8

»Weißt du was?«, sagte Batzko, am Fenster stehend, den Blick auf den Straßenverkehr gerichtet, »alles Gute im Leben hat mit dem Körper zu tun.«

Gerald sah Batzkos Rücken, ein klar gezeichnetes V. Er trug ein kanarienvogelgelbes, kurzärmeliges Hemd, auf Taille geschnitten. Ein bewusst gewählter, wirkungsvoller Farbkontrast zu seinen schwarzen Haaren und dem Dreitagebart. Angesichts seiner muskulösen Arme hätte man denken können, er öffne gleich das Fenster und flöge mit der Kraft und Leichtigkeit eines Adlers in den Himmel.

»Nenne mir irgendetwas«, fuhr er fort, »was du genießen kannst und was nichts mit den Sinnen zu tun hat. Wir vögeln, wir essen, wir trinken, wir hören Musik, wir schauen aufs Meer. Alles gut, alles wunderbar. Reicht vollkommen. Mit dem Kopf fangen die Probleme an. Wir entwickeln Theorien, die nicht funktionieren. Wir machen Pläne, die schiefgehen. Der Kopf ist immer im Stress, will alles kapieren, alles voraussehen, alles im Griff haben. Wozu eigentlich? »

Gerald sah von der Zeitung nicht auf. »Tu mir bitte einen Gefallen: Setzt dich hin und halt die Klappe, ja? Du nervst.«

Batzko drehte sich um, hob herausfordernd die Augenbrauen und verschränkte die Arme vor der Brust. Gleich spannt er seine Muskeln zur Demonstration an, dachte Gerald, wie dieser Lutz. Dann stehe ich auf und knalle ihm eine.

»Sex. Essen. Trinken. Sport. Die ganz einfachen Dinge. Wir haben vergessen, sie zu genießen. Der Körper ist für die meisten doch nur noch Gerüst, damit der Kopf nicht runterrollt. Ich muss nur dich angucken, um zu wissen, dass damit das Elend beginnt. Nimm die Frauen. Vor dem Bett und nach dem Bett gibt es nur Stress und Probleme. Und warum? Weil wir uns einreden, eine Beziehung führen zu müssen (er verzog das Gesicht zu einer Grimasse), weil wir uns einbilden, dass wir uns, wenn wir uns gegenseitig die Ohren vollsäuseln, verstanden fühlen. Das ist doch Scheiße, oder etwa nicht? Soll man für eine Frau Therapeut, Vater-, Mutter- und Bruderersatz zugleich sein? Ist doch Bullshit. Neulich erzählte mir eine im Fitnesscenter von der Beziehungsarbeit, die sie und ihr Mann leisten, um ihre Ehe zu retten. Arbeit – da ist doch schon alles verloren, wenn ich dieses Wort in den Mund nehme. Arbeit ist neun bis fünf, ist Büro, ist hier und jetzt. Man sollte sich vielmehr darauf konzentrieren, dass es zwischen den Laken klappt, und den Rest laufen lassen. Glaub mir, es ginge uns allen besser. Nicht fragen, nicht streiten, keine Verbotsschilder aufstellen – genieße die Nacht und lass am Tag passieren, was immer passieren soll.«

Er setzte sich wieder an den Schreibtisch. Das helle Sommerlicht ließ an diesem bislang heißesten Tag des Jahres einzelne Staubschichten auf den Aktenstößen erkennen. Gerald, der im Büro normalerweise nichts anderes als Kaffee zu sich nahm, hatte bereits einen halben Liter Wasser getrunken. Batzko trank aus der leuchtend grünen Metallflasche seines Mountainbikes irgendein isotonisches Sportgetränk.

Er wirkte enttäuscht, dass Gerald nicht mit ihm philosophieren wollte, schließlich kam es nicht oft vor, dass er, Batzko, erstens einen Gedanken formulierte und, zweitens, Gerald daran teilhaben ließ. Missmutig öffnete er den Schnellhefter, der auf dem Stapel ganz oben lag.

»Schlägerei in der Kneipe an der Mozartstraße am letzten Sonntagabend. Natürlich einer Frau wegen. Logo«, sagte er wie zu sich selbst. »Der Täter, oder sagen wir besser, der, der zuerst zugeschlagen hat, ist meine Kampfklasse. Im Krankenhaus dachte ich, ich hätte ihn schon mal irgendwo gesehen, beim Boxen oder im Fitnessclub, aber ich muss mich wohl getäuscht haben. Apropos Fitnessclub, du schuldest mir noch was, weil ich dich in der Morgenbesprechung neulich entschuldigt habe.«

Gerald hatte seit Tagen darauf gewartet, dass Batzko ihm mit dem uneingelösten Versprechen auf den Geist gehen würde. Nun tat er so, als hätte er gar nicht zugehört. Es nutzte nichts.

»Es wird dir gefallen, glaub mir. Du läufst ein wenig auf dem Band, du stemmst Gewichte, du setzt dich an die Bar. Du redest ein wenig. Du vögelst.«

»Redest du von einem Fitnessclub oder einem Swingertreff?«

Batzko grinste selbstzufrieden.

»An der Bar sortierst du, was du willst, was geht und was nicht. Du musst natürlich den richtigen Club auswählen. Kieser kannst du vergessen, da gehen in der Mittagspause Manager und Bankangestellte hin, die ihren ersten Bandscheibenvorfall hinter sich haben. So sexy eingerichtet wie eine Bundeswehrkaserne. Da gibt es nicht einmal ein Bistro oder einen Getränkeautomaten. Die sind so puristisch, dagegen ist die Antarktis ein Blumenmeer.«

»Können wir es nicht auf eine Kneipe reduzieren? Ohne Schwitzen vorher?«

Batzko trommelte mit den Fingern auf der Akte und schob den Oberkörper nach vorne. »Du schuldest mir einen Gefallen, und du bist einen ganzen Abend in meiner Hand, so einfach ist das. Hast du Angst, dich zu blamieren? Oder Angst vor den Frauen? Nicht alle sind so prüde wie deine. Glaub mir, es ist total relaxt. Manche suchen nur ein wenig Abwechslung bei einem Flirt, andere so etwas wie eine Beziehung. (Er drehte den Kopf zur Seite, als müsste er sich übergeben.) Diese beiden Kategorien kommen für uns natürlich nicht in Frage. Aber da gibt es andere, die die geilen Codes aussenden: Der Mann ständig auf Montage oder hat selbst was nebenbei laufen. Oder er hat es seit Jahren nicht mehr auf die andere Seite des Ehebettes geschafft. Glaub mir, gerade das kommt häufiger vor, als man denkt. Du musst nur die Antennen ausfahren, und die Luft knistert vor Schwingungen. Und dir, Kollege, dir würden so einige Schwingungen guttun.«

Gerald schaute aus dem Fenster. Eine Müdigkeitswelle spülte durch seinen Körper. Er war zweimal aufgewacht während der letzten Nacht, als Nele das Baby anlegte. Oft nahm er es nur im Unterbewusstsein wahr, manchmal wachte er kurz auf, um sofort wieder einzuschlafen, nachdem er über Severins Kopf gestreichelt und Neles volle Brüste betrachtet hatte. Nur in der vergangenen Nacht hatte er lange nicht wieder einschlafen können. Er hatte sich auf die andere Seite gedreht und an Franziska gedacht. An den Kuss, und wie nahe seine Hände an ihrem Körper gewesen waren, bevor sie sich von ihm gelöst hatte.

Dann besser heute, dachte Gerald, wahrscheinlich hole ich mir einen mörderischen Muskelkater ab; den kann ich morgen auskurieren, Gruppentherapie ist erst übermorgen.

»Okay. Aber nur, wenn damit das Thema für den Rest des Tages beerdigt ist. Wann und wo?«

Batzko hob beide Daumen zu einer Bestätigungsgeste. Dann holte er eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche.

»Nicht dass du denkst, ich würde für das Anwerben eine Prämie kriegen. Der Laden ist wirklich gut. Treffen wir uns um sieben, spätestens halb acht. Es muss schließlich Zeit bleiben fürs Après-Ski.«

Die Karte vollführte eine Punktlandung auf Geralds Akte.

»Wenn du dich drückst«, sagte Batzko, jede einzelne Silbe artikulierend, den Oberkörper nach vorne geschoben, »trete ich dir in den Arsch, aber so richtig.«

Gerald erwähnte beim Abendessen die Verabredung mit Batzko. Severin saß in seiner Babywippe auf dem Tisch und warf in einer Endlosschleife einen Plastikring zwischen die Lebensmittel oder auf Geralds und Neles Teller. Er jauchzte mit jedem Treffer und schien sich besonders zu freuen, wenn der Bombenabwurf in der Butterschale oder der Wurstdose landete und der Ring in der Spüle gesäubert werden musste.

»An zwei Abenden hast du neuerdings etwas Dienstliches«, bemerkte Nele mit einem sarkastischen Unterton, während sie sich Severin zuwandte und den Ring auf seinen Bauch legte. »Heute Abend gehst du mit Batzko zum Workout, übermorgen bist du auf irgendeinem Geheimtreffen. Wie wär’s, wenn du ein Foto von dir an die Kühlschranktür heftest? Dann spielen wir Kleinfamilie, wie das früher mal war: Mutter, Kind und ein Foto vom Papa.«

Gerald biss sich auf die Lippen. Er war wütend und deprimiert zugleich, weil alles, was er tat oder sagte, unweigerlich schlechte Stimmung und eine Grundsatzdiskussion auslöste. Es ging schon längst nicht mehr um sie als Paar; es ging nur noch darum, wer von ihnen welche Rechte und welche Pflichten hatte.

Sie beendeten schweigend das Abendessen. Gerald kümmerte sich um den Abwasch, Nele ging mit dem Baby ins Badezimmer. Um halb sieben hörte er Severins Planschen aus der Badewanne. Gerald machte die Spülmaschine an und huschte an der offenen Badezimmertür vorbei ins Schlafzimmer. Ihm war eingefallen, dass er besser seine Sporttasche packte, bevor Nele ihren Sohn in den Schlaf singen würde. Er musste drei Schrankflügel öffnen, bis er sie endlich fand, begraben unter Winterpullovern und Socken. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie lange er nicht mehr Sport gemacht hatte. Er war nicht einmal im Schwimmbad gewesen, obwohl er sich diese Auszeit früher immer gegönnt hatte. Kein Klarinettenspiel mehr, kein Unterricht in der Musikschule, keine zwanzig Bahnen zweimal die Woche – seine persönlichen Aktivitäten waren so tief verschüttet wie die Sporttasche im Schrank. Und in diesem Moment spürte er eine Art Dankbarkeit für die Gruppentherapie, weil sie ihm das bewusst gemacht hatte. Eigentlich unfassbar, dachte er, dass ich unter diesen mir unbekannten Menschen offener über mich selbst sprechen kann als mit anderen, mir vertrauten Menschen. Ganz schön paradox, dachte er noch – und sah, wie zur Bestätigung, Chateaux’ schnelles Grinsen vor seinem geistigen Auge.

Er schaffte es gerade noch, die gepackte Tasche in den Flur zu stellen, als Nele mit Severin im Arm aus dem Badezimmer kam. Gerald setzte sich in die Küche und holte eine Flasche alkoholfreies Bier aus dem Kühlschrank. Nele und er hatten vor einigen Tagen entschieden, Severin nicht mehr gemeinsam ins Bett zu bringen. Die Anwesenheit beider Eltern, die mit ihm sprachen, ihn küssten und streichelten, schien kontraproduktiv für den angestrebten Zweck. Jetzt erschien es ihm fast wie ein Wunder, dass sie in einem Punkt eine gemeinsame Meinung vertraten.

Gerald trank einen Schluck und betrachtete seine Arme. Sie sahen dünn aus, form- und kraftlos. Würde Batzko gleich am ersten Tag den großen Zampano geben? Sich selbst das Gewicht dreier Eisenbahnwaggons aufladen, unter den Blicken und dem Beifall der Frauen? Und ihm, Gerald, so viel draufpacken, dass er die Stange um keinen Millimeter würde bewegen können und so hilflos aussähe wie eine Schildkröte, die auf ihrem Panzer liegt?

Als er die Flasche zur Hälfte geleert hatte, betrat Nele die Küche. Sie sah abgekämpft aus. Die kurzen Haare waren zerstrubbelt (Sevi hatte Friseur gespielt), ihre Augen gerötet, die Haut am Hals fleckig, wie es ihr passierte, wenn sie unter Stress stand oder eine Erkältung ausbrütete.

Sie trank im Stehen einen Schluck aus seiner Flasche und sagte dann tonlos und wie von weit her: »Du musst wissen, was du tust. Ich bin wohl kein inspirierender Anblick in letzter Zeit.«

Bevor er antworten konnte, verließ sie die Küche und ging ins Badezimmer. Gerald fühlte sich schuldig. Verwirrt und schuldig. Hatte sie sich ihm nicht entzogen, und nicht er ihr? Musste er eigentlich die alleinige Verantwortung übernehmen für alles, was zwischen ihnen passierte? »Verdammt, es reicht«, sagte er zu sich selbst, trank die Flasche aus und stellte sie in die Spüle.

Als er im Flur stand, fiel ihm ein, dass er die Handtücher vergessen hatte. In zwei Schritten war er im Badezimmer. Nele stand vor dem Spiegel, nackt. In der linken Hand hielt sie eine geöffnete Cremedose, die Kuppen des Zeige- und Mittelfingers waren mit weißer Creme bedeckt. Abrupt wendete sie sich Gerald zu. Ihr Blick verriet Unsicherheit, geradezu Panik. Mit dem linken Arm versuchte sie, ihre Brüste zu bedecken, unter deren Oberfläche bläulich-rote Linien durchschimmerten, als hätte jemand ein Netz aus Adern unter die Haut gelegt. Die Schwangerschaftsstreifen lagen wie Maserungen unter ihren Brüsten, ihrem rundlichen Bauch, an den fülliger gewordenen Hüften und Oberschenkeln.

Sie drehte ihr Gesicht zur Seite und sagte wütend: »Kannst du nicht anklopfen?«

Er stand unmittelbar neben ihr, wagte aber nicht, sie zu berühren. Er setzte sich auf den Rand der Badewanne. Eine Mischung aus Mitgefühl, Trauer und einem Verlangen nach körperlicher Nähe überwältigte ihn plötzlich. Er legte die Hände vorsichtig um ihre Hüften, und durch einen leichten Druck konnte er ihren Körper, der ihm keinerlei Widerstand bot, so weit drehen, dass er seine Lippen auf ihren Bauchnabel legen konnte.

»Ich will dich. Ich will mit dir schlafen«, flüsterte er, den Mund an ihrer Haut.

Er fühlte, wie sie verkrampfte. Ein Geräusch verriet ihm, dass sie die Cremedose wegstellte. Er spürte ihre Hände auf seinem Kopf, aber sie drückten ihn weder an ihren Körper noch von ihm weg.

