5

Gerald war eine Viertelstunde zu früh in der Ebersbergerstraße. Er wartete in seinem Wagen, beobachtete die wenigen Passanten, die um diese Uhrzeit in der reinen Anliegerstraße unterwegs waren, und überlegte, wer von ihnen in wenigen Minuten mit ihm in einem Raum sitzen würde. Ein älteres Ehepaar war erwartungsgemäß am Hauseingang vorbeigegangen, ebenso eine junge Frau mit feuerrot gefärbten Haaren, auf die er eigentlich gesetzt hatte. Nun parkten in rascher Reihenfolge ein Mercedes und ein Motorrad direkt vor Chateaux’s Haus. Der Mercedesfahrer stieg aus und ging an dem Motorradfahrer vorbei, der bereits seinen Helm abgenommen hatte. Aber sie vermieden jeglichen Blickkontakt, grüßten sich auch nicht. Sie gingen hintereinander, im Abstand von einigen Metern, durch den Vorgarten.

Ähnlich abweisend hatte sich Nele verhalten, als Gerald seinen Sohn gewickelt, ins Bett gebracht und anschließend, bis zur letzten verfügbaren Minute, in der Küche geholfen hatte. Nele hatte mit ungläubigem Stirnrunzeln reagiert, als er sagte, dass er in nächster Zeit vermutlich an zwei Abenden in der Woche aus dienstlichen Gründen außer Haus sein würde. Er hatte die Unsicherheit und die Zweifel an ihrem Gesichtsausdruck ablesen können, aber sie war zu überrascht und vielleicht auch zu stolz gewesen, um nachzuhaken. Sie hatte neben ihm im Flur gestanden, als er sich, die Hand an der Türklinke, vorbeugte, um sie zu küssen. Im allerletzten Moment hatte sie sich weggedreht, und seine Lippen verloren sich im Niemandsland zwischen Wange und Ohr.

Um fünf vor acht verließ Gerald den Wagen. Die Luft war noch angenehm warm. Und es war, im Vergleich zu seiner Wohnung am Harras, geradezu irritierend ruhig. Während er durch den Vorgarten ging, rief er sich das in Erinnerung, was er am Vortag dem Psychotherapeuten erzählt hatte. Die Beschreibung seiner vermeintlichen Probleme zielten in erster Linie darauf ab, den Zugang zu Alexander Fadens Gesprächsgruppe zu finden – nun, unmittelbar vor der ersten Therapiestunde seines Lebens, erschrak Gerald über das, was er über seine Beziehung zu Nele erzählt hatte. Es war, ohne künstliche Forcierung, geradezu aus ihm herausgeflossen. Er hatte gleichsam sich selbst mit Erstaunen zugehört. Wie konnte Chateaux nur alle vitalen Abwehrmechanismen – die Gerald jeden Tag bei Batzko trainierte – außer Kraft setzen?

Er hatte den Zeigefinger schon auf der Klingel, als er sah, dass die Haustür nur angelehnt war. Gerald trat ein und ging zunächst auf die Toilette, um seine Blase zu erleichtern. Es war mehr oder weniger eine Vorsichtsmaßnahme, weil er nicht wusste, ob es erwünscht war, den Therapieraum zwischendurch zu verlassen.

Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel: Die schmalen Halbmonde um seinen Mund hatten sich in den letzten Monaten tiefer eingegraben. Die vollen, weichen Lippen machten einen verkniffenen Eindruck, der dadurch verstärkt wurde, dass sie das Erste waren, was man an seinem Gesicht wahrnahm. Die Augenbrauen waren dünn und von dunklerer Farbe als das glatte, mittelbraune Haupthaar, das er kurz trug, seitdem die in den letzten Jahren entstandenen Geheimratsecken von einem Scheitel eher betont als bedeckt wurden. Die Augen waren relativ groß, aber von einem unauffälligen, diffusen Hellblau. Er musste Nele zustimmen: Sein Gesicht bestand aus einem gerahmten Mund. Batzko beschrieb es mit anderen Worten: ein Teller Püree mit zwei Augen.

In der schmalen Diele warf er einen Blick auf die mittlere Tür. An ihr hing der Papierausdruck eines Fotos, eines Urlaubsschnappschusses vermutlich, der ein reetgedecktes Haus in den Dünen zeigte mit einem weißen Schild, das in den Vorgarten gepflockt war: »Zimmer von Privat«. Hier wohnte also die Familie, die bald in den Swimmingpool springen würde. Gerald überlegte, wie viel ein Psychotherapeut wohl verdiente. Das Einkommen alleine konnte das Haus in dieser Lage sicher nicht finanzieren, auch wenn er, wie Gerald am Vortag registriert hatte, über eine gewisse Wendigkeit in der Kommunikation mit der Krankenkasse zu verfügen schien. Vermutlich hatte er zusätzlich geerbt, Mediziner sind bekanntlich gerne Kinder und Enkel von Medizinern und heiraten zudem bevorzugt in ihren Kreisen.

