. Jetzt registrierte Gerald auch die Webcam, ein großes, einäugiges Insekt, das vor der Tastatur hockte. Als Frau Kattowitz sich wieder setzte, achtete sie darauf, dass sich der Bademantel nicht öffnete. Gerald vermutete, dass sie darunter nur wenig oder auch weniger als wenig trug.

»Manchmal waren welche da, aber nicht so zum Feiern. Ich glaube, die haben zusammen etwas für die Uni gemacht. Ich kenne mich da nicht so aus. Und Frauen? Ja, in letzter Zeit war an den Wochenenden schon mal eine junge Frau da. Die haben die Wohnung dann nicht verlassen, auch an den Abenden nicht. Mehr weiß ich nicht. Erzählt hat er davon aber nie etwas.«

»Hat dieser Unfall am Arm ihn verändert?«

»Es war kein Unfall.« Entgegen ihrer langsamen, fast trägen Sprechweise kam diese Antwort blitzschnell. Sie schien sie auch sofort zu bereuen, denn sie drehte den Kopf zum Fenster, strich mit der Hand nervös durch ihre Haare und nahm einen tiefen Zug von der Zigarette.

»Habe ich Sie richtig verstanden? Es war kein Unfall?«

»Ja … ja.« Und wieder fiel sie in diese Unart. Es klang so, als wollte sie nicht selbst sprechen, sondern dem Gegenüber signalisieren, dass er weiterreden solle.

»Was war es denn?«

»Das war nur die offizielle Erklärung für die, die ihn gefragt haben. So hat er es auch meiner Tochter erzählt. Mir hingegen hat er angedeutet, dass es kein Unfall war. Mehr hat er allerdings dazu nicht gesagt. Der Alexander war eben sehr verschlossen. Aber das wissen Sie ja bereits, nicht wahr?«

Den letzten Satz hatte sie mit einer gewissen Patzigkeit unterlegt. Gerald war sich sicher, dass sie mehr wusste. Sie drückte die Zigarette aus und schaute unruhig zum Computer.

»Halte ich Sie von etwas ab, Frau Kattowitz?«

»Nicht direkt. Ich meine, ich arbeite am Computer. Banküberweisungen erledigen und so. Ich versuche, so viel wie möglich zu schaffen, während meine Tochter in der Schule ist. Verständlich, oder?«

Gerald sah erneut zum PC-Tisch, auf dem sich weder Aktenordner noch Stifte noch Papiere befanden.

»Leben Sie alleine mit Ihrer Tochter?«

»Mein Freund ist oft hier. Das heißt, er ist eigentlich noch verheiratet und ist manchmal noch bei seiner Frau und den Kindern. Ich glaube aber nicht, dass Sie das etwas angeht.«

»Sicher nicht, nein. Hatte Alexander Faden vielleicht eine Erkrankung, über die er nicht sprechen wollte?«

Sie schüttelte den Kopf und wollte schon antworten, als sie sich daran erinnerte, was sie vor wenigen Minuten gesagt hatte. So verharrte sie einen Moment reglos und hob dann leicht die Schultern. Gerald konnte erkennen, dass sie keinen Büstenhalter trug.

»Hat die Amputation ihn depressiv gemacht? Das wäre doch anzunehmen, immerhin hat er Grafikdesign studiert. Ich bin kein Fachmann, aber es ist doch allgemein bekannt, dass Grafiker heutzutage fast ausschließlich mit Computerprogrammen arbeiten. Mit nur einer Hand ist man doch stark gehandicapt.«

»Ja … ja«, sagte sie wieder in dieser einschläfernden Trägheit. Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort. »Aber es war nicht so. Es war ganz anders. Der Alexander war danach irgendwie offener. Aber wie gesagt …«

»Hätten Sie sich vorstellen können, dass er Selbstmord begeht?«

Sie griff erneut zur Zigarettenpackung, legte sie dann aber nach kurzem Zögern zurück, ohne eine Zigarette herausgenommen zu haben.