»Willst du das wirklich?«, fragte sie. »Obwohl ich aussehe wie eine Tonne und diese Krampfadern wohl niemals mehr weggehen werden? Ich kann mich selbst nicht mehr sehen. Meine Brüste sind nicht mehr so fest wie früher. Sie sind schlaffe Milchtüten. Meine Haut reißt von innen. Nie mehr kriege ich mein altes Gewicht wieder. Nicht einmal mein Gesicht. Alles ist anders. Ich kann meinen eigenen Körper nicht ertragen. Ich kann ihn nicht ansehen, ich hasse ihn. Du kannst mich nicht wirklich wollen. Du lügst.«

Ihre Stimme brach bei diesen letzten Sätzen weg. Sie kämpfte mit den Tränen.

Er schüttelte stumm den Kopf, er konnte nicht sprechen. Er küsste ihren Bauchnabel, mit geschlossenen Augen, weil er die Dehnungsstreifen nicht sehen wollte, die ihn tatsächlich mehr irritierten, als er zugab. Dass sie nicht einfach so mit der Zeit verschwanden, wollte und konnte er sich nicht eingestehen.

Gerald näherte sich mit seinen Küssen ihrer Scham. Ihre Hände lagen weiterhin auf seinem Kopf, mit ihren Fingerspitzen fuhr sie langsam durch sein Haar. Stoß mich nicht zurück, betete er lautlos, lass es einfach geschehen. Er küsste sie intensiver, fordernder, und sie verlor langsam die Anspannung. Sie stöhnte kurz auf; doch es klang mehr wie ein Seufzen, wenngleich er glaubte, darin die aufbrechende Lust zu hören. Ihm wurde bewusst, wie lange er sich danach gesehnt hatte. Seine Hände umfassten und streichelten ihren Po, tasteten nach der Linie in der Mitte – da klingelte das Telefon. Nie zuvor war ihm das Geräusch so laut und hässlich erschienen.

»Lass es klingeln«, sagte er, »es wird schon irgendwann aufhören.« Seine Erektion war so stark, dass er nicht glaubte, auch nur einen einzigen Schritt machen zu können.

»Aber Sevi wird wach«, antwortete sie. Dann küsste sie ihn und flüsterte in sein Ohr: »Lauf nicht weg, Liebster. Und zieh dich schon mal aus, aber nicht alles. Lass mir noch etwas.«

Sie entzog sich ihm, öffnete die Tür und ging in den Flur. Gerald war sich sicher, dass seine Mutter der Störenfried war, da sie das Talent besaß, immer genau dann anzurufen, wenn es nicht passte. Er hörte, wie Nele sich genervt mit ihrem Namen meldete. Dann herrschte Stille. Weder sagte sie etwas, noch legte sie den Hörer auf. Gerald hatte die Hose schon halb ausgezogen, als er spürte, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte. Die Stille dauerte an, vielleicht waren es nur Sekunden, aber es war, gemessen an dieser Situation, einfach zu lang. Er zog die Hose wieder hoch und lief in die Diele. Nele hielt den Telefonhörer so weit weg von sich, dass er zu schweben schien. Mit dem Rücken lehnte sie nackt an der Wand und wirkte fürchterlich verwundbar.

»Batzko«, sagte sie tonlos, ohne ihn anzuschauen.

Er nahm den Hörer, während eine maßlose Wut auf seinen Kollegen seine Kehle zuschnürte. Es konnte doch noch nicht so spät sein – verdammter Batzko, verdammtes Fitness-Center.

»Ja?« Mehr brachte er nicht heraus.

»Gerald? Entschuldige bitte, wenn ich dich störe. Ich habe deinen Namen im Telefonbuch gefunden. Kann ich dich heute Abend sprechen? Es ist wirklich wichtig. Kannst du zu mir kommen?«

Franziska. Mit einem Mal begriff Gerald die Situation. Er hörte sich atmen und nahm am Rande seines Bewusstseins wahr, wie Nele hinter seinem Rücken ins Badezimmer zurückging und den Schlüssel im Schloss umdrehte.

Dann machte sich das Gefühl völliger Kraftlosigkeit in ihm breit. Schlimmer hätte es nicht kommen können – Nele würde auch seine »dienstlichen Gründe« für die Abwesenheiten an den Abenden zuvor mit dieser Frauenstimme in Verbindung bringen. Seit Monaten waren sie sich nicht mehr so nahe gewesen; sie hätten endlich wieder miteinander geschlafen, dann geredet, Stunde um Stunde geredet, erneut miteinander geschlafen, die Missverständnisse und Verletzungen der letzten Monate vergeben und vergessen. Doch der Moment, der ihre Krise hätte beenden können, war dahin, und die Situation hatte nun etwas Endgültiges.

»Gerald? Hörst du mich? Ist etwas?«

Erst jetzt realisierte er, dass er den Telefonhörer noch in der Hand hielt.

»Nein, nein … Es ist alles okay«, sagte er, »dein Anruf kam nur etwas unvorbereitet. Wenn es wirklich wichtig ist, kann ich auf einen Sprung vorbeikommen.«

»Bist du sicher? Du hörst dich so seltsam an. Wenn es ungelegen ist …«

»Nein. Ich fahre gleich los.«

Er legte auf. Was konnte er tun? Gegen die Badezimmertür hämmern und Severin wecken? Nele hatte sich den perfekten Rückzugsort ausgesucht. Gerald legte das Ohr an die Tür, konnte aber nichts hören. Wenn sie sich gestritten hatten, früher als kinderloses Paar, war Nele ins Bad geflüchtet, hatte den Schlüssel umgedreht, das Wasser einlaufen lassen, zwei Stunden lang gebadet und dabei Musik gehört. Nun war es totenstill, kein plätscherndes Wasser, keine Musik.

Gerald zog seine Jacke an und schloss die Wohnungstür leise hinter sich. Die Sporttasche im Flur ließ er stehen; sie hatte sich zu früh gefreut.

Während der Fahrt bekam er plötzlich großen Durst. Seine Lippen fühlten sich spröde an, die Kehle trocken. Das war sein Stress-Syndrom. Er überlegte, ob er an irgendeiner Kneipe anhalten und ein Bier trinken sollte. Oder mehr als nur eins. Sich betrinken und geschehen lassen, was geschehen sollte. Absurderweise hatte er immer noch eine mächtige Erektion, eine Sieben-Keuschheits-Monate-Erektion, und streng genommen konnte er nicht einmal entscheiden, ob sie der Frau galt, bei der er gerade gewesen war, oder jener, zu der er gerade fuhr.

Er spannte seine Armmuskeln und setzte sich kerzengrade hin. Mühsam versuchte er, sich an seine Pflicht zu erinnern: Er war Kommissar Gerald van Loren, unterwegs in Sachen Alexander Faden, an dessen vermeintlichen Selbstmord er weniger denn je glaubte. Franziska hatte Alexander am besten gekannt, und bestimmt würde er gleich noch mehr über ihn erfahren, da war er sich sicher. Alles andere durfte nicht zählen. Und wenn er in ihrem Badezimmer seinen Steifen unter fließendes kaltes Wasser halten musste.

Sie öffnete ihm die Tür und bewahrte, als er eintrat, einen Abstand, der signalisierte, dass ihr an keiner Umarmung, keinem Begrüßungskuss gelegen war. Sie war auch strenger angezogen; sie trug trotz der sommerlichen Temperaturen eine lange Hose und ein legeres Sweatshirt mit Rollkragen, was Gerald gerade wegen des schwülen Sommerwetters merkwürdig fand.

»Magst du einen Whiskey?«

»Whiskey? Ja, gern. Warum nicht?«

Die Küchentür war verschlossen. Von der Katze war kein Mucks zu hören.

Gerald setzte sich neben Franziska auf die Couch, in einem Abstand, der eigentlich keiner war. Sie reichte ihm sein Glas und nutzte diese Bewegung, um etwas von ihm wegzurücken. Er fühlte Wut in sich aufsteigen: Ihr Anruf hatte die Chance zu einer Versöhnung mit Nele zunichtegemacht, hatte ihn dazu gebracht, Batzko zu versetzen, und nun saß er hier und wurde auf Distanz gebracht, als wäre er ihr Steuerberater. Warum zum Teufel hatte sie ihn überhaupt angerufen?

»Zum Wohl«, sagte sie in einem förmlichen Tonfall und nahm einen kleinen Schluck. Die Anspannung war ihr deutlich anzumerken. Gerald nickte ihr zu. Das Zimmer kam ihm irgendwie verändert vor, ohne dass er diesen Eindruck hätte konkretisieren können.

»Gerald, ich nehme Menschen sehr intuitiv wahr«, sagte sie plötzlich, »und ich habe dich vom ersten Moment an sympathisch gefunden. Normalerweise brauche ich ziemlich lange, bis ich jemandem vertraue, aber bei dir ist das irgendwie anders. Man spürt einfach, dass du Menschen nicht vorsätzlich verletzt. Ich glaube, das ist für mich die wichtigste Eigenschaft überhaupt.«

Sie machte eine Pause, als suchte sie den Einstieg in das eigentliche Thema. Das Glas hielt sie noch in den Händen. Sie trank einen winzigen Schluck und stellte es dann ab.

»Ich weiß nicht, welche Gedanken du dir über unsere Gesprächsgruppe bei Chateaux machst. Aber vermutlich wirst du es bereits geahnt haben: Ich habe BIID, Arno hat BIID, wie auch Alexander BIID hatte. Jetzt verstehst du vielleicht auch, warum Arno am letzten Abend so in sich gekehrt war. Er hat sich endlich entschlossen, sich operieren zu lassen, obwohl der Zeitpunkt für ihn alles andere als günstig ist. Aber das soll er dir, wenn überhaupt, selbst erzählen. Der Grund, warum ich dich heute angerufen habe, hat nur mit mir zu tun. Arno hat im Gegensatz zu mir keine finanziellen Schwierigkeiten, sich die Operation zu finanzieren. Ich schon. Auch ich möchte mich operieren lassen. Mir fehlt eben nur das Geld dafür.«

Gerald empfand urplötzlich eine Leere in seinem Magen. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er von Franziska mehr gewollt hatte, als nur neben ihr auf der Couch zu sitzen und ihr Ansprechpartner zu sein. Er hatte sich in sie verliebt. Nun fühlte er sich ausgenutzt. War Geld also der eigentliche Grund gewesen, warum sie ihn gestern Abend eingeladen hatte? Und hatte sie ihn nur angemacht, damit er später ihren Wahnsinn finanzieren würde?

»Nun, schau nicht so entsetzt. Es ist doch meine Sache, oder?«

»Und mein Geld«, gab er patzig zurück.

Sie lachte auf. »Du hast mich missverstanden. Ich will keinen Cent von dir.«

»Ich verstehe kein Wort«, sagte er, und sein Blick schweifte über ihren Körper, als wolle er erkennen, wo sie eine Amputation vornehmen lassen wollte.

»Du bist doch Beamter, oder?«

Er nickte zögerlich.

»Schau, ich bin Studentin. Ich habe keinerlei Sicherheiten. Meine Eltern will ich in diese Geschichte nicht hineinziehen. Ich brauche einfach jemanden, der für mich bei der Bank für den Kredit bürgt. Es geht nur um diese eine Unterschrift. Ich zahle den Kredit monatlich zurück. Das schaffe ich alleine durch die Nachhilfestunden, die ich gebe, und durch meine Ferienjobs. Wir werden unter uns einen Vertrag aufsetzen, der dich absichert, falls mir etwas passieren sollte.«

Alexander Faden ist etwas passiert, dachte er, obwohl es noch keinen Beleg für einen Zusammenhang mit der Krankheit und der Operation gab. Es war zu diesem Zeitpunkt einfach zu früh, einen Zusammenhang zwischen ihr und Alexander herzustellen. Er tat es dennoch, weil er Sorge hatte, Franziska könnte etwas zustoßen.

»Ich verstehe nicht ganz, Franziska. Was ist mit der Krankenversicherung?«, fragte er, obwohl er nach dem Gespräch mit Dr. Wembler die Antwort bereits kannte. Aber das durfte sie nicht wissen. Noch nicht, jedenfalls.

»Die zahlen keinen Cent. Solange BIID nicht offiziell als schwere psychische Erkrankung anerkannt ist, betrachten sie es wie eine Nasenkorrektur oder eine Brustvergrößerung. Der Körper als private Spielwiese, als wäre es mein Freizeitvergnügen. Mehr fällt denen dazu nicht ein.«

»Wie viel Geld wirst du brauchen?«

»Alles in allem ungefähr zwanzigtausend.«

»Oh. Das ist nicht gerade wenig.«

»Ja. Es liegt im Wesentlichen daran, dass wir in Deutschland keinen Arzt gefunden haben. Ich muss nach Belgien ausweichen und dort alles bar bezahlen, die Fahrt, den Klinikaufenthalt, die OP, jede Spritze, jeden Wattetupfer.«

»Wen meinst du mit ›wir‹«?

»Chateaux natürlich.«

Er hätte mit dieser Antwort rechnen können. Dennoch war er so perplex, dass er erst einmal einen Schluck trinken musste. Innerlich hatte er den Schalter bereits auf Kriminalkommissar Gerald van Loren umgelegt. Nun musste er aufpassen, dass er sich nicht vorzeitig verriet.

»Jetzt verstehe ich nur noch Bahnhof. Was hat Chateaux denn damit zu tun? Ist er ein Spezialist für diese Fälle? Vermittelt er euch an einen Arzt im Ausland? Hat er vielleicht selbst BIID?«

Sie lachte. »Es soll noch Menschen geben, die nicht dieses Krankheitsbild in sich tragen. Aber es ist richtig: Chateaux stellt die Weichen für eine operative Behandlung. Ich gebe ihm das Geld, und er kümmert sich um alles Weitere. Ich brauche nur noch Münzen für den Kaffeeautomaten in der Krankenhauskantine.«

»War es auch so bei Alexander Faden, und wird es bei Arno so sein?«

»Exakt.«

Gerald holte tief Luft. Warum offerierte Chateaux diese Art von Dienstleistung? Hieß das nicht, dass er seiner eigenen Kompetenz als Psychotherapeut nicht ausreichend vertraute? Oder war vielleicht Geld das eigentliche Motiv? Wenn die Operation ganz privat finanziert wurde, dann wäre wohl auch sein Anteil als Vermittler quasi unter dem Tisch bezahlt. Kommt man so zu einem Swimmingpool im Garten? Er griff zu seinem Glas und leerte es in einem Zug. Er beschloss, diese Fragen Chateaux selbst zu stellen; Franziska würde vielleicht Verdacht schöpfen, wenn er zu sehr nachbohrte.

»Das muss ich erst einmal verarbeiten«, sagte er. »Ich denke über die Bürgschaft nach, das verspreche ich dir. Ich muss Verschiedenes berücksichtigen. Du weißt, wir haben ein Kind. Vielleicht brauchen wir eine größere Wohnung, vielleicht kaufen wir selbst etwas. Aber erst einmal interessiert mich …«

»… wie das so ist mit BIID?«

Gerald nickte.

Ohne dass sie sich dessen bewusst zu sein schien, berührte sie mit ihrer linken Hand ihren linken Unterschenkel.