Gerald betrat das Sprechzimmer, in dem sich zu seiner Überraschung niemand befand. Die Milchglastür auf der rechten Seite war nur angelehnt. Eigentlich konnten die Mitpatienten, die vor ihm das Haus betreten hatten, nur dort sein. Er lauschte angestrengt, konnte aber nichts hören. Schließlich klopfte er vorsichtig mit dem Knöchel des Zeigefingers an die Tür. Zunächst kam keine Reaktion, dann sagte eine Männerstimme: »Besser nicht!«, was ein spontanes Lachen mehrerer Personen provozierte. Gerald holte tief Atem und betrat den Raum.

Er war etwas kleiner als das Sprechzimmer, die Wände weiß und bilderlos. In jeder Ecke stand eine große Zimmerpflanze. In der Mitte des Raumes war ein runder, weißer Tisch, um den acht schlichte, verchromte Bürostühle angeordnet waren. Zwei Männer und eine Frau schauten kurz auf und murmelten einen Willkommensgruß, der in Geralds Ohren ziemlich gleichgültig, wenn nicht gar abweisend klang. Gerald bemerkte, dass keiner der drei direkt neben einem anderen saß. Er hängte sein Jackett an den Garderobenständer neben die Motorradjacke und den Helm und bewegte sich zurück zum Sitzkreis. Niemand schaute ihn direkt an. Gerald hätte gerne gefragt, ob es eine feste Sitzordnung gab, unterließ es aber aus Angst, etwas Falsches zu sagen.

Einen Moment stand er unschlüssig im Raum. Die Tatsache, dass ihn niemand ansah, niemand ihn durch eine Geste in den Kreis einlud, verunsicherte ihn. Er musste sich überwinden, nicht fluchtartig den Raum zu verlassen, und hätte es vielleicht sogar getan, wenn ihm die Frau nicht schließlich aufmunternd zugelächelt hätte. »Hallo.« Ihre Stimme klang freundlich. Mit einer Geste forderte sie ihn auf, Platz zu nehmen. Gerald setzte sich und bemerkte erst danach, dass er sich verhalten hatte wie die anderen. Die Stühle links und rechts waren frei, sodass sich ein vollkommen symmetrisches Bild ergab. Vier Menschen hatten die maximale Distanz zueinander in vier gleiche Teile geteilt.

Da alle schwiegen, nutzte Gerald die Zeit, um die drei Teilnehmer näher zu betrachten. Die beiden Männer konnten gegensätzlicher kaum sein. Den Motorradfahrer schätzte Gerald auf Mitte zwanzig, er war klein und bullig, die Oberarme unter dem T-Shirt mit einem »Hard Rock Café New Orleans«-Aufdruck wirkten wie aufgepumpt. Er trug mehrere Ringe an den Fingern, die unruhig auf den Oberschenkeln klopften. Die glatten Haare klebten an dem rundlichen Kopf. Sein stumpfes Gesicht wirkte verschlossen und zugleich herausfordernd, als wäre das Leben ein dauernder Zweikampf und er der vorprogrammierte Sieger.

Der andere Mann war vielleicht Ende dreißig, Anfang vierzig, mit einem fein geschnittenen, sensiblen Gesicht, gut gekleidet, mit einer auffallend eleganten Brille. Die hohe Stirn und die akkurat geschnittenen Haare verliehen ihm eine gewisse Intellektualität. Gerald erinnerte sich, dass dieser Mann der Mercedesfahrer war. Er konnte ihn sich gut als Börsenmakler oder Anwalt vorstellen.

Die Frau, überlegte Gerald, musste offenbar schon eine Viertelstunde zuvor in der Praxis gewesen sein, denn Gerald hatte den Hauseingang fest im Auge gehabt. Ob sie vorher einen Einzeltermin bei Chateaux gehabt hatte? Sie war ungefähr in demselben Alter wie der Motorradfahrer, sehr hübsch, mit gleichmäßigen Gesichtszügen, schulterlangen, glatten Haaren. Sie trug keinen Schmuck und war auch nicht geschminkt. Ihre Kleidung – ein knielanger Rock, ein helles T-Shirt und eine eng geschnittene, schwarze Jacke – war feminin und betonte ihre schlanke, sportliche Figur. Sie schaute auf den Boden, die Augenbrauen waren leicht zusammengezogen, als würde sie konzentriert nachdenken.