»Nein. Niemals. Aber vielleicht hatte er Liebeskummer oder so. Wenn man keine Kinder hat und noch so jung ist, dann ist man vielleicht anfälliger für so etwas. Bei mir war es jedenfalls früher so. Drogen hat er keine genommen, zumindest kann ich mir das nicht vorstellen. In der letzten Zeit ging es ihm gut, wirklich. Deshalb …«

»Waren Sie vorgestern Abend zuhause?«

»Ja, mit meiner Tochter. Wir haben ferngesehen. Ich habe nur eine Art Schlag gehört, draußen, auf der Straße. Dann rief jemand um Hilfe. Ich bin ans Fenster und habe den Alexander da liegen gesehen. Danach war ich eigentlich nur damit beschäftigt, meine Tochter zu beruhigen und vom Fenster wegzuhalten.«

Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen. Sie versuchte gar nicht erst, es zu verbergen. Die Tränen liefen über ihr ungeschminktes Gesicht und ließen das Konturenlose, leicht Teigige noch deutlicher hervortreten. Sie bewegte sich immer noch nicht, suchte auch nicht nach einem Taschentuch. Sie verschränkte lediglich die Arme vor der Brust und krampfte die Hände in den Kragen des Bademantels.

Dann stand sie plötzlich auf und verließ, ohne etwas zu sagen, das Wohnzimmer. Gerald blieb sitzen; er schaute sich um, aber es gab nichts in diesem Raum, was zu einem zweiten Blick einladen würde. Auf der hellen Raufasertapete hingen zwei Poster von Harry-Potter-Filmen. Auf den Fensterbrettern standen Topfpflanzen.

Als Marleen Kattowitz zurückkam, waren ihre Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen und ihre Füße nackt. Sie blieb mitten im Raum stehen. »Wenn Sie keine weiteren Fragen mehr haben …«, sagte sie und deutete mit einer Kopfbewegung auf den PC. »Ich müsste nämlich anfangen, meine Miete zu verdienen.«

Gerald erhob sich. Er wusste, dass er an diesem Tag nichts mehr von ihr erfahren würde.

»Es mag sein, dass ich vor dem Abschlussbericht noch einmal vorbeikommen muss. Aber das kann noch einige Tage dauern. Ich lasse Ihnen meine Visitenkarte hier. Wenn Ihnen also noch etwas einfällt oder Sie in den kommenden Tagen eine außergewöhnliche Beobachtung machen, rufen Sie mich bitte sofort an.«

Sie begleitete ihn wortlos zur Tür. Die nackten Füße machten ein schmatzendes Geräusch auf dem Linoleum im Flur.

Gerald stieg langsam die Treppe hinunter. Im Erdgeschoss blieb er stehen und lauschte an der Tür von Müllersohns Wohnung. Er hörte die überdeutlichen Geräusche des Fernsehers. Der Hausmeister schien leicht schwerhörig zu sein. Bei dieser Lautstärke konnte er definitiv nicht mitbekommen haben, was sich im Hausflur abgespielt hatte. Vielleicht hatte er es auch nicht gewollt, der ehemalige Polier Müllersohn, der nur noch seine Ruhe wollte, für sich und den ewig laufenden Fernseher.

Er öffnete die Tür zum Innenhof. Er war nicht besonders groß. Auf der linken Seite befand sich ein überdachter Stellplatz für Fahrräder, auf der rechten Seite ein großer Abfallcontainer und mehrere farbige Tonnen. Ein Bettkasten, eine durchfeuchtete Matratze, eine Kommode und das Gerippe eines Lattenrostes waren an der ihm gegenüberliegenden Wand abgestellt. Davon abgesehen machte der Innenhof einen sauberen Eindruck. Die Steinmauer war nicht höher als zwei Meter. Von hier aus konnte man in die Innenhöfe weiterer drei Häuser gelangen. Ein Flüchtender hätte selbst in der abendlichen Dunkelheit leicht über die Mauer entkommen können.