»Durch die Therapie bei Chateaux habe ich erkannt, dass es schon in meiner Kindheit begonnen hat. Immer wieder habe ich mir das linke Bein irgendwo angestoßen, und es hat mir ein seltsames Vergnügen bereitet, die kleinen Verletzungen zu behandeln, ein Pflaster draufzulegen und dann insgeheim an der Wunde zu arbeiten, damit sie sich nicht schließt. Jeder kleinste Kratzer war für mich wie eine Trophäe. Als ich älter wurde, habe ich mein Verlangen nach Verletzungen getarnt, indem ich eine Art von demonstrativer Ungeschicklichkeit entwickelte und mich auch an anderen Stellen gestoßen habe.«

»Willst du damit sagen, dass nur die Wunden am linken Bein für dich …«

»Ja. Das gehört eben auch zu BIID. Es geht immer nur um einen einzigen Körperteil oder um eine einzige Zone. Mir ist der Gedanke, meine Hände zu verletzen oder durch einen Unfall einen Finger zu verlieren, unerträglich. Es ist übrigens nicht das ganze linke Bein, es ist nur der Unterschenkel. Mit den Jahren habe ich ihm immer schwerere Schäden zugefügt. Den Ärzten gegenüber habe ich so getan, als hätte ich mir beim Sport die Verletzungen zugezogen. Muskelfaserriss, Sehnenentzündung, Knöchelverstauchung, Wadenbeinprellung, Achillessehnenruptur, Sprunggelenkverletzungen – ich habe das volle Programm durchgemacht. Ich habe alle hinters Licht geführt, meine Eltern, meine Geschwister, die Ärzte, die Klassenkameraden. Es ist schrecklich, das zu tun, aber noch schlimmer ist, dass man niemandem den wahren Grund erzählen kann.«

»Wann hast du erkannt, dass es BIID ist?«

»Ziemlich spät. Eigentlich erst durch Alexander und die Therapiegruppe. Offen gestanden wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass es dieses Phänomen gibt. Und dann ist da noch eine zweite Sache bei mir, die die BIID-Problematik lange Zeit überlagert hat.«

Sie hielt inne, trank den letzten Schluck aus ihrem Glas, stand auf und ging in die Küche. Gerald hörte durch die geschlossene Tür, wie sie mit der Katze sprach. Als sie wieder zurückkam, nahm sie die Flasche Whiskey von der Anrichte und goss Gerald und sich erneut nach. Sie wirkte nun viel entspannter und gelöster. Gerald spürte den Impuls, sie zu berühren, unterdrückte ihn aber.

»Als Kind habe ich mich wahnsinnig gerne um verletzte oder kranke Tiere gekümmert. Ich war glücklich, wenn ich eine verletzte Katze oder einen Vogel, dem ein Bein fehlte, zum Arzt bringen konnte. Das tun zwar viele kleine Mädchen, aber bei mir hat es nicht aufgehört. Verletzungen, Verstümmelungen, Verwachsungen – das hat mich einfach angezogen. Ich finde äußere Verletzungen, Unfertigkeiten, Handicaps anziehend, irgendwie menschlich. Mir ist der perfekte Mensch ein Graus, Typen wie Lutz, die aus sich eine perfekte, unverwundbare Leistungsmaschine machen wollen, stoßen mich ab. Wenn ich es in einem Satz sagen soll: Ich glaube, dass nur der verletzte Mensch, äußerlich oder innerlich, bei sich selbst ist. Ich finde schön und auch erotisch, was wir nicht können, nicht das, was wir können. Verstehst du? Ich finde, dass unsere Grenzen und Beschränktheiten uns erst zu Menschen machen, nicht unsere Leistung. Wir alle machen uns doch das Leben zur Hölle, indem wir nicht das akzeptieren, was wir sind, sondern es ausspielen gegen das, was wir sein wollen. Schneller, höher, weiter – das ist in meinen Augen die Haltung, die uns das Leben unerträglich macht. Nur der verletzte Mensch, der sich seiner Endlichkeit und Verwundbarkeit bewusst wird, ist ein wahrer und schöner Mensch. So jedenfalls denke ich darüber.«

»War das bei Alexander Faden ähnlich?«

Sie zögerte.

»Alexander hatte kein Helfersyndrom, aber davon abgesehen war er mein Zwilling. Vor seiner Operation haben wir uns ganze Wochenenden in seiner Wohnung eingeschlossen, er mit abgebundenem Arm, ich auf Krücken. Pretending nennt man das in Insiderkreisen. Es klingt grotesk, ich weiß. Zwei Menschen, die sich etwas nehmen, und sich zum ersten Mal in ihrem Leben als ›ganz‹ empfinden. Wir haben unsere Körper gefühlt, wir haben uns gefühlt. Endlich haben wir BIID nicht als Krankheit bekämpft, sondern als Teil von uns selbst bejaht.«

Gerald erinnerte sich an die Aussage von Frau Kattowitz, der Nachbarin; sie sprach von einer jungen Frau, die mehrmals übers Wochenende in Alexander Fadens Wohnung geblieben war.

»Ist das der Grund, warum du nicht an einen Selbstmord glaubst?«

Sie schüttelte langsam den Kopf, und ihre Stimme senkte sich. »Alexander war endlich dort, wo er hinwollte. Der Alltag mag nach einer Amputation vielleicht schwieriger zu bewältigen sein, aber die Schwierigkeiten sind nichts im Vergleich mit der Hölle, die er vor der Operation durchstehen musste.«

»Könnte es sein, dass Alexander Faden Probleme hatte, von denen du nichts mitbekommen hast? Vielleicht war er ja unglücklich verliebt, hatte Probleme mit dem Studium oder seiner Familie.«

Sie sprach so langsam, wie man mit einem Kind spricht, das selbst die einfachste Rechenaufgabe nicht versteht. »Es gibt nichts, wirklich rein gar nichts in Alexanders Leben, das ich nicht gekannt hätte. Deshalb bin ich mir absolut sicher, dass er keinen Selbstmord begangen hat. Stell dir vor, ich habe mich sogar bei der Polizei erkundigt, ob sie wegen eines Gewaltdelikts ermitteln.«

»Und? Wie haben die reagiert?«

»Ich bin mehrmals durchgestellt worden, bis ich schließlich bei einem Kommissar Batzko gelandet bin.

»Batzko?«

»Ja. Genau.« Sie schaute ihn überrascht an. »Kennst du ihn etwa?«

Gerald spürte, wie er rot wurde.

»Ein wenig«, sagte er hastig. »Ich habe vor kurzem doch ein Controlling-Seminar bei der Polizei durchgeführt, und da war er an ein paar Sitzungen beteiligt. Ein eher rauer Bursche, war zumindest mein Eindruck.«

»Ja. Einer von der dominanten Sorte.« In ihrer Stimme lag kein Argwohn. »Er hat nur gesagt, dass aus polizeilicher Sicht keine Hinweise auf ein Verbrechen vorlägen und der Fall daher abgeschlossen ist. Es sei denn, ich hätte einen ganz konkreten Verdacht. Den ich natürlich nicht hatte.«

»Hast du eigentlich Alexander Fadens Familie kennengelernt?«

»Nein. Er hatte nur losen Kontakt zu ihnen, zumindest seit er studierte. Ich kannte auch seine Kommilitonen nicht. Freunde hatte er nicht. Unsere Erkrankung hat letztlich zwischen uns beiden eine ebenso große Nähe ermöglicht, wie sie die Distanz zu anderen erhöht hat.«

Nach diesem Satz fielen beide in ein langes Schweigen. Sie hatte über Alexander Faden gesagt, was sie hatte sagen können. Und Gerald hatte um Bedenkzeit in Bezug auf das Geld gebeten. Gern hätte er ihr gestanden, was er für sie empfand, aber sein Hals war wie zugeschnürt. Also legte er einfach seine rechte Hand auf ihre linke, die auf ihrem Oberschenkel lag. Sie schien nicht überrascht. Aus dem Treppenhaus drangen Geräusche in die Wohnung. Eine Tür wurde geöffnet, man hörte Stimmen, Lachen. Dann Schritte auf der Treppe.

»Bist du deshalb gekommen?«, fragte sie nach einer Weile, in der beide den direkten Blickkontakt vermieden.

Ja, sagte er zu sich selbst. Weil ich mit dir schlafen will. Weil ich große Lust auf dich habe und explodiere, wenn ich nicht zumindest versuche, mit dir zu schlafen.

»Vielleicht«, sagte er. »Ich weiß es nicht. Offen gestanden ist mein Leben, vielmehr mein Gefühlsleben, seit einiger Zeit ziemlich durcheinander.«

»Willkommen im Club. Ist es deine komplizierte Beziehung, von der du in den Therapiestunden berichtet hast?«

Er streichelte über ihren Oberschenkel und tastete sich langsam höher. Er fühlte sich ungeschickt, geradezu lächerlich, aber Franziska kam ihm entgegen und zog seinen Kopf langsam auf ihren Schoß. Dann streichelte sie über seine Stirn und Haare.

»Erzähl mir mehr über dich, Gerald.«

Er fühlte sich gefangen in seiner Position.

»Was willst du wissen?«

»Alles natürlich. Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, fang einfach bei deiner Kindheit an. Wie bist du aufgewachsen? Wer sind deine Eltern?«

Er schloss die Augen.

»Ich bin mehr oder weniger mit meiner Mutter aufgewachsen. Mein Vater war – das heißt, vielleicht ist er es noch – Übersetzer und Dolmetscher …«

»Was heißt das: vielleicht?«

»Er hat auf internationalen Messen und Kongressen gedolmetscht. Oder Unternehmer und Politiker auf ihren Auslandsreisen begleitet. Er war also ziemlich oft von zu Hause weg. Einmal hatte er sich in seinem Abflugtermin getäuscht und musste in aller Eile seine Unterlagen in seinem Arbeitszimmer zusammensuchen. Als meine Mutter am Abend Ordnung schaffen wollte, ist ihr sein Notizbuch in die Hände gefallen, eine Art Protokoll seiner diversen Reisen mit Anmerkungen über Hotels, Restaurants, Menschen etc., mit denen er zu tun hatte. Und eine Liste der Frauen, mit denen er während einer Reise oder eines Kongresses geschlafen hatte. Mit Namen, Telefonnummer und einer Rubrik, in der er Kreuze machte, mal eines, mal vier oder fünf. Vielleicht meinte das die Anzahl oder Qualität ihrer sexuellen Begegnungen. Ich weiß es nicht.«

»Gott, das ist ja schrecklich.«

»Sie hatte ein paar Tage Zeit, den Schock zu verdauen, bis er von seiner Geschäftsreise zurückkam. Mir hat sie natürlich nichts gesagt, aber ich ahnte damals instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Sie war viel trauriger als sonst. Und es gab kaum eine Nacht, in der ich sie nicht weinen hörte. Als er schließlich zurückkam, gegen Abend, hat sie sich zusammengerissen und ihre Traurigkeit versteckt. Wir haben gemeinsam gegessen; es war fast so wie immer. Mein Vater hatte mir und ihr ein Geschenk mitgebracht, auch wie immer. Aber ich spürte diese merkwürdige Stimmung, diese unglaubliche Beherrschtheit meiner Mutter, die mir Angst machte. Ich weiß noch, dass ich mich früh in mein Zimmer zurückgezogen und so getan habe, als ob ich schlafen würde, aber in Wahrheit konnte ich kein Auge zumachen, weil ich ahnte, dass etwas in der Luft lag.«

»Hast du die Auseinandersetzung mitgehört?«

»Ja und nein. Das heißt, ich habe gehört, wie sie sich gestritten haben, aber ich habe nicht genau verstanden, was sie sich einander an den Kopf geworfen haben. Meine Mutter hat mir später von diesem Streit erzählt. Interessanterweise habe ich da behauptet, ihn mitgehört zu haben, obwohl ich in jener Nacht streng genommen kein Wort verstanden habe.«

»Du hast also intuitiv verstanden, was du gar nicht verstehen konntest, im akustischen Sinne, meine ich.«

»Ja, das ist etwas kompliziert ausgedrückt, trifft es aber. Meine Mutter hat mir später erzählt, dass sie ihm das Notizbuch präsentiert hat und dass mein Vater, statt sich zu entschuldigen oder um Verzeihung zu bitten, lediglich zum Gegenangriff übergegangen sei. Er stellte sich auf den Standpunkt, dass diese Liebeleien offensichtlich kein Problem gewesen waren, solange meine Mutter nichts davon geahnt hatte. Also solle sie doch einfach diese Liste aus ihrem Bewusstsein streichen und so tun, als hätte sie nicht gesehen, was sie gesehen hat.«

»Eine reichlich bequeme Lösung. Für ihn, meine ich.«

»Meine Mutter konnte nicht begreifen, was sie da hörte. Es hat sie wohl mehr verletzt als die Sache selbst. Sie war völlig außer sich. Er behauptete, dass keine dieser Bettgeschichten außerhalb der Kongresse weitergegangen wäre. So, als wäre es ein natürlicher Bestandteil des Gesamtpakets aus Arbeit, Frühstücksbuffet, Fitnessstudio im Hotel und abendliches Abhängen an der Bar. Eine Art Stressabbau zwischen den Laken.«

»Krass.«

»Meine Mutter hat geweint, getobt und ihn attackiert. Aber er ist keinen Zentimeter von seiner Position abgewichen. Vorher hatten sie sich praktisch nie gestritten, und nun war alles anders. Jedenfalls packte mein Vater irgendwann in jener Nacht seine Sachen und verließ die Wohnung. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen und nie mehr etwas von ihm gehört.«

»Mein Gott. Wie alt warst du damals?«

»Sechs Jahre, drei Monate, siebzehn Tage.«

Gerald legte die Hand vors Gesicht, weil er spürte, dass ihm Tränen in die Augen schossen. Er hatte weit über ein Jahr gebraucht, bevor er es Nele erzählt hatte, und nun sprach er darüber mit einer Frau, die er gerade erst kennengelernt hatte.

Franziska bewegte die Kuppe ihres Zeigefingers sanft über seine Lippen, als wollte sie ihm für das Vertrauen danken, das er ihr geschenkt hatte.

»Es muss schrecklich für dich gewesen sein und dich fürchterlich verunsichert haben. Hast du danach überhaupt jemandem vertrauen können?«

»Meine Mutter hat alles getan, um mich den Verlust meines Vaters möglichst wenig spüren zu lassen. Sie war immer für mich da. Ich war auch nicht unglücklich in meiner Kindheit. Die Probleme begannen erst später, als es darum ging, sich auf jemanden einzulassen.«

»Wie meinst du das? In Bezug auf Freundinnen?«

Er nickte. »Es war harmlos, solange es nur um unverbindliche Flirts ging. Erst als ich mich verliebte und eine ernsthafte Beziehung begann, spürte ich immer diese ohnmächtige Angst, verlassen zu werden, ganz plötzlich und ohne Erklärung. Natürlich wurde ich schon verlassen, wie es eben jedem passiert, aber jedes Mal brach die Welt für mich zusammen. Was für die Mädchen manchmal nur eine schlichte Mitteilung war, ein Brief von zwei Zeilen oder wenige Sätze am Telefon, war für mich stets eine Katastrophe. Umgekehrt war ich unfähig, eine Beziehung zu beenden. Auch wenn ich mich todunglücklich fühlte, konnte ich nicht Schluss machen. Ich konnte es einfach nicht.«

Sie streichelte über seine Wangen. Er hielt die Augen weiter fest geschlossen. Es war ein einziger kläglicher Versuch, die Kontrolle nicht restlos zu verlieren.