Während er sie betrachtete, betraten drei weitere Personen den Raum, Dr. Chateaux als Letzter. Die anderen beiden waren eine Frau und ein Mann. Die Frau, zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, war stark übergewichtig. Sie trug eine Leinenhose und ein weites Sweatshirt mit einem bunten Muster. Sobald sie sich gesetzt hatte, wischte sie sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn; ihre Gesichtshaut glänzte vor Anstrengung. Der Mann war erheblich älter und sehr dünn, mit schütterem Haar, das akkurat gescheitelt war, in einem abgetragenen, hellbraunen Anzug. Er war weder gut aussehend noch hässlich. Das Gesicht und die ganze Erscheinung wirkten unauffällig, geradezu austauschbar.

Dr. Chateaux setzte sich auf den Stuhl direkt vor der Tür, als wolle er die Kontrolle darüber bewahren, wer den Raum verließ. Keiner der drei hatte beim Eintreten etwas gesagt. Gerald fühlte sich so unwohl wie schon lange nicht mehr. Das Schweigen hielt noch an, als alle saßen. Man hörte nur das schwere Atmen der übergewichtigen Frau. Der Therapeut lächelte aufmunternd in die Runde, aber bis auf den Motorradfahrer und Gerald hielten die Teilnehmer die Köpfe gesenkt. Lag es an ihm, überlegte Gerald, dem Neuankömmling?

»Wie Sie unschwer bemerkt haben dürften«, begann Chateaux schließlich, »haben wir ein neues Gesicht unter uns. Ich habe Gerald van Loren eingeladen, weil ich den Eindruck hatte, dass er gut zu dieser Gruppe passt. Ich habe mit ihm vereinbart, dass er einfach mal ins kalte Wasser springt. Nach einigen Gruppenstunden werde ich dann gemeinsam mit ihm erörtern, wie wir weiter vorgehen werden. Aber vielleicht erzählen Sie uns erst einmal selbst etwas über sich, Herr van Loren, wobei es, um es gleich anzufügen, zu den ganz wenigen Privilegien in dieser Gruppe gehört, auch schweigen zu dürfen.« Beim letzten Satz lächelte er ironisch die beiden Teilnehmer an, die mit ihm den Raum betreten hatten.

Gerald räusperte sich. Obwohl er mit dieser Frage gerechnet und seinen Einstieg gewissermaßen auswendig gelernt hatte, war sein Kopf plötzlich vollkommen leer. Er spürte, wie er errötete, und das ließ ihn wütend auf sich selbst werden. Wie kann es sein, dachte er, dass es dir die Sprache verschlägt wie einem Sechsjährigen, der ein Weihnachtsgedicht in der Schulaula aufsagen muss?

»Mein Name ist Gerald van Loren«, begann er zögerlich, und bevor er fortfahren konnte, unterbrach ihn der Motorradfahrer: »Das hat der Doc doch gerade schon gesagt, Mann. Denkst du, wir sind blöd? So schön ist der Name schließlich auch nicht. Oder bist du stolz auf diesen komischen Adelstitel, wenn es überhaupt einer ist?«

Gerald schaute ihn verdutzt an und suchte in der Mimik des Motorradfahrers vergeblich nach einem Anzeichen von Ironie oder einem Lächeln. Die Bemerkung war offensichtlich genauso aggressiv gemeint, wie sie geklungen hatte. Gerald blickte in die Runde, aber niemand reagierte. Schließlich setzte er neu an: »Ich habe Rat bei Dr. Chateaux gesucht, weil mein Leben in letzter Zeit ziemlich schwierig geworden ist. Das heißt, ich weiß nicht, ob es nicht eigentlich ziemlich normale Probleme sind und ich nur nicht die Mittel habe, sie zu lösen. Oder ob ich einfach nur im Moment mehr unter ihnen leide und deshalb denke, es wären schwere Probleme, obwohl sie vielleicht jeder hat und sie einfach zum normalen Leben gehören.«

»Hat irgendjemand verstanden, was mit dieser Schwafelei gemeint sein soll?« Erneut fuhr ihm derselbe Teilnehmer dazwischen und schaute von einem zum anderen. »Mann, stell doch einfach die Windmaschine ab und sag, was Sache ist.«

»Werden Sie gerne etwas konkreter, wie gestern in meiner Praxis«, forderte ihn Chateaux auf. »Es ist sehr wichtig, von unseren Erlebnissen und Erfahrungen unmittelbar zu berichten, so, wie wir sie erleben und welche Gefühle sie auslösen. Sie haben sich aber in allgemeine Bewertungskategorien geflüchtet, indem Sie, Herr van Loren, in den wenigen Sätzen zweimal den Begriff ›normal‹ verwendeten, ohne auszusprechen, worum es konkret geht. Die Bewertungen überlassen wir den Schulaufsätzen; in diesem Kreis versuchen wir zu verstehen.«