Gerald wollte schon umkehren, als er auf dem Boden neben dem Bettkasten etwas blinken sah. Vielleicht eine Schraube oder ein Metallstück, auf das die Vormittagssonne fiel. Gerald ging zu der Stelle und beugte sich hinunter. Da lag, ganz nah an der Mauer, halb verborgen in einem kleinen, noch feuchten Staubhaufen ein Messer. Nein, kein Messer – es handelte sich eindeutig um ein Skalpell, wie Gerald es viele Male in der Gerichtsmedizin gesehen hatte. Sofort stieg der schwere, unangenehm süßliche Obduktionsgeruch in seine Nase. Gerald schüttelte sich unwillkürlich, dann nahm er das Skalpell vom Boden. Der heftige Regen der vergangenen Nacht hatte mögliche Fingerabdrücke auf dem schmalen, blauen Griff sicher abgewaschen. Die Klinge selbst sah aus wie neu.

Gerald umwickelte die Klinge mit einem Taschentuch und steckte das Skalpell in die Innentasche seines Jacketts. Er suchte den Boden entlang der Mauer ab, fand aber nichts weiter, außer zwei Kronkorken und Zigarettenkippen in der Ecke neben dem Fahrradstellplatz. Dann stellte er sich auf die Kommode, zog sich hoch und schaute in den Innenhof des gegenüberliegenden Mietshauses, der viel größer war und in dem vier Autos parkten. Über diesen Innenhof zu flüchten wäre ein Kinderspiel für jemanden, der nicht ganz unsportlich war.

Gerald sprang wieder von der Kommode hinunter, rieb die Handflächen gegeneinander und ging langsam zurück. Einen Blick in diesen Innenhof hatte man lediglich aus zwei Fenstern mit nikotingrauen Gardinen; es musste sich um das Schlafzimmer von Müllersohns Wohnung handeln, der zum Zeitpunkt des Geschehens im Wohnzimmer gesessen hatte, vor dem Fernseher mit dem Geräuschpegel eines startenden Düsenflugzeugs.

In seinem Postfach lag der Bericht der Gerichtsmedizin. Als Gerald die Mappe öffnete, fiel sein Blick sofort auf die Fotografien. Fünf von ihnen zeigten Kopf und Körper von Alexander Faden. Er war auf dem Hinterkopf aufgeschlagen, sein Gesicht war das eines Schlafenden. Eines hübschen, sympathischen Schlafenden: blonde, mittellange, leicht gewellte Haare, eine schmale, sehr gerade Nase und ein sensibler Mund. Ein dünner, kurzer Kinnbart, wie er besonders bei jüngeren Männern Mode war. Ein Ring am linken Ohrläppchen. Er wirkte jünger als siebenundzwanzig. Größe: 178 cm. Gewicht: 74 kg.

Zwei Fotos zeigten ausschließlich den Armstumpf. Der Arzt hatte Recht: die Nähte sahen aus wie Strahlen, sicher fünf Zentimeter lang, die von ihrem Zentrum in alle Richtungen gingen. Wie Sonnenstrahlen. Es war offensichtlich, dass diese Narben keiner chirurgischen Notwendigkeit entsprachen. Ein Gefühl der Fremdheit umfing ihn.

Gerald stand am Fenster und betrachtete den ruhigen Verkehr. Er sah die ersten Gruppen von Angestellten, die in der Mittagspause in Richtung Fußgängerzone liefen, die Schulkinder, die an den Bushaltestellen warteten. Manche hatten sich von den Jacken und Pullovern, die ihnen überbesorgte Mütter am Morgen angezogen hatten, befreit und über den Schulranzen gelegt. Da standen sie, in kurzärmeligen Hemden oder bunten T-Shirts. Gerald sah ihre dünnen, unversehrten Kinderarme, wie sie einander an den Schultern fassten oder sich schubsten.

Es war kein Unfall, hatte Marleen Kattowitz behauptet. Auch keine Krankheit. Dann hatte sie geschwiegen, obwohl sie mehr hätte sagen können. Was war es also? Ein neuer Körperkult? Eine sadistische Sekte?

Ein leichtes Knallen riss Gerald aus seinen Gedanken. Batzko war zurückgekehrt und hatte eine Mappe auf den Schreibtisch geworfen. Er grinste seinen Kollegen an, forderte ihn durch eine Handbewegung zum Kampf heraus, tänzelte und versetzte der Luft tödliche Haken und Geraden.