»Willst du damit sagen, du hast eine Art Trennungstrauma, weil du als Kind erfahren hast, wie grausam Trennungen sein können? Und deshalb kannst du niemanden verlassen? Du hast also eher durch dein Verhalten deine Freundin provoziert, damit sie dich verlässt. Richtig?«

Er nickte, weil er zu überrascht war, um zu antworten. Überrascht, weil Franziska das ausgesprochen hatte, was er viele Jahre lang nicht erkannt hatte oder nicht hatte erkennen wollen.

»Gerald van Loren«, sagte sie. »Armer Gerald. Und dennoch hast du heute Abend deine Frau und deinen Sohn verlassen und bist zu mir gekommen«, sagte sie und hörte auf, ihn zu streicheln. »Du musst ziemlich verzweifelt sein. Und du musst ganz schön viel für mich übrighaben.«

Er biss sich auf die Lippen und nickte. Er hätte sagen können, dass er tatsächlich noch nie eine Freundin betrogen oder verlassen hatte, dass er aber kurz davor stand, es zu tun, weil er es satthatte, jeden Abend mit Nele zu streiten, und weil er es satthatte, seit Monaten keinen Sex mehr zu haben. Und dass er in sie, Franziska, verliebt war.

Aber das alles sagte er nicht. Er legte nur seine rechte Hand sanft in ihren Nacken, zog ihren Kopf zu sich herab und küsste sie.

Batzko saß vorne, in der Nähe des Polizeipräsidenten, wie üblich. Gerald, der als einer der Letzten eintrudelte, musste mit einem Platz am anderen Ende des großen Tisches im Besprechungszimmer vorliebnehmen. Er wich einem direkten Blickkontakt mit seinem Partner möglichst aus, konnte aber – während die Kollegen aus den Kommissariaten ihren Kurzbericht ablieferten und die Pressesprecherin Tanja Hillenbrand ihre Notizen machte – erleichtert feststellen, dass Batzko gar nicht in seine Richtung schaute. Er starrte auf seine Aufzeichnungen und hob nur den Kopf, wenn Dr. Vordermayer, der Polizeipräsident, das Wort ergriff. Gerald war davon ausgegangen, dass Batzko ihn mit seinen Blicken umbringen würde. Aber dem war nicht so. Batzko ignorierte ihn einfach.

Die Besprechung verlief unspektakulär und kurz. Batzko resümierte die Fälle, die sie für die Staatsanwaltschaft abgeschlossen hatten, und erhielt dafür ein knappes Nicken von Dr. Vordermayer. Bald danach löste sich die Runde auf. Batzko ging absichtlich langsam aus dem Besprechungszimmer. Gerald machte einen Abstecher in die Flurküche. Als er mit seiner Kaffeetasse das Büro betrat, hob Batzko kurz die Hand, als hätten sie sich in diesem Moment zum ersten Mal gesehen.

»Hör zu«, begann er und räusperte sich, »ich hatte den Autoschlüssel schon in der Hand, als meine Ex anrief. Unser Sohn, der älteste, ist mit dem Fahrrad gestürzt und kam mit dem Notarzt ins Krankenhaus. Meine Ex kellnert ja an zwei Abenden die Woche, also bin ich in die Klinik gefahren.«

»Und? War es schlimm?«

»Nö, lief glatt. Kaum Verkehr, kaum rote Ampeln«, grinste Batzko.

»Idiot.«

Batzko schaltete seinen Computer an und schlug die Tageszeitung auf. »Sah zunächst schlimmer aus, als es war. Gehirnerschütterung, Hautabschürfungen im Gesicht. Aber der rechte Unterarm ist an zwei Stellen gebrochen. Vier Wochen Plastikschiene. Mindestens. Und mein Sohn, dieser Obertrottel, jubelt, weil er die Mathematikarbeit heute nicht mitschreiben muss. Dass er alles noch einmal pauken muss, wenn es ans Nachschreiben geht, hat er einfach nicht auf dem Schirm.«

»Ganz der Vater eben.«

»Du sagst es. Ich habe übrigens versucht, dich auf dem Handy zu erreichen.«

Gerald beschloss spontan, die Steilvorlage zu nutzen.

»Da lag ich sicher schon unter Tonnen von Eisen.«

»Dass ich nicht lache. Deine Oberarme sind dünner als Salzstangen. Außerdem siehst du heute Morgen wieder aus wie ein Teller Hafergrütze.«

Batzkos Oberarmmuskeln, die von einem bunten Kurzarm-Sommerhemd nur knapp bedeckt wurden, zuckten dekorativ, während er seine Predigt hielt. Vielleicht war Batzko dieser Automatismus nicht einmal bewusst.

»Über das Verhältnis von Babys und fehlendem Nachtschlaf müssen wir nicht mehr sprechen, oder?«

»Über das Verhältnis von chronisch schlechter Laune und fehlendem Sex auch nicht, oder?«

Gerald winkte demonstrativ ab, trank einen Schluck Kaffee und überflog die Online-Ausgaben mehrerer Zeitungen. Dann arbeiteten sie eine gute Stunde wortlos vor sich hin, bis Batzkos Telefon klingelte. Das Gespräch war nur kurz, Batzko sagte zwei Mal »okay« und am Ende »Wir sind schon unterwegs.«

Gerald stand auf, griff nach seinem Dienstausweis und zog die Jacke an. Batzko stand schon im Türrahmen.

»Eine männliche Leiche mit unübersehbaren Spuren von Gewaltanwendung in der Innenstadt. Die Spurensicherung ist bereits informiert.«

Keine zehn Minuten später parkten die Kommissare ihren Wagen am Isartor. Die Tat hatte sich in einem Geschäftshaus am Schnittpunkt zwischen dem Thomas-Wimmer-Ring und dem Tal ereignet. Im Erdgeschoss befand sich eine Zeitarbeitsfirma.

Batzko und Gerald stiegen die breite Treppe in den ersten Stock hoch. Sie passierten die Büros von Steuerkanzleien, einer kleinen Galerie und noch unvermieteten Büroflächen. Im hinteren Bereich drängten mehrere Polizisten gerade eine Horde Gaffer zurück. Ein weiterer Polizeibeamter spannte das rot-weiße Flatterband weiträumig um den Eingang zum letzten Büro auf der rechten Seite.

»Batzko?« Ein Polizist trennte sich von seinem Gesprächspartner, einem gut gekleideten Mann mittleren Alters, der fortwährend den Kopf schüttelte, und kam auf die beiden Kommissare zu. »Ich habe dich angerufen.«

»Okay. Wie ist der aktuelle Stand?«

»Entdeckt hat die Leiche der Hausmeister, der sich in dem Büro einen defekten Lichtschalter ansehen wollte.«

»Wo ist er? Kann man mit ihm sprechen?«

Der Polizist schüttelte den Kopf und bedeutete mit einer Geste, dass sich der arme Kerl nach einer heftigen Übelkeitsattacke auf die Toilette zurückgezogen hatte. Gerald kannte den Kollegen nur vom Sehen; dass dieser sich direkt an Batzko wandte, der keine Betriebssportmeisterschaft, keinen Betriebsausflug, keine Geburtstagsfeier und keine halbwegs attraktive Kollegin ausließ, war nicht verwunderlich.

»Gibt es Zeugen?«

»Wir haben gerade erst mit den Befragungen begonnen. Eine Sekretärin, die sich vor circa einer halben Stunde in der Espressobar nebenan eine Latte macchiato geholt hat, will auf dem Gang einen uniformierten Paketauslieferer gesehen haben. Mehr haben wir allerdings noch nicht in Erfahrung bringen können. Bislang. In diesem Teil des Gebäudes ist nicht so viel los wie auf der anderen Seite, wo alle Büroeinheiten vermietet sind. Aber Steuerberater und Anwälte haben nicht den Kundenstrom von McDonalds, schätze ich mal.«

»Wer ist überhaupt der Tote?«

»Der Inhaber einer kleinen Firma, die erst vor ein paar Wochen hier die Büroräume gemietet hat. Irgendwas mit Computern oder auch der Börse, frag mich was Leichteres. Der Hausmeister hat ihn sofort erkannt und mir auch den Namen gesagt: Reuther … – Scheiße, den Vornamen weiß ich nicht mehr. Irgendwas mit A. Er hatte häufiger mit ihm zu tun, weil er das Büro vor kurzem erst bezogen hat und allein dort arbeitete. Es muss ein echt netter Typ gewesen sein, freundlich, ruhig, nie von oben herab wie so viele andere hier, meinte der Hausmeister. Deshalb ist ihm die Sache auch so auf den Magen geschlagen, im wahrsten Sinne des Wortes.«

Zwei Sanitäter verließen in diesem Moment das Büro. Batzko nickte dem Polizisten flüchtig zu und zog Gerald mit sich. Er holte seinen Dienstausweis aus der Hosentasche, in drei Schritten hatte er die Sanitäter erreicht.

»Wie sieht es da drinnen aus?«

»So, dass wir nicht mehr gebraucht werden«, sagte der jüngere der beiden und wechselte die schwarze Diensttasche von der rechten in die linke Hand.

»Handelt es sich nur um einen Toten? Keine weiteren Personen? Keine Verletzten?«

Der Sanitäter schüttelte den Kopf. »Reicht doch, oder?«

»Was lässt sich über die Todesursache sagen?«

»Befindet sich noch in der Brust des Toten. Es handelt sich um so eine Art Zettelspieß, wie man sie auf Schreibtischen findet. Nur steckt er jetzt im Herz des Toten. Näheres kann sicher der Doc sagen, er ist noch am Tatort. Sorry, aber wir müssen jetzt wirklich los.«

Batzko und Gerald gingen weiter bis zur Absperrung. Die breite Eingangstür aus undurchsichtigem Milchglas stand offen. Im Eingangsbereich befanden sich drei Schreibtische, Zimmerpflanzen, zwei Raumteiler, die zugleich als Pinnwände fungierten, ein Kaffeeautomat und ein Wasserspender. Kollegen von der Spurensicherung in ihren weißen Anzügen und Kappen fotografierten und verteilten Positionsmarkierungen auf den Teppich. Nun zeigte sich auch der Notarzt, der offensichtlich hinter dem Schreibtisch gekniet hatte. Er zog seine Handschuhe aus, schaute auf die Uhr und holte sein Handy aus der Arzttasche. Gerald konnte von seiner Position lediglich Schuhe und Unterschenkel des Toten sehen.

Batzko machte sich durch einen kurzen Pfiff bemerkbar. Brenner reagierte als Erster. Der schwer übergewichtige Leiter der Abteilung, der in dem weißen Anzug aussah wie ein Eisbär mit Vollbart, grinste über die ganze Breite seines Gesichts und winkte in weit ausholenden Bewegungen, so als stünde er an Deck eines Schiffes und Batzko am weit entfernten Ufer. Durch entsprechende Handzeichen machte er deutlich, dass sie noch circa eine Stunde zu tun hätten und er Batzko dann anrufen würde.

Gerald wurde urplötzlich von einer merkwürdigen, unheimlichen Vorahnung ergriffen. Er dachte an Franziska, an die Gruppentherapie, an Arno und die Tatsache, dass dieser gerade erst seine Firma gegründet hatte. Nun begann es in seinem Kopf zu rauschen, das Schlucken bereitete ihm Schwierigkeiten. Wie in Trance stieg er langsam über das Flatterband und näherte sich dem Eingang, bis er das rechteckige Messingschild neben der Tür lesen konnte: Intersafe. Internet Security Solutions. Und darunter, in kleinerer Schrift: Geschäftsführer: Arno Reuther.

Gerald schaute erneut in den Büroraum, als hoffte er, der Herrenschuh wäre kein Herrenschuh, die dunkle Anzughose keine Anzughose und der Tote nicht der sympathische Patient aus Chateaux’s Runde und Franziskas enger Freund. Der engste Freund, nach Alexander Faden. Er machte zwei Schritte, bis er das Gesicht des Toten erkennen konnte. Dann verharrte er regungslos, und Batzkos freche Stimme ertönte in seinem Rücken: »Was ist los, Alter? War der Büroschlaf heute Morgen nicht ausreichend?«

Gerald reagierte nicht. Wenn er sich jetzt umdrehte, würde er Batzko eine knallen. Also wartete er eine gefühlte halbe Minute und ging dann zurück zur Absperrung. Zu seiner Überraschung hob Batzko das Flatterband in die Höhe und gab ihm den Vortritt. »Scheiße, Mann. Du siehst aus, als müsstest du gleich neben dem Hausmeister in die Kloschüssel kotzen.«

Ohne Batzko ins Gesicht zu schauen, antwortete Gerald: »Lass uns schnell weg hier! Ich geb einen Kaffee aus. Bis die Spurenermittlung fertig ist, lassen wir die Jungs von der Streife die Befragungen durchführen.«

Die Espressobar im Tal war gut besucht. Gerald suchte nach einem ruhigen Platz in der Ecke, etwas abgeschirmt durch eine hohe Grünpflanze. Der Geräuschpegel, ein diffuses Gemisch aus Hintergrundmusik, dem Aufzug, der Klimaanlage und den Gesprächen der Gäste, war hoch. Aber vermutlich hätte Gerald in der Stimmung, in der er sich befand, jeden Geräuschpegel oberhalb eines Friedhofs um Mitternacht als zu laut empfunden.

Batzko bestellte einen Cappuccino. Seitdem er einen Anfängerkurs Italienisch an der Volkshochschule zumindest zur Hälfte absolviert hatte, orderte er ganz insidermäßig einen Cappuccio, wenn die Kellnerin jung und hübsch war. Gerald rührte in seinem Espresso. Er wusste nicht, warum er ihn überhaupt bestellt hatte, ihm war eigentlich schon flau genug.

Schließlich begann er mit seinem langen Bericht über Alexander Faden, den Hausmeister, Frau Kattowitz, die mehr von Alexander wusste, als sie zugeben wollte, über Chateaux’s Therapiestunden und über die BIID-Erkrankung von Franziska und Arno Reuther. Er verschwieg lediglich den Besuch bei Franziska vom Vorabend. Batzko musste nicht wissen, dass er einige Stunden im Bett einer Person zugebracht hatte, die im Rahmen der Ermittlungen befragt werden würde. Das bedeutete auch, dass er Franziska reinen Wein einschenken musste, bevor er und Batzko mit dem Dienstausweis in der Hand an ihrer Tür klingeln würden. Mein Gott, dachte er, wie wird sie es wohl aufnehmen, dass ich als Polizist in der Therapiestunde war und als Privatmann in ihrem Bett?