Gerald nickte. Er holte tief Luft, bevor er fortfuhr. »Also, da geht es einmal um meinen Job in der Verwaltung. Wir arbeiten in Teams, und da mache ich oft die Erfahrung, dass nicht diejenigen die Leitungsjobs bekommen, die am besten arbeiten, sondern die, die sich in den Besprechungen aufblasen und die Ellbogen ausfahren. Ich kann zum Beispiel schwer damit umgehen, wenn ein Kollege den ganzen Tag lang über Probleme in unserem Aufgabenbereich schimpft, dem Vorgesetzten gegenüber aber den Eindruck vermittelt, er hätte alles super im Griff. Möglichst viel Staub aufwirbeln und die Beförderung schaffen, bevor der Blick auf die realen Verhältnisse wieder klar wird, das ist die allgemeine Devise. Der andere Punkt ist, dass meine Lebensgefährtin vor vier Monaten ein Kind bekommen hat, ein Wunschkind. Ich habe gedacht, okay, der Alltag wird anstrengender, aber das Leben wird schöner, intensiver werden, auch in unserer Beziehung zueinander. Aber in Wirklichkeit streiten wir sehr viel mehr, wir reden über nichts anderes als das Kind, und körperlich, wie soll ich es ausdrücken …«

»Sie lässt dich nicht mehr zwischen die Beine«, unterbrach ihn der Motorradfahrer und schob grinsend den ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand durch den Ring, den er mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand bildete.

Gerald verstummte. Es war weniger das ungefragte Duzen, das ihn überraschte, als die provozierende, geradezu genießerische Obszönität der Bemerkung. In seinen aufgepumpten Muskeln, dem breitbeinigen Sitzen, den Kopf vorgestreckt, in all seiner sprungbereiten Aggressivität erschien ihm der Motorradfahrer wie die vulgärere Ausgabe seines Kollegen Batzko. Gerald schaute in die Runde, als erwarte er Unterstützung.

»Wir sind nicht alle so«, sagte der Mann, der bereits in dem Zimmer gesessen hatte, als Gerald angekommen war. Er lächelte Gerald aufmunternd zu. Die Stimme ließ keine Zweifel, dass er vorhin bei Geralds Anklopfen die witzige Bemerkung gemacht hatte.

»Aber fast, Arno. Bei dir gehen da unten doch bald die Lichter aus. Und wenn ich …« Die junge Frau unterbrach ihn: »Lutz, kannst du nicht wenigstens zehn Minuten warten, bevor du deine Gorilla-Nummer abziehst?« Zu Geralds Überraschung verstummte der Zurechtgewiesene tatsächlich, als fürchte er allein die Autorität dieser Frau. Er zuckte nur kurz mit den Achseln, als sei er sich wenigstens ein Zeichen der überlegenen Gleichgültigkeit schuldig.

Gerald schaute zu Chateaux, der die Fingerkuppen aneinanderrieb, als genösse er die Szene. Seine Kleidung bestand wieder aus einem bunten Stilmix (Fliege über weißem Hemd, Strickjacke, ausgewaschene Jeans), wobei den einzelnen Kleidungsstücken anzusehen war, dass sie nicht gerade von einem Wühltisch gegriffen worden waren.

»Nun«, begann er schließlich, nachdem ein dumpfes Schweigen in die Runde zurückgekehrt war, »ich habe Gerald in einem Vorgespräch vermitteln wollen, dass ich zunächst seine Sichtweise verändern möchte. Die meisten Menschen betrachten ihre Probleme als Bedrohung, als eine Art Krebsgeschwür, das sie herausschneiden wollen. Ich hingegen möchte uns alle dazu bewegen, Probleme zunächst einmal zu akzeptieren. Und dann zu verstehen. Jedes Problem trägt sozusagen eine Art DNS unseres Ich in sich. Man muss sie nur entschlüsseln, und dazu braucht es Geduld und Verständnis. Wenn sie einmal erkannt sind, verlieren sie sehr schnell ihren Schrecken. Probleme sind kein feindseliges Kampfgeschwader, sie gleichen vielmehr einem Steg, der uns beim Aufstieg zu uns selbst hilfreich ist. Und, Herr van Loren, seien Sie nicht irritiert. Untereinander duzen sich die Teilnehmer.«

Gerald war erleichtert, dass ihm wenigstens der Therapeut kein Du aufzwang. Er versuchte sich zu konzentrieren. »Hin und wieder spüre ich eine Ablehnung unserem Baby gegenüber. Wenn ich ehrlich sein soll, ist es manchmal so, dass ein Hassgefühl durch mich hindurchfährt wie ein Blitz. Severin erscheint mir wie ein kleiner Alien, der sich von Nele, meiner Freundin, ernährt hat, der ihre Persönlichkeit verändert hat, der sie mir regelrecht weggenommen hat. Er ist so klein, aber er hat alles um sich herum in seiner Gewalt. Alle Fäden laufen bei ihm zusammen. Gleichzeitig ertrage ich es nicht, diese Aggression gegenüber meinem eigenen Kind zu erkennen.«

Gerald war plötzlich kotzübel. Er hatte Angst, erbrechen zu müssen. Er hatte das alles nicht sagen wollen. Es war eine andere Stimme, die sich seiner bemächtigt hatte. Gleichzeitig spürte er instinktiv, dass er die Wahrheit gesprochen hatte.