»Am Ende war’s eine Weibergeschichte«, sagte Batzko. Er brach das Schattenboxen ab und kontrollierte, ob sich nicht etwa Schweißflecken unter den Achseln gebildet hatten. »Der eine hat behauptet, die Freundin des anderen wäre irgendwie im Sex-Business beschäftigt. Der andere mit mehr Promille als Blut in den Adern haut irgendwann zu. Der andere zurück. Jochbeinbruch, Augapfelprellung auf der einen, schwere Prellungen auf der anderen Seite. Und keiner versteht, warum ich da auftauche. Nun drehen sie es so, dass sie sich kaum noch erinnern, wer angefangen hat und überhaupt. Die kennen unser Business: Die sagen so oft ›Weiß nicht mehr‹ und ›Eigentlich ist er mein Freund‹, bis der Staatsanwalt das Verfahren einschlafen lässt.«

Damit nahm Batzko den Kampf gegen seinen Aktenstapel wieder auf und zerkaute seine Unterlippe. Gerald ließ den Bericht der Gerichtsmedizin unauffällig im Schreibtisch verschwinden. Aber die Bilder des Armstumpfes blieben in seinem Kopf. Wie konnte er vorgehen? Marleen Kattowitz würde ihr Schweigen so leicht nicht brechen, vermutlich hatte sie es Alexander Faden hoch und heilig versprochen. Gerald brauchte mehr Informationen, am besten von der unbekannten Freundin, die einige Wochenenden mit ihm verbracht hatte. Sie würde mit Sicherheit mehr wissen als die Kommilitonen, mit denen er gearbeitet hatte. Sie ausfindig zu machen würde mühsam sein. Aber eine Person gab es, die für Gerald greifbar war: der Psychotherapeut. Nur hatte Batzko in seiner typischen »Ein-Anruf-und-der-Fall-ist-erledigt«-Mentalität den Weg zugemauert. Die ärztliche Schweigepflicht, auf die der Therapeut sich bereits im Telefonat berufen hatte, galt zudem über den Tod hinaus. Gerald müsste einen Staatsanwalt einschalten, und dieser würde nach der derzeitigen Aktenlage nur müde lächeln und fragen, ob sich Geralds Dezernat mangels Auslastung die Fälle schon erfinden müsse. Nein, er musste anders vorgehen.

Eine Stunde später, als der Stapel vor ihm um eine Handbreit geschrumpft war, kam ihm eine Idee. Eine waghalsige Idee. Aber mit ein wenig Glück realisierbar, auch wenn er auf einem schmalen Grad balancieren würde.

Batzko hatte die Visitenkarte des Therapeuten am Vortag in den Papierkorb geworfen, doch Gerald erinnerte sich an den französischen Nachnamen. Die Telefonnummer ermittelte er im Internet-Branchenbuch. Als Batzko wenig später zu einem Kollegenplausch in den zweiten Stock ging, griff Gerald kurzerhand zum Hörer.

Nach dem vierten Klingeln schaltete sich der Anrufbeantworter ein. »Dies ist die Nummer von Dr. Dirk Chateaux, Arzt und Psychotherapeut. Im Moment bin ich leider …« Ein erneuter Knacks in der Leitung. »Ja, hallo?«

»Dr. Chateaux? Sind Sie es selbst?«

»Wirklich und leibhaftig. Wollen wir das nicht alle? Wirklich, leibhaftig, lebendig sein? Wenn Sie allerdings lieber mit meiner Automatenstimme sprechen wollen, weil sie eine beruhigende Wirkung auf Sie hat, Ihnen weniger Angst einjagt, Ihnen keine unbequemen Fragen stellt, dann kann man das natürlich auch arrangieren.«

Ein sehr leises, ironisches Lachen schwebte in Geralds Ohr. Hoch, beinahe feminin wie auch die Stimme des Arztes. Was war das nur für ein Typ? Gerald war aus dem Tritt gebracht. Er räusperte sich, um Zeit zu gewinnen.