Batzko hatte zugehört, ohne ihn zu unterbrechen und ohne eine besondere Regung zu zeigen. »Scheiße, Mann.« Er schüttelte mehrmals den Kopf und wies mit dem Zeigefinger auf Gerald, als wollte er ihn aufspießen. »Eigentlich sollte ich dir jetzt ein paar auf die Nase geben. Ich sitze mit dir seit gefühlten zweihundert Jahren im selben Büro, ich habe mit dir unter dem Strich mehr Zeit verbracht als mit all meinen Weibern zusammen, und zum Dank führst du verdeckte Ermittlungen durch und lügst mir ins Gesicht. Nenn mir einen Grund, warum ich dir nicht die Visage polieren sollte«, sagte er verärgert.

»Du warst es doch, der den Todesfall Alexander Faden vom Tisch gewischt hat wie Zigarettenasche. Du, die Kollegen am Tatort und die Spurensicherung. Hatte ich eine Alternative mit euch Stümpern? Du hättest mir doch nur geraten, eine stationäre Schlaftherapie zu machen.«

»Würde ich dir auch jetzt empfehlen. Ich würde dir sogar die nette italienische Maus hier dazugeben, damit du angenehm aufwachst.«

»Und noch etwas: Halte dich endlich aus meinen Familienangelegenheiten raus. Jetzt, hier und für immer.«

»Weich nicht vom Thema ab!« Batzko griff in die Schale mit Zucker, nahm zwei Würfel heraus und warf sie Gerald vor die Brust. »Du hast einen Solotrip unternommen. Das ist unprofessionell. Das ist eine Sauerei mir gegenüber. Das ist durch nichts zu rechtfertigen.«

Gerald sprang auf. »Hast du noch alle Tassen im Schrank? Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Mein Vorgesetzter?«

Auch Batzko sprang auf. Sie standen nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, heftig atmend. Gerald auf der Höhe von Batzkos mächtigem Adamsapfel. Wahrscheinlich trainiert er den auch, dachte er.

In diesem Moment klingelte Batzkos Handy. Brenner.

Der Spurenermittler lehnte innerhalb des abgesperrten Bereichs am Treppengeländer. Er hatte den Haarschutz abgenommen, den Reißverschluss seines Einteilers bis zum Bauchnabel heruntergezogen. Er schwitzte, als wäre er in diesem Aufzug eine halbe Stunde in der Sauna gewesen. Und er rauchte, einen halben Meter neben einem »Rauchen verboten«-Schild. Aber niemand, nicht einmal Batzko, hätte gewagt, ihn in diesem Moment darauf hinzuweisen. Nicht, bevor Brenner im Vollstress seine drei Glimmstängel hintereinander verfrühstückt hatte.

»Wenn nicht der hässliche Dorn in seiner Brust stecken würde, sähe es aus wie ein Infarkt«, begann er. Die Schweißperlen in seinem Vollbart funkelten im Neonlicht. »Keine Kampfspuren, kein Blut, keine Hautreste unter den Fingernägeln, nichts von dem, was ich euch Jungs gerne auf dem Tablett servieren würde. Vielleicht finden wir Fingerabdrücke auf der Brieftasche des Ermordeten. Sie lag auf dem Schreibtisch, mit Papieren, Ausweisen, Kreditkarten und Hartgeld. Geldscheine fehlten.«

»Also könnte es Raubmord gewesen sein?«

Brenner holte eine Metalldose aus seiner Hosentasche und drückte den Zigarettenstummel darin aus.

»Ja. Nein. Vielleicht.« Er schüttelte den Kopf und griff eine neue Zigarette aus der Packung.

»Das Schönste ist doch immer die Zigarette danach, nicht wahr?« Er lächelte seine Kollegen an und wurde dann sofort wieder ernst. »Möglich, aber eher nein, sagt mein Bauch. Wie passt das zweite Glas Wasser dazu? Und warum nur das Bargeld und keine Kreditkarten? Und dann das doch ziemlich bizarre Tatwerkzeug! Das alles sieht in meinen Augen nicht nach einer kühlen Planung aus. Eher nach einer Tat im Affekt.«

»Wie sieht es in den Räumen hinter dem Eingangsbereich aus? Da müssten sich doch eine Toilette, eine Kochnische und vielleicht noch weitere Arbeitsräume befinden. Kann der Täter etwas Bestimmtes gesucht haben?«

Brenner schüttelte langsam den Kopf. »Der Schreibtisch, an dem das Opfer saß, war aufgeräumt. Der PC eingeschaltet, der Kaffeebecher und ein Wasserglas jeweils halb leer. Die haben wir mitgenommen. Alle Schubladen waren geschlossen. Ich habe auch kein Indiz dafür, dass der Täter die hinteren Räume überhaupt betreten hat. Konkret gibt es da noch zwei Toiletten, eine Abstellkammer, eine Kochnische, und einen weiteren, noch unmöblierten Raum. Alles blitzblank und in bester Ordnung.«

»Du hast schon einmal optimistischere Ansagen gemacht«, sagte Batzko.

»Ich möchte eben die Arbeitsplätze meiner Kollegen sichern«, antwortete Brenner trocken. »Waltet eures Amtes und geht hinein. Aber mit Handschuhen und Überzügen für die Schuhe, sonst lasse ich euch in den Rücken schießen, kapiert?«

Gerald und Batzko ließen sich die Utensilien geben und betraten den Büroraum. Gerald spürte den spezifischen Geruch von frisch renovierten Räumen, ein Geruch nach Farbe und Plastik. Tatsächlich sahen die beiden anderen Schreibtische nicht so aus, als hätte schon jemand an ihnen gearbeitet. Sie verfügten jeweils über einen PC, eine Schreibunterlage, einen Kalender und Schreibutensilien, aber alles wirkte so neu und gleichzeitig leblos wie in einem Möbelhaus. Ganz im Gegensatz zum Arbeitsplatz von Arno Reuther. Der Computer war eingeschaltet, hatte sich aber in der nichtaktiven Zeit automatisch abgemeldet. Für eine Neuanmeldung war ein Passwort nötig, das die Kommissare wohl erst in ein paar Tagen von ihren Kollegen bekommen würden. Gerald drehte die Tastatur um – er selbst hatte sein Passwort stets auf einem Zettel auf der Unterseite notiert. Arno Reuther leider nicht. Neben dem Bildschirm stand eine Schale mit Süßigkeiten, daneben ein Notizblock, einige PC-Handbücher und ein Taschenkalender. Für diesen Tag gab es nur einen einzigen Eintrag: neun Uhr: Steinhaus, hier.

»Also vor dem Mord«, sagte Batzko. Er nahm ein paar Visitenkarten aus einem kleinen Karton auf dem Schreibtisch und öffnete anschließend die Schubladen, die auf den ersten Blick nur den zu erwartenden Inhalt präsentierten: Korrespondenz in Hängeordnern, EDV-Fachbücher, Prospekte, diverse Bücher und Artikel zum Aufbau einer Firma etc.

»Hat Brenner nicht gesagt, dass eine Kaffeetasse und ein Wasserglas auf dem Schreibtisch gestanden haben? Wenn wir Glück haben, befinden sich auf einem der beiden die Fingerabdrücke von Herrn oder Frau Steinhaus.«

»Ja. Wenn wir Glück haben«, entgegnete Batzko.

Abschließend warfen sie noch einen raschen Blick in die abgetrennten Räume und konnten Brenners Einschätzung nur bestätigen.

»Gehen wir!«, befahl Batzko.

»Warte. Es gab doch diesen Zeugen, der einen Paketauslieferer in diesem Gebäudeteil gesehen haben will. Schauen wir uns die Papierkörbe etwas genauer an.«

Sie kontrollierten die Abfalleimer in der Küche, in den Toiletten und im Eingangsbereich, aber alle waren leer. Nur der Papierkorb an Reuthers Schreibtisch enthielt Werbesendungen, Prospekte und Bonbonpapier, aber keinen Karton, keine Verpackungsmaterialien, keine Empfangsbestätigung, die darauf schließen ließen, dass an diesem Morgen ein Paket abgegeben worden war.

»Er kann natürlich auch etwas aufgegeben haben«, sagte Gerald.

»Logo«, antwortete Batzko.

»Seit ungefähr zehn Jahren versprichst du mir, auf dieses Logo-Gequatsche zu verzichten. Ich schlage vor, du wirfst für jedes Mal, bei dem dir ›Logo‹ rausrutscht, einen Euro in ein Sparschwein. Dann kann ich mich bald zur Ruhe setzen.«

»Logo«, sagte Batzko und fuhr den Stinkefinger aus.

Im Foyer suchte Batzko den Kollegen, der ihn im Präsidium angerufen hatte. Mittlerweile hatte sich das Interesse der Schaulustigen etwas gelegt, weil die Spurensicherung und der Notarzt den Tatort verlassen hatten. Gerald sah durch die Glasfront auf die Straße; einige Passanten unterhielten sich mit den Kollegen, die neben ihren Streifenwagen standen. Die Hitze hatte an diesem Tag noch zugelegt und trieb Schweißringe unter die Achseln der Polizisten, die den Eingang absperrten.

»Punkt eins: Das ist die Visitenkarte mit der Adresse«, sagte Batzko zu dem Kollegen, der ihn angerufen hatte. »Schick zwei Leute zu der Witwe und bereite sie darauf vor, dass wir in circa zwei Stunden ein paar Takte mit ihr reden müssen. Punkt zwei: Klopft an jede Tür auf dieser Etage und im Erdgeschoss und fragt, ob ein Paket aufgegeben oder abgegeben worden ist. Punkt drei: Auch im Negativfall lässt du alle Paketdienste anrufen und fragen, ob unter dieser Adresse ein Auftrag vorliegt. Punkt vier: Wenn sich der Hausmeister ausgekotzt hat, fragst du ihn, ob er einen gewissen Steinhaus kennt, der – oder die – laut Kalender heute Morgen um neun Uhr einen Termin im Büro des Ermordeten hatte. Punkt fünf: Frage ihn auch, wann der Putzdienst kommt. Es sieht zwar nicht so aus, als wäre er heute schon da gewesen, aber man kann nie wissen. Punkt sechs: Van Loren und ich fahren jetzt zurück ins Präsidium. Alles Weitere dann dort.«

Der Kollege kniff kurz die Augen zusammen und wiederholte die Schlagworte. »Witwe, Hausmeister, Paketdienst.«

Im Präsidium versorgten sie Tanja Hillenbrand, die Pressereferentin, mit den wenigen Informationen, die sie hatten, ohne jedoch den möglichen Zusammenhang mit dem vermeintlichen Selbstmord Alexander Fadens und Reuthers BIID-Erkrankung zu erwähnen. Während des Gesprächs klingelte mehrfach ihr Telefon. Die Kollegen von der schreibenden Zunft wollten die Online-Ausgaben ihrer Zeitungen mit der Eilmeldung des Verbrechens füttern. Und Hillenbrand gab ihnen den Stoff.

Anschließend holten Batzko und er sich in der Kantine belegte Semmeln und zogen sich in ihr Büro zurück. Gerald kannte niemanden, der eine so simple und zugleich positive Beziehung zum Essen hatte wie Batzko. Für ihn bedeutete Essen nicht mehr als die Zuführung von Nahrungsbestandteilen. Die konkrete Form, ob heiß oder kalt, frisch oder vom Vortag, ob Fleisch oder Fisch oder Eier, war ihm komplett gleichgültig, und immer aß er alles mit demselben Appetit. Das Einzige, worauf er achtete, war das ausgewogene Verhältnis von Proteinen und Ballaststoffen. In der ersten Phase seines Bodybuilding-Programms hatte er stets eine Dose mit einem weißlichen Pulver in seinem Schreibtisch gebunkert, aus der er mehrmals täglich einen Drink mit Wasser oder Milch mixte. Als aber hässliche Pickel auf seiner Stirn und unter seinem Bart wucherten, hatte er damit aufgehört.

Noch während er kaute, stellte er sich vor die Magnettafel neben der Tür und zog mit einem schwarzen Boardmarker eine senkrecht gestrichelte Linie durch die Mitte. Auf die linke Seite schrieb er als Überschrift »Faden«, auf die rechte »Reuther«. Nach kurzer Überlegung setzte er in Klammern »Suizid?« hinter Alexanders Nachnamen. Darunter listete er auf: Kattowitz, Franziska, Familie (?), Bekanntenkreis (?); und unter »Reuther«: Witwe, Steinhaus, Paketdienst, Familie (?), Bekanntenkreis (?).

Er kehrte zum Schreibtisch zurück, nahm einen großen Bissen und fragte, mümmelnd wie ein Kaninchen: »Wie heißt dieser Psychoklempner noch mal?«

»Dr. Dirk Chateaux.«

»Was?«

»Chateaux wie Schloss im Französischen, in der Pluralform.«

»Du blöder Angeber«, sagte Batzko und schrieb »Dr. Sch.« genau über die Trennungslinie zwischen den beiden Fällen. Dann nahm er einen Rotstift, umrandete diesen Namen und zog Verbindungslinien zu »Faden« und »Reuther«.

»Habe ich jemanden vergessen?«

»Ich denke nicht. Doch, die Therapiegruppe. Die Mitglieder kennen natürlich auch beide Opfer.«

Batzko schrieb »Therapiegruppe« über die Trennungslinie und darunter »GvL«, mit drei Ausrufezeichen.

»Willst du mich sofort dem Haftrichter vorführen oder darf ich noch zu Ende essen?«, fragte Gerald.

»Überlege ich mir noch«, konterte Batzko, während er sich setzte. Er schob den leeren Teller an den Rand seines Schreibtisches. Weil er vergessen hatte, Servietten in der Kantine mitzunehmen, nahm er ein Taschentuch, um sich die Hände abzuwischen.

»Wir haben einen Fall, oder wir haben zwei Fälle. Falls wir zwei Fälle haben, stellt sich die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen beiden Fällen besteht oder nicht? Falls ein Zusammenhang besteht, stellt sich die Frage, ob dieser Zusammenhang durch die Tatsache begründet ist, dass beide Opfer einen an der Waffel haben und sich freiwillig unters Messer gelegt haben bzw. legen wollten?«

»Wir haben zwei Fälle. Und wir haben einen Hauptkommissar, der die Untersuchungen sofort an sich reißen will.«

»Liegt erstens in meinen Genen und ist zweitens die gerechte Strafe für deinen Verrat. Punkt und Schluss. In welcher Reihenfolge arbeiten wir sie ab? Die Witwe, Steinhaus, den Psychoklempner, die Kattowitz und dann die Studentin und die weiteren Mitglieder der Therapiegruppe?«

»Steinhaus hat ihn vermutlich als Letzter lebend gesehen. Vielleicht kann uns die Witwe den Kontakt herstellen. Aber die Kattowitz sollten wir auf morgen Vormittag legen, dann ist sie allein. Ich bin sicher, dass sie in Gegenwart ihres Kindes und ihres Freundes viel weniger gesprächig ist.«

»Sollen wir sie vorladen?«

»Nein. Ich will in die Wohnung, wo sie auch arbeitet. Da ist etwas, was ich noch genauer verstehen will.«

»Okay. Dann werde ich jetzt mal meinen Freund von der Streife anrufen, ob sie schon bei der Witwe gewesen sind.«

Die Reuthers wohnten in Unterföhring, am nordöstlichen Stadtrand Münchens. Gerald war erst wenige Male dort gewesen und hatte die Gemeinde gesichtslos empfunden, als eine Aneinanderreihung von Straßen ohne eigentliches Zentrum. Was nichts daran änderte, dass die Gemeinde als Standort von Medienkonzernen und eines internationalen Versicherungskonzerns prosperierte und kontinuierlich Land in Bauland verwandelte.