»Sehr gut. Das ist sehr gut«, kommentierte Dr. Chateaux, der Geralds innere Erregung mit erkennbarem Wohlgefallen registrierte und eine Notiz in ein schmales Büchlein schrieb, das er aus der Tasche seiner Strickjacke geholt hatte.

Gerald sah sich nicht in der Lage fortzufahren. Er wischte sich nervös mit der Hand über die Stirn und hoffte, dass ein anderer Gruppenteilnehmer das Wort ergreifen würde. Aber niemand sagte etwas. Dann hörte Gerald ein merkwürdiges Geräusch von der übergewichtigen Frau neben sich. Es klang wie ein unterdrücktes Schluchzen. Sie schüttelte den Kopf, als Zeichen, dass sie keine Hilfe benötigte, holte ein Tempo aus der Tasche ihrer Bluse und hielt es sich vor die Augen. Dann verwandelte sich das Schluchzen in ein stilles, konstantes Weinen. Die Tränen flossen aus ihren Augen, aber ihr Körper blieb unbewegt. Das Weinen geschah so beiläufig wie ihr Atmen.

Gerald schaute sich um, aber niemand schenkte der Frau Beachtung.

»Gerald, ist es in Ordnung für dich, wenn ich an dieser Stelle von mir selbst spreche?«, fragte Arno und fuhr erst fort, nachdem Gerald dankbar genickt hatte. »Ich bin mir in meiner Entscheidung mittlerweile sicher.« Er zögerte einen Moment und nahm seine Brille ab, bevor er weitersprach. »Aber ich finde noch nicht die Kraft, mit meiner Frau darüber zu reden. Nicht nur mein Leben, sondern auch ihres würde sich radikal ändern. Ich quäle mich jeden Tag mit der Frage, ob das Recht, mein Leben so zu leben, wie ich es tief drinnen will, so weit gehen darf, dass das Leben meiner Frau, die ich sehr liebe und respektiere, völlig aus den Angeln gehoben wird.«

Arno putzte mit einem Tempo-Taschentuch seine Brille, ohne sie danach wieder aufzusetzen. Er hatte sehr ruhig gesprochen und beherrscht. Offenbar wussten die anderen, wovon er sprach, denn niemand hakte ein. Es war nur das leise Weinen der Frau zu hören, so konstant wie ein elektrisch betriebener Zimmerbrunnen.

»Da wir gerade bei unserem zentralen Thema angekommen sind«, sagte die junge, hübsche Frau, »möchte ich gerne mit euch über Alexander sprechen. Er war fast ein Jahr in der Gruppe. Wir können doch nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen.«

»Ich muss«, unterbrach Chateaux mit einer deutlichen Schärfe in der Stimme, »daran erinnern, dass in dieser Gruppe nicht über jemanden außerhalb der Gruppe gesprochen wird. Das schließt auch frühere Mitglieder ein. Der Freitod von Alexander ist tragisch, er war unvorhersehbar und bleibt für uns damit unerklärbar. Er mag Schuldgefühle auslösen, weil man glaubt, Vorboten nicht erkannt zu haben. Aber was immer auch geschehen ist – es ist außerhalb geschehen. Es würde die Gruppe nur destabilisieren und von der eigentlichen Zielsetzung wegführen, wenn Alexander als Phantom in diesen Kreis zurückkehren würde. Wir sprechen hier nur über uns. Ich erwarte von jedem Einzelnen, dass er dazu die nötige Disziplin aufbringt.«

Unvorhersehbar? Unerklärbar?, dachte Gerald. Das hatte im Telefongespräch mit Batzko anders geklungen.

»Selbstmord? Niemals. Das weiß doch jeder von uns«, sagte die junge Frau leise, mit gesenktem Kopf.