»Nein. Verzeihung, ja, ich meine, ich möchte natürlich mit Ihnen selbst sprechen, Herr Dr. Chateaux.«

»Dann tun Sie es einfach.«

»Natürlich. Gerne.« Gerald hörte sich selbst sprechen, wie auf Autopilot. Er wusste plötzlich nicht mehr, was er sagen sollte. »Es ist so, dass ich mir überlege, einmal mit einem Therapeuten zu sprechen. Ich habe einige Probleme in letzter Zeit, und ich dachte, ein Arzt wie Sie …«

»… könnte sie Ihnen wegnehmen wie ein lästiges Muttermal oder einen Pickel oder ein Magengeschwür?«

»Ja. Ich meine natürlich: nein. Sicher nicht.« Gerald fühlte sich wie ein Erstklässler im Zimmer des Direktors, der, obwohl unschuldig, bestraft werden würde, weil er sich nicht zu verteidigen wusste.

»Gut. Sehr gut. Es geht nämlich zunächst um Ihre Erwartungshaltung. Eine Therapie zaubert keine Probleme weg, zuerst einmal ändert sie Ihre Sichtweise auf das, was viele Menschen mit dem Begriff ›Problem‹ bezeichnen und dadurch zu etwas Feindlichem machen, das in ihrem Leben nichts zu suchen hat. Ein so genanntes Problem sehe ich ganz neutral als die Materialisierung einer psychischen Konstitution, die man genauer betrachten sollte.«

»Ich verstehe.« Dabei verstand er gar nichts. Warum hatte dieser Arzt nicht einfach eine Sprechstundenhilfe, die einem schlicht und einfach einen Termin gab?

Als hätte Dr. Chateaux seine Gedanken gelesen, sagte er: »Wir können uns gerne einmal zu einem unverbindlichen Gespräch bei mir treffen. Wann passt es Ihnen denn?«

»Eigentlich jeden Tag, am späten Nachmittag am besten.«

»Lassen Sie mich einmal sehen.« Eine kleine Pause entstand, in der Gerald ein leises Rascheln vernahm, als würde Dirk Chateaux in einem Kalender blättern. »In nächster Zeit geht es eigentlich nur heute, um siebzehn Uhr, weil ein Patient eine Stunde absagen musste. Können Sie das einrichten?«

Die Stimme des Arztes klang verändert, glatter und geschäftsmäßiger. Zum ersten Mal fühlte sich Gerald auf halbwegs sicherem Boden. Krankheit gleich Arzt gleich Terminvereinbarung.

»Das geht. Um siebzehn Uhr bei Ihnen also.«

Gerald fuhr in langsamem Tempo durch Bogenhausen. Wer in diesem Viertel wohnte, besaß neben seinem Geld normalerweise auch eine gewisse Diskretion, es nicht auf spektakuläre Weise auszustellen.

Er parkte gegenüber dem Anwesen des Therapeuten in der Ebersberger Straße und beschloss, da er noch etwas Zeit hatte, Haus und Grundstück genauer zu betrachten. In Chateaux’s Garten standen stumme Zeugen baulicher Aktivitäten. Gerald sah einen Bagger, daneben einen über zwei Meter hohen Erdhügel sowie eine Zementmischmaschine und weitere Gerätschaften. Auf einem in den Boden gepflockten Schild war ein Firmenname zu lesen, darunter »Schwimmbecken, Pools«.

Gerald schlenderte zurück zur Hausfront. Der Vorgarten bestand aus gepflegtem Rasen, der lediglich an den Grenzen zum Nachbargrundstück und zur Garagenauffahrt mit hüfthohem Liguster bepflanzt war. Fünf Stufen führten zur Haustür, die für Geralds Geschmack viel zu wuchtig geraten war: weiß mit zahlreichen Verzierungen und an den Längsseiten eine Linie von quadratischen Glasausschnitten. Sie wirkte wie ein Fremdkörper in der Einfachheit des Einfamilienhauses, wie das Attribut eines Neureichen, der durch diese wuchtige Haustür und den Bau eines Swimmingpools auf den hohen Stand seines Bankkontos hinweisen wollte. Und sogleich wurde ihm der Therapeut um einige Grade unsympathischer.