Das Haus der Reuthers lag in einem Neubaugebiet an der Durchgangsstraße; ein klassisches Einfamilienhaus mit einem schlichten Vorgarten aus kurz gemähtem Gras, während die Nachbarn zu beiden Seiten Blumenbeete und Sträucher bevorzugten. Als sie auf das Haus zugingen, ließ sich Batzko zurückfallen; bei psychologisch heiklen Begegnungen überließ er gerne Gerald die Führung.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis Katja Reuther die Haustür öffnete. Eine eher kleine Frau, schlank und sportlich. Dieser Eindruck wurde von der Tatsache begünstigt, dass sie eine Trainingshose trug und ein weißes T-Shirt. Ihre Haare waren schulterlang und glatt, in der Mitte gescheitelt. Sie trug keinen Schmuck und war nicht geschminkt; eine Frau mit einer natürlichen Ausstrahlung, eine, nach der man sich nicht unbedingt den Hals verrenkt, dachte Gerald.

Katja Reuther rang sich ein kurzes Begrüßungsnicken ab und bat die Kommissare herein. Gerald wunderte sich über die Garderobe der Reuthers. Sie war zweigeteilt, ein Bereich für die Erwachsenen, einer für Kinder in bunt bemaltem Holz, mit Haken in entsprechender Höhe und einer Fußmatte mit dem Motiv irgendeines Disney-Films. Es überraschte Gerald, denn seiner Erinnerung nach hatte Arno nur vom Kinderwunsch seiner Frau berichtet. Er hatte aber nie erwähnt, dass sie bereits Kinder – möglicherweise aus einer früheren Beziehung – hatte.

Frau Reuther bat die Herren ins Wohnzimmer, das geschmackvoll, wenngleich konventionell eingerichtet war. Eine Essecke auf der linken Seite mit einer Durchreiche zur Küche, Bücherregale, ein Fernseher, auf der gegenüberliegenden Seite eine Sitzgarnitur aus hellem Leder, ein ovaler Glastisch und ein Kamin. Auf dem Esstisch lag eine geöffnete Packung mit Tabletten. Der Garten verzichtete auch hinter dem Haus zugunsten eines Rasens weitestgehend auf Blumen und Sträucher.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

Die beiden Kommissare verneinten und nahmen auf den Ledersesseln Platz. Gerald legte einen Notizblock auf den Tisch. Katja Reuther setzte sich auf das Sofa und schaute in den Garten. Sie hielt ein zerknülltes Taschentuch in den Händen. Jetzt erst erkannte Gerald an ihren Augen, dass sie heftig geweint haben musste.

Gerald drückte sein Beileid aus – was Frau Reuther mit einem knappen Kopfnicken beantwortete, ohne den Blick in seine Richtung zu lenken – und erläuterte kurz die Umstände des Verbrechens.

»Unsere Kollegen haben Sie ja bereits von der schrecklichen Tat unterrichtet. Es könnte sich um Raubmord oder um ein willkürlich begangenes Verbrechen handeln, bislang haben wir leider noch keine Spur. Zunächst gehen wir aber davon aus, dass sich Täter und Opfer kannten. Einige Indizien sprechen dafür. Wir sind also besonders auf Ihre Hilfe angewiesen.«

Sie reagierte nicht, und Batzko fragte: »Gibt es jemanden, dem Sie eine solche Tat zutrauen würden? Hatte Ihr Mann, beruflich oder privat, Feinde? Wie war das Verhältnis zu seiner Familie?«

Sie schien die Frage gar nicht gehört zu haben. Ihr Blick blieb auf den Garten gerichtet. Dann, unverhofft, ging ein Ruck durch ihren Oberkörper, und sie drehte sich entschieden in Batzkos Richtung, als hätte sie sich genau in diesem Moment entschlossen, sich der Wirklichkeit des Verbrechens zu stellen.

»Arno hatte keine Feinde. Ich kann das, denke ich, beurteilen, weil wir uns schon einige Jahre kennen und einen gemeinsamen Freundeskreis haben. Seine Familie lebt im Norden. Er hat … Arno hatte zwei Brüder, seine Eltern leben noch. Das Verhältnis war durchaus gut. Vielleicht nicht so eng, wie man es sich wünschen würde, aber gut.«

»War er in einem Sportverein? Hatte er frühere Studienkollegen, mit denen er sich gelegentlich traf? Hatte er Hobbys? Verzeihen Sie, wenn ich Sie zu diesem Zeitpunkt mit meinen Fragen löchern muss, aber wir müssen so viel wie möglich über Ihren Mann in Erfahrung bringen.«

Sie lächelte kurz, ein bitteres, hartes Lächeln. »Wenn Sie ihn vor dem Mord gesehen hätten … Arno konnte mit Sport nichts anfangen. Außerdem hatte er seit seiner Kindheit Probleme mit der Wirbelsäule. Und Hobbys? Wirkliche Hobbys hatte er nicht. Vielleicht klassische Musik. Wir gingen gelegentlich in ein Konzert im Gasteig oder in die Oper. Sein eigentliches Hobby war sein Beruf: Computer und Internet.« Sie sprach konzentriert, mit tiefer Stimme, und gleichzeitig sehr langsam, als suche sie nach den richtigen Worten. Gerald dachte an die offene Tablettenpackung auf dem Esstisch.

»Wir haben in seinem Kalender im Büro den Namen einer Person gelesen«, sagte Batzko, »mit der er heute früh offenbar eine Verabredung hatte: Steinhaus.«

»Ja. Harald Steinhaus. Er war sein Geldgeber und Teilhaber der Firma. Arno war das, was man einen genialen Tüftler nennt. Er hatte mehrere Software-Patente, seine Ideen erhielten Preise auf Messen für innovative Existenzgründer, aber er bekam keine Kredite von den Banken. Er war am Ende völlig zermürbt; für einen Euro, den man von der Bank will, muss man Sicherheiten für zehn Euro bringen, hat er einmal gesagt. Und irgendwann, nach langem Suchen, hat er diesen Harald Steinhaus kennengelernt. Er muss über ein hohes Privatvermögen verfügen und stellt vielversprechenden Unternehmern das nötige Kapital zur Verfügung. Statt Zinsen zu erheben, bekommt er Anteile an der Firma. Wenn sie sich durchsetzt, erzielt er eine hohe Rendite; wenn die Firma scheitert, ist er natürlich sein Geld los. Aber er war von Anfang an von Arno und seinem Konzept überzeugt.«

Gerald unterbrach sie: »Ich höre eine gewisse Skepsis in Ihrer Stimme, Frau Reuther. Oder täusche ich mich?«

Sie hob resigniert die Schultern. »Spielt das eine Rolle, was ich von ihm hielt?«

»Durchaus.«

Sie presste die Lippen aufeinander, bevor sie antwortete: »Gut, ich halte ihn für einen Aufschneider. Nach eigener Aussage hat er in knapp zwei Jahren an der Londoner Börse ein kleines Vermögen verdient. Er trat für meinen Geschmack etwas zu lässig, zu überheblich und zu teuer gekleidet auf und hatte immer einen coolen Spruch auf den Lippen. Wir waren zwei- oder dreimal mit ihm essen. Ich habe ihn allerdings nie persönlich bei der Arbeit erlebt. Arno jedenfalls hatte viel für ihn übrig. Er war natürlich auch heilfroh darüber gewesen, sein Vorhaben endlich in die Tat umsetzen zu können, ohne sich von den Banken von oben herab behandeln lassen zu müssen.«

»Dann wird der Tod Ihres Mannes ein schwerer Schlag für Herrn Steinhaus sein. Oder hatte Ihr Mann bereits Mitarbeiter, die ihn ersetzen könnten?«, fragte Batzko.

»Nein. Er war gerade erst dabei, sich nach geeigneten Leuten umzusehen«, antwortete sie, und Gerald dachte an die beiden Arbeitsplätze im Büro, so perfekt eingerichtet wie ein Hotelzimmer, das auf Gäste wartet.

»Hatte Ihr Mann eine Lebensversicherung oder dergleichen abgeschlossen?«

»Ja, es gibt eine Lebensversicherung.«

»Zu Ihren Gunsten? Ich muss Sie das fragen.«

Sie nickte, und ihr Blick wanderte wieder nach draußen, zu einer Schaukel, die im Garten stand.

Gerald räusperte sich. »Frau Reuther, befand sich Ihr Mann in ärztlicher Behandlung?«

Katja Reuther zuckte zusammen, als hätte sie einen Stromschlag erlitten. »Was hat das mit seinem Tod zu tun? Das ist doch … Sagten Sie nicht …« Sie war erregt, gleichzeitig verlangsamten die Tabletten ihre Sprachmotorik mit dem Ergebnis, dass sie abwechselnd zu schnell und zu langsam sprach, wie ein Tonband, das man in erhöhter oder verlangsamter Geschwindigkeit ablaufen lässt.

»Bitte regen Sie sich nicht auf und beantworten Sie einfach meine Frage.« Sie wischte sich mit dem Taschentuch über die Augen. »Ja … Mein Mann hatte sich in psychologische Behandlung begeben. Das heißt, es war eigentlich keine Behandlung im klassischen Sinn, sondern eine Gruppentherapie, die seine sozialen Kompetenzen und sein Durchsetzungsvermögen stärken sollte. Wie ich Ihnen schon sagte, Arno war sehr introvertiert und schüchtern. Und er war wie viele hochintelligente Menschen idealistisch und gutgläubig. Das ist natürlich für einen Software-Entwickler nicht hinderlich, aber wenn man eine Firma auf die Beine stellen möchte, mit Finanzgebern verhandeln muss, Mitarbeiter einstellt etc. … Sie verstehen schon.«

»Wer war sein Therapeut? Kannten Sie ihn?«

»Ja. Wir hatten vor dieser Gruppentherapie beide bei ihm mehrere Stunden genommen, als Paar.«

»Interessant«, meinte Gerald.

»Jetzt denken Sie sicher«, fuhr Katja Reuther fort, »wir hätten Trennungsabsichten gehabt oder da wäre noch eine dritte Person im Spiel gewesen. Das denken die Leute doch sofort, wenn man das Wort Paartherapie auch nur ausspricht. Diese blödsinnigen Klischees. Wissen Sie, Arno war ein feinsinniger, zärtlicher Mann, aber gleichzeitig sehr verschlossen. Ich liebte ihn, hatte aber nie das Gefühl, ihn ganz zu verstehen. Es schien mir manchmal so, als ob da etwas Tiefes, Dunkles in ihm existierte, das er vor mir zurückhielt, verstehen Sie? Vielleicht hielt er es ja auch vor sich selbst zurück. Ich weiß es nicht. Es ist mir nie gelungen, das herauszufinden. Die Stunden mit dem Therapeuten sollten ihm helfen, sich zu öffnen, mehr Vertrauen zu unserer Beziehung zu fassen. Die Gesprächstherapie war mehr oder weniger eine Folge unserer Paartherapie, weil Arno dem Therapeuten vertraute.«

»Sie haben uns seinen Namen noch nicht genannt.«

»Verzeihung. Chateaux. Dr. Dirk Chateaux. Seine Praxis ist in Bogenhausen, in der Ebersbergerstraße.«

»Wie ›Schloss‹ im Französischen in der Pluralform?«, fragte Batzko, der Angeber. Sie nickte, leicht überrascht.

Gerald notierte pro forma den Namen.

»Hat die Gruppentherapie Ihren Mann verändert?«

Ihre Schultern zitterten leicht. Es war spürbar, dass sie die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht hatte. »Arno …«, begann sie. Aber es wirkte, als ob ihre Lippen ihr nicht gehorchen wollten. Sie schüttelte nur stumm den Kopf.

»Sind Sie berufstätig, Frau Reuther?«, fragte Batzko.

»Ich bin Übersetzerin. Ich habe mir bewusst einen Beruf ausgesucht, den man zuhause ausübt. Genauso wie Arno brauche ich nicht viele Menschen um mich herum. Außerdem wollten wir Kinder …«

»Sie wollten – das heißt, Sie haben noch keine?«

Katja Reuther schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Augenblicke später rollten Tränen über ihre Wangen; gleichzeitig schien sie zu erstarren, die Hand, die das Taschentuch hielt, lag regungslos auf der Couch. Die Frau hatte augenscheinlich nicht einmal die Kraft, ihre Tränen zu trocknen.

Gerald und Batzko verständigten sich mit einem kurzen Blick.

»Ich denke, die wesentlichen Fragen sind zunächst beantwortet«, sagte Gerald. »Können wir Ihnen helfen? Es gibt eine psychologische Betreuung bei der Polizei, ein Anruf genügt …«

Sie schüttelte bestimmt den Kopf. »Ich habe alles, was ich brauche. Danke. Ich will nur Ruhe. Das ist alles.«

Die beiden Kommissare erhoben sich. »Frau Reuther, haben Sie zufällig die Adresse von diesem Herrn Steinhaus?«

»Ich müsste erst in den Unterlagen in Arnos Arbeitszimmer nachsehen. Aber seine Firma ist in Düsseldorf. Ich erinnere mich, dass sie unter seinem Namen eingetragen ist. Irgendetwas mit ›Steinhaus-Investments‹ oder so ähnlich. Reicht Ihnen das?«

»Wir werden unser Glück versuchen. Bitte bemühen Sie sich nicht. Wir finden alleine hinaus«, sagte Batzko.

An der Wohnzimmertür drehte er sich noch einmal um. »Ich habe meine Karte auf dem Tisch gelassen, Frau Reuther. Rufen Sie uns an, wenn Ihnen noch etwas einfällt, was unseren Ermittlungen nützlich sein könnte. Und halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung.« Er räusperte sich, öffnete die Tür und sagte noch: »Was haben Sie eigentlich heute Morgen gemacht, Frau Reuther?«

»Ich habe Arno zur Arbeit gefahren. Das mache ich nur selten, aber heute Morgen musste ich Verschiedenes in der Stadt besorgen und wollte auch zum Viktualienmarkt. Wir haben nur ein Auto, müssen Sie wissen. Das meiste erledige ich mit dem Fahrrad, auch als Ausgleich zum Schreibtisch. Nur ausgerechnet heute nicht.«

Batzko saß am Steuer, die linke Hand, wie es seine Art war, lässig auf das Lenkrad gelegt. Er steuerte den Wagen, als wäre er ein Autoscooter. Gerald registrierte die gleichmäßige Bräune der Haut, die das kurzärmelige Hemd in dieser Haltung freigab. Es muss eine Automatenbräune sein, dachte Gerald, so viele Sonnentage hatte es in diesem Jahr noch nicht gegeben.

»Die Frage nach den Kindern hat sie völlig aus der Fassung gebracht«, sagte Batzko unvermittelt.