»Franziska, ich kann das nicht hinnehmen. Alexander hatte in letzter Zeit, wie wir alle wissen, einige Sitzungen ausfallen lassen. Er hatte sich innerlich nicht mehr als Teil der Gruppe gesehen. Das mussten wir akzeptieren. Durch deine Äußerungen nimmst du dir selbst und der Gruppe die Konzentration auf die eigentlichen Aufgaben.«

Chateaux’s Stimme hatte an Lautstärke und Schärfe noch zugelegt. Es war, als hätte er sein zweites Gesicht gezeigt. Er erinnerte Gerald in diesem Moment eher an einen Sektenführer als an einen verständnisvollen Therapeuten. Aber der Auftritt verfehlte seine Wirkung nicht. Franziska errötete, es war ihr anzusehen, dass sie Chateaux’s Bemerkung ärgerte, aber sie blieb stumm.

Lutz hingegen schien mit dieser Linie einverstanden. Mehr noch, sie wirkte wie eine Befreiung auf ihn, und er berichtete ausführlich von einer Frau, die er kennengelernt hatte. Mit demonstrativen Seitenblicken auf Arno berichtete er triumphierend, wie leicht er sie ins Bett gekriegt hatte. Es sei ein großer Vorteil, dass seine feste Freundin nur an den Wochenenden in der Stadt wäre. So könne er fünf Tage unbeobachtet auf die Jagd gehen. Seine Freundin hätte noch nie etwas gemerkt. Bei ihm gälte eben die Regel: mehr Frauen = mehr Lust auf Sex, es gäbe nichts Besseres, als sich mit mehreren Frauen durch die ganze Woche zu vögeln. Während seines endlosen Monologs spannte er fortwährend seine Oberschenkelmuskeln an.

Niemand äußerte sich dazu. Chateaux machte sich Notizen. Gerald gewann den Eindruck, dass die Gruppe Lutz’ aufdringliche Selbstdarstellung so passiv hinnahm wie das stille Weinen der Frau.

Franziska wirkte seit der Zurechtweisung durch Chateaux abwesend. Auch Arno schien mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Er hörte nicht auf, seine Brille zu putzen. Offenbar war es seine persönliche Methode, Lutz’ provozierenden Seitenblicken auszuweichen. Und der dritte Mann, der wie ein Verwaltungsangestellter mit einem Magenleiden aussah, zeigte die ganze Zeit über keinerlei Regung. Er scharrte nur gelegentlich mit den Schuhen über den Boden oder veränderte seine Sitzhaltung, wobei er sich stets leise räusperte. Er wurde auch von niemandem angesprochen, bis Chateaux um Viertel nach neun die Gruppensitzung beendete. »Ich danke Ihnen. Wir sehen uns am kommenden Montag wieder.«

Chateaux stand auf und verließ als Erster den Raum. Die anderen erhoben sich nach und nach, am Schluss die Frau, die noch immer weinte. Lutz nahm seine Motorradjacke und den Helm vom Garderobenständer, dann verließ er schweigend und langsam den Raum. Die anderen folgten ihm wie eine Schar Messdiener. Als Gerald am Büro von Dr. Chateaux vorbeikam, sah er ihn am Schreibtisch sitzen, den Blick auf den Bildschirm seines Computers gerichtet. Seine Hände flogen förmlich über die Tastatur. Er schien die Menschen, über die er offensichtlich gerade schrieb, gar nicht mehr wahrzunehmen.

Gerald erwartete, dass nun jeder seines Weges gehen würde. Tatsächlich bestieg Lutz, nachdem er ein lässiges »Ciao« in die Runde geworfen hatte, sein Motorrad und brauste mit quietschenden Reifen davon. Die Weinende ging grußlos, mit hängendem Kopf, in Richtung Ismaningerstraße. Franziska aber wandte sich Gerald zu: »Du, Arno und ich gehen nach der Sitzung manchmal auf ein Bier in eine Kneipe hier in der Nähe. Hast du vielleicht Lust mitzukommen oder bist du zu geschockt von unserer Freakshow?«

Sie stand ganz nah vor ihm und lächelte ihn an. Sie war so hübsch, so anziehend, dass Gerald in diesem Augenblick irgendwie merkwürdig zumute wurde.

»Ich komme gerne mit«, sagte er und versuchte entspannt zu klingen. »Bist du zu Fuß unterwegs? Soll ich dich im Wagen mitnehmen?«

»Warum nicht?« Sie ging hinüber zu Arno, der neben seinem Mercedes stand. Sie wechselten einige Worte, die Gerald nicht verstehen konnte. Dann kam sie zurück, und Gerald deutete auf seinen Wagen auf der anderen Straßenseite.

Während der Fahrt betrachtete er sie verstohlen von der Seite. Aus welchem Grund machte sie eine Gruppentherapie? Aus ihren Äußerungen war zu schließen, dass sie schon eine gewisse Zeit dabei war. Aber über sich selbst hatte sie nichts gesagt. Gerald hatte nicht die leiseste Vermutung.

»Bist du sehr geschockt? Ist es deine erste Therapieerfahrung?«, fragte sie unvermittelt.