Der sanfte Klingelton hallte noch im Haus, als die Tür bereits geöffnet wurde. Gerald stand vor einem kleinen, sehr schlanken Mann mit einem exzentrischen Kleidungsstil: Jeans, weißes Hemd, eine knallrote Fliege und eine kunterbunte, legere Strickjacke. Das Gesicht wurde beherrscht von einem gestutzten Vollbart, in dem die ersten grauen Haare nisteten. Er hatte große, dunkelbraune Augen, die Gerald mit einem konzentrierten Blick musterten. Die Haare reichten weit über die Schultern und waren zu zwei Zöpfen gebunden. Zwei akkurat geflochtene Zöpfe. Wer ist das?, dachte Gerald irritiert: weißes Hemd und Fliege, die nach eleganten Schuhen verlangten und nicht nach den abgewetzten Hausschlappen, die er trug. Ein Bart und Mädchenzöpfe, die mit Haushaltsgummis fixiert waren. Nichts passte zusammen, und gleichzeitig schien dieses Arrangement bewusst gewählt.

»Verzeihung. Dr. Chateaux?« Gerald bemühte sich, ruhig und entspannt zu klingen.

Der Mann antwortete nicht, sondern öffnete, ohne seine Position zu verändern, die Tür links von Gerald. Zwei weitere Türen gingen von der kleinen Diele ab: auf der rechten Seite eine, die durch ein entsprechendes Schild als WC gekennzeichnet war, und eine Tür genau hinter dem Mann, die zum eigentlichen Wohnbereich führen musste.

Gerald betrat ein Zimmer, das sich zumindest in einem Element von einem normalen Arztzimmer unterschied: Hier fehlte der klassische Geruch nach Desinfektionsmitteln. Zwei Wände waren mit Bücherregalen bis zur Decke versehen, die in ihrer Schlichtheit nicht recht zu dem mächtigen Mahagoni-Schreibtisch passten. Gerald sah auf die Rücken mehrerer Fotorahmen, die in einem Halbkreis um die Schreibtischmitte angeordnet waren. Die Unterlage wiederum war aus durchsichtigem Plexiglas, die üblichen Schreibtischartikel aus glattem Metall oder Chrom. An der Wand hinter dem Schreibtisch hingen zwei Drucke von Chagall und, hinter Glasrahmen, mehrere bunte Kinderzeichnungen, die einen Jungen und ein Mädchen zeigten, die durch die Lüfte flogen. Unter ihnen eine Wiese und ein See mit tiefblauem Wasser.

Auf der linken Seite vom Schreibtisch befand sich die klassische Psychoanalytikercouch. Eine Milchglastür auf der rechten Seite führte in ein weiteres Zimmer.

Durch eine Handbewegung wies der Arzt Gerald den Stuhl vor dem Schreibtisch zu und setzte sich anschließend auf seinen Platz. Über seinem Kopf tanzte die bunte Welt von Marc Chagall, spien Kinderdrachen und richteten sich Braunbären in die Höhe.

»Nun, dann erzählen Sie mir mal, was Sie vom Leben trennt.« Die Stimme des Arztes klang einladend weich. Er lehnte sich entspannt zurück, öffnete die Knöpfe der Strickjacke und verschränkte anschließend die Finger.

»Also«, begann Gerald, der Mühe hatte, seine Nervosität zu überspielen, »ich bin vor vier Monaten Vater geworden. Meine Lebensgefährtin und ich, wir wollten das Kind. Es ist ein Junge, er ist schön, gesund, er ist lebendig, und ich hatte gehofft, wir würden glücklich sein, uns noch mehr lieben, uns durch das Baby erweitern, irgendwie miteinander verschmelzen, wenn ich mich so ausdrücken darf.«

»Und nun stellen Sie fest, dass Ihre Lebensgefährtin so weit weg ist von Ihnen wie nie zuvor.« Dr. Chateaux lächelte, in einer extrem schnellen, schmallippigen Bewegung, ohne die Zähne freizulegen. Es irritierte Gerald, weil es ihm keine empathische Zustimmung signalisierte, sondern eine Art von »Ich-habe-sofort-alles-verstanden.«