»Ja. Ist mir auch aufgefallen. Aber was ich nicht ganz verstehe, ist, dass Arno Reuther bei der letzten Gruppentherapie erzählt hat, dass er endlich mit seiner Frau gesprochen habe. Er war völlig geschafft. Es muss für ihn ungeheuer schwer gewesen sein, mit ihr über seine Erkrankung zu sprechen. Ist dir aufgefallen, dass seine Frau ihr ganzes Leben auf Kinder eingestellt hat? Da war sogar eine Kindergarderobe im Flur. Und eine Schaukel im Garten. Ich frage mich, wie sie sein Geständnis, also seinen Wunsch nach einer Rückenmarksdurchtrennung, wohl verkraftet hat. Wollte er überhaupt noch Kinder? Und wie sollte das dann praktisch funktionieren? Sollte er seinen Samen konservieren lassen?«

Batzko antwortete zunächst nicht. Er schien ausreichend damit beschäftigt, sich diese Situation vor Augen zu führen. Als er schließlich zu Gerald hinüberblickte, zeigte seine Mimik den Ausdruck absoluter Fassungslosigkeit. »Sich das Rückenmark operativ durchtrennen lassen. Freiwillig! Das ist doch Wahnsinn! Das heißt: nie mehr vögeln. Immer im Rollstuhl. In Plastikbeutel scheißen. Nie mit den Kindern Fußball spielen. Nie einen Drachen mit ihnen steigen lassen. Nie im Meer mit ihnen baden. Und daneben noch eine Firma leiten. Gerald, mein sensibler Allesversteher: Du kannst sagen, was du willst, aber so jemand gehört, wenn überhaupt, am Gehirn operiert und nicht am Rückenmark.«

»Vielleicht wird man es können, in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren. Wer weiß, ob man dann Epilepsie, Krankheiten wie das Tourette-Syndrom, Demenz oder was weiß ich alles chirurgisch oder medikamentös behandeln kann. Aber jetzt und hier kann man es nicht, und wir müssen akzeptieren, dass für Leute wie Alexander Faden und Arno Reuther die BIID-Erkrankung gewissermaßen größer ist als sie selbst.«

Batzko antwortete nicht. Vermutlich verstand er nicht, dass es etwas Größeres geben konnte als den eigenen Körper. Gerald war es recht. Er dachte an Franziska und ihre Entscheidung, sich operieren zu lassen. Der Gedanke war ihm nach der Nacht mit ihr einfach unerträglich. Er hatte jeden Zentimeter ihres Körpers berührt und liebkost. Er konnte einfach nicht verstehen, wie sie einen Teil ihres Körpers auf eine so schreckliche Weise loswerden wollte.

»Ich finde einfach keinen Grund dafür, dass Arno Reuther in der Therapie nicht die Wahrheit gesagt haben sollte. Er hatte sehr lange und sehr intensiv mit sich gerungen, wie er mit der Erkrankung umgehen sollte. Ich gehe davon aus, dass seine Frau bis dahin nicht einmal von der Existenz dieser Krankheit gewusst hat. Wahrscheinlich hat sie nur gefühlt, dass ihr Mann verzweifelt war. Ich kann mir schon vorstellen, dass Katja Reuther ihr Leben weiterhin mit ihrem Mann verbracht hätte, auch wenn er im Rollstuhl gesessen hätte. Das schaffen schließlich auch andere Frauen, deren Männer verunglücken. Aber dass Arno sich bewusst für eine solche Beeinträchtigung entscheiden wollte, war vielleicht zu viel für sie. Außerdem wäre ein normales Familienleben mit Kindern so undenkbar geworden.«

Batzko steckte seinen Ellbogen aus dem Seitenfenster wie ein Manta-Fahrer. »Oder sie hat uns ein mögliches Motiv nicht auf dem Tablett servieren wollen. Hältst du es für möglich, dass sie ihm in ihrer Verzweiflung einen Papierspieß in die Brust rammt?«

»Wir müssen es auf jeden Fall in Betracht ziehen. Zumindest war nicht viel Kraft nötig, um Arno Reuther aus dem Weg zu räumen. Du hättest ihn mal sehen sollen. Er bestand nur aus Haut und Knochen, die Rippen lagen so offen wie Klaviertasten. Du hättest ihn auf deinem Zeigefinger balancieren können.«

»Sie hat ihn zur Arbeit gefahren. Das hat sie immerhin zugegeben«, sinnierte Batzko, ohne den Gedanken fortzuführen.

Wenig später erreichten sie das Polizeipräsidium. Batzko fuhr in die Tiefgarage. Als sie im Aufzug standen, wurde Gerald plötzlich hundemüde. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, die Augen fielen ihm zu. Wie lange hatte er in der letzten Nacht geschlafen? Eine halbe Stunde? Eine Stunde? Mehr sicher nicht.

Batzko grinste. »Eine kurze Nacht dank Severin? Wäre ich gestern Abend dabei gewesen, hätte ich dich so viele Kilos stemmen lassen, dass dich auch eine Neugeborenenstation im Krankenhaus nicht geweckt hätte.«

Gerald lächelte pflichtschuldig. Er dachte an Franziska. Er musste sie unbedingt sprechen, heute noch. Vielleicht würde er morgen nicht die Zeit haben vor der Gruppentherapie.

»Du rufst jetzt den Guru von deiner Quasselgruppe an und vereinbarst einen Termin«, sagte Batzko auf dem Weg zum Büro. »Und ich kümmere mich um diesen Steinhaus.«

Gerald wählte Chateauxs Nummer. Es klingelte mehrmals, bis sich eine Frauenstimme meldete, eine sehr junge Frauenstimme.

»Hier bei Dr. Chateaux. Wie geht es Ihnen? Kann ich Ihnen helfen?« Die Stimme hatte einen unverkennbaren slawischen Akzent. Ihre Aussprache war hart und etwas abgehackt.

»Kann ich bitte Herrn Chateaux sprechen? Oder seine Frau?«

»Der Doktor ist nicht da. Er ist den ganzen Abend fort. Kommt sehr spät zurück. Frau – ist gar nicht da. Lebt nicht hier.«

Gerald nannte seinen Beruf und fragte, wer sie sei.

Die Nervosität der jungen Frau war plötzlich so spürbar, als wäre sie durch die Telefonleitung gekrochen. »Ich bin Au-pair-Mädchen (es klang wie: Opärrr) aus St. Petersburg. Alle Papiere in Ordnung. Ich mache Haus und beide Kinder.«

Warum reagiert sie so?, dachte Gerald. Ist sie hier nicht gemeldet und Chateaux lässt sie schwarzarbeiten?

»Natürlich. Ich rufe nicht Ihretwegen an. Ich möchte Herrn Chateaux in einer ganz anderen Angelegenheit sprechen.«

»Doktor beginnt Sprechstunde morgen um neun. Vorher Frühstück.«

»Richten Sie ihm bitte aus, dass er das Frühstück vorziehen soll. Um acht Uhr werde ich mit einem Kollegen bei ihm sein.«

»Guttt«, sagte sie und hängte schnell auf.

Während Batzko im Internet die Kontaktdaten von Harald Steinhaus recherchierte, konnte Gerald nachlesen, was die Kollegen von der Ersterfassung bereits unter dem Aktenzeichen für den Mordfall Arno Reuther eingetragen hatten. Die Befragung der weiteren Mieter nach möglichen Zeugen war abgeschlossen, ohne konkrete Ergebnisse. Die Befragten betonten übereinstimmend, dass jederzeit Menschen in dem Gebäude ein und aus gehen konnten, ohne von anderen bemerkt zu werden. Der einzige Anhaltspunkt blieb jener unbekannte Mitarbeiter eines Paketdienstes mit einer äußerst vagen Personenbeschreibung (zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahre alt, mittelgroß, mit kurzen Haaren und einer kräftigen Statur). Anrufe bei den hiesigen Paketdiensten und entsprechende Nachfragen bei allen Mietern, Gastronomiebetrieben und weiteren Geschäften im Behnisch-Haus hatten jedoch keinen solchen Lieferauftrag bestätigen können.

»Steinhaus wohnt natürlich in Düsseldorf, wo die Banken in den Himmel wachsen«, sagte Batzko.

»Ich brauche dringend einen Liter Kaffee.«

»Für mich reicht eine Tasse. Danke, Kumpel.«

Gerald musste frischen Kaffee aufsetzen. Als er schließlich mit zwei Bechern zurückkam, legte Batzko gerade den Telefonhörer auf. »Steinhaus ist zurzeit in Hamburg. Ich habe ihn auf dem Handy erreicht.«

»War er geschockt?«

»Nein. Absolut nicht. Er wirkte gefasst. Und das ist doch erstaunlich. Unabhängig von der Frage, ob die beiden sich menschlich nahestanden, riskiert er doch einen erheblichen finanziellen Verlust, wenn Reuther das Internet-Genie war, mit dem die Firma steht und fällt. Mag ja sein, dass diese Typen, die mit Millionen jonglieren wie unsereins mit zehn Euro, extrem cool sind. Aber er hat in keiner Sekunde die Fassung verloren.«

»Wann kommt er zurück?«

»Morgen Mittag. Er hat behauptet, gegen halb zehn das Behnisch-Haus verlassen zu haben, weil er zum Flughafen nach Düsseldorf musste. Reuther war allein, als Steinhaus kam, und allein, als Steinhaus ging. Irgendwelche Beobachtungen will er nicht gemacht haben. Auch hat er keinen Paketauslieferer oder irgendeine andere Person auf dem Flur oder im Treppenhaus gesehen.«

»Dann werden wir vormittags nach unserem Gespräch bei Chateaux direkt zu Marleen Kattowitz gehen, weil sie da noch allein sein dürfte. Danach Steinhaus hier im Präsidium.«

Batzko nickte. »Hör zu, Kumpel, du siehst reichlich kaputt aus. Lass mich das hier machen. Ich schreibe das Protokoll und übernehme morgen früh die Dienstbesprechung. Du stopfst dir Ohropax in die Lauscher, und wir sehen uns morgen dann um acht bei dem Psychofritzen. Hört sich doch nach was an, oder?«

Gerald wusste aus Erfahrung, dass Batzko das Wort »Kumpel« dann verwendete, wenn er unter dem Deckmantel der Kollegialität seine Interessen durchsetzen wollte. In diesem Fall würde Batzko Geralds Abwesenheit in der Dienstbesprechung nutzen, um sich selbst zu positionieren.

Aber Gerald war zu müde, um Einwände zu erheben. Außerdem wollte er zu Franziska.

Es war kurz nach halb sechs, als er seinen Wagen am Pariser Platz parkte, in Sichtweite von Franziskas Hauseingang. Beim Aussteigen wäre er beinahe in eine weggeworfene Pizzaschachtel getreten. Der Bürgersteig war bestückt mit Abfällen, größtenteils Fast-Food-Verpackungen und Bierflaschen.

Franziska war nicht zu Hause. Gerald klingelte mehrmals, überlegte, ob er einen Zettel an die Haustür klemmen oder einfach in seinem Wagen auf sie warten sollte. Er entschied sich für Letzteres, brachte den Fahrersitz in eine bequemere Position und legte eine CD mit ruhigen Jazz-Balladen ein. Als er seine Hände kurz auf sein Gesicht legte, glaubte er, Franziskas Geruch zu spüren. Er war ganz anders als der von Nele. Es war überhaupt alles anders gewesen als mit Nele. Bei ihr war es nach dem heißen Flirt in Barcelona zunächst ein erotisches Spiel gewesen, eine Verführung, ein Abtasten, ein Ausloten nach Möglichkeiten und den Erwartungen des anderen, als müssten sie sich beinahe dafür entschuldigen, auf der Suche zu sein nach dem Partner fürs Leben und dem Wunsch, eine Familie zu gründen. Als wollten sie beide ergründen, ob ihre Affäre nach der Leichtigkeit unter Barcelonas Himmel auch das Grau ihres Alltags aushalten würde.

Gerald hörte das kraftvolle, voluminöse Saxophon von Sonny Rollins, wie es »Round Midnight« intonierte, und schloss die Augen. Bei Franziska hatten sich an einem einzigen Abend alle Schleusen geöffnet. Sie wusste Dinge von ihm, die Nele nicht einmal im Ansatz kannte. Auch ihre Körper schienen so vertraut miteinander, als hätten sie schon oft miteinander geschlafen. Alles passierte so leicht und selbstverständlich. In seinem Leben hatte er nur wenige Nächte erlebt, die von dem Gefühl getragen worden waren, dass alles, was er tun würde, richtig, und das alles, was geschehen würde, gut sein würde.

Dann dachte er an Franziskas Erkrankung und presste die Kiefer aufeinander, weil er spürte, dass sich erste Tränen hinter seinen Lidern stauten. Wie konnte sich eine junge, intelligente, gesunde Frau eine Unterschenkelamputation wünschen? Er konnte sich das nicht vorstellen, auch nach ihren Erklärungen nicht. Die Krankheit war für ihn so weit entfernt wie der Mond. Dabei hatte Franziska die Operation in ihrem Kopf eigentlich schon vollzogen, es ging nur noch um die praktischen Schritte und die Finanzierung, bei der er, ausgerechnet er, ihr helfen sollte.

Gerald drehte die Musik etwas lauter, um seine Gedanken zu vertreiben, und schlief nach wenigen Minuten ein.

Drei Stunden später wachte er auf und schlug vor Wut auf das Lenkrad. Wie hatte ihm das passieren können? Er rieb sich die Augen. Trotz der noch hohen Außentemperatur fror er. Der Schlafrückstand. Nach seiner Rückkehr von Franziska, im Morgengrauen, hatte er lange wach gelegen. Dann hatte Sevi geschrien. Nele hatte ihn nicht, wie üblich, sofort ins Bad getragen, um ihn, Gerald nicht zu stören, sondern sie hatte ihn brüllen lassen und anschließend im Bett gestillt. Natürlich, dachte er, damit straft sie mich ab.

Sein Mund war trocken. Er trank einige Schlucke aus einer Wasserflasche, die seit Wochen im Handschuhfach gelegen hatte, und verließ dann den Wagen.

Die Haustür sprang nach dem zweiten Klingeln auf. Langsam stieg er die Treppen hoch. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie von Arnos Ermordung vermutlich noch keine Ahnung haben würde. Das wird der zweite Schock sein, dachte er, und tastete nach seinem Dienstausweis. Sie stand im Türrahmen, und wie am Vorabend wich sie instinktiv zurück, als er näher kam.