Gerald lächelte. »Meine erste, ja. Ich weiß nicht recht, ob ich geschockt bin. Ich war jedenfalls auf die, sagen wir, zum Teil extremeren Ausdrucksformen nicht eingestellt.«

Sie fuhr mit einer raschen Bewegung durch ihre Haare. »Lass dich nicht verbeißen. Lutz ist für sich schon der Mein-Schwanz-ist-der-Größte-Typ, und wenn ein Neuer kommt, muss er es gleich in Großbuchstaben an die Wand schreiben. Barbara, die mit der schweren Essstörung, will oft nur vor sich hin weinen. Hans – das ist der, der neben Arno gesessen hat – ist so unglaublich schüchtern und unsicher, dass er mindestens drei Wochen schweigt, wenn ein Neuer zu uns stößt.«

»Ich war von mir selbst überrascht. Ich kann es gar nicht genau beschreiben. Es war so, als hätte etwas durch mich hindurchgesprochen, wie in einer Art Trance. Ich habe gar nicht gewusst, was ich sagte, bis es ausgesprochen war, und dann wurde mir klar, dass alles wahr ist.«

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. Es war eine rein freundschaftliche Geste, aber sie durchfuhr Gerald wie ein Blitz. »Das ist ein gutes Zeichen. Dann wird dir die Therapie helfen.« Sie schaute ihn direkt an, und in ihrer Stimme schwang viel Mitgefühl. Es schien nur verständlich, dachte er, dass sie nach Alexanders Tod nicht so einfach zur Tagesordnung übergehen wollte. Aber warum hatte ihr eigentlich niemand aus der Gruppe beigestanden, als Chateaux ihr das Wort entzogen hatte? Warum hatten sie sich widerstandslos seinem Gesprächsdiktat unterworfen?

Die Kneipe, von der Franziska gesprochen hatte, erwies sich als eine gepflegte, helle Gastwirtschaft in der Ismaninger Straße, mit einem dezidiert bürgerlichen Publikum. Batzko kannte sie natürlich. Eine Kneipe für FDPler und solche, die sich für Besserverdiener ausgeben, hatte er einmal gespottet. Was ihn freilich nicht daran hinderte, auch dort gelegentlich auf die Pirsch zu gehen.

Arno saß bereits an einem ruhigen Tisch in der Ecke und winkte die beiden zu sich. Kurz darauf erschien der Kellner, ein jüngerer Mann mit Ohrring, weißem Hemd mit gestärktem Kragen und dunkler Hose.

»Womit darf ich denn aufschlagen? Mit drei leckeren Bierchen? Weiß wie das Licht und die Wahrheit?« Arno und Gerald nickten zustimmend, Franziska bestellte eine Weißweinschorle.

»Soll ich die Speisekarten mal dalassen, falls ihr Hunger habt? Ihr sollt natürlich nicht sie essen, sondern das, was drinsteht, schwarz auf weiß.«

Als der Kellner außer Hörweite war, meinte Arnold trocken: »Es gibt einen erschreckend hohen Prozentsatz an verhinderten Kabarettisten und arbeitslosen Akademikern mit geistigem Überdruck in dieser Berufsgruppe.«

Er wirkte nun entspannter als vorhin und spielte auch nicht länger mit seiner Brille. Er erzählte von seinem Beruf als Computer-Experte; vor Monaten hatte er ein Patent für ein Datenschutzverfahren im Internet bekommen und nun endlich einen Geldgeber gefunden, um sich selbständig zu machen. »Die Banken kann man vergessen«, meinte Arno verbittert. »Ich habe mehrere Auszeichnungen für mein Patent bekommen und Preise bei Messen für Unternehmensgründer gewonnen, aber bevor die mit einem Gründungskredit rausrücken, stecken die lieber ihren dicken Zeh ins Wasser einer Badewanne und sagen: »Oh, oh, welche Gefahren, welche Untiefen, welch hohe See, da müssen wir uns leider zurückhalten.« Inzwischen habe ich aber jemanden gefunden, der viel Geld an der Börse gemacht hat und ganz gezielt Firmengründern mit guten Ideen hilft.«

Von Franziska erfuhr er, dass sie sich nach einer Ausbildung als Einzelhandelskauffrau und mehreren Jahren Berufserfahrung für ein Studium entschieden hatte und nun im letzten Semester Allgemeine Erziehungswissenschaften studierte. Sie wollte Grundschullehrerin werden. In einem Jahr würde ihr Referendariat beginnen. Zwischen ihr und Arno bestand erkennbar eine große Vertrautheit. Sie lachten viel, berührten sich gelegentlich, aber diese Berührungen waren freundschaftlicher Natur. Zugleich spürte Gerald eine gewisse Eifersucht.

Als die beiden mehr über Geralds Berufsalltag wissen wollten, berichtete er, dass sein Team derzeit die Arbeitsabläufe bei der Kriminalpolizei durchleuchtete. Wenn er schon herzlich wenig von Arbeitsorganisation und Controlling verstand, so konnte er es immerhin mit dem Hintergrundwissen seines Jobs kompensieren. Er beantwortete alle Fragen nur sehr knapp, in der Hoffnung, dass das Gespräch sich wieder der Therapiegruppe zuwenden würde. Aber Arno und Franziska sprachen über alles Mögliche, nur nicht über Dr. Dirk Chateaux oder Alexander Faden. Als der Kellner wiederkam, die leeren Gläser einsammelte und erneut einen witzig gemeinten Spruch ablud, drängte Arno zum Aufbruch – der kommende Tag sei voller wichtiger Termine.

Kurze Zeit später standen sie auf dem Bürgersteig, und Gerald wagte einen letzten Vorstoß: »Ist dieser junge Mann, der so plötzlich gestorben ist, eigentlich auch mit euch hierhingegangen?«

Arno spielte mit seinem Autoschlüssel und wich Geralds Blick aus. »Weißt du, es gibt eine weitere Regel für unsere Gruppe. Wir dürfen uns zwar privat miteinander treffen, aber alles, was die Gruppe betrifft, soll nur innerhalb des Therapiezimmers zur Sprache kommen. Chateaux will nicht, dass sich Cliquen bilden. Alle sollen stets auf dem gleichen Stand sein, alles soll transparent sein.«

»Ach komm, Arno«, warf Franziska ein. »Ich respektiere Chateaux, aber wir sind doch keine kleinen Kinder mehr. Ich fand sein Verhalten heute unmöglich, geradezu feindselig. Eine gemeinsame Trauerarbeit hätte den Zusammenhalt zwischen uns stärken können. Es sieht doch ein Blinder, dass die Gruppe immer divergenter wird. Alexander hat der Gruppe durch seine ruhige Art eine gewisse Mitte gegeben. Außerdem hat er, wenn man so will, den Ausstieg geschafft. Er hat eine Konsequenz im Umgang mit seiner Erkrankung bewiesen, von der andere noch weit entfernt sind. Chateaux sollte stolz auf ihn sein, stattdessen macht er ihn zu einer persona non grata. Was soll das? Und dann dieses Gerede vom angeblichen Selbstmord. Wie kommt er darauf? Ich kann mir nur vorstellen, dass er fürchtet, ein Gespräch über Alexander könnte den Prozess verlängern, in dem die Gruppe eine neue Balance suchen muss.«

Arno zog die Augenbrauen hoch. »Vielleicht hast du Recht. Wahrscheinlich bin ich im Moment zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um das zu sehen.«

»Mehr noch«, fuhr Franziska fort. »Es ist vielleicht kein Zufall, dass heute Abend ein Neuer bei uns war. Als wollte Chateaux Alexanders Platz sobald wie möglich besetzen.«

Sie schaute Gerald direkt an. Ihr Blick wurde sehr ernst. »Alexander und ich waren sehr eng befreundet. Wir haben privat ziemlich viel zusammen unternommen, musst du wissen. Wir hatten praktisch keine Geheimnisse voreinander.«

»Und deshalb glaubst du nicht daran, dass es Selbstmord war?«

Arno holte tief Luft. Er wirkte verärgert, sah aber augenscheinlich keine Möglichkeit, Franziska zu stoppen. Sie beachtete ihn in diesem Moment einfach nicht.

»Es ging ihm so gut nach der Operation. Richtig gut.«

»Operation? Was hatte er? War er krank?«

Sie schüttelte langsam den Kopf und musste mehrmals schlucken, bevor sie in der Lage war zu sprechen. »Alexander litt an BIID. Das steht für ›Body Integrity Identity Disorder‹. Das sind Menschen, die …«

»Franziska, ich finde es offen gestanden keine gute Idee, Gerald gleich am ersten Abend damit zu behelligen«, unterbrach Arno sie. Er legte den Arm um ihre Schulter. »Du bist müde und verletzt. Gib uns allen mehr Zeit, den Schock zu verarbeiten. Komm, ich setz dich zu Hause ab.«

Franziska biss sich auf die Lippen und nickte. Sie hob, ohne Gerald anzusehen, die Hand flüchtig zum Gruß.

»Wir sehen uns Montagabend. Ich wünsche dir eine gute Zeit«, sagte Arno in distanziertem Tonfall, der so gar nicht zum Gespräch in der Kneipe passen wollte. Dann ging er, ohne eine Antwort abzuwarten, mit Franziska zu seinem Auto.