»Gestern Abend war ich eine halbe Stunde alleine in der Wohnung. Es ist meine Wohnung, in der ich schon gelebt habe, bevor Nele zu mir gezogen ist. Aber ich sah überall nur Severin, seine Windeln, sein Spielzeug, seine Badewanne, sein Shampoo, seine Cremes, seine Kleidung. In jedem Zimmer, in jedem Winkel lag etwas von ihm, wie bei einer Invasion. Als hätte er alles, was nichts mit ihm zu tun hat, aus der Wohnung gedrängt. Ich habe meine Klarinette im Wohnzimmer angeschaut, als wäre sie gar nicht von mir, als gehöre sie gar nicht mehr zu meinem Leben. Missverstehen Sie mich nicht, ich bin ja kein Musiker. Ich kann eigentlich noch überhaupt nichts. Ich lerne es ja erst …«

»Sie spielen Klarinette«, unterbrach ihn Dr. Chateaux. »Es ist nicht wichtig, wie gut, ob professionell oder nicht. Sie spielen, Sie sind kreativ, und Sie dürfen stolz darauf sein und es laut und deutlich sagen.«

Gerald nickte und schaute auf die Kinderbilder an der Wand. Er fühlte sich ertappt und gleichzeitig ermutigt. Er hatte stets nur seine Fehler wahrgenommen und das, was er noch nicht auf dem Instrument meisterte. Nun ließ ihn sein Gesprächspartner begreifen, dass nicht die Höhe des technischen Niveaus ausschlaggebend war, sondern die Freude an der Musik an sich.

»Seit Monaten habe ich die Klarinette nicht mehr angerührt. Meine Welt schläft, dachte ich gestern. Es ist fast so, als ob mein eigenes Leben aufgehört hätte.«

»Die schlafende Welt. Das gefällt mir«, sagte Chateaux und versank noch tiefer in der Rückenlehne des Bürostuhls. »Haben Sie denn nie mit Nele darüber geredet?«

Gerald zuckte mit den Achseln. »Nein. Es mag sich absurd anhören, aber es ist beinahe so, als ob sie als einzelne Person gar nicht mehr existieren würde. Sie hat sich verdoppelt. Sie sagt zum Beispiel, mit Severin auf dem Arm: ›Wir haben das heute im Supermarkt ausgewählt.‹ Oder: ›Wir möchten uns jetzt lieber etwas ausruhen.‹ Ich sehe überhaupt keine Nele mehr, die ich kenne. Ich sehe nur noch sie und das Baby und diese ewige Müdigkeit. Es ist so absurd manchmal, und es saugt unheimlich viel Kraft aus mir heraus.«

»Und Ihre körperliche Verständigung?« Wieder zeigte Chateaux dieses selbstgewisse Lächeln, das zu signalisieren schien, dass er längst erkannt hatte, was der Sprecher noch mühsam zu ergründen versuchte.

Gerald schüttelte den Kopf und senkte den Blick. Seine Kehle war in diesem Moment wie zugeschnürt. Er fand nicht die Kraft zu antworten.

»Was machen Sie beruflich, Herr van Loren?«

»Ich bin Verwaltungsbeamter. Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich vor allem mit internen Organisationsfragen und Controlling.«

»Controlling. Ja, ja, die Prozesse effizienter und kostengünstiger gestalten, sie besser organisieren. Aber das ist für Ihr Privatleben sicher nicht der Königsweg, nicht wahr? Sind Sie denn in Ihrem Beruf durchsetzungsfähiger?»

Gerald schaute aus dem Fenster, weil er das provozierende Lächeln des Arztes nicht ertragen konnte. »Das ist mein großes Problem. Ich denke oft, dass ich gute Ideen habe, aber bei den Dienstbesprechungen geht es vor allem darum, wer sich am lautesten auf die Brust trommelt und das Alphatier gibt. Es deprimiert mich, dass die Marktschreier und skrupellosen Aufschneider mit ihrer Masche durchkommen. Und denen muss ich dann zuarbeiten. Das macht mich wütend, und wenn ich dann etwas dagegen sage, geht es leicht auf die persönliche Ebene und mir wird dann mangelnde Professionalität unterstellt. Ich habe nie das Gefühl, wirklich respektiert zu werden.«

»Es ist sicher kein Zufall, dass Sie Verwaltungsbeamter geworden sind. Die starren, formalen Hierarchien legen zwar Grenzen, schützen aber umgekehrt auch vor der Unmittelbarkeit des Lebens. Ich könnte Sie mir beispielsweise nur schwer als Sozialarbeiter vorstellen.«

Ergeben nickte Gerald. Sein Blick schweifte durch den Raum und blieb bei der Couch hängen. Er fühlte, dass Chateaux ihn beobachtete.