»Gerald, was ist los? Ist etwas passiert? Du siehst schrecklich aus.«

Er hatte sich vorgestellt, sie würde ihn küssen, wenn er die letzte Stufe erreicht hatte, oder wenigstens umarmen. Aber nichts dergleichen passierte. »Gerald – ist etwas mit deiner Familie? Sag schon. Du machst mir Angst!«

»Ich muss mit dir reden. Lass uns reingehen. Es ist wichtig.«

Es fiel ihm ungemein schwer, vor ihr zu stehen, ohne sie zu berühren. Wie sehr hatte er sich auf sie gefreut. Und nun war er wegen einer dienstlichen Angelegenheit bei ihr. Einer, die sie gleich zutiefst treffen würde. Er musste schlucken und lief, ohne ihr in die Augen zu schauen, an ihr vorbei ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Franziska schloss die Tür, nahm zwei Gläser aus dem Regal, füllte sie zwei Fingerbreit mit Whiskey und setzte sich ebenfalls. Der Abstand zwischen ihnen war so groß, dass er seinen Arm ganz ausstrecken müsste, um sie zu berühren. Sie trug eine kurzärmelige blaue Bluse, die locker über eine helle Leinenhose fiel. Sie war nicht geschminkt und hatte keinen Schmuck angelegt, natürlich. Alles schien so klar, so einfach und selbstverständlich an ihr, dass er in dieser Sekunde nicht ihres, sondern sein eigenes Leben unerträglich kompliziert fand.

Und er spürte eine heftige, blindwütige Attacke von Eifersucht. Zu gerne hätte er sie gefragt, was sie an diesem Tag gemacht und wen sie getroffen hatte. Er war über zehn Jahre älter als sie. Warum interessierte sie sich überhaupt für ihn, einen Mann, der daheim Frau und Kind hatte? Was hatte sie wirklich von ihm gewollt in der vergangenen Nacht? Ging es ihr in Wahrheit vielleicht einzig und allein darum, dass er die Bürgschaft für den Kredit übernahm?

»Da sind einige Dinge, die ich dir erklären muss«, begann er und griff unwillkürlich nach seinem Dienstausweis in der Innenseite seines Jacketts. Es war, nach dem Gespräch mit Batzko, schon das zweite Geständnis an diesem Tag, nur noch viel belastender und schwieriger. Er bat um ein Glas Wasser, weil sich seine Lippen zum Zerreißen spröde anfühlten und er einen klaren Kopf behalten wollte. Dann begann er zu sprechen.

Franziska hörte zu und unterbrach ihn nicht. Als er von Arnos Ermordung berichtete, verdunkelte sich ihr Blick, wie in der Therapiestunde, in der sie über Alexander Fadens Tod hatte sprechen wollen und von Chateaux barsch in die Schranken verwiesen worden war. Am Ende seines Monologs hielt seine verschwitzte Hand noch immer den Dienstausweis umklammert, ohne dass er sich dessen bewusst war.

Franziska saß ganz aufrecht da und nickte langsam, als er geendet hatte. Dann schaute sie ihm direkt in die Augen und sagte: »Eigentlich sollte ich dich jetzt hinauswerfen und nie wieder einen Gedanken an dich verschwenden.«

»Es tut mir leid, Franziska. Ich musste meine Identität geheim halten. Es ging nicht anders. Aber was uns angeht, Franziska …«

»Ach, halt die Klappe«, unterbrach sie ihn. »Machst du das immer so, wenn du im Verborgenen ermittelst? Hättest du die Spesen abgerechnet, wenn du mich zum Essen eingeladen hättest? Oder ins Kino? Oder die Kondome? Wer weiß, vielleicht bist du ja nicht einmal verheiratet, sondern spielst mir nur den unverstandenen Ehemann vor, der bei seiner Alten nicht mehr randarf. Muss ich jetzt gleich ein Protokoll unterschreiben, wann du in der letzten Nacht gekommen und wann du gegangen bist und was wir alles gemacht haben und wie?«

Gerald leerte das Wasserglas in einem Schluck und machte sich dann an den Whiskey. »Franziska, ich verstehe ja, dass du sauer bist. Aber was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen? Ich bin zwar als Polizist in die Therapie gegangen, aber das mit dir, das hatte nichts mit den Ermittlungen zu tun. Das ist etwas ganz anderes. Das kannst du mir glauben oder nicht. Wenn du willst, dann ziehe ich mich aus dem Fall zurück. Ich möchte nicht, dass die Situation unzumutbar für dich wird. Niemand von meinen Kollegen würde dann erfahren, dass ich jemals in deiner Wohnung und mit dir zusammen gewesen bin. Das spielt keine Rolle für die Ermittlungen, hoffe ich.«

»Na, prima. Einfach so aus der Affäre ziehen. Das sieht dir ähnlich! Hör zu, ich habe überhaupt keinen Bock, irgendeinem deiner Kollegen zu stecken, dass ich BIID habe oder dass ich in Therapie gehe. Meine Psyche geht niemanden irgendetwas an. Ich entscheide, wen ich ins Vertrauen ziehe. Was die Ermittlungen betrifft, so kannst du auf mich zählen. Alles andere kannst du vergessen. Wir hatten unseren Spaß, mehr nicht. Nicht unter diesen Umständen.«

Geralds Miene verdüsterte sich. »Nichts Privates mehr? Keine Treffen außerhalb der Ermittlungen? Kein Sex?«, fragte er schließlich.

»Genau, Sherlock Holmes.« Sie nickte und stand auf. Scheiße, dachte Gerald und biss sich auf die Lippen. Doch gleichzeitig erleichterte ihn, dass Franziska ihre Affäre beendete. Wie lange hätte er es aushalten können, mit Franziska zu schlafen und mit Nele und Severin aufzuwachen?

Er holte seinen Dienstausweis aus dem Jackett und legte ihn vor sich auf den Tisch, als sollte ihm diese Geste helfen, innerlich den Schalter umzulegen. »Wie gut kanntest du Arno eigentlich?«

»Arno …« Ihre Stimme kam von sehr weit her, als würde sie sich erst in diesem Moment daran erinnern, dass er an diesem Vormittag ermordet worden war. »Gut. Sehr gut. Er war ein Freund, ein guter Freund. Arno war außergewöhnlich sensibel und absolut vertrauenswürdig. Aber es gab nicht diese persönliche Nähe wie zu Alexander. Wir hatten nicht dieses ›Pretending‹.«

»Was meinst du mit ›Pretending‹?»

»Das künstliche Herstellen einer Situation, die man sich wünscht. Alexander und ich haben uns zum Beispiel den Arm und den Unterschenkel abgebunden und haben so ein ganzes Wochenende gemeinsam verbracht. Manche BIID-Patienten ziehen sich sogar in einen Kurzurlaub zurück, um das durchzuspielen. Ob Arno das jemals getan hat, kann ich dir nicht sagen. Wir haben jedenfalls nie darüber gesprochen. Intuitiv würde ich sagen: nein. Zwar hat er seine Erkrankung die ganze Zeit über seiner Frau verschwiegen, dennoch glaube ich nicht, dass er sie angelogen oder hinter ihrem Rücken so etwas unternommen hätte.«

»Kanntest du sein berufliches und privates Umfeld? Seine Frau?«

Sie streckte die rechte Hand aus, als wollte sie nach dem Ausweis greifen, stoppte aber die Bewegung. »Nein. Das heißt, nur aus seinen Erzählungen, wenn wir uns nach den Therapiestunden mit Alexander auf ein Bier zusammengesetzt haben. Ich wusste, dass er sich gerade selbständig gemacht hatte. Auch dass seine Frau dringend eine Familie gründen wollte. Das hat ihn sehr unter Druck gesetzt, weil er nicht wusste, wie er diese drei Dinge zur selben Zeit überhaupt bewältigen konnte: die Firma, die ersehnte Operation, ihr drängender Kinderwunsch.«

»Habe ich das in der letzten Sitzung richtig verstanden – dass er es seiner Frau endlich erzählt hat?«

»Ja. Er hatte mich in der letzten Woche sogar zweimal deswegen angerufen, und ich hatte ihm Mut gemacht, trotz des Zeitpunktes und der möglichen Folgen für seine Ehe. Warum fragst du?«

»Reine Ermittlungsroutine«, sagte er knapp und staunte selbst ein wenig über seinen dienstlichen Tonfall. »Du bist also sicher: Er hat es seiner Frau erzählt. Aber das basiert allein auf seiner Behauptung dir gegenüber, nicht wahr?«

Sie nickte.

»Gut. Hat er in euren Gesprächen irgendetwas geäußert, was als Anhaltspunkt für die Ermittlungen dienen könnte? Hat er sich bedroht gefühlt? Gab es finanzielle Auseinandersetzungen mit seinem Kreditgeber? Hatte er Ärger mit möglichen Konkurrenten? Familiäre oder private Konflikte?«

Sie schüttelte knapp den Kopf, trank einen Schluck Whiskey und setzte sich wieder auf den Rand des Sofas. Ihre Haltung war inzwischen etwas entspannter, aber der Abstand zu Gerald hatte um keinen Millimeter abgenommen.

»Da ist noch eine Sache, zu der ich dich befragen wollte. Es gibt doch sicher im Internet eine Art Forum für BIID-Patienten, oder? Als ich den Begriff gegoogelt habe, bin ich zumindest auf so etwas gestoßen.«

»Ja. Wir sind … das heißt, wir waren dort auch Mitglieder. Aber durch die Gesprächstherapie haben wir allmählich das Interesse verloren. Es war sehr gut am Anfang, es hat uns zusammengebracht. Alexander hatte in dem Forum von seinen guten Erfahrungen mit Chateaux berichtet, und Arno und ich sind bei ihm eingestiegen, ohne uns vorher persönlich gekannt zu haben.«

»Also Werbung für Chateaux! Er scheint sich auf diese Behandlungen inklusive einer, sagen wir, noch genauer zu betrachtenden Weitervermittlung an Chirurgen im Ausland spezialisiert zu haben.«

»Du unterstellst ihm Dinge, von denen du zu wenig weißt«, sagte Franziska mit einem Unterton, der Gerald riet, diesen Aspekt hier und jetzt nicht zu vertiefen.

»Zurück zu diesem Forum. Gibt es gelegentlich Einträge von Leuten, die aggressiv reagieren, euch beschimpfen, vielleicht sogar bedrohen?«

»Es ist ein paar Mal passiert, dass sich jemand, um überhaupt zugelassen zu werden, als BIID-Patient tarnte, um dann seine Hasstiraden loszuwerden. Aber der Supervisor sorgte rasch dafür, dass ihm der Zugang gesperrt wurde. Außerdem hatten wir drei uns nur mit Codenamen vorgestellt, ohne Adresse oder nähere persönliche Angaben. Ich glaube, dass die meisten Mitglieder nur solche Informationen preisgeben, die keine direkten Rückschlüsse auf ihre Person zulassen. Meine Güte – du denkst doch nicht etwa an einen durchgeknallten Serientäter oder so etwas?«

»Nein, nein«, sagte er schnell, obwohl er diese Möglichkeit natürlich in Betracht zog. »Wir wissen ja nicht einmal, ob ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen besteht. Ja, noch nicht einmal, ob die BIID-Erkrankung überhaupt eine Rolle spielt. Wenn zwei Menschen zu Tode kommen, die einen grünen Wagen fahren oder in ihrer Freizeit Tennis spielen, stellt man schließlich nicht automatisch eine Verbindung auf Basis dieses Details her.«

»Erst eins, dann zwei, dann drei«, sagte sie langsam, wie zu sich selbst, als hätte sie ihm gar nicht zugehört. »Gibt es da draußen jemanden, der uns so sehr hasst, dass er uns der Reihe nach umbringen will?«

»Du solltest dir nicht zu viele Gedanken machen, Franziska.«

»Und du solltest dir gar keine Gedanken mehr machen, was uns beide angeht, Gerald. Es hat mich nicht sonderlich gestört, dass du verheiratet bist. Du bist sehr unglücklich, das sieht man auf den ersten Blick. Ich hätte gern für etwas Glück in deinem Leben gesorgt. Selbst dran schuld, wenn dir das jetzt verwehrt bleibt. Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist es belogen zu werden. Das ist entwürdigend.«

Er leerte sein Glas in einem Zug. »Ich habe mir im Dienst der Ermittlungen eine andere Identität zugelegt. Das ist etwas anderes, finde ich. Ich habe dich nicht angelogen. Vor allem habe ich nicht gelogen, als ich hier mit dir alleine war.«

»Ich finde, du solltest jetzt gehen, Gerald«, antwortete sie knapp.

Er stand auf und ging in die Diele. Die Küchentür war geschlossen; die ganze Zeit über hatte er die Katze nicht gehört. Er spürte Franziska in seinem Rücken.

»Wenn wir im Rahmen meiner Untersuchungen zusammentreffen, werde ich einen Kollegen dabeihaben. Wir werden uns siezen, und ich werde nie in dieser Wohnung gewesen sein.«

»Warst du doch auch nicht wirklich«, konterte sie, aber in ihrer Stimme lag zu seiner Überraschung ein Anflug von Ironie. Franziskas Augen hatten ihre natürliche Farbe wiedergewonnen. Es spielte sogar ein Lächeln um ihre Lippen, unsichtbar zwar, aber er sah es dennoch.

»Kannst du mir bitte deine Handynummer geben? Aus rein dienstlichen Gründen, versteht sich.«

»Ich habe kein Handy. Ich hasse diese Pseudogespräche, die ich jeden Tag in der Bahn und in der Uni anhören muss.«

»Okay. Dann werde ich jetzt gehen«, sagte er, die Hand am Türgriff.

Sie wich seinem Blick aus und schaute in das Wohnzimmer. »Oh, ich glaube, du hast etwas vergessen.« Sie ging hinein und kam mit seinem Dienstausweis zurück.

»Gar kein so schlechter Typ«, sagte sie und rieb kurz mit der Kuppe ihres Zeigefingers über das Foto. »Hat jedenfalls mehr Phantasie, als man einem Polizisten zutrauen würde.«

Sie reichte ihm den Ausweis.

Es war bereits nach zehn, am Himmel zeigten sich einige dunkle Wolken. Er fühlte die Abendkühle an seiner Gesichtshaut, und es war ein angenehmes Gefühl. Es half ihm, langsam zur Besinnung zu kommen. Als er seinen Wagen erreicht hatte, sträubte sich etwas in ihm. Er hatte nicht die geringste Lust, nach Hause zu fahren. Er schaute hoch zu ihrer Wohnung und fühlte sich plötzlich erleichtert. Auch wenn es mit Franziska nicht weitergehen würde, bereute er den gestrigen Abend keine Sekunde. Er hatte Glück erlebt, sexuelles Glück, das Glück, frei und offen reden zu können, sich angenommen und verstanden zu fühlen. Herrgott, lebte man nicht, um genau das zu fühlen?

Er ging einmal um den Block, atmete tief ein. Er lief an geschätzten zwanzig Kneipen und Restaurants vorbei, aber seine Ruhelosigkeit hielt ihn davon ab, sich an einen Tresen zu setzen. Er kehrte zu Franziskas Haustür zurück, wechselte die Straßenseite, um zu sehen, ob in ihrem Wohnzimmer noch Licht brannte. Doch es war stockdunkel. Er hatte große Lust, einfach noch einmal bei ihr zu klingeln. Er fühlte sich unverletzbar in seinem Übermut, aber er sah doch klar genug, dass er ihre Abmachung respektieren musste.

Er holte den Autoschlüssel aus seiner Tasche. Severin wird längst schlafen, dachte er. Wahrscheinlich auch Nele. Oder sie würde hoffentlich so tun, als ob.