»Ja, ja. Dort schaut jeder hin. Die Couch, der große Mythos der Psychoanalyse. Sigmund Freud war ohne jeden Zweifel ein genialer Eisbrecher gegen die Verklemmungen und Verdrängungen seiner Epoche. Ein Albert Einstein der Psychologie. Aber letztlich war er selbst in seiner Zeit gefangen, die von den Naturwissenschaften dominiert war. Da war zu viel Suche nach einer direkten Linie zwischen Ursache und Wirkung, sozusagen nach den Pawlow’schen Hunden in unserer komplizierten Psyche, und wie Albert Einstein musste er am Ende einsehen, dass die wissenschaftliche Entwicklung über ihn hinweggegangen war.«

Wieder das schnelle Lächeln, das Gerald als unangenehm empfand. Als feiere Chateaux seine eigenen Formulierungen und hielte sein Gegenüber nicht für gebildet genug, in einen Dialog einzusteigen.

»Ich selbst habe keinen bestimmten methodischen Ansatz«, fuhr er fort. »Das hielte ich auch für bedenklich, weil es andere Methoden ausschließen würde. Ich glaube weniger an Methoden und Ansätze als an eine produktive Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Ich habe als ganz normaler Mediziner begonnen, bis ich mich nicht länger vor der Erkenntnis verstecken konnte, dass neunzig Prozent aller somatischen oder psychischen Erkrankungen ihre Ursache darin haben, dass wir uns weigern, wir selbst zu sein oder besser: wir selbst zu werden. Krankheit ist Abweichung von uns selbst. Jede Krankheit will uns das auf ihre Art sagen, aber wir rennen damit zu Ärzten, die nicht gelernt haben, die Sprache der Krankheit zu verstehen. Sie haben nur gelernt, sie mit Medikamenten zum Schweigen zu bringen. Heilung muss aber mehr sein als das Verstummen der Symptome, nicht wahr?«

Wieder nickte Gerald pflichtschuldig.

»Haben Sie übrigens gerade bestimmte gesundheitliche Beschwerden? Nehmen Sie regelmäßig Medikamente? Trinken Sie im Übermaß Alkohol? Rauchen Sie viel?«

»Nichts von alledem. Nur schlafe ich sehr schlecht, besonders nach bestimmten Gruppendiskussionen in der Arbeit oder bei Problemen mit meiner Lebensgefährtin.«

Chateaux gab seine entspannte Sitzhaltung auf, streckte den Rücken und klopfte mit den Fingerkuppen auf den Tisch.

»Wissen Sie, ich möchte mich sehr gerne näher mit Ihnen befassen. Ich leite eine gesprächsbasierte Therapiegruppe, in der gerade ein Platz frei geworden ist. Ich würde Sie gerne in diese, ironisch gesprochen, Löwengrube werfen, um Sie besser kennenzulernen. Dann werden wir sehen, ob wir es mit einer Einzeltherapie kombinieren. Könnten Sie sich damit anfreunden?«

Gerald tat so, als überlegte er. »Doch, das kann ich mir gut vorstellen. Ich wusste nur nicht, dass es so schnell geht.«

»Normalerweise sind für eine Gruppentherapie mehr vorbereitende Einzelgespräche üblich, aber das werde ich gegenüber der Krankenkasse schon entsprechend begründen. Eine gewisse Flexibilität lernt man mit den Jahren.« (das Lächeln). »Darf ich Ihre Versichertenkarte kurz haben, Herr van Loren?« Gerald fingerte sie aus seiner Geldbörse.

»Wir treffen uns zwei Mal wöchentlich, jeweils um zwanzig Uhr. Morgen geht es los. Ich freue mich sehr auf unsere Zusammenarbeit, Herr van Loren